könnte sie nicht reiner und heiliger lieben , wenn sie meine leiblichen Schwestern wären ; und doch fühle ich zuweilen , daß ich in Kleonen , wenn keine Musarion , und in Musarion , wenn keine Kleone wäre , bis zum Wahnsinn verliebt werden könnte . Bloß dadurch , daß beide zugleich so stark auf mich wirken , erhalten sie mein Gemüth in einer Art von leiser Schwebung zwischen ihnen , die ich beinahe Gleichgewicht nennen möchte . Kurz , weil ich beide liebe , so - liebst du keine , wirst du sagen ; und im Grunde glaube ich selbst , daß für diese seltsame Art von Liebe ein eigenes Wort , das unsrer Sprache fehlt , erfunden werden müßte . Was mich auf alle Fälle beruhigt , ist , daß ich Aristipp und Kleonidas zu meinen Vertrauten gemacht habe . Diesem sage ich alles was ich für seine Schwester , jenem alles was ich für Musarion empfinde . Beide sind mit mir zufrieden ; sie selbst sowohl als ihre Frauen gehen mit mir wie mit einem jüngern Bruder um , so unbefangen , so traulich und herzlich , daß sie mich unvermerkt gewöhnt haben , mich dafür zu halten . Darf ich dir alles gestehen , meine Mutter ? - und warum sollt ' ich nicht , da ich nichts zu bekennen habe , worüber ich erröthen müßte ? Jede der beiden Frauen hat eine Tochter , die ich , wenn sie auch an sich selbst weniger reizend wären , um der Mutter willen lieben würde . Aber hier bedarf es keines solchen Beweggrundes ; die Töchter sind in einem so hohen Grade liebenswürdig , daß sogar ihre Mütter ( wenigstens in meinen Augen ) durch sie verschönert werden . Melissa , Musarions Tochter , soll an Gestalt und Gesichtsbildung der berühmten Lais ähnlich seyn ; und wirklich besitzt Kleone ein Bild der letztern , worin alle , die es zum erstenmal sehen , Melissen zu erkennen glauben . Ich selbst wurde beim ersten Anblick getäuscht ; aber als ich das Bild genauer mit ihr verglich , sah ich , daß Melissa - vielleicht nicht ganz so schön ist , aber etwas noch sanfter Anziehendes und , wenn ich so sagen kann , dem Herzen sich Einschmeichelndes hat , welches sie ihrer Mutter ähnlicher machen würde , wenn es nicht mit den Zügen der schönen Lais so zart verschmolzen wäre . Diese wunderbare Vermischung , wodurch sie , je nachdem man sie von einer Seite ansieht , bald Musarion bald Lais scheint , gibt ihr etwas so Eigenes , daß ihr jede Vergleichung Unrecht thut ; einen Zauber , der mich unwiderstehlich an sie fesseln würde , wenn nicht Kleonens leibhaftes Ebenbild , ihre einzige Tochter ( einen holden dreijährigen Knaben hat ihr Aurora entführt41 ) die liebliche Arete , neben ihr stände , und durch die zierlichste Nymphengestalt , und die Vereinigung aller Grazien der holdesten Weiblichkeit mit dem stillen Ausdruck eines edeln Selbstgefühls mich etwas empfinden ließe , wofür ich keinen Namen habe ; eine Art von Anmuthung , die nichts Leidenschaftliches , aber etwas unbeschreiblich Inniges hat , und die Gewalt der magischen Reize ihrer schwesterlichen Gespielin so lieblich dämpft - daß ich ( wiewohl ohne mein Verdienst ) bis jetzt noch immer Herr von mir selbst geblieben bin , und zwischen Arete und Melissa ungefähr eben so in der Mitte schwebe , wie zwischen Kleone und Musarion . Ich bin es zu sehr gewohnt , nichts Geheimes vor einer so gütigen und nachsichtvollen Mutter zu haben , als daß ich meine Bekenntnisse nicht vollständig machen sollte . Da ich die Freundschaft kannte , die schon so lange zwischen meinem Vater und Aristipp , so wie zwischen dir und Musarion besteht , so mußte der Gedanke an die Möglichkeit einer engern Verbindung unsrer Familien um so natürlicher in mir entstehen , da ich in den äußern Umständen kein erhebliches Hinderniß sehen