die nicht minder belebt waren und wie man hörte , im zweiten Theile des Festes ganz besonders gesucht sein sollten . Geradeaus führten Stufen , die links und rechts von Candelabern erleuchtet waren , zu einem wirklich im Lichte schwimmenden brillanten gewaltigen Tanzsaale , wo sich Hundert von Paaren schon in wildem Galopp tummelten und die rauschendste Blechmusik schmetternd von den Wänden widerhallte . Hierher also zog es Hackerten ! sagte Siegbert , indem er auf den ersten Blick gleich nach ihm suchte . Kein Wunder , daß es ihm hier mehr gefällt als im vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brandgasse Nr. 9 , neben einer Stube schnarchender Kinder und den gespenstischen Uhrschlägen , die an die schnellverrinnende Zeit und an den Tod erinnern . Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht gesehen . Hier und dort fesselte ihn eine Bekanntschaft ; da ein Offizier in Civil , hier ein junger Advokat , dort sogar ein junger Gelehrter , der durch die Brille mit zusammengekniffenen Augen lächelnd über die wilden Massen objektiv philosophirte . Siegbert fand einige Maler , die da behaupteten , Modelle zu suchen . Die Mehrzahl aber gehörte der dienenden und arbeitenden Klasse an . Hier war die Frage vom Proletariat zwar nicht gelöst oder widerlegt , aber doch eine Weile suspendirt . Was dein Franzose Louis Armand wol über einen solchen Ball sagte ? flüsterte Dankmar dem Bruder zu . Ich fürchte , er sieht in diesen Polkas und Cotillons die bloße Desperation der arbeitenden Klassen . Siegbert , statt darauf zu antworten , zeigte dem Bruder die geschmackvolle pompejanische Malerei des Saales , die hübsche Einrichtung der Logen , durch die man durch versteckte Hintertreppen gelangte , das wirklich Gefällige und Kunstgerechte , das sich heutiges Tages bis in die gewöhnlichsten Bauten erstreckt und den , freilich auch bedenklichen Schönheitssinn der Massen nur entwickeln kann . Die Hitze war indessen hier trotz der geöffneten Thüren und Fenster so erstickend , daß die Brüder wieder in den Garten zurückkehrten und sich ernstlich nach einem Plätzchen umsahen , wo sie einigermaßen ungestört sich unterhalten konnten . Sie fanden ein solches , wenn auch ziemlich entlegen , in jenen unheimlichen düstern Regionen , wo nur die Liebenden sich wohlbefanden . Die Trompeten und Pauken dröhnten hier nicht mehr so ohrenerschütternd herüber . Es war ein einfacher Tisch , den sie fanden , mit zwei Stühlen an einem vielleicht erst vor einigen Monaten eingesetzten Apfelbaum , der vielleicht noch nicht zwei Blüten getragen hatte , aber ein Stachelbeerstrauch bot doch eine Art Rückwand und vor allen Dingen man konnte hier sein eigenes Wort verstehen . Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen , es käme ihm hier vor wie an der Kegelbahn im Pelikan , so mußte Dankmar ' s Zustimmung zu dieser Vergleichung um so treffender sein , als die Brüder zu ihrem größten Erstaunen in dem Kellner , den sie anriefen , ihnen Wein und die Speisekarte zu bringen , Niemanden anders erkannten als den leiblichen Ehegatten der Kathrine Bollweiler aus dem Pelikan , den Angeroder Fuhrmann Peters ! Aber Peters , ist es denn möglich , Sie hier ? riefen die Brüder . Ach , du mein Himmel ! war Peters ' ganze auf den Lippen ersterbende Antwort . Sie hier in der kurzen Kellnerjacke ? Was ist Das ? sagte Dankmar lachend . Ja ! Ja ! stammelte Peters . Was ist Das ? So heißt ' s immer auf die zehn Gebote . Und die zehn Gebote hab ' ich immer perfekt gekonnt ; aber beim Was ist Das ? Da hab ' ich immer gestockt . Ja , ja ! Was ist Das ? Peters , Sie sind melancholisch ? Freuen Sie sich denn nicht , daß ich da bin ? Sagte Ihnen denn Hitzreuter , der dicke Pelikanwirth , daß Alles in Ordnung ist ? Wo waren Sie denn gestern ? Gestern wo ich heute bin ! Sie sind Kellner in der Fortuna geworden ! Ist es möglich ! Wie hängt Das zusammen ? Haben Sie denn den Bello noch erkannt ? Lahm ist lahm und hier soll Einer flink sein ... Peters Aufwärter auf dem Fortunaball ! Aber wo ist denn die Kathrine ? Unten im Tunnel ! Im Tunnel ? Peters , ich glaube wir träumen oder den Pelikan hat man hier in die Fortuna verlegt ... Der Pelikan ist ein Thier , das sich die Brust aufreißt für seine Jungen , fiel Siegbert ein . Sie haben ja keine Kinder , Peters ! Wie kommen Sie ... Der Pelikan vorm Tempelheider Thor hat sich auch die Brust aufgerissen , aber für seinen Bruder ... sagte Peters mit einer sonderbaren Melancholie . Aufklärung , Peters ! Das ist uns zu gelehrt ! Zuviel Fuhrmannslatein ! Mein Dicker hat das Geld hergeliehen für einen neuen dummen Streich , den sein Bruder macht - erklärte Peters . Ist Hitzreuter der Bruder des Hitz - Ah ! Richtig ! - Sind die Hitzreuter ' s Brüder ? Das sehen Sie ja ! Wo soll das Geld herkommen für die Fortuna ? Der Pelikan hat auf die goldene Kugel da vorn eine Hypothek von fünftausend Thalern . Und auf dieser Kugel rollte auch die Kathrine in den Tunnel und Peters - In die Marqueurjacke ! sagte Peters tiefaufseufzend mit einem schmerzzerrissenen Blick zum Sternenhimmel . Aber das scheint Ihnen nicht zu behagen , Peters ? Kein Wort über Bello ? Nichts von dem Schrein ? Keine Frage nach Euren ehrlichen Zeck ' s ? Peters , was habt Ihr ? Was ich habe , ist Alles eins ; aber Sie haben den Schrein und dafür bin ich auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmlischen Heerscharen gedankt . Ja , Peters , wir wissen wenigstens , wer den Schrein gefunden hat . Der Justizrath Schlurck hat ihn gefunden und morgen am Tage wird er in unser Palais gefahren . Hört ' ich Alles schon vom Hitzreuter ; aber wie der Justizrath ihn hat finden können - Ist Euch nicht klar , Peters ? Auch mir noch nicht . Aber gesteht nur , eine Achse , die Einem vor der Nase bricht und ein Rad , das Einem auf den Kopf fällt , nimmt die Sinne - Ihr hattet sie alle fünf verloren . Mag wol ! Ich war elend und mocht ' s nicht sagen . Es war meine letzte Fahrt .. Angerode seh ' ich nicht wieder und Das muß ein Glück sein . Fortuna ist ja wol die Glückshexe - was ? Richtig verdeutscht ! Nicht mehr und nicht weniger . Aber zum Glück macht man kein so saures Gesicht wie Ihr ? Und Siegbert , der wohl verstand , was den Armen in der Jacke drückte und dem als Maler die Poesie des deutschen Fuhrmannslebens gegenwärtig war , setzte zu diesen Worten Dankmar ' s hinzu : Ihr wäret lieber Fuhrmann geblieben ? Das seh ' ich , Peters . Das möcht ' s wol sein , entgegnete Peters mit einem sichtlichen Ausdruck von verbissenem Kummer . O die liebe Zeit ! Ich schäme mich ! ... Nach einem aus tiefster Brust gezogenen Seufzer fragte er die Herren , was sie denn nun » schafften « ? und zog dabei mit einer Art von stiller Wehmuth langsam und wie verstohlen den Speisezettel aus der Brusttasche . Dankmar fand dies Bild sehr komisch . Peters , begann er , wenn Sie diesen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben - setzen Sie sich doch ! Sagen Sie uns doch - Du mein Himmel , ich setzen ? Wie darf ich mich unterstehen und mich hierher setzen ? Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wünschen nichtentsprechende Metier ? Erst seit drei Tagen . Die Fuhren zwischen hier und Angerode hören auf ! Die Ausspannung im Pelikan ist nicht mehr der Rede werth ; der dicke Hitzreuter hat Das so mit seinem Bruder abgemacht und wenn ich ' s auch nicht wollte , die Kathrine will ' s. Die Kathrine ! Die will ' s ? Peters , Ihr ein Fuhrmann , ein Freiherr der Landstraße , Besitzer einer sechssträhnigen Peitsche - und die Kathrine will ' s ? Das ist wahr ! Freiherr war ich ! Wenn ich mit meinen Gäulen auf der Landstraße fuhr , die Dörfer schon von fern mit meiner Peitsche grüßte , wenn der Schmied schielend und prüfend auf meine Räder sah und ich mit dem Schellengeklingel der Pferde , die mit ihren ledernen Kummten ordentlich den Kopf schüttelten und Nichts ! sagten , ich auch Nichts ! sagte und Alles stolz und solid und im besten Geschirr war - Bis einmal eine Achse brach und ein gewisser Schrein gestohlen wurde - fuhr Dankmar humoristisch fort . Ja , Das war meine letzte Fahrt ! Ich wußt ' es nicht , aber keine Schraube war mehr in Ordnung : am Wagen nicht und im Kopf nicht . Ich wußte nicht , was ich hinfort nun noch im Leben soll und hätt ' ich ahnen können , daß mir mein Gevatter Hitzreuter diese Jacke anziehen würde , wer weiß - Aber bester Freund , sagte Dankmar , Ihr Ehrgeiz ist höchst achtungswerth , theilt ihn denn Ihre Frau nicht ? Meine Frau ! sagte Peters ergrimmt ... Heute Vormittag wollt ' ich Sie ja einmal besuchen ... Schön ! ergänzte Siegbert , die Schievelbein sagte mir ' s ! Es thut uns wahrhaft leid - Sie haben Kummer und beklagen sich über Ihr Weib . Was ist Das ? Was ist Das ? Immer was ist Das ? So heißt ' s immer hinter den zehn Geboten ! Die konnt ' ich , aber was ist Das ? nicht . Ich komme noch zu Ihnen derohalben ... für heute , sagen Sie mir , was Sie anschaffen ? Der Rindsbraten soll gut sein und vom französischen Wein sind alle gangbaren Sorten da . Die Namen kann ich nicht lesen , aber wenn Sie recht deutlich Ihre Worte sagen , behalt ' ich sie schon - Wohlan ! Eine Chateau Margeaux - Schatten Margo ... wiederholte Peters mit großer Unsicherheit ; und Rindsbraten - Was ? Nicht wahr ? Gut behalten ... Peters macht sich ! Bleiben Sie aber ja hier - damit ich mich zurecht finde ! Seit den drei Tagen hier in der Fortuna wird meine Grütze im Kopf immer dünner . Das halt ' Einer aus hier in dem Sündenspektakel ! Peters ging , schwerfällig wie seine Gäule . Dankmar mußte herzlich lachen , während Siegbert wahrhaftes Mitleid mit dem armen neubackenen Kellner empfand . Ich hätte nie gedacht , daß dieser Mensch ein solcher Esel ist , sagte Dankmar und doch bin ich nun fast gewiß , daß ihn die durchtriebenen Zeck ' s in Plessen gefoppt haben . Du urtheilst zu scharf ! sagte Siegbert . Solche Menschen haben nur den Verstand , der auf ihrer gewohnten , seit Jahren gefahrenen Straße liegt . Aus ihrem Beruf heraus , sind sie um alle Besinnung . Ich begreife dies ganze Verhältniß im Pelikan nicht . Es liegt auf der Hand . Dieser alte Ausspänner Hitzreuter hat Geld und gibt seinem Bruder Luftig die Mittel zu einem Etablissement , das besuchter ist als die Straße nach Angerode . Ich bin überzeugt , die Kathrine regiert unten den Tunnel und die Fortuna , wie den Pelikan und benimmt sich dabei geschickter als ihr Mann , dem die Kellnerei eine ungewohnte Sphäre ist . Wenn ich die spitzbübischen Zeck ' s - Wer sind denn die Zeck ' s ? Nun so höre ! Hier begann denn nun Dankmar endlich die Mittheilung des seinem Bruder versprochenen Reiseberichts . Die Behaglichkeit dazu gab die fröhliche