die eine sich ewig von der andern zu trennen suchte . Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwärmerei für den » milden Versöhner « , wie er ihn genannt , gehört ? ... Bonaventura harrte vergebens . Aufdrängen mochte er sich nicht . Kein Lebenszeichen kam aus dem alten Profeßhause . Nach der Gefangennehmung des Kirchenfürsten verstummten eine Zeit lang auch die Artikel des Paters . Die Haft , die jetzt hätte durch die gebrochene Macht des Kirchenfürsten aufgehoben sein können , wurde nun erst recht von der Regierung gegen den Agitator mit der zweischneidigen Feder bestätigt , ja verschärft . Bonaventura bat Benno , sich nach dem Schicksal des Paters zu erkundigen . Nach dem , was dieser in Erfahrung brachte , ließ sich annehmen , daß der Mönch in Untersuchung war und vielleicht schon in sein Kloster zurück . Da aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in diese Stadt verlegten , von der Regierung aufs strengste überwachten » Kirchenboten « . Es war eine Reihe von fortlaufenden religiösen Betrachtungen unter dem Titel : » Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens . « Durch den Beichtstuhl trat Bonaventura in die innersten Lebensbezüge auch solcher Bewohner dieser Stadt , die vielleicht für uns Interesse haben . Nicht daß wir die Wirthin » Zum goldenen Lamm « belauschen möchten , die gleichfalls nicht umhin konnte , den » schönen « jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen Beichtvater auf einige Zeit zu vertauschen . Selbst die Sünden , die Eva und Apollonia Schnuphase zu bekennen den tiefinnerlichsten Drang fühlten , verschweigen wir ( das Beichtsiegel ist unlösbar , aber im Reiche der Dichtkunst gibt es keine Geheimnisse ) ... Eher würden wir Walpurgis Kattendyk belauschen mögen , die sich förmlich - ausdampfte in ihren Sünden , wenn sie an das Ohr des jungen Domherrn gelangte , dem zu Liebe sie den Kanonikus Taube um Schlaf und Appetit brachte . Auch ihre Tochter , die Frau Procurator Nück , fehlte nicht und jedesmal kam diese in anderer Toilette ; sie bekannte jeden Verstoß gegen die Fastenordnung , den sie sich hatte zu Schulden kommen lassen , nie aber eine tiefer gehende Herzens- und Nierenprüfung , nie den leisesten Schimmer ihrer Eitelkeit und Verschwendung ... Johanna vollends , ihre Schwester , war so fromm , daß sie für Zahnweh , das sie befiel , Messen bestellte ; aber in ihr Inneres mußte erst der » Beichtspiegel « greifen , dies sicher gehende Brecheisen der Verstockung , das ihr die Fragen vorhielt : Warst du nicht hoffärtig ? Warst du auch mildthätig ? Bist du versöhnlich , liebevoll , nachsichtig ? ... Alle ließen sich von dem jungen , im edelsten Eifer sich hinopfernden Priester den bekanntlich so schmalen und engen Weg deutlich zeigen , von dem geschrieben steht : Ich bin die Wahrheit und das Leben ! und doch lag ihnen ihr Handeln und Fühlen immer nur auf der breiten Landstraße des Alltäglichen . Nicht eine von ihnen gedachte der Schwester Hendrika anders , als mit bitterster Anklage . Namen zu nennen verbietet die Beichtordnung . Doch verstand Bonaventura allmählich immermehr manche Umschleierung , errieth manche Andeutung und warnte auch hier in dem Conflict wegen » künftiger Religion « eines Familienmitgliedes vorläufig , bis er die Verhältnisse übersah , mit dem Worte des Apostels : » Verwirret die Geister nicht ! « aus der schönsten Schutzrede der Toleranz , die man bekanntlich ( oder vielmehr leider nicht bekanntlich ) in Lessing ' s » Nathan « nicht so milde , als im