Wer kann es sagen , ob diese weißen Rosen , die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten , mit stiller Liebe pflegen , Ihnen nicht mehr Befriedigung gewähren und länger dauern , als alles , was ich zu meines Hauses Ehre plante , hoffte und erschuf ! Die Lippen bebten ihm , seine Stimme zitterte leise , als er , diese Worte sprechend , von dem Baumstamme aufstand . Der Caplan war nicht weniger niedergeschlagen , als sein Freund . Der Trost , mit welchem sein gläubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht hielten , war für den Freiherrn nicht vorhanden , denn er war keine religiöse Natur und sein Verhältniß zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein äußerliches gewesen . Nur in Stunden höchster Rathlosigkeit hatte er sich ihr und seinem Beichtiger und Freunde in die Arme geworfen , und sein Zustand war in diesem Augenblicke von der Art , daß der Caplan vor allen Dingen daran denken mußte , ihm körperliche Hülfe zu leisten . Denn als der Freiherr sich erhoben hatte , schien ein Schwindel ihn zu befallen . Er schloß die Augen , griff mit der Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte , während dieser ihn umschlang , um ihn zu unterstützen : Rufen Sie Jemanden herbei , ich befinde mich sehr übel ! Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört . Die Feierstunde war angebrochen , die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen , die Leute waren schon vom Felde nach ihren Wohnungen zurückgekehrt . Der Caplan und der Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein , und unfähig , den Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten , ließ der Caplan ihn langsam zur Erde niedergleiten , daß er mit dem Rücken gegen das Standbild lehnte , welches einst Anlaß zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte . Mein Freund , mein theurer Freund ! rief der Caplan , indem er die Hände des mühsam Athmenden erfaßte und ihm die Halsbinde zu lösen versuchte . Aber der Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr . Sein Auge hob sich schwer und suchend zu der Kirche empor , als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem Denkmale halten , das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte , dann streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich , um sich nicht wieder zu erheben . So schnell seine wankenden Füße ihn trugen , eilte der Caplan nach seinem Hause , Beistand herbeizuholen ; aber alle Mittel , die man anzuwenden wußte , erwiesen sich als unfruchtbar . Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu leben aufgehört . Einsam , auf grünem Rasen , unter freiem Himmel war das stolze , müde Herz gebrochen , während das Kreuz auf dem Kirchthurme im Golde des Sonnenunterganges flammte und über der Margarethen-Höhe leicht und fröhlich die hellen , rosigen Sommerwölkchen , im Lichte schimmernd , vorüberzogen . Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen Häusern die Leute herbei . Es hat ihn hieher gezogen ! sagte eine der Frauen . Es hat ihm schon lange keine Ruhe mehr gelassen ! meinte eine andere . Niemand klagte um ihn . Schrecken und Neugier , das waren die Empfindungen , mit denen sie die Leiche des Gutsherrn umstanden . Er war ihnen lange fremd geworden , sie hatten nicht mehr die Liebe zu ihm , wie ihre Eltern und Großeltern sie für die Herrschaft einst gefühlt hatten . Kein Auge weinte über ihn . Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die Thränen nieder , als er das Zeichen des Kreuzes über dem Entseelten machte . Einst war er des Jünglings Führer auf dem Lebenswege gewesen , nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu geleiten , und rückblickend auf das geendete Dasein seines Freundes , wie in sein eigenes Herz , betete er : Herr , gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns unsere Schuld ! Der Justitiarius fuhr eilig in das Schloß , dort die Todesbotschaft zu verkünden . Es dunkelte schon , als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre nach Richten trug , und leise verhallend