schnellste Flucht ergriffen vor den Vollstreckern der gefürchteten heimlichen Acht . Die zum Mordbrand Verschwornen , sammt ihren Söldnern und Gesellen hatten sich nicht minder , von blindem Schreck gejagt , nach allen Seiten hin zerstreut . Der Unbändigste und Frechste aus ihrer Mitte war vom schnellen Tod dahingerissen worden , den seine frevelnde Zunge gerade herbeigerufen , - und Jeder der Übrigen war sich mancher schweren Schuld geheim bewußt . Die Spannung der Trunkenheit war gewichen , die Erschlaffung der Kräfte und die Pein des Gewissens war zurückgeblieben . Ohne ferner an die Verübung des gräßlichen Mordplans zu denken , irrten die Teilnehmer desselben in den Gassen der Stadt umher , und ihre Furcht wuchs mit jedem Augenblicke mehr heran , denn mit Staunen und Herzklopfen hörten sie , wie plötzlich , rasch hintereinander alle Glocken auf den Kirchthürmen wach und lebendig wurden , wie die Wächterhörner von den Zinnen bliesen , laut und dringend , wie das Gämperlein1 läutete , die Schnurre durch die Straßen lief , wie die Trommel vor dem und Quartier der Söldner wirbelte und die Trompete die Reisigen zu dem Sammelplatze rief . Lichter und Laternen wurden allenthalben ausgesteckt , in allen Häusern wurde es hell und lebhaft . Die Zünfte , Rotten und Fähnlein der Bürger und Söldner strömten zusammen auf ihren Lärmplätzen . Die Bürgermeister mit den Bannern , den laufenden Gesellen und den Zünften der Altstadt hielten auf dem Samstagsberge und vor dem Falkenstein ; in der Neustadt riefen die Hauptleute vor St. Marthen und Katharina die ihrigen auf . Der Schultheiß jagte zu Pferde , wie ein Wüthender zu seinen Reitern auf dem Liebfrauenberge ; und nach Sachsenhausen hinüber der Oberstrichter , um dort den Befehl zu übernehmen , und die verdächtigen , daselbst gelagerten Ägypter zu bewachen und zu beobachten . Um die Verbindung mit der Stadt zu unterhalten , blieben die Brückenthore offen , wiewohl mit Wachen und freiwillig herbeieilenden Bürgern besetzt ; denn es hatte sich das Gerücht verbreitet , die Stadt sollte mörderisch angestoßen werden mit Feuer und Schwert , und jeder zitterte für seine Habe , und jeder entbrannte in Begierde , für das gemeine Wesen sein Schwert zu ziehen . Die vielen Fremden , aus dem Schhlummer aufgeschreckt durch das Getöse und die Besorgniß ihrer Wirthe , hatten sich , in Landsmannschaften getheilt , und bewaffnet , um ihre Niederlage versammelt ; streifende Rotten von Spiesknechten durchflogen die Straßen , aufgreifend Alles , was verdächtig schien , und vor dem Römer glimmten die Lunten der Hakenschützen , kampf- und streitfertig . Noch suchte jedoch das Auge der Gewarnten und Gerüsteten vergebens den bewehrten Feind . Er hatte die Waffen weggeworfen und . irrte vermummt und verzweifelnd über Plätze und Gassen , das Dunkel suchend , und einen rettenden Ausweg . Dieser letztere war aber nicht zu finden , und so mußten die Verschwornen sich begnügen , einen Schlupfwinkel für den gefährlichsten Augenblick zu erspähen . Am Schlimmsten war daran der von Leuenberg , in dessen Gehirne noch der Taumel des Weins tobte , während seine Füße Blei waren , und der Hornberger , der mitleidig bei ihm aushielt , alle Mühe hatte , ihn mit Gewalt von der Stelle zu schleppen . Zodick ' s Hinrichtung hatte den fürchterlichsten Eindruck auf ihn gemacht , und er sah sich selbst schon unterm Schwert des Nachrichters . So prahlend seine Zunge sonst gewesen , so feige war sie jetzt , und er hätte sich zum Mönch scheeren lassen um den Preiß seiner Rettung . Aber diese Rettung war ihm nicht beschieden . Die schwarze Stunde trat auf seine Ferse . Am Ausgang eines Gäßleins warf sich den Flüchtigen ein Trupp von Fußknechten in den Weg , und trennte sie . Während auf der einen Seite der Hornberger angehalten wurde , und seine Kunst , so frech zu lügen , daß man ' s glauben mußte , in Anwendung