. « Die Versammlung verließ die prunkende Wohnung des Reichthums , um in der Armuth Hütte einzukehren und dem Tode des greisen Spinners beizuwohnen . Neuntes Kapitel . Das Ende des Gerechten . Schon in einiger Entfernung von der ärmlichen Hütte vernahm man den gedämpften Gesang eines Kirchenliedes . Die Stimmen waren nicht grade sehr rein und angenehm , kamen aber aus bewegten Herzen und ergriffen deshalb die Hörer . Der Gesang klang feierlich und erhebend zugleich in der dämmernden Abendstille , die sich über See und Haide bereits auszubreiten begann . Beim Eintritt unserer Freunde gewahrten sie einige Nachbarn , die auf den Knieen lagen und mit thränenfeuchten Augen das alte Kirchenlied : » O Haupt voll Blut und Wunden etc. « andächtig absangen . Traugott hatte noch einmal vor seinem Hingange die kräftigen Worte dieses vortrefflichen , geistesstarken Liedes zu vernehmen gewünscht . Von Lore gestützt , saß er auf dem Lager hinter dem Ofen , hielt die abgemagerten Hände über der Brust gefaltet und sprach , die gläubigen Augen heiter zum Himmel gerichtet , für sich das Lied in stillem Gebet nach . Die Freunde störten die Andächtigen nicht in ihrem Gesange . Schweigend beugten auch sie ihre Knie und stimmten zum Theil mit in das Lied ein , wie z.B. der Maulwurffänger und Sloboda . Erst als der Gesang endigte , drängte Martell mit einigem Ungestüm zum Sterbelager des ehrwürdigen Greises , beugte sich mit Heftigkeit über ihn und fragte besorgt : » Wie geht es , Vater ? Soll ich nicht nach dem Doctor schicken ? « Traugott drückte dem Schwiegersohn matt die Hand und schüttelte lächelnd sein Haupt . » Der Herr kommt , « sagte er flüsternd , » und der ist der beste Doctor . - Aber setze Dich zu mir , mein Sohn , und höre ... was ich Dir sagen werde ... Ihr Andern , Nachbarn und gute Freunde , auch Ihr könnt meine Worte in einem feinen Herzen bewahren , denn ... sie werden Euch keine Gewissensbisse verursachen ... auf dem Sterbebette und am Tage des Gerichts . « Er schwieg eine lange Zeit , um Athem zu schöpfen und seine letzten Kräfte zu sammeln . Christel , seine jüngste Enkeltochter zündete die Lampe an , bei deren flimmernden Schein die Mutter gar manche Nacht am Webstuhl den kalten morgen herangewacht hatte , und stellte sie auf den Ofensims , daß ihr Schimmer auf das welke Gesicht des sterbenden Großvaters fiel . » Mein Sohn , « nahm jetzt Traugott das Wort wieder auf , » so arm wie ich , wills Gott , noch heut aus der Welt scheide , um morgen mit Jesu Christo das Auferstehungsfest im Himmel zu feiern , so arm trat ich in die Welt , so arm lebte ich an die achtzig Jahre ! .. Es heißt etwas , ein solches Leben zurückzulegen ; es erfordert nicht blos Mühe und Geduld , es erfordert vor Allem Glaube und Liebe und Gehorsam ! ... O Martell , ich kenne Dein Herz und weiß , daß es im tiefinnersten Grunde gut ist und rechtschaffen , aber Glaube , Liebe und Gehorsam , - diese drei - sie haben darin nicht ihre bleibende Stätte gefunden . « Martell wollte dem Greise antworten , dieser aber machte eine abwehrende Bewegung . » Unterbrich mich nicht , laß mich endigen , denn meine Zeit ist kurz . « Traugott holte einigemal tief Athem , dann fuhr er fort : » Sieh , mein Sohn , so arm ich war und blieb bis auf den heutigen Tag , so fröhlich schlug doch immer mein Herz auch unter den härtesten Bedrängnissen ! .. Du wirst sagen , das mache mein glückliches , heiteres Temperament , ich aber rufe dagegen , das machte der Glaube , aus dem Liebe