um des Philistus willen verscherzen sollten . 15. Learch an Aristipp . Ich will dir nicht verbergen , lieber Aristipp , daß es ( wie du zu vermuthen scheinst ) Dionysius selbst war , von dem ich durch einen Freund in Syrakus ersucht wurde , mich bei dir nach Philisten zu erkundigen . Wie wenig dieser auch bisher durch sein Betragen während seiner Verbannung aus Sicilien Anlaß gegeben , ihm heimliche Anschläge und Vorkehrungen zu einer eigenmächtigen Rückkehr zuzutrauen , so gewiß scheint es doch , daß der alte Tyrann ( der mit dem zunehmenden Gefühl der Abnahme seiner Kräfte immer mißtrauischer und argwöhnischer wird ) durch das schnelle Verschwinden Philist ' s aus Italien und durch seinen Aufenthalt in einem weit entfernten Freistaat ( wo es um so leichter scheint , die Anstalten zu einer solchen Unternehmung zu verheimlichen ) merklich beunruhigt worden ist ; zumal da sein Bruder Leptines zeither neue sehr ernstliche Versuche gemacht hat , ihn zur Zurückberufung seines Schwiegersohnes zu vermögen . Mehr bedurfte es nicht , um den Verdacht bei ihm zu erregen , daß man mit einem Entwurf schwanger gehe , dessen Ausführung seine Einwilligung allenfalls entbehrlich machen könnte . Wenn ich den Dionysius recht kenne , ist es indessen doch weniger die Furcht , daß Philist etwas gegen seine Person zu unternehmen fähig sey , als sein Widerwille , einem so schwer beleidigten ehmaligen Freund wieder ins Gesicht zu sehen , und wenigstens stillschweigende Vorwürfe eines kaum verzeihlichen Undanks in seinen Augen zu lesen , was den stolzen alten Selbstherrscher so unbeweglich gegen die Vorstellungen seines Bruders und die anhaltenden Bitten der Frauen des Palastes macht . Bei so bewandten Dingen habe ich für gut befunden , ihm deinen Brief an mich in der Urschrift mitzutheilen , um ihn desto eher zu überzeugen , daß er sich von dieser Seite völlig sicher halten könne . Er hat mir eine für dich und mich sehr schmeichelhafte Antwort geben lassen ; aber daß ich meine Absicht nur sehr unvollkommen erreicht habe , davon werdet ihr in kurzem einen Beweis in der Erscheinung eines Abgesandten sehen , der bei eurer Republik um die Erlaubniß ansuchen soll , hundert Freiwillige , aber geborne und angesessene Angehörige von Cyrene , unter sehr annehmlichen Bedingungen zu Vermehrung der Leibwache des Tyrannen anzuwerben . Daß der Abgeordnete neben diesem öffentlichen noch einen geheimen Auftrag hat , wozu jener nur der Vorwand ist , nämlich Philisten aufs genaueste zu beobachten , brauche ich dir nicht erst zu sagen ; denn auf alle Fälle ist die bisherige Leibgarde stark genug , um durch den Zuwachs von hundert Cyrenischen Bauerjungen nicht viel furchtbarer zu werden . Inzwischen ist auch Leptines überall von Späheraugen umringt , und ihm sowohl als allen andern Syrakusiern ist alle Gemeinschaft mit Philisten von neuem aufs schärfste untersagt . Dieser wird also wohl thun , sich mehr als jemals ruhig zu verhalten . Vielleicht ist die Zeit seiner Erlösung näher als er glaubt . Denn die Gesundheit des Alten soll in so großen Verfall gerathen seyn , daß ( wie die Rede geht ) alle Kunst der Hippokratischen Schule sein Leben höchstens noch ein paar Jahre fristen kann , wenn anders seine Leibärzte nicht etwa aus Gefälligkeit gegen den Nachfolger in Versuchung gerathen , es vielmehr abzukürzen als zu verlängern . Uebrigens kann ich ihm nicht sehr verdenken , wenn er gegen alles , was sich ihm nähert , immer mißtrauischer wird , seitdem die Welt an dem berühmten Thessalier Jason ein neues Beispiel gesehen hat , wie unsicher das Leben solcher Fürsten ist , die sich , ohne einen andern Titel , als das stolze Gefühl ihrer persönlichen Ueberlegenheit , aus dem