brachte , verbarg sich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauses , und kroch schwerfällig hervor , da die Söldner weiter gezogen waren . Mit aller Schwere seines Körpers und seines eiligen Laufs fiel er einem unfern gehenden Manne , den er für Hornberg hielt , um den Hals und in die Arme . » Pest und rother Hahn ! « rief er , obwohl leise genug : » Du hast Dich meisterlich durchgelogen , Veit ; und nun laß ' uns weiter gehen . « - Der Mann brummte einige unverständliche Worte , und suchte sich los zu machen . Um so fester klammerte sich der Leuenberg an ihn , und raunte ihm hastig und bebend in ' s Ohr : » Hornberger ! Du wirst mich doch jetzt nicht verlassen wollen ? Nur jetzt nicht Bruder , denn beim Teufel , ich bin schwach wie ein Kind , und in meinem Herzen spür ' ich ' ne Angst , wie ich sie nicht verspürt , da ich dem Dürning den Rest gab , ob ' s gleich mein erstes Stücklein war . « - Da stieß der Mann , Veits böser Engel - einen gellenden Schrei der Überraschung aus , und eine derbe Faust packte den Raubjunker wild bei der Brust . » Hund ! « rief eine fremdartige Stimme : » Du bist ' s also ? Du der Schelm , der meinen Herrn ermordet hat ? Nieder mit Dir , Mordbube ! « - Beim auflodernden Schein eines Pechkranzes sah Veit mit sträubendem Haar in ein wüstes , grausam verzerrtes Gesicht , und dieser Blick war sein letzter , denn Ammon ' s Jagdmesser übte die langgenährte Blutrache fürchterlich und schnell , daß kein Laut dem Darniedersinkenden mehr über die erbleichenden Lippen ging . Ammon stand eine Weile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entseelten , steckte den rächenden Stahl in die Scheide , und murmelte : » Wenn das nur Zufall war , so bin ich ein Schurke , und will schlechter seyn , als der gemeinste Heide . Nach so langer Frist mußte ich hieher gerathen , um dem Todtschläger des Herrn seinen Lohn zu geben ? Und er ging heim , ohne zu wissen , wer ihn heimschickte ? und ich erschlug ihn , ohne mehr von ihm zu kennen , als sein selbstgeständiges Verbrechen ? Lieber Herr dort oben , bitt ' für mich , wenn ' s eine Sünde war , die ich gethan ! « - Er wendete sich nun schnell von dieser Stelle , und wollte von dannen , als unfern von dem Platze eine Flamme aufging , und das ganze Gewühl der in den Straßen strömenden Volksmenge zu der Rettung eines brennenden Hauses aufforderte . Ammon , - nicht gelaunt , dem Gewühle zu folgen , hielt sich gegen den Strom fest an der Ecke des Nebenhauses . Fußgänger und Berittene gingen über den Leuenberger weg , ohne im allgemeinen Drange der gefürchteten Gefahr sonderlich auf den in dunkler Gasse Erschlagenen zu achten , und da der Menschensturm etwas nachließ , drängte sich ein Mann , mit einem Kinde an der Hand , quer durch , und wendete sich mit Heftigkeit an den harrenden Ammon . - » Der Lärm und das Getöse hat mich verwirrt gemacht ; « sagte er mit unruhiger Hast : » Wollt mir berichten , wo man zum Liebfrauenberg am schnellsten gelangt . « - » Ich gehe dahin ; « erwiederte Ammon , den Zerlumpten mißtrauisch betrachtend : . » Habt Ihr ein gut Gewissen , mögt Ihr folgen ; wo nicht , so bleibt zurück ; der Schultheiß befehligt dort . « - » Auf meinem Wege fürcht ' ich ihn nicht ; « antwortete der Andere ruhig , und folgte mit seinem kleinen Begleiter getrost dem schnell vorangehenden Ammon . Fußnoten 1 Sturmglocke ; eigentlich viel später erst aufgehängt . Vierzehntes Kapitel . Findet ihr den Trost nicht in der Nähe , so erhebt euch und sucht ihn immer hoher ; der Paradiesvogel flieht aus dem hohen Sturm , der sein Gefieder packt und überwältigt , blos höher hinauf , wo keiner ist . Jean Paul . Noch eine Stunde vor jenem wüsten Lärm und Getöse , von welchem jetzt die bedrohte Stadt wiederhallte , war Diethers Haus ein Schauplatz stiller geselliger Freude gewesen , und ein froh ' und zärtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz die Ehrenämter des Hauses verwaltet , um den Gästen gefällig zu seyn . Das Prunkgemach des Gebäudes , das ganze Jahr hindurch verschlossen , und nur bei feierlichen Anlässen eröffnet , hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen seine Herrlichkeiten aufgethan . Längs der blank getäfelten Wand streckte sich der reichbelastete Tisch , von Polsterbänken und zierlich geschnitzten Schemeln umgeben ; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangsthüre . Gegenüber fanden die Spielleute ihren erhöhten Platz . An den Wänden flammten Armleuchter , von der gemalten Decke schwebten an grünen Laubgewinden viele Kerzenreife herab , von welchen lange und buntglänzende Bänder herniederflatterten bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im Saale . Denn das junge Volk hatte , Braut und Bräutigam an der Spitze , den Tisch verlassen , um sich an rascher Bewegung zu ergötzen . Die Alten waren zurückgeblieben , und ließen sich das letzte Prachtstück der reichen Tafel , den köstlichen Mandelkäse schmecken , der bei keiner ähnlichen Festlichkeit fehlen durfte , und auf dessen Zubereitung die größte Sorgfalt verwendet wurde . Während nun also Alt und Jung dem Vergnügen fröhnte in erlaubter Hingebung , brach plötzlich von aussen die Störung ein , die das lustige Band der Geselligkeit zerriß . S ' ist Feuer ! schrie Alles , und die Männer , besorgt für ihr Hab und Gut , machten sich bereit , dahin zu gehen , wo ihre Gegenwart erforderlich seyn möchte . Auch Heer Diether säumte nicht , seiner Schöffenpflicht zu gehorchen , die ihn zum Mittelpunkte der Gefahr rief . Vergebens waren die Bitten Margarethens , umsonst die Vorstellungen des Sohns , der sich erbot , an seiner Statt auf den Römer zu eilen , und für ihn einzustehen in der gefährlichen dunkeln Nacht . - Der unbeugsame alte Mann hatte zu viel Eifer , einen all zu hohen Begriff von seiner Würde , als daß er hier sich hätte überreden lassen können ; er ging , und ließ seinem Dagobert noch obendrein den Befehl zurück , als Schirmvogt im Hause zurück zu bleiben , und für das Wohl der Frauen besorgt zu seyn . Darauf ging er hinweg , und wollte kaum dem Edelknecht von Hülshofen , den Dagobert zum Beistand aufgefordert , erlauben , an seiner Seite zu bleiben , damit er unversehrt wieder nach Hause kehre . Das Hochzeithaus gewann nun ein ganz anders Ansehen . Das Gesinde wurde ausgeschickt , und nur einige rüstige Knechte zur Hut der Pforte zurückbehalten ; die zurückgebliebenen Frauen hatten sich in einen dichten Kreis um Frau Margarethen , die Frau von Dürningen , und den Pater Johannes gedrängt , der am Morgen selbst die Trennung verrichtet hatte , und nun all seine Beredsamkeit aufbieten mußte , um seinen ängstlichen Zuhörerinnen nur eine Quelle des Trostes zu eröffnen . In dem Erker stand Dagobert , unruhig nach dem Himmel blickend , ob er sich nicht von Brandgluth röthe , oder niederschauend nach dem unfernen Liebfrauenberge , wo die Reisigen der Stadt ihre Rosse tummelten , und des Lärms viel war . Seine junge Gattin stand neben ihm , seine Hand in des Geliebten Antlitz , nach dem Zustande seines Gemüths . Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die Bräutliche , und er sprach mit zarter Stimme , ihre Wange streichelnd : » Sey nicht also beklommen , gute Regina . Es scheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu bedrohen , oder schon betroffen zu haben , aber die Bürger von Frankfurt sind ein starkes Volk , zusammenhaltend wie an stählerner Kette , und Brust an Brust zu einer Mauer reihend gegen den gemeinschaftlichen Feind . Da prallen denn gewöhnlich auch die Pfeile des Unglücks machtlos ab , findet sich in der dräuendsten Gefahr . Darum fasse Muth . So lange mein Am Dich umschlingt , soll Dir nicht Brand , nicht Feind Schaden zufügen . « - Er umfaßte sie liebreich , und zog sie an sich , die sich ihm anschmiegte , wie ein vertrauendes Kind . Sie hob die hellen Augen zu ihm empor , lächelte sanft , und erwiederte : » Bei Euch , lieber Herr , fürchte ich auch nichts , was von Menschen kömmt . Aber , - sollte diese unbegreifliche Störung , die unsre Hochzeitfreuden zerstört , - sollte sie nicht eine Vorbedeutung seyn von mehrerem Unheil , das unsern neuen Stand betreffen soll ? « - » Gott verhüte , mein Kind , daß solcher Wahnglaube Wurzel in Deinem Herzen fasse ; « sagte Dagobert ernst , wiewohl milde : » Da führtest dann selbst den Feind in unser stilles Hauswesen . Laß ' dem Volke seinen Aberwitz , und vertraue auf Gott , der nicht mit seinen Kindern ein muthwilliges Spiel treibt . Liebst Du mich herzlich , so wie ich Dich , so werden wir stets glücklich seyn « . - » Dann müßt Ihr mich aber auch stets lieben ; « hob Regina wichtig an . - » Nun freilich ; « lachte Dagobert : » Wie könnte ich anders , meine Königin ? « - » Ach , ich glaube euch so gerne ; « versetzte Regina mit leisem Seufzer , und dennoch nicht ohne Schalkhaftigkeit : » aber ich habe mir schon meine eigenen Gedanken gemacht , und ich darf sie Euch jetzo gestehn , da Ihr ... da Ihr mein Herr seyd . « - » Du mußt sogar ; « schaltete Dagobert scherzend ein , und faßte die Erglühende beim Kinn , daß sie ihm nicht den Anblick ihrer lieblichen Schönheit entziehe . » Rede also zu Deinem Herrn . « - » Daß Ihr um mich geworben , guter Dagobert , « - fuhr Regina nach kurzem Innehalten ermuthigt fort , - » das , das war mir lieb , sehr lieb sogar ; - aber , daß es so schnell gekommen , daß dieses Werben sich so dringend ausgesprochen , das ließ mich im Stillen befürchten , Euer Gemüth möchte noch nicht ruhig , und jenes Bild , das Euch einst verzaubert hatte , noch darin geschäftig seyn . Mir war ' s , als ob ich das Mittel seyn sollte , das der Leidende auf ' s Ungefähr ergreift , ob es ihn vielleicht gesunden mache , - das er jedoch , lindert es seine Qualen nicht , unmuthig wegwirft . « - » Ach , mein verehrter Herr , und lieber Dagobert , « - fuhr sie , da ihr Gatte lächelnd , aber schweigend , ihr in das liebliche Antlitz sah , - fort , » wenn Ihr je mich also wegwerfen könntet , - wenn jemals eine Zeit kommen sollte , in welcher Ihr Euch sagtet : O , daß ich sie doch nicht gesehen , nicht gefreit hätte ! O , daß doch die Andre mein wäre , die ich unsäglich liebte , und die jetzo noch mein ganzes Herz erfüllt ! das wäre ein Unglück , lieber Herr , und ich wollte dann lieber des Vetters Schwarzbach Hausfrau seyn , von dem ich schon am Altare wußte , daß er seinen Bärenfänger mehr liebt , als Weib und Kind . « - » Seht doch , welche Grillen ! « entgegnete Dagobert , ruhig und gelassen , und sah offen und ehrlich dem bekümmerten Weiblein in das schwimmende Auge : » Diese Zweifel thun mir weh ; indeß ist ein Vertrau ' n des Andern würdig . So wisse denn , mein Kind , daß ich nicht von heute , nicht von gestern an , dich in meiner Brust trage , als eine liebe Freundin . In den Fesseln einer seltnen und seltsamen Liebe befangen , hatte ich darum nicht minder Sinn für Deinen Liebreiz , Deine kindliche Anmuth , und ich hatte in der letzten Frist Mühe genug , gegen mein Gefühl anzukämpfen , und die Stimmung zu behaupten , die das Erlöschen meiner thöricht geträumten Glückssonne in mir erzeugt hatte . Ich floh wohl dann und wann sogar Deine Nähe , mein süßes Kind , und jener Ringkauf an des Goldschmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall , oder der Bestimmung herbeigeführt . Ich läugne es nicht , daß dabei mein Herz schwer verwundet wurde , und gleich darauf , wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel , kam mir die Kunde , daß sie , um die ich trauerte , sich gänzlich losgerissen von meinem Herzen und Gedächtniß . Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war vergeblich , unnütz , kindisch , und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele . Ich will verschweigen , welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Joël auf mich machte . Das finstre , grämliche Gesicht des Buntgekleideten , seine flache Einsilbigkeit , beleidigten meine Eitelkeit . Ihn , der nur für das Geld Sinn hatte , das ihm mein Vater hinzählte , - ihn , der so kalt und theilnahmlos mir die wenigen Geschenke wieder reichte , die Esther einst von mir empfangen , - ihn hatte sie mir vorziehen , - diesen Juden mit ihrer Hand begaben können ! - Unwillig entließ ich den Mäkler , gehässig dachte ich an sein Weib zurück ; und Deine Schönheit , Deine jungfräuliche Tugend trat , wie durch einen Zauberschlag , lichtglänzend und strahlend , wie eine Himmelsgestalt , vor mich . Mit diesem Engelbilde besuchte mich auch mein guter Geist , und zu dem Lehrer meiner Kindheit , meiner Jugend führte er mich mit Sturmgewalt , daß ich durch seine Weisheit das Gute vom Bösen unterscheiden lernen , und den würdigen Theil erwählen möge . Ich vermag es nicht , Dir die Worte zu wiederholen , die seinem Munde entquollen , mir zum Troste und zur Belehrung . Genug ; ich verdankte ihnen meine Ruhe und die Rückkehr meines heitern Sinns , das Bewußtseyn , Dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben , meine gute , meine liebliche Regina . Johannes hat mich überzeugt , daß Segen und Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Esther und mir entsprungen wären , hätten beider Herzen sich auch unveränderlich geliebt . Die Kluft ist zu groß gewesen , selbst für die Edelsten und Besten , und sie überspringen zu wollen , war nur der Wunsch , die Sehnsucht einer feurigen , rücksichtslosen Jugend . So habe ich mich denn schnell entschlossen , mein süßes Weib , um Deine Hand zu werben , und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner Ältern Dach zu zieren . Da ich am Altare schwur , war ich fertig mit der Vergangenheit , die freundliche Erinnerung abgerechnet , die mich zum Grab geleiten wird ; mein Frohsinn hat sich wieder eingestellt , und dies Fest nicht unwürdig begangen . Ich bin der Alte geworden , und selbst die Stürme dieses Abends , wie sie sich auch noch gestalten mögen , sollen mich nicht darnieder beugen , rette ich nur Dich , mein Kleinod , unversehrt aus dem Gedränge . « - Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagoberts Arme , und die Neuvermählten vergaßen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her , mit seinen düster brennenden Kerzen und seiner ängstlich lauschenden Bewohnerinnen , wie auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben , Lärmen und Treiben , dessen Ursache noch kein Mensch , allem Fragen zum Trotze , angeben konnte . Da erdröhnte von wiederholten Schlägen die Pforte des Hauses , daß alle Anwesende zusammenfuhren , und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken aus dem Schlafe taumelte , und in die Arme der gütigen Margarethe lief . - » Was giebt ' s da unten ? « rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu , und dieser winkte ihm , jedoch die Übrigen mit einigen Worten beruhigend , auf die Seite . - » Ein Mann ist draussen , der Euch zu sprechen wünscht ; « flüsterte er wichtig : » fast bedaure ich ' s , ihn hieher geführt zu haben ; denn erst beim Laternenschimmer im Hausgange ersah ich , daß der Bursche einer von dem ägyptischen Volke ist , das gestern hier eingezogen ist , und in Sachsenhausen Rasttag hält . Vor solch Gesindel muß man auf der Hut seyn , darum hab ' ich seine Gefährten bei dem Pförtner zurückhalten lassen , - als Geißel für Eure Sicherheit Herr , und die des Hauses . Draussen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch . « - Dagobert folgte dem Forstwart mit Zuversicht und Muth , und stand alsobald vor dem dunkelbraunen Gesellen , dessen Gesichtszüge die herunterhängenden Haare verbargen . - Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete , da strich der Mann die Haare zurück , und fragte mit wohlbekannter Stimme : » Kennt Ihr mich nicht mehr . Herr Frosch ? Bin ich Euch geworden ganz fremd ? « Er streckte die Hand dem Staunenden entgegen , welcher jedoch betroffen einige Schritte , zurücktrat , und schier erschrocken aus rief : » Ben David ! Mensch ! bist Du ' s , oder äfft mich ein possenhafter Zufall mit Deinem Gesichte und Deiner Stimme ? « - » Soll mir Gott helfen , als ich ' s selber bin , wie mich geboren hat die Mutter ; « erwiederte Ben David , und griff nach des Jünglings , Hand , wie ein Freund nach des Freundes Hand . - Aber Dagobert wies die dargebotne Rechte erschrocken zurück , und fragte dringend und ängstlich : » Mensch ! Was willst Du hier ? Du bist gebannt ; zittre vor Deiner Strafe ; und fliehe , fliehe , armer Mensch ! Dein Gesicht ist gekommen , um mir den heutigen Abend vollends zu trüben , und kein Glück bringt Dir dieser Gang ! « » Weh ' mir ! weh mir ! « seufzte Ben David beklommen , faltete die Hände , und sah hierauf wehmüthig und bekümmert in das Gesicht Dagobert ' s : » bin ich gekommen darum , daß ich empfangen werde also mit Schmach und Verweis ? Ist das ein Willkomm für den Schwäher , für den Vater Eurer Braut ? « - » Meiner Braut ? « fragte Dagobert noch staunender . - » Hab ' ich doch lassen rufen Euch , damit nicht erschrecke mein Estherchen vor meinem laugen Bart , in meiner zerlumpten Kleidung , « fuhr Ben David fort : » Hab ' ich doch geglaubt zu finden in Euch ein menschlich Herz ; aber jetzo werdet Ihr mich führen zu meiner Tochter , damit ich sehe , ob sie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Ette , jede Anhänglichkeit an das Gesetz , das sie verlassen . « - Mit der Zudringlichkeit , die seinem Volke und der leidenschaftlichen Bewegung eigen ist , wollte Ben David neben Dagobert vorbei in das Gemach dringen ; der junge Mann , der jetzt erst den Mißverstand begriff , hielt ihn stark aber mitleidig zurück . - » Halt ein , Unglückseliger ! « rief er : » Du bist im Irrthum , obgleich im Verzeihlichern . « - » Nicht ? « stammelte verblüfft der Jude , und hielte inne , schlug die Hände über dem Kopf zusammen , und setzte hinzu : » Nicht ? unglücklicher Vater ! « - Hierauf verklärte sich aber plötzlich sein Gesicht , wie zum Danke erhoben sich seine Arme , und ein : » Nicht ? Gelobt sey Gott , der hochgelobte Herr und König ! « entschwebte seinem zitternden Munde . - Dagobert betrachtete ihn , mit bittern Gefühlen kämpfend , und Ben David ging bald aus seiner freudigen Erschütterung in eine unangenehme über . - » Wer weiß , « murmelte er vor sich hin .... » wer weiß , ob es nicht also ist geworden schlimmer ? Sagt mir , gnädigster Junker , « sprach er laut , den Saum von Dagobert ' s Rocke küssend , - » sagt mir , wo Esther ist gekommen hin ? Vielleicht wär ' es doch gewesen besser , sie hätte geschlossen mit Euch den Bund , als « .... - » Beruhige Dich ! « versetzte Dagobert der ein bittres Lächeln nicht unterdrücken konnte : » Sie ist Eurer würdig geblieben . Sie ging mir voraus in der Ehe , und Lüttichs reichster Jude , Joël ist ihr Mann ! « - Überrascht und zweifelnd starrte Ben David den Jüngling an ; da er aber in dessen Augen Wahrheit keine Falschheit las , so verkehrte sich schnell sein Trübsinn in Jubel , außer sich voll Freude fiel er vor dem Junker auf die Kniee , und jauchzte : » Heil sey Euch , Herr , und der Segen des hochgelobten Gottes in Israel . Dank dem Propheten Elias und dem Fürsten der Barmherzigkeit , die gnädig regiert haben das Herz meiner lieben Esther , die ich nun mit Freuden nenne mein eignes liebes Kind . Also belohnt der Herr die Treue , die an ihm hält fest wie Eisen und Gold . Ihr hättet mir geben können alle Kronen von Perl und Edelgestein , und sie hätten nicht also erquickt mein Herz und