konnte . Es zeigte sich aber bald nach meinem Eintritt in das Aristippische Haus , daß Melissa , welche bereits das dreizehnte Jahr zurückgelegt hat , meinem neuen Freund Kratippus , Aristipps Brudersohne , und die holdselige Arete , welche vier Jahre weniger als ihre Base hat , von der Wiege an einem Sohne des Kleonidas zugedacht ist . Ein Glück für mich , daß mir dieses Verhältniß , welches für die beiden Kinder selbst noch ein Geheimniß ist , bei Zeiten entdeckt wurde . Indessen hätte ich die Tochter Kleonens jedem andern streitig gemacht , als einem Sohn von Musarion und Kleonidas . Ueberdieß zeigten mir beide Mütter so viele Freude an dem Gelingen ihres Plans und an der täglich sichtbarer werdenden Sympathie ihrer Kinder , daß ich eher einen Tempel zu berauben oder mein Vaterland zu verrathen , als das häusliche Glück dieser schönen Seelen zu stören vermöchte . Glaube nicht , ich dünke mir dieser Selbstbezähmung wegen ein großer Tugendheld ; dazu kommt sie mich in der That zu leicht an . Eine Familie wie diese , worin Männer , Frauen und Kinder , jedes in seiner Art so äußerst liebenswürdig , alle wie von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt , so zufrieden , so einmüthig , so glücklich in sich selbst und eines in dem andern sind , werde ich in meinem Leben schwerlich wieder finden . Mir ist ich lebe in einer kleinen idealischen Republik , worin ich durch den bloßen Geist der Liebe diese reine Zusammenstimmung realisirt sehe , welche Plato in der seinigen vergebens durch die mühsamsten Anstalten und die unnatürlichsten Gesetze zu erzwingen hofft . Der müßte ein Ungeheuer seyn , der , in der Mitte so edler und guter Menschen lebend , und so freundlich von ihnen in ihren Kreis aufgenommen , die Harmonie , die das Glück ihres Lebens macht , durch irgend einen vorsetzlichen Mißklang zu unterbrechen fähig wäre ! Ich kann es mir nicht versagen , liebe Mutter , noch einmal zu Kleonen zurückzukommen ; dieser Einzigen , in welcher alles was ich für eine Schwester und Freundin , für die Gattin des würdigsten Mannes , und selbst für eine Mutter fühlen kann , mit dem , was eine noch junge Frau , die von Aphroditen mit jedem Reiz und von den Musen mit ihren schönsten Gaben ausgestattet wurde , einem empfänglichen , aber nicht unbescheidenen Jüngling einzuflößen vermag , in einer mir selbst beinahe wunderbaren Mischung zusammenfließt . Zu dem allem kommt noch zuweilen eine Art von heiligem , ich möchte sagen religiösem Gefühl , wie ich glaube daß mir zu Muthe wäre , wenn ein überirdisches Wesen in aller Glorie , die ein irdisches Aug ' ertragen kann , aber mit dem Ausdruck von Huld und Wohlwollen , plötzlich vor mir stände . Wie oft ist mir in solchen Augenblicken eingefallen , was Plato in einem seiner Dialogen von der unaussprechlichen Liebe sagt , welche die Tugend in uns entzünden würde , wenn sie uns in ihrer eigenen Gestalt sichtbar werden könnte ! Einer der schönsten und seltensten Züge im Charakter dieses vortrefflichen Weibes ist die Vereinigung einer immer gleichen Heiterkeit , welche nah an Frohsinn , selten an Fröhlichkeit gränzt , mit einem sanften Ernst , der über dem reinen Himmel ihrer Augen wie ein durchsichtiges Silberwölkchen schwebt . Seit einiger Zeit scheint dieser Ernst zuweilen ( doch nur wenn sie unbemerkt zu seyn glaubt ) in ein stilles Brüten über düstern Gedanken übergegangen zu seyn ; auch haben Musarion und ich einander die Wahrnehmung mitgetheilt , daß sie , wiewohl in kaum merklichen Graden , blässer und magerer wird , von den zahlreichen rauschenden Gesellschaften ( die in diesem gastfreien Hause nicht selten sind ) mehr als sonst ermüdet scheint , und