Muth fehlte ; was wissen Sie von Lasally ? Vögelchen , liebt die Justizräthin die graue Farbe ? sagte Hackert mit unheimlicher gemäßigter Stimme . Die Ohren eines Esels liebkosen kann nur Die , der Grau ihre Leibfarbe ist . Aber die Katzen können sie Alle nicht leiden . Laß sie nur ! Laß die Justizräthin ! Sorgt Euch nicht , die Mäuse nehmen überhand , aber noch fressen sie Euch nicht ! Tanzen wollen sie ! Lachen ! Fidelbogen streicht den Kummer weg ! Wer geht mit auf den Fortunaball und läßt seine Mäuse im Kopf tanzen ? Diese Worte wurden so gesprochen , als wüßte Hackert nicht mehr , wer zugegen war . Er suchte im Zimmer und sah sich die drei gegenwärtigen Personen wie Fremde an . Hackert , ich weiß sehr wohl , sagte Bartusch jetzt ängstlicher zurückweichend , während ihm Hackert fast dicht in die Augen sah , Hackert , ich weiß sehr wohl , daß Sie kleinmüthig im Unglück sind . Ihr Jubel ist nicht der der Verzweiflung - was murmeln Sie da so ! Sie wollen uns nur schrecken ! Nein , du schwärmerisches Einmaleins ! rief Hackert laut lachend , als hätte er durch seine sonderbaren Geberden wirklich den grauen Aktuar nur ängstigen wollen . Es ist keine Verzweiflung . Es ist Glück . Meine Herren ! Sie kennen diesen meinen väterlichen Freund noch gar nicht . Sehen Sie , mein Haar ist roth , aber echt . Dem seines ist schwarz , aber ... Er griff nach Bartusch ' s Perücke . Hackert ! rief Bartusch und hielt seine Perücke fest . Dankmar schleuderte Hackerten mit den Worten zurück : Machen Sie ein Ende mit Herrn Bartusch ... Sie sehen , der Mann meint es besser mit Ihnen , als Sie ' s verdienen ... Prinz ! antwortete Hackert bedeutsam , stemmte die Arme ein und stellte sich vor ihn ; moralisiren Sie nicht ! Kommen Sie mit auf den Fortunaball , Durchlaucht ! Die Clarinette soll klingen . Zum Teufel mit Euern Pferdegerippen ! Was haltet Ihr mir vor , daß Menschen wahnsinnig sein können ? Soll ich um nickende und wiehernde Pferdegerippe kummervolle Nächte haben und nicht mehr fühlen , was eine weiche Hand , eine volle Brust , ein Mund wie der der Göttinnen auf ein armes zerrissenes Herz für Balsam träufeln kann ? Bartusch , stecken Sie Ihre funfzig Thaler ein oder ich mache heute Fidibus für meine Cigarre daraus . Lasally klagt nicht . Das ist abgemacht . Ich habe bessere Verbindungen als Sie Alle . Und nun Guten Abend , meine Herren ! Die funfzig Thaler , Bartusch ! Sagen Sie ja dem Alten , daß ich sie nicht genommen hätte ! Hören Sie , daß Sie mir keine falschen Quittungen schreiben ! Sie verstehen Das ! Sie sind heute toll und Ihr Elend wird im Narrenhaus enden ! antwortete Bartusch verbissen und schickte sich an zum Gehen . Leucht ' ihm , Hausdrache ! fuhr Hackert fort , indem er die Thür öffnete . Haltet den Strick fest , daß er ihm nicht um den Hals geht ! Paßt auf Nr. 17 , Frau Mullrich ! Daß er nicht von Ungefähr hineintappt in die Maler-Guste ! Wer noch Miethe schuldig ist , heraus , ihr Lämmer , der Miethswolf ist da ! Zahlt ! Zahlt ! Aber schlagt ihn nicht todt ! Großes Ungeziefer muß da sein , um das kleine zu vertilgen ! Schlaft nicht , Frau Mullrich . Wir müssen heute noch hinaus auf den Fortunaball ... So wollen wir Sie nicht stören , fiel Dankmar ein , flehentlich gezerrt von Bartusch , der nun ging und sich fürchtete , allein zu gehen ... Sie brechen sich den Hals , bleiben Sie , rief Hackert und hielt Dankmar zurück , ich führe Sie nachher - Ich bitte , ich flehe , meine Herren , kommen Sie jetzt mit mir ! winselte Bartusch . Wir regen