indem er zum Zimmer hinauslief , und die Thür hinter sich zuschmetterte . Zweiunddreißigstes Capitel . Es kommen Tage im Leben , an die man sich erinnert , wie an einen seligen Traum , der nichts von Erdenschmerzen und Erdenschranken weiß , in welchem wir , wie auf Adlerfittigen , machtvoll und hoch über all ' den kleinen , erbärmlichen Hindernissen schweben , an denen in der Wirklichkeit unser Fuß so kläglich strauchelt . Von so traumhafter Schöne war der Tag , an welchem ich die denkwürdigste Reise meines Lebens machte , ein wundervoller Sommertag , dessen strahlende Herrlichkeit auch nicht ein Wölkchen trübte , und der dennoch fortwährend von linden , balsamischen Lüften durchschauert wurde , die mir Stirn und Wangen umspielten , während der Zug in donnernder Eile durch die lieblichen Gefilde Thüringens brauste . Es war die erste Reise , die ich in meinem Leben machte , die erste wenigstens , die keine Geschäftsreise war , und auch die erste , die mich aus meiner nordischen Heimath mitten hinein in die Auen Mitteldeutschlands führte . Die Neuheit dieser Natur mochte dazu beitragen , mir Alles doppelt lieblich und anmuthig erscheinen zu lassen ; ich konnte mich nicht satt sehen an den schönen Wellenlinien der Hügel , an den schroffen Felsen , deren Gipfel zerfallene Burgen krönten und deren Fuß die klaren Wasser vielfach sich schlängelnder Flüßchen netzten ; an den blumigen Wiesengründen , in welchen frisch-grüne Bäume den Lauf der Silberbäche bezeichneten , an den Städten und Städtchen , die so behaglich im Grunde der Thäler sich streckten ; an den Dörfern , die so lauschig aus Baum und Busch hervorschauten . Es war nicht Sonntag ; aber es sah Alles sonntäglich aus , auch die Menschen , die einsam in den Feldern arbeiteten und stehen blieben , wenn der Zug vorüberrollte , oder die sich auf den freundlichen Bahnhöfen umtrieben . Es war , als ob Alle nur zum Vergnügen reisten , und als ob an einem solchen herrlichen Tage selbst das Abschiednehmen nicht schmerzlich sei . Und nun gar das Wiedersehen ; die freudigen Gesichter , das Händedrücken und Küssen und Umarmen ! Eine jede dieser Scenen beobachtete ich mit dem gespanntesten Interesse und immer mit einem Gefühl von Rührung , als ob mich das Alles ganz speciell anginge . So kam ich am Nachmittag nach E. , wo ich die Eisenbahn verließ und für die noch übrige Strecke einen Wagen nahm , deren mehrere auf dem Bahnhofe hielten . Es dauerte nicht lange , bis wir aus der Ebene in ein Thal gelangten , durch welches der Weg zwischen Hügeln rechts und links in vielen Windungen » auf den Wald « führte . Die Fahrt dauerte mehrere Stunden und die Sonne neigte sich schon gegen Abend , als wir langsam einen Berg erklommen , den steilsten , beschwerlichsten , aber auch den letzten , sagte der Kutscher . Wir waren Beide abgestiegen und gingen rechts und links neben den großen , starkknochigen Pferden , denen wir mit Tannenzweigen die Stechfliegen und die Bremsen abwehrten . » Brr ! « sagte der Kutscher ; die Pferde standen . Wir hatten die Höhe des Berges erreicht und die Thiere sollten sich verschnaufen . » Das ist unser Stolz , « sagte der Mann , als ich mit Staunen eine uralte Eiche betrachtete , die hier auf einer freien Stelle mitten im Tannenwalde riesenhaft mit den knorrigen , verwitterten Aesten in den blauen Himmel ragte . » Das ist eine Merkwürdigkeit , « fuhr er demonstrirend fort ; » meilenweit kommen