Privatstand auf den Thron geschwungen haben . Seit dem Peleiden Achilles brachte Thessalien keinen Mann hervor , der würdiger war ein König zu seyn als Jason ; und wenn Dionys ihm auch an den Talenten , die dazu erfordert werden , gleich oder vielleicht noch überlegen war , so stand er hingegen an allem , was den Menschen Zutrauen und Liebe abgewinnen kann , desto weiter unter ihm . Gleichwohl mußte der großherzige Jason schon im vierten Jahre seiner Regierung unter Mörderhänden fallen , und der verhaßte Dionysius beherrscht die unlenksamen Sicilier schon im sechsunddreißigsten ! Dieß sollte , scheint es , diesen sicher machen ; aber das Bewußtseyn , wie viele Gewalt und List , welche nie ermüdende Wachsamkeit und Anstrengung es ihm gekostet sich so lange zu erhalten , wirkt gerade das Gegentheil . Diese sich immer auf allen Seiten vorsehende , allenthalben hinlauschende , argwöhnische , überall Gefahr witternde Aufmerksamkeit ist ihm zur andern Natur geworden ; sie besteht sogar mit der höhnischen faunenhaften Art von lustigmacherischer Laune , die ihm eigen ist . Daher glaube ich auch , daß er bei weitem nicht so unglücklich ist , als Plato seinen Tyrannen schildert ; ungeachtet er das Mißtrauen so weit treibt , daß niemand ( selbst seinen Bruder und seine Gemahlin nicht ausgenommen ) sich ihm nähern darf , ohne vorher aufs genaueste durchsucht worden zu seyn , und daß er sich in seinen Wohnzimmern bloß von zehnjährigen Kindern in leichtem fliegendem Gewande , wie unsre Maler die Zephyrn und kleinen Liebesgötter zu kleiden pflegen , bedienen läßt . Diese vorsichtigen Maßnehmungen mögen nicht ganz überflüssig seyn ; ob sie aber auch gegen die Tränkchen seiner Leibärzte helfen werden , muß die Zeit lehren . Was Philists Sicilische Geschichte betrifft , so denke ich , wie du , daß ihm niemand wehren konnte , einen Mann , der von seinen Gegnern vor der ganzen Hellas verleumdet wird , in eine Beleuchtung zu stellen , worin die großen und guten Eigenschaften , die ihm seine bittersten Feinde selbst kaum streitig machen können , so stark hervorstechen , daß sie eine dem Ganzen vortheilhafte Wirkung thun . Was ich tadeln möchte , ist bloß , daß er diese seine Absicht nicht besser zu verbergen gewußt hat . Gern will ich ihm zugeben , daß derjenige , der eine gänzliche Unparteilichkeit für etwas Unmögliches hält , nicht verbunden ist , ganz unparteiisch zu seyn ; aber es zu scheinen , liegt allerdings jedem Geschichtschreiber ob , dem es Ernst ist , die Leser für seinen Helden zu gewinnen . Dieß weiß Philistus so gut als ich , und da er demungeachtet den Schein der Parteilichkeit nicht vermieden hat , so ist ziemlich klar , daß er bei Abfassung seiner Geschichte mehr an Dionysen als an die Leser dachte , und sich lieber bei diesen in den Verdacht der Schmeichelei setzen , als etwas , das jenem mißfallen könnte , schreiben wollte . Gegen diesen Vorwurf wird er sich schwerlich rechtfertigen können , und was daraus zum Nachtheil seiner Geschichte und seines Helden gefolgert wird , brauche ich dir nicht erst zu sagen . 16. Antipater an Diogenes . Mehr als zehn Jahre sind schon verflossen , seit ich mit Aristipp bekannt wurde , und das Glück hatte , seines Umgangs während eines großen Theils dieser Zeit täglich zu genießen . Ich habe ihn in mancherlei Lagen und Verhältnissen gesehen und beobachtet ; oder , richtiger zu reden , er zeigte sich mir immer so offen , unzurückhaltend und anspruchlos , daß ich , um ihn kennen zu lernen , nichts als das Paar gesunde Augen brauchte , womit mich die Natur ausgestattet hat . Es müßte also nicht mit rechten Dingen zugehen , wenn ich von den Grundsätzen , die er in seinem Leben befolgt ( und er hat keine