und Gehorsam , die beiden sichersten Führer durch die Irrwege der Welt , uns erwachsen ... Ach warum lacht die heutige Welt über den Glauben , warum kennt sie die Liebe nicht , warum will sie den Gehorsam nicht mehr ? ... Am Abend meines Lebens kommt mir dies vor wie ein Frevel an der heiligen Lehre des Sohnes Gottes und es will mir scheinen , als müsse daraus nur Böses entstehen , Unfrieden und Blutvergießen ! « ... » Liebet einander ! « sagte der sterbende Evangelist Johannes , und » liebet einander ! « rufe auch ich Euch zu als die letzte väterliche Mahnung . » Du bist ein reicher Mann geworden , habe ich mir sagen lassen , « sprach Traugott weiter und seine Stimme ward von Secunde zu Secunde schwächer , » ein vornehmer , großer Graf ! Das verstehe ich nicht , aber es mag wohl gut sein , da es Gott so gefügt hat ! .. Wird es Dich und Deine Kinder auch glücklicher machen ? ... Wird es Dir die Liebe wieder geben , die aus Deinem Herzen entschwunden war ob der Ungerechtigkeiten , welche Einzelne Dir zugefügt hatten ? ... Wirst Du jetzt wieder glauben lernen und den Gehorsam als eine hohe Tugend achten ? ... Wo das nicht geschieht , mein armer Sohn , dann wünschte ich , Du lägest neben mir und führst zugleich mit meinem grauen Haupt in die Grube ! « » Beruhigt Euch , Vater - « » Still ! Keine Versprechungen ! Keine Eide ! ... Seit die Welt so rasch bei der Hand ist mit dem Schwur , seitdem sind Vertrauen und Ehrlichkeit noch seltener geworden als klingende Münze ! ... Nun es mag sein ... « » Gönnt Euch Ruhe , Vater ! « bat Lore . » Der Athem geht Euch aus ! « » Laß ihn , werde ich doch bald Paradiesesluft schlürfen , « versetzte Traugott mit verklärten Zügen . » Der Graf von Boberstein , der ein Bruder von Dir gewesen sein soll , « fuhr Traugott fort , » der hartherzige Herr am Stein ist begraben worden , ... die Maschinen , die er mißbrauchte , haben ihn zerrissen ... die Welt nennt das Strafe , Gottesgericht ... Wie sie doch ungerecht ist ! ... Kann sie wissen , warum Gott den begrabenen Mann mit solch einem Herzen von Marmelstein schuf und über so viele Menschen setzte als obersten und gewaltigen Gebieter ? ... Er hatte seine heiligen großen Zwecke , ich zweifle nicht , aber die Welt , die arme , sünhafte Welt mag nichts hören von Züchtigung , und darum grollt sie und schreit nach Rache , wenn sie die strafende Ruthe des Herrn fühlt ! ... Du hast oft gemurrt , Martell , wenn Noth und Krankheit bei uns einkehrten , darum versprich mir , von jetzt an nie mehr gegen die Vorsehung zu murren , wenn Du ihre Wege auch nicht begreifen kannst ! « Martell legte seine zitternde Hand in die seines Schwiegervaters . » Blicke zurück und Du wirst einsehen , daß die Pfade gut waren , welche der Herr Dich geführt ! ... Siehe , ohne jene Bedrückungen , unter denen wir und alle unsere Brüder leiden mußten , wären niemals die alten Frevel ans Tageslicht gekommen und Du .. würdest als armer Spinner gestorben sein ! ... Das lehrt uns nachdenken , das mahnt uns demüthig , bescheiden und fromm zu sein ! ... Es geschieht nichts zwischen Himmel und Erde , das der Herr nicht kennt , von dem er nicht will , daß es geschehen soll , warum also wollen wir zagen und zittern ? ... Glaubet nur und Ihr seid glücklich ! Liebet und Ihr urtheilet mild ! Gehorchet gern und man wird Euch mit Freuden dienen ! ... « Der Greis sank völlig entkräftet von dem langen Sprechen zurück auf sein dürftiges Lager und schloß die Augen . Lore küßte ihn wiederholt auf die