die Leute hierher , um den Baum zu sehen und wie oft er schon gemalt ist ! noch in diesen Tagen von einem Fräulein , das seit ein paar Wochen sich bei uns aufhält . Ich habe sie selbst hierher gefahren ; ich fahre sie sehr oft . « Ich hatte , in meinen Gedanken verloren , unterwegs , ganz gegen meine Gewohnheit , wenig mit dem Manne gesprochen , ja ihn kaum beachtet , und nun war mir plötzlich , als ob er und ich alte Bekannte wären und die allerinnigsten , gemeinsamen Interessen hätten . Ich fragte ihn , wie die Dame heiße , nicht , als ob ich im mindesten gezweifelt , daß er von Paula rede , und dennoch erschreckend , wie er nun ihren Namen aussprach , der in seinem Munde einen wunderlich fremden Klang hatte . Und jetzt wurde der Mann , der nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben schien , sehr gesprächig und erzählte , während wir über den Rücken des Berges und hernach in rasselndem Trabe bergab fuhren , über die Schulter gewandt , gar Vieles von dem lieben Fräulein und von der alten Dame , ihrer Mutter , die blind sei und alle Menschen gleich an der Stimme erkenne , und von dem alten Herrn mit der Adlernase und dem langen , grauen Schnurrbart und den krausen , weißen Locken , der ja eigentlich wohl nur der Diener sei , aber die Herrschaft ginge mit ihm um , wie mit ihresgleichen ; und gestern sei auch noch ein junger Herr gekommen mit einem sonnverbrannten Gesicht und braunen , glänzenden Augen und langen , braunen , glänzenden Haaren , der ja wohl der Bruder von dem Fräulein und auch Maler sei . Der Wagen klapperte bereits auf dem holprigen Pflaster des Städtchens , als der Gesprächige noch immer von Paula und den Ihren erzählte . Ich hatte ihm gesagt , daß ich um der Dame willen gekommen sei und daß er mich deshalb nach dem Gasthofe fahren möge , welchen er mir als ihre Wohnung bezeichnet hatte . Der Wagen hielt . Der Oberkellner mit zwei kleinen Myrmidonen stürzte heraus ; ein paar Jungen , die im Nothfalle als Führer eintreten mochten , kamen heran , sich den fremden Herrn anzusehen . Ich war so erregt , daß ich kaum zu fragen vermochte , ob ich ein Zimmer haben könne und ob von den Herrschaften Jemand zu Hause sei ? Ich konnte ein Zimmer haben , aber von den Herrschaften war Niemand zu Hause ; die gnädige Frau mache mit dem jungen Herrn einen Spaziergang und das Fräulein sei schon früh am Nachmittage mit Herrn Süßmilch in die Berge gegangen ; sie gehe jeden Nachmittag in die Berge ; sie male oben , und pflege immer erst nach Sonnenuntergang zurückzukommen . » Und Sie kennen den Ort ? « » Ei freilich , ganz genau ! der Karl hier hat dem Fräulein oft genug die Sachen hinaufgetragen ; gelt , Karl ? Du weißt , wo das Fräulein malt ? « » Ei freilich , « sagte der Bursche ; » soll ich den Herrn hinbringen ? « » Ja gewiß , « sagte ich , und wandte mich schon zu gehen . » Der Herr braucht gar nicht so zu eilen , « rief der aufmerksame Oberkellner hinter mir . » Sie sind in einer halben Stunde oben . « Mein kleiner Führer lief voran ; ich folgte ihm durch die mit Linden besetzte Hauptstraße des Städtchens , wo vor den Thüren hier und da die Kurgäste saßen , hinaus in die Felder , über denen goldiger Abendsonnenschein lag , in den Wald , der uns mit kühler Dämmerung umfing . Wir gingen eine breite Fahrstraße , die zum Theil sehr steil anstieg , hier und da an kleinen Wiesenmatten vorüberführte und sonst auf beiden Seiten vom schönsten