andern ) nicht besser unterrichtet seyn sollte , als Leute die ihn bloß von Hörensagen kennen , oder aus einem zufälligen Umgang und im Flug aufgeschnappten einzelnen Worten über ihn abzusprechen sich vermessen . Du wirst dich daher nicht wundern , Freund Diogenes , wenn ich dir sage , daß ich nicht ohne Unwillen hören kann , mit welcher Dreistigkeit er noch immer von einigen Sokratikern , besonders von den eifrigsten Anhängern der Akademie , öffentlich beschuldigt wird , daß er die Grundsätze des gemeinschaftlichen Meisters der Athenischen Schule nicht nur verfälsche , sondern sogar das förmliche Gegentheil derselben lehre und ausübe , indem er die Wollust , und zwar bloß die körperliche oder den groben thierischen Sinnenkitzel , für das höchste Gut des Menschen erkläre , ausdrücklich behauptend : es gebe kein anderes Vergnügen als die Sinnenlust , und alles übrige bestehe bloß in leeren Einbildungen , womit nur Leute sich zu täuschen suchten , denen es an den Mitteln fehle , sich den wirklichen Genuß aller Arten von sinnlichen Vergnügungen zu verschaffen . Ich gestehe dir , Diogenes , meine Geduld reißt , wenn ich diese alten abgeschmackten Verleumdungen noch immer von Männern , denen der Name Sokratiker zur Beglaubigung dient , erneuern , und , auf deren Verantwortung , aus so manchen schnatternden Gänsehälsen und gähnenden Eselskinnladen widerhallen höre ; und mehr als einmal bin ich schon im Begriff gewesen , nach der Aristophanischen Geißel zu langen und die Thoren öffentlich dafür zu züchtigen , wenn mich nicht die Achtung für Aristippen , der keiner Rechtfertigung bedarf , und die Verachtung seiner Verleumder , die der Züchtigung nicht werth sind , jedesmal zurückgehalten hätte . Indessen kann ich mir doch die Befriedigung nicht versagen , wenigstens dir , mein alter Freund , wiewohl du es ( denke ich ) nicht schlechterdings vonnöthen hast , einen Aufschluß über diese Sache zu geben , der dir begreiflich machen wird , wie eine so alberne Sage unter den morosophirenden43 Müßiggängern und Schwätzern zu Athen entstehen konnte . Den ersten Anlaß mag wohl der starke Abstich gegeben haben , den die verhältnißmäßig etwas üppige Lebensweise Aristipps mit dem schlechten Aufzug und der sehr magern Diät der meisten Sokratiker und des Meisters selbst machte , und der jenen um so anstößiger seyn mochte , weil er im ersten Jahre seines Umgangs mit Sokrates sich ihnen in allem ziemlich gleich gestellt hatte . Indessen war Aristipp nicht der einzige , der sich auf diese Art auszeichnete ; mehrere begüterte Freunde des Weisen lebten auf einem ihrem Vermögen angemessenen Fuß , und er selbst ( sagt man ) war weit entfernt mit seiner Armuth zu prunken , und diejenigen mit stolzer Verachtung anzusehen , die nicht , wie er , von einem Triobolon des Tages leben wollten , weil sie wollen mußten . Warum wurde denn Aristippen allein so übel genommen , was man an andern nicht ungehörig fand ? Ohne Zweifel lag der wahre Grund darin , daß Aristipp überhaupt nicht recht zu den meisten Sokratikern paßte , und da er dieß bald genug gewahr wurde , von Zeit zu Zeit aus ihrem Kreise heraustrat und sich auch mit andern , die nicht zu ihnen gehörten , sogar mit einem Hippias und Aristophanes , in freundschaftliche Verhältnisse setzte . Hierzu kam noch , daß er , bei aller seiner Verehrung für den Geist und Charakter des Sokrates , eben so wenig zum Nachtreter und Widerhall desselben geboren war als Plato , und sich eben so wenig verbunden hielt über alle Dinge einerlei Meinung mit ihm zu seyn , als sich ihm in seiner absichtlichen Beschränkung auf das Unentbehrliche gleich zu stellen . So reizten z.B. eine Menge wissenschaftlicher Gegenstände seine Neugier , welche Sokrates für unnütze Grübeleien erklärte ; und so machte er auch kein Geheimniß daraus , daß der Attische Weise ihm die eigentliche Lebensphilosophie zu sehr in den engen Kreis des bürgerlichen Lebens und auf das Bedürfniß eines Attischen Bürgers einzuschränken scheine ; da er selbst hingegen schon damals Trieb und Kraft in sich fühlte , einen freiern Schwung zu nehmen , und die Verhältnisse des Bürgers von Cyrene den höhern und edlern des Kosmopoliten , wo nicht aufzuopfern , doch nachzusetzen . Indessen hinderte dieß alles nicht , daß Aristipp , so lange Sokrates lebte , für einen seiner Freunde und Homileten44 vom engern Ausschuß , und selbst in Ansehung des Wesentlichsten seiner Philosophie für einen Sokratiker galt . Als aber nach dem Tode des Meisters Antisthenes und Plato sich an die Spitze dessen , was man jetzt die Sokratische Schule zu nennen anfing , stellten , und die Stifter zweier Secten wurden , welche , ihrer Verschiedenheit in andern Stücken ungeachtet , darin übereinkamen , daß sie gewisse Sokratische Grundbegriffe und Maximen weit über den Sinn des Meisters und bis auf die äußerste Spitze trieben : so mußte nun , wie Aristipp von seinen langen Wanderungen nach Athen zurückkam und ebenfalls eine Art von Sokratischer Schule eröffnete , nothwendig eine öffentliche Trennung erfolgen , wobei die Pflichten der Gerechtigkeit und Anständigkeit , wenigstens auf Einer Seite , ziemlich ins Gedränge kamen . Beide , Plato und Antisthenes , sprachen von allen Vergnügungen , woran der Körper Antheil nimmt , mit der tiefsten Verachtung : dieser , weil er » nichts bedürfen « für ein Vorrecht der Gottheit hielt , und also , nach ihm , der nächste Weg zur höchsten Vollkommenheit ist , sich , außer dem schlechterdings Unentbehrlichen , alles zu versagen was zum animalischen Leben gerechnet werden kann ; jener , weil er den Leib für den Kerker der Seele , und die Ertödtung aller sinnlichen Triebe für das kürzeste Mittel ansieht , das innere Leben des Geistes frei zu machen , und die Seele aus der Traumwelt wesenloser Erscheinungen zum unmittelbaren Anschauen des allein Wahren , der ewigen Ideen und des ursprünglichen Lichts , worin sie sichtbar werden , zu erheben . Aristipp , dem alles Uebertriebene , Angemaßte und über die Proportionen der menschlichen Natur Hinausschwellende lächerlich oder widrig ist , mochte sich , als er noch zu Athen lebte , bei Gelegenheit erlaubt haben , über diese philosophischen Solöcismen45 seiner ehemaligen Lehrgenossen in einem Tone zu scherzen , den der sauertöpfische Antisthenes so wenig als der feierliche Plato leiden konnte . Beide rächten sich ( jeder seinem Charakter gemäß , jener gallicht und plump , dieser fein und kaltblütig ) durch die Verachtung , womit sie von dem Manne und seiner Lehre sprachen . Aristippen hieß die Sinnenlust eben sowohl ein Gut als irgend ein anderes ; er sah keinen Grund , warum er es über diesen Punkt nicht mit dem ganzen menschlichen Geschlecht halten sollte , welches stillschweigend übereingekommen ist , alles gut zu nennen , was dem Menschen wohl bekommt ; ja er war so weit gegangen , zu behaupten : auch das geistigste Vergnügen sey im Grunde sinnlich , und theile den Organen des Gefühls eine Art angenehmer Bewegung mit , deren Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit andern körperlichen Wollüsten von jedem sich selbst genau beobachtenden nicht verkannt werden könne . Diese Sätze wurden , ohne daß man sich auf ihre Beweise und genauere Erörterung einließ , in der Akademie und im Cynosarges für übeltönend und antisokratisch erklärt ; und so erzeugte sich unvermerkt bei allen , denen Aristipp nicht besser als von bloßem Ansehen oder Hörensagen