erkaltenden Lippen und die beiden Enkeltöchter erfaßten weinend seine Hände . » Habt Ihr mir vergeben Vater ? « fragte Martell . » Ich habe nichts zu vergeben , « murmelte der Sterbende , ohne die Augen zu öffnen . » Ich wollte nur mein Herz noch einmal ausschütten ... vor meinem Tode und mich rechtfertigen ... meines Tadels wegen ... den ich manchmal .. gegen Dich .. ausgesprochen .. Wie sie so schön singen ! .. « » Wer , Vater ? « fragte Lore . » Die Nachbarn beten still für sich , es singt Keiner . « » In lieblichen Tönen ... in sanften ... reinen Silberstimmen ... Und wie die Sonne glänzt ... dort ... über den ... Bergen ! ... « » Er schwärmt ! « sagte Aurel . » Die Seele ringt sich los von den Banden des Körpers . « » So sterben Dulder und Gerechte , « sagte der Maulwurffänger und legte seine Hand auf die Stirn des alten Spinners . » Sie ist schon ganz kalt . Bald wird es mit ihm vorüber sein . « » Ueber mir ... unter mir ... Alles ... blauer , sonniger .. Himmel ! Die Orgel tönt ... der Ostermorgen tagt .. Sie singen Alle ... Alle .. Alle : O Haupt voll Blut und Wunden etc. « Und ganz leise und zitternd stimmte der Sterbende nochmals sein Lieblingslied an . Unwillkürlich fielen die Versammelten einer nach dem andern mit ein und unter diesem erhebenden Gesange schlummerte Traugott ohne Todeskampf in ein besseres Leben hinüber . Martell , Lore und ihre Kinder neigten schluchzend ihre Häupter über den Todten , über den Armen , der nie sein Kreuz zu schwer gefunden hatte und nur Dank , innigen Dank gegen Gott auf der Lippe , glücklicher gestorben war , als tausend Reiche . » Wir wollen die Trauernden nicht stören , « sagte der Maulwurffänger . » Es ist schon der Mühe werth , einen solchen Vater zu beweinen ! « Still schlichen sich Freunde und Nachbarn aus dem Sterbezimmer . Als eine Viertelstunde später Martell und Lore sich wieder aufrichteten waren sie allein . Zu Füßen des Lagers knieten betend die beiden Schwestern . Das kleine Flämmchen der Lampe brannte düster und das Silberlicht des Vollmonds wob um das Greisenhaupt Traugotts einen verklärenden Heiligenschein . Zehntes Kapitel . Der letzte Geburtstag . Der Maulwurffänger hatte seinen Sonntagsrock angezogen , den wohl gebürsteten dreieckigen Hut aufgesetzt und stand wartend mitten in der Wohnstube seines kleinen , saubern Häuschens zu B .... In ähnlicher Kleidung , nur weniger accurat und reinlich , saß Schlenker auf der Ofenbank , die zinnerne Tabaksdose häufig unruhig auf- und zuklappend . Ein Wagen , mit zwei jungen muthigen Füchsen bespannt , fuhr vor . Pink-Heinrich schüttelte den Kopf , stampfte ungeduldig mit seinem Schlehdornstecken auf die Diele und sagte : » Na , da haben wir ' s ! Krücken-Gottlobs-Friedel , ( so genannt , weil sein Vater Gottlob an Krücken ging ) , hält schon vor der Thür und mein Bruder kommt immer noch nicht ! Wo er nur bleibt ! « » Mein Gott , wo wird er bleiben ! « versetzte Schlenker . » Wo er immer steckt , zu Hause . Er trödelt gar mit tausend Schrecken ! « » Hast Du ihn nicht gesehen , da kommt er über die Wiese hergestiefelt ! « sagte der Maulwurffänger , sein würdiges Gesicht zu ironischem Lachen verziehend . » Nimm Dir Zeit , Bruder Schulmeister , sonst kannst Du noch eine Lerche schießen , daß Dir acht Tage lang die Ohren gellen ! - Friedel , « rief er durch das Schiebefenster dem jungen Burschen am Wagen zu . » Krempele die Plane auf , daß man eine Umsicht hat ! Das Wetter ist schön heut und die Luft würzig und warm . Obgleich