mächtigerer da ist . « Walter sagte nach einer Pause : » Sind Eure Excellenz überzeugt , daß Haugwitz auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat ? « Der Minister fasste leicht seinen Rockzipfel : » Ein König , mein Lieber , ist ein Mensch , und ein Mensch noch nicht ein Chamäleon , wenn die Meinungen in ihm schwanken . Die Friedrich und Joseph , die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen . Die Mehrzahl der Fürsten sind Menschen wie wir . Das Gute und das Böse , das Richtige und das Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glücksrad . Da ist es Pflicht der gewissenhaften Räthe , den Augenblick ergreifen , wo das Gute und Richtige oben liegt . Da müssen sie das Rad stille halten , sie müssen es , sage ich , auf die Gefahr hin , daß es sie ergreift und zerdrückt . Trauen sie sich das nicht zu , sollen sie in der Schreibstube bleiben , oder ihrem Ehrgeiz mit Kammerherrnschlüsseln genügen lassen . - Wer so dreist ist , da oben stehen zu wollen , hat vor Gott , vor dem Volke , vor seinem Könige selber die Pflicht , ihm dreist ins Gesicht zu sehen . Nicht seine gute Launen soll er belauschen , um Gefälliges sich und Anderen zu wirken , seine ernsten Augenblicke soll er ihm abstehlen , und wollen sie entfliehen , soll er sie festhalten , mit eisernem Händedruck , er darf die Runzeln des Unmuths nicht sehen , er soll den sprudelnden Zorn nicht achten . Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm , über Beiden steht ein anderer König , vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind . - Und dringt er absolut nicht durch , soll er vor seinem Könige sich neigen und sprechen : nimm das Amt zurück , das noch rein ist in meinen Händen ! Wehe dem , der ein leichter Gewissen hat , es zu beflecken . Das ist ein wahrhaft treuer Diener . Die armen Könige , die keine Männer finden , nur treue Diener wie diese hier ! « setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat , die Arme unterschlagend , ans Fenster . - » Die armen Könige ! « wiederholte er , » ich könnte sie bedauern . Solche treue Diener waren es , die die Throne unterhöhlt , Dynastien gestürzt . Ein arglistiger böser Staatsmann hinterlässt Flecke ; die kann man auswaschen , ausbeizen . Ein Chamäleon , das von jedem Regenbogenstrahl der königlichen Laune durchschauert ist , und ihn in Reskripten und Gesetzen austräufen lässt in alle Adern des Landes und Volks , dem Flüchtigen den Stempel der Autorität aufdrückend , der verdirbt die Völker und die Monarchien . Ich sage Ihnen , - « Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn , zugleich brachte der Diener Licht . Es war Abend geworden . Fünfundsiebenzigstes Kapitel . Gewetzte Degen . Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer , unterbrochen von schallendem Gelächter . Ein schärfer Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört , aber die Fenster , die ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden , ließen es nicht zu . Auch der Minister öffnete einen Flügel : » Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore ! « - » Die Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart , « bemerkte Walter . » Man sprach davon , daß es unter ihren Anhängern einen Skandal geben könne . « - Der Minister blickte hinaus : » Ich sehe Uniformen , wenn ich nicht irre , Gensdarmen . - Der Lärm kommt näher . « Das Gelächter war jetzt mit lebhaften Hussas , Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt . » Etwa noch eine Schlittenfahrt ! Daß Gott erbarm , diese Menschen lernen nichts . « Eine Menschenmasse wälzte sich auf die Straße zu , und die klappenden Hacken auf dem Pflaster deuteten auf ein Laufen . Eine Art Verfolgung musste sein , aber die Verfolgten , wie immer Straßenjungen voran , jauchzten zugleich wie in einem Triumphgesang . » Die Sache wird ernsthafter . Sie möchten sich umsehn , Asten , was es giebt . « Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam eben mit einem Rapport