abgesehen von der schwebenden Frage : » wer hat Recht ? « General Barfus in allem , was folgte , klug genug gewesen war , sich nachgiebig gegen die kurfürstliche Autorität zu zeigen , während der bedeutendere aber rechthaberische und überall anstoßende Schöning den Kurfürsten und seine Umgebung durch die Art seiner Rechtsforderung verletzt hatte . Während der Streit schwebte , hatte er – mutmaßlich bedeutet , die Residenz unter allen Umständen zu meiden , – abwechselnd in Tamsel und Weißensee gelebt . Jetzt , nachdem das oben mitgeteilte Reskript die Streitfrage praktisch zum Abschluß gebracht hatte , verließ er die Heimat , die seinem Wirken und seinem Ehrgeiz keinen Schauplatz mehr bot , und trat am 9. April 1691 als Feldmarschall in kursächsischen Dienst . Wir begleiten Hans Adam , der vom Herbst 1689 an bis zu seiner Übersiedelung nach Dresden fast ausschließlich in Tamsel lebte , nunmehr durch seine letzten Lebensjahre . Mit wachsenden äußeren Ehren gingen immer wachsende Kränkungen Hand in Hand . Schöning war nicht allein in sächsische Dienste getreten , dreißig brandenburgische Offiziere waren ihm gefolgt und innerhalb der sächsischen Armee wurden jetzt ähnliche Empfindungen rege , wie vier Jahre zuvor im Brandenburgischen , als Feldmarschall Schomberg , gefolgt von seinen Söhnen und anderen französischen Refugiés , über die Köpfe der alten brandenburgischen Generale ( z.B. Derfflingers ) hinweg , in die brandenburgische Armee eingetreten war . Hier wie dort glaubte man Eindringlinge vor sich zu haben und bittere Empfindungen griffen Platz . Neuerungen , die Schöning einzuführen Miene machte , machten ihn vollends nicht beliebt , und er mochte von Glück sagen , daß ein Feldzug am Rhein , zu dem auch sächsische Truppen beordert wurden , die Gedanken der Unzufriedenen in andere Bahnen lenkte . Aber von anderer Seite her kam größere und ernstere Gefahr . Die sächsischen Truppen im kaiserlichen Heere waren während der Rheinkampagne 1691 herzlich schlecht gehalten , ja bei Gelegenheit der Winterquartiere in einer Weise behandelt worden , daß es einer Beleidigung oder Mißachtung des Kurfürsten von seiten des Wiener Hofes ziemlich nahe kam . Hiergegen lehnte sich Schöning , der seinem neuen Herrn in Ernst und Treue diente , energisch auf und drang in ihn , bei der kaiserlichen Armee nur das Reichskontingent ( 3 000 Mann ) zu belassen . » Schöning « – so erzählt Paul von Gundling in einem der Berliner Bibliothek angehörigen Manuskript – » handelte sehr sicher und war in seinen Reden wider des Kaisers Majestät sehr frei . Dadurch wurde indessen seine Stellung sehr gefährlich , und zwar um so gefährlicher , als eben jetzt ein französischer Abgesandter , namens Bidal , in Dresden eingetroffen war , der häufig mit dem Kurfürsten und Schöning verhandelte . Der österreichische Gesandte Clary ermangelte nicht , über alles dies sehr übertriebene Berichte nach Wien hin zu erstatten . « Kurz , man glaubte alsbald in Wien an ein sächsisch-französisches Bündnis oder gab sich wenigstens das Ansehen , an ein solches zu glauben , um gestützt darauf einen Coup ausführen und die unbequeme Gestalt Schönings vom sächsischen Hofe entfernen zu können . Schöning selbst hatte keine Ahnung von dem , was ihm drohte . Er reiste , seit längerer Zeit ernstlich am Podagra leidend , in die Bäder von Teplitz . Hier ward er , auf den eben geschilderten Verdacht hin , von den Österreichern aufgehoben , ganz unter ähnlichen Umständen , wie sechzig Jahre früher Hans Georg von Arnim , ebenfalls ein Brandenburger und sächsischer Feldmarschall , von den Schweden aufgehoben und nach Stockholm