das ganze Haus auf ... Hackert hielt aber Siegberten zurück . Maler ! Noch ein Wort ! Sie bleiben , meine Herren ! Es war jetzt den Brüdern fast , als hätte Hackert nur vor Bartusch Komödie gespielt und als wollte er ihnen nun erst sein wahres Gesicht allein zeigen ... Meine Herren , es ist elf Uhr ! Kommen Sie ! flehte Bartusch dringender . Frau Mullrich gedachte ihres Gatten , den sie wecken mußte . Sie gedachte der späten Ankömmlinge , die möglicherweise vor dem Hause standen und Einlaß begehrten und dann auf einmal eindrangen . Es entgingen ihr zuviel Pfennige durch längeres Warten . Da es im Hause wirklich stiller geworden war , zog sie Bartuschen mit den Worten : Haben Sie doch keine Bange , Herr Bartusch ! an die Treppe und gab ihm den Strick in die Hand und leuchtete ihm mit der Laterne an die Füße , um ihm die erste Stufe zu zeigen ... Bartusch ging schleichend , auf den Zehenspitzen , von dannen , immer noch in der Hoffnung , die Herren würden folgen . Sie wollen wirklich noch so spät auf den verrufenen Fortunaball gehen ? begann jetzt Siegbert , der sich mit Betrübniß auch in die Stimmung der sicher lauschenden Louise Eisold versetzte und jetzt , da sie allein waren , von Hackert ein Abwerfen seiner Maske erwartete . Meine Herren , sagte Hackert und warf sich erschöpft aufs Sopha , während die Gebrüder Wildungen gespannt erwarteten , was er nun für eine Miene zeigen würde . Meine Herren , es stecken zwei Menschen in mir , ein Bettler und ein König . Sie kennen nun den Bettler ! Kommen Sie mit auf den Fortunaball . Sie sollen den König kennen lernen . Wir gestehen Ihnen Beide , sagte Dankmar , daß uns Ihre Bettlerstimmung von heute früh mehr Vertrauen abgewann . Ich brachte den Bruder mit , weil ich glaubte , Sie würden in der warmen Hingebung , die Sie mir heute zeigten , unser Vertrauen zu würdigen wissen und die Hand , die wir Ihnen schon oft darboten , nicht so übermüthig von sich stoßen ! Sagen Sie mir Das morgen , erwiderte Hackert , und ich weine vielleicht wie ein Kind . Morgen hängen mir vielleicht die Flügel matt und schlaff . Ich jammere um meine Zukunft , ich geize und laure auf Erwerb , ich bin ein Hund , den man mit Füßen treten kann , Notabene morgen ! Heute bin ich berauscht - nicht von Wein ! Ich trinke wenig Wein ; nein vom Glück . Jubeln , jauchzen , lachen möcht ' ich , weil ich einen Becher wieder an meinen Lippen fühlte mit dem köstlichsten Rebenblute des Glücks . Glück macht mich toll . Sie nicht ? Wir bemitleiden Sie ! sagte Dankmar und wollte gehen . O Ihr habt mich gut bemitleiden ! antwortete Hackert . Euch sang eine Mutter an der Wiege und geregelt gingt Ihr Euren Lebensweg . Wenn ich Dem nachdenken wollte , raucht ' ich keine Cigarre , dann läg ' ich hier zusammengekrümmt auf dem Sopha und ächzte und würde reif , betteln zu gehen , wie neulich in Tempelheide , als ich im Korne lag . Dann geht mir einmal wieder die Pforte des Paradieses auf und ich klirre mit meinen Ketten , verlache meinen Jammer , tummle mich wie ein Mensch und fühle mich dem Stärksten gleich . Ich kann Ihnen heute Nichts von meinem Leben vorwinseln ; die nächste Gefahr ist vorüber . Lasally wird schweigen und mein Blut ist in Wallung . Kommen Sie mit oder lassen Sie mich allein , bis Sie mich einmal todt oder so lebend wieder sehen , daß Ihre Theilnahme für mich nicht von der Übereinstimmung mit Ihrem eigenen Herzen abhängt . Während dieser Worte war Hackert aufgestanden und hatte sich unter dem Vorhang am Kleiderriegel einen Frack , eine Weste , einen Hut hervorgeholt und zog alle diese Gegenstände ohne Rücksicht auf seinen Besuch rasch und wie elektrisirt an . Karl ! schläfst du schon ? rief er dann an die Nebenthür . Eine feine Frauenstimme fragte mit leidendem Tone : Was wünschen Sie , Herr Hackert ? Ich lasse das Licht brennen , Fräulein ! Löschen Sie es aus . Gute Nacht ! Die Brüder sahen sich an und schüttelten den Kopf . Sie wandten sich zum Gehen , ohne noch ein Wort zu sprechen . Dieser ungeregelten Natur fühlten sie sich zu sehr entfremdet ... Hackert folgte . Als er aus seiner Thür Nr. 86 trat , kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden Zimmer Herr Schmelzing hervorgeschossen und leuchtete . Schläfst du noch nicht , altes Tintenfaß ? sagte Hackert und ging voran , um den Weg zu zeigen . Bei so lebendiger Conversation ! hustete Schmelzing höflich und schwänzelnd . Die du hoffentlich nicht stenographirt hast ? antwortete Hackert herabsteigend . Geh ! Geh ! Ich kenne den Weg . Mach ' daß du deine Rollen fertig schreibst für die Hoftragödie ! Vergiß die Stichwörter nicht ! Nimm immer sechs Worte statt drei zum Stichwort , damit du viel Bogen zusammenbringst und die Schauspieler besser lernen ! Verwelsche die Fremdwörter nicht ! Sei nicht gelehrter als die Dichter und verbessere nicht ihre Verse ! Hörst du ? Schmelzing , ganz frappirt von Hackert ' s elegantem Aufzug , wünschte den Herren eine höfliche gute Nacht . Die Brüder kletterten in der Dunkelheit den Weg nach , den ihnen der plötzlich wie verwandelte ehemalige Schreiber des Justizraths Schlurck angab . Nach langem Tasten , manchem Anrennen an Geräthschaften , die dem Wege in den Höfen zu nahe lagen , kamen sie an die Thür , die auf die Brandgasse führte . Hier klopfte Hackert stark und trommelte , sich niederbückend , an das Fenster der Vizewirthin . Schon aber kam Frau Mullrich mit dem großen Hausschlüssel . Aber noch ehe sie aufschloß , sagte sie mit einer schlauen Verbeugung : Macht drei Pfennige ! Siegbert gab , was er in der Eile griff . Frau Mullrich schloß nun erst auf und die Männer traten auf die Straße ... Ob sie ihrer drei zusammenbleiben werden ? ... Wie Frau Mullrich wieder die große schwere Thür zuwarf , trat Bartusch hinter der Thür hervor , die aus ihrem Keller auf die Hausflur führte . Es ist mir unbegreiflich , was mit dem Taugenichts vor sich gegangen ist ! sagte er . Er geht auf den Fortunaball ! Wie schade , Herr Bartusch , antwortete die Mullrich , daß Sie nun selbst nicht hin können ! Sie wollten doch da die Maler-Guste finden . Reden Sie auch solche Sachen ? sagte Bartusch , der gründlich ärgerlich schien , daß sich während seiner Hohenberger Abwesenheit in der Brandgasse Nr. 9 so viel verändert hatte . Und doch ist sie gewiß dort , sagte die Mullrich , Alles rennt ja hin - schon Sechs hab ' ich heute aus unserer hiesigen Armuth allein hinausgelassen - mein Mann muß um zwölf auch hinaus und wenn Sie nicht - Lassen Sie mich durch Ihren Mann wissen , ob Nr. 17 dort zu finden war . Verlassen Sie sich darauf ! Aber , wie blaß sehen Sie aus ! Der Ärger mit diesem bösen Schlingel ! Sagen Sie mir nur - was hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurck ' s für eine Greuelthat mit - Gute Nacht , Frau Mullrich ! war die seufzende Antwort . Bartusch schnitt jedes weitere Forschen der Frau Mullrich ab , die heute so viel erlebt , so viel gehört und beobachtet hatte , daß sie eines sehr weitläuftigen Commentars bedurft hätte , um trotz ihres Scharfsinns sich alle