herauf , der von den Ausrufungen , die man jetzt deutlich von der Straße hörte , unterstützt ward . Es war allerdings ein Straßenskandal , doch ernsterer Art. Viel junge Gensdarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg spät zurückgekehrt . Der Wein sollte in Strömen geflossen sein . Gläser klangen , zerbrachen , einige waren sogar durch die Fenster geflogen . Es galt aber weder der Schick noch der Unzelmann , sondern den Franzosen und Napoleon . Man hatte sich in einen Harnisch getrunken , gesungen und votirt . Beim weiten Wege durch den nächtlichen Thiergarten war der Rausch nicht verraucht , vielleicht hatte der Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Thore ihn noch erhöht . Die Kühnsten vorauf waren als Sieger durchgesprengt . Wo es beschlossen worden , ob hier erst , oder schon in Charlottenburg , weiß man nicht . Plötzlich war man abgesessen und nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen . Der eigentliche Hergang ward verschieden erzählt , man hatte Ursache , die Sache zu vertuschen . Ob man Spottweisen angestimmt , was man schrie , welche Reden man sich gegen den Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt , blieb unausgemacht , aber junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen , und auf den Treppenstufen zum Hotel gewetzt . Es konnte im Dunkeln geschehen . Weder die Sterne am Himmel , noch die spärliche Straßenbeleuchtung machten die Uebermüthigen kenntlich . Aber plötzlich , wie durch einen Zauberschlag , wurde es im Hotel hell . Die Fenster , von denen man die Läden fortriß , glänzten von so schnell angezündeten Kerzen , daß die Vermuthung wenigstens da war , der Ambassadeur habe , wie von Allem , auch von diesem Impromptu Witterung gehabt . Symbol für Symbol . Wir kündigen den Frieden , rief der Klang ; ich nehme die Kündigung an , antwortete der Lichterschein . Uebrigens blieb es todtenstill im Haus , kein Kopf zeigte sich an den Fenstern . Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen Manifestation zurückgesprungen , und hüllten sich in ihre Mäntel . Nur einige jüngere , in denen der Wein glühte , waren durch den Lichtschein , auch wohl durch die Akklamationen des Straßenpublikums , das sich in immer dichteren Schaaren sammelte , noch mehr entzündet . Aber während ihre geschwungenen Pallasche funkelten , vernahmen Andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide klirrende Säbel . War auch hier ein Verrath , eine Denunziation , eine geheime Sympathie im Spiele ? Die Thatsache war , im Gouvernementsgebäude musste der Feldmarschall Möllendorf , oder wer ihn vertrat , wach gewesen sein , denn Husaren und Polizeidiener sprengten heran , um dem Unfug zu steuern , die Thäter zu ergreifen . Der Lärm wuchs . Die sympathisirenden Zuschauer bildeten noch einen Wall gegen die andringende Polizeimacht . Unter den besonnenen Theilnehmern an dem Abenteuer war die Gewissensfrage , ob sie für ihre Personen sich ins Dunkel salviren , und die jüngern Unbesonnenen , die nichts von der Gefahr ahnten , ihrem Schicksal überlassen sollten , oder ob ihre Pflicht erheische , sie mit ihnen zu theilen ? Bei einem Rittmeister , den mittleren Jahren näher als denen der Jugend , war der Entschluß schnell zum Durchbruch gekommen , denn aus dem Dunkel der Bäume , wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft , sprang er plötzlich zurück , umfasste einen jüngern Offizier , der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im Fenster des Erdgeschosses berührte - in welcher Absicht , wusste der junge Mensch nachher selbst nicht - und mit den Worten : » Fritz , bist Du toll ? « schleuderte oder riß der starke Mann ihn zurück . Fritz schrie Worte , die vor jedem Gericht als Landesverrath gelten mussten , der Rittmeister küsste sie ihm von den Lippen : » Ja , Fritz , wenn ' s losgeht , schlagen wir ihn mit einander todt . Du nicht allein . Fritz , Respect , ich bin Dein Onkel , Dein Chef , ich schlage mit . Aber jetzt , Ordre parirt ! - Mäuschenstill ! « Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen und um die Schultern des Neffen geknüpft . Der Neffe parirte auch , er schulterte , ein Gliedermann , aber in der Hand den blanken Degen . - » Platz ! Platz ! « riefen die Polizeimänner . - » Retten Sie sich ! « riefen viele Stimmen aus den Gruppen ; die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern , deren Uebermuth so oft doch ihre lauten Aeußerungen des Unwillens hervorgerufen hatte . Der Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen und ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefasst und ins Gedränge geführt . Er war gerettet , aber sein Retter - in der leuchtenden Uniform , den blanken Degen in der Hand ! » Da steht er ! « rief der Kommandirende der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen , den die Reiter schon von fern gesehen , mit der Degenspitze an den Fenstern klirren . » Platz ! Platz ! « Der Platz aber war gerade das , was fehlte und wo er noch war , trat die hülfreiche Straßenjugend ein , ihn zu versperren . Es war von je in ihrer Art , die Polizei zu necken , und wir verschwören nicht , daß sie der Patrouille falsche Weisung gab , um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken . Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Mann unter den Arm gefasst und fortgerissen . » Eilen Sie , schnell dort um die Ecke ! « rief eine ihm nicht unbekannte Stimme . Als sie um die Ecke waren , und der Offizier einen Augenblick Athem schöpfte , erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn seines Freundes van Asten , der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst vergolten hatte ; es überkamen ihn aber andre Empfindungen , als die des Dankgefühls , indem er den Schweiß von der Stirn wischte . » Ein Offizier darf doch nicht Reißaus nehmen ! « » Nicht vor dem Feinde , « entgegnete Walter , » aber vor einem Skandal . Schnell fort , bester Herr von Dohleneck . « Der Herr von Dohleneck , der , wenn auch nicht so viel als sein Neffe , doch auch viel des süßen Weines getrunken hatte , erhob den blanken Degen in die Luft : » Stehen oder fallen ! « » Gegen die Franzosen , Rittmeister , nicht gegen die Polizei . « Er zog ihn weiter . Aber der Rittmeister blieb wieder stehen . Er lehnte sich an einen Brunnen . » Das ist ja eine verfluchte Geschichte - « » Die noch übler werden kann . Eine Verhöhnung des Gesandten , eine Verletzung des Völkerrechtes . Um Gotteswillen kommen Sie , schnell - weiter . - Werfen Sie den Degen fort ! « - » Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen ! - Wer sagt das ! « - » Es ist ja nicht Ihr Degen . Ein fremder Pallasch , den Sie einem Ruhestörer aus der Hand rissen . Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide . - Ich will ' s bezeugen , wenn ' s zum Schlimmsten kommt . Sie wollten nur Ordnung herstellen , Sie haben Ihren Degen nicht gewetzt . - Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen . Es könnte sehr schlimm werden , außerordentlich schlimm , Herr von Dohleneck . « » Hol ' mich der und jener , das ist grade eine Geschichte wie damals bei der Schlittenfahrt - « » Schlimmer , « drängte Walter ; » damals profanirten Sie Luther , der es Ihnen gewiß vergeben hat , heut Bonaparte , der es nie vergiebt , nicht Ihnen , nicht uns , nicht dem Könige . « - » Der König auch nicht ! « rief der Rittmeister . » Ach Gott , ich bin ja Katharina von Bora . « - » Besinnen Sie sich . « - » Nein - richtig - ich war nur ihr Kammermädchen . Das ist alles eins . Wenn er ' s erfährt , bin ich kassirt . « - » Theuerster Herr von Dohleneck , ich wünschte , die Weihe der Kraft überkäme Sie , und Sie beschleunigten Ihre Schritte . « Dabei blickte sich Walter um , ob nicht irgendwo eine Hausthür sich öffne , in die er seinen Begleiter schieben könnte . Aber es war einige ruhige Straße , man hatte mit der Bürgerglocke geschlossen . Nur an den erhellten obern Fenstern blickten