wir drei alte Knackse sind , vertragen wir doch noch ein Bissel Zugluft . Nicht wahr ? « » Natürlich , natürlich , ganz Natur ! « sagte Gregor , der eben ins Zimmer trat , als der Maulwurffänger diese Frage an Schlenker richtete . » Aber wo steckst Du denn , Bruder Schulmeister ? « rief ihm Pink-Heinrich zu . » Es geht schon auf zwölf , wir haben noch einen langen Weg zurückzulegen und um vier sollen wir doch schon auf dem Zeiselhofe sein ! Da ist ' s höchste Zeit , daß wir aufbrechen ! « » Aufbrechen , natürlich ! Dennoch mußte ich mein Chronikon erst schließen ! - Jetzt geht kein Sterbenswort verloren , ganz Natur ! « » Wovon , Bruder Schulmeister ? « » Von der grausamverwickelten , in vielem Betracht erschrecklichen , dabei aber wiederum hochlehrsamen und moralischen Geschichte , welche anhob mit dem sonderbaren Betragen des hochseligen Grafen Magnus von Boberstein , genannt Blauhut . Selbige Geschichte ist nunmehr von meiner Hand sorgfältig zu Papier gebracht bis auf den heutigen Tag , und zwar leserlich , höchst leserlich , natürlich ! « » Hast Du auch nichts vergessen ? « » Nichts Wesentliches . Und weil heut des Mannes Geburtstag ist , der unverschuldet durch sein schönes Tochterlein Rose oder Röse , genannt Haideröschen , Veranlassung gab zu so traurigen Vergehungen und herzbrechenden Ungerechtigkeiten , darum wollte ich ihm und seinen nunmehr gesetzlich anerkannten Nachkommen dies wohlausgearbeitete und schön niedergeschriebene Chronikon zum Präsent machen . « » Und darum kommst Du so spät ? « » Natürlich ! Und hätte mir beinahe den Fuß vertreten . « » Es ist meiner Six mit tausend Schrecken ! « sagte Schlenker , den Schulmeister mit einer Art von Verwunderung betrachtend . » Ich hätt ' s Euch nicht zugetraut , verzeih ' mir ' s Gott ; nun aber , da Ihr ' s doch zu Stande gebracht habt , nun flößt Ihr mir , so zu sagen , einen ehrfürchtigen Respect ein . Glaubt Ihr ' s , Schulmeister ? « » Glaub ' s. Ganz Natur ! « » Und ich glaube , « sagte der Maulwurffänger , » es wird jetzt ebenfalls sehr natürlich sein , wenn wir einsteigen und die beiden Füchse austraben lassen , was Zug und Zeug hält . Ist ' s also genehm , so bitt ' ich , einen Anfang zu machen ! Unter der Plane können wir noch schwazzen , daß alle Sterne blau davon anlaufen . « Von dem jugendlichen Fuhrmann unterstützt , bestiegen die drei Alten den leichten Wagen , der nun rasch auf der wohl erhaltenen Straße den Königshainer Bergen entgegen rollte , die im duftigsten Blau ihre malerischen Gipfel über das Blachfeld erhoben . » Es wird heut just ein Jahr sein , « sprach der Maulwurffänger , » daß ich die wichtige Schrift fand , der unsere Freunde eine so wunderbare Umgestaltung ihrer Verhältnisse zu verdanken haben . Gott weiß , wie lange ich noch zwischen Himmel und Erde herumspazieren darf ! Deshalb will ich am heutigen Tage doch wieder einmal das Bergrevier besuchen und mich recht lebhaft aller Glücks- und Leidenstage erinnern . Ich bin lange nicht mehr zum Todtenstein gekommen ! « Er rief nun dem Kutscher zu , vom graden Wege abzubeugen und nach dem genannten Gebirgsstock einzulenken . Da die Pferde jung und kräftig waren und fast ununterbrochen lustig galoppirten , so erreichten die Greise in verhältnißmäßig kurzer Zeit den Fuß des Todtensteines . Hier ließ der Maulwurffänger halten , fragte seine Begleiter , ob sie mit ihm die Berglehne ersteigen wollten , und schritt , da er bejahende Antwort erhielt , rüstig den holprigen Fußsteig hinan . Auf