geheimen Verbindungsfäden dieser Thatsachen zusammenzustricken . Eben war Bartusch verdrüßlich und sogar ohne Trinkgeld auf die Straße getreten und noch glaubte Frau Mullrich seinen Tritt draußen schallen zu hören , als sie von der eben geschlossenen Thür sich entfernend durch eine weibliche zarte Hand aufgehalten wurde ... Frau Mullrich war im Finstern . Denn bei dem Zufallen der Thür war ihr durch den Zugwind die Lampe ausgegangen ... Ei , wer ist - fragte sie erschrocken . Machen Sie auf ! wisperte es . Wer ? Wer ist da ? Machen sie auf ! Ach , wohl , Nr. 46 , Fräulein Klapperfuß ? Da ! da ! Machen Sie auf ! Frau Mullrich fühlte einen Groschen in der Hand . Auch auf den Fortunaball ? Aha ! Aha ! Nr. 35 ? Nicht wahr ? Madame Hannemann ? Schläft denn auch Ihr Mann fest genug ? Hi ! Hi ! Ei so lassen Sie doch sehen ! Da ist ja der Groschen ! Machen Sie nur auf ! Ich will doch erst die Lampe - So enden Sie doch ! Nun ! Nun ! Nun ! Wie hastig ! Sie wollen den ersten Walzer nicht versäumen ! Sa , Sa , ein Walzer ! Wenn der hübsche Feldwebel wartet - nicht wahr , Madame Drucker ! Um vier kommen Sie doch wieder ? Nicht wahr , Madame Schlimpanzer ? Ihr Männchen steht ja wol schon um fünf Uhr auf . Verspäten Sie sich nicht , wenn er ' s nicht weiß , Madame Trübensee ! Er frug mich neulich nach dem Feldwebel - Indem ging doch die Thür auf ... Eine verhüllte Gestalt huschte hinaus . Um den Hut hatte sie , um ihn wahrscheinlich unkenntlich zu machen , ein Tuch gebunden . Aber den Mantel ! Der Mantel verrieth sie ! Frau Mullrich kannte alle Mäntel des Vorderhauses und der drei Hinterhöfe . Ist ' s die Möglichkeit ? Mamsell Nr. 87 ! rief sie . Und in der unerschütterlichen , durch den karrirten Mantel über alle Zweifel sichern Gewißheit , daß Louise Eisold nur den beiden jungen Herren folgen könne , kroch sie boshaft lachend und den Kopf schüttelnd , in ihre Kellerhöhle zurück , zündete die Lampe wieder an , leuchtete nach der Uhr und bemerkte , daß es die höchste Zeit war , nun ihren Gatten zur Erfüllung seiner polizeilichen Pflichten zu wecken . Auf den Anruf : Männchen , du mußt ja auf den Fortunaball ! raffte sich dieser aus seinen süßesten Träumen empor , zog sich verschlafen , fast taumelnd die beste seiner Staatslivreen an und hörte dabei nur halb , was ihm seine holde Gemahlin über die mannichfaltigen denkwürdigen Vorfallenheiten dieses Abends erzählte . Achtes Capitel Der Fortunaball Nachdem sich die Brüder Wildungen vor der Thür der Brandgasse Nr. 9 von Hackert kurz und kalt getrennt hatten und sie in einer andern Richtung den Weg nach ihrer Wohnung einschlugen , begann Dankmar sein Bedauern auszusprechen , daß dieser Abend so ganz anders enden mußte , als er ihn sich vorgestellt hatte . Welche Vorwürfe mach ' ich mir , sagte er , in dir wieder das Interesse für diesen deinen » Proletarier « geweckt zu haben ! Gibt es einen erbärmlicheren , jämmerlicheren Gesellen ! Und um eine solche verwahrloste , unsittliche , tollgewordene Natur führ ' ich dich in diese Höhlen des Jammers und zeige dir , daß hier nicht blos Elend , sondern auch Lüge , Verstellung , Geiz , Schlemmerei , Nichtswürdigkeit und jedes Laster wohnt , wie wir es nur bei den Reichen und Gebildeten vorauszusetzen gewohnt sind . Siegbert fühlte , daß ihm Dankmar seine Abneigung gegen die sogenannte » soziale Frage « zu verstehen geben wollte ... Das Bild des armen Mädchens mit ihren Geschwistern war aber doch rein und ungetrübt ! sagte er , um sich des Dranges , dem Bruder beistimmen