überhaupt , wo sie kein Aufsehen zu erregen befürchtet , sich gern ins Einsame zurückzieht . Musarion glaubt in diesen und andern kleinen Umständen Zeichen einer langsam abnehmenden Gesundheit wahrzunehmen , und verdoppelt daher ihre Aufmerksamkeit und Sorgfalt für die geliebte Schwester , ohne jedoch weder Aristipp noch Kleonidas in Unruhe zu setzen , welche , von Kleonens gewohnter Heiterkeit und Munterkeit getäuscht , von allem dem nichts gewahr werden , worüber wir selbst uns vielleicht aus allzu sorglicher Liebe täuschen . Denn manches kann vorübergehende Ursachen haben ; und besonders scheint ihre Liebe zur Einsamkeit eine natürliche Folge davon zu seyn , daß sie sich aus der Bildung der jungen Arete das angelegenste ihrer Geschäfte macht ; denn selten oder nie findet man sie ohne ihre Tochter allein . Dieser Tage machte mich ein Zufall zum unbemerkten Zeugen einer Scene , die ein unauslöschliches Bild in meiner Seele zurückgelassen hat . Es traf sich daß Aristipp mit einem merkwürdigen Fremden , der sich seit kurzem hier aufhält , einen kleinen Abstecher ins Land machte . Da jedes im Hause seinen Geschäften oder Erholungen nachging , lockte mich die Schönheit des Abends bei halb vollem Mondschein in eine abgelegnere Gegend der Gärten die das Landhaus , wo wir uns aufhalten , umkränzt . Unvermerkt führte mich ein schmaler Pfad in die Nähe eines kleinen von Cypressen und duftreichen Gebüschen eingeschloss ' nen , mit Moos bewachs ' nen Platzes , den die elterliche Liebe dem Andenken ihres in der Kindheit verstorbenen einzigen Sohnes widmete . Selbst ungesehen erblicke ich hier Kleonen , an den Aschenkrug des kleinen Klearists zurückgelehnt , auf einer Stufe des marmornen Denkmals sitzen , den Kopf auf den linken Arm gestützt , die Augen mit sanft traurigem Lächeln auf den Mond , der so eben über den Cypressen aufging , wie auf die Scene einer himmlischen Erscheinung geheftet . Ihr bis zu den Füßen herabgefloss ' nes weißes Gewand , die Blässe ihres schönen Gesichts , und die kalte Marmorweiße des Arms , worauf sie sich stützte , das Unvermuthete des Anblicks , und die schauerliche Stille des Orts , alles vereinigte sich meine Besonnenheit zu überraschen . Ich glaubte Kleonens Schatten zu sehen und schauderte zusammen ; aber zu allem Glück blieb mir der unfreiwillige Ausruf , der mir entfahren wollte , in der Kehle stecken . Einen Augenblick darauf hört ' ich ein Rascheln durchs Gebüsch , und die kleine Arete an der Hand ihres vermeinten Bruders Kallias kam von der andern Seite , mit lautem Rufen , da ist sie ! das ist sie ! auf die geliebte Mutter zugeflogen , welche sie schon lange im ganzen Garten gesucht hatten . Es war ein entzückender Anblick für mich , wie sie die holden Kinder , jedes mit Einem Arm umschlingend , an ihren Busen drückte , und wie schnell das süße Muttergefühl für die Lebenden die kurz zuvor so bleichen Lilienwangen mit warmen Blut aus dem überwallenden Herzen durchströmte . Eine heilige Ehrfurcht hielt mich in den Boden gewurzelt und band meine Zunge . Kleone stand ohne mich entdeckt zu haben auf , nahm die fröhlich hüpfenden Kinder an beide Hände , und verschwand in wenig Augenblicken . Ich werde zwar frei zu dir zurückkehren , liebe Mutter ; aber du wirst Mühe haben in Athen eine Jungfrau zu finden , die mich meiner lieben , wiewohl leider ! nicht für mich gebornen , Cyrenerinnen vergessen machen könnte . 