Hochwald eingefaßt war . Es war wunderbar still in dem kühlen Tann ; kein Lüftchen regte sich , kaum , daß dann und wann ein Vöglein zirpte , von oben blaute der Himmel herein und mir war , als ob ich geradewegs in den blauen Himmel stiege . Niemand begegnete uns , erst als wir schon beinahe auf der Höhe uns rechts von der Hauptstraße in den Wald schlugen und bald auf einen freien Platz gelangten , auf welchem ein Jägerhaus lag , sah ich ein paar Leute , die dort auf Bänken saßen und Bier tranken . Aus dem Walde , gegenüber der Stelle , auf welcher wir eben die Lichtung betraten , kam ein Mann , mit einem Burschen hinter sich , der Malergeräth trug . Ich erkannte sofort den Wachtmeister ; mein kleiner Führer sagte : der die Gerätschaften trage , sei sein Bruder , der Hans , und sie kämen von dem Platze , wo das Fräulein gemalt habe . Der Platz sei nur noch fünf Minuten entfernt und man brauche nur immer den Weg geradeaus zu gehen , aus welchem der Herr Wachtmeister und der Hans eben gekommen seien . Mein alter Freund hatte , lebhaft mit dem Burschen sprechend , der ihm die Sachen nicht sorgsam genug tragen mochte , mich nicht bemerkt , und das war mir lieb , denn ich fühlte , daß ich nicht im Stande war , ihn zu begrüßen . So winkte ich denn auch nur dem Burschen , zurückzubleiben und schritt quer über die Lichtung in den Weg , den er mir bezeichnet hatte . Es war ein breiter Weg , mit feinem , kurzen Rasen , auf den der Fuß lautlos trat , und die Tannen auf beiden Seiten waren so mächtig , daß sie ihn gänzlich überwölbten und das tiefe Abendroth kaum hier und da durch die grüne Dämmerung spielte . Dabei leitete er fortwährend sanft in die Höhe und ich schritt dahin , ohne daß ich mir bewußt war , daß ich ging und meine Glieder regte , gerade wie man im Traum aufwärts schwebt . Eine athemlose Erwartung , eine freudige Bangigkeit erfüllten mich ganz . So könnte eine unsterbliche Seele empfinden , die im nächsten Augenblicke vor ihren Richter treten soll , und in all ' ihrem bangen Zagen doch weiß , daß dieser Richter die Gnade selbst ist . Und jetzt wurde es vor mir lichter , und mit jedem Schritte lichter , und ich trat heraus aus dem Hochwald auf die Lehne des Berges , der rechts hin mächtig aufragte zu seinem waldgekrönten , poesieverklärten Gipfel , während nach links , gen Westen , ein tiefes Waldthal sich abwärts senkte , über welchem weit drüben die Bergterrassen purpurn in den Abendhimmel stiegen . Die Sonne war bereits verschwunden , aber ihr Schein lag noch rosig auf dem leichten Gewölk , das über den Bergen schwebte , und , von dem Wiederschein der rosigen Wolken beleuchtet , stand eine weibliche Gestalt wenige Schritte vor mir an einem moosbekleideten Felsblock , auf den sie sich mit dem rechten Arm stützte , während in der linken Hand der breitrandige Strohhut lässig hing . Sie blickte unverwandt in das Abendgold und ihre reinen Züge hoben sich klar von dem lichten Hintergrunde . So sah ich sie wieder . Aber sie sah mich nicht , sie hörte mich nicht , denn der weiche Rasen dämpfte meinen Schritt . Ich wollte ihren Namen rufen , aber ich konnte es nicht , und jetzt wendete sie langsam ihr Gesicht zu mir und blickte mich an mit großen , geisterhaft starken Augen , ohne daß sich eine ihrer Mienen regte , als wäre ich eine Erscheinung , auf die sie gehofft , die sie selbst durch die Gewalt ihrer Sehnsucht herbeigezaubert . Und dann , als