Die Engel werden ihr Lob preisen , « wiederholte in seiner Geisteszerstreuung der Wende , seine hellblauen Augen zum Himmel aufschlagend . » Sie war schon auf Erden ein Engel . « Es trat eine kurze Pause ein . Das monotone Schrillen der Heimchen in den Wänden unterbrach allein die allgemeine Stille . Da erhob Marie anmuthig lächelnd ihr auf die Brust geneigtes Haupt , ließ die erblindeten glanzlosen Augen über die Gesellschaft gleiten , als könne sie jeden Einzelnen erblicken , und sagte : » Deutlich erinnere ich mich blos einer einzigen Geschichte , die ich zu erzählen bereit bin , so gut ich ' s vermag . In manchem Betracht kann sie uns Allen zur Beruhigung dienen und uns über das Schicksal derer trösten , die unfreiwillig , in ihrer Sünden Blüthe , aus dem Leben schieden . « » Ohne Einleitung erzähle ! Jedes Wort soll uns ein Evangelium sein . « » Natürlich ! « sagte Gregor zu Schlenkern der in dieser Bemerkung des Maulwurffängers eine Art Gotteslästerung erblicken wollte und sich zu einer Predigt in Bereitschaft setzte . Bevor er jedoch zu Worte kommen konnte , hatte sich Marie des Gespräches bereits wieder bemächtigt und trug den aufmerksam Lauschenden folgende mährchenhafte altwendische Erzählung vor . Lipskulijans Bett . » Es war aber ein armer Mann , der sich fast nicht mehr ernähren konnte und doch hatte man ihm noch große Abgaben auf sein Haus gelegt . Und er mußte auf ' s Stöcke-Roden gehen . Und als er eines Tages auch sehr traurig in die Haide ging , begegnete ihm ein Männchen , das ihn fragte : Weshalb bist Du so traurig ? Der arme Mann antwortete ihm : Du kannst mir auch nicht helfen . - Wer weiß ? sagte das Männchen , sage mir es , so will ich Dir helfen . « Der arme Mann erzählte ihm , daß er in großer Noth sei und daß es ihm unmöglich wäre , die Steuern zu geben . - Darauf sagte das Männchen : Wenn Du mir das versprichst , wovon Du in Deinem Hause nichts weißt , so will ich Dir helfen . - Der arme Mann gedachte bei sich : Das kannst Du , Du weißt ja Alles , waß Du in Deinem Hause hast . - Hierauf brachte das Männchen ein Stück Papier hervor , und auf dieses hat sich der arme Mann mit seinem Blut unterschreiben müssen . Als dies geschehen war , sagte das Männchen : Nach sechszehn Jahren bringe mir das , was Du mir versprochen hast , auf dieselbe Stelle . Und es gab ihm eine große Summe Geld . Und nach einiger Zeit gebar seine Frau einen Sohn , und er erinnerte sich , was sich der Teufel bedungen hatte , und war sehr traurig . Der Knabe wuchs aber , und lernte sehr fleißig , so daß ihn der Vater studiren ließ , und als er funfzehn Jahr alt war , da hatte er schon ausstudirt . Und weil sich die Zeit näherte , wo er an das Männchen ausgeliefert werden sollte , so grämte sich sein Vater je länger je mehr . Er sagte daher : Was seid Ihr so traurig , lieber Vater ? - Ach , antwortete ihm dieser , ich habe Dich schon ehe als Du geboren wurdest , dem Teufel versprochen und hab ' ihm eine Schrift darüber gegeben , und erzählte ihm die ganze Sache . Er aber sagte : Keine Sorge ! Ich werde mir selbst diese Schrift holen . - Und er nahm seinen Degen und etwas Weihwasser und begab sich auf den Weg . Er kam aber in einen so großen Wald , daß ihn die Nacht darin übereilte und er sich zuletzt verirrte . Als er aber lange umhergegangen war , erblickte er Licht und dann ein Häuschen . Und als er hinein trat , war dort Niemand weiter , als eine alte Frau . Diese bat er um Herberge , aber sie antwortete ihm hierauf , er solle seines Weges gehen , wenn ihm sein Leben lieb wäre , denn da wohne ein großer Räuber . Er sagte aber , daß er sich nicht fürchte , und blieb dort . Nach einer Weile kam auch der Räuber und frug ihn , wohin er gehe . - Da that ihm der Räuber nichts , sondern gab ihm zu essen und zu trinken und bat ihn des andern Tages am Morgen , er möge doch so gut sein und den Teufel fragen , was Lipskulijan zu erwarten habe ? - Und als er in die Hölle gekommen war , war dort grade kein Anderer , als der oberste Teufel . Der wußte aber von der Schrift nichts und sagte , das ginge ihn nichts an und er solle ihn in Frieden lassen . Da besprengte er ihn mit Weihwasser und der oberste Teufel fing so an zu brüllen , daß die andern in Hausen hereingestürzt kamen . Er befragte