Schläfe zurück ... ich entfloh ... Als Mörder ! Denn Sie durften annehmen , daß er diesmal nicht wieder zum Leben erwachte ! Der Mörder schwieg ... Es war eine Bejahung . Die tückische List seiner Erzählung stellte nicht ganz die Aufrichtigkeit aller seiner übrigen Geständnisse in Abrede . Er kam auf seine Bekanntschaft mit der Hauptmännin von Buschbeck , auf die Vermittelung ihrer Anliegen wegen ihrer Gelder , ihren bösen , menschenfeindlichen Sinn , er deutete die Beziehungen dieser Frau zu dem Krieger , Jäger , dann Mönche Hubertus an , Beziehungen , die in Erfahrung zu bringen Bonaventura wiederholt ablehnte , und berief sich für seine letzte That auf das , was bereits vor den Assisen von ihm bekannt war ... Der schrillste Nachklang , der durch alle diese Worte hindurchtönte , blieb die Andeutung über Dominicus Nück . Sie war eine Rache für den verweigerten Griff in die Dose ... Vielleicht auch hatte der Mörder ein Entkommen durch Nück gehofft , vielleicht Nück durchschaut , der ihn am liebsten für immer aus der Welt geschafft sah . Ein noch Lebender , rastlos und muthvoll in der Gegenwart wirkend , lag da nun in seinem tiefsten Lebensgeheimnisse aufgedeckt vor den Augen eines Priesters , der täglich mit ihm verkehren , täglich harmlos und scheinbar unbefangen mit ihm sprechen konnte , auch so nur mit ihm sprechen durfte ! ... Das sind Bürden ! sprach es in Bonaventura ' s Innerstem ... Zwar wandte er noch die ganze Kraft seiner Beredsamkeit an , die Stunde , die er an diesem düstern Orte verweilt hatte , zu einer für den Bewohner desselben heilsamen zu machen ... Um den Segen Gottes für den Unglücklichen betete er , wünschte ihm Muth für seine letzte Stunde und war im Begriff , mit den Fragen : Haben Sie mir keinen weitern Auftrag auszurichten ? An Ihre Mutter ? An sonst Zurückbleibende ? eine heilige Handlung abzuschließen , die ihn selbst mehr erschütterte , als den Verbrecher ... Lauernd sprach dieser : Ich könnte noch etwas Gutes thun ! O thun Sie es ! Gott wird es Ihnen anrechnen ... Es war eine That im Werke ... Ein neues Verbrechen ? Eine Urkunde - die ich - schreiben ließ - Eine verfälschte - ! Sie sollte bei einer - angelegten Feuersbrunst - All ihr Heiligen ! rief Bonaventura . Wer ist davon bedroht ? Wen kann ich über die Gefahr warnen ? Ist die Gefahr schon nahe ? Einen Menschen hatt ' ich gewonnen ... einen - der sich verbergen muß ... den ich nicht nennen kann ... Ich will ihn nicht genannt hören , ich will ihn mahnen , ohne daß ich ihn kenne ! Durch irgendeine Adresse ! Reden Sie ! Was kann ich thun , ein solches Verbrechen zu hindern ? Hammaker schwieg plötzlich ... Bonaventura ' s Eifer riß ihn zu den Fragen hin : Wer ist es , den die falsche Urkunde benachtheiligen soll ? Wer hat Sie selbst zu dieser That überredet ? Wer ist der Leiter dieses Complotts ? Reden Sie ! Reden Sie ! Bei dem Angesichte Gottes , das Sie in wenig Stunden - In diesem Augenblick rollten wieder die Kugeln über der Zelle hin und vergegenwärtigten Hammakern die dünne Bauart der Decke ... Blitzesschnell schienen sich die Gedanken des Mörders zu ändern ... Hoffnung belebte seine Gesichtszüge ... Bonaventura stand erwartungsvoll , aber vergebens . Hammaker schwieg . Reden Sie ! donnerte Bonaventura . Das Geräusch über ihnen dauerte fort ... Hammaker sprang auf ... Die Kette riß ihn nieder ... Unverwandt starrte er auf die Decke ... Wenn dich doch noch Nück befreite ! stand auf seinen verzerrten Gesichtszügen ... Reden Sie ! wiederholte Bonaventura ... Lassen Sie es , stöhnte