14. Aristipp an Learchus von Korinth . Der Syrakusier , der sich seit einiger Zeit bei uns aufhält , edler Learch , ist wirklich der nämliche identische Philistus42 , von welchem Kundschaft einzuziehen du von einem Freund in Syrakus ersucht worden bist . Er macht kein Geheimniß daraus ; zumal da er nicht unterlassen hatte dem Dionysius schriftlich anzuzeigen , daß er seiner Gesundheit wegen eine Reise nach Rhodus und Kreta , und von da vielleicht nach Cyrene unternehmen würde . Daß er die Einwilligung des alten Fürsten nicht abgewartet oder vielmehr gar nicht um sie angesucht , kann ihm nicht zum Vorwurf gereichen : denn der Ort , wo er während seiner Verweisung aus Sicilien leben wolle , war in sein Belieben gestellt ; und so gut als er von Thurium , wo er sich anfangs einige Jahre aufhielt , eigenmächtig nach Adria ziehen konnte , stand es ihm frei , von Adria nach Rhodus , Cyrene oder Gades zu gehen , wenn er Lust dazu hatte . Er hat sich selbst dadurch um einige Tausend Stadien weiter von Syrakus verbannt , aber doch nicht weit genug , daß ihn Dionys nicht finden könnte , wenn er ihn wieder bei sich haben wollte ; und ich sehe nicht , warum sein Besuch bei einem alten Bekannten ( der überdieß noch von seiner Jugend her ein erklärter Verehrer der Regierungstalente dieses Fürsten ist ) ihm den mindesten Verdacht zuziehen könnte . Möge Dionysius noch lange vor allen andern Anschlägen so sicher seyn , als vor denen , die in Aristipps Hause gegen ihn geschmiedet werden ! Es sind nun über fünfundzwanzig Jahre , daß ich mit Philisten zu Syrakus ( wohin ich , wie du weißt , den Sophisten Hippias begleitete ) zufälligerweise bekannt wurde . Damals stand er bei dem sogenannten Tyrannen noch in Gunsten , und schien Geschmack an mir zu finden : aber weder meine Absichten noch die Kürze meines Aufenthalts gestatteten mir ein näheres Verhältniß mit ihm anzuknüpfen , und ich gestehe daß ich ihn in der Folge gänzlich aus meinem Gesichtskreis verlor . Demungeachtet erkannten wir einander wieder , als er vor einigen Monaten ohne alle Vorbereitung bei mir erschien , und sich mir , unter dem Titel eines alten Bekannten , als Philistus des Archomenides Sohn von Syrakus ankündigte . Da er überall im Ruf eines Mannes von Geist und Talenten steht , und unläugbar einer der vorzüglichsten und gebildetsten unsrer Zeitgenossen ist , so wirst du dich eben so wenig wundern , daß er hier allgemeinen Beifall findet , als daß sich nach und nach eine Art von Freundschaft zwischen ihm und mir entsponnen hat , so vertraut als sie zwischen dem planlosen Weltbürger Aristipp und einem ehrgeizigen Syrakusischen Eupatriden möglich ist , der ( wie es scheint ) nie vergessen wird , daß seine Geburt , sein Vermögen , die wesentlichen Dienste , die er dem Dionysius geleistet und seine Verbindung mit einer Bruderstochter desselben , ihn zu Erwartungen berechtigten , die mit seiner schon so lange dauernden Verbannung in einem sehr unangenehmen Mißverhältniß stehen . Bei allem dem hat er sich selbst so sehr in seiner Gewalt , daß diese unfreiwillige Auswanderung das Werk seiner eigenen Wahl zu seyn scheint ; und allenthalben , wo die Rede von dem Zustand seines Vaterlandes und der Regierung des Dionysius ist , spricht er darüber so unbefangen mit , daß niemand , der von seinen Verhältnissen nicht genau unterrichtet ist , weder in seinem Ton , noch in seiner Miene das geringste , was einen Mißvergnügten verriethe , gewahr werden kann . Daß er sich gegen mich , wenn wir ohne Zeugen von diesen Dingen sprechen , für jenen Zwang ein wenig entschädigt , ist natürlich ; indessen kann ich dich versichern , er müßte entweder der verdeckteste und undurchdringlichste aller Menschen seyn ( was von einem so feuervollen Sicilier kaum zu glauben steht ) , oder er ist fest entschlossen , da alle bisherigen Versuche , den nichts verzeihenden Herrn zu seiner Zurückberufung zu bewegen , fruchtlos abgelaufen