sie auch nach der Schrift , aber es hatte sie Keiner . Da besprengte er den obersten Teufel wieder mit Weihwasser und er fing an noch viel mehr zu brüllen , so daß ihrer noch viel mehr hereingestürzt kamen . - Er befragte sie wieder wegen der Schrift , aber es hatte sie Keiner . Da besprengte er den obersten Teufel noch einmal und er fing an so schrecklich zu brüllen , daß ihrer von allen Seiten hereingestürzt kamen , und zuletzt kam auch ein Lahmer angehinkt und der hatte die Schrift . Der wollte sie aber nicht geben . Da sagte der oberste Teufel : Werft ihn auf Lipskulijans Bett ! - Da gab sie der lahme Teufel . Und als er die Schrift erhalten hatte , frug er , was für ein Bett Lipskulijan bekommen würde ? Und sie zeigten es ihm , und es war von der Art , daß , als er seinem Degen hineinsteckte und ihn wieder herauszog , die Klinge , so weit sie in das Bett hineingestoßen worden war , zerschmolzen war , denn das Bett bestand aus lauter glühendem Eisen.- Hierauf ging er wieder nach Hause und , kam unter wegs zum Lipskulijan . Der frug ihn ob er wüßte , was ihn erwartete ? Und er erzählte ihm Alles . Da erschrak Lipskulijan und erkundigte sich , ob er doch noch nicht könnte begnadigt werden ? Und er antwortete ihm : Gott ist jedem Sünder gnädig , wenn er sich bessert . Entziehe Du Dich allem Bösen und bete ohne Aufhören zu Gott , so wird er Dir auch gnädig sein ! - » So wird er Dir auch gnädig sein , « wiederholte Sloboda , ohne sein auf dem untergestemmten Arm ruhendes Haupt zu erheben . - Marie fuhr fort : » Und er führte Lipskulijan ein Stück von der Straße ab , errichtete dort einen kleinen Hügel und pflanzte darauf eine Gerte und sprach : Auf dem Hügel bete Du , und wenn die Gerte Aepfel tragen wird , so magst Du daraus erkennen , daß Dir Deine Sünden vergeben werden . Hierauf ging er nach Hause . « Nach langer Zeit , als er schon ein hoher Geistlicher war , fuhr er durch denselben Wald und es erblickte dort sein Diener schöne Aepfel auf einem Baume . Er wollte einen pflücken , aber wie er ihn berühren wollte , da hörte er eine Stimme , welche sprach : Du hast mich nicht gepflanzt , Du wirst mich auch nicht pflücken . Er erzählte dies in aller Schnelligkeit seinem Herrn . Der ging hin , und als er zu dem Aepfelbaum kam , fand er unter demselben einen knieenden Menschen und besann sich auf Lipskulijan . Und der wollte ihm beichten . Und als er ihm die Sünden vergeben hatte , zerfiel Lipskulijan in lauter Staub , und die Aepfel , welche die Seelen derer waren die er ermordet hatte , verschwanden alle . Und eine weiße Taube flog zum Himmel auf und sang : Aepflein trug das Gertelein , Meine Seele muß nun selig sein . Und er hatte so die Gewißheit , daß Lipskulijan selig gestorben sei . Als Marie dies eigenthümliche wendische Mährchen beendigt hatte , hörte man ein leises Schluchzen . Es war Bianca , welche , ergriffen von dem tiefen Sinn der ungekünstelten Volksdichtung , ihre Gefühle nicht länger verheimlichen konnte . Schlenker gab seinen Beifall durch lebhafte Gebehrden zu erkennen und reichte in seiner Freude der Blinden sogar eine Prise . Sloboda ' s Haupt war langsam immer tiefer herabgesunken , so daß es jetzt beinahe die Tischplatte berührte . Die Kienspäne mit ihren langgekrümmten Rispen brannten dunkel und verbreiteten über Stube und Versammlung mehr Schatten als Licht . » Der greise Wende ist , glaub ' ich , vor Ermüdung eingeschlafen , « sagte Elwire leise , um den Schlummernden nicht zu stören . » So schnell ? « erwiederte Aurel . » Und er hat doch vor Kurzem noch gesprochen ? « » Sonderbar ! « sagte Herta . » Der wackere alte Mann schläft so sanft , daß man ihn nicht einmal athmen hört ! « Bei dieser Bemerkung verließ der Maulwurffänger seinen Platz und näherte sich dem Wenden . Behutsam neigte er sein Ohr zu dem Schlummernden . Da aber auch er keinen Athemzug entdecken konnte , erlaubte er sich , seine Hand auf das Silberhaar des Greises zu legen und ihn laut bei Namen zu rufen . Sloboda antwortete nicht . Da schob der Maulwurffänger seine Hand unter die Stirn des Wenden und richtete ihn sanft auf . Sloboda hatte die Augen fest geschlossen , ein Lächeln umspielte seinen Mund , er war todt ! Gleich der Seele des Räubers im Mährchen , hatte die Seele dieses