Hammaker , ohne mich - kommt die Sache nicht zur Ausführung ... Sie verharren in der Lüge ! rief Bonaventura . Wer ist gedungen ? Wer sind die Bedrohten ? Eine Fälschung ? Eine Urkunde ? Eine Feuersbrunst ? Hammaker schwieg ... Bonaventura versuchte jede Kunst der Ueberredung ; vergebens ... Hammaker sprach nur dumpf : Ohne mich kommt nichts zur Ausführung ! Ich habe bekannt ! Es ist - vorüber . Ich kann - in Frieden - sterben ... Bonaventura mußte tiefseufzend nachgeben . Er betete um die Gnade Gottes und entfernte sich in einem Zustande , wie ihn die Märchen erzählen von Hirten , die in eine Felsenspalte sahen , die Geister belauschten und für immer verstummten ... Wie schwer trug seine Seele , als er von dannen schritt ! Auf dem Gange traf er alle , die ihn hinaufbegleitet hatten ... Nück ' s Nachkommen wußte er nicht und fand ihn auch nicht mehr ... Doch am folgenden Morgen klagte sich im Beichtstuhl eine ihm bekannte Stimme aller Leidenschaften , aller Laster der Erde , aber auch der Verbitterung durch Unglück und des Menschenhasses an ... In ihrem Tone , in einem tief eingeschüchterten Aufblick zweier scharfer Augen lag eine Angst und Beklommenheit , die Bonaventura wieder auf einen Verbrecher schließen ließen . Er erkannte die Stimme nicht sogleich . Erst nach den Andeutungen von seinem Beruf und einem Hinweis auf so manche Verschleierung der Wahrheit , die er sich im Processe Hammaker erlaubt hatte , begriff Bonaventura ... Es war Nück ... Entsetzen ergriff ihn ... Nück beichtete mancherlei , aber offenbar war er nur gekommen , um zu hören , wie Bonaventura mit ihm sprechen würde ... Des Priesters mildes Herz fühlte sich gedrungen , Nück ' s Verzweiflung zu beruhigen . Er deutete an , daß auch für ihn die Beichte dieselbe Bedeutung hätte , wie sie für jenen Bischof gehabt haben soll , der , der Sage , nicht Geschichte nach , sich eher von einem Fürsten in die Wellen der Moldau werfen ließ , als daß er ein Geheimniß verrieth , das er von dessen Gattin unter dem Siegel der Beichte wußte . Kein Wunder , daß Nück sich mit neuem Lebensmuth erhob und den Beichtstuhl in einer Stimmung verließ , als könnte er mit seinem einzigen Arme einen der Riesenpfeiler der Kathedrale ausheben . So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magischen Worte : Rom und sein Glaube . Winterlich weiße Leichenfelder lagen in Bonaventura ' s Brust . So öde und schauerlich wehte Schneesturm durch sein Inneres , wie auf der Alpeneinsamkeit , die der Dechant beim Bericht seines Besuches auf dem St.-Bernhard geschildert ... Auch der Morgue des St.-Bernhard mußte er gedenken ... Muth und Ausdauer sprachen ihm die Stimmen der Augustinerchorherren nicht mehr so beredsam wie einst . 5. Eine wie eitle Matrone ! sagte sich Bonaventura , als er durch das kleine Schiebfensterchen seines Beichtstuhls eine graue Locke unter einem Hute hervorgeglitten auf einem Taschentuche liegend bemerkte . Ein Matronenhaar in Locken ! Dann aber hörte er die klangvolle Anrede und staunte eine Greisin zu finden , die sich einen so reinen jugendlichen Ton der Rede bewahrt hatte ... Nach den ersten geflüsterten Anreden und Erwiderungen stellte er die Frage um die letzte Beichte . Er hörte , daß diese in Wien bei dem Beichtvater der Hospitaliterinnen stattgefunden ... Dann sagte die Frau , die er für eine Matrone hielt , daß sie gerade deshalb zu ihm gekommen wäre , weil sie ihn schon einigemal beim Austheilen des heiligen Abendmahls gesehen und nicht nur die Geduld bewundert hätte , mit der er unter Hunderten beim Ausspenden des Brotes die Worte sprach : » Herr , ich bin nicht werth , daß du eingehst unter mein Dach ; aber sprich nur ein Wort , so wird meine arme Seele gesund ! « sondern wie er jene Worte auch jedem so , als wenn er ihn persönlich kannte , gesprochen , jedem so , als wenn sie gerade für ihn bestimmt wären . Deshalb wage sie , ihn mit sich selbst zu belästigen , fürchtend freilich , daß seine Zeit zu gemessen wäre ... Bonaventura hatte die Absicht , Lob und Sorge um seine Zeit mit einer Handbewegung abzulehnen . Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals üblichen Form des Hutes mit langgeschweiften Seiten , die die Wangen verdeckten , ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der Erwähnung Wiens war es nur die Oberstin von Hülleshoven aus Benno ' s zutreffender Beschreibung ... Noch ehe er vor Ueberraschung mehr als ein ermunterndes und beruhigendes : Bitte ! erwidert hatte , sprach schon die Beichtende : Ich bekenne mich zu der Unruhe , in welche die Seele durch Grübeln und Denken versetzt wird , bekenne mich zum Zweifel an allem , an Gott , dem Erlöser , an Kirche und künftigem Gericht ! Bonaventura verhüllte sich in seine Stola und sprach nach einigem Bedenken auf dies schmerzlich entschiedene Wort : O ihr Heiligen ! Sie geben Ihrem Zustand vielleicht viel schneller einen Namen , als Sie ihn noch ergründet haben ! Sie hatten sich des religiösen Lebens vielleicht nur entwöhnt . Plötzlich drängt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zurück und nun erschrecken Sie , nicht mehr alles so zu lieben und zu glauben , wie Sie in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten . Machen Sie doch diese Rückkehr nicht zu übereilt ! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Wassertaufe des Johannes ! Legen Sie sich doch erst Uebungen zum Uebergange auf ! Keine Geißelung des Körpers , keine Entbehrung Ihrer Sinne , nur eine gewisse Ascetik des Denkens . Sehen Sie , gewöhnen Sie sich einfach , überall den Finger Gottes zu suchen . Nehmen Sie nichts mehr , was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schicksal anderer , ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen , in dem leichten Sinne , der nur die Erscheinung als solche betrachtet . Streben Sie vielmehr darnach , alle Erfahrungen , die Sie machen , zu verbinden , ihren geheimen Sinn und Zusammenhang zu ergründen , ihrer Folgerichtigkeit nachzuspüren und nennen Sie dann das , was Sie sonst in der Sprache des Denkens Zufall , Ungefähr , Wille , eigene Absicht nannten , einfach und kurzweg Gott . Wenn Sie diese Begegnung Gottes in kleinen Dingen stündlich suchten , würde das Aberglaube werden . Aberglaube kann es sein , die ganze majestätische Größe Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden sich gegenwärtig zu denken . Aber jenen Fußtapfen der wandelnden Gottheit nachgehen , die in Ernstem und Wichtigem liegen , gibt Erhebung . Sie werden staunen , wo Sie überall diese Schritte abgedrückt finden , wenn Sie nur erst anfangen , für alles das , was die Welt gleichsam namenlos hinstellt , gleichsam mit einem » Man « einführt oder mit einem » Es « ( » es wird sich zeigen « ) oder sonst mit einer Form der reinen Genüge des Menschen an sich selbst , den Herrn der Welt einzuführen . Versuchen Sie das ! Zu einem Gott sich erheben , der außer uns und unendlich hoch über uns wohnt , ist allerdings schwer ; denn je näher wir ihm da zu kommen suchen , desto entfernter rückt er . Nehmen Sie also Gott zu Ihrem steten Begleiter , nur daß er einige