sind , sich nun vollkommen leidend zu verhalten , und den Zeitpunkt ruhig abzuwarten , der seinem Schicksal vermuthlich eine andere Wendung geben wird . Philist ist ein so angenehmer Gesellschafter , daß es nur von ihm abhinge , zu Cyrene ein so müßiges und üppiges Leben zu führen als eure ausgemachtesten Sardanapale zu Korinth und Syrakus . Er hat aber in seiner Jugend schneller gelebt als rathsam ist , und scheint nun mit seinem Rest etwas behutsamer haushalten zu wollen . Er theilt sich nur gerade so viel mit , als nöthig ist sich bei meinen gastfreundlichen Mitbürgern von der ersten Classe in Credit zu erhalten , und hat die Uebereinkunft mit ihnen getroffen , sich monatlich nicht mehr als sechsmal einladen zu lassen ; so daß er , wenn jeder einmal an die Reihe kommt , gerade ein volles Jahr braucht , um bei allen herumzuzechen . Seine meiste Zeit bringt er in meiner Akademie zu , wo ich ein eigenes Cabinet für ihn habe zubereiten lassen , um in der Nähe der Bibliothek ungestört an der Fortsetzung seiner Geschichte von Sicilien arbeiten zu können , die seit zwanzig Jahren seine Lieblingsbeschäftigung ist , wiewohl wir sie mehr seiner Verbannung aus dem schönsten Lande der Welt , als seiner Liebe zur historischen Muse zu danken haben mögen . Vermuthlich kennst du die neun Bücher dieses Werkes , welche bereits in den Händen der Bibliopolen sind , und wovon die beiden letzten die Geschichte der Regierung des Dionysius von der dreiundneunzigsten bis zur hundertsten Olympiade enthalten . Man findet , wie ich höre , zu Athen lächerlich , daß Philistus , ohne den Geist , den Scharfblick und die Stärke des Thucydides zu besitzen , sich vermesse , seinen Styl , seine scharfen Umrisse , seine Trockenheit und nervige Kürze , und , wo es ihm damit nicht recht gelingen wolle , wenigstens seine Dunkelheit nachzuäffen . In der Akademie aber soll ihm hauptsächlich zum Verbrechen gemacht werden , daß er , wenigstens in den Büchern die den Dionysius betreffen , die Heiligkeit der Geschichte durch eine vorsetzlich verfälschte Darstellung der Begebenheiten verletzt und allen parasitischen Kunstgriffen aufgeboten habe , den Lastern des Tyrannen die Farbe der Tugend anzustreichen , seinen schlechtesten und grausamsten Handlungen edle Beweggründe und Absichten unterzulegen , und , kurz , den hassenswürdigsten Unterdrücker seines Vaterlandes der Nachwelt ( wenn anders sein Buch so lange leben könnte ) für das Modell eines vortrefflichen Fürsten aufzuschwatzen . Meiner Meinung nach geschieht Philisten durch die erstern Vorwürfe weniger Unrecht als durch die letztern . Wenn ich nicht irre , so hat er in den sieben ersten Büchern , worin er das Denkwürdigste der Geschichte Siciliens von der fabelhaften und heroischen Zeit an bis auf die Regierung Gelons und die Wiederherstellung der Oligarchie zusammenfaßt , mehr den Herodot , in der Erzählung der Begebenheiten und Thaten des Dionysius hingegen mehr den Thucydides zum Muster genommen : da er aber keinen von beiden zu erreichen vermochte , hätte er allerdings besser für seinen Ruhm gesorgt , wenn er alles , was ihm das auffallende Ansehen eines Nachahmers gibt , vermieden , und falls er nicht Kunst genug besaß , Herodots naive und angenehm unterhaltende Darstellungsgabe mit dem tiefblickenden Verstand und der scharfen Urtheilskraft des Thucydides auf eine ungezwungene , ihm eigenthümlich scheinende Art zu vermählen , sich lieber begnügt hätte , uns seine Geschichten mit Ordnung , Klarheit und möglichster Anspruchlosigkeit zu erzählen . Aber um dieß zu können , ja , um es nur zu wollen , hätte Philist - der auch als Geschichtschreiber glänzen und mit den ersten in