zu müssen , einigermaßen zu erwehren . Ich weiß nicht , antwortete Dankmar . Auch diese Farben werden mir vor den Augen grau . Wir gingen gewiß nicht ohne Grund von der Voraussetzung aus , daß Louise für diesen Miethsbewohner ein warmes , menschliches Interesse hegt und wenn sie an einer solchen bizarren , krampfhaften und lieblosen Persönlichkeit Gefallen findet , so vermiss ' ich dabei Alles , was mir diese Empfindung achtbar und ehrenwerth erscheinen läßt . Wir gingen vielleicht schon darin zu weit , eine solche Beziehung vorauszusetzen , sagte Siegbert . Von Hackert ' s Seite schien irgend eine Rücksicht auf seine Nachbarin gar nicht angenommen zu werden , und es war mehr sein Übermuth und seine Spottlust , daß er der Verdächtigung des Mädchens durch den alten hämisch schleichenden Bartusch , wie du ihn nennst , die Strafe auferlegte , uns in seinem Zimmer zu finden . Auch hatte ihm dieser eine Mittheilung im Vertrauen zu machen , wodurch mir seine Herbeiführung des Alten in ganz anderm Lichte erscheint , als wenn ich annehmen müßte , er hätte für die Ehre seiner Nachbarin eintreten wollen . Bei alledem bin ich erstaunt , sagte Dankmar , indem sie die Brandgasse verließen , wie Hackert Lasally ' s so gewiß sein kann ! Wer hat ihm die Versicherung gegeben , daß keine Anklage stattfinden wird ? Noch vor wenig Stunden fand ich jenen Mann auf ' s Äußerste erbittert . Wenn du eingestehst , daß hier etwas räthselhaft ist , bemerkte Siegbert , so möcht ' ich noch , um den fatalen Eindruck der eben erlebten Scene zu mildern , hinzufügen , daß sie uns doch wol nur als eine neue Bestätigung der Wahrheit dienen kann , wie im Grunde jeder Mensch nach seinem eignen Standpunkte beurtheilt werden muß . Wir haben uns über diesen Hackert in so vielerlei , theilweise sich sogar widersprechende Empfindungen hineinraisonnirt , daß wir gleichsam mit Gewalt verlangen , sein Charakter müsse nun auch allen Voraussetzungen , die wir von ihm haben , entsprechen . Wir dachten uns nach den Prämissen des Vormittags am Abend eine rührende Scene . Ein unglücklicher Nachtwandler , in Gefahr , für eine böse , rachsüchtige Handlung , die er längst zu bereuen scheint , bestraft zu werden , wird uns seine Geschichte erzählen . Man ist auf diesen Empfang vorbereitet .. Da stehen Tassen und siedendes Theewasser , ich esse schon im voraus den für diese gemüthliche Scene bestimmten Braten und nun kommt der Hauptheld , ein völlig anderer , alle unsere Ideen durch den tollsten Rückfall in eine uns nicht homogene Natur durchkreuzend ! An wem liegt da mehr die Schuld ? An unserer Kurzsichtigkeit oder an dem wunderlichen Charakter , dessen rechten Schwerpunkt , dessen eigentlichen Schlüssel wir noch nicht entdeckt haben ? Dein milder Sinn ist auf dem bestem Wege , sich diesem Taugenichts unterzuordnen , sagte Dankmar . Dieser Hallunk weiß , daß wir die Absicht hatten , zu ihm zu kommen und benimmt sich wie ein Gentleman , der sich nicht einmal entschuldigt , wenn Andere auf ihn warten - Der Thee und der Braten waren leider nur eine Idee des Mädchens - Gut ! sagte Dankmar . Ich werfe den Unglücklichen zu jenen immer nur als halbfertig erscheinenden Menschen , die im Unglück feige winseln und im Glücke sich hochfahrend übernehmen . Es fehlt ihm die Herrschaft des Geistes über sich selbst . Es ist der Mensch des thierischen Instinktes . Und ist Hackert nicht eigentlich der Ausdruck des Volkes selbst ? Jammervoll genug , daß man eingestehen muß , wir malen uns den Charakter der Massen