Schritte vorangeht , nicht immer Ihnen zur Seite , nehmen Sie ihn zum Erfüller aller der Pausen , die Ihnen das Leben läßt , zu der zweiten Person , die in Ihrem Gewissen mit Ihnen redet , zu dem unsichtbaren Freunde , der in einem dunkeln Zimmer , wo Sie über irgendein Vorhaben brüten , mit Ihnen Rath hält ! Ist das von Ihnen eine Zeit lang versucht worden , so werden Sie auch allmählich wieder anfangen , christgläubig und kirchlich zu denken . Es wäre also der umgekehrte Weg , den ich früher einschlug , alles , was mir sonst Gott hieß , gerade anders zu nennen ! sagte Monika und ihre Gedanken verweilten einen Augenblick bei der Gräfin Erdmuthe , die noch gestern beim Abschiede gesagt hatte : » Der Herr schenkt mir ein gutes Reisewetter , etwas Frost und gute Wege ! « Nun aber sprach sie : Meine Zweifel über Gott werden sich wieder beruhigen ; schwerer die über die Kirche und über die Wahrheit des katholischen Glaubens ! Bonaventura wallte fast auf mit den Worten : Sie sind so arm an Glauben und sind schon wählerisch ? Sie hungern und dürsten und bemäkeln schon die Speise , die Ihnen gespendet wird ? Wahrlich , die milden Gutthäter müssen sich viel gefallen lassen ! Fast bereute er dann sein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf . Groß und voll senkte sich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab , ein wehmüthiger Zug um den Mund milderte einen Anflug von Bitterkeit in schönen , regelmäßigen Zügen . Er mußte des Obersten gedenken . Er mußte sich sagen : Diese beiden Menschen sind sich so ähnlich und fliehen sich ! Mit sinnendem Ernste , bei dem sich die Augen wieder verkleinerten und die großen Sterne wie in das tiefste Innere zurückzogen , sprach Monika : Ich weiß vollkommen , was wir an unserer Religion besitzen ! Sie ist kein Gedanke , der soeben von heute aus dem Haupte eines erleuchteten Geistes sprang . Sie ist eine ehrwürdige Ueberlieferung , eine große Weltbegebenheit , aus der wir entnehmen dürfen , was wir für uns nutzbar machen können . Ich werfe es den Protestanten vor , daß sie sich die Bürde auch des Ballastes an ihrem Lebensschiff viel zu leicht gemacht haben . Ist man Christ , so soll man auch die Geschichte seines Glaubens tragen . Oft hab ' ich mir gesagt : An allem , was unsere Kirche festhält , ist etwas , was uns irgendwie immer wieder versöhnt , wenn wir dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit schwerem Herzen genügen . Dann aber - plötzlich tritt doch ein Widersacher in uns auf , den ich nicht den Teufel nennen kann . Unser Herz stößt plötzlich einen Hülfsschrei aus und lechzt nach der Natur . Ich habe nie über diese Dinge so nachgedacht , als seitdem ich Rechte des Herzens zu haben glaube . Ich bin nicht glücklich vermählt . Gesetzt , ich würde noch einmal lieben können , unsere Kirche verböte mir das . Wie soll ich da nicht an ihrer Göttlichkeit zweifeln ! Bonaventura blickte bei diesen sicher und fest gesprochenen Worten im Geist auf seinen eigenen Vater , seine eigene Mutter , jenen , der vielleicht noch lebte und sich der Welt entzog , nur um dieser eine zweite Ehe zu ermöglichen ... Diese zartesten Fragen des Beichtstuhls hatte er erst in seiner jetzigen Wirksamkeit kennen gelernt . Sie kamen auf dem Lande nicht vor . Es gaukelten wol zu allen Zeiten vor seinen Augen die hundert Fälle , die die Vorsicht der römischen Casuistik über die Thatsachen des Ehelebens oft mit einer Nacktheit und Natürlichkeit aufzählt und niedergeschrieben hat , die nur aus Herzen kommen konnte , die sich zum Cölibat