diesem Fache wetteifern wollte - nicht Philist seyn müssen . Wir wollen ihm dieß nicht zumuthen : aber dafür mag er auch für alles büßen , was er als Philist sündiget . Leichter und ( meiner Ueberzeugung nach ) mit besserm Grunde wird er von dir und mir von dem , was in den Beschuldigungen der Platoniker das Verhaßteste ist , losgesprochen werden ; denn , so viel ich weiß , sind wir beide über das , was an dem alten Dionysius zu loben und zu tadeln ist , ziemlich einverstanden . Der Tyrann ( wie er sich nun einmal schelten lassen muß , da seine Feinde die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen gewußt haben ) hat vor vielen Jahren das ungeheure Verbrechen begangen , sich über den göttlichen Plato , der ihn auf eine etwas linkische Art zu seiner Philosophie bekehren wollte , in seiner mitunter ziemlich sarkastischen Manier lustig zu machen , und , da sein sauertöpfischer Verehrer Dion durch eine übelverstandene Zudringlichkeit aus Uebel Aerger machte , den Philosophen allerdings unsanfter als recht war nach Hause zu schicken . Das konnte freilich nie verziehen noch vergessen werden ! Einer solchen Unthat war nur ein Abschaum der unmenschlichsten Laster fähig ! Die Feinde des Tyrannen konnten ihm nun nachsagen was sie wollten , das Aergste schien immer das Glaublichste . Mit Einem Worte , Dionysius wurde in der Akademie zu Athen zum Ideal eines Tyrannen erhoben , und es ist kein Zweifel , daß Plato , indem er im neunten Buch seiner Republik den vollständigen Tyrannen mit den häßlichsten Zügen und Farben eines moralischen Ungeheuers darstellt , ein getreues Bild des Dionysius aufgestellt zu haben glaubt . Wir beide , und viele andre , die , wie wir , weder Böses noch Gutes von diesem Fürsten empfangen haben , wissen indessen sehr gut , wie übertrieben und unbillig der schlimme Ruf ist , den ihm seine Sicilischen Feinde und die allzuheißen Anhänger des göttlichen Plato unter den übrigen Griechen gemacht haben , und um so leichter machen konnten , da der große Haufe schon voraus geneigt ist , von jedem , der sich der Alleinherrschaft über einen oligarchischen oder demokratischen Staat zu bemächtigen weiß , das Schlimmste zu denken und zu glauben . Dionysius kämpfte lange gegen dieses allgemeine , und ( insofern ein Vorurtheil gerecht genannt werden kann ) nicht ganz ungerechte Vorurtheil . Da aber weder die Befreiung Siciliens von dem Joch und den Verheerungen der Karchedonier , noch der Wohlstand , worin sich diese Insel unter seiner Oberherrschaft befindet , und sein Bestreben jede wesentliche Pflicht eines klugen und thätigen Regenten zu erfüllen , vermögend war , den Mangel eines unbestrittnen Rechtes an die eigenmächtig aufgesetzte Krone in den Augen der Menge zu rechtfertigen ; da ihm alle seine Verdienste , alle seine Bemühungen , das Vertrauen und die Liebe der Syrakusier zu gewinnen , nichts halfen , und eine Strenge , die nicht in seinem natürlichen Charakter ist , endlich das einzige Mittel war , ihm vor den unermüdeten Anfechtungen seiner heimlichen und erklärten Feinde Ruhe zu verschaffen , kurz da man ihn wider seinen Willen nöthigte , seinen bösen Ruf gewissermaßen zu rechtfertigen , und er gern oder ungern den Tyrannen spielen mußte , weil man ihm nicht erlauben wollte ein guter Völkerhirt zu seyn : ist der Geschichtschreiber , der seinen Talenten und Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren läßt , nicht vielmehr Lobes als Tadels werth ? Und wenn er auch das volle Licht nur auf die schöne Seite seines Helden fallen läßt , wenn er dem Zweideutigen die vortheilhafteste Wendung gibt , und wie ein geschickter Bildnißmaler , alles was sein Bild nur verunzieren