Der Himmel war klar , aber seine Farben waren wie im Herbst kalt , und herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am Boden in dem wenig gepflegten Parke . Es war Alles still in der Natur ; nur hier und da , wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte , knackte es leise in den Wipfeln der Bäume , um die das letzte Glühen der Sonne seine spielenden Flammen leuchten ließ . Gerade so war es gewesen , als er mit der Mutter einst diesen Weg gekommen war . Mit raschen Schritten ging er vorwärts . Ihm klopfte das Herz , er wollte mit sich fertig werden , es abgethan haben . Er hatte keine Erinnerung gehabt an die Gegend , an die Ortschaften , welche er an diesem Nachmittage durchritten : hier kannte er jeden Schritt , und wie aus einem Zauberspiegel tauchten die alten Bilder aus seiner frühesten Jugend vor ihm auf . Wie an jenem Abende , ganz wie an jenem Abende , so lag es vor ihm auf der Terrasse , die sich über dem Flusse erhob , das stolze Herrenschloß der Freiherren von Arten-Richten . Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern , daß sie golden erglänzten , als feiere man hinter ihnen ein fröhliches Fest ; die Schornsteine stiegen , vom Abendrothe angestrahlt , hoch in die Höhe , nur unten auf dem Flusse dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an , sich über dem Wasser zu kräuseln , wie an jenem Abende ! Wie an jenem Abende ! Er meinte sie noch zu fühlen , die Hand , welche ihn damals so fest gehalten , daß es ihn geschmerzt hatte ; er meinte sie noch zu hören , die Stimme seiner Mutter , die so streng und rauh geklungen an jenem Abende , daß er sich vor ihr gefürchtet . » Das ist Schloß Richten , « hatte sie gesagt , » das gehört dem Freiherrn von Arten , dem Onkel Baron , und der Onkel Baron ist Dein Vater ! « - Er hatte Mühe , sich selber die Worte nicht nachzusprechen , wie einst seiner Mutter . Wie damals zählte er die Fenster , wie damals zählte er die Schornsteine . Er wunderte sich fast , daß er kein Kind mehr sei ; aber es hätte ihn nicht gewundert , hätte seine Mutter plötzlich wieder an seiner Seite gestanden , wäre aus dem Abendscheine , wie damals , ein Mann hervorgetreten . Er hielt in seinen Gedanken inne , er traute seinen Augen nicht . Was das auch nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie , oder wer war es , der da drüben gebeugten Hauptes , in einen weiten Mantel eingehüllt , langsam am Ufer herabkam und plötzlich nicht ferne von ihm stehen blieb ? Er ging nach jener Seite hin ; auch die Gestalt bewegte sich vorwärts . Nur wenige Augenblicke und sie standen einander gegenüber . Paul trat sprachlos zurück . Es war kein Zweifel möglich , es war der Freiherr . Aber die Veränderung in seines Vaters Zügen und Erscheinung preßte Paul das Herz zusammen . Er hätte , alles Andere vergessend , das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet , den müden , schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen mögen . Er hatte eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter durchlebt , jetzt erfaßte ihn der Schmerz um seines Vaters Alter . Er kam sich so glücklich , so mächtig vor in dem Vollgefühle seiner Kraft , im Hinblicke auf seinen emporsteigenden Lebensweg , daß er ein Erbarmen fühlte mit der Hinfälligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit , als ob er selber ihnen niemals unterworfen sein würde . Nichts als Mitleid , nichts als liebevolles Rückerinnern , als das Verlangen , diesen müden Mann zu stützen , war in des Sohnes Herzen rege , als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief , der ihm auch jetzt noch eigen war . Wer sind Sie ? herrschte er . Es wallte heiß auf in des Sohnes Brust , als er diese Stimme nach so langen , langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hörte . Es drängte ihn , sich zu nennen , es kostete ihn Ueberwindung , nicht zu sagen : Müder Vater , ich bin Dein Sohn , und ich bin jung und glücklich ! - Aber er fürchtete , den Greis zu erschrecken , und sich zusammennehmend sagte er : Ich