verpflichten . In allen diesen spanischen und italienischen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeschworenen Gewissensleiden ist jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen , die aus den reinsten Tiefen des Herzens stammt . Bonaventura las im Sanchez , im Bellarmin , im Lambertini die hundert Fälle , wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Rosa liebt , Rosa den Titius , Thatsachen der Liebe , die das Licht des Tages scheut , nicht jener , die nicht erwidern will ohne das offene Bekenntniß ihrer Neigung vor der Welt ; nicht jener , die der innern Heiligung des Menschen zum Segen werden kann und die die Kirche zum Fluche macht ; nicht jener , die mit Verachtung solche Licenzen zurückweist , wie sie die Toleranz der Gewissensräthe anräth und nur mit Gebeten und Almosen gebüßt wissen will ; nicht jener , die nach Neigung wählen und in der Freiheit , frühere Irrthümer zu berichtigen , vor gläubigen Seelen sogar durch das Beispiel der Patriarchenzeit geheiligt ist ; nicht jener , die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht , weil sie die ewigen und unwiderleglichen Gesetze der Natur zu Gesetzen der Sitte , der Vernunft und des göttlichen Willens erhoben hat ... Bonaventura ' s Stocken beängstigte die Beichtende , die es um sich her immer lebhafter werden hörte ... Ich komme wieder ! sagte sie , um abzubrechen ... Sie sprachen von keinem Bunde , den Sie wirklich schließen wollen , hielt sie Bonaventura , sondern nur von der Beunruhigung Ihres Gewissens , wenn Sie ihn schließen wollten . Warum begeben Sie Ihr Nachdenken in eine Gefahr , der sich auszusetzen Sie nichts zwingt ? Will man denn nicht das , erwiderte Monika , was uns ein Anhalt des Lebens sein soll , gegen alle und jede Möglichkeit der Anfechtung stark und sicher sehen ? Die Gefahr wird an Ihnen vorübergehen ! Und wenn nun nicht ? Der Priester mußte sich ' s so natürlich denken , daß eine so gestörte Ehe damit enden konnte , daß eine junge , wie er nun hörte , mit Vorzügen des Geistes ausgestattete Frau noch einmal eine Bewerbung fand , der sie nicht widerstehen konnte . An Armgart mochte er sie nicht erinnern , da er deren den Aeltern gegenüber durchgeführte Gesinnung kannte und der Beichtenden nicht verrathen mochte , daß ihre Person ihm kein Geheimniß war . So blieb ihm nichts übrig , als die Zweifel , die auch an ihm in diesem Punkte nagten , zu überwinden und das zu thun , was er in seinem Berufe schon manchmal recht schmerzlich sich mit den Worten gestand : Wir gleichen den Aerzten , die aus Mangel an Erkenntniß und einer wahren Hülfe dem armen Leidenden Wasser - gefärbt mit einem rothen süßen Safte , verschreiben ! Ich sehe Sie in dem Zustande , sagte er , den die Schrift den des zerstoßenen Rohres nennt und der Sänger des Dies Irae das Cor contritum quasi cinis ! Das Herz zermürbt wie Asche ! Bekämpfen Sie Ihre Stimmungen und halten Sie noch Betrachtungen über die Kirche davon fern ! Fassen Sie die Kirche als ein großes Ganzes ! Daß Sie als Kind am Freitage fasteten , was sagte es denn ? Es sagte : Ich gehöre einer Gemeinschaft an , die das Vernunftgesetz über das Naturgesetz erhoben hat ! Daß wir der Wildheit die Gesellschaft abrangen , daß wir einen Bund der Gesittung , der Künste , Wissenschaften , der Ordnung , eine Gesellschaft haben , wo die Tyrannen nicht herrschen , die Räuber , die Mörder schweigen und abseits treten müssen , wem anders verdanken wir denn das , als der Zähmung unserer natürlichen Begierden ? Monika schwieg ... Sie beschloß , dem Vernommenen nachzudenken ... Schon der bald sanfte , bald strenge Ton hatte sie erhoben ... Bonaventura schloß : Kehren Sie bald , bald wieder ! Absolvo te in nomine patris , filii et spiritus sancti ! Er machte das Kreuzeszeichen , zog sein Fenster zu und lehnte sich eine Weile in seinen Stuhl zurück - tief , tief - unzufrieden mit sich selbst ... Aber Ruhe , Kampf der Seele , Sieg gab es da wenig . Die Zahl der Harrenden war angewachsen . Schon meldete sich ' s am andern Fenster ... Er zog den Vorhang zurück . Er that es mit dem Gefühl : Welch ein Stümper erscheinst du doch bei wirklichen Leiden ! Kannst du dies Holz denn verlassen und einem Priester begegnen , ohne daß ihr beide vor einander die Augen niederschlagt ? Schon sprach wieder eine sanfte Stimme die übliche Anrede . Auch diese Stimme kam von einem Weibe . Auch sie ertönte aus den Umhüllungen eines zwar nicht schönen , aber jugendlichen Hauptes . Ein kostbarer Pelz lag dicht am Gitter und berührte fast sein Beichttuch ... Hochwürdiger Vater , ich bin unglücklich ! ... Der Beichtstuhl , mein Kind , hört nur das Unglück durch Sünden ... Ich sündige wider die Gebote der Kirche und doch spricht mein Herz mich frei ! Sollte die Versuchung des armen Leviten nicht enden ! Bonaventura erklärte die vernommenen Worte für einen Widerspruch und wünschte Aufklärung ... Ich werde in wenig Wochen Mutter sein ! Mein Gatte ist Protestant und ich bin zweifelhaft , das Kind in meinem Glauben taufen zu lassen ! Verlangt Ihr Gatte das Gegentheil ? Er verlangt es nicht ! Er verdankt seine Lebensstellung mir , er ist die Rücksicht selbst ! Dennoch schenkt ' ich gern unser seit zehn Jahren ersehntes Kind ganz nur ihm ! Da thun Sie Unrecht ! Sie bringen dem einen das , was er nicht begehrt , das kann Großmuth sein ; aber Sie entziehen es einem andern , der darauf Ansprüche hat ; das ist ein Raub ! Ich bin meinem Gatten Großmuth schuldig , ich bin ihm Genugthuung schuldig ! Und gerade vor meiner Familie , die ihn kränkt , zurücksetzt , sich freut , zwischen uns eine Trennung zu wissen ! Ich fühle , daß ich ihm mein Kind schenken muß um der Liebe willen , um der Liebe ein Zeugniß zu geben ! Sagen Sie denn auch wie alle andern Priester , daß mein Kind im Jenseits von mir getrennt sein wird ? Die Schrift sagt : » Bei unserm himmlischen Vater gibt es viele Wohnungen . « Vertrauen Sie auf seine Gnade , wenn Sie sich nicht noch anders besinnen und von Ihrem Gatten zu Ihrer Religionspflicht zurückführen lassen . Gaben Sie bei Ihrer Verbindung dem Geistlichen , der Sie traute , kein Versprechen über Ihre Kinder ? Man verlangte es damals nicht ! Das ist über zehn Jahre her ... ... Die Fälle der gemischten Ehen kamen jetzt so oft im Beichtstuhl vor . Dennoch horchte Bonaventura auf und gedachte der Zerwürfnisse im Kattendyk ' schen Hause , dem Hause , wo Treudchen und Lucinde wohnten ... Glauben Sie auch , hochwürdiger Vater , fuhr die zitternde Stimme fort , daß ich nicht die Aussegnung erhalten werde ? Die Aussegnung einer Wöchnerin bei ihrem ersten Kirchgang ist ein Brauch , kein Sakrament ... Nach dem Glauben meiner Mutter und Geschwister werd ' ich , wenn ich ohne Aussegnung sterben sollte , als ruheloser Geist Nachts mit einer Kerze in der Hand so lange um diese Kathedrale gehen müssen , bis eine andere Lebende sich für mich aussegnen läßt ! Bonaventura wurde irre , ob ein solcher Glaube in einem gebildeten Hause herrschen konnte . Fast an der Anwesenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd , sagte er : Welche