Briefe Pauli an die Römer , Kapitel 14 und 15 findet ... Treudchen kam nicht zur Beichte ... Sie mußte schon seit lange zu Cajetan Rother gehen . Auf Weihnacht zu näherte sich die bange Prüfung der Reise nach Witoborn und Schloß Westerhof . Der Proceß Paula ' s hatte plötzlich eine für sie ungünstige Wendung bekommen . Der oberste Richterspruch konnte , wie Benno schon lange versicherte , von Nück ' s Fechterkünsten nicht mehr parirt werden ... Benno sah den Freund oft , doch seltener , als ihnen beiden Bedürfniß war . Zu sehr nahm Bonaventura sein Amt in Anspruch , zu sehr war auch die Gefangennehmung des Kirchenfürsten ein Ereigniß , das auf einige Zeit jedes Urtheil erschreckte und divergirenden Denkern mehr sich zu vermeiden als zu suchen gebot ... Nück ' s Federn rauschten von Morgens bis Abends . Die Mittel gab er an die Hand , die gegenwärtige Stellvertretung des Kirchenfürsten als eine nicht berechtigte darzustellen und so die Schwierigkeiten den » Neunmal-Weisen « noch zu vermehren . Schon war von einer Gesandtschaft der Stadt und Stände nach Wien an den allmächtigen ersten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht hätte Benno zu der Ehre kommen können , sie zu begleiten ; wenigstens sprach ihm Nück davon ... Und als Armgart ' s Mutter in der Nähe und in der Stadt selbst auftauchte , da entdeckte denn auch Bonaventura , was in Benno ' s Innern über alles in der Welt die Oberhand behielt , Armgart ' s liebliches Bild ... Nun war wieder Armgart ' s nahe Beziehung zu Paula eher ein Hinderniß der vertraulichen Ergießung , als eine Förderung . Eines der schwersten Aemter seines Berufs wurde dem jungen Domherrn aufgebürdet , als er eines Tags die Anzeige erhielt , daß der Mörder der Schwester der Frau von Gülpen zu einer letzten Beichte über sein ganzes Leben ihn gewählt hätte . Wie kam Jodocus Hammaker zu dieser Wahl ? Zum Richtplatz begleitete ihn der Seelsorger des Gefangenenhauses ; aber dieser letzte Beistand schloß nicht aus , daß sein Beichtvater ein anderer war . Warum wählte er Bonaventura von Asselyn ? Er hatte ihm wie Benno als Entlastungszeuge beistehen sollen für sein Alibi in der Abendstunde , in welcher der Mord geschehen war ... Da aber hatte schon das Blut an seinen Händen geklebt und in dem einsamen Hause am Stromesufer hatte er seinen Raub bei ihm bekannten Hehlern geborgen ... Benno mußte für Hammaker ' s Besuche bei der Ermordeten gegen ihn zeugen , wie er gleich anfangs gewollt hatte . An dem Tage , wo Nück beim Plaidiren dem » alten Freunde « die Prise verweigerte , saß Bonaventura als Zuschauer der Gerichtsverhandlung , lauschend den Worten , die Benno sprechen mußte . Der Verbrecher , kokett bis zur letzten Stunde , sah die große Ehrfurcht der Menge vor dem Priester ... So fiel ihm bei : Dem willst du dein letztes Testament übergeben ! Dem , der ohnehin der Schwester deines Opfers so nahe steht ! ... Die Verbrechen , die er zu enthüllen hatte , gehörten den » reservirten Fällen « an , die vom höchsten Sitz der Kirchenprovinz diesem allein zu hören vorbehalten sind und deren Anhörung an einen untern Geistlichen nur durch besondere Vollmacht überlassen wird . Benno hatte eine Ahnung , Nück , als Hammaker ' s Vertheidiger , würde Miene machen , diese an Bonaventura zu ertheilende Vollmacht zu hintertreiben , er würde die Competenz der gegenwärtigen kirchlichen Oberbehörde zu solchen Vollmachten bestreiten , würde erklären , daß das ganze Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel besäße . Doch gab sich Nück zufrieden , in des Delinquenten Verlangen zu willigen , selbst auf Gefahr hin , daß die teuflische Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche ... Wie bereute er , ihm den Griff in seine Dose abgeschlagen zu haben ! Er , der doch oft im Volkston plaidirte ; er , der das Publikum durch seine schlagenden Witze und Späße bei den ernstesten Dingen belustigte ! Eines Morgens nach der Messe machte sich Bonaventura zu dieser schweren Pflicht auf . Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat seiner Würde . Als er in eine enge Gasse einlenkte und zu den Eisenstäben der Fenster eines alten Gebäudes aufsah , überfiel ihn ein Grauen ... In diesen dunkeln Mauern verhallten schon so viele Wuthausbrüche der Verzweiflung , so viele Seufzer der bittersten Reue . Hier saßen einst auch jene Verbrecherbanden , die die Länder zwischen der Maas , Mosel , bis zum Main und zum Neckar hinunter unsicher machten , unmittelbar in den folgenden Zeiten , als Schiller das Räuberleben auf der Bühne poetisch verklärt hatte . Diese Roller und Schweizer hatten aber wirklich Schufterle , keinen Karl Moor an der Spitze und doch auch manche kräftige und bessere Natur , die im Sinnenleben und durch schlechtes Beispiel zu Grunde ging . Diese Picard , diese Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeschichte aufgezeichnet , wilde , grausame , verwegene Menschen , der Mehrzahl nach Juden , die die angeborene List ihres Stammes mit einem altbiblischen Muthe verbanden . Immer durch die Schrecken der Revolution hindurch , sengten , plünderten und mordeten diese Menschen in Genossenschaften zu halben Hunderten und über fast ganz Holland und Deutschland hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet , ja so weit , daß in fernen Gegenden selbst die Wächter der Ordnung , selbst die Büttel und Häscher ihre eigenen Angestellten waren . Wie sich Napoleon ' s Herrschaft befestigte , gelang allmählich die Unterdrückung . Ihrer zwanzig bis dreißig bestiegen oft an einem Tage die Guillotine . Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dorthin ; in Holland schickt man die meisten nach Java ... Einmal erst hatte Bonaventura Nück bei seinem Vetter gesehen , dann vor Gericht . Heute begrüßte er ihn beim Verlassen des Domes , beim Einsteigen in den Wagen ... Dann mußte er ihm nachgefahren sein ; denn Nück stand auch am Wagenschlag , als er ausstieg ... es sprach eine wahre Todesfurcht aus dem sonst so furchtlosen Manne ... Bonaventura , geleitet von dem Gefängnißwärter , einer Wache und dem gewöhnlichen Seelsorger der Gefangenen , einem Kaplan , trat in das finstere Gebäude , stieg eine schmale steinerne Wendeltreppe empor , hörte die Schlösser fallen , die Riegel klirren und weichen und stand in einer fast dunkeln Zelle vor einer von einer Pritsche sich aufrichtenden Gestalt , deren linker Fuß durch eine Kette an die Mauer befestigt war . Grauenvoller Gegensatz ! Dieser heutige Morgengruß und jener abendliche vor vier Monaten ... es war als huschte die Fledermaus hin wie damals , als er und Benno so spät noch am Ufer saßen und den im Mondlicht fischenden Knaben zusahen . Dann - das Aufhängen des Procurators , seines Vertheidigers , der in einiger Entfernung sogar dem Hinaufsteigenden noch gefolgt war ! Jene Mittheilung Benno ' s ! Was konnte hier noch enthüllt , was von der Seele abgewälzt werden und zu welchem Nutzen ? Die Thüren blieben offen ... die Begleiter verharrten auf den vordern Gängen ... Einmal hörte man noch das Geräusch des Holzzulegens