einem Kreuzwege rastete er , da Gregor und Schlenker ihm nicht so schnell folgen konnten . » Wo nehmt Ihr nur die Kräfte her , Ihr Tausendsasa ! « sagte Schlenker puhstend , indem er sein blau-und rothgewürfeltes , mit Tabakflecken romantisch gezeichnetes Taschentuch mühsam aus der breiten Klappentasche des viertelhundertjährigen Rockes hervorzog , den Dreikantigen abnahm und sich den perlenden Schweiß von der Stirn wischte . » Es ist mit tausend Schrecken , was Ihr noch laufen könnt ! « » Ganz Natur ! « sagte Gregor mit größter Ernsthaftigkeit , die Hände auf den Knopf seines Stockes legend und die Gegend mit freudigem Auge überblickend . » Wir leben doch in einem herrlichen Landstriche , Gott segne ihn ewiglich ! « » Ist es mir doch , als wäre die Geschichte erst gestern passirt , « bemerkte der Maulwurffänger , nachdenklich den Ort betrachtend , wo er rastete . » Ja , Freunde , ich möchte einen körperlichen Eid ablegen , daß wir uns genau auf der Stelle befinden , vor welcher vor nunmehr dreiundvierzig Jahren Graf Magnus das liebliche Haideröschen entführte ! Dort liegt die Meierei , ihre weißen Schornsteine aus den Saftgrün der Buchen glänzend emporstreckend , und jenseits der bewaldeten Hügelkette führt die Straße nach dem Zeiselhofe ! Wer hätte damals gedacht , daß dieser freche Raub eines leibeigenen Mädchens so viel Unglück über die hohe Familie des Räubers verhängen und ein ganzes Geschlecht beinahe dem zeitlichen und ewigen Untergange nahe bringen würde ! - O die Wege des Herrn sind wunderbar , aber immer , immer gerecht ! « » Immer gerecht ! « wiederholte Schlenker , der durch lebhaftes Kopfnicken dem Maulwurffänger seinen Beifall zu erkennen gab . Gregor stieß ein trockenes , » natürlich « aus und haspelte neben dem stark ausschreitenden Bruder die Berglehne vollends hinan . Trotz Schlenkers Abmahnen , der seiner lahmen Arme wegen alles Klettern vermeiden mußte , und den Maulwurffänger auch nicht mehr die nöthige Gewandtheit zutraute , schwang sich Pink-Heinrich doch die Stufen in dem zerklüfteten Felsen hinauf und erschien nach wenigen Minuten auf der Platform desselben . Der Schulmeister der dem Bruder zu folgen Anstalt machte und auch den besten Willen dazu hatte , mußte das schwierige Unternehmen aufgeben . Seinen steifen Gliedmaßen fehlte es an aller Geschicklichkeit so halsbrecherische Pfade ohne Fall und Sturz wandeln zu können . Der Maulwurffänger begnügte sich mit kurzer Umsicht . Dann bückte er sich , riß aus einem Felsenspalt frischgrünes Hauswurz und kam fast springend wieder herab zu seinen Gefährten . » Jetzt kann ' s wieder fortgehen , alte , ehrliche Seelen , « sagte er heiter . » Ich habe mich wahrhaft erquickt an der prächtigen Aussicht und in den Lüsten der Erinnerung , die da oben das alte Gestein umsäuseln . Ich werde lustig sein , wie ein Junggeselle , dem ein liebes Mädel zum ersten Mal verheißungsvoll in ' s Auge schaut . Auf , auf nach dem Zeiselhofe ! « Noch vor der festgesetzten Zeit erreichten die Greise diesen alten , stattlichen Edelsitz , der heut ' überaus belebt war . Aurel und Gilbert , Beide festlich gekleidet , empfingen die Freunde und geleiteten sie in das Herrenhaus . Hier kamen dem Maulwurffänger lauter bekannte Gesichter entgegen . Es war nämlich die ganze Familie Boberstein zum Geburtstage des alten Wenden auf dem Zeiselhofe zusammen gekommen . Selbst Vollbrecht , dessen geräuschlosem Wirken man viel zu verdanken hatte , fehlte nicht . Martell und Lore mit ihren beiden