würde , entweder ganz verbirgt , oder wenigstens nach den Regeln seiner Kunst mit schwächern oder stärkern Schatten bedeckt : kann man dem Bildniß darum alle Aehnlichkeit absprechen ? und hat der Geschichtschreiber darum allen Glauben verwirkt , weil er uns von einem der merkwürdigsten Männer unsrer Zeit , von welchem seine Feinde lauter grausenhafte und mit der schwärzesten Galle übersudelte Zerrbilder in der Welt verbreitet haben , bloß die glänzende Seite zeigt ? Eine vollkommen unparteiische , weder verschönerte noch absichtlich oder leidenschaftlich verfälschte Geschichte dieses Mannes dürfen wir von keinem Zeitgenossen erwarten : aber die Nachwelt wird das Wahre ( wenn es ihr anders darum zu thun ist ) desto gewisser zwischen dem , der zu viel Gutes , und denen , die zu viel Böses von ihm gesagt , in der Mitte finden können . Da Philist mir von Zeit zu Zeit ein Stück der Fortsetzung , an welcher er arbeitet , vorliest , so fehlte es nicht an Gelegenheit , aus seinem eignen Munde zu hören , was er zu seiner Rechtfertigung gegen die ihm sehr wohl bekannten Vorwürfe , die man seiner Geschichte macht , vorzubringen hat . » Glaubst du ( sagte er mir einsmals ) an eine ganz unparteiische und durchaus wahre Geschichte von Begebenheiten deren Augenzeugen wir gewesen sind und an denen wir selbst unmittelbaren Antheil genommen haben ? Ich nicht . Gesetzt auch , was doch selten der Fall ist , der Erzähler habe von Verschweigung oder Verfälschung der Wahrheit weder Vortheil zu hoffen noch Schaden zu befürchten , und sey fest entschlossen alle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu schreiben ; gesetzt ( was wenigstens eben so selten ist ) er habe alles , was er erzählt , selbst gesehen oder selbst gethan und gelitten , oder doch von vollkommen glaubwürdigen Personen ( dergleichen es vielleicht noch nie gegeben hat ) selbst aufs genaueste erkundiget ; gesetzt endlich er sey ( was ich geradezu für unmöglich erkläre ) in dem , was er von sich selbst zu berichten hat , von allem Einfluß der Eigenliebe und Eitelkeit so frei und rein wie ein noch ungebornes Kind - alle diese unerläßlichen und doch kaum irgend einem Sterblichen zugeständlichen Voraussetzungen als richtig angenommen , stehen uns doch noch zwei schlechterdings nicht wegzuräumende Hindernisse im Wege , um derentwillen es ewig unmöglich bleiben wird , eine ganz wahre , ganz zuverlässige Geschichte einer Reihe von Begebenheiten und Handlungen , die wir selbst gesehen haben , zu schreiben . Das erste dieser Hindernisse ist , daß es kein Mittel gibt , unmittelbar in das Innerste der Menschen zu schauen , und die Entstehung ihrer Gesinnungen und Leidenschaften , Entwürfe und Absichten , und alles was sie sich selbst von den Beweggründen und Tendenzen ihrer Handlungen bewußt sind , ohne ein verfälschendes Medium in ihrer Seele zu lesen . Aus Mangel eines solchen Sinnes bleiben die wahren Ursachen der Begebenheiten in ihren reinen Verhältnissen mit den Wirkungen immer zweideutig und ungewiß ; das äußerlich Geschehene liegt wie ein unaufgelöstes Räthsel vor uns , und der Geschichtschreiber , der den Verstand seiner Leser zu befriedigen wünscht , sieht sich genöthigt zu den Künsten des Wahrsagers , Dichters und Malers seine Zuflucht zu nehmen . Aber auch ohne dieses Hinderniß wird es ihm schon allein dadurch unmöglich ganz wahr zu seyn , daß er , unvermögend sich selbst aus dem festen Punkt seiner Individualität herauszurücken , Personen , Handlungen und Ereignisse niemals sehen kann wie sie sind , sondern nur wie sie ihm , aus dem Gesichtspunkt woraus er sie ansieht , erscheinen . Ueberzeugt von allem diesem , sagte ich , als ich