ich die Arme ausbreitete und » Paula , liebste Paula ! « stammelte , da flog es wie ein himmlisches Leuchten durch ihr liebes Antlitz , ein leiser Schrei entrang sich ihren Lippen und sie lag an meiner Brust mit stürmischem , leidenschaftlichen Weinen , als hätten alle die Schmerzen , die sie so lange Jahre erduldet , auf diesen einen Moment gewartet , um hervorzubrechen in heißen , unaufhaltsamen Thränen . Was ich gesprochen , was sie gesprochen , während wir da oben standen und am Himmel ein rosiger Streifen nach dem andern verblich - ich wüßte es nicht mehr zu sagen . Und dann gingen wir durch den schweigenden Wald zurück , Hand in Hand , einen anderen Weg , als den mich der Knabe geführt , einen Weg , der Anfangs auf sanftem Rasengrunde gerade bergab leitete , so daß das Thal im letzten Abendschein zu uns heraufgrüßte , dann eine Strecke unter hohen Buchen , wo es sehr dunkel war , so daß Paula mich sorgsam an der Hand hielt , bis wir dann wieder an lichtere Stellen kamen und das Thal abermals vor uns lag , aber jetzt schon ganz in Grau gehüllt , so daß ich glaube , der Weg hinab müsse länger gewesen sein , als der hinauf , obgleich er mir so kurz vorkam , so kurz ! Dann sehe ich uns , das heißt : die Mutter , Paula , Oskar und mich an einem gedeckten Tischchen in einer der Lauben vor dem Hotel sitzen und der Schein des Lichtes in der Glasglocke fällt hell in die sanften Züge der Blinden , die von Zeit zu Zeit mit ihrer weichen Hand über meine Stirn streicht , und in Paula ' s liebes Antlitz , das von innerer Glückseligkeit mit einem holden Glanz überstrahlt ist , und in das bildschöne , jugendfrische Gesicht Oskars , dessen dunkle Augen blitzen , während er erzählt , wie er einen großen Auftrag von einem jungen , englischen Lord , dessen Bekanntschaft er in Rom gemacht , erhalten habe ; - mächtige Wandgemälde für das Schloß seiner Herrlichkeit in den schottischen Hochlanden ; - und wie er , bevor er dahin gehe , doch erst mit der Schwester , seinem Lehrer und Meister , habe sprechen und ihren Rath einholen müssen ; und dabei schüttelte der Jüngling sein langes Haar nach hinten und hebt das volle Glas mit dem perlenden Champagner und leert es auf unser Wohl , und die Mutter lächelt uns freundlich zu , und in der Oeffnung der Laube erscheint , als unsere Gläser zusammenklingen , jener Kopf mit dem grauen Schnurrbart und dem krausen weißen Haar , der in der modernen Kunstgeschichte eine so überaus wichtige Rolle spielt . Dann stehe ich am offenen Fenster meines Zimmers und horche dem Rauschen des Nachtwindes in den Zweigen und dem Plätschern des Brunnens in dem Garten vor dem Hotel und meine Blicke hangen an einem Stern , der vor den andern aus dem nächtlichen Himmel gar herrlich strahlt . Und die alte Wehmuth regt sich tief in meinem Herzen und meine Augen füllen sich mit Thränen . Aber als ich wieder hinzuschauen vermag , strahlt der Stern noch herrlicher , denn zuvor , als wäre es ein Auge , das aus den Gefilden der Seligen liebevoll auf mich herniedergrüßte . Dreiunddreißigstes Capitel . Ich bin in der Geschichte meines Lebens bis zu dem Punkte gekommen , bis zu welchem ich dieselbe von vornherein zu bringen beabsichtigt hatte . Freilich sagte ich mir schon damals , und sage es mir jetzt wieder , daß ich es damit nicht Allen recht machen würde . Einer wird finden , daß die Geschichte nicht ganz uneben sei , und er in Ermangelung von etwas