Umgebung , der milde Himmel , der Sternenschein , das Flimmern der Lampen , vor allen Dingen aber der Rindsbraten nebst dem » Schatten-Margo « , den sich Peters ausdrücklich vom Besten erbeten hatte , weshalb er auch einen halben Thaler - mehr kostete , als die Brüder ihn bestellt hatten . Eine weitre Anknüpfung des Gesprächs mit dem stillen Dulder in der Kellnerjacke war nicht möglich ; denn schon riefen ihn andre Gäste . Mit einem schmerzlichen Seufzer und einem traurigen Blick zum bestirnten Himmel empor , folgte Peters den Pflichten seines neuen Berufes , während die Brüder durch den Wein und die trauliche Mittheilung sich jene behagliche Stimmung nachträglich in der Nacht schufen , die sie sich unter freilich viel comfortableren Verhältnissen für den Mittag vergebens geträumt hatten . Indem wir sie diesem Austausch uns bekannter Thatsachen überlassen , folgen wir in dem Gewühl der Menschen , die wir gern für unsre Charakteristik festhielten , vorläufig nur zwei ganz bescheiden auftretenden Männern , die ohne Masken in das Innere der Gärten auf ihr wohlbekanntes Antlitz freien Eintritt haben . Es sind Dies Kümmerlein und Mullrich , die beiden Diener der Gerechtigkeit . Neuntes Capitel Die Signalements Nun , Das geht ja hoch her ! begann Mullrich . Um solchen Heidenspektakel muß Eins aus seiner Nachtruhe heraus ! Bekanntes Gesindel wo man hinsieht , und Alles in Sammt und Seide ! Gott ist recht langmüthig geworden ... Kümmerlein , Mullrich ' s College , trug den garstigen und allgemein kenntlichen Dreimaster der Polizeiagenten etwas über ' s Ohr , denn der kleinere , spitznasige , scharfäugige Agent liebte Fröhlichkeit und Weiber und Musik und verließ diese Festlichkeiten nie , ohne sich vom Wirth und den sogenannten Observaten , den unter Aufsicht stehenden ehemaligen Verbrechern , regaliren zu lassen . Mullrich , sagte er , Sie werden je älter , je gottesfürchtiger . Das macht Ihr Reichthum ... Reichthum , Kümmerlein ? Von meiner früheren Schlosserei , meinen Sie ? Wie so ? Wer wie Sie , zwei , drei Geschäfte betreibt , der braucht sich den Kopf nicht zu illuminiren ; der ist still lustig für sich . Kümmerlein , Sie sind noch jung - Ach , Mullrich ... Sie drückt auch nichts als blos Ihr Geldsack ! Meine Frau hat mir erst eine lange Predigt gehalten , eh ' sie mir den Dreidecker aufsetzte - ich glaube , wenn ich hier oft in die Fortuna müßte , sie wäre im Stande , meinen Abschied zu fodern ... Thun Sie Das , Mullrich ! Machen Sie ärmeren Leuten Platz ! Was ? Einen Knochen fallen lassen , den man im Munde hat , weil Einem der im Wasser größer däucht ? Nein , Kümmerlein ! Die Vizewirthschaft wird doch wol am längsten gedauert haben . Wie so ? Wissen Sie denn nicht , daß die alten Häuser nun all an die Regierung kommen und diese Posten , die ein paar Groschen einbringen , verauktionirt werden , verpachtet oder sonst etwas ? Da bieten Sie denn selbst für Ihren Keller ! Dreihundert Thaler zum Ersten - was ? Dreihundert Thaler ? Freund , auf die geht eine halbe Million Pfennige - Wo denken Sie hin ! Nun ich parire , Mullrich , daß Sie monatlich ... lassen Sie ' mal rechnen ... Diese Ergüsse einer , wie Hegel sagt , rein » auf sich selbst bezogenen Reflexion « unterbrach ein Herr in eleganter feiner Kleidung mit einem großen Schnurrbarte . Wir kennen ihn bereits , würden ihn aber jetzt für einen reichen Rittergutsbesitzer haben halten müssen , der die Sitten der Hauptstadt studiren wollte , wenn nicht die dicken waschledernen Handschuhe ihm doch etwas mehr Derbes und Militärisches gegeben hätten . Es war Dies der Oberkommissär Herr Pax . Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt ! sagte der imposante Herr . Sehen Sie sich um ! Es sind zwar viele von dem Schutzamt hier , wie Sie beobachten werden , aber auch die Zahl der Vigilanden ist groß . Wo man hinsieht , alte Bekannte . Nehmen Sie Ihre Stellung in der reservirten Loge Nr. 18 und beobachten Sie von da aus den Ballsaal ... Nr. 18 ! Schön , Herr Oberkommissär ! Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen ? Nr. 1 ist nur einfach zu beobachten ; Nr. 2 aber sogleich festzunehmen . Es ist Polizei genug da , um auf den Pfiff unterstützt zu werden . Sehen Sie sich auch die Frauenzimmer recht an ! ... Die Maler-Guste nirgend entdeckt ? Nein , Herr Oberkommissär ! lautete die unisone Antwort . Auch Kümmerlein wußte gleich , wer die Maler-Guste war . Der Oberkommissär ging , wie ein stiller Beobachter , die Arme auf den Rücken verschränkt , weiter . Er war trotz des lauen Abends bis zum Halse zugeknöpft und drückte den Hut bis tief über die Stirn . Das ist das Beste , begann der kleine Kümmerlein , daß wir auf die Frauenzimmer sehen sollen ! Es ist hübsches Volk darunter , die schiefe Male hat doch Augen , die Einem gleich unter die Weste brennen . Guten Abend , Male ! Die schiefe Male lachte , schoß aber in Privatangelegenheiten rasch vorüber ... Kommen Sie , Kümmerlein , und lassen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal die Signalements vergleichen ! sagte der dienstbeflissenere Mullrich . Wie viel haben Sie denn ? Ein ganzes Zuchthaus voll ! Meine Brieftasche ist dick wattirt damit ... Ich habe aber nur zwei . Die von heute Mittag ? Lesen Sie mir ' mal vor ! Weiß der Henker , ich kann immer aus Paxens seiner Schreiberei nicht recht klug werden ... meinte Mullrich . Halten Sie ' mal meinen Stock ! antwortete gravitätisch der mit Schulkenntnissen begabtere Kümmerlein . Die beiden Polizeidiener hatten einen stillen Ort gefunden , wo sie ziemlich unbemerkt die beiden Signalements lesen konnten , die ihnen der Oberkommissär als sehr dringend bezeichnet hatte ... Ein Franzose ... begann Kümmerlein ; fünf Fuß , acht ... Zoll , schwarzes ... Haar , blasse ... Gesichtsfarbe , Mund ... mittel , Augen ... braun , Nase ... gewöhnlich , trägt ... einen ... Schnurrbart , 28 ... Jahre . Spricht gutes ... Deutsch mit ... französischem ... Kümmerlein buchstabirte das folgende Wort : A-c-c-e-n-t . Französischem Azent - Richtig . Deutsch mit französischem Azent - das heißt , man hört ' s ihm nicht an , daß er kein Franzose ist - Oder vielmehr ... Grade ! Man hört ' s ihm an ... Aha ! Also man muß französisch ... Ein Bischen muß man - Können Sie französisch ? Kümmerlein ? Kümmerlein behauptete , als ehemaliger Klempnergesell in Frankreich gewandert zu sein ; er wiederholte aber , daß ja der Franzose deutsch spräche ... Richtig , sagte Mullrich ; aber ... Azent ! Kümmerlein war etwas verlegen über die Auskunft , die er geben sollte und las deshalb kleinlauter im Papiere weiter : Hier steht ' s wie er heißt ... Louis ... Armand ... besondere ... Bemerkung : Man hat ihn im ... Umgange mit ... Handwerkern , besonders ... Willing ' schen Maschinenarbeitern ... aha ! ... zu beobachten - Ah so ! Das ist politisch ! Französische Aufwiegelei ! Deutsch mit ' nem Azent ! Da wollen wir doch aufpassen ; denn das Politische - Pst ! Stille ! bedeutete Mullrich und sah sich rasch um ... Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern vorüber und warf aus einer grünen gemalten Brille über der gewaltigen Nase einen scharfen Blick auf die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten , indem sie eine Secunde etwas hustend stehen blieb ... Wünschen Sie etwas ? fragte Kümmerlein . Pardon ! war die Antwort und die Maske mit der grünen Brille huschte rasch wieder in ' s Dunkel und verschwand mit ihrem etwas röchelnden Husten hinter den Büschen . Pardon ? riefen die beiden Collegen ... Pardon ? Das war ja - Französisch - Mit ' m Azent - Kommen Sie doch ! sagte Kümmerlein , ich glaube , der echappirte auf den Saal zu und überhaupt sollen wir auf Loge Nr. 18 vigiliren . Eine grüne Brille ? Merken wir uns Das , Mullrich ! Es war ein Franzose ! Mullrich konnte diese Bezeichnung Nr. 18 nicht hören , ohne gleich an die Thüren seines Familienhauses zu denken und bei Nr. 18 fiel ihm Nr. 17 ein . Indem er sich die Möglichkeit dachte , daß diese abgefeimte Nr. 17 , die Maler-Guste , doch wol nicht nach Hamburg gegangen und mit ihrer Schuld an seine Ehegattin leicht auf dem Fortunaball auftauchen konnte , folgte er Kümmerlein , der durch das Gedränge dem Saale zu sich Bahn machte und von dem Anblick der Lichter , die aus den Saalfenstern schimmerten und manche Mädchen , die ihn lachend grüßten , so verblendet war , daß er die Spur der grünen Brille bald aus dem Auge verlor und Mullrichen erinnerte , daß sie ja noch das zweite Signalement zu lesen hätten . Um auf Nr. 18 zu kommen , durfte man jedoch nicht durch den Tanzsaal , auch nicht durch die eleganten Restaurationszimmer gehen , sondern diese kleine Loge war eigends in dem Bauplane des Unternehmers , des Kaufmanns Hitzreuter , von der Polizeibehörde vorgeschrieben worden . Diese kleine versteckte Loge hatte einen eignen Aufgang vom Tunnel aus und machte eine dauernde Beziehung zwischen der Beobachtung des Tanzsaales und der Beobachtung des Tunnels möglich . » Verbotener Eingang « lautete die Aufschrift der Treppe im Tunnel , die zu dieser Loge führte . Es wurde diese kleine Loge Nr. 18 in der kecken Sprache dieser zweideutigen Sphäre die Sternwarte genannt . Hier » vigilirte « man . Von diesem Punkte aus sollten sich heute Mullrich und Kümmerlein eine Übersicht über den Saal erhalten . Da sie in Amtstracht waren , so hatte der kluge Pax wol nur im Sinn , bei den zweideutigen Besuchern des Fortunaballes die Idee zu erwecken , die Beobachtung wäre ganz allein auf die » Sternwarte « beschränkt , während die wahren beobachtenden Füchse gerade da schlichen und witterten , wo man sie am wenigsten vermuthete . Das zweite Signalement zu lesen , war es die höchste Zeit . Im Tunnel wurde man zuvörderst von einem undurchdringlichen Rauche empfangen . Hier standen drei grünbezogene Billards und einige kindische Glücksspiele , die aber gerade um so besuchter waren , je weniger sie Nachdenken kosteten ; denn mit den großen Geistern haben es die kleinen gemein , daß sie , wenn sie spielen , nicht denken wollen . Hier im Tunnel wurden die feineren Observanzen der oberen Räume nicht beobachtet . Hier sah man den eigentlichen Stamm der Besucher solcher Festlichkeiten , leichtsinnige , meist junge Geschäftsmenschen , die das Vergnügen lieben . Während oben die im Tanze rasten , die vielleicht erst auf dem Wege zum Verbrechen waren , hielten sich hier unten Manche auf , die , dem Arme der Gerechtigkeit schon einmal verfallen , sich zu bessern suchten und einmal gewöhnt an Nachtschwärmerei , hier unten einen Schein bürgerlicher Solidität fanden , in dessen Ausstrahlungen sie den Vigilanten bessergeworden erschienen . Nun so rasch ? rief eine Stimme vom Büffet , wo man Getränke verabreichte , den auf die Thür : Verbotener Eingang zuschreitenden scharfsichtigen , spähenden Dreimastern zu . Sie wandten sich um und traten näher . Man wich ihnen aus , so besetzt auch das Büffet war . Auf dem Fortunaball fand sich jene Demokratie nicht ein , die im ewigen Hader mit den Dienern der Gerechtigkeit lebte . Mancher scheue , trotzige Blick begrüßte sie freilich auch hier ; aber Zusammenrottungen , Verhöhnungen äußerer Amtszeichen fanden nicht statt , umsoweniger , als sich der Ex-Kaufmann Hitzreuter als einer jener outrirten Royalisten gebehrdete , die bei jeder Gelegenheit sich mit ihrer Gesinnung vordrängten und aus Dankbarkeit , daß man ihm sogar von Seiten des Hofes eine Summe für seinen Bau geliehen hatte , in den Reubund getreten war und mit diesen Fortunafestlichkeiten zuweilen auch patriotische Zwecke verband , überall royalistische Embleme anbrachte , die Landesfarben und die Landeszeichen , und in seinen Räumen auf loyale Ordnung sah . Ei , Frau Peters , sagte Mullrich , wie kommen Sie denn daher ? Es war Kathrine Bollweiler aus Angerode , die Vielgewandte , die Anschlägige . Ja , sagte die kleine hinter dem Tische Getränke einschenkende und Geld einnehmende Frau , die sich mit unglaublicher Behendigkeit und Naivetät in ihre neue Position zu finden wußte ; so sieht man sich wieder , wenn man einmal den Pelikan seit Jahr und Tag nicht besucht hat ! Eben nicht sehr zarte Anmerkungen , die sich Kümmerlein über die geheimen Pelikanzustände hier erlaubte und vielerlei sich daran knüpfende Scherze mögen wir um so mehr unterdrücken , als in diesem Augenblicke Peters herantrat und wieder einen » Schatten Margo « verlangte - Oben , oben , Männchen , oben ! rief die Frau etwas ungeduldig . Es ist ja für die Thüringer - die zweite Fuhre ! Sieh ! Sieh ! sagte Kathrine . Meine Thüringer Jungen haben Durst . Kommen sie denn nicht einmal hier herunter ? Statt die Antwort abzuwarten , ging Kathrine in die innern Gemächer des Büffets , wo sie diese ausnahmsweise hier unten effectuirte Bestellung besorgte , weil Peters die Garantie haben wollte , für die beiden jungen Thüringer auch das Beste und Unverfälschteste zu bekommen ... Kathrine stieg durch eine kleine Nebentreppe selbst in das obere Büffet hinauf . Sie hatte , so zweideutig uns auch die Stellung dieser runden kleinen Frau erscheinen mag , doch ihre Anhänglichkeit an die abenteuergesegneten beiden Pfarrerssöhne von Thaldüren nicht aufgegeben . Sie gehörte zu den leichten , aber hätschelnden Frauennaturen , die eigentlich etwas unendlich Wohlthuendes im weiblichen Charakter repräsentiren , wie gering auch sonst ihr innerer moralischer Werth erscheinen mag . Sie sind hier noch nicht lange Kellner ? begann Kümmerlein , indem er den in seiner Jacke jämmerlich dastehenden und auf die zweite Fuhre » Schatten-Margo « harrenden Peters betrachtete . Wie so ? fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit . Weil Sie die Weine am unrechten Fasse zapfen . Hier ist ja der Keller oben , sagte Kümmerlein . Die verkehrte Welt ! brummte Peters . Der ist kurz angebunden ! wandte sich Kümmerlein zu Mullrich , der eins der immer schon eingeschenkt dastehenden Gläser Bier ergriffen hatte und es mit raschem Zuge leerte , indem er langsam den Beutel zog und noch langsamer aufknöpfte . Kurze Stränge , fährt sich besser ! sagte Peters . Der ist grob wie ein Fuhrmann , antwortete Mullrich . Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelsack . Ein Gelächter der dicht Umstehenden begleitete diesen kurzen epigrammatischen Dialog . Kümmerlein , eben im Begriff sich in seiner Würde zu zeigen und von Mullrich unterstützt , der einen gewissen strategischen Bogen , den er sehr in der Gewalt hatte , um den rebellischen Kellner zu ziehen anfing , wurde in dem Beginn thatsächlicher Feindseligkeiten von Frau Kathrine unterbrochen , die mit dem Schatten-Margo noch zur rechten Zeit herunter kam , um eine schwierigere Verwickelung durch ihre Holdseligkeit und politische Mäßigung abzubrechen . Eben war wenigstens der durch Kathrinen ' s Zuhalten seiner Börse beschwichtigte Mullrich im Begriff , beiläufig nach den beiden » Thüringern « zu fragen , die vorhin so theilnehmend erwähnt und hier offenbar vor allen Gästen bevorzugt wurden , als Kümmerlein seinen Kameraden anstieß und diesen verhinderte , etwas Näheres über jene beiden jungen Männer zu hören ( bei zwei » Thüringern « sollten sie ja zwischen vier und fünf eine Recherche vornehmen ) ... Pst ! Sehen Sie da ! Der Franzose ! In der That stand die grüne Brille vor der kleinen Thür , die auf die Sternwarte führte und schien die Inschrift zu lesen . Die beiden Häscher schlichen näher . Die grüne Brille schien sich erkältet zu haben . Sie hatte einen rheumatischen Husten . Eben wollte sie die Thür aufklinkend die kleine Treppe besteigen , als die Häscher herantraten und Kümmerlein von der eben genommenen Herzstärkung noch resoluter geworden die Maske , weil es in Französisch mit deutschem » Azent « nicht recht gehen wollte , einstweilen in Deutsch mit französischem » Azent « so anredete : Erlauben Sie , Musje , da steht geschrieben : hier nix Passage ! Ah Merci ! sagte die grüne Brille und war mit der Gewandtheit eines Aales den beiden verblüfften Agenten plötzlich entschlüpft . Nur in der Ferne noch hörte man sie hüsteln . Verblüfft war nämlich Mullrich besonders auch darüber , daß Kümmerlein französisch konnte und Kümmerlein wiederum seinerseits erstaunte , daß sein gewagter Versuch , diese fremde Sprache wenigstens in Anklängen zu reden , ihm wirklich so schön gelungen war . Staunend über diese neuen Entdeckungen , die sie darauf sich gegenseitig machten , verloren sie zwar die Spur des plötzlich wie verschwundenen flüchtigen Fremden , aber sie sagten doch : Nun , den kriegen wir heute Abend schon ! Auch sollen wir ihn ja nur beobachten - Vigiliren ! meinte Mullrich und freute sich des auch ihm geläufigen Fremdwortes . Mit dem Worte Vigiliren stiegen sie auf die Sternwarte hinauf , indem Mullrich seinen Collegen wiederholt erinnerte , sie hätten nun dringend Nr. 2 zu lesen oder wie Kümmerlein sagte , zu collationiren , was ein ihm geläufiger Ausdruck vom Polizei-Büreau war . Da es auf der engen Treppe sehr dunkel war , so vertröstete Kümmerlein für dies wissenschaftliche Geschäft auf die brillante Beleuchtung von Nr. 18 , in die der ganze Lichtstrom aller Gasflammen des Saales fiel . Zehntes Capitel Die grüne Brille Die aalglatt entschlüpfte Maske hatte inzwischen den Tunnel verlassen . Sie bewegte sich , dann und wann von einem eigenthümlichen asthmatischen Husten unterbrochen , mit großer Behendigkeit , aber auch in jener unsteten Emsigkeit , die gewissen langen Würmern eigen ist , welche auf einer ebenen Fläche bald hier- bald dorthin schießen und sich umwenden , man weiß nicht warum , und sich alle Augenblicke zu erschrecken scheinen , man weiß nicht wovor . Die Behauptung , daß diese grüne Brille deshalb , weil sie zwei französische Worte : Pardon ! und Merci ! gesprochen , auch sogleich ein Franzose und Monsieur Louis Armand war , kann