in dem kleinen eisernen Ofen der Gefängnißzelle , einem sogenannten » Hund « , der von außen geheizt wurde ... Dann war alles still ... Bonaventura setzte sich und der Verbrecher kniete vor ihm nieder ... Wie ein böser , ängstlicher Traum war alles das ... ein Traum , an dessen Wirklichkeit der Priester nicht glauben mochte ! Und doch saß er selbst da im weißen reinen Gewande der Unschuld , ernst das Haupt senkend , und vor ihm lag eine verfallene Gestalt im grauen Kittel , mit welken , schlaffen Zügen , kahlem Schädel , entkleidet aller Hülfsmittel , Kraft und Unbefangenheit zu lügen , die Hände abgemagert , das Auge weiß , so unheimlich , als könnte noch jeden Augenblick eine ruchlose That in diesem verworfenen Leben lauern , einem Leben , das nach raschem Instanzengang und abgeschlagener Majestätsgnade in einigen Tagen enden sollte . Nach den ersten mit klopfendem Herzen gesprochenen Gebeten und Ermahnungen , der Gnade Gottes zu vertrauen , gab Hammaker ein Bild seiner Jugend . Er wollte , daß die Welt von ihm erfuhr , er hätte gründlich und fromm gebeichtet . Er wollte , daß sie ihm Theilnahme schenkte , selbst auf dem Richtplatz . So erließ er dem Hörer nichts von dem , was in den verstecktesten Winkeln seines Innern lebte . Aller Hohn , alle Verwünschung wird schweigen , dachte er , wenn man erfährt , wie du dich unterworfen ! Mit tonloser , weicher Stimme hauchte der Unselige die Worte hin : Von meinen Aeltern , die später zurückkamen und nichts behielten , als ein Witwenhäuschen für meine arme Mutter , eine Frau von nahe achtzig Jahren , bin ich gut erzogen und studirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafür . Ich drehte den Spieß um und sagte : Summa injuria summum jus : wo du alles gegen dich hast , gerade da sei dein Spiel ! Meine Devise wurde das erst aus Uebermuth , dann aus Noth ; wild lebte ich und hatte Bedürfnisse , die Geld kosteten . Schon damals bekam ich einen so übeln Ruf , daß mir die Niederlassung als Anwalt nur versuchsweise auf dem Lande gestattet wurde . In den Sieben Bergen da drüben wohnt ' ich ... am liebsten aber war ich hier in der Stadt und nun mußt ' ich Geld machen . Hätten die Bauern mich todt geschlagen ! Um eine Person , die sich an mich hing , hatt ' ich zwei Termine versäumt , drüber einen Proceß verloren ; - erst später kam ' s heraus ; der Bauer , dem die Sache Geld gekostet , wollte mich todt schlagen . Es wäre besser gewesen ... Schon jetzt verließ den Sprecher die Kraft . Die Reue läßt sich nicht vergebens äffen . Sie übermannt den Heuchler wider Willen ... Bonaventura übersah vollkommen diesen Zustand , wie er sich auch sofort beim Eintritt von der geringen Bußfertigkeit des Verbrechers überzeugt hatte . Er faltete gelassen die Hände und betete , nicht etwa um Vergebung und mit ermunternder Zuversicht auf Gottes Gnade , sondern um Bewahrung eines reinen Sinnes und Schutz vor Heuchelei ... Hammaker fühlte , daß er in seinem begonnenen Tone nicht fortkommen würde ... Er folgte der Weisung des Priesters , sich zu erheben und auf der Pritsche Platz zu nehmen ... Die Kette rasselte an seinem Fuße ... er sank mehr nieder , als er sich setzte ... Einmal , begann er aufs neue - und in dieser Stille klangen die Worte hohl wie aus dem Grabe - einmal kam ich an einen Weg , wo ich hätte umkehren können ! Es war durch einen Mönch , der an meinem unseligen Leben nur zu verhängnißvoll zum Rächer für alles Unterlassene wurde ... Rächer - ein Mönch ? warf Bonaventura mit Vorwurf ein ... Würden Sie diesen