Töchtern , jetzt alle zwar einfach , aber gut und reinlich gekleidet , Maja und Simson mit ihrer vom Hungertode verschonten Tochter , der kräftige Paul , der ausgelassene Gilbert , die jetzt wieder still gewordene schöne Bianca , und endlich die glückberauschte Elwire mit Herta : Alle , Alle umschlang nunmehr ein gemeinsames Band der Liebe und des Friedens ! Denn Frieden , der Frieden schwergeprüfter Herzen , durch Unglück geläuterter Seelen war über jeden Einzelnen dieses wunderbar geführten Geschlechtes gekommen . Selbst Martell , obwohl seine Gesundheit litt und seine Kraft gebrochen war , schien doch mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein , das ihn so furchtbare Wege geführt , so nahe an verderbenschwangere Abgründe gestoßen hatte . Wie früher , war er auch jetzt noch still und von wenig Worten , aber sein Auge blickte klar und heiter und der milde Sonnenglanz der Liebe , der Vergebung blitzte wieder in der dunkeln Pupille auf . Den allverehrten Mittelpunkt des festlichen Tages bildete Jan Sloboda . Nach so vielen glücklich durchgekämpften Lebensstürmen wollte der alte Wende eingedenk bleiben seiner Abstammung und seiner früheren Leiden . Deshalb legte er heut ' , was er seit langer Zeit nicht gethan hatte , den glänzenden Lederriemen , das Zeichen ehemaliger Knechtschaft , wieder um Haar und Stirn und wandelte in seiner schlichten Kleindung , das starke silberne Haar von braunem Hornkamm im Nacken festgehalten , wie ein greiser Heros durch die ihm zu Ehren geschmückten Zimmer . Man verbrachte den Tag heiter , ohne ausgelassen zu sein , was bei den traurigen Erinnerungen , die jedem Einzelnen der Versammelten sich aufdrängen mußten , moralisch unmöglich war . Spät Abends , als von dem Bedienten die Lichter angezündet wurden , bemerkte der Maulwurffänger , daß man der ereignißvollen Vergangenheit wegen auch derer gedenken möge , welche mittelbar zur Enthüllung der vielen Geheimnisse beigetragen hätten , die anfangs ihren Bestrebungen kein vortheilhaftes Ende verhießen . » Ich vermisse die gute blinde Mutter , Marie , Leberechts getreue Ehefrau , nebst Vater und Sohn , « sagte der wackere Mann . » Sie haben uns Allen wesentliche Dienste geleistet und , wenn wir ehrlich sein wollen , für das Haus Boberstein Gesundheit und Leben mehr denn einmal in die Schanze geschlagen . Ich schlage daher dem vielgereisten Herrn Kapitän und seiner hohen Verwandtschaft in aller Demuth vor : machen wir den Armen , die sich am heutigen Tage nicht mit uns hier in Glanz und Wohlleben freuen können , sammt und sonders einen Besuch in ihrer bescheidenen Wohnung . Sie werden sich geehrt und glücklich fühlen durch solche Aufmerksamkeit . Und ich , meine Herrschaften , ich bin der Meinung , daß die Gesindestube just der rechte Ort ist , wo wir heut allesammt hingehören . Denn aus ihrem dunkeln Bereiche sind alle diejenigen hervorgegangen , die in spätern Jahren die Stützen und Träger des uralten Geschlechtes der Grafen Boberstein sein und bleiben sollen . Es lebe also die Gesindestube ! « Des Maulwurffängers Antrag fand lebhafte Unterstützung ; ehe man jedoch zur Ausführung schritt in der Weise , wie Pink-Heinrich es vorschlug , schickte der Kapitän seinen Merkur Gildert erst als Gesandten an die Bewohner der Gesindestube ab , um diese auf den ihrer wartenden Besuch vorzubereiten und die Dienstboten während der Dauer desselben zu entfernen . Mit lautem Hurrah kehrte der junge Matrose zurück , verkündete der zahlreichen