ganz anders , als sie sind ! Nimm den Bauer ; wie tückisch , wie hämisch , wie kurzsichtig , wie verschlagen ! Nimm die halbe Bildung ; wie eitel , wie prahlerisch , wie lügnerisch , wie falsch ! Wir pinseln uns etwas vor vom Volke . Es ist nicht so , wie es die Touristen und Genremaler geben wollen . Die treueste Magd , die ganz Liebe und Hingebung für ihre Herrschaft scheint , pruhstet wie eine Katze auf , wenn ihr » Weihnachten « zu gering ausfällt . Egoismus regiert Alle und ich stelle mir eigentlich als Politiker die Aufgabe , Hackerten für das schwankende , unreife , halbfertige , oft großartige , dann wieder kleinliche , bald herausfordernde , bald feige , bald rührende , bald abstoßende , bald poetische , bald prosaische , nachtwandelnde , ahnungsvolle und am Tage geistig verschlafene Volk zu nehmen und mir zu sagen : Wie bändigt man das ? Wie bessert man das ? Doch sprechen wir nicht mehr von ihm . Die Brüder waren eben im Begriff , am Schlurck ' schen Hause vorüber zu gehen , an dem man Alles still und dunkel sah mit Ausnahme eines einzigen kleinen Fensters im dritten Stock ... Es war vielleicht Melanie ' s Schlafzimmer ... Und wenn sie sich täuschten - eher mochte es das Zimmer Bartusch ' s sein , wo auf dessen Rückkehr eine brennende Lampe wartete - sie blieben doch einige Augenblicke voll Wehmuth stehen und gedachten aller Täuschungen ihres heute so mannichfach geprüften Herzens ... Dann gingen sie seufzend weiter . Bei alledem , sagte Dankmar nach einer Weile , während sie die schon leeren Straßen durchschritten , ist es mir lieb , von diesem Graurock die Bestätigung jener Angabe über meinen Schrein zu hören , die ich dem Prinzen Egon verdanke - Morgen in aller Frühe geh ' ich - doch ich rede von Dingen , die ich dir nun mittheilen sollte , wüßte ich nur an der rechten Stelle anzufangen - Bleib bei dem Prinzen Egon , sagte Siegbert . Denn auch ich habe eine Beziehung zu ihm . Sie betrifft das Bild , das du mir zu sorgsamerer Obhut empfohlen hast ... Das Bild - und du ? antwortete Dankmar erstaunt . Während die Brüder über die stillen Straßen gingen , erzählte Siegbert seine Berührung mit Rudhard , dessen Anliegen und eigenthümliche Ansprüche auf jenes Bild , über das sich Siegbert hütete nach seinen eignen Entdeckungen zu sprechen . Denn da ihm doch daran lag , seinem innern Triebe zu folgen und die Übergabe des Bildes an Egon ' s Lehrer und Erzieher wirklich zu vermitteln , so nahm er sich wohl in Acht , seinen in solchen Fragen nicht wie er besonders bedenklichen Bruder darauf aufmerksam zu machen , daß er das Geheimniß wirklich entdeckt , ja sogar Enthüllungen über ihre eigene Familie gefunden hätte . Verräthst du davon etwas , dachte er , so wird Dankmar Anstand nehmen , durch freiwilliges Herausgeben Das wieder gut zu machen , was Rudhard in seinen Ansprüchen auf jene Prüfung und Mitwissenschaft eigentlich doch wol verscherzt hat . Vor dem Egon ' schen Palais stand ein kleiner Einspänner . Dankmar noch ganz erfüllt von der sonderbaren Wendung , die das Schicksal jenes Bildes plötzlich nehmen sollte , fragte den Kutscher , ob er nichts von dem Befinden des jungen Prinzen melden könnte . Dieser gab die kurze Antwort , er stünde hier nur , um zwei Damen auf den Fortunaball zu fahren ... Der Blick auf die Wäsämskoi ' sche Familie , auf die Ankunft der d ' Azimont , Alles , was Siegbert über Rudhard , über Anna von Harder erzählen konnte , regte Dankmarn so auf , daß er statt heiter eher verdrüßlich wurde . Welche Last , rief