Bruder Hubertus kennen , hochwürdiger Priester , Sie gestatteten mir dieses Wort ! Bonaventura hörte den Namen , den er aus der Verhandlung zwischen Sebastus und dem Kirchenfürsten schon als den » Bruder Abtödter « kannte . Dieser Name war in den Verhandlungen vor den Assisen oft genannt worden . Es war der Erbe der ermordeten Hauptmännin ... Ich verlor meine Stelle auf dem Lande , zog in die Stadt und arbeitete bei meinem Freunde - meinem Vertheidiger . Nück hatte mit mir studirt . Er schlug einen andern Weg ein als ich . Aber auch ihn lockte der Sirenensang der Freude - Sprechen Sie von sich selbst ! unterbrach Bonaventura den Verbrecher , der mit Gefallen diese Worte betonte ... Dieser Teufel , sagte sich Nück draußen , opfert mich - um eine Prise ! ... Der Verbrecher knüpfte die graue Jacke , die er trug , fester zu , als fröre ihn ... Das Geburtsfieber war es , das er sich in diesem Ernste bei der Verstockung seines Gemüths nicht möglich gedacht hatte ... Eine Weile zitterte er sich aus ... nach dem Schauder gewann er neue Kraft . Ich arbeitete bei ihm , lenkte er ein , und erhielt einen Auftrag , in eine süddeutsche Stadt zu reisen zur Regulirung einer Streitfrage über geistliche Güter . Ein Mönch war bei Nück , der dieselbe Reise zu machen hatte und dem er mich zum Begleiter gab . Wir reisten zusammen . Vierzehn Tage , die ich mit ihm zubrachte , sind mir unvergeßlich - der Bruder sprach nicht viel , aß und trank wenig . Ein Laienbruder der Franciscaner war es , er hatte Reisen gemacht , war in Indien gewesen und ein Sonderling . Aus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn hatte man ihn entsendet , um in einem süddeutschen Convicte eine Heilung zu versuchen mit dem Rector desselben , einem Pater Fulgentius . Dieser Unglückliche hatte die Gewohnheit - Sprechen Sie von sich ! unterbrach Bonaventura aufs neue ... Ich wollte nur sagen , was ein gutes Beispiel thut , ehe ich bei Nück - Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge , der Selbstkasteiung , der Entbehrung nicht stets vor Augen ? Gerade das wurde die Ursache meines Falls ... Bruder Hubertus ? Eine Handlung von ihm , deren Zeuge ich durch Zufall wurde ! erzählte Hammaker mit einer Art von Behagen . Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict begleitet , in welchem er einen Auftrag zu erfüllen hatte , von dem ich nichts erfuhr . Da ich regelmäßig die Aufregung bemerkte , so oft der Bruder kam , verfiel ich auf diese und jene Vermuthung . Keine derselben war so geheimnißvoll , wie mir die spätere Entdeckung zeigte . Es hieß , daß der Bruder bald in sein Kloster zurückkehren würde . Eines Abends sah ich ihn , wie so oft , ins Convict eintreten , wo er nicht wohnte . Ich folgte ; der Thürhüter kannte mich und hatte kein Arg . In den Gängen der untern Klassen war alles wie sonst . Oben aber war es einsam . Dann hört ' ich fernhin ein eilendes Rennen und Laufen , der Thür zu , wo die Wohnung des Rectors lag ... Ein seltsames Rollen hatte schon einigemal Bonaventura ' s Aufmerksamkeit erregt . Ueber der kleinen Zelle ging es wie ein sich ankündigendes Gewitter hin ... Es sind Gefangene , erklärte der Verbrecher , als Bonaventura aufblickte , die an den Füßen Kugeln tragen ... Der Boden ist hohl ... Wer ihn durchbrechen könnte ! lag in dem Blicke , den Hammaker auf die Decke richtete . Seine eigene Kette ließ ihn nicht fünf Schritte von der Mauer sich entfernen ... Ich horchte in die Ferne , fuhr er dann sinnend und zerstreuter fort , und hörte geheimnißvolles