hin transportiert worden war . Über die Art der Aufhebung Schönings liegt uns folgender Bericht vor . In der Nacht zum 23. Juni marschierte ein Offizier mit zweihundert Mann von Prag aus nach Teplitz , umstellte Schönings Wohnung , ließ ohne weiteres eine Salve geben , brach mit Gewalt ins Haus ein und nahm den Feldmarschall gefangen , der , im bloßen Hemd aus dem Bett gesprungen , kaum Zeit gefunden hatte , einen Schlafrock überzuwerfen . So , mit bloßen Füßen , setzte man ihn in eine Kalesche , der Offizier und zwei Mann mit ihm , und fuhr im schnellsten Galopp der Festung Prag zu . Der Adjutant des Feldmarschalls , Major von Droste , jagte sofort dem Wagen nach und griff die schwache Bedeckung an . Als aber einer der Soldaten das Gewehr auf Schöning anlegte und diesen zu erschießen drohte , überließ Droste den Feldmarschall den Händen seiner Überwinder . Von Prag aus brachte man ihn nach dem Spielberg bei Brünn und führte dort sein Verhör . Man wollte einen zweiten Wallenstein aus ihm machen und hielt die Meinung aufrecht , daß er nicht ohne Absichten nach dem Reichskommando gestrebt habe . Aber alle Bemühungen , ihn zu einem Hochverräter , zu einem » Verbrecher gegen die Interessen des Reichs « zu stempeln , waren vergeblich . Sachsen war durch dieses eigenmächtige Vorgehen aufs schwerste beleidigt und zog zunächst die 3000 Mann zurück , die es als Reichskontingent gestellt hatte . Alle Schritte aber , die Freilassung Schönings zu erwirken , blieben fruchtlos , bis endlich , nach zwei Jahren schmählicher Gefangenschaft , der Regierungsantritt des Kurfürsten Friedrich August und die energischen Proteste desselben Schöning die Freiheit wiedergaben . Um die Aussöhnung vollständiger zu machen , erschien der bis dahin Gefangengehaltene vor Kaiser und Kaiserin und ward , um seines Podagras willen , in einem Sessel vor die beiden Majestäten getragen , ein Umstand , der nicht ermangelte , in ganz Europa die größte Sensation hervorzurufen . Es war das viel Auszeichnung , auch namentlich wohl in den Augen Schönings , der besonders empfänglich war für Huldigungen wie diese . Die Süßigkeit solcher Stunden indes konnte seinem Herzen nicht wiedergeben , was jahrelange Verbitterung ihm genommen hatte . Gefeiert , aber im Innersten gebrochen , zog er in Dresden ein und die Gnadenbezeugungen Friedrich Augusts begleiteten nur noch einen Hinscheidenden . Er erkrankte ; Podagra und Steinschmerzen zehrten an seinem Leben , Karlsbad versagte den Dienst , und am 28. August 1696 schied er , matt und müde , aus dieser Welt der Zeitlichkeit . Seine Leiche ward einbalsamiert und in der Kreuzkirche zu Dresden ausgestellt , dann aber am 25. November nach der Neumark übergeführt , um in der Kirche zu Tamsel beigesetzt zu werden . Dort ruht er noch jetzt in einem kupfernen Sarge , mit Gold reich verziert und ein Kruzifix auf dem Deckel . Wir versuchen zum Schluß noch eine Schilderung Schönings , sowohl seiner äußern Erscheinung wie seines Charakters . Er war , namentlich dem Brustbilde nach zu schließen , dessen Original sich auf der Festung Königstein und in Kopie in Händen der Schöningschen Familie befindet , ein schöner Mann , in dessen Zügen sich Soldatisches und Hofmännisches , Strenge und Glätte , Selbstbewußtsein und Lächeln über die Eitelkeiten dieser Welt in interessanter Weise mischten . In andern Porträts , so z.B. auf einer Denkmünze , die gleich nach seinem Tode geprägt wurde , tritt das streng Militärische beinah ausschließlich hervor ; doch ist es fraglich , ob diesen letzteren Bildnissen irgendeine Porträtbedeutung beigemessen werden darf , oder ob sie nicht vielmehr