Ich konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbniß betrachten . « » Nun , so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst . « » Aber wo unter hundert Fällen neun und neunzig nur die Verwechselung des Mein und Dein zum Gegenstand haben . « Fuchsius sah ihn lächelnd an : » Ist das nicht die große Frage , die Alles regiert ! Nur daß die Groben für Andere die Feinen für sich einen Mantel darüber hängen . Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen , es ist daher viel leichter , die Bemäntelung abzureißen und der Sache auf den Grund zu kommen . Uebrigens versichere ich Sie , daß ich die interessantesten Studien vorhabe . Wir stimmen darin , wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern Abklatsch der höheren Stände erblicken . So zergliedere , arrangire ich sie mir ; ich finde die Erklärung für Vieles , was oben im Licht geschieht , in meinem Schattenreich . Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien , auch in recht angesehene , und finde immer den Abdruck desselben Stempels . Die Zerlassenheit , das laxe Wesen , die Maximen , Prinzipien dringen von oben nach unten durch wie eine ätzende Säure . Hier verschenkt man freilich nicht Staatsgüter , die Hunderttausende werth sind , zur Erinnerung für gute Compagnieschaft bei einer Orgie , noch schwarze Adlerorden an Roués für eine Galanterie ; man giebt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuß seiner Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen , damit , wenn er die Augen geschlossen , man sie auf die Wache schickt . Noch trifft man auf vornehme Damen , die , wenn die Sünde sie verlässt , doch von der Sünde nicht lassen können , und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre Zauberkreise verlocken , nicht aus Eigennutz , rein aus Vergnügen , und noch weniger verstehen meine Schelme , Betrüger , Galgenvögel , darüber den Schleier von Philosophie und Humanität zu breiten , aber - Sie werden vielleicht nächstens Dinge sehen , die Sie nicht erwarten , und die Gesellschaft wird die Augen aufreißen . Leben Sie wohl - Excellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von Bovillard . « » Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur . « Fuchsius nickte . » Dann müssten Sie eilen . Mich dünkt , das große Ungeheuer Krieg verschlingt die kleinen . « » Falsch geschlossen , Herr van Asten . Die Kriminalistik hat die Beständigkeit vor der Politik voraus . Wer auch siegt , das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet . Spitzbuben , Räuber und Giftmischer liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Kourtoisie aus , und der Strick ist der sicherste Orden für den , der eine Expectanz darauf erwarb . « Der Rath schien doch noch etwas sagen zu wollen , als er den Thürgriff langsam aufdrückte , Walter kam ihm zu Hülfe . Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mittheilen könne , möge er kommandiren ; er glaube nicht zu versichern nöthig zu haben , daß er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne . » Fand in letzter Zeit eine Communication zwischen dem Minister und dem Legationsrath Wandel statt ? « - » Ich glaube , es positiv verneinen zu können . « Der Rath schien zufrieden : » Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung ? « - » In keine andere , als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der Geheimräthin Lupinus mit sich brachten . « - » Mit der schien er in Relation zu stehen - « » Welche das Geklätsch zu andern machte , als sie vielleicht waren . Sprach man doch auch , daß die Geheimräthin sich scheiden lassen und ihn heirathen wolle . Da , so viel mir bekannt , ihre Verbindung seit dem Tode des Geheimraths sich gelöst hat , so war auch das gewiß ein falsches Gerücht . « - » Um so mehr , als jetzt verlautet , daß Herr von Wandel auf Freiersfüßen bei der reichen Braunbiegler aus und ein geht . « - » In der That ? « Der Rath fasste freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er : » Herr van Asten , verzeihen Sie die Indiskretion , an der Börse meint man , daß Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen . Er hat sich in einer Spekulation verrechnet - « » Und wird hoffentlich , wenn sie fehl schlägt , der Mann sein , der seinen ehrlichen Namen mit dem Letzten , was er besitzt , löst . « » Daran zweifle ich nicht , und wünsche ihm , daß er ohne dieses Opfer sich aus der Klemme zieht . Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel , er hat Wechsel von ihm , er hat Mittel gefunden , während man glaubte , daß Wandel auf Prolongation dringen werde , ihn zu bestimmen , daß er diese Wechsel in andere auf kürzere Sicht umschrieb . Schon das ist merkwürdig . Noch auffälliger , daß , während man Ursache hatte , an des Legationsraths Verlegenheit zu glauben , dieser aus Mitteln , die man nicht kennt , Ihren Vater prompt befriedigt hat . « » Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen , was in der Stadt ein lautes Geheimniß ist , daß Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten Relationen steht . « » Pah ! « sagte der Rath . » Spione hier werden nicht mehr theuer bezahlt , seit man die Geheimnisse wohlfeiler hat . So viel haben wir heraus : was seine politischen Mysterien anlangt , ist er ein Windbeutel , nur mit der Russin steht er noch in einer Verbindung . Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit der Münze , die er bringt . Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von zehn- und zwanzigtausend Thalern . Ich will , mein theuerster Herr , nicht hoffen , daß Ihr Vater sich näher mit ihm einließ . « - » Sie erschrecken mich - « » Wenn Sie für Ihren Vater einstehen , gewiß ohne Grund . Aber warnen Sie ihn , soweit ein Sohn es darf , der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die Gerechtigkeit . « Er zog Walter an sich , und die Hand am Munde , sprach er ihm ins Ohr : » Ich habe den dringendsten Verdacht , daß dieser Herr von Wandel - « In dem Augenblick hörte man starke Fußtritte auf der Treppe . » Der Minister ! « - » Und sehr ungnädig , « sagte Fuchsius , die Thür öffnend . » Die Audienz ist ungünstig ausgefallen . - Schade , daß Bovillard nicht Ihr Rival ist , er wird unfreundlich entlassen , und ich habe nicht Lust , den Zornerguß Seiner Excellenz auf mich zu laden . - Von dem Bewussten ein ander Mal . Bis dahin Verschwiegenheit ! « Der Rath war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangsthür geeilt , ehe der Minister in jenes eingetreten war . - Der Minister war aufgeregt . Auf-und abgehend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im Unklaren . Ihm war es darum zu thun , dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben , die ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe . Bis gestern hatte man ihm Hoffnung gemacht , heut war Bovillard durch Vertraute insinnirt worden , daß er , um der Person des Ministers einen abschlägigen Bescheid zu ersparen , lieber freiwillig zurückstehen möchte . » Excellenz ' Feinde also auch da geschäftig ! « - » Diesmal sind sie unschuldig . « - » Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit - ! « Ein » Freilich ! wer denn sonst ! « sprudelte von den Lippen , und verbot dem Sekretär fortzufahren . » Warum hat er nicht wie ein Karthäuser gelebt , warum hat er tolle Streiche gemacht , warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt , als die Thränen um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen . « Also der Zorn war Ironie . Walter ließ eine Bemerkung fallen , daß für Jugendsünden die Zeit das beste Heilmittel sei . Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune . » Jede Sünde rächt sich , « rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln , aber die Gedanken waren weit darüber fortgeflogen . » Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die Andern ? Warum sich nicht mit Tugend und Anstand geschminkt ! War das so schwer . Brauchte nur seinen trefflichen Vater zu imitiren . « » Geheimrath Bovillard ist mir in der That unbegreiflich . Wiegt ihm die Gunst , die Euer Excellenz seinem Sohne schenken , das Glück desselben auf ! Ihm wäre es doch ein Leichtes , Haugwitz und die Andern umzustimmen . « » Was kümmern mich Die ! Die Königin will ihn nicht . « » Die Königin ! - Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang . « » Wenn sie ' s wäre ! - Freilich , sie müsste drei Viertel des Hofes fortjagen . - Nun hat sie sich auf Diesen gesetzt . Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher Sittenlosigkeit geschildert . Sie betrachtet es als einen Hohn , einen Kavalier von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen . Sie hasst auch wohl im Sohn den Vater . Kurzum , Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen . « Ein Ausruf des Sekretärs protestirte dagegen . » Frauen , mein Lieber , wollen besonders behandelt sein , auch die ausgezeichnetsten . In ihren Vorurtheilen gegen Personen gehorchen sie dem Impulse . Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem , was sich schickt : Da fragt nur bei edlen Frauen nach ! Und sie hätte Recht . Schöne Seelen werden nicht durch Gründe , nur durch eine schöne Regung überwunden . Wenn er nicht darauf eingehen will , was ich ihm sagte , so ist es nichts . « » Es stände in Bovillards Willen ? « » Seine Braut ist die schöne Person , die neulich die Geschichte mit Ihrer Majestät hatte . Ich weiß es bestimmt , die Königin ist , wie hohe Personen sind , für das Mädchen enthusiasmirt ; wenn er den Vortheil benutzte - « - « Der Minister hielt inne ; nicht weil er die Röthe auf Walters Gesicht bemerkte , sondern weil er selbst etwas von Erröthen fühlte . Ein ernster Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen , weil leider keine Staatskunst ohne sie bestanden hat , aber schon der Schein ist gefährlich , daß er im Ernst sich in ihr Spiel verliert . Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch und schien von der Lektüre absorbirt , während Walter mit einem wehmüthigen Lächeln einer Erinnerung nachhing . * * * Der Vorfall , auf den der Freiherr angespielt , war eine bekannte Stadtgeschichte , die vor einigen Tagen sich ereignet . Wir müssen mit unsern Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen Ball thun , den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte . Die Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt und ein Dienstthuender mochte aus Unkenntniß eine mißverstandene Vorstellung gemacht haben , als sie im Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet : » Was sind Sie für eine Geborne ? « Die Baronin Eitelbach , welche neben Adelheid gestanden , wollte , erschrocken , dem jungen Mädchen zu Hülfe kommen , und hatte die historisch gewordene Antwort gegeben : » Ach , Ihre Majestät verzeihen , sie ist gar keine Geborne . « - Nur die Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten , was wie ein Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte . Ihre ganze Huld und Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen , um jene strafenden Worte zu sprechen , die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind , und nach verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten : » Ei , Frau Baronin , Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiß das junge Mädchen nicht kränken . Von Geburt sind wenigstens alle Menschen ohne Ausnahme gleich . Ist es auch ermunternd und erhebend , von Eltern und Vorfahren abzustammen , die sich durch Verdienst und Tugenden auszeichneten , und wer wollte den Werth nicht anerkennen und sich nicht selbst geehrt fühlen durch de Ehre , aus einer guten Familie zu sein ! Aber Gott Lob , das gilt für alle Stände gleich und aus den untersten sind die größten Wohlthäter des Menschengeschlechts hervorgegangen . Stand und Würde kann man erben , aber innere persönliche Würdigkeit , worauf am Ende doch Alles ankommt , muß Jeder sich selbst erwerben . Der Weg dahin ist die Selbstbeherrschung , und ich bin überzeugt , wenn ich in den Zügen des jungen Mädchens lese , daß ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat . - Ihnen , liebe Baronin , danke ich , daß Sie mir Gelegenheit gaben , den Anwesenden meine Meinung darüber zu sagen . Es ist die Meinung , welche auch im Herzen meines Gatten , des Königs , lebt . « Der strafende Blick der Königin , der leichthin über die Reihen flog , hatte sich in den huldvollsten verwandelt , als er Adelheid wieder traf . Sie wechselte einige Worte mit ihr , die nur die Wenigsten hörten , aber Beider Augen verriethen den Sinn . Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorüber geschwebt . Die Scene hatte sich im Augenblick verwandelt . Die moquanten Mienen von vorhin waren zu langen Gesichtern geworden . Das junge Mädchen war noch eben als ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden ; fast isolirt hatte sie neben der Eitelbach gesessen , kein Tänzer sich ihr genaht . Welche Urtheile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden ! Ach , selbst ihre Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen . - Ist das die ! hatten zwei Hofdamen sich erschreckt angeblickt , mit dem Versuch , über die Erinnerung zu erröthen , der indeß unter dem dicken Karmin erstickt war . Und nun , wie Nebel bei einem Sonnenblick , war Alles anders geworden . Woltmann berichtet von der Königin Luise , daß , wenn sie mit Häßlichen gesprochen , auch diese allmälig den Umstehenden schön gedünkt ; solchen Zauber strahlte die Fülle ihrer Anmuth aus . Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt . - Nein , wie schön sie ist ! hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern . Welcher Anstand ! - Es ist etwas Geborenes darin ! - Die Eitelbach war ohne Neid ; mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet . Sie lächelte die Dame an , die sich an ihren Arm hing : » Nein , liebste Baronin , was müssen Sie für eine Freude haben , einen solchen Engel zu bemuttern ! Aber sie ist auch der besten Obhut anvertraut . « - Damen und Herren ließen sich Adelheid vorstellen . Ihre Antworten entzückten . - Da , um das Glück vollständig zu machen , hatte sich auch der König ihr genähert . Auch er sprach gnädig ; freundlich sah er zum schönen Mädchen nieder , man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte ; viel von gehört haben - sehr freuen - einen braven Vater haben . - Auch die jüngeren Prinzen waren herangetreten , der König scherzte mit ihnen . Ein Scherz von den gewichtigsten Folgen . Bald durchflog die Säle die Neuigkeit : die Prinzen tanzen mit der Alltag . Sie war der Stern des Abends . Sie blieb der Gegenstand des Gespräches in den Equipagen , die nach Hause rollten . Ueber ihre Schönheit war nur eine Stimme . Nur etwas zu ernst ! Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon angehaucht . Welche naive , frappante Antworten sie gegeben ! Wie hatte sie den jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen ! Aber wie hatte der ältere Bruder , Prinz Louis , sich benommen ? - Eine solche spirituelle Schönheit musste doch auf den galantesten Ritter wirken . - Er war an ihr vorübergegangen . - Unmöglich ! hieß es ; aber Viele versicherten es . Der unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster ! Die Aussicht auf den Krieg schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber . - Aber nein , er war zurückgekehrt , er hatte mit ihr Worte gewechselt . Es klang unglaublich , was der Lauscher gehört . Er hatte sie wehmüthig angeblickt , wie Hamlet Ophelien : » Was wollen Sie in dieser Atmosphäre ? Die ist nur für kranke Seelen . « - Und sie , was hatte sie geantwortet ? » Gnädigster Herr , ich meinte , wer gesund ist , bringe Lebensluft in jede Atmosphäre mit . « - Unbegreiflich fanden es Viele - ein simples Bürgermädchen , die Tochter von dem alten Geheimrath Alltag ! Er wird wohl nun geadelt werden , meinten Einige . Andere schüttelten schlau den Kopf : Wer weiß denn , ob er ihr Vater ist ! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge , die an den vorigen König erinnerten . Drei Tage lang sprach man am Hofe , sieben in der Stadt , nur von der schönen Adelheid . Dann waren andere Gegenstände gekommen . Die Königin hatte sie nicht rufen lassen , die Königin hatte an Anderes zu denken . Die Fürstin mochte auch an Anderes denken , sie sagte nichts , aber wenn sie Adelheid sah , schien ihr lächelnder Blick zu sprechen : wenn eine Königin vergaß , uns rufen zu lassen , so wäre es an uns , sie anzurufen , damit sie sich unserer wieder erinnere . Zur Diplomatin ist sie nicht geboren . Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben , indem er mit der Schrift sich auf das Kanapé geworfen und mit dem Daumennagel Zeichen am Rande machte , als er auch das Papier sinken ließ . » Lesen Sie ! « sprach er . Walter nahm das Papier , welches Jener auf das Kanapé fallen lassen . Der Minister schüttelte mit dem Kopf . » Zuvor die Hauptpassus , die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben . Man muß sich diese erst vergegenwärtigen . Es wird nicht mehr Alles für heute passen . « Walter griff nach einem andern Heft und las : Bedrohte Selbstständigkeit - Unwille der Nation über den Verlust ihres alten , wohlerworbenen Ruhmes . Der Minister schüttelte den Kopf : » Dies bleibt nun weg . Wüster Lärm genug . « Walter las weiter : Affiliirung der Kabinetsregierung mit Haugwitz . An den Ministern haftet die Verantwortlichkeit für das , was sie nicht beschlossen , vor dem Publikum . » Oeffentliche Meinung ! « korrigirte der Minister . » Weiter . « Man schämt sich einer Stelle , deren Schatten man nur besitzt . » Habe ich das im April geschrieben ? « seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln . - » Illusionen ! Wenn sich Einige geschämt haben , jetzt haben sie sich anders besonnen . Das bleibt weg . « Walter fuhr fort : Das Ehrgefühl der Beamten wird unter einer solchen Regierung unterdrückt , ihr Pflichtgefühl abgestumpft . - Subalterne gehorchen nur noch halb , sie suchen ihr Heil bei den Götzen des Tages . » Das bleibt . Das hat gewirkt , es kann noch wirken . Für die Reputation ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre . Weiter ! « Der Monarch lebt in völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern . Von Allem , was geschieht , erhält er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinetsräthe . » Sie halten inne . Haben Sie da Bedenken ? « - » Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus der Sache lassen ? « » Wir leben nicht in England . - Wir leben in Preußen , wo der Monarch mit dem Volke identisch ist . Es scheint eine