Besserem noch ganz wohl ein paar hundert Seiten weiter gelesen hätte ; ein Anderer wird meinen , nach seiner Erfahrung ( er ist nämlich ein Mann von großer Erfahrung ) fange das Leben genau da an , interessant zu werden , wo ich abbreche . Jugendgeschichten sähen sich so ähnlich wie Kinderkrankheiten , die jeder durchmachen müsse , und die gerade darum nichts Besonderes seien ; erst , wenn der vollkommen entwickelte Mann in das große Leben trete und sich an der Lösung der Aufgaben des Jahrhunderts praktisch betheilige , oder wenn er , als Privatmensch , in jenen Conflicten , die in keiner Ehe ausblieben , in dem Verhältnisse des Vaters zu den Kindern , das niemals ohne alle Trübungen sei , Gelegenheit gehabt habe , seinen Charakter zu bethätigen - erst dann verlohne es sich vielleicht - Ich fühle schwer das Gewicht dieser Einwürfe , aber einmal war ich , wie gesagt , darauf gefaßt , daß ich es dem Einen oder dem Andern , ja , wie es sich jetzt herausstellt , dem Einen und dem Andern nicht zu Dank machen würde ; und sodann , meine ich , der Eine findet gewiß mit leichtester Mühe ein viel amüsanteres Buch zur Ausfüllung seiner müßigen Stunden , und was den Anderen ( den Vielerfahrenen ) betrifft , so dürfte ich am Ende seinen großen Ansprüchen ( die zu machen er ja vollauf berechtigt ist ) beim besten Willen nicht genügen . Ich wüßte , und wollte ich mich noch so interessant machen , von ehelichen Conflicten und von Trübungen meines Familienlebens nichts , was der Rede irgend werth wäre , zu erzählen , und wenn ich - wie ich mir in besonders hochmüthigen und hoffährtigen Stunden schmeichle - wirklich an der Arbeit unserer Zeit redlich mitgeschafft habe und Alles in Allem kein verächtlicher Arbeiter gewesen bin - nun , so möchte ich ungern meinen Lohn vorwegnehmen , und denke , es findet sich vielleicht ein guter Freund , der mir ihn in Form einer preislichen Grabschrift , oder gar in der eines förmlichen Nekrologs , welcher durch die Zeitungen geht , in volltönenden Worten auszahlt . Im Ernst , Du lieber Leser , der Du mein Freund geworden bist - sonst hättest Du wohl nicht bis hierher gelesen - Du , für den ich allein geschrieben habe , und für den allein ich auch dies Schlußcapitel noch schreibe , im Ernst , ich glaube Dir und mir einen Gefallen zu thun , wenn ich hier abbreche . Ich weiß nicht , ob Du ein Techniker , ob Du ein Mann von Fach bist , und ich müßte es doch eigentlich wissen , um die Geschichte eines Technikers , wie ich es bin , so zu erzählen , daß sie Dir in dem einen Falle genügt , oder Dich in dem andern nicht allzusehr langweilt ; ja , ich weiß nicht einmal , ob Du überhaupt ein Mann , und nicht vielmehr eine Dame bist , die trotz ihrer Liebenswürdigkeit und übrigen » accomplishments « für die Erörterung technischer Fragen keine augesprochene Vorliebe hat , ja die mir bereits dafür , daß ich bisher nur immer an den Saum solcher heiligen Dinge gestreift bin , herzlichen Dank weiß - einen Dank , den ich um Vieles nicht verschmerzen möchte . Wie gesagt , ich weiß das Alles nicht ; Eins aber weiß ich , daß Du , um mit dem guten Professor Lederer zu reden , ein Mensch bist , dem nichts Menschliches fremd ist : und wie ich Dir bis jetzt hoffentlich nur erzählt habe , was Deine Theilnahme leicht erweckte , weil es einem Menschen begegnete , der nicht besser und nicht schlechter , nicht klüger und nicht dümmer , nicht interessanter und nicht