Thorheit ! Nur fürcht ' ich , daß Sie nach Ihrer Handlungsweise überhaupt nicht im Schoose unserer Kirche bleiben werden ; denn die Gnadenmittel müssen Ihnen entzogen werden ! Eine Pause trat ein ... Auch Sie sprechen wie Kanonikus Taube ! sagte die Stimme ... Wir sprechen alle , wie die Mutter Kirche spricht ! Sie will keines ihrer Kinder sich entzogen sehen und ist streng gegen die , die ihrer Liebe ein neues Kind vorenthalten ! Erwägen Sie Ihre künftigen Leiden ! Ihr Gatte ist edel ; wie denn wird er von Ihnen ein solches Opfer verlangen ! Hendrika Delring weinte ... Es währte lange , bis sie sich sammeln konnte ... O diese Welt ! rief sie plötzlich heftig aus ... Warum nur beruhigt Sie der Friede dieses Gottestempels nicht ? Warum sprechen Sie in dieser Aufregung ? Erzählen Sie , was Ihnen begegnete ! Schon oft , hochwürdiger Vater , wollte ich zu Ihnen kommen ! Ich hörte täglich von Ihrer Weisheit und Güte . Neulich noch , als meine Familie sich um mich versammelt hatte , ein Marienbild in meinem Zimmer entschleierte und , indessen alle auf den Knieen lagen , zu ihm ein Gelübde sprach , sie würden , wenn ich mein Kind nicht im Glauben des Vaters taufen ließe , eine Wallfahrt antreten und in einem gräflichen Hause bei Witoborn , wo geistliche Uebungen gehalten werden , sechs Wochen lang sich einschließen und die Exercitien mitmachen , da schon wollt ' ich zu Ihnen kommen - nur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager . Meine Mutter behauptete , wenn ich anders handelte , würd ' ich jetzt Gott um die Erfüllung eines Gelübdes betrügen ... Das ist eine Thorheit ! erwiederte Bonaventura entrüstet . Wer lehrte Ihre Mutter , daß Gott unserer Opfer bedarf ! Ein Gelübde kann einen Werth für unsere Seele haben , aber nur der Heide kauft seinem Götzen mit einem Gelübde etwas ab . Eher könnte Ihr Gewissen sich gedrückt fühlen von dem Vorwurf , die religiöse Denkungsart der Ihrigen , vollends einer Mutter zu verletzen ... Auch mußt ' ich bittere Thränen darüber weinen und war in meinem Vorsatz wankend geworden ! Ein junges Mädchen , das in meinen Diensten steht , sprach täglich von diesen Exercitien , an denen sie so gern theilgenommen hätte . Das junge Kind , das ich so lieb habe , vergegenwärtigt mir den Glauben , den ich immermehr verliere ... ... Ist das Treudchen ? dachte Bonaventura voll Bangen . Treudchens Beichtvater war - Cajetan Rother ... Leider aber läßt der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach ! fuhr Hendrika Delring fort . Es ist mein eigener Bruder ! Früher war mein Gatte Führer des Geschäfts . Aufrecht gehalten hat er ' s in schwieriger Zeit . Die Zeit ist nicht mehr günstig wie sonst , andere überflügeln den alten Kaufmannsschritt und darauf fußt mein Bruder , um meinen Gatten täglich zu verletzen . Während er selbst sich der sinnlosesten Verschwendung ergibt , wirft er uns die kleinste Ausgabe vor und schon war unser Entschluß reif , ganz aus dem Geschäft auszutreten . Leider ist meine Mitgift , wie es bei Kaufleuten Sitte , nur klein ; meine Einnahme hängt von dem Ertrag des Geschäftes ab . Eine ihr entsprechende größere Summe herauszuziehen , ist immer mit Schwierigkeiten für unser ganzes Haus verbunden . Darum , weil mein Mann von vorn anfangen müßte und auch des Salairs für die Führung des Ganzen zu entbehren hätte , bekämpfte ich diesen Schritt , hielt aber zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie . Deshalb auch schenkt ' ich ihm im Geist meine Hoffnung , ohne daß der Edle es begehrt . Aber jetzt ist keine