meine Augen , als Eure Worte es gethan . Gern will ich seyn ein schlechter Jude und unter Euern Schuhen der Staub , weil es also gekommen ist ; gern nicht mich brüsten , mit dem Namen Eures Schwähervaters und ohne mein Kind in Pracht und Herrlichkeit zu sehen , umsonst gekommen seyn zur Hochzeit . Doch . « fügte er , sich besinnend , hinzu : » Nein ! umsonst bin ich nicht da , gestrenger Junker . « - » Du meinst des Geldes wegen , das Dir der Herzog schuldete ? « fragte Dagobert , der hinter Davids Rede jüdischen Eigennutz witterte . » Das Gold hat Deiner Tochter Gatte , Joël , schon empfangen . « - » Recht ! « erwiederte David ruhig : » ist ' s doch meines Kindes Erbtheil , von dem ich nicht gesprochen , da ich einen größern Schatz trage auf meiner Brust , - die Haarlocke meiner Esther , für welche ich einst verrathen habe mein letztes verstecktes Geld an den grausamen Zodick ; ein Kleinod , das mich ermannt hat in jeglicher Gefahr , das mich geführt hat wie Zauberwerk durch jedes Elend ; köstlicher denn Gold und Geschmuck , das mir der hochgelobte Gott gesendet hat durch die Hand des Bösen , wie seine unerforschliche Klugheit heilt durch Gift und reif macht durch Kummer , Mühe und Last . Nein , Herr ! ich habe nicht geredet , von dem Gelde des Herzogs , - ich habe nicht begehrt ein Geschenk von Eurer Freigebigkeit ; ich bin gekommen zu bringen ein Geschenk für Euer Haus und Euer Hochzeitfest . Ich habe vermeint , zu schmeicheln den schmutzigen hebräischen Schwähervater ein in das Haus der Hochzeitfreude ; aber , - ist mir gleich dieses verwehrt , - so wird sie doch angenehm seyn , des Landstreichers Gabe , und übersehen lassen sein unhochzeitlich Kleid , und ihm erwerben ein verschwiegen Obdach in Euerm Hause . « - » Eine Gabe ? Du ? « fragte halb lächelnd , halb mißtrauisch Dagobert . - » Laßt Euch sagen : « erwiederte der Jude geschäftig , zutraulich und eilig : » Gottes Wunder sind groß . Ich bin gelaufen gen Hungarn , um dort zu finden mein Brod oder den Tod , und zu besuchen die Städte , wo sie gemordet haben meinen Sohn . Das Gespenst des Andern hat mich gejagt , .... doch Ihr versteht nicht , was ich rede , und darum sag ' ich Euch , daß ich gekommen bin zu der ägyptischen Horde , die von Aufgang herzieht gen Niedergang , und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von unsern Leuten , um also zu gelangen in ' s Abendland , das sie nicht erreicht haben würden , als Juden , allein und hülflos . Denn mir war ' s eingekommen plötzlich zu wandern nach dem hispanischen Land , und zu suchen mein Glück . Geschah es eines Tags , daß ich finde bei einem gestorbnen Ägypterweibe , das im Graben lag , ein Knäblein , fein und flink , das bitter weinte , fragte ich ihn nach seinem Leid , und erzählt mir der Bube , daß hier seine Pflegerin liege , todt , und daß er sey hülflos in der Welt , denn die Alte habe versprochen , ihn zu führen zurück bei seinen Eltern , denen er gestohlen worden sey von wälschem Bettvolk , das ihn , der krank und schwach gewesen , brauchen wollte , um der Allmosen mehr zu gewinnen für das sieche Kind . Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht , statt es noch gänzlich aufzureiben , so ist der Knabe bald geworden ein unnützig Eßmaul für die Bettler , und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib , das todt vor mir lag . « - » Ei , Jungelchen , « sprach , ich : » weißt Du denn , Du junges Blut , wer sie sind Deine Eltern , und wo sie wohnen ? « - Der Knabe lachte , und hat gesagt in seiner halb kauderwälsch gewordnen Sprache : » Freilich weiß ich ' s Alter ! Heiß ich doch Johannes Frosch , das liebe Junkerlein von Frankfurt ; denn also hat mich die Willhild genannt , alle Tage da ich bei dir gewesen bin auf dem Dorfe . « - » Gott ! Gott ! da wurde mir , als ob die Schechinah des Herrn herunter stiege von den Fingern der Cohenim und sich setzte