Neugierige heraus . Es war nicht der aufsteigende Weingeist , der schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte . Jene berüchtigte Schlittenfahrt der Gensdarmen-Offiziere , in der sie Luther , Katharina von Bora und deren Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt , ein Ereigniß , das ganz Berlin in Aufruhr gebracht , hatte den langmüthigsten König aufs Empfindlichste gereizt : sein eigner Wille war diesmal durchgedrungen , und wenn die Thäter auch nicht so gestraft wurden , wie er für angemessen hielt , wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft , seit langer Zeit ein Ereigniß , was noch mehr überraschte , noch mehr von sich sprechen machte , als der tolle Streich selbst . Er brauchte nicht der Erklärung , die man versucht hatte , daß dieser oder jener Minister , oder ihre Frauen , eine Pique gegen einen oder den andern der Offiziere gehabt , es war der religiöse Sinn des Monarchen , der die Profanationen rächte . Man wusste auch schon , daß er derartige Kränkungen nicht vergaß , und Die , welche damals der Strafe entgangen waren , blieben doch in seinem vortrefflichen Gedächtniß notirt . Da rollte eine Equipage vorüber , von links und rechts , von beiden Seiten der Straße zeigten sich berittene Piquets . Das Halt ! welches Walter dem Kutscher zurief , hatte eine glückliche Wirkung . Das war ein Moment . Im zweiten hatte er den Kutschenschlag aufgerissen . Es saß nur eine Dame darin . Walter rief hinein : » Wer Sie auch sind , es gilt , einen Verfolgten retten . Kein Widerspruch , kein Laut ! « Man wird sich nicht wundern , wenn die Dame , trotz des kategorischen Befehls , ihm nicht ganz nachkam , denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin Eitelbach erschräke nicht , wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem Degen ohne ein Wort , ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt . Sie schrie auf : » Herr Jesus , was ist das ! « - Das folgende : » Er bringt mich um ! « erstickte aber schon auf ihren Lippen , als von denen des Offiziers unter einem schweren Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach , dann die Worte : » Ich kann nicht dafür ! « Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann , der auf den Rücksitz - halb sank er hin , halb warf er sich . Der Degen rollte aus seiner Hand . Die Baronin fing ihn auf ; er war scharf - natürlich er war gewetzt , und an den Sandsteinstufen des französischen Gesandten ! - und sie verwundete ihre Finger . - Nach Hause -- das schicken wir hier vorauf - kam sie , die Hand umwunden mit ihrem Battisttuch . Ob sie sich selbst verbunden , ob der Rittmeister den Chirurgen gespielt , darüber schweigen unsre beglaubigten Nachrichten . Das war der zweite Moment gewesen . Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen und dem Kutscher zugerufen : » Nun zugefahren , was das Zeug hält ! « Der Kutscher gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl und der Wagen kam unangefochten durch das Polizeipiquet . Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon . Das Husarenpiquet , welches eben um die Ecke schwenkte , als der Wagen abfuhr , schien Miene zu machen , ihm nachzusetzen . Der Kommandirende , welcher unsern Freund zu kennen schien , salutirte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel , um die Frage einzuleiten : ob nicht ein Militair in die Kutsche gesprungen sei ? » Der Schlag ward geöffnet , « entgegnete Walter , » und die darin sitzende Dame nahm , wenn ich nicht irre , einen Bekannten auf . « » Ein Offizier mit blankem Degen ? « - » Der Degen , wenn ich recht verstand , war mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen . « - » Kornet Wolfskehl , « rief der eine Husarenoffizier . » Sagt ich ' s nicht ! « - » Ich lasse mich nicht täuschen , « erwiderte der Kommandirende , » das war Dohlenecks Statur . Sie müssen ihn ja kennen , Herr van Asten ? « - » Sollte der Rittmeister so jugendlicher Tollheit zugänglich