riefen die letzten Klänge des Ave Maria auch dem Gestorbenen ihr : » Ruhe in Frieden ! « nach . Siebentes Capitel Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der Edelleute Statt , welche sich von den benachbarten Gütern zu derselben eingestellt hatten . Da man in der Mitte des Sommers war , hatte man die Beerdigung nicht hinausschieben dürfen , bis man die nächsten Verwandten des Hauses herbeirufen können , und ihre Zahl war auch nicht eben groß . Es lebte außer Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr , der den Namen von Arten-Richten trug . Die beiden alten Vettern , welche einst der Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten , waren lange todt . Auch der Schwiegervater des Freiherrn , der Graf von Berka , war gestorben . Der jetzige Majoratsherr des gräflichen Hauses stand noch bei dem Regimente , in das er für die Befreiungskriege eingetreten war , und Graf Gerhard , mit dem der verstorbene Freiherr , wie die Berka ' sche Familie selbst , in einem wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte , befand sich immer noch in des Landes Hauptstadt , von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte einladen können . Niemals war das Schloß dem Caplan größer und würdiger , niemals so einsam erschienen , als an dem Mittage , an welchem er , von der Beerdigung seines Herrn und Freundes kommend , es vor sich auf der Terrasse liegen sah . Er konnte sich deutlich des Tages erinnern , an dem er vor vollen fünfzig Jahren in Richten eingetroffen war . Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezählt . In ihrer ganzen Schönheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jünglings Seite gestanden , und vor ihnen allen hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen für die kühnsten Hoffnungen , für den stolzesten Ehrgeiz . Nun waren sie alle dahin , die Eltern des Freiherrn und Fräulein Esther , die den jungen Geistlichen damals so vornehm freundlich willkommen geheißen hatte , der Freiherr und seine Schwester Amanda und die schöne Baronin Angelika . Sie alle hatte der Caplan zu Grabe geleitet , er war der einzig Uebrige von dem ganzen damaligen Geschlechte , und was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen Erwarten und Wollen jener Jugendzeit ? Es stand noch da , das Schloß , aber die Selbstherrlichkeit seiner Bewohner war nicht mehr die alte . Die Zeit hatte sich gewandelt . Die Anerkennung der Menschenrechte , welche der Leibeigenschaft nothwendig früher oder später überall ein Ende machen mußte , hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange schon geübt . Er hatte manche derselben eingebüßt , er war in seinem Besitze angegriffen , seiner Reichsunmittelbarkeit , wo eine solche vorhanden gewesen war , fast überall beraubt , und wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben an sich selbst bestand , so mußte er sich stärker als zuvor an den Thron zu lehnen suchen , zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte , um sich mit jenem gemeinsam zu erhalten . Er mußte der Diener der Monarchen werden , weil er aufgehört hatte , der Herr seiner eigenen Leute und Unterthanen zu sein . Die Zeit seiner Freiheit , seiner Herrschaft war vorüber - und es verhielt sich nicht viel anders mit der Kirche . In seine ernsten Betrachtungen vertieft , betrat der Geistliche die Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale , in welchem die Leiche des Freiherrn , der alten Familiensitte gemäß , aufgestellt gewesen war . Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor , die man in Trauerzeiten darüber anzubringen gewohnt war , schwermüthig auf den leeren Katafalk hernieder . Alle Thüren nach der Terrasse waren geöffnet , die Gärtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus , welche man bei der feierlichen Ausschmückung des Saales verwendet hatte . Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt , man räumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort , das noch vor Kurzem , das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles Lebens in diesen Räumen gewaltet hatte ! - Mit einem Seufzer wollte der Caplan das Gemach verlassen , als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte . Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder überraschend auf . Er saß in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder , hatte beide Füße auf den Stuhl gezogen , ein kleines Brett , das dem Sarge irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte , gegen die Kniee gestützt und zeichnete , wie es seine Art war , ein Liedchen summend , mit einem Bleistifte auf das Holz . Was machst Du hier ? fragte ihn der Geistliche , indem er näher an ihn herantrat . Valerio hob den Kopf empor . Er hatte die Augen seiner Mutter , aber nicht ihren ernsten Blick . Eine Fülle von Lebenslust war über sein ganzes Antlitz ausgegossen ; seine vollen Lippen , seine offene Stirn waren der Sitz einer fortwährenden Heiterkeit . Die schwarzen Kleider , die man ihm angelegt hatte , bildeten für ihn nur einen Hintergrund , auf dem seine blühenden Farben sich noch glänzender hervorhoben . Was machst Du hier ? fragte der Caplan ihn noch einmal , da Valerio ihn anschaute , ohne ihm zu antworten . Sie sehen ' s ja , Hochwürden , ich zeichne mir die Ahnen ab ! Und das mußt Du gerade heute thun ? warf der Caplan , der sich bei dem Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen konnte , ihm tadelnd ein . Freilich , der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen ! antwortete der Knabe gleichmüthig , während er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte . Er war schon gestern und vorgestern , als der gnädige Herr noch hier standen , gar nicht aus dem Saale fortzubringen , sagte der inzwischen herbeigekommene Diener . Der Junker ist kein Kind , wie andere Kinder . Nicht Eine Thräne hat er um den seligen gnädigen Herrn geweint . Wenn der Junker nur fingen und zeichnen kann , so kümmert ihn nichts weiter . Valerio hatte das alles mit angehört , ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen . Mit Einem Male sah er den Caplan mit seinen großen Augen zutraulich an und sagte : Hochwürden , wenn ich groß bin , werde ich den Vater malen , damit er auch ein Ahne wird ! Ich übe mich schon ein ! Sehen Sie , so werde ich ihn malen ! Er hielt dem Caplan die kleine Tafel hin ; das Bild des ersten Freiherrn war auf derselben von dem Knaben ähnlich genug abgezeichnet worden und , die Tafel umwendend , erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit den ihn umgebenden Leuchtern , Blumen und sonstigen Verzierungen . Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers . Ist ' s so richtig ? fragte er gespannt . Der Caplan nannte es gut genug , und Valerio sagte : Ich hätte auch die Mutter gern gezeichnet , wie sie da stand und am Sarge weinte ! Es sah schön bei den Lichtern aus ! Aber sie blieb nicht stehen , und wie sie fortgegangen war , brachte ich es nicht heraus ! Da hören Sie es , Hochwürden ! rief der Diener , den Junker , den rührt nichts ! Er hat nur seine Spielerei im Sinne ! Da war der Freiherr Renatus doch ein anderes Kind ! Lassen Sie den Knaben gehen , bedeutete der Geistliche den treuen Diener ; Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht , und wer will es sagen , was er mit diesem Kinde und mit dessen Zukunft vorhat . Lassen Sie ihn zeichnen und stören Sie ihn nicht , so lange er kein Unrecht thut . Es verlangt ja jede Kraft nach ihrer Uebung , und eine Kraft wohnt diesem Kinde inne . - Komm , mein Sohn , sprach er , indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortführte , und die flüchtige Abneigung , die er gegen Valerio empfunden hatte , wich der Liebe , mit welcher der fromme Greis jetzt den längst geahnten göttlichen Funken einer künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar wahrnahm . Komm , mein Sohn , wiederholte er , Du sollst andere Bilder nachzumalen haben , komm . Dann zu sich selbst und in sich hineinsprechend , sagte er : Wie wenig auch aufgegangen ist von den Saaten , die ich streute , ich will des Säens und des Jätens doch nicht müde werden , damit ich vor Ihm bestehen kann , der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt . Komm , mein liebes Kind ! Valerio verstand weder die Rührung des Geistlichen , noch den Sinn seiner Worte , aber ihr freundlicher Ton that ihm wohl , und sich an ihn schmiegend , folgte er dem Caplan willig , der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie hinausgeleitete , während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn verfügte , in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments erwartet wurde . Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheirathung mit Vittoria durch seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in dessen Hände niedergelegt . Indeß ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es zurückgefordert , es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein neues , ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur Aufbewahrung in dem Archive übergeben . Die Aufschrift bestimmte , daß es noch an seinem Begräbnißtage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und dem Justitiarius eröffnet werden und , falls der Freiherr Renatus von Arten-Richten nicht im Schlosse anwesend sei , demselben eine Abschrift des Testaments sofort zugesendet werden sollte . Der Justitiarius war schon vor dem Caplan im Schlosse eingetroffen . Als der Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat , fand er jenen bereits dort warten , und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete Freifrau sich zu ihnen . Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine große Veränderung vorgegangen , eine Veränderung , welche heute selbst den beiden Männern auffiel , die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten . Sie erschien ihnen älter , aber noch schöner , als sonst . Die langen , schleppenden Trauerkleider machten sie größer aussehen , ihre Züge , welche bisher meist einen weichen , spielenden Ausdruck zur Schau getragen hatten , zeigten sich stolz zusammengefaßt ; man meinte ihr anzumerken , daß sie auf einen Urtheilsspruch gefaßt sei , dem sie Stand zu halten denke . Als ob sie sich vor einer großen Versammlung darzustellen habe , so gemessen trat sie in das Zimmer , ließ sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand zur Entsiegelung des Testamentes auf . Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet . Mit einer Umsicht , welche er , wie er sich ausdrückte , leider zu spät gewonnen habe , setzte er dem Sohne die Vermögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn , alle seine Kraft zu ihrer Hebung aufzuwenden und , wie der Freiherr es gethan , seine Ehre in der Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen . Von Valerio , von Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede , und in diesem hieß es : » Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich überlebt , so sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebührenden Pflichtantheile an meinem Vermögen durch Dich , meinen Sohn , den Freiherrn Renatus von Arten-Richten , in regelmäßigen Zahlungen zugewendet werden . Es soll ihr auch , falls es mit Deinen Wünschen und Absichten in Uebereinstimmung ist , der dauernde Aufenthalt in unserem Schlosse zu Richten nicht versagt werden , wenn sie es nicht ihrer Lage angemessener findet , in das Kloster zurückzukehren , in dem sie ihre erste Jugendzeit verlebte , um dort in Sammlung und in Einsamkeit für ihr Seelenheil zu sorgen . In jedem Falle aber wirst Du , mein Sohn , über die Erziehung ihres Sohnes Valerio zu wachen haben damit er dem Namen , den er führt , damit er unserem Namen keine Schande mache . Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für ihn , welche über die Zeit seiner Großjährigkeit hinausgeht , und vielleicht würde es auch für ihn das Entsprechendste sein , ihm in einem der oberitalienischen Klöster , in welchen die Giustiniani ' sche Familie noch von Einfluß ist , seine Bildung geben zu lassen , um ihm , dem Vermögenslosen , die Neigung für eine Laufbahn in dem Dienste der Kirche einzuflößen . - Wenn , was ich jedoch nicht erwarte , die Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklären und etwa für sich oder für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte , als mein Wille ihnen zuerkennt , so ermächtige ich Dich , die Papiere , welche diesem Testamente beigefügt sind , zu eröffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin den gebotenen Gebrauch zu machen . Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden . « Das Testament schloß danach mit einem Segenswunsche für den Sohn und für das Fortbestehen des Geschlechtes . Die Baronin hatte während der Verlesung des Schriftstückes keine Miene verändert ; aber sie war sehr blaß geworden , und es vergingen ein paar Minuten , ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte . Dann schien sie ihren Entschluß gefaßt zu haben , denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit : Melden Sie dem Freiherrn Renatus , meinem Stiefsohne , daß ich mich den Anordnungen meines Gatten , seines Vaters , unterwerfe . Das ist alles , dünkt mich , was ich heute zu erklären nöthig habe . Was weiter zwischen ihm und mir über meine und Valerio ' s Zukunft festzusetzen ist , mag unentschieden bleiben , bis ich es mit meinem Stiefsohne selbst berathen kann . Sie verneigte sich darauf vor dem Justitiarius und vor dem Caplan wie vor ihr völlig fremden Männern und verließ das Gemach in derselben feierlichen Weise , in welcher sie es betreten hatte . Der Justitiarius und der Caplan blieben , weil ihre Geschäfte es erheischten , an dem Tage ganz im Schlosse ; aber Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine . Erst spät am Abende ließ sie den Geistlichen zu sich entbieten . Er fand sie auf ihrem Ruhebette ; sie erhob sich jedoch bei seinem Eintritte , nöthigte ihn , Platz zu nehmen , und sagte : Es drängt mich , mit Ihnen zu sprechen , Hochwürden , aber ich benachrichtige Sie im voraus , daß ich von Ihnen keine Vermittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren denke . Ich habe meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem Stiefsohne zu ordnen , - sie bezeichnete , was sie sonst stets vermieden hatte , Renatus heute immer nur mit diesem Namen , - und da ich die Bestimmungen des Freiherrn angenommen habe , ist eigentlich Alles gethan , denn meine Zusage ist mir heilig . Der Caplan , welcher nicht voraussehen konnte , was diese befremdliche Einleitung bedeuten sollte , hielt sich an ihre letzten Worte , und ihr ernsthaft in das Auge blickend , sprach er : Wollte der Himmel , daß Sie damit die Wahrheit redeten , wollte der Himmel , Sie hätten Ihre Zusage stets so heilig gehalten , als es Ihre Pflicht gewesen wäre , so hätte es des Freiherrn .... Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen . Ich weiß , was Sie sagen wollen , rief sie lebhaft , und eben deshalb habe ich Sie gebeten , mich noch heute zu besuchen . Sie hielt einen kleinen Augenblick inne , dann hob sie wieder an : Ich habe die Demüthigung , die Buße , welche der Freiherr mir aufzulegen für gut befunden hat , gelassen hingenommen . Es war eine sehr bittere Stunde ! Indeß ich hatte , wie ich den Freiherrn kannte , irgend etwas der Art erwarten müssen und mich darauf vorbereitet . Er hat mich schwer dafür bestraft , daß ich mit achtzehn Jahren , daß ich , aus dem Kloster kommend , nicht mehr Einsicht in meine eigene Natur , nicht mehr Lebenserfahrung besessen habe , als der welt- und herzenskundige Mann , der mich in sein herbstliches Leben wie ein Spielzeug aufnahm . Sie sprach das so lebhaft , daß ihre Wangen sich rötheten und die Fülle ihrer schwarzen Locken ihr weit über die Stirn und die Wangen herabfiel . Mit schneller Handbewegung warf sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie : Sie haben mir oftmals meine Sünde vorgehalten ; aber haben Sie es auch dem Freiherrn eben so oft vorgehalten , Hochwürden , daß er ein Unrecht , ein schweres Unrecht an mir begangen hat , als er meine blinde Urtheilslosigkeit und mein noch völlig schlafendes Herz benutzte , um mich zu