bin , wie Sie es sehen , ein Landwehrmann , der zu des Königs Heere zieht . Von woher kommen Sie ? erkundigte sich der Freiherr , der sich wie die Fürsten und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt , wenn er , wie in diesem Falle , dazu berechtigt war . Ich bin mit der russischen Armee in ' s Land gekommen , entgegnete Paul , zufrieden , den Freiherrn im Gespräche festzuhalten . Aber Sie sind kein Russe ! Nein ! Was führte Sie in diese Gegend ? Der Auftrag , die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuüben , und .... Er zauderte und schwieg . Und ? fragte der Freiherr , dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen wunderbar und doch vertraut entgegentrat , daß er sein Auge nicht von des Mannes schönem Antlitze abziehen konnte . Und ? - Da hielt sich Paul nicht länger . Die ihn selber überraschende Zuneigung zu dem greisen Freiherrn , der Wunsch , es darzuthun , was er aus eigener Kraft aus sich gemacht , auch ohne daß seines Vaters Namen und Hülfe ihm zu Theil geworden waren , das Verlangen , als ein Rächer seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu erwecken , das alles stürmte in raschem Wechsel auf ihn ein , und die mächtigen Augen auf den Freiherrn gerichtet , sagte er mit festem und doch schmerzlichem Tone : Ich wollte die Stelle wiedersehen , an welcher meine Mutter mir meines Vaters Haus gezeigt hat , ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe für sich suchte ! Der Freiherr trat einen Schritt zurück . Seine Augenlider hoben sich rasch empor , er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke in ' s Antlitz . Ich selber , ich selber ! rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand . Sie blieben schweigend vor einander stehen . Was der Freiherr sich oft gesagt , was er nie bitterer empfunden hatte , als an dem Tage , an welchem Vittoria ' s Verrath ihm plötzlich klar geworden war , das brannte in diesem Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem Innern . Nur Ein Weib hatte ihn treu , hatte ihn allein und ausschließlich geliebt - die Niedriggeborene , der er nicht seinen Rang , nicht seinen Namen gegeben , wie der Tochter der Grafen Berka , wie der Tochter des Hauses Giustiniani . Nur Ein Weib , nur Pauline hatte nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe , und er hatte , weil sie nicht seines Standes gewesen war , sich berechtigt gehalten , sie von sich zu weisen , als er dies für seine Zwecke nöthig gefunden , und er hatte sie in den Tod getrieben ! Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen , daß es ihm jetzt von ihrem treuen Schooße geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat , wie sein eigener Schatten , vor dem er zitterte , weil dieser Doppelgänger seiner eigenen Jugend sich stolz und selbständig wider ihn erhob . - Er konnte nicht fassen , was er eben jetzt erlebte , er konnte seine Gedanken nicht ordnen , nicht sammeln . Er war also nicht todt , der Todtgeglaubte , dessen plötzliches Erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte , der jetzt auch ihm selber , er fühlte es , den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte . Wo war er gewesen ? Wo kam er her , eben jetzt ? Eben jetzt , da der Freiherr sich niedergebeugt fühlte von der Schmach , welche Vittoria ihm angethan , da er sich gedemüthigt fühlte bis in ' s Tiefste seiner Seele , weil er seines Hauses Namen auch dem Sohne Vittoria ' s , einem Bastard , hinterlassen mußte , wenn er seine eigene Schande nicht verkünden wollte - seines Hauses alten Namen ! Und hier stand er vor ihm , der Ausgestoßene , sein Bastardsohn - in jedem Zuge sein Fleisch und Blut - in jedem Blicke und Tone sein eigner Sohn , für ihn verloren , sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lüge strafen , für ihn verloren auf immerdar , sollte er nicht , was er stets gemieden hatte , die Welt geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Thuns und Lassens machen ! Die Vorstellungen lösten , wie vorhin in seines Sohnes Geiste , einander mit Blitzesschnelle in ihm ab . Nur Eines blieb unwandelbar : er fürchtete den Heimgekehrten . Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten Empfindung die Herrschaft über sich lassend , machte er eine abwehrende Bewegung gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden . Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul , sie erkältete ihm die Seele . Er wollte nicht von hinnen . Seine Brauen zogen sich finster zusammen . Der Freiherr kannte diese Miene . Es war Paulinen ' s dunkler Blick , er übte auch jetzt , auch aus ihres Sohnes Auge den alten , bannenden Zauber über ihn aus . Er meinte , Pauline vor sich zu sehen , eben emporgestiegen aus dem wallenden Nebel dieses dunkeln Wassers . Er konnte sie kaum noch auseinander halten : sein eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinen ' s schattenhaftes Bild . Es war wie ein Spuk , der ihn umgab , dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen mußte , sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen . Was willst Du von mir ? rief er ; sprich , was willst Du ? Nichts ! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe empor , daß er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Höhe überragte . So verlaß mich ! sprach der Freiherr , seiner angstvollen Beklemmung folgend , und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken , schauderte er zusammen und wendete sich , den Mantel fest um seine Schultern schlagend , von dem Sohne ab , mit schwankendem Schritt den Rückweg nehmend . Paul blieb wie angewurzelt stehen . - Sie war verschwunden die aufwallende Kindesliebe , nur eine erbarmende Sorge um den Greis regte sich noch in ihm . Er sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach , bis die Hecke auf der Terrasse und die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen , bis er ihn unter dem Schutze seines Hauses , in der Nähe seiner Leute wußte . Er liebte , er haßte den Vater nicht , er bemitleidete ihn . Tief aufathmend , in sich gefaßter als je zuvor , und um eine Erfahrung , und um welche ! reicher ging er von dem Flusse fort . Am Rande des Waldes wendete er sich um . Nur die Umrisse des mächtigen Baues waren noch zu erkennen . Das Schloß sah wie ein riesiges Grabmal aus ; es machte ihm einen melancholischen Eindruck . Er hatte einst die glücklichen Kinder beneidet , die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen würden . Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr , heute fühlte er kein Verlangen mehr , sein Loos gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen . Ihr Stern war im Sinken , der seine stieg empor , und er hatte sie nicht mit sich fortzutragen durch das Leben , die Herz und Sinn verengenden Ueberlieferungen , die hemmenden und herabziehenden Vorurtheile dieses Hauses ; er konnte frei und ungehindert seiner Einsicht , seiner Ueberzeugung und seinem Bedürfen folgen . Er freute sich , daß keine Verpflichtung irgend einer Art ihn an die Vergangenheit knüpfte ; sein Alleinstehen dünkte ihn ein Glück . Und seinem Pferde die Sporen gebend , ritt er mit dem Rufe : Vorwärts ! in das nächtliche Dunkel hinein , das ihn umgab - sicher , seinen Weg zu finden und seines Zieles nicht zu fehlen . Sechstes Capitel In heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloß zurück , und kaum in seinem Zimmer angelangt , sank er in völliger Erschöpfung auf sein Lager nieder . Der Kammerdiener , den des Herrn kurzer Athem und sein starrer Blick erschreckten , wollte ihm Hülfe leisten , die Baronin rufen , den Caplan herbeiholen lassen , aber der Freiherr verwehrte es ihm . Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen , dann erhob er sich , und ging , wie er es in heftigen Gemüthsbewegungen stets zu thun pflegte , in seinen Zimmern auf und nieder . Er wies jede Erfrischung , die sein Diener ihm aufzunöthigen versuchte , schweigend von sich , und es war bereits über Mitternacht hinaus , als er sich plötzlich an seinen Schreibtisch niedersetzte und dem Diener befahl , neue Kerzen hinzustellen und sich dann zur Ruhe zu begeben . Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt und den Freiherrn in seinen Kleidern auf dem Ruhebette in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen . Das war , so lange der Diener ihn kannte , nie geschehen , und er hatte doch schon vor der ersten Verheirathung des Freiherrn seine Stelle angetreten und viel mit seinem Herrn durchgelebt . Was konnte vorgegangen sein , das den Herrn bewogen hatte , von seinen strengen , regelmäßigen Gewohnheiten abzuweichen ? Es war kein Fremder im Schlosse gewesen , kein Brief angekommen , der Freiherr hatte auch die Baronin nicht gesprochen . Der Diener ging in den Zimmern des Freiherrn suchend umher , es war nichts aufzufinden , was ihn auf irgend eine Spur hinweisen konnte ; nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten Ueberbleibsel verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen . Da der Diener sich niederbückte , sie aufzunehmen , zerfielen sie in Asche . Als der Freiherr erwachte , ließ er sich ankleiden und sein Frühstück bringen ; aber obschon es ein heller , schöner Tag war , ging er nicht aus . Stunden lang stand er am Fenster und sah in den Park hinunter ; dann wieder saß er schreibend an seinem Arbeitstische , und ein paar Mal bemerkte der Diener , daß er das Geschriebene zerriß und die Stücke wieder in das Feuer warf . Bisweilen nahm er ein Buch zur Hand , aber er legte es stets nach wenigen Augenblicken wieder von sich . Er konnte seine Gedanken nicht von sich selber , nicht von der Erinnerung an Paul abziehen . Er konnte sich der Vorstellung nicht entschlagen , daß Paul dazu ausersehen sei , als ein Rächer seiner Mutter , auch für ihn , wie einst für die Baronin Angelika , der Todesbote zu sein , und die Schwermuth , welche ihn nach dem Selbstmorde seiner Geliebten befallen hatte , ward jetzt in verstärktem Grade abermals über ihn Meister . Er meinte ihn immer noch vor sich zu sehen , den Doppelgänger , der ihm sein eigenes und doch so gewandeltes Bild vor Augen gestellt hatte , und weit davon entfernt , sich zu dem ihm so ähnlichen Sohne hingezogen zu fühlen , hegte er einen bittern Groll , ja , einen hassenden Widerwillen gegen ihn . Er konnte es nicht verschmerzen , daß er nicht mehr die männliche Schönheit und die Jugend besaß , deren jener sich erfreute , er meinte seines sinkenden Lebens , seiner geschwundenen Kraft sich erst jetzt bewußt zu werden , da sein Sohn ihm vorgehalten hatte , was er einst gewesen war . Und in den bitteren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die düstere Sorge um das Fortbestehen seines Hauses , dem er Pauline hingeopfert hatte . Das Geschlecht derer von Arten-Richten stand , wenn er einst starb , und sein Tod war ihm , wie er sich überzeugt hielt , nahe , nur noch auf zwei Augen , nur noch auf Renatus , über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todeswürfel fallen konnten . Es war ein furchtbarer Kampf , den der Greis in diesen Tagen in sich durchzuringen hatte , denn er vermochte nicht darüber mit sich einig zu werden , ob er verpflichtet sei , dem Fortbestehen seines Geschlechtes Alles , selbst seine beleidigte Ehre und sein empörtes Gefühl zum Opfer zu bringen , oder ob er , sich selber genugthuend , die Aufrechterhaltung seines Namens dem Zufalle überlassen dürfe . Er hatte Stunden , in denen er Vittoria und Valerio von sich stoßen , Renatus Alles enthüllen , ihn zurückberufen und ihn schnell zu einer Ehe überreden wollte , um sich durch ihn eine Nachkommenschaft zu sichern ; andere Stunden , in welchen der Gedanke , Paul anzuerkennen , falls Renatus in dem Kriege umkommen oder ohne Kinder sterben sollte , ihm nahe trat ; aber wenn er eine dieser Absichten zu Papier gebracht hatte , flößte das Niedergeschriebene ihm beim Durchlesen ein Erschrecken ein , und weder zu dem einen noch zu dem andern Schritte vermochte sein Stolz sich zu entschließen . Er konnte sich nicht überwinden , durch die Verstoßung Vittoria ' s und durch die gerichtliche und damit öffentliche Verläugnung