Wispern , ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen . Im Kreise von Lehrern und Alumnen stand mein Mönch , hielt alle feierlich zurück , schritt auf die Thür zu , die ich , hinter eine Treppenlehne zurücktretend , sehen konnte , da sie querwärts den langen Gang beendete , öffnete und - allen bot sich der Anblick eines Mannes , der an einem Fensterhaken sich erhängt hatte ! Der Mönch ging unerschrocken auf ihn zu , schnitt mit einem Messer , das er aus der Tasche zog , den Strick durch , hielt dann in der kräftigen Linken den Leichnam und rief die Fernstehenden näher . In diesem Augenblick wurde ich gestört und mußte mich entfernen ... Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage : War der Unglückliche der Pater Fulgentius ? ... Doch unterdrückte er sie . Noch am selben Abend , bestätigte der Mörder , hieß es , daß der Rector gestorben war . Auch die Art seines Todes blieb nicht verschwiegen , man sprach von Melancholie und ein Arzt von Selbstzerstörungswahn . Ja am Wirthstisch hieß es : Ein Mönch hatte ihn davon heilen sollen . Ich mußte Abschied von Hubertus nehmen und fand ihn in dem Garten des Klosters , wo er eingekehrt war , im einsamen Wandeln . Rings hohe , graue Mauern , alles still und - fast wie auf einem Kirchhof . Rücksichtslos frag ' ich ihn : Sie sollen ja soviel vermögen , Sie sollen Hunger und Durst , Frost und Hitze ertragen lehren ; konnten Sie denn jenen Mann nicht auch von seinem Wahne heilen ? ... Er erwiderte : Ist da der Tod nicht die beste Heilung ? ... Dabei stand er still und jetzt erst war es mir , als säh ' ich einen Boten des Todes , ein Gerippe . So mager war seine Hand , so hohl seine Wange , so klanglos seine Stimme . Ich fürchtete mich vor ihm und glaubte , schlüge er die braune Kutte auf , würd ' ich ein Skelet sehen . Doch war der Bruder selbst in Aufregung . Offenbar hatte man von ihm etwas anderes erwartet . Er hatte heilen , nicht bestatten sollen . Auch verschwieg er das nicht . Nie hatte er zu mir so viel gesprochen , wie diesmal in dem einsamen Klostergarten , in den er sich wie geflüchtet hatte . Ja , sagte er feierlich , ich hatte verboten , ihn zu bewachen , ich hatte ihn sein Werk ausführen , hatte ihn so lange allein gelassen , bis seine That vollendet war ! Denn , Herr - ich horchte hoch auf - der Erhängte stirbt erst spät ! Ich weiß das ! Ich habe Hunderte erhängen sehen ! Ich habe Menschen gekannt , die sich einschlossen , um die Wonnen dieses Todes zu haben ! Denn das wissen Sie nicht , erst wählt die Melancholie diesen Tod , und dann , einmal ins Leben zurückgerufen , tritt eine Besinnung ein , wie auf den seligsten Opiumrausch ! Bilder , Gestalten sind an dem schwindenden Bewußtsein vorübergegangen , die keine menschliche Hand zaubern konnte ! Das Süßeste , was die Erde kennt , empfindet und trinkt der Gehängte in langen , endlosen Zügen ! Die Scham macht den , an dem man diese Verirrung kennt , einsam irren , aber nichts kommt dem gleich , was diese Scham wieder aufwiegt und sie ertragen läßt ! Zur rechten Zeit von der tödlichen Schnur befreit , langsam zurückkehrend zum Bewußtsein , erhebt man sich wie aus einem Traum , den man ewig träumen möchte ! Der Greis wird wieder jung , die Matrone eine Braut , der Arme schwelgt in Reichthümern , der Verbrecher ist ein König , der Feige ein Held , vor ihm liegt eine Welt auf den Knieen und bietet sich dar , mit ihm zu sterben ! Nie hat man so gelebt wie in diesem Tode , nie das Paradies so vorausgenossen , so die Schrecken