sein ! Es war zu dunkel . Aber meine Herren , da entsinne ich mich ja , der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine Lhombrepartie eingeladen , Exzellenz Blüchers wegen . War Lombard oder Herr Crelinger der Vierte , darüber bin ich nicht recht gewiß , aber - warten Sie , - es wird mir gleich einfallen - « Der Kommandirende lächelte : » Wir danken für den Avis . « - » Kornet Wolfskehl wird wohl zu fangen sein , « meinte der Zweite . Die Husaren sprengten ihrer vorausgeeilten Patrouille nach . Wir verschwören nicht , daß in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär nicht die wohlmeinende Absicht mitgespielt hat , dem Verfolgten Zeit zu lassen . Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glücklich der Polizei und den Husaren , und als er vor dem Hause der Madame Braunbiegler hielt , war nichts Gefährliches passirt , als daß eine Scheibe im Kutschenschlage - wahrscheinlich durch einen zufälligen Ellenbogenstoß - entzwei gegangen war . Auch hatte sich seltsamer Weise ein Fußgänger , nach einer Verständigung mit dem Kutscher , zu ihm auf den Bock gesetzt . Dieser war , schneller als der Kutscher herab gesprungen , und bereits verschwunden , als letzterer sich langsam herunter machte , um , in Ermangelung eines Bedienten , den Wagen zu öffnen . Ehe das geschah , hatte sich aber die Wagenthür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war nach einem langen zärtlichen Kuß auf die Hand der Baronin entschlüpft . Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft hinaufgestiegen . Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu thun . Ein Glück , daß die große Gesellschaft , welche sich noch spät bei der Braunbiegler versammelt , mit andern Dingen beschäftigt war , um auf ihre Verlegenheit Acht geben zu können . Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch um ein Bedeutendes steigern müssen , als die Wirthin ihr mit dem Bedauern entgegen kam , daß sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe , sie hoffe , es werde doch nicht üble Folgen haben . Die Wirthin hatte nicht Zeit , ihr Erröthen zu bemerken , sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen einzelnen Gast . Auch Andere , die an ihr vorüber streiften , beklagten die schöne Hand . » Es wird aber gewiß nichts auf sich haben . « Wusste denn Jeder nicht nur die Thatsache , sondern schon das Märchen , was sie sich künstlich zurecht gelegt , um die Wahrheit verbergen zu dürfen ? - Von wem hatten sie ' s erfahren ? - Gott sei Dank , daß sie wenigstens das nicht gehört , von dem nichts wussten , was - es war das erste Geheimniß , was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg . Die Brust blutete vielleicht heftiger als die Hand . In solchen Stimmungen kann eine große Gesellschaft , wo Keiner Zeit und Raum hat , auf den Andern Acht zu geben , zur Wohlthat für ein geängstetes Gemüth werden . Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt , sie bestand mehr aus den Optimaten des Reichthums als der Geburt . Der Reichthum hing von den Decken als Kronenleuchter , Armleuchter , Festons , Seiden- und Damastgardinen ; er lastete in den Aufsätzen der Nischen und Ecktische , in den Teppichen auf dem Boden , vor allem auf und an der Wirthin . Zum Schildern ist nicht mehr Zeit . Die Juwelen , Ketten , Ringe , Aufsätze , die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel , von den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug , waren in Berlin sprichwörtlich . Reichthum , überall , wohin man sah , nicht ausgebreitet , sondern aufgeschichtet , lastend , prahlerisch , ohne Geschmack . In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung der Lebendigen , der Hauch , der über eine Gesellschaft hinfliegen soll , den Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen . Der Patriotismus hier war anderer Schattirung als der , welcher den Scheiben des französischen Gesandten gedroht . Das große Ereigniß , welches die Straßen , die höheren Kreise heut Abend in Bewegung versetzt , die diplomatischen in Entsetzen , hatte weniger Wirkung hervorgebracht . Man betrachtete den Krieg als etwas Ausgemachtes , Nothwendiges , die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden weniger . Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die sechs neuen eben erschienenen Kriegslieder , komponirt von Helwig , zu singen . Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler , komponirt von Mappes : » Endlich tönt der Ruf der Lust ! « Aber es war ein anderer , näher liegender Gegenstand , der die praktischen Leute beschäftigte . Gestern war eine Frage entschieden , die schon Wochen lang die Gemüther beschäftigt hatte : ob die Infanteristen Mäntel haben müssten ? Es war eine Frage gewesen , so wichtig , so ernst behandelt und so lebhaft als irgend eine , welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin , von den Spitzen der Thürme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden und dort ihre Streiter gefunden hat . Fragen wie die , ob das neue Jahrhundert um Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse , ob Fleck oder Iffland ein größerer Schauspieler , Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr gewesen ? Es war eine ungeheure Neuerung , das gestand sich Jeder , Vielen schien sie gefährlich , weil den Franzosen nachgebildet . Ja , ein Husar , ohne Mantel gedacht , war kein Husar mehr ; aber was blieb er noch , wenn auch Musketiere , Füsiliere , Grenadiere Mäntel erhielten ! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie schien über den Haufen geworfen , ein so unübersehbarer Eingriff in die bestehende Ordnung , als heute Vielen eine Gemeindeordnung bedünkt , die den Unterschied von Stadt und Land aufhebt . Friedrich hatte mit einer Infanterie ohne Mäntel gesiegt , er musste doch wissen , warum es so besser war . Ein guter Soldat muß nicht frieren , wenn sein König befiehlt , daß er warm ist . Aber die Neuerer hatten eingewandt , daß auch der Infanterist ein Mensch ist , und daß jeder Mensch friert , wenn es kalt ist , daß der Regen den einen durchnässt wie den andern , daß der Krieg seit Friedrich eine andere Façon angenommen , daß Napoleon die Winterkantonirungen nicht mehr respektire , daß er seine Feinde zu Winterfeldzügen nöthigte . Die Mäntelpartei hatte gesiegt . Gestern hatte ein Erlaß der Geheimen Ober-Finanz- , Kriegs- und Domainen-Direktion das Publikum davon avertirt : wie Seine Majestät , der König , schon längst darauf Bedacht genommen , daß der Soldat im Kriege nicht frieren dürfe , und wie es Seiner Majestät Wunsch sei , daß alle seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten , namentlich die Infanterie Mäntel mit Aermeln , die Kavallerie wollene Unterhosen . Da aber selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf mannigfache Schwierigkeiten stoße , so werde die Bereitwilligkeit der Nation angerufen , das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu unterstützen und ihren warmen Patriotismus durch die That zu bewähren . Mäntel ! war das Loosungswort durch die Stadt , im Civil , während das Militär nur Krieg wollte , mit oder ohne Mäntel . Zum ersten Mal war das Publikum aufgerufen , ein großes Werk des Allgemeinwohls zu unterstützen , ja die Initiative war ihm in die Hand gegeben . Wen darf es wundern , wenn es umher brauste und schwirrte , eine Thätigkeit sich entwickelte , die sich selbst hemmte und verwirrte . Der Staat hatte bisher für Alles gesorgt , nun sollte der Bürger nicht allein für sich , auch für den Staat sorgen ! Kommissionen und Ausschüsse zu bilden , wo sollte man gelernt haben , was sich jetzt von selbst macht ! Der Magistrat , der es in die Hand genommen , fand dafür kein ander Mittel als eine Subskription , die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden sollte . Das war ein langer Weg . Aber nun fühlte sich Jeder berufen , auf seine Hand es in die Hand zu nehmen ; die Nähterinnen und die Geheimräthinnen , auf den Kanzeln und in den Werkstuben , im Theater und in den Weinhäusern , auch in andern Häusern , es war überall nur ein Wort , überall wollte man helfen , noch lieber Rathschläge geben , wie man helfen könne . In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite . Auf dem Conto Debet stand Patriotismus und Tuch . Was Madame Braunbiegler gezeichnet , konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen . Die Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab ; auch sie las auf jedem Gesichte , wie viel ist der Mann werth ? Wie viel hätte er zeichnen müssen ? Wie viel hat er zu wenig gezeichnet ? Wie viel zu viel , um sich höher zu stellen ? Endlich - wie tief stehen sie alle unter dir ! Ihr zunächst musste der Baron Eitelbach stehen . War er doch ihr Kompagnon ! - Aber er stand nicht , er ging , er flankirte mit seinem strahlenden Gesicht durch die Gruppen . » A propos , ma belle ! « rief der witzige Baron , als er seine Gattin zu Gesicht bekam , » was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestoße ? Denkst Du , Glas kostet kein Geld ? Werde die Thüren mit Brettern vernageln lassen , profit tout clair ! Dann sieht auch Keiner , mit wem Du drin sitzest . « - » Du weißt - « Ihre weißen Perlenzähne starrten ihn an . » Ziert sich , weil er ihr den schönen Arm küssen will , und stößt dabei die Scheibe ein . « Ihre Perlenzähne verschlossen sich , aber ihre schönen Augen wurden größer . » Mir schenkt man reinen Wein . « - Jetzt erst platzte das » Um Gotteswillen wer ? « heraus . » Wer anders als der Legationsrath ! Was war ' s denn nun , daß er zu Dir in die Kutsche sprang ? Muß man sich darum so haben ? « - » Der Legationsrath ? « - » Ist ein gescheidter Mann und wird nicht plaudern . « - » Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn . « - » Man kann Viele nicht ausstehn , ma chère , und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft . « In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an . » Ma chère , verstehe mich . Die Sache ist ganz simpel . Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der Braunbiegler - Wenn ' s zum Klappen kommt , wird sie - den Teufel - so dumm sein und einschlagen . Aber ' s ist doch die Möglichkeit , wer kennt die Weiberherzen . - Und ein solcher Kompagnon ins Geschäft , na , da gratulire ich ! Also - « » Was denn ? « - » Um ' s kurz und klein zu machen , laß ich Dir von ihm die Cour machen , so viel er Lust hat , und wenn er zu Dir in den Wagen springt , schrei nicht auf . « - » Der Legationsrath ! « Weiter wusste die schöne Frau nichts zu sagen , denn der Legationsrath stand vor ihnen . Es ging zur Tafel . Der Baron legte den Arm seiner Frau in den des Rathes : » Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung . Sein Sie liebenswürdig , so viel Sie können , es wird Niemand eifersüchtig - « In sich lachend , setzte er hinzu : - » außer wer es soll ! « Das Opfer ging neben Dem , dem sie geopfert schien . So roh , widerwärtig , war ihr Gatte ihr nie vorgekommen . Wandel ging im würdigsten Ernst . Er sprach Gleichgültiges , unbefangen . So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar , aber sein Gespräch , seine Erzählungen waren für Alle , sie mussten Jeden interessiren . Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht , die Braunbiegler ward nicht eifersüchtig , die Baronin aber saß auf Kohlen . Nachher kam ein Moment , um mit Wandel , in eine Fensternische von den Aufbrechenden zurückgedrängt , unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen . » Um Gotteswillen , was ist das ? « Wandel antwortete , mit der Quaste der Gardine spielend , als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgend eine Trivialität : » Seien Sie unbesorgt . - Ich bin , ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre - der Kutscher ist von mir gewonnen : es wird noch Alles gut werden , wenn Sie sich nicht selbst verrathen . « - » Mein Gott , Herr von Wandel , wie komme ich