Gesellschaft , daß Leberecht und Marie bis zu Thränen gerührt dem verheissenen Besuche ihrer großmüthigen Beschützer erwartungsvoll entgegensähen und sich innigst darauf freuten . Unverweilt brach nun die Versammlung unter Vortritt mehrerer Bedienten auf , die jedoch an der Zuschlagthüre der Gesindestube die Weisung erhielten , sich wieder zu entfernen . Elwire , von Jugend , Glück und Schönheit strahlend , geleitete den alten Wenden , der lächelnd seine feenhafte Führerin betrachtete . Herta mit Aurel , Bianca und Vollbrecht , und hinter diesen die Uebrigen schlossen sich paarweise an und nahmen , wie sie einander folgten , Platz auf Schemeln und Bänken an der langen fichtenen Tafel , an deren beiden Enden lohende Kienspäne brannten , wie dies seit Jahrhunderten gebräuchlich war . Am obersten Ende quervor auf etwas erhöhtem Stuhl , dem einzigen , den es in diesen Räumen gab , mußte der greise Wende , der Held des Tages , niedersitzen , von Herta und Elwire umgeben . Diesem gegenüber am untersten Ende auf der Ofenbank saß die blinde Marie zwischen Leberecht und Eduard . Aurel ließ von Paul und Gilbert einige Karaffen edlen Weines holen , um die Gesundheit Slobodas in diesen Umgebungen mit den Versammelten zu trinken . Lebhaft und herzlich fielen alle in das wohlgemeinte Hoch ein . Als es wieder ruhig geworden war , erhob sich Aurel nochmals um der Gesellschaft seine Verlobung mit Elwire anzukündigen . Dabei ergriff Gilbert rasch die Gelegenheit , um seine schöne , zukünftige Kapitänin leben zu lassen und auf ihr Wohl mehr als ein Glas zu leeren . » Der vorlaute Bursche hat Recht , « sagte Aurel , da einige noch Zweifel in den schon früher ausgesprochenen Entschluß des Grafen zu setzen schienen . » Es ist mein fester Wille , nach dem Pfingstfeste aus Eurer Mitte zu scheiden , meine Lieben ! Ich werde mein Schiff die Hoffnung wieder besteigen , aber diesmal nicht allein . Ein Engel , ein Engel des Glückes , der Liebe , des Friedens wird mich begleiten . Elwire wird mein Weib und Schutzgeist sein ! - Vernehmt nun an diesem Freudentage , der nach so langem Jammer den Anfang einer schönern Zukunft verkündet , vernehmt jetzt von mir , daß ich den dritten Theil meines Vermögens allen Armen und Hilfsbedürftigen schenke , die auf Bobersteinschem Grund und Boden geboren worden sind und daselbst leben ! Ich habe mehr als ich bedarf , ich bin kräftig und unternehmend , und da ich einer guten Sache diene , wird Gott meine Bemühungen segnen . Vor meiner Abreise werde ich die nöthigen Papiere über diese Schenkung und wie ich sie zum Besten der Darbenden angewendet wissen will , in Vollbrechts Hände niederlegen . Auf das Wohl und ein besseres Loos der arbeitsamen Armen ! « Freudig stimmte Jeder auch in diesen Toast ein , der ebenso die Menschenliebe wie die Großmuth des Kapitäns kund gab . Elwire lächelte dem Geliebten glücklich zu und führte auf sein Wohl das volle Glas nippend zum schönen Munde . » Nunmehro mag es aber gut sein , « fiel der Maulwurffänger in seiner trockenen Weise ein . » Das viele Trinken , treibt ' s Einer auch noch so vorsichtig , macht einem zuletzt doch schwer im Kopfe , und davon , muß ich sagen , bin ich kein aparter Liebhaber . Statt also das Gesundheittrinken fortzusetzen , was eine ganz hübsche Sitte ist , wenn ' s nicht zu lange dauert , hätte ich mit Verlaub einen Vorschlag zu machen , der mir passend scheint . « » Und dieser besteht ? « fragte Aurel . » Worin er bestehen wird , hängt nicht ganz allein von mir