jenen bloßen Ruhmes- und Ehrenmedaillen zuzurechnen sind , wie sie damals nach dem Ableben eines berühmten Mannes auf gut Glück hin angefertigt wurden , mehr in der Absicht , ihn durch bildliche Darstellung überhaupt zu feiern , als durch korrekte Wiedergabe seiner Züge seinem äußeren Menschen gerecht zu werden . Uns von Schönings Charakter ein Bild zu entwerfen , ist nicht eben schwer , wenn wir den Berichten über ihn , die in ziemlicher Anzahl auf uns gekommen sind , ohne weiteres Glauben schenken wollen . Es bleibt aber doch fraglich , ob diesen Schilderungen , trotz des Übereinstimmenden , das sie haben , in allen Stücken unbedingt zu trauen ist . Alle Mitteilungen über ihn rühren nämlich von Gegnern her , und man würde die Pflicht haben , schon aus diesem Grunde die höchste Vorsicht walten zu lassen , wenn nicht der Umstand , daß er überhaupt nur Gegner gehabt zu haben scheint , allerdings auf etwas entschieden Unliebenswürdiges in seiner Natur hin verwiese . Barfus , die Schomburgs , Danckelmann , der ältere Grumbkow , Otto von Schwerin , Graf Christoph Dohna , alle waren gegen ihn , und die Memoiren des letzteren , wenn wir Gutes und Böses , das sie erzählen , zusammenfassen , schildern ihn als einen begabten Feldherrn voll Mut , Umblick und Geistesgegenwart , aber zugleich auch als einen anmaßenden und habsüchtigen Mann , von spöttischem und zweideutigem Wesen . Seiner geistigen Überlegenheit sich bewußt , behandelte er was unter ihm stand mit Härte , und was neben ihm stand mit Geringschätzung . Diese Schilderung wird im wesentlichen richtig sein . Sein Streit mit General Barfus , den wir oben ausführlich erzählt haben , zeigt ihn uns ganz von dieser Seite . Auch Barfus wird in den Pöllnitzschen Memoiren » auffahrend , halsstarrig und hochmütig « genannt ; aber eine Reihenfolge von Umständen spricht dafür , daß Schöning in allem , was Dünkel und Hochmut anging , wenigstens ein potenzierter Barfus war . Schöning war wie Barfus und Barfus war wie Schöning , aber der letztere hatte von allem ein voller geschüttelt und gerüttelt Maß . Mit Barfus , trotz seines auffahrenden Wesens , war wenigstens zu leben , mit Schöning nicht , und die Gekränkten und Beeinträchtigten wichen ihm entweder aus , d.h. quittierten den Dienst , oder forderten ihn zum Duell . 58 Auch dem Kurfürsten gegenüber verdarb er es durch seinen anmaßenden Ton . Er mußte Recht haben , er war ja Schöning . In diesem Sinne sprach und schrieb er , und dies war es , was ihn endlich stürzte , nachdem er sich längst um alle Sympathien gebracht hatte . So weit nehmen wir nicht Anstand , in die Angriffe seiner Feinde mit einzustimmen . Auch den Vorwurf der Habsucht abzuweisen , möchte schwer sein . Aber wenn wir auch die Schatten in seinem Charakter weder leugnen noch verringern wollen , so können wir ihm doch dadurch gerecht werden , daß wir seine Lichtseiten mehr hervortreten lassen , als seine mehr oder minder befangenen Zeitgenossen es getan haben . Schöning hatte keinen Freund unter seinesgleichen , aber diejenigen , die über ihm standen , und zwar je höher je mehr , zeichneten ihn aus und gaben ihm Beweise eines besonderen Vertrauens . Kurfürst Friedrich III. war zu wenig selbständig und trotz seiner Kriege zu wenig kriegerisch , vor allem auch persönlich zu leicht verletzbar , um über die Vorzüge Schönings die Schwächen desselben vergessen zu können ; der Große Kurfürst aber und Friedrich August der Starke bewiesen ihm dauernd ihre Wertschätzung und ihre Huld . Seine Stellung zum Großen Kurfürsten erinnert einigermaßen an das Verhältnis , das Winterfeldt siebzig Jahre später zum großen