ihm , daß die sämmtlichen vier Chorschüler nach der Kreisstadt zu gehen dächten , um in die Landwehr einzutreten , daß er sie übermorgen , da die Kirche voll Kranker liege , zu diesem Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzusegnen wünsche , und daß er den Freiherrn anfrage , ob es ihm möglich sei , den jungen Leuten das Geld zu ihrer Ausrüstung zu geben , widrigenfalls er ihn ersuche , ihm einen Theil seines rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen , damit er , so viel an ihm sei , für die Bewaffnung seiner bisherigen Zöglinge sorge . Er meldete zugleich , daß aus allen drei Dörfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem Könige stellen , daß sie unter Adam Steinert ' s Führung , der gleichfalls in das Feld ziehe , sich auf den Weg machen würden , und daß der Pastor in Neudorf deßhalb auch eine religiöse Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe veranstalten werde . Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit , sich zu fassen . Die Welt wurde ihm fremd . Die Worte : Volkserhebung , Volkskrieg , Volkswille , die ihm von Frankreich her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen , wurden von dem ältesten Genossen seines Lebens anerkennend gebraucht , wurden jetzt unter seinen Augen , wenn auch in veränderter Gestalt , zu einer Wahrheit , und sie erschreckten ihn . Er sah um sich her ein Geschlecht , eine Zeit , eine Welt erstehen , in welcher er besorgen mußte , seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu können , und ein Traum , den er einst gehabt , kam ihm plötzlich in die Erinnerung zurück . Er hatte einmal geträumt , daß er an einem Sommertage schlafend in einem Saatfelde gelegen , und die Saat war gewachsen und in Aehren geschossen und die Halme waren hoch und immer höher geworden , bis sie über ihm zusammenschlugen wie ein wallendes Meer , aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das ihn endlich doch in seinen Wellen begrub . Jetzt schoß eine solche Saat empor und ihre Halme schlugen über ihm zusammen . Er fühlte sich vereinsamt und gebeugt , aber er durfte dem Freunde nicht verweigern , was dieser mit Recht begehren konnte , und er mußte sich mit Widerstreben eingestehen , daß er diese Volkserhebung , der er sich im tiefsten Innern abgeneigt fühlte , daß er diesem Kriegsunternehmen , welches er als ein unglückliches und hoffnungsloses ansah , seinen Beistand leihen , daß er sich dem allgemeinen Wollen , der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur Ausrüstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse , wenn er nicht dazu gezwungen werden , wenn er nicht auf die Achtung fast aller seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle . Er hatte wenig baares Geld im Vorrathe , und es war überall nicht leicht , in diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen . Nachdenklich stand er vor dem Schranke , in welchem er die Werthgegenstände des Hauses aufbewahrte . Er sah die Schmuckkästchen an , welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehört hatten , und nahm dasjenige in die Hand , das einst zur Hochzeit für die Gräfin Angelika angefertigt worden war . Ohne recht zu wissen , was er damit wollte , öffnete er es . Der ganze , prächtige Schmuck lag noch darin , er sah ihn wohlgefällig an , die Brillanten funkelten im Sonnenlichte . Sie sprachen zu ihm von fernen Tagen . Es war ihm zu Muthe wie einem Gläubigen vor einem Heiligenschreine , und doch überkam ihn eine Art von Unruhe , von Angst vor seinem Denken und vor seinem Wollen . Er hielt den Kasten gegen das Fenster , um der Schönheit des Schmuckes recht inne zu werden . Es fehlt kein Stein ! sagte er , und das Etui vorsichtig verschließend , setzte er es an die gewohnte Stelle zurück und ging , Vittoria aufzusuchen . Er mochte nicht mit sich allein sein , er war auch nicht in der Verfassung , jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen . Vittoria war nicht in ihrem Zimmer . Der warme Sonnenschein hatte sie mit ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt . Die Wärterin meinte , die Frau Baronin müsse bald wiederkehren , da die Mittagszeit Valerio ' s nahe sei . Der Freiherr schickte sie fort , ihre Herrin und das Kind zu holen , und setzte sich auf das Sopha nieder . Es war Vittoria ' s gewöhnlicher Platz . Er wußte nicht recht , was er dachte , aber es lag eine tiefe Traurigkeit über seiner Seele . Er wünschte , Vittoria zu sehen , er wollte sie bitten , ihm etwas vorzusingen , er hatte Lust , den Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus . Freilich hatte die Wärterin sie erst suchen zu gehen , und sie wußte nicht , nach welcher Seite sie gegangen waren , indeß das Warten machte ihn doch ungeduldig . Er griff nach einem Buche , das auf dem kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha ' s lag . Vittoria hatte ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schränkchen aufbewahrt ; sie hing an diesem kleinen Besitze mit großer Liebe ; es durfte Niemand daran rühren , sie trug den kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust . Heute jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen ; der Entschluß , auszugehen , mochte ihr wohl plötzlich gekommen sein , und sie mußte in ihrer Lebhaftigkeit des Schlüssels vergessen haben . Der Freiherr , in müßigem Warten , wollte statt ihrer das Schränkchen zuschließen , indeß es widerstand etwas darin . Er öffnete die Thüre , einige Blätter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten . Als er sie auf die Seite schieben wollte , fiel ihm eine goldene Kapsel auf , die er nie bei Vittoria gesehen hatte . Arglos nahm er sie zur Hand , und blieb regungslos vor dem kleinen Schranke stehen . Eine reiche , schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel ein . » Der Seele meiner Seele ! « war in italienischer Sprache in den kleinen Mittelraum hineingeschrieben . Die andere Seite wies das Bildniß eines schönen Mannes in militärischer Kleidung - und der Freiherr kannte diesen Mann . Es war Graf Mariano , der Oberst der italienischen Nobelgarde , der nach dem ersten Kriege Monate lang als Verwundeter im Schlosse und dem Freiherrn ein willkommener Gesellschafter und Gast gewesen war . Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Greises . Er raffte eilig zusammen , was er von Papieren vor sich liegen fand , und verließ das Gemach . Im Vorsaale kam ihm Vittoria entgegen , und der Knabe lief auf ihren Antrieb auf ihn zu . Er stieß ihn von sich , daß das Kind zur Erde fiel . Was ist geschehen - im Namen Gottes , was ist geschehen ? rief Vittoria , da sie die Verstörtheit ihres Gatten bemerkte ; aber er antwortete ihr nicht . Die Papiere und die Kapsel , welche sie in seiner Hand sah , sagten ihr Alles . Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort , Vittoria blieb mitten in dem Vorgemache stehen . Ihr Kopf hob sich stolz in die Höhe , ihre Brust athmete tief ; trotz ihrer kleinen Gestalt sah sie mächtig aus , mächtig und entschlossen , und wie von einer schweren Last befreit , rief sie : Endlich ! Jetzt endlich bin ich frei ! Fünftes Capitel An dem Sonntage , welcher diesen Ereignissen folgte , segnete der Caplan in seinem Zimmer seine Chorsänger und einen katholischen Diener des Freiherrn für ihren Feldzug ein und ertheilte ihnen das Abendmahl . Man betete auch für den jungen Freiherrn und für das ganze freiherrliche Haus , aber es war Niemand vom Schlosse dabei zugegen . Der Freiherr hatte dem Caplan einen Theil seines Gehaltes und die gewünschte Beisteuer gesendet , die Baronin war eines Tages ganz plötzlich in die Pfarre nach Rothenfeld gekommen und am anderen Tage , trotz ihrer Scheu vor der im Dorfe verbreiteten Krankheit , noch einmal wieder dahin zurückgekehrt . Den Freiherrn sah man nicht . Es hieß , die Schlaflosigkeit , an der er vor langen Jahren schon einmal gelitten , habe ihn wieder befallen , aber er verweigere , ärztliche Hülfe zu nehmen , obschon er krank aussehe und stundenlang in den Sälen des Schlosses oder , wenn es dunkele , in den Gängen des Parkes umherwandere . Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand , weil auch in Neudorf die Kirche voller Kranken lag , auf dem Kirchhofe unter freiem Himmel Statt . Aus allen Kirchspielen und Dörfern der Umgegend waren sie gekommen , Männer jedes Alters und Standes , die Frau an ihres Gatten Seite , der Bräutigam am Arme seiner Braut , die Eltern mit ihrem kaum zum Jünglinge herangereiften Sohne . Die Einen waren schon vollständig bewaffnet , den Andern fehlte die Waffe noch , aber das Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todesmuthigen Entschlossenheit war Allen gemeinsam , dem Manne wie dem Weibe , den Greisen wie den Jünglingen , den Fortziehenden wie den Zurückbleibenden . Jeder wußte , daß er das Seinige thun müsse in der großen Zeit , und die beiden Männer , der Hauptmann und der Lieutenant der Landwehr , welche in dieser Gegend die Erhebung geleitet und die gemeinsame Einsegnung veranlaßt hatten , sahen in ihren Offiziers-Uniformen nicht am