Anomalie , aber es ist eine Wahrheit . Wehe ihm und dem Volke , wenn es nur ein Schein werden könnte . Wo ein Fürst diese abnorme Stellung hat , wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper , muß er auch das vertragen können , was die anderen Glieder . Preußens König ist so wenig ein Kaiser Karl und König Artus , die als Pagoden dasitzen , drei Köpfe höher als ihre Tafelrunde , als er ein Fürst ist , dem die Konstitution ein glänzendes Altentheil angewiesen hat . Er ist nur der er ist , indem er eine Partikel seines Volkes ist . Exceptionell , ja , ja , durchaus exceptionell , aber so ist ' s. Wir dürfen ' s nie aus dem Auge lassen . Er muß empfinden wie wir - das Streicheln und die Schläge . Man muß ihn anfassen können , schütteln ein wenig , ein derbes Wort sagen . Verträgt er es nicht - doch weiter , weiter ! « - » Nun folgen die subjektiven Gründe . Wer hat dies unbedingte königliche Vertrauen ? Beyme und Lombard , von ihnen ganz abhängig Haugwitz . Jener - guter Jurist , ward übermüthig , absprechend , korrumpirt - Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit - gemeine Aufgeblasenheit seiner - « Der Minister wehte mit der Hand . » Die Frauen mögen jetzt fortbleiben . « » Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik : Physisch und moralisch gleich gelähmt und abgestumpft . Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei . Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt , frühzeitige Theilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches Gefühl erstickt . Soll das auch bleiben ? « - » Weiter ! « - In den unreinen und schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft , eines Roués , der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen , mit Spiel und Polissonnerien vergeudet , ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse , und in einer Periode , die in der neuern Staatengeschichte nicht ihres Gleichen findet . » Auch das ? « - » Ist ' s nicht wahr ? « - » Aber wozu der Vorwurf niederer Herkunft ? « - » Das verstehen Sie nicht . « Der Minister war aufgesprungen . » Brüstet er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit , daß er der Sohn eines Perrückenmachers ist ! Ein Skandal ! eine Verworfenheit ohne Gleichen . - Ja , wenn sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depravirt hätten , es stände anders . - Ihnen geschieht recht . - Laß sie an der Frucht ihrer Schuld nagen . « » Das folgende , persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft gesagt - « » Kann aber nicht oft genug wiederholt werden . « Walter las mit Zaudern : Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschrobenheiten oder Aeußerungen von Verderbtheiten . Sein Urtheil seicht und unkräftig , sein Betragen süßlich und geschmeidig . - Als Gelehrter Phantast - dann Mystiker aus Liederlichkeit - Geisterseher aus Mode - Herrenhuter aus Bequemlichkeit - verschwendet die dem Staate gehörige Zeit am Lhombretisch . Abgestumpfter Wollüstling , gebrandmarkt im Publikum mit dem Namen eines listigen Verräthers seiner täglichen Gesellschafter und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit . Walter hielt inne und blickte auf den Minister . » War ' s eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder ? « - » Ich frage mich nur , ob dieser persönliche Angriff nothwendig ist ? « - » Man muß Personen ändern , wenn man Maßregeln will , habe ich Ihnen diktirt . Man muß die Personen niederschlagen , daß sie das Aufstehen vergessen , wenn sie zur Vordertreppe hinabgeworfen , auf der Hintertreppe immer wiederkommen . Man muß sie zertreten , tödten , vernichten , wenn mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind . Schonung aus Mitleid wird Verbrechen . « » Wenn wir auf den Erfolg rechnen können ! Seine Majestät erwiderten auf das erste Memorial , worin Excellenz auf Aenderung des Kabinets drangen : Sie wünschten nur , daß man Ihnen Beweise der Verrätherei dieser Leute gäbe , so würden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen . Die Beweise - sagt wenigstens das Publikum - liegen seitdem zu Tage - und - « » Es bleibt Alles , wie es gewesen . - Und das , Herr , soll uns bestimmen , nicht unsere Pflicht zu thun ? Nicht zu rütteln an den faulen Aesten , so lange wir Mark in den Gliedern haben , nicht zu schreien , rufen , warnen , so lange wir Athem haben und man uns nicht den Mund verbindet . Wie ? « » Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrüstung . « - » Nein , Sie sollen sprechen , Ihre Meinung sagen , dazu sind Sie hier ; darum ließ ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein . - Sie meinen , auch diese Denkschrift