bekannt war , jene ungereimte Meinung , die ihm und seinen Freunden von den Anhängern der beiden Tyrannen , die sich damals in die Beherrschung der philosophischen Republik theilten , den Spitznamen Wollüstler ( Hedoniker ) zugezogen haben . Das Mißverständniß wäre leicht zu heben gewesen , oder würde vielmehr gar nicht stattgefunden haben , wenn jene Herren nicht so einseitig und steifsinnig wären , ihre persönliche Vorstellungsart zum allgemeinen Kanon der Wahrheit zu machen . Die meisten Fehden über solche Dinge hörten von selbst auf , wenn die verschieden Redenden vor allen Dingen gelassen untersuchen wollten , ob sie auch wirklich verschieden denken ; und in zehn Fällen gegen einen würde sogleich Friede unter den Kämpfern werden , wenn sie anstatt um Worte zu fechten und in der Hitze der Rechthaberei sich selbst immer ärger zu verwickeln , die Begriffe kaltblütig auseinander setzen und , so weit es angeht , in ihre einfachsten Elemente auflösen wollten . Daher kommt es ohne Zweifel , daß Aristipp in solchen Fällen immer das allgemeine Wahrheitsgefühl der Zuhörer auf einer Seite hat . Wie stark auch das gegen ihn gefaßte Vorurtheil bei einer sonst unbefangenen Person seyn mag , sobald er sich erklärt hat , wird man entweder seiner Meinung , oder sieht , daß man es bereits gewesen war und sich die Sache nur nicht deutlich genug gemacht hatte ; oder man begreift wenigstens , wenn man gleich selbst nicht völlig überzeugt ist , wie es zugeht , daß andere verständige Leute seiner Meinung seyn können . Mit Plato und Antisthenes hat es nun freilich eine andere Bewandtniß . Ihre Philosophie ist von Aristipps zu sehr verschieden , um eine Vereinigung zuzulassen . Die seinige begnügt sich menschliche Thiere zu Menschen zu bilden - was jenen zu wenig ist ; die ihrige vermißt sich Menschen zu Göttern umzuschaffen , was ihm zu viel scheint . Sie gehen von Begriffen und Grundsätzen aus , die mit den seinigen in offenbarem Widerspruch stehen . Die Fehde zwischen ihnen kann also nur durch eine Unterwerfung aufhören , zu welcher wohl keine von den streitenden Mächten sich je verstehen wird . Ich verlange aber auch für meinen Lehrer und Freund sonst nichts von ihnen , als nur nicht unbilliger gegen ihn zu seyn , als er gegen sie ist . Mögen sie doch sein System mit stolzem Naserümpfen verhöhnen , oder mit gerunzelter Stirne verdammen ! Nur verfälschen sollen sie es nicht . Uebrigens ist bekannt genug , oder könnt ' es wenigstens seyn , daß Aristipp nie eine eigene philosophische Secte zu stiften begehrt , und so wenig als Xenophon oder Sokrates selbst , seine Lebensweisheit jemals schulmäßig gelehrt hat . Denn daß er vor vielen Jahren , während seines letzten Aufenthalts in Athen , die Philosophie des Sokrates einigen Liebhabern , die sich schlechterdings nicht abweisen lassen wollten , zu großem Aergerniß der übrigen Sokratiker , um baare Bezahlung , unverändert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzuthun , vorgetragen , gehört nicht hierher . Er that damit nichts anders , als was ein Maler thut , wenn er eine mit allem Fleiß gearbeitete Copei eines berühmten Gemäldes eines ältern Meisters , nicht für das Urbild selbst , sondern für das was es ist , für ein Nachbild verhandelt . Das , was man seine eigene Philosophie nennen kann , stellt er weniger in mündlichen und schriftlichen Unterweisungen als in seinem Leben dar ; ob er gleich kein Bedenken trägt , seine Art über die menschlichen Dinge zu denken . und die Gründe , die sein Urtheil , es sey nun zum Entscheiden oder zum Zweifeln , bestimmen , bei Gelegenheit an den Tag zu geben , zumal in Gesellschaften , die zu einer freien und muntern Unterhaltung geeignet sind . Unter