er halb scherzhaft , halb wirklich unwillig aus , welches Bleigewicht bindet uns das Schicksal an die Füße und hindert uns im eigenen Gehen ! Ich wüßte nur zwei Dinge , die mich wahrhaft erfreuen und beschäftigen sollten , meine Angeroder Papiere zurückzufordern und jenen Amerikaner und seinen Knaben aufzusuchen , die , ich weiß es , an mir das wärmste Interesse nehmen und von allen diesen Vorsätzen , die meinem Herzen am nächsten liegen , ziehen mich die starken Seile immer neuer Verwickelungen ab ! Wie froh bin ich , daß ich in vergangener Nacht so eisern geschlafen habe ! Denn die Aussicht , morgen jenen Rudhard zu begrüßen , von dem ich des Guten soviel erfuhr , ihm getrost jenes Bild zu überlassen , an das sich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mögliche Wiedersehen des unstreitig ächten aber mit den fabelhaftesten Räthseln umsponnenen Prinzen knüpfen wird , das Alles läßt mir keine Ruhe und ich sehe , ich werde mich unschlüssig und innerlichst gepeinigt auf dem Lager hin- und herwerfen . Wie verwünsch ' ich diesen Hackert ! Wie ein Irrlicht hat er mich heute von meinem vorgezeichneten Wege verlockt , und wenn ich ihm auch verdanke , daß ich über die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt - Sei still , Bruder ! unterbrach ihn Siegbert scherzend . Aus dem einen Irrlicht werden hundert ! Ich glaube nicht , daß wir dem bunten Schimmer da unten in der neuen Feldstraße werden ausweichen können . Sieh nur , wie die Menschen dort hinströmen und die Wagen fahren ! Das ist die Fortuna , bunt erleuchtet mit chinesischen Ballons ! Ich erlebe , daß wir mit in den Strudel gerathen , uns am Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianische Maskenfest , wie es an allen Straßenecken angekündigt ist , auf eine Viertelstunde näher mit in Augenschein nehmen . Dankmar konnte in der That nicht umhin , den verlockenden Reiz dieses bunten nächtlichen Prospektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldstraße anzuerkennen ... Diese vergnügungssüchtige Bevölkerung ! schmähte er . Sie werfen den Sommer in den Winter und den Winter in den Sommer ! Die Politik hatte alle Meinungen gespalten und ein erfinderischer Unternehmer weiß sie alle wieder um bunte Lampen und die Polkaklänge der Blechmusik zu versammeln . Pfui ! Sieh diese kichernden Mädchen , die ihre Larven in den Händen tragen ! Wollt Ihr auch auf der Kugel der Fortuna tanzen , Ihr Schmetterlinge ! Der Tanz auf einer Kugel ist schwer - Immer rund - rund - rund ! antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend » Nähterinnen « , die ihre luftigen Röcke höher gebunden hatten , damit sie nicht den Staub der Straße fegten ... Der Umweg zu unserer Frau Schievelbein , die seit einiger Zeit mein Schwärmen gewohnt ist , sagte Siegbert , wird nicht zu groß sein . Sehen wir wenigstens einmal von außen diesen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz , so schüttest du vielleicht endlich dein Herz aus und erzählst mir die Hohenberger Reise ! Die Brüder lenkten seitwärts in die neue Feldgasse ein , die sich fast unabsehbar in die Länge zog und am äußersten Ende , dicht beim Thore schon , die besuchtesten Vergnügungsörter der Stadt enthielt . Die Fortuna war das neueste und größte Etablissement dieser Art. Der Schein-Besitzer desselben , ein bankrotter Kaufmann , war ein anschlägiger Kopf , der den Charakter der genußsüchtigen Bevölkerung zu treffen wußte und mit bunten Straßenplacaten und den wunderlichsten Namen für seine Festivitäten die