König einnahm . Auch Winterfeldt erkaufte die Liebe eines durch den Haß vieler . Die Vorwürfe , die gegen ihn erhoben wurden , waren zum Teil dieselben : Hochmut , Herrschsucht , Zweideutigkeit . Nur der Habsucht wagte man ihn nicht zu bezichtigen . Schöning wurde mit sechsunddreißig Jahren General , mit achtundvierzig Jahren Feldmarschall ; diese beiden Angaben genügen , um zu zeigen , was er war . Zwei Höfe , der brandenburgische und der sächsische , wetteiferten in Anerkennung seines militärischen Verdienstes . Dieses Verdienst war unbestreitbar da und nur Stolz und Dünkel verdunkelten es oder machten die Welt unwillig , da noch anzuerkennen , wo schon die höchste Selbstanerkennung vorlag . Er war seiner Umgebung überlegen , namentlich weltmännisch , aber sein spöttischer Mund verriet zu viel davon und brachte ihn um die beste Frucht des Lebens : die Liebe der Menschen . In wenig Herzen hat er sich eine Stätte gebaut , nur die Tamseler Fischer haben ihm eine poetisch-phantastische Erinnerung bewahrt bis diesen Tag . Wie Derfflinger in Gusow und der alte Sparr in Prenden , so lebt Schöning in Tamsel als ein » Zauberer « fort , und sie erzählen daselbst von ihm , er sei an der Spitze eines märkischen Fichtenwaldes vor die Türkenfestung Ofen gerückt , habe durch einen Zauberspruch all seine Fichten in baumhohe Pikeniere verwandelt und dann , wie der Birnamwald vor Schloß Dunsinan , die Türkenfestung gestürmt . In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts lebte das alles noch in einem Volksliede , das die Tamseler Fischer sangen . Nun ist das Lied verklungen und nur noch die Sage geht von Mund zu Mund . Kronprinz Friedrich und Frau von Wreech Kronprinz Friedrich und Frau von Wreech In edlem Zorn erhebe dich , blick ' auf , Beschäme , strafe den unwürd ' gen Zweifel . Schiller Nach des Feldmarschalls Tode fiel Tamsel an den einzigen Sohn desselben , der mutmaßlich schon bei Lebzeiten des Vaters die Verwaltung der Familiengüter übernommen hatte . Aber das schöne Schloß , das die Hand griechischer Künstler geschmückt hatte , schien kein Glück und keine Fülle des Lebens für alle diejenigen beherbergen zu sollen , die den Namen Schöning führten , und kaum anderthalb Jahrzehnte nach dem Tode des berühmten Vaters folgte ihm der unberühmte Sohn in die Gruft . Dieser Sohn war der letzte Schöning der Linie Tamsel . Er hinterließ nur eine einzige Tochter Luise Eleonore , die , damals ein Kind noch , unter Vormundschaft ihrer Mutter die reiche Erbschaft antrat . Luise Eleonore war mit vier Jahren die Erbin von Tamsel und mit sechzehn Jahren die Gemahlin des Obersten Adam Friedrich von Wreech . Sie war acht Jahre mit diesem vermählt , also vierundzwanzig Jahre alt , als der damals neunzehnjährige Kronprinz Friedrich , mutmaßlich in den letzten Tagen des August 1731 ( bis dahin hatte er die Festung Küstrin nicht verlassen dürfen ) seinen ersten Besuch in Tamsel machte . Es ist bekannt , daß der Prinz diesem ersten Besuche andere folgen ließ und alsbald in Beziehungen zu der schönen Frau von Wreech trat , die bis in die letzten Tage seines Küstriner Aufenthaltes hinein , also bis Ende Februar 1732 , fortgesetzt wurden . Die Frage drängt sich auf : Welcher Art waren diese Beziehungen ? War es ein intimes Freundschaftsverhältnis , oder war es mehr ? Die darüber herrschenden Anschauungen sind dem Rufe der Dame nicht allzu günstig gewesen ; verschiedene Briefe jedoch , die der Kronprinz eben damals an Frau von Wreech richtete und deren Inhalt erst in neuester Zeit bekannt geworden ist , werden vielleicht imstande sein , die gäng und gäben Ansichten über diesen