langweiliger war , als die Menschen zu sein pflegen und in dessen Gedanken und Empfindungen , in dessen Wollen und Streben , ja in dessen Verirrungen Du Dich daher ohne große Mühe zurechtfandest , so meine ich , Du müßtest , als ein guter Mensch und als mein Freund , mir nachfühlen , weshalb ich Dich bitte , Dir die weitere Geschichte meines Lebens nach Deiner herzlichen Gesinnung und liebenswürdigen Phantasie freundlichst auszumalen . Und das » Freundlichst « wollest Du ja wörtlich nehmen , denn es ist - ich sage das mit tiefster Dankbarkeit gegen ein gütiges Geschick und ohne Furcht vor dem Neid der Götter , an den ich nicht glaube - es ist viel , viel herrlicher Sonnenschein in mein Leben gefallen . Meine Thätigkeit ist mit äußerem Erfolge gekrönt , weit über meine kühnsten Erwartungen und weit , weit über meine bescheidenen Ansprüche und mäßigen Bedürfnisse ; und , was viel mehr bedeutet : ich habe , um zu diesen Erfolgen zu gelangen , die Lehre meines Meisters nicht zu verleugnen brauchen , habe nicht ein harter Hammer zu sein brauchen für einen armen , vielgeplagten Amboß - im Gegentheil : ich weiß es so gewiß , als ich lebe , daß ich nicht nur nicht der frohe Mensch wäre , der ich bin , sondern daß ich auch nicht der reiche Mann sein würde , wenn ich nicht Zeit meines Lebens voll des Glaubens gewesen wäre an die große schöne Lehre von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft , der Brüderlichkeit , der Gemeinschaft aller menschlichen Interessen . Dieser lebendige , thatenfrohe und thatenkräftige Glaube - er hat mir Segen gebracht hundert- und tausendfältig , und ich empfehle ihn aus bester Ueberzeugung Allen , die Erfolge haben wollen , selbst denen , welche auf den Besitz eines guten Gewissens keinen besonderen Werth legen und hernach doch vielleicht finden , daß dies gering geschätzte , verächtliche Ding , wenn man es einmal hat , gar nicht so wenig zum Comfort des Lebens beiträgt . Du erläßt mir gern die weitere Ausführung dieser Wahrheiten , lieber Freund , denn Du hast sie durch Dein eigenes Leben bestätigt gefunden ; Du bist auch gern bereit , Dir mein Leben in der Weise , wie ich gebeten , weiter auszumalen , mir die Angabe aller Details zu erlassen , so weit sie mich und die Meinen betreffen : die Zahl und das Alter und die Namen meiner Kinder und ob die Jungen intelligent und tüchtig und die Mädchen » bedeutend « und schön sind ; - Du bist durchaus geneigt , sämmtliche Ehren-Qualitäten auf ihre jungen Scheitel zu häufen ; - aber Du meinst , was mir , meiner Gattin und etwa meinen Kindern - obgleich die letzteren in der Geschichte gar nicht vorkämen und also eigentlich auch keine Ansprüche zu machen hätten - was , sage ich , für uns billig wäre , sei deswegen den andern Personen , die wirklich in der Geschichte aufträten und an die Du deshalb entschiedene Ansprüche machen dürftest - doch keineswegs recht ; und Du wünschtest vor dem » Ende « denn doch zu wissen , was aus ihnen geworden . Ach ! gar manche sind , wie Du Dir denken kannst , in den fünf und zwanzig Jahren , die seitdem beinahe verflossen , eine Beute des Todes geworden , der sich ja keinen abbitten und abringen läßt , wie verzweiflungsvoll auch die Zurückbleibenden den zerflatternden Lebensfaden in liebenden Händen festzuhalten suchen . So starbst Du , gute Mutter , und verwandelst Dich in ein leuchtendes Bild der Milde , Güte , Duldsamkeit und zugleich des