ab . Ich will blos in Anregung bringen , daß wir heut den Geburtstag unsers wackern Freundes , des braven , ehrwürdigen Jan Sloboda , des letzten Wenden , der leibeigen gewesen ist , feiern . Zugleich begehen wir , so zu sagen , auch den Begräbnißtag aller Sclaverei , wenn jeder Herr die hohen Gesinnungen des Grafen Aurel zu den seinigen macht , was Gott geben wolle ! Ein solcher Freudentag muß , dünkt mich , gefeiert werden , in mannichfacher Weise , namentlich aber auf wendische Art , da Sloboda dem wendischen Stamme von Geburt angehört . « » Mir recht , so erfahre ich ' was Neues , « flüsterte Gilbert Bianca zu , hinter deren Schemel er sich meistens aufhielt . » Die Wenden sollen merkwürdige Einfälle haben . « » Bilden wir uns ein , « fuhr der Maulwurffänger fort , » wir hätten uns hier eingefunden zur Spinnte - « » Ja , ja , zur letzten Spinnte ! « fiel Sloboda ein , sein greises Haupt in Erinnerung an die traurige Vergangenheit bedeutungsvoll neigend . » In der letzten Spinnte beschlossen sie den Besuch am Todtenstein ! - Es ist seltsam - seltsam ! « Er stützte die müde Stirn , umfangen von dem Riemen ehemaliger Knechtschaft , in die hohle Hand und lächelte still für sich . Freudige Verklärung breitete sich über seine abgespannten Züge . » Denken wir , « sprach der Maulwurffänger weiter , » die Spinnräder schnurrten , die Weifen klapperten ! Es würde an die Thür geklopft und ein Dudelsackpfeifer träte mit vielen Bücklingen ein und verspräche ein lustiges Stücklein zu pfeifen ! Davon wachten die schläfrigen Geister auf , würden heiter , lustig , ausgelassen - begönnen Volkslieder zu singen und Tänze aufzuführen und schlössen zuletzt , wie ' s Sitte ist beim Volk der Wenden , mit - « ( hier ließ der Maulwurffänger den Kopf hängen und schwieg ) . » Nun , womit denn ? « fragte Gilbert . » Hole mich Der und Jener , ich weiß nicht , ob ich ' s rund heraussagen darf , denn ' s fällt mir eben ein , daß außer Jan Sloboda kein geborner Wende unter uns ist , und dann , seht , dann habe ich mich selber zum Narren gehabt ! « » Kann jetzt nichts helfen , mein Freund ! « sagte Aurel . » Ihr habt angefangen , seht nun zu , wie Ihr zu Ende kommt ! « » Meinethalb denn ! - Ich dächte also , wir schlössen nach wendischer Sitte mit Erzählung einer der Geschichten , wie sie im Munde des wendischen Volkes leben und an langen Winterabenden während der Spinnte erzählt werden . « » Der Vorschlag ist gut , wenn nur der Erzähler sich findet , « meinte Herta . » Eigentlich , « sagte der Maulwurffänger , » dachte ich dabei an die blinde Marie , denn ich weiß , daß sie ehemals in den wendischen Liedern und Geschichten fast eben so bewandert war , wie Sloboda ' s Tochter . « » Wie mein Haideröschen , das arme Kind ! Gott beglücke sie in seinem Paradiese ! « » Wirst Du mich in Schande bringen , Marie ? « fragte Pink-Heinrich die Blinde , ihre Hand erfassend . » Suche in Deinem Gedächtniß , und ich möchte wetten , daß im verborgensten Fache des Betkästchens eine Perle ersten Wassers herumkollert , die sich auf Deiner Zunge in den allerfeinsten geistigen Honigseim verwandelt . « Marie lächelte , drückte dem Jugendfreund die Hand und sagte : » Laß mir eine Weile Zeit , Maulwurffänger ! Alles hab ' ich noch nicht vergessen , aber es ist wüst durch einander geschüttelt worden durch die vielen harten Stöße , die mein armer Kopf in diesem drangvollen Leben aushalten mußte . « » Besinne Dich , Mutter , und die Engel im Himmel sollen Dein Lob preisen ! « »