Punkt zu modifizieren . Diese Briefe , die sich jetzt im Besitz einer Urenkelin befinden , wurden von der letzteren in einem auf sie vererbten Berliner Hause zufällig aufgefunden , als ihr beim Ordnen von Papieren ein schon ziemlich vergilbtes Paket mit der kurzen Bezeichnung : » Papiers concernant la famille de Wreich « in die Hände fiel . Ein zweiter Umschlag führte die Aufschrift : » Lettres et vers de certain grand Prince « , woran sich , wie zu bestimmterer Bezeichnung des Inhaltes , die Worte reihten : » Lettres de Fréderic II. ( comme Prince royal ) à Mad . de Schoening et à sa fille Mad . de Wreich . « Diese Briefe sind auf gewöhnlichem groben Schreibpapier und oft bis an den untersten Rand hin voll geschrieben ; die Linien sind krumm , die Orthographie höchst mangelhaft , Zeit und Ortsangabe fehlen . Nur einer trägt das völlige Datum , und zwar den 5. September 1731 . Doch ergibt sich aus dem Inhalt der Briefe mit Bestimmtheit , daß sie zwischen Ende August 1731 und Ende Februar 1732 geschrieben sein müssen . Ihre Bedeutung ist in mehr als einer Beziehung nicht gering zu veranschlagen . Sie werfen zunächst ein ganz bestimmtes und sehr vorteilhaftes Licht auf die Art des Verhältnisses . So wenigstens erscheint es mir . Sollten aber auch die traditionell gewordenen Anschauungen über diesen Punkt nicht erschüttert werden , so geben uns diese Briefe doch immerhin einen Reichtum von Details und dadurch ein minutiöses Bild jener Tage . Denn die » Frau von Wreech-Literatur « , wenn man uns diesen Ausdruck gestatten will , war bisher ziemlich knapp bemessen und beschränkte sich auf zwei Briefzitate , von denen das eine einem Briefe des Grafen Schulenburg an Grumbkow , wenn ich nicht irre , das andere einem Briefe Grumbkows an Seckendorf entnommen war . Beide sehr aphoristisch , und während Schulenburg einfach meldete : » Frau von Wreech sei sehr schön und habe einen Rosen- und Lilienteint « , sprach Grumbkow von einer » starken amour « , in die der Prinz verfallen sei , und fügte noch einige derbe Worte hinzu , die der König , gewissermaßen in Billigung und Gutheißung des Verhältnisses , geäußert haben sollte . Dies ist alles . Wohl sprechen die diplomatischen Klatschbriefe jener Tage von allerhand » Debauchen « , in die der Prinz verfallen sei , dieser Ausdruck aber bezieht sich ersichtlich nur auf sein Küstriner Leben überhaupt , nicht auf seine Tamseler Besuche . Ja , ich möchte weiter gehen und die Behauptung wagen , daß Tamsel damals die Kehrseite dieser Küstriner Tage gewesen sei , ganz geeignet , durch Sitte , Feinheit und Anstand ein Leben wieder zu regulieren , das solcher Regulatoren allerdings dringend bedürftig war . Treten wir dieser Frage näher , so wird es geraten sein , sich zunächst , gestützt auf die Briefe des Kronprinzen , mit der Persönlichkeit und dem Charakter der Frau von Wreech zu beschäftigen . Haben wir diesen festgestellt , so haben wir viel gewonnen . Denn die Handlungen der Menschen sind im Einklang mit ihrem Sinn . » Ein Teint wie Lilien und Rosen « schreibt Schulenburg und stellt mit Hilfe dieser wenigen Worte das Bild einer schönen Blondine vor uns hin ; jung , heiter und blendend . Aber die Briefe des Kronprinzen geben uns mehr ; sie durchgeistigen die schöne Gestalt . Frau von Wreech scheint sich Ausgangs November 1731 , während der Vermählungstage der Prinzessin Wilhelmine , mit am Berliner Hofe befunden zu haben , und während dieser Tage ist es , daß der Kronprinz sich niedersetzt , um an Frau von Schöning , die mutmaßlich in Tamsel zurückgebliebene Mutter der Frau von Wreech , zu schreiben . » Madame « , so heißt es in