stillen , starken , opferfreudigen Muthes , zu welchem wir alle Zeit , wie zu dem Deines hehren Gatten , voll Anbetung aufgeblickt , von dem wir uns oft und oft Rath und Trost geholt haben . So starbst Du , alter , braver Wachtmeister , treue , goldene Seele , hochbetagt und hochgeehrt und heißbeweint , von Niemand heißer als von unseren Jungen , die Du reiten und fechten lehrtest , und die Wahrheit sagen , komme heraus , was wolle . Und auch Du , lieber guter Hans , Letzter vom alten Heldenstamm ! Zürne mir nicht , theurer Freund , wenn ich hier und da mir ein Wort des Scherzes über die Wunderlichkeiten erlaubt habe , die Dir anhafteten , als noch Dein mächtiger Körper seinen breiten Schatten auf die Erde warf ! Glaub mir , es hat Dich trotzdem Keiner so geliebt , wie ich ; vielleicht , weil Keiner Dir so nahe getreten ist , Keiner so Gelegenheit gehabt hat , zu erfahren , wie auch nicht ein Blutstropfen von Falschheit je durch Dein großes , edles Herz gerollt , und wie Du vom Wirbel bis zur Sohle ein echter Ritter ohne Furcht und Tadel gewesen bist . Du auch starbst , enthusiastische Freundin mit dem thörichten Gebahren , der affectirten Rede und der echten Liebe in der weichen , freundlichen Seele , gute Duff ! Ich danke Dir , daß Du uns erlaubt hast , die Pflege Deiner letzten Jahre zu übernehmen ; und wenn Dir auch Dein heißer Wunsch nicht erfüllt ist , unsere Töchter , Deine Schülerinnen , alle vor Deinem Tode verheirathet zu sehen , ich denke , Du hast schon im Leben gefunden , wonach Dein liebevolles , liebebedürftiges Herz so treu gesucht . Ja , ja , die Reihe der alten bekannten , lieben Gesichter hat sich sehr gelichtet ; aber wir wollen dankbar sein , daß uns noch so Manche geblieben sind - so Manche , die zu ersetzen einfach unmöglich wäre . Wer oder was sollte mir Dich ersetzen , mein wackerer Klaus , Du , oberster der Meister , und auch Obermeister , seitdem der brave Roland mit sammt seinem Lächeln unter dem buschigen Barte in den Urwald sich verloren hat , aus dem noch keiner wiederkam ! Nichts könnte Dich mir ersetzen , so wenig , wie Dir alle Schätze Polynesiens , die Euch einst die Tante aus Java bringen wird , Deine Christel ersetzen könnte , oder Deine acht Jungen , die , da sie , als Jungen , der Mutter nicht gleichen können , sich wenigstens bestreben , ihr möglichst ähnlich zu sehen und alle ihre blauen , holländischen Augen und ihr blondes , holländisches Haar haben . Die alte javanesische Tante ! daß sie noch immer nicht kommen will ! Aber ich glaube , Du hast ihr diese Unhöflichkeit eigentlich schon vergeben ; nur einmal bist Du ihr wirklich bös gewesen , und das war zu der Zeit , als für Deinen Freund Georg fünftausend Thaler mehr oder weniger eine Frage um Sein oder Nichtsein war und Du den Himmel anflehtest , er möchte Dir jetzt die Tante senden , und wenn es auch ein Onkel wäre . Ja , ja , ein paar Freunde sind noch geblieben und werden , will ' s der Himmel , bleiben - trotzdem sie vielleicht schon seit fünfzig Jahren jeden Tag am Gehirnschlage - » Nein , nein , Doctor , ich will die schändliche Phrase nicht zu Ende bringen ! Sie sind ja so schon außer sich , daß ich Sie in meinem Buche erwähnt habe - als ob die Geschichte meines Lebens ohne Sie noch die Geschichte meines Lebens wäre ! - und behaupten , ich hätte , nachdem Sie nun bereits ein halbes Jahrhundert mit Ehren kahl seien , zu guterletzt noch einen Kinderspott