der Seinigen zu machen ? Nicht eine Stunde , aber nicht eine Stunde bin ich glücklich gewesen in diesem Lande , in diesem Hause , bis zu dem Tage , an dem ich - wie Sie es nennen und wie das Gesetz es nennt - zur Sünderin geworden bin . Frau Baronin , sagte der Caplan , es ist meines Amtes in der Beichte , Ihre Geständnisse ganz so anzuhören , wie Ihr Herz Sie zwingt , sie vor mir niederzulegen , und ich habe mich Ihrem Vertrauen , so schmerzlich es mir gewesen ist , nicht entzogen . Ich habe ihm nach meinem besten Wissen , nach meiner heiligsten Ueberzeugung zu begegnen und Sie immer wieder auf den Pfad der Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht . Zum Vertrauten Ihrer verbrecherischen Phantasieen fühle ich mich nicht berufen . Er erhob sich bei den Worten und wollte sie verlassen . Indeß sein strenger Blick , seine abweisende Bewegung schreckten sie nicht zurück . Nun denn , rief sie , ich stehe an einem Scheidewege meines Lebens ; ich habe zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll schmerzlicher Verstellung , voll martervoller Lüge ; so hören Sie denn als Beichtiger meine Beichte , da Sie mir nicht als Berather zur Seite stehen wollen . Hören Sie meine Beichte , Herr Caplan ! Sie stand auf , trat an einen Seitentisch heran , trank , sich zu beruhigen , schnell ein Glas Wasser aus , und vor dem Geistlichen niederknieend , der sich in stillem Gebete zu sammeln getrachtet hatte , wollte sie selber ein Gebet beginnen ; aber nur ihre Hände fanden sich in die altvertraute Form , ihr Sinn wollte sich nicht beugen ; und sich eben so schnell emporrichtend , als sie sich niedergeworfen hatte , rief sie : Das ist ' s , das ist ' s , was ich Ihnen zu sagen habe und was früher oder später doch einmal ausgesprochen werden muß : ich glaube nicht mehr , ich glaube nichts , nichts , gar nichts mehr ! Die Welt , der Himmel , Alles ist mir entgöttert , nur Eines ist mir heilig , Eines - und das ist dahin ! In Thränen aufgelöst , wie in einem Krampfe weinend , warf sie sich auf das Lager nieder ; der Caplan stand sprachlos vor ihr . Er mußte dem wilden Anfalle Zeit lassen , vorüberzugehen ; aber es waren wundersame Gedanken , die ihn bewegten , und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des Herzens zu sehen , das sich ihm in so gewaltsamer Weise enthüllen zu müssen meinte . Was hatte er in diesem Hause alles erleben sehen und mit erlebt ! Die Sünde ihres Gatten tragen und büßen zu helfen , hatte das liebende Herz der im protestantischen Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufgewachsenen Baronin Angelika sich der katholischen Kirche und ihrer Gnade in die Arme geworfen . Ihr zartes Gewissen hatte sich eine flüchtig aufwallende Empfindung zum Verbrechen gestempelt , und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Muth gefühlt , hatte sie sich mit aller Inbrunst ihrer Seele zu der höheren Macht gewendet , von der sie Vergebung ihrer Sünden erflehen und erwarten konnte . Und jetzt stand Vittoria vor ihm : Trotz bietend allen Ueberlieferungen ihres Vaterlandes , dem Glauben , in dem sie geboren und erzogen war , der klösterlichen Zucht , in der sie so lange gelebt hatte , ja allen Grundsätzen der Kirche und des Staates , und nichts anerkennend , als das blinde Müssen ihres von Leidenschaft hinweggerissenen Herzens . Er konnte sie in diesem Zustande nicht sich selber überlassen , er durfte sie in diesem Herzenswahnsinne nicht Beichte hören . Er mußte sich zu ihrem Arzte machen , ehe er wieder ihr Seelsorger zu sein vermochte ; aber es kam dem Greise schwer an , denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele zum Tode traurig . Ohne eine Sylbe zu sprechen , ihre Hand fest in der seinigen haltend , saß er an ihrer Seite . Sein Blick folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen , sein Auge suchte das ihrige zu erfassen , um es festzuhalten ; indeß es verging eine lange Zeit , ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann , ehe er daran denken konnte , ihr mit seinem Zuspruche zu nahen , und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer Kräfte kam endlich so viel Ruhe über sie , daß er sie der Pflege ihrer Dienerin anvertrauen konnte . Morgen , morgen ! sprach er , als Vittoria versuchen wollte , ihm die Erklärung ihres Zustandes zu geben ; aber als er sie mit Hülfe ihrer Kammerfrau nach dem Schlafzimmer geleitete , mußte er ihr die Zusage geben , sie nicht zu verlassen , sondern die Nacht im Schlosse , in der Nähe ihrer Zimmer zuzubringen . Achtes Capitel Vittoria hatte die kräftige Gesundheit des Volkes , dem sie angehörte . Der Gram vermochte sie nicht zu zerstören , nur die eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr und konnte sie überwältigen . Sie erwachte erst spät , aber sie war völlig von ihrem Anfalle hergestellt , und als der Caplan gegen den Mittag zu ihr kam , fand er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes . Verzeihen Sie mir , Hochwürden , begann sie , daß ich Sie gestern erschreckte ; man ist bisweilen nicht Meister über sich . Was ich Jahre hindurch gewaltsam in mir verschließen mußte , das stürmte , nachdem ich mir eine große Ueberwindung zugemuthet hatte , alles auf einmal über mich ein und durchbrach die Schranken meiner Kraft . Ich war außer mir ; verzeihen Sie mir das ! Er sicherte ihr dieses zu ; sie schien sich damit zu beruhigen und nicht wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren zu wollen , aber der Caplan gestattete ihr dies nicht . Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu enthüllen gewünscht , sprach er , und ich mußte es Ihnen versagen , sich diese Erleichterung zu gewähren , weil ich Sie nicht in der Verfassung fand , in welcher allein es dem Menschen vergönnt werden darf , sich dem Throne der höchsten Wahrheit zu nahen . Heute fordere ich Sie , im Namen des mir durch Gottes Gnade gewordenen Amtes und Berufes , heute fordere ich Sie mit dem Anrechte , das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe , dazu auf , Sich auszusprechen mit der vollen , ungetheilten Wahrheit , die Sie mir , die Sie Sich selber schulden , und ohne welche für den Menschen kein Heil , keine Selbsterkenntniß und keine Erlösung möglich sind . Vittoria hörte ihm sehr gesammelt zu . Es lag in der starken Ueberzeugung des Greises , in dem mächtigen Gefühle seiner unantastbaren Würde eine Kraft , welcher sich Niemand leicht entzog , besonders wenn er , wie die Baronin , ihrem Einflusse einmal unterworfen gewesen war . Aber sie zögerte dennoch , seiner Mahnung nachzukommen , und erst nach einer längeren Ueberlegung sprach sie : Es wird nicht kurz sein , was ich Ihnen mitzutheilen habe , denn es umfaßt Jahre voll langer Leiden , voll schwerer Seelenkämpfe , und ich zweifle , daß Sie mir die Hülfe bieten können , die Sie mir zu leisten wünschen ; denn , das ahne ich , ein verlorener Glaube findet sich nicht wieder . Aber hören sollen Sie mich , und jetzt gelobe ich Ihnen die ganze , volle Wahrheit , die Sie von mir erheischen , wennschon ich sicher bin , damit vor Ihnen keine Gnade zu gewinnen . Sie schwieg eine Weile , stützte das Haupt auf ihren Arm , als suchte sie nach der Weise , in welcher sie beginnen könne , dann sagte sie : Ich habe nicht nöthig , Ihnen die Geschichte meines Herzens zu erzählen , Sie kennen sie . Sie wissen , wie meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite einsam blieb , wie nahe , wie sehr nahe ich daran gewesen bin , für meinen Stiefsohn die Empfindungen zu hegen , die sein Vater in mir nicht mehr zu erwecken vermochte ; und Sie selbst , Hochwürden , haben mir das Zeugniß gegeben , daß ich meinem Gatten zu leisten und zu sein bestrebt gewesen bin , was er von mir begehrte . Sie können mir auch das Zeugniß nicht versagen , daß ich meines Stiefsohnes jugendlich mir entgegenwallendes Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken gehalten habe und daß er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr an der Klippe vorübergeleitet worden ist , die mir und ihm den Untergang bereiten konnte . Die Gutthat , die Pflichterfüllung , wendete der