vertrautern und kampflustigen Freunden läßt er sich auch wohl in dialektische Gefechte ein , wo es oft zwischen Scherz und Ernst so hitzig zugeht , als ob um einen Olympischen Siegeskranz gerungen würde ; aber auch diese Spiegelgefechte endigen sich doch immer , wie alle Kämpfe dieser Art billig endigen sollten : nämlich daß die Ermüdung der Kämpfer dem Spiel ein Ende macht , und jeder mit heiler Haut , d.i. mit seiner eigenen unverletzten Meinung davon geht , zufrieden sich wie ein Meister der Kunst gewehrt zu haben , und die Zuhörer ungewiß zu lassen , welcher von beiden der Sieger oder der Besiegte sey . Ich will damit keinesweges sagen , daß Aristipp von seinem System , in wiefern es ihm selbst zum Kanon seiner Vorstellungsart und seines praktischen Lebens dient , nicht wenigstens eben so gut überzeugt sey als Plato von dem seinigen ; nur glaubt er nicht , daß eine ihm selbst angemessene Denkweise und Lebensordnung sich darum auch für alle andern schicken , oder was ihm als wahr erscheint , auch von allen andern für wahr erkannt werden müsse . Gestehe , Diogenes , daß man mit einem so anspruchlosen Geistescharakter eher alles andere als ein Sectenstifter seyn wird , und daß es sogar widersinnisch ist , denjenigen dazu machen zu wollen , der eben darum , weil er seine Art zu denken und zu leben unter seine persönlichen und eigenthümlichen Besitzthümer rechnet , andern nur so viel davon mittheilt , als sie selbst urtheilen , daß ihnen ihrer innern Verfassung und ihren äußerlichen Umständen nach zuträglich seyn könne . Uebrigens sehe ich nicht , warum er nicht eben so gut als andere berechtigt wäre , seine Grundbegriffe für allgemein wahr und brauchbar zu geben . Was er unter jener , seinen Tadlern so unbillig verhaßten Hedone ( welche , nach ihm , das Wesen der menschlichen Glückseligkeit ausmacht ) versteht , ist nicht Genuß wollüstiger Augenblicke , sondern dauernder Zustand eines angenehmen Selbstgefühls , worin Zufriedenheit und Wohlgefallen am Gegenwärtigen mit angenehmer Erinnerung des Vergangenen und heiterer Aussicht in die Zukunft ein so harmonisches Ganzes ausmacht , als das gemeine Loos der Sterblichen , das Schicksal , über welches wir gar nichts - und der Zufall , über den wir nur wenig vermögen , nur immer gestatten will . Ist etwa die Eudämonie der andern Sokratiker im Grunde etwas anders als ein solcher Zustand ? Warum hält man sich , anstatt sich um Worte und Formeln zu entzweien , nicht lieber an das , worin alle übereinkommen ? Wer wünscht nicht so glücklich zu seyn als nur immer möglich ist ? Und , wie verschieden auch die Quellen sind , woraus die Menschen ihr Vergnügen schöpfen , ist das Vergnügen an sich selbst nicht bei allen eben dasselbe ? Warum soll es Aristippen nicht eben so wohl als andern erlaubt seyn , Worte , die der gemeine Gebrauch unvermerkt abgewürdigt hat , wieder zu Ehren zu ziehen und z.B. die schuldlose Hedone , wiewohl sie gewöhnlich nur von den angenehmen Gefühlen der Sinne gebraucht wird , zu Bezeichnung eines Begriffs , der alle Arten zusammenfaßt , zu erheben ? Daß durch einen weisen Genuß alle unsrer Natur gemäßen Vergnügungen , sinnliche und geistige , sich nicht nur im Begriff , sondern im Leben selbst sehr schön und harmonisch vereinigen lassen , hat Aristipp noch mehr an seinem Beispiel als durch seine Lehre dargethan . Seine Philosophie ist eine Kunst des Lebens unter allen Umständen froh zu werden , und bloß zu diesem Ende , sich von Schicksal und Zufall , und überhaupt von aller fremden Einwirkung so unabhängig zu machen als möglich . Nicht wer alles entbehren , sondern wer alles genießen könnte , wär ' ein Gott ; und nur , weil die Götter das letztere sich selbst