diesem Briefe , » ich habe das Vergnügen gehabt , Ihre Frau Tochter in Berlin zu sehen . Ich sah sie aber so flüchtig , daß ich kaum Gelegenheit fand , ihr guten Tag und guten Weg zu wünschen . Dennoch , so kurze Zeit ich sie sah , konnt ' es mir nicht entgehen , wie sehr sie sich vor allen anderen Damen des Hofes auszeichnete , und obschon ein ganzer Haufe von Prinzessinnen ( une foule de Princesses ) zugegen war , die an Glanz sie übertrafen , so verdunkelte Ihre Frau Tochter doch alle durch Schönheit und majestätische Miene , durch Haltung und feine Sitte . Ich war wirklich in einer Tantalus-Lage , immer versucht zu einer so göttlichen Person ( à une si divine personne ) zu sprechen , und nichtsdestoweniger zum Schweigen verpflichtet . Sie feierte schließlich einen völligen Triumph und alles am Hofe kam überein , daß Frau von Wreech den Preis der Schönheit und feinen Sitte davontrage . Diese Worte müssen Ihnen wohltun , da Sie dieser liebenswürdigsten aller Frauen so nahestehen . Aber seien Sie versichert , Madame , daß Ihre Teilnahme an diesem allen nicht lebhafter sein kann , als meine eigene , der ich alles liebe , was dieser liebenswürdigen Familie zugehört , und immer bin und sein werde Ihr ergebenster Freund , Neffe und Diener Friedrich . « Wenn uns dieser Brief von der Feinheit und Grazie der schönen Frau erzählt , so erzählt uns ein anderer Brief von dem Respekt , den ihre Gegenwart einzuflößen verstand . Der Kronprinz schreibt unterm 5. September 1731 an Frau von Wreech selber : » Ich würde die härteste Strafe verdienen , in Ihrer Gegenwart eine bêtise wie die gestrige begangen zu haben , wenn ich nicht Entschuldigungen hätte , die glaub ' ich einigermaßen stichhaltig sind . Der Graf sagte wirklich Dinge , die mir ganz und gar nicht gefielen , Dinge , deren rasche und ruhige Verdauung über meine Kräfte ging . Dennoch hab ' ich nur allzu guten Grund , Ihre Verzeihung für mein albernes Betragen nachzusuchen . Sie werden mir erlauben , meinen letzten Besuch durch einen anderen wieder gutzumachen , wo ich versuchen will , so weit wie möglich den Eindruck meiner gestrigen Torheit zu verwischen . « So am 5. September . Aber die aufgefundenen Briefe fügen dem Bilde weitere Züge hinzu und wir sehen Frau von Wreech nicht nur im Besitz von Jugend , Schönheit und einer Respekt erzwingenden Haltung – wir gewinnen auch einen leisen Einblick in ihre geistige Begabung und in die Liebenswürdigkeit ihres Charakters . Am 20. Februar 1732 schreibt der Kronprinz : » Ich würde sehr undankbar sein , wenn ich Ihnen nicht meinen Dank aussprechen wollte , einmal darüber , daß Sie überhaupt nach Tamsel kamen , dann über die reizenden Verse , die Sie für mich gemacht hatten . Ich hätte mich einer Sünde schuldig zu machen geglaubt , wenn ich die Verse gleich gelesen und dadurch , wenn auch nur um einen Augenblick , mich um den Zauber Ihrer Unterhaltung gebracht hätte . Gestern , in abendlicher Einsamkeit , fand ich Gelegenheit , alles in ungestörtester Muße zu lesen und zu bewundern . Da haben Sie meine Kritik . Alles , was von Ihnen kommt , entzückt mich durch Geist und Grazie . Doch genug – ich breche ab , seh ich Sie im Geiste doch ohnehin erröten . Ihrer Bescheidenheit aber jedes weitere Verlegenwerden zu ersparen und zugleich von dem Wunsche geleitet , Ihnen einen neuen Beweis meines blinden Gehorsams zu geben , schicke ich Ihnen , was Sie von mir gefordert haben . « Das , was der Prinz schickt , was Frau von Wreech von ihm gefordert hat , ist sein Porträt , und er begleitet dasselbe mit einem Abschiedssonett , dessen Liebesgeständnis , eben weil es Abschiedszeilen