mich entschloß die Geschichte des Dionysius zu schreiben , zu mir selbst : da du keine Milesische Fabel , sondern Dinge , die unter deinen Augen geschahen und bei denen du selbst keine unbedeutende Rolle spieltest , erzählen willst , so ist es allerdings deine Pflicht , so wahrhaft zu seyn als dir nur immer möglich ist ; aber zum Unmöglichen bist du nicht verbunden . Du konntest nicht alles sehen , nicht allenthalben seyn ; und wie ernstlich du auch unparteiisch seyn wolltest , du kannst es nicht seyn ! Du bist weder ein Gott noch ein Platonischer Mensch , sondern Philistus , Archomenides Sohn , ein Verwandter , Freund und Gehülfe des Mannes , dessen Geschichte du erzählen willst , und es geziemt dir , die Personen und Begebenheiten so darzustellen , wie sie dir unter allen den Verhältnissen , worin du mit ihnen standest , erschienen und erscheinen mußten . Nur so kannst du wahr und mit dir selbst einig seyn , gesetzt auch daß du öfters getäuscht wurdest . Der unfehlbarste Weg , die Welt mit einer ungetreuen und verschrobenen Erzählung zu belügen , wäre , wenn du aus dir selbst herausgehen , und , unter dem Vorwand desto unparteiischer zu seyn , einen Gesichtspunkt , aus welchem du die Dinge nicht gesehen hättest , aber gesehen zu haben schienest , erdichten wolltest . Dieß , Aristipp , ist der Kanon , nach welchem ich die Geschichte , über die so viel Schiefes und Leidenschaftliches zu Syrakus und Athen gesprochen wird , gearbeitet habe , und nach welchem allein ich mit Billigkeit beurtheilt werden kann . Auch keiner meiner Richter ist unparteiisch ; er ist , seiner eignen Sinnesart und Vorstellung zufolge , mehr oder weniger geneigt , den Dionysius und seinen Geschichtschreiber in einem günstigen oder ungünstigen Lichte zu sehen ; und diese uns selbst oft verborgene , von den Sachen ganz unabhängige Zu- oder Abneigung besticht unser Urtheil viel öfter als der große Haufe glaubt . Mein Wille war , gerecht gegen Dionysius zu seyn ; aber da ich ihn liebte und seine Erhebung zum Theil mein Werk war , so wär ' es Vermessenheit , wenn ich läugnen wollte , daß dieser zweifache Umstand gar keinen Einfluß auf die Zeichnung , Färbung und Haltung meines Gemäldes gehabt habe : denn wenn ich alles , was in seinem Charakter und in seinen Handlungen zweideutig ist , zu seinem Vortheil deutete , glaubte ich auch hierin bloß gerecht zu seyn . Uebrigens gestehe ich zwar , daß mir im Schreiben der Gedanke öfters kam : Dionysius , wenn er in meiner Geschichte auch nicht die leiseste Spur einer durch sein hartes Verfahren gegen mich gereizten Empfindlichkeit entdecken könnte , würde sich desto eher bewogen finden , mir seine Gunst und sein Vertrauen wieder zu schenken : aber wenn ich das Gegentheil auch vorausgesehen hätte , würde ich doch , um meiner selbst willen , nicht das Geringste geändert oder weggelassen haben . « Mich däucht , Learch , es ist in dieser Erklärung Philists etwas Offenherziges , das für eine Art Ersatz dessen , was seiner Rechtfertigung abgehen mag , gelten kann . Uebrigens ist , wie gesagt , sein ganzes Betragen so beschaffen , daß ich nichts zu wagen glaube , wenn ich mich , falls es gefordert würde , dafür verbürgte , daß er mit nichts umgeht , was zu dem mindesten Argwohn Ursache geben könnte . Wär ' es anders , so hätte er zu Bearbeitung irgend eines dem Dionysius unangenehmen Anschlags keinen ungeschicktern Ort als Cyrene wählen können . Er wird , ungeachtet des guten Zutrauens so man ihm zeigt , sehr genau beobachtet , und es ist den Cyrenern zu viel an ihren Handlungsverhältnissen mit Syrakus gelegen , als daß sie die Gunst eines Fürsten , den noch niemand ungestraft beleidigt hat ,