aus Ihnen gemacht , und Sie könnten sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen . Schelten Sie , soviel Sie wollen , Doctor , meinetwegen in den höchsten und allerhöchsten Tönen ; ich weiß doch , wie Sie es meinen und daß Sie sich gelegentlich wieder herabstimmen ; und weiter weiß ich , daß , wenn nicht alle Leute auf der Straße den Hut vor Ihnen ehrfurchtsvoll ziehen , es einfach daran liegt , daß nicht alle Sie kennen . « » Und ich will auch nicht gekannt sein , « schreit der Doctor , » und der Menge gezeigt werden , wie eine naturgeschichtliche Merkwürdigkeit , am wenigsten von Ihnen , der Sie mich immer in dem falschen Lichte gesehen haben , wenn ein Mammuth , wie Sie , überhaupt irgend etwas im richtigen Lichte sehen kann . Will ich einmal abconterfeit sein , so werde ich mich von Ihrer Frau malen lassen , die sich schämen sollte , aus purer abgöttischer Liebe zu Ihnen und ihren Kindern die edle Kunst so zu vernachlässigen ; oder von Oskar . Apropos ! wollen Sie nicht vielleicht auch eine ausführliche Analyse sämmtlicher oder doch wenigstens der Hauptwerke Oskar ' s in Ihr Buch aufnehmen und sich dabei schauderhaft blamiren ? denn Sie verstehen von der Kunst wirklich gar nichts - oder wollen Sie nicht Kurt , weil er doch nun einmal die Bescheidenheit selbst ist , in die fürchterlichste Verlegenheit setzen , indem Sie seine Verdienste um unser Eisenbahnwesen und seine Erfindungen im Maschinenbau einzeln aufführen ? oder wollen Sie Benno nicht der Regierung denunciren , weil seine in aller Stille blühende landwirthschaftliche Schule in Zehrendorf den betreffenden Landesinstituten die gefährlichste Concurrenz macht ? « » Schelten Sie nur ruhig weiter , lieber Doctor ; Sie glauben nicht , wie gelegen mir das Alles für mein Schlußcapitel kommt . Ich möchte Ihnen dort , wie überall , gern das letzte Wort lassen . « » Das fehlte mir noch gerade ! « ruft der Erzürnte , und läuft - als der letzte unserer Gäste - zur Thür hinaus . Die Scene spielte gestern Abend , und ich sagte zu Paula , ob es nicht ein guter Einfall sei , meinem besten , ältesten , theuersten Freunde , dem ich mehr zu verdanken hätte , als ich sagen könnte , das letzte Wort zu lassen ? » Ich wußte nie , welches der letzte Pinselstrich bei meinen Bildern sein würde , bis ich ihn gemacht hatte , « sagte Paula , » vielleicht wird es Dir bei dem Buche ähnlich ergehen . « Heute in der ersten Morgenfrühe finde ich , daß Paula recht hat . Ich fühle , daß ich schließen muß , und dabei ist mir immer , als dürfe ich noch keineswegs schließen , als habe ich noch , ich weiß nicht was , vergessen , als sei ich noch dem Leser , meinem Freunde , trotz meiner feierlichen Verwahrung von vorhin , über hunderterlei Auskunft schuldig . Zum Beispiel darüber , wie es kommt , daß ich » in der ersten Morgenfrühe « am Schreibtisch sitze , nachdem ich gestern Abend , wie es scheint , eine kleine Gesellschaft bei mir gehabt ; ob ich mich etwa verschrieben habe ? Nein , ich habe mich nicht verschrieben ; die erste Morgenfrühe , das heißt im Winter die vierte und im Hochsommer , wie jetzt , manchmal schon die zweite Stunde findet mich seit Jahren in meinem Arbeitszimmer lesend , rechnend , zeichnend und , seitdem ich dies Buch unter der Feder habe , meistens schreibend . Ich bin alle Zeit ein guter Schläfer gewesen und bin es noch , insofern , als mein Schlaf sehr tief und meistens traumlos ist ;