ihres Sohnes , der Welt das Eingeständniß des Irrthums zu machen , den er begangen , als er im letzten Mannesalter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte ; und eben so wenig konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung gewöhnen , daß Paul , der Sohn einer Hörigen , einst dazu berufen sein solle , den Namen derer von Arten fortzupflanzen , daß das Blut einer Magd , wie theuer sie dem Freiherrn auch gewesen war , in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer von Arten fließen könne , die auf die Reinheit ihres Geschlechtes und auf die Bedeutung aller ihrer geschlossenen Verbindungen von jeher den höchsten Werth gelegt hatten . Paul ' s Anerkennung einzuleiten , so lange Renatus noch am Leben war , daran dachte der Freiherr natürlich nicht , aber wer konnte es ihm zusichern , daß er selbst noch leben und im Stande sein würde , Verfügungen zu treffen , wenn in den nächsten Monaten einmal die Nachricht von Renatus ' Tode nach Richten anlangte ? Und wie war es in diesem letzteren Falle zu verhindern , daß das von Arten ' sche Erbe an Valerio , an den Sohn der Ehebrecherin fiel ? Wie war es zu machen , daß sein Blut , sein Name nicht untergingen ? - Tage und Tage verstrichen , und seine Qualen minderten sich nicht . Rastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen Gemächern umher ; angstvoll den Ereignissen des Krieges folgend , immer bange vor der Möglichkeit , den Tod seines Sohnes und Erben zu erfahren , und doch ohne die eigentliche Vaterliebe für diesen Sohn , auf dessen Erhaltung seine theuersten Hoffnungen gerichtet waren , und ohne alle freudige Theilnahme an den beginnenden Erfolgen und Siegen des Volkes , in dessen Mitte und für dessen Befreiung die beiden Erben seines Blutes ihr Leben in die Schanze schlugen . Mit jedem Fortschritte , den die Waffen der Verbündeten erfochten , mit der aufjauchzenden Freude des Landes und des Volkes über die ersten Siege derselben wuchs die innere Vereinsamung des Greises . Er hatte nichts gemein mit den Gefühlen der Verbrüderung und der Erkenntniß der menschlichen Gleichheit , welche die Zeit der Noth in dem Volke begründet und die Gemeinsamkeit des Kampfes und der Gefahr in den Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick festgestellt hatten . Er gehörte nicht zu denen , welche die Neuerungen gut hießen , die der König und seine Regierung vor dem Ausbruche des Krieges unternommen hatten und deren Ausdehnung und Entwicklung verheißen worden und nach erfolgtem Siege erwartet wurden . Wie auch die Würfel des Krieges fallen mochten , er sah kein Heil in der Zukunft , und doch hing er am Leben , doch wollte er mit seinem Willen bestimmend in die Zukunft hinüberreichen . Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des furchtbaren französischen Rückzuges aus Rußland fingen in den preußischen Ostprovinzen sich zu vermindern an , als man in Rothenfeld endlich daran denken konnte , die Kirche , welche durch viele Monate zum Hospitale gedient hatte , zu reinigen und dem Gottesdienste wiederzugeben . Aber als die letzten Kranken sie verlassen hatten , wurde man erst recht gewahr , wie schwer sie gelitten hatte und daß man einer für die gegenwärtigen Verhältnisse nicht unbedeutenden Summe bedürfen würde , sie nur einigermaßen herzustellen . Es konnte nicht die Rede davon sein , die Silbergeräthschaften zu erneuern , welche von den ersten durchziehenden Franzosen mitgenommen worden waren , oder den schönen Beichtstuhl und die kunstreich geschnitzte Kanzel herstellen zu lassen , welche die durchmarschirenden Hessen zerschlagen und zur Feuerung benutzt hatten . Nur die Tünchung der Wände , nur die Ausbesserung des Fußbodens wünschte der Caplan , denn es hatten , als die Armee nach Rußland gegangen war , durch viele Tage die Pferde in dem Gotteshaufe gestanden , so daß der Boden zerstampft und überall , wo man die Krippen angebracht hatte , die Löcher von den eingeschlagenen Eisen in den Wänden und an den Pfeilern sichtbar waren . Der Caplan war lange nicht