greisen Wenden unter Sangesgeflüster ihre irdische Hülle verlassen . Elftes Kapitel . Schluß . Wir haben unserer Erzählung nur wenige Worte noch hinzufügen . Sloboda ward feierlich auf dem Kirchhofe des zum Zeiselhofe gehörigen Dorfes in der herrschaftlichen Gruft beerdigt . Vierzehn Tage später reichte vor dem Altar der nämlichen Kirche die glückliche Elwire dem Kapitän ihre Hand als Gattin . Die Neuvermählten verließen Heimath , Verwandte und Freunde , um wenige Wochen später auf dem Schiffe » die Hoffnung « nach Amerika unter Segel zu gehen , nicht , weil sie Europa fliehen wollten , sondern weil es Aurel für rühmlicher hielt , sein Leben in rüstiger Thätigkeit zum Besten des Volkes zu verbringen . Gilbert begleitete ihn und erhielt die Stelle eines Schiffslieutenants , da Kapitän Aurel auf seinem Kauffahrer die Gesetze eingeführt hatte , die ihm während seiner Dienstzeit in der englischen Marine lieb und werth geworden waren . Elwire folgte dem geliebten Gatten mit leichtem Muth und bewährte ihren Heroismus auf glänzende Weise . Nach Jahresfrist kehrten die Seefahrer wieder auf längere Zeit nach Europa zurück und statteten ihren Freunden einen mehrtägigen Besuch auf Boberstein und dem Zeiselhofe ab . Sie fanden Vieles verändert . Marie war Sloboda in die Gruft nachgefolgt und Martell , der sich nur scheinbar von seiner Entkräftung erholt hatte , wankte sichtlich dem Grabe zu . Er war fast zum Geripp abgemagert und ging jetzt in denselben Gemächern , die sein schuldiger Bruder so oft in der Angst seiner Seele durchwandert hatte , rastlos umher , um die Schmerzen , die seinen Körper folterten , zu unterdrücken . Sein Geist aber hatte sich beruhigt . Er verzieh dem Verstorbenen vollkommen und wünschte nichts sehnlicher , als neben ihm zu schlummern . Noch im Herbst desselben Jahres ward sein Wunsch erfüllt . Vollbrecht war zu Aller Erstaunen ein glücklicher Gatte geworden an - Bianca ' s Seite ! Nie schien es ein gesetzteres Ehepaar gegeben zu haben als diese beiden einander so gänzlich widersprechenden Charaktere . Darüber war Gilbert sehr ärgerlich , weshalb er sich auch allen Ernstes vornahm , sich für solche Untreue , die so gar wenig guten Geschmack verrieth , an Bianca , der allerliebsten Geschäftsführerin , empfindlich zu rächen . Der leidenschaftliche Jüngling hielt auch wirklich Wort , indem er bei seiner Rückkehr nach Hamburg um die Hand Clara ' s anhielt und die freundlichste Aufnahme fand . Der wilde Sohn des Meeres ward durch seine Liebe zu dem klugen Mädchen sogar unerwartet zahm , denn er entschloß sich , da Clara sich entschieden weigerte , zur See zu gehen , als Compagnon in das Haus » Am Stein und Comp . « zu treten , und einige Jahre später finden wir ihn als geschickten , thätigen und höchst soliden Handelsmann wieder . Paul übernahm die Bewirthschaftung des Zeiselhofes , wobei ihm Leberecht , Eduard und Simson treulich zur Hand gingen . Man sprach bei der erstmaligen Wiederkehr des Kapitäns von einer Neigung , die Martells älteste Tochter dem jüngsten Sohne Haideröschens eingeflößt haben sollte . Herta lebte in tiefstem Frieden fortwährend auf dem Zeiselhofe und versprach zugleich mit ihrer Zofe Emma ein sehr hohes Alter zu erreichen . Von Adalbert hörte man nie wieder etwas Bestimmtes . Er schien sich im Orient niedergelassen zu haben . Der Maulwurffänger ging noch immer seinen Geschäften nach , kehrte häufig auf dem Zeiselhofe ein , pilgerte nicht selten auch nach Boberstein und verschmähte nie , einer tüchtigen Mahlzeit mit gesundem Appetit zuzusprechen . Schlenker und Gregor kamen nur selten aus , desto lebhafter konnten sie Stunden- und Tagelang über Dinge streiten , die sie hochwichtig fanden , während der Maulwurffänger sie dummes Zeug nannte . Die Fabrik gedieh , die Arbeiter wurden verhältnißmäßig wohlhabend und Niemand hat je wieder gehört , daß irgend Einer mit seinem Loose unzufrieden gewesen wäre oder die Erfindung der Maschinen als ein Werk des Teufels verwünscht hätte . Die Frevelthaten , welche auf dem Geschlecht der Boberstein lasteten und es gleich Furien umrauschten , waren durch die zahlreichen Opfer , welche die strafende Nemesis forderte , für immer gesühnt , und ein neues frischeres Geschlecht erblühte auf den Gräbern der Todten . -