vergessen , die diese Erde - Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Mörders an das , was ihm so nahe bevorstand ... Er hatte sich erhoben und fiel betäubt zurück . Auch Bonaventura hatte sich eine Weile erheben müssen , denn der Anblick der wilden Erregung des Mannes war entsetzlich . Hammaker , aufgerichtet , starrte gierig im Kreise umher ; die Gewänder des Priesters betrachtete er , als könnte sich eine Schnur an ihnen befinden , die auch ihm diese Hülfe des süßesten Todes brächte . Er streckte sich aus , als ließe sich ein Zipfel am Kleide desselben ergreifen , zur Schnur winden ... die Kette an seinen Füßen faßte er und sank wie ohnmächtig auf sein Lager zurück . In der reinen Seele des Priesters wogte ein Feuerstrom . Das ist das geheimnißvolle Räthsel , das Nück und diesen Elenden verbindet ! rief es in ihm , der schon lange immer nur der Erzählung Benno ' s gedenken mußte von jenem Abend her . Dieser da hat so seinen Wohlthäter verführt ! Hat so eine Neigung desselben zur Melancholie ausgebeutet ! Hat ihn sicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und dann ihn Einmal - Einmal nicht wieder ins Leben zurückgerufen ! ... Alles das stand einen Augenblick klar vor Bonaventura ' s Augen und doch sagte sein Herz wieder : Es ist unmöglich ! So weit kann der menschliche Geist sich nicht verirren ! Hammaker kehrte zur Besinnung zurück , krümmte sich wie ein Wurm , zog die graue Jacke über der Brust zusammen und fuhr mit stoßweisen Zuckungen auf , wie wenn er von eisigem Schrecken geschüttelt wurde ... Dann sprach er , als Bonaventura sich gesetzt hatte und das Antlitz , wie der Beichthörende soll , in einen Zipfel seines Kleides hüllte : Der Bruder Hubertus sprach : Ich sollte heilen ? Zu richten kam ich ! Das Gericht Gottes ist unser , wenn wir seine Gebote gelästert gesehen ! Wie durfte dieser Unglückliche leben , leben in solcher Umgebung ! Ich sage nicht , daß auch er die Wonnen dieses Todes suchte ; er suchte den Tod selbst . Warum ihm die Hülfe versagen ! Warum Schonung einer solchen menschlichen Schwäche , die vielleicht Heldenmuth war ! Seid männlich und seid stark ! spricht der Apostel ... Nun aber , nach dem Preise seiner That , erweichte sich des Bruders Gemüth und er erzählte mir , wie er von frühester Kindheit an Gottes Finger sich nahe gefühlt , wie er schon als Kind aus Flammen hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch , wie er sich ganz aus sich selbst hätte zum Menschen machen müssen , wie ihn dann Verrath und Undankbarkeit verfolgt und so gehetzt hätten , daß er nothwendig zu Gott oder zum Teufel hätte entfliehen müssen ... Er glaubte , sagte er , auf der richtigen Straße zu sein . Ein Weib , erzählte er , ein Weib war die Ursache meines tiefsten Kummers ... Sie , sie , die ich Wer ? unterbrach Bonaventura schaudernd ... Hammaker schwieg ... Seine Hände , die die Hauptmännin erwürgt hatten , zuckten . Ihr Opfer ? fragte Bonaventura wiederholt ... Wie hätte es ihn nicht reizen sollen , etwas aus dem Leben der Schwester der Frau von Gülpen zu erfahren ! ... Doch er - war das Gewissen selbst ... Er bekämpfte seine Neugier und sagte nur : Warum zogen Sie nur aus dieser Begegnung mit einem so vielgeprüften , wenn auch vermessenen und Gott strafbar vorgreifenden Manne nicht eine heilsamere Lehre für Ihr Leben ? Die Frauen , das Spiel - die Ehre - O wenn ich - Haben Sie sonst eine Handlung , die vorzugsweise noch Ihr Gewissen belastet ? unterbrach Bonaventura die eitle Selbstbeschönigung ... Ich