vorbehalten , den armen Sterblichen hingegen über alle die Uebel , welche sie sich selbst zuziehen , noch so viel Noth und Elend von außen aufgeladen haben als sie nur immer tragen können , nur aus diesem Grund ist es nothwendig , daß der Mensch entbehren lerne was er entweder gar nicht erreichen kann , oder nur durch Aufopferung eines größern Gutes sich verschaffen könnte . Doch ich sehe , daß ich mich unvermerkt in Erörterungen einlasse , die zu meiner Absicht sehr entbehrlich sind . Denn es versteht sich , daß ich dich nicht zur Philosophie Aristipps bekehren , sondern nur geneigt machen möchte , dich des Charakters eines Mannes , den ich als einen der edelsten und liebenswürdigsten Sterblichen kenne , bei Gelegenheit mit so viel Wärme , als deiner wohlbekannten Kaltblütigkeit zuzumuthen ist , gegen seine unbilligen Verächter anzunehmen . Ich befriedige dadurch bloß mein eigenes Herz ; Aristipp weiß nichts von diesem Briefe , und scheint sich überhaupt um alles , was seine ehemaligen Mitschüler von ihm sagen und schreiben , wenig zu bekümmern . Indessen nährt er doch für die Athener noch immer eine Art von Vorliebe , die ihn über ihre gute oder böse Meinung von ihm nicht so ganz gleichgültig seyn läßt als er das Ansehen haben will . Zuweilen wenn die Rede von den Albernheiten , Unarten und Verkehrtheiten ist , wodurch sie ehemals dem Witz ihres Aristophanes so reichen Stoff zu unerschöpflichen Spöttereien und Neckereien gegeben haben , sollte man zwar meinen , er denke nicht gut genug von ihnen , um sich viel aus ihrem Urtheil zu machen : aber im Grund entspringt sein bitterster Tadel bloß aus dem Unmuth eines Liebhabers , der sich wider seinen Willen gestehen muß , daß seine Geliebte mit Mängeln und Untugenden behaftet ist , die es ihm unmöglich machen sie hoch zu achten , und worin sie sich selbst so wohl gefällt , daß keine Besserung zu hoffen ist . Ich höre , daß du seit dem Tode des alten Antisthenes nach Athen zurückgekehrt seyest , um , wie man sagt , von seiner Schule im Cynosarges Besitz zu nehmen , da du itzt als das Haupt der von ihm gestifteten Secte betrachtet werdest . Ich kenne dich zu gut , Freund Diogenes , um nicht zu wissen , wie dieß zu verstehen ist . Du wirst so wenig als Sokrates und Aristipp in dem gewöhnlichen Sinn des Worts , an der Spitze einer Schule oder Secte stehen wollen , und deine Philosophie läßt sich so wenig als die ihrige durch Unterweisung lernen . Aber die Athener bedürfen deines scherzenden und spottenden Sittenrichteramts mehr als jemals ; und wenn gleich wenig Hoffnung ist , daß du sie weiser und besser machen werdest , so kann es ihnen doch nicht schaden , einen freien Mann , dessen sämmtliche Bedürfnisse auf einen Stecken in der Hand und eine Tasche voll Wolfsbohnen am Gürtel eingeschränkt sind , unter sich herum gehen zu sehen , der sie alle Augenblicke in den Spiegel der Wahrheit zu sehen nöthigt , und ihnen wenigstens das täuschende Vergnügen des Wohlgefallens an ihrer eignen - Häßlichkeit möglichst zu verkümmern sucht . Wenn deine Gegenwart endlich ihnen , oder ihre unheilbare Narrheit dir , gar zu lästig fiele , so wirst du die Arme deiner Freunde in Korinth immer wieder offen finden ; und sollte dich zuletzt die ganze Hellas nicht mehr ertragen können , so lass ' dich irgend eine freundliche Nereide an die Küste Libyens zu deinem Antipater geleiten , der die Tage , die er in seiner Jugend mit dir verlebte , und die traulichen Wallfahrten nach dem Eselsberg , und die Schwimmpartien nach dem Inselchen Psyttalia , immer unter seine angenehmsten Erinnerungen zählen wird . 