sind , vielleicht ein gut Teil ernsthafter zu nehmen ist , als alle die andern gereimten Huldigungen , auf die ich später zurückkomme . Das Sonett lautet : Als mein Gesandter soll mein Bild dich grüßen , Und des Gesandten Dolmetsch sei dies Lied , Was ich zu sagen dir bisher vermied , Ich sag ' es nun : Ich liege dir zu Füßen . Ich trage Fesseln , aber jene süßen , Von denen nie ein Herz freiwillig schied , – Mit jedem Ringe , jedem neuem Glied Wächst nur die Lust zu tragen und zu büßen . Doch halt , o Lied , verrate nicht zu viel , Verberge lieber hinter heitrem Spiel Den Schmerz des Abschieds und des Herzens Wunde , Verberge deiner Wünsche liebstes Ziel , Verschweige , daß nur eine dir gefiel , Um die du sterben möchtest jede Stunde . Ich habe die Übersetzung dieses Sonetts mit gutem Vorbedachte hierher gestellt , weil es mir , ganz abgesehen von seinem Wert oder Unwert , einen passenden Übergang zu dem zu machen scheint , was ich zunächst noch zu sagen haben werde . Nachdem ich nämlich bis hierher bemüht gewesen bin , das Bild der Frau von Wreech zu zeichnen , drängt sich uns nunmehr wieder die bis hierher zurückgewiesene Frage auf : Wie standen der Kronprinz und die Besitzerin von Schloß Tamsel zueinander ? Wie eng oder wie weit waren die Grenzen ihrer Intimität gezogen ? Meine Antwort auf die Frage weicht , wie ich schon angedeutet , von der üblichen Anschauung ab . Es stehen sich die Grumbkowschen Klatschereien und die eigenhändigen Briefe des Kronprinzen ziemlich diametral einander gegenüber , und die vorsichtigste Prüfung dieser letzteren , selbst ein argwöhnisches Lesen zwischen den Zeilen , hat mich nur fester in der Überzeugung gemacht , daß das Ganze nichts anderes als die Huldigung eines etwas verliebten poetisierenden jungen Prinzen war – eine Huldigung , die , mal leichter , mal leidenschaftlicher auftretend , von Frau von Wreech abwechselnd als eine Zerstreuung , eine Ehre , eine Schmeichelei , aber gelegentlich auch als eine Last entgegengenommen wurde . Dem entsprechend gestalteten sich ihre Beziehungen . Der sinnliche Reiz der jungen Frau mochte denselben vorübergehend eine andere Färbung geben ; kein Zweifel , es kamen leidenschaftliche Stunden , aber sie kamen nur wie Fieberanfälle und ließen im wesentlichen das auf ästhetischen Interessen aufgeführte Verhältnis fortbestehen . Es war das geistreiche Bedürfnis , das immer wieder nach Tamsel hindrängte . Der Esprit der Küstriner Garnisonsoffiziere reichte nicht aus , ihr Verständnis für Verse war vollends ungewiß , und so sehen wir denn die Korrespondenz nach Tamsel hin nicht nur von zahlreichen Poetereien , von Hymnen , Sonetten usw. beständig begleitet , sondern auch die Briefe selbst in jener halb ironischen , halb humoristischen Weise abgefaßt , die sich immer da einstellt , wo junge Männer dem Zuge nicht widerstehen können , jeden Brief als eine kleine literarische Tat , als eine Anhäufung origineller Gedanken in die Welt zu senden . Den ersten Brief des Kronprinzen übergehe ich hier ; ich beginne mit dem zweiten , worin » der junge Poet « , dem nichts so sehr am Herzen liegt als das Schicksal seiner Verse , unverkennbar hervortritt . » Madame « , so schreibt er , » die Heuschrecken , die das Land verwüsten , haben die Rücksicht genommen , Ihre Besitzungen und Ländereien zu verschonen . Ein zahlloses Heer viel schlimmerer und gefährlicherer Insekten indes steht auf dem Punkte , sich bei Ihnen niederzulassen , und nicht zufrieden damit das Land zu zerstören , haben diese Geflügelten die Dreistigkeit , Sie persönlich und in Ihrem eigenen Schlosse zu überfallen . Diese Geflügelten