im Schlosse gewesen , aber es war ihm nicht verborgen geblieben , was dort geschehen . Die Bekenntnisse Vittoria ' s hatten ihm Alles enthüllt . Er hatte vergebens danach gestrebt , den Freiherrn persönlich zu sprechen , um ihm die Hülfe zu leisten , welche ihm bieten zu können er sich fähig glaubte . Der Freiherr hatte seine Besorgniß vor der Uebertragung des Lazarethfiebers zum Vorwande benutzt , den Besuch des Caplans abzulehnen , und als dieser es bei Anlaß der Kirchen-Reparatur unternommen , sich dem alten Lebensgenossen schriftlich zu nähern , um ihm , der sich sonst gern mündlich und brieflich mitzutheilen und auszusprechen geliebt hatte , eine Befreiung auf solchem Wege darzubieten , hatte derselbe sich nur an den geschäftlichen Theil des Briefes gehalten und die Fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne Erwiederung gelassen . In schwerer Bekümmerniß um den Freund und um das Schicksal des Geschlechtes , an das er sein eigenes Schicksal geknüpft hatte , verließ der Caplan an einem heißen Sommerabende sein Haus . Er wollte sich überzeugen , wie weit die Arbeiter an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorgeschritten wären . Die Sonne war schon im Sinken , der Himmel hing voll Wolken , und ihre Schwere erhöhte für die Phantasie den Druck , den die Schwüle der Luft auf alles , was lebte und athmete , ausübte . Kein Vogel sang , kein Grashalm und kein Blatt bewegten sich . Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen , hatte in der noch offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augenschein genommen und trat eben wieder ins Freie hinaus , um nachzusehen , wie die weißen Rosenstöcke gediehen , die er nach Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor derselben angepflanzt hatte . Vorsorglich die Stämme untersuchend , nahm er von ihnen die Raupen und die Käfer ab , welche sich um die Stengel und zwischen den Blättern eingenistet hatten , und es war eine wehmüthige Freude , mit der er diese Rosen , die er aus Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem Garten groß gezogen hatte , nun wieder vor der Grabstätte der ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen tragen und erblühen sah . Das ewige Werden ! sagte er zu sich selbst und bückte sich , um nachzufühlen , ob das Erdreich nicht zu trocken sei . Da er sich aufrichtete und sich umsah , ob er nicht Jemanden herbeiwinken könne , der ihm Wasser holen gehe , stand der Freiherr vor ihm . Der Caplan war auf das äußerste betroffen . Der Freiherr hatte von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut , den Besuch der Kirchhöfe gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr besucht . Sie hier , gnädiger Herr ? rief er , und seine Freude , den alten Lebensgenossen wiederzusehen , war eben so lebhaft , als sein Erschrecken über den außerordentlichen Verfall , den er an seinem Freunde wahrnahm . Was führt Sie hieher , verehrter Freund ? rief er noch einmal ; und obenein in dieser heißen Schwüle , die Ihrem Befinden gewiß nicht heilsam ist ? Der Freiherr lächelte ; aber es war nicht mehr der frühere gewinnende Ausdruck in diesem Lächeln . Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen aus jedem Zuge und aus jeder seiner Mienen . Eben die heiße Schwüle , entgegnete der Freiherr , und eben mein Befinden , das viel zu wünschen übrig läßt . Ich schlafe schlecht , fühle mich niedergeschlagen , und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir . So wollte ich versuchen , mir mit einem weiteren Gange , als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe , über die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen für die Nacht . Unterwegs kam mir der Gedanke , meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen . Wir haben uns lange nicht gesehen . Sehr lange nicht , entgegnete der Geistliche , und seine Sorge um den Freiherrn wuchs , da er den gebrochenen Ton seiner Stimme vernahm . Sie haben viel durchgemacht , viel durchgemacht ! nahm der Freiherr wieder das Wort und hielt unentschlossen , ob er weiter sprechen solle , inne , bis er mit einem Ausdrucke tiefer Schwermuth hinzufügte : Aber auch an mir , wenngleich ich Ihre Gefahren und Arbeiten nicht theilte , sind diese Zeiten nicht spurlos vorübergegangen . Er seufzte dabei und schritt , sich abwendend , dem Familienbegräbniß zu . Die Thüre der Gruft war geöffnet ; als er hineingehen wollte , hielt der Caplan ihn davon zurück . Es ist kalt in der Gruft , warnte er , Sie sind vom Gehen warm , und es ist alles in dem Gewölbe , wie es vorher gewesen ist . Die Särge sind also wenigstens nicht angetastet worden ? fragte der Freiherr . Ganz und gar nicht ; nur die Vorhalle war stark mitgenommen . Die Ruhe unserer Todten wurde nicht gestört . Der Freiherr antwortete nicht . Der Gruft gegenüber lag ein starker , gefällter Baumstamm an der Erde , der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten für die Umzäunung zerschnitten werden sollte . Auf diesen Baumstamm ließ der Freiherr sich nieder , und den Stock in seinen Händen , das Haupt auf die Hände gesenkt , blickte er lange schweigend nach der Gruft . Niemand hatte es erlebt , daß er sich in solcher Weise auf offener Straße seinem Empfinden überließ , und vielerfahren , wie der Geistliche es war , konnte er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren . Er trat an ihn heran und forderte ihn auf , sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen , da die Wolken sich zertheilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in voller Kraft über das Erdreich ausbreitete . Aber der Freiherr verweigerte es . Lassen Sie mich hier verweilen , sagte er . Die Sonne ist mir erfreulich , und es thut mir wohl , zu denken , daß selbst solche Kriege , wie sie über uns hinweggegangen sind , die Ruhe der Todten nicht gestört haben . So weiß man doch , wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat - und es will mich oft bedünken , als würde ich sie bald hier suchen kommen . Denn wenn die Todtgeglaubten wiederkehren , müssen die Lebenden von dannen gehen , fügte er hinzu . Sie haben Paul gesehen ! rief der Caplan . Der Freiherr neigte schweigend das Haupt . Was wissen Sie von ihm ? fragte er darauf . Der Caplan sagte , daß er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange verschollen Gewesenen erhalten habe . Da Paul aber seinen Namen gewechselt und sich geflissentlich von dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe , so habe auch er es für angemessen gehalten , des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn nicht besonders zu erwähnen . Jetzt sei in den Dörfern durch den Bauer , der Paul zu dem Grabe seiner Mutter hingeleitet habe , die Kunde von seinem Leben und von seiner Heimkunft als ein Gerücht verbreitet , und er habe demselben nicht widersprochen , da ohnehin die Familie Steinert , in welcher Paul durch mehrere Wochen gewohnt habe , in das Geheimniß seines Namenswechsels eingeweiht und mit ihm und seinen Verhältnissen bekannt sei , weil Adam Steinert mit dem Hause Flies , dem Tremann angehöre , in beständiger Geschäftsverbindung stehe . Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu . Dann sprach er , als ob er mit sich selber rede : Wie das emporsteigt , wie sich das zusammenfindet : die Flies ' , die Steinert ' s und nun gar Paul ! Wie die Flut eines Meeres erhebt er sich um uns , dieser Stand der Bürger , und man hat die Dämme freventlich zerstört , die uns vor seinem Andrange sicher stellten ! Er schüttelte das Haupt und versank in seine Gedanken . Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte : Ich sehe trübe , sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes , mein alter Freund , und ich werde mich nicht beklagen , wenn ich nicht mehr Zeuge der Entwicklung sein sollte , welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet ! Ich habe ohnehin nichts mehr , was mich freut , nichts mehr , worauf ich zuversichtlich hoffe ! Ich bin müde , wie Einer , der die eigene Zeit zu Grabe trägt ; und oftmals möchte ich mich fragen : wofür habe ich gelebt ? -