17. Diogenes an Antipater . Weder der hoffärtige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen , noch ein Cynischer Trieb die Laster und Thorheiten der edeln Theseiden anzubellen , hat mich von Korinth nach Athen zurückgerufen , Freund Antipater . Die bloße Neigung zur Veränderung , die dem Menschen so natürlich ist - wär ' es nur um sich selbst eine Probe seiner Freiheit zu geben - ist allein schon hinlänglich eine so unbedeutende Begebenheit zu erklären ; wenn auch der Reiz , womit Pallas Athene ihren Lieblingssitz vor allen andern Städten der Welt so reichlich begabt hat , für einen Weltbürger meiner Art weniger Anziehendes hätte als für andre Menschen . Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu , ohne welchen ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen hätte , meinem lieben Müßiggang zu Korinth - wo sich , Dank sey den Göttern ! schon lange niemand mehr um mich bekümmert , und meinem kleinen sonnichten Winzerhüttchen ( seines Umfangs wegen mein Faß genannt ) , aus bloßem Muthwillen zu entsagen . Wisse also , mein Lieber , daß ich vor einiger Zeit , zufälligerweise , mit einem jungen Thebaner in Bekanntschaft gerieth , der mit der vollständigsten Außenseite des Homerischen Thersites eine so schöne Seele und eine so frohsinnige Unbefangenheit verbindet , daß der tugendhafteste aller Päderasten , Sokrates selbst , seinem bekannten Vorurtheil für die körperliche Schönheit zu Trotz , sich in ihn verliebt hätte , wenn er dreißig bis vierzig Jahre früher zur Welt gekommen wäre . Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich häßliche Mißgestalt vor die Augen gekommen , und es sollte sogar dem sauertöpfischen Heraklites kaum möglich gewesen seyn , über den komischen Ausdruck , womit alle Theile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen , nicht zum erstenmal in seinem Leben zu lächeln . Glücklicherweise für den Inhaber dieser seltsamen Larve leuchtet dem , der ihm herzhaft ins Gesicht schaut , ich weiß nicht was für ein unnennbares Etwas entgegen , welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung einflößt , und einen jeden , dem es nicht gänzlich an Sinn für die energische Sprache , worin eine Seele die andere anspricht , fehlt , in wenig Augenblicken mit der Ungereimtheit seiner Gestalt und Gesichtsbildung aussöhnt . Ich weiß nicht wie es zuging , daß er , ohne an den Fransen meines ziemlich abgelebten Mantels Anstoß zu nehmen , nicht weniger Geschmack an meiner Person zu finden schien als ich an der seinigen . Genug , wir fühlten uns gegenseitig von einander angezogen , und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft gelegt , welche vermuthlich länger dauern wird als unsre Mäntel . Krates ( so nennt sich mein junger Böotier ) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes , der sein Leben unter rastlosen Anstrengungen , Sorgen und Entbehrungen mit der edeln Beschäftigung zugebracht hat , sein Vermögen alle zehn Jahre zu verdoppeln ; und der nun , da ihm nächst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das Glück seines Sohnes , alles Mögliche thut , um diesen zu eben derselben Lebensweise , in welcher er das seinige gefunden , anzuhalten . Zu großem Schmerz des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu , daß , im Gegentheil , unter allen möglichen Dingen , womit der menschliche Geist sich befassen kann , die Rechentafel ihm gerade das verhaßteste ist ; und nur aus Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjährigen Vater , - der zwar noch immer wachend und schlafend auf seinen Geldsäcken zählt und rechnet , aber nicht Kräfte genug übrig hat , seinen Geschäften außer dem Hause nachzugehen - unterzieht er sich den Aufträgen , womit ihn der Alte überhäuft , um ihm keine Zeit zu solchen Beschäftigungen zu lassen , die in seinen Augen