führen den Namen Verse , sind Sechsfüßler , haben scharfe Zähne und einen langgestreckten Körper , dazu eine gewisse Kadenz , die genau genommen ihr Grundprinzip ist und ihnen das Leben gibt . Es ist eine böse Rasse , jüngst vom Parnaß angekommen , wo sie der gute Geschmack nicht länger dulden wollte . Ein gleiches Schicksal wird ihrer in Tamsel harren . Wie immer dem sein möge , ich freue mich , daß Apollo sich aufgerafft hat , um seinen Musenberg von der Spreu der nüchternen Poeten zu säubern . Sein Staubbesen hat gründlich aufgeräumt . Ich selbst freilich bin unter den zumeist Getroffenen ; aber ich verzeihe alles , verzeihe es um so lieber , als ich sehr wohl weiß , daß überall da , wo dem Bösen seine Strafe wird , auch das Gute seinen Lohn erhält . Sie , Madame , werden diesen Lohn empfangen , und ich bitte Sie dann um Ihr allergnädigstes Fürwort . Sagen Sie dem Apoll , daß er als Direkteur der Künste und Wissenschaften eigentlich doch zu grob operiert und mich kaum noch als einen Mann von Ehre behandelt habe . Bitte , sagen Sie ihm ferner , daß es eigentlich nur ein Mittel gäbe , solche Züchtigungen und Backenstreiche erträglich zu machen , nämlich die Stiftung eines Ordens vom schlechten Reim . Willigt er darin , so kann er uns von da ab treffen , wie er will , wir werden es ruhig und dankbar hinnehmen – Ritter , die wir dann sind . « So der Brief . Der Kronprinz hat in den ersten Zeilen desselben ein ganzes Heer von Versen angekündigt , » Sechsfüßler mit scharfen Zähnen und langgestrecktem Körper « , und diese Verse , die dem Briefe beiliegen , so wie andere , die später folgten , beschäftigen uns jetzt . Alle teilen sie sich in zwei Gruppen : in solche , die in direkter Huldigung gegen die schöne Frau geschrieben sind , und in solche , die ihr bloß zur Kritik vorgelegt werden . Eine Ode , an Frau von Wreech gerichtet , eröffnet den Reigen . Man muß es damals mit den Gattungseinteilungen nicht allzu genau genommen haben , denn die Zeilen verhalten sich zu dem Schwung einer wirklichen Ode , wie sich Kotzebues » armer Poet « zum Goetheschen Tasso verhält . Der Prinz erklärt , daß er Frau von Wreech liebe ; daß es freilich Menschen gäbe , die da meinten , Liebe sei Schwäche , daß er für sein Teil aber die schwachen Herzen angenehmer fände als die Herzen von Stein . In den mittleren Strophen heißt es dann in leidlich wohlgesetzten Alexandrinern : Hab ' ich zuviel gesagt und ging mein Lied zu weit , So wiss ' , in Bangen nur übt ' ich Verwegenheit , So denke , daß ich schwieg , als ich zuletzt dich sah , Ich schwieg , denn Göttin-gleich , wortraubend standst du da . Gebiet ' rin , die du bist , gestatte mir noch oft Geständnis all ' des Glücks , drauf meine Seele hofft , Geständnis dessen all ' , was ich bisher bezwungen , Darbringungen im Lied all ' meiner Huldigungen . Ein glücklicher Zufall hat uns auch die Reimzeilen aufbewahrt , mit denen Frau von Wreech diese poetische Adresse des Kronprinzen beantwortete . Sie wurden nämlich im Brouillon auf die Rückseite des kronprinzlichen Briefes geschrieben und lauten wie folgt : Welch ' Wunder trug sich zu ? Was ist ' s , das sich begab ? Es steigt ein Königssohn , ein Prinz zu mir herab , Besingt in Liedern mich und fordert mich zum Streit ; Antworten seinem Lied wär ' wie Verwegenheit , Ich kann es nicht , nein , nein , verwirrt in jedem Sinn Fährt , über was ich schrieb , die Feder wieder hin . Wohl hab ' ich oft gehört , an diesem , jenem Ort , Wer nur im Herzen fühlt ' , dem gibt sich auch das Wort , Doch trät ich keck zum Kampf mit dir , Erhabener , ein , Müßt ' ich an Witz und Wort zuvor dein Echo sein .