log - ich betrog - Kein anderes Menschenleben auf Ihrer Seele - ? Der Mörder schüttelte den kahlen , häßlichen Kopf ... Bonaventura sah die Verstockung und wiederholte seine Frage ... Da rief der Gefangene plötzlich und erhob sich wild und klirrte mit seiner Kette : Emollit mores didicisse fideliter artes ! Das zu verstehen , sprechen zu können , Bildung besitzen - O öffnen Sie Ihr Herz der Reue ! unterbrach Bonaventura diesen Ausbruch eines halb wahren , halb koketten Ehrgeizes . Was Ihnen als einem Studirten auch Gott sein und als was er Ihnen erscheinen mag , ob als Begriff , ob als Wesen welcher Art und Größe , und wären Sie Pantheist und suchten den Schöpfer in sich selbst , dem Geschaffenen , Sie wissen , daß in unserer Brust eine sichere Wahrheit liegt , eine unumstößliche Gewißheit , der Unterschied von Gut und Böse ! Was Sie auch mit menschlichem Witze wegzuleugnen suchen von den Grenzen , die zwischen beiden liegen , sie wachsen immer wieder diese Grenzen , wenn Sie sie auch noch so klug niederrissen . Blicken Sie mit Sehnsucht aus dem Dunkel , in dem Ihre Seele lebt , in das Licht , das Licht der Unschuld , das Sie sehen , fassen , ahnen können , und nennen Sie dieses Licht - Gott ! Sprechen Sie zu ihm : O wär ' ich in deinem Abglanz , umstrahltest du mich , gäbst du mir Helle , Wärme , wahren Ruhm und wahre Ehre ! Lassen Sie durch dies reine Licht der Unschuld alle die wandeln , die in diesem reinen Geiste lebten ! Lassen Sie alle hindurchziehen , die Ihre Bildung kennt : Sokrates , Plato - Einer ist unter ihnen , der am leuchtendsten steht , Jesus der Gekreuzigte ! Mit seinem blutigen Haupte strahlt er und blickt voll Ernst auch auf Sie ! Beten Sie zu dieser vielleicht noch einzigen lichten Stelle in Ihrem Innern und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlösers , der allen Sündern Gnade vor Gott verhieß , Ihr ganzes Elend und was etwa sonst noch vor Gott und Menschen Sie belastet ! Hammaker faltete die Hände , aber schlaff hingen sie und der Ausdruck seiner Miene war der , als wollte er sagen : Was hilft mir das alles ? Der grausige Tod ist und bleibt gewiß ! Was ist eine Reue , die von einem Willen kommt , der nicht mehr sündigen kann ! Eine Reue über die Thorheiten der Jugend - von einem Greise ! Der Priester überblickte diese Empfindungen und sagte seufzend : Nun denn ! Ihre einzige gute Stelle ist vielleicht nur noch Ihr Stolz ! Wohlan ! Warum trieb Sie dieser zu Ihrer Missethat ? Zögernd sprach Hammaker : Man hat mich beschuldigt - Daß Sie Ihren Freund , Ihren Wohlthäter ermorden wollen ! Begingen Sie diese That ? Vor den Assisen hatte Hammaker , wie immer : Nein ! gesagt . Hier wiederholte er die gleiche Aussage , fügte aber hinzu : Doch wüßten Sie das Nähere - Wenn es Sie entlastet von dem Verdachte - sprach Bonaventura fast unhörbar ... sonst - lehnte er fast die Belastung auch des Procurators ab - Ich handelte - vielleicht - wie der Mönch - Unwürdige Vergleichung ! wallte Bonaventura auf ... Auch Nück suchte den Tod - versicherte Hammaker ... Die Wonnen des Todes ! Sie verführten ihn zu einer Handlung des Wahnsinns ! Sie machten ihn sicher , immer sicherer , bis Sie ihn zuletzt beraubten und morden wollten ... Hochwürdiger Priester ! Ja , ich beraubte ihn - Als es aber geschehen war - that ich , was ich zehn Jahre lang gethan - ich hob die Schlinge aus ihrer Angel . Freilich - diesmal stieg ich aus dem Fenster - warf das Schlüsselbund zurück - half ihm nicht zum Bewußtsein durch kaltes Wasser und das Reiben seiner