wird ohne Wirkung bleiben ? « - » Man weiß , daß auch der alte General Blücher deshalb vergebens an den König geschrieben hat . « » Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm , Heinrich , Louis , Ferdinand , Rüchel und ich unterzeichnen . Damit keiner meiner Freunde mir vorwirft , daß sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist , wird Johannes Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten . Wenn solche Namen zusammenklingen , solche Männer die Arme verschlingen , solche Gründe ihm ins Ohr donnern , über welche Zaubermacht müssten diese Wichte gebieten , wenn er widerstehen kann . - Hier ist Müllers Konzept . Er schließt : Dieses Kabinet , welches nach und nach zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat , daß Jedermann weiß , was bei uns geschieht , geschehe nur und allein durch die drei oder vier Männer , hat , besonders in Staatssachen , alles und jedes Vertrauen längst eingebüßt . Ja , Majestät , die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und bestimmt von Bestechung . « » So wird er Ihnen entgegnen : Beweis ' t es ! Excellenz , dies eine Wort kann Alles verderben . Können wir , kann irgend Einer den Beweis führen ? Ja , die Hand aufs Herz , kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die Betheuerung aussprechen : ich bin fest überzeugt , daß französisches Geld in ihren Taschen klimpert ! Haben wir nicht vielmehr die moralische Ueberzeugung , daß sie mehr aus Indolenz , Eitelkeit , Dünkel , aus eigener Ueberhebung , aus Schlaffheit und Faulheit im Denken , sich gegen das Vaterland versündigen , als daß sie wirklich Verbrecher sind ! « Der Minister machte , die Hände auf dem Rücken , die Augen niederschlagend , wieder seine Zimmerpromenade : » Sie mögen Recht haben , Gott hat sie nicht in seinem Zorn erschaffen , nur in seinem Mißmuth : daß , zu unserer Beschämung , auch solches Gewürm herum kriechen muß . « - » Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch aufrecht gehen , und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen , sie müssen sehen , was vor ihnen ist . In Augenblicken , wo sie aus ihrem wüsten Taumel erwachen , müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken . « - » Was kümmert dies Gesindel die Nachwelt ! Den Bauch vollgeschlagen , die Taschen gefüllt , so weit es die Honettität erlaubt , das heißt die Rücksicht vor den Leuten , mit denen sie mal Lhombre spielen können , und nach ihnen die Sündfluth ! « - » Das Gefühl für Schimpf und Schande - « » Prallt von den bunten Blechschilden ab , vorausgesetzt , daß sie mit Gehalt , Pensionen , Güterschenkungen gefüttert sind . « - » Excellenz , Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg , Lucchesini erklärt laut und offen , es ginge nicht anders , Haugwitz lässt den Kopf hängen - « » Weil sie sich vor ' m Pöbel fürchten . « - » Kann der Strahl nicht auch in Ihnen gezündet haben ? « » Noch ein Optimist ! Da walte Gott . Pack sie am Kragen und schmeiß sie zur Thür hinaus , so kommen sie zur Hinterthür wieder hereingetänzelt und fragen mit einem süßen Händedruck , es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen ? Wirf ihnen einen Schurken ins Gesicht , so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz . Was ist ein Fußtritt in einen Plunderhaufen ! Sie wollen Minister bleiben , Geheimräthe , weiter nichts , und sie haben Recht . Was wären sie , wenn sie es nicht sind ! « » Und wenn denn doch eine innere Röthe der Scham - « » Wenn die einmal herauskommt , treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit sich wie der Pharisäer . Werfen sich in die Brust , denn was sie vor sich sehen , ist ja ein treuer Diener ihres Königs . Das ist der rechte bequeme Bettelmantel für diese Menschen . Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht , was sie vor Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können , haben sie es nur als treue Diener ihres Herrn gethan . Alles für ihren König ! Mag Land und Volk darüber untergehen , wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft salvirt sind . Scham in diesen Lakaienseelen ! Die sich nicht schämen , ihre eigenen Fehler und Sünden Dem aufzupacken , als dessen Götzendiener sie sich anstellen ! Der , den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen , als Kratzbürste zu brauchen , an der ihr Schmutz kleben bleibt ! - O dies Gezücht schämt sich auch nicht , wenn es umschlägt , die Achseln zu zucken und mit den Augen zu zwinkern : Er wollte ja nicht anders , wir konnten nichts thun ! Wer seine eigene Menschenwürde opfert , dem ist nichts heilig , er opfert Alles , zuletzt den Götzen selbst , wenn ein