Vergnügungslust immer in Athem erhielt . Seine neue Anlage , die Fortuna , war nach englischem Muster gebaut . Hier fanden sich Gärten und Säle , Galerieen , Logen , von denen man in die Säle hinabblickte , Tunnels , Schaukeln , Carrousels , Rutschberge , kurz eine ganze kleine Welt , die , so lange kein anderes Etablissement dieses neue verdrängte , in der Vogue war . Das für heute angesagte große venetianische Maskenfest im Freien fand trotz der allgemeinen Klage über die bedrängten Zeiten und die Unsicherheit der Zustände den lebhaftesten Zuspruch . Eine Menge von Wagen standen vor dem Eingang , den helle Gasflammen magisch erleuchteten . Die goldene Kugel , die auf der Fortuna über dem Eingange schwebte , schimmerte im blendendsten Lichte . Von etwa aussteigenden Charaktermasken war keine Rede . Ein Jeder kam in seiner üblichen Toilette . Nur die Spekulation des Wirthes verband mit dem niedrigen Eintrittspreise noch die Nothwendigkeit , daß sich Jeder eine Maske kaufen mußte . Bis zwölf Uhr sollte Jeder maskirt sein , worauf jedoch nur an der zweiten Einlaßthür festbestanden wurde . Jeder Unmaskirte mußte zurück oder sich mindestens eine Wange oder eine Nase kaufen . Der Polizei war mit dieser Verordnung wie überhaupt mit den Fortunabällen sehr gedient . Sie lockte alle Gauner aus ihren Spelunken . Da sie maskirt kommen durften , blieben die , die ihr Signalement fürchteten , nicht zurück . Wenn die Vergnügungslust nicht schon von selbst die Fallen aufstellte , wo die meisten Verdächtigen gefangen wurden , sie hätten müssen vom Staate im Interesse der öffentlichen Sicherheit aufgestellt werden . Ohne die Unmoralität soll leider die Moral nicht bestehen können . Das Gewirre der Wägen vor der Pforte , das Geschwirre der luftigen Vögel , die unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Gärten einzogen , das Schreien der Jungen , die die Wägen öffneten , die schmetternden Trompeten und die Paukenwirbel der Ballmusik , alles Das gab so sehr ein den Begriff der Nacht und das Bedürfniß nächtlicher Ruhe verscheuchendes Durcheinander , daß die Brüder fast willenlos mit in die allgemeine Strömung geriethen und an der Kasse ein Billet , in der Garderobe zwei Stirnen und Nasen mit großen schwarzen Schnurrbärten kauften und beschlossen , sich einen stillen Gartenplatz zu suchen . Der Frack war hier keine Nothwendigkeit und die Glacéehandschuhe mußten schon der drückenden Hitze weichen . Ah bah ! Holen wir unser Grün ' sches Diner nach ! sagte Dankmar heiter erregt . Was plagen wir uns ! Vive la bagatelle ! Ich erzähle dir meine Hohenberger Abenteuer . Siegbert dagegen fühlte sich in dem Menschenstrom beengt und lächelte etwas zaghaft , was ihm , wie Dankmar ihm sehr glaubwürdig versicherte , unter der gewaltigen Nase mit den schwarzen Pferdehaaren philisterhaft komisch stand . Eine so neue Gartenanlage konnte natürlich nur sehr dürftig sein . Die Beete boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras . Wo die Bäume hätten schatten sollen , waren leinene Zeltdächer aufgespannt . Aber die schimmernden , grünen , rothen , gelben Ballons gaben aller Dürftigkeit ein freundlicheres Ansehen . Eine Grotte von Blumen , berieselt von einem Wasserfall und erleuchtet von einer großen Sonne aus einigen hundert Lampen , machte in der That einen grandiosen Effekt und verdiente das Staunen , das sich auf den Rembrandtisch erleuchteten Gesichtern , die herumstanden , rings zu erkennen gab . Rechts und links führte der Garten in dunklere Partien ,