Wahl mehr . Mein Gatte muß weichen . Heute in der ersten Frühe fand eine Scene statt , die jede Aussöhnung unmöglich macht . Um das Geringfügigste erhob schon sonst unser Tyrann einen Streit . Diesmal darüber , daß er eine Gesellschaft geben will und zu dem Ende Ansprüche macht auf einen Theil meiner Zimmer . Ich verweigerte sie ihm aus Gründen , die eine Hausfrau haben darf . Nicht um eine Ladung Waaren , nicht um einen Werth von Tausenden begann er jemals einen solchen Streit , wie jetzt über diesen Gesellschaftsabend . Mein Gatte kam hinzu . Das ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts , der nur damit enden konnte , daß wir das Haus und das Geschäft für immer zu räumen erklärten . Mein Gatte wird eine Stelle suchen , meine Mitgift und ein uns angewiesenes Zehntel vom Reinertrage des Geschäfts reicht vielleicht aus , ihn irgendwo zum Associé zu machen . Wir ziehen weg von hier und wenn ich dann an seiner Seite lebe - - Nun dann , dann - unterbrach Bonaventura das plötzlich stockende Bekenntniß , dann schenken Sie Ihr Kind Ihrer Mutter - Ihr Gatte bedarf dann keinen weitern Beweis Ihrer Liebe mehr ! Hendrika schwankte , aber in ihrem Worte : Hochwürdiger Vater , ich zweifle schon an allem - ! lag eine Zustimmung ... Der sanfte Ton des Priesters hatte sie überwunden ... Das sagen Sie doch nicht ! unterbrach Bonaventura . Die Liebe ist ja mächtig in Ihnen ! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter , zur Kirche , haben Sie noch ! Sie ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgefälligen Liebe zu Ihrem Gatten . So ist ja ein Ausgang da aus diesem Labyrinth , der Sie vorläufig vor Conflicten mit der Seelsorge bewahrt ! In den Ihnen nun verhängten künftigen Entbehrungen kann ich nur eine Gnade des Himmels erkennen . Wie glücklich werden Sie sein ! Ganz nur Ihrem Gatten hingegeben ! Seine Sorgen , seine Erfolge theilend ! Ich will Sie in mein Gebet einschließen ! ... Eine Weile dauerte es , bis Madame Delring weiter sprach ... Sie hatte ihr Taschentuch an ihr Auge gedrückt ... Mit gebrochener Stimme hauchte sie : Und ist es denn wirklich wahr - Und auch Sie , Sie sagen es - mein Kind würde im Jenseits - Sie vollendete ihre Rede nicht . Denn Bonaventura unterbrach sie : Wir haben eben eine so schöne Einigung gehabt , eine Einigung , auf die hin ich Ihnen freudig die Absolution für Ihre Zweifel ertheile und Sie auf Sonntag zum Tisch des Herrn lade . Warum kehren Sie zu dem alten Unmuth zurück ? Die Kirche hat den Abfall so vieler Millionen Bekenner erleben müssen , sie hat ihn zu einer Zeit erlebt , wo in der That ihr Wesen mannichfach entstellt wurde . Muß sie nun nicht streng sein , die Ihrigen zusammenzuhalten ? Darf sie gering denken von dem , was ihre Lehre über die Stufenfolge und die Ordnung des Heils aufgestellt hat ? Eine Sprosse daraus weggezogen und das ganze Gebäude wankt . Zu unserer Kirche zu gehören ist nun einmal nach unserer Lehre eine Wohlthat . Denken Sie doch nur immer an das , was Sie selbst als Kind glücklich gemacht hat , als Sie die erste Annäherung an die Gemeinschaft mit der sichtbaren Vertretung Ihres Glaubens fühlten ! Diese sanften Klänge an einem Palmensonntag , diese heiligen Schauer des Ostertages , diese Wonnen einer höheren Liebe zu jeder Stunde des hochheiligen Kirchenjahres - gönnen Sie sie , ich bitte , auch Ihrem Kinde , dessen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott segnen möge ! Nun ertheilte Bonaventura den Segen . Die Beichtende erhob sich langsam ... Ein Diener , der in einiger