wenigsten gefestet aus . Es war am späten Nachmittage , und der Schatten der Eingesegneten , die sich still und feierlich entfernten , fiel schon lang über den frisch ergrünenden Rasen hin , als der ältere der beiden Offiziere , ein großer , starker Mann , das Landwehrkreuz an seiner Mütze , sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete . Er mochte der Mitte der Fünfziger nahe sein , ein sechszehnjähriger , gleichfalls bewaffneter Sohn ging an seiner Seite , einen heranwachsenden Knaben führte seine Frau an ihrer Hand , seine Tochter hing an seinem Arme . Die Leute traten von allen Seiten an ihn heran , ihm zum Abschiede die Hand zu geben . Leben Sie wohl , Herr Amtmann , sagten die Alten , die ihn noch im Dienste des Freiherrn gekannt hatten . Leben Sie wohl , Herr Steinert ! riefen die Jungen ; kommen Sie uns gesund wieder nach Hause ! Gott erhalte Sie , Gott erhalte Ihnen auch den jungen Herrn ! Er schüttelte dem Einen die Hand , er klopfte dem Andern auf die Schultern . Auf Wiedersehen , auf Wiedersehen ! entgegnete er ; und wenn in Marienfelde etwas vorfallen sollte , meine Frau weiß sich wohl zu helfen - aber springt doch zu ! Verlassen Sie Sich darauf ! Sie haben ja auch die Zeit her immer zu uns gehalten , und wir zu Ihnen ! Verlassen Sie Sich darauf , Herr Steinert ! erscholl es wie aus Einem Munde . Die Frau hob die Augen auf und wollte lächeln , aber ihr Schmerz war doch noch größer , als ihr opferfreudiger Wille . Die Thränen rollten ihr über das noch blühende Gesicht , und sie bewegte im Unwillen gegen ihre Schwäche das Haupt , die schweren Tropfen unmerklich abzuschütteln . Herr Amtmann , sagte ein alter Bauer , die Mütze in der Hand , wenn Einem von den Unseren hier - Sie kennen sie ja alle - was Menschliches begegnet - meine zwei Söhne und mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei .... Er konnte nicht weiter sprechen . Ich behalte sie alle im Auge , so gut wie meinen Jungen da , versicherte Steinert . Ich melde Euch , wie es mit uns Allen steht ; geht nur zu meiner Frau , da werdet Ihr ' s erfahren ! Und nun lebt wohl ! Wir stehen überall in Gottes Hand . - Lebt wohl ! Er hatte Mühe , sich loszumachen und mit Frau und Kindern seinen am Kirchhofthore wartenden Wagen zu erreichen . Als er einsteigen wollte , blickte er noch einmal zurück . Es lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinert ' s nahe am Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Linden - denn die uralten Bäume hatten die Russen niedergehauen - Steinert ' s Vater und Mutter und sein ganzes , ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen Rasen beisammen . - Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen , oder wo wird uns die Todesstunde schlagen ? fragte er sich unwillkürlich . Aber er sprach es nicht aus , und obschon die Seinigen ihn erriethen und Aller Augen sich feuchteten , hielten Alle sich still und aufrecht ; sie durften einander die Herzen nicht erweichen . Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück ? fragte die Frau , als sie bemerkte , daß der Bursche , dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte , es noch am Zügel führte , und es war eine Selbstüberwindung für sie , daß sie an etwas Anderes und an einen Andern dachte , als an ihren Mann und ihren Sohn und ihren Schmerz . Der Hauptmann wird uns nachkommen , laßt ihn gehen ! entgegnete Steinert , und sie fuhren von dannen , während der Mann , von dem sie gesprochen hatten , sich nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte , die mächtige Gestalt hoch aufgerichtet , langsam über den Rasen herging . Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen , und es hatte ihn nicht danach gelüstet , in das Vaterland zurückzukehren , so lange die Franzosenherrschaft im Lande noch mächtig gewesen war . Er hatte es auch nicht wagen dürfen , denn der Blutbann schwebte über ihm , seit er bei dem Uebergange über die russische Grenze den französischen Commissär erschossen hatte . Aber ihn dünkte , als läge dieses Ereigniß weit , sehr weit hinter ihm , denn er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt . In der Nähe der nach Rußland geflüchteten deutschen Vaterlandsfreunde und unter ihrer Leitung mitwirkend für die Beförderung ihrer Zwecke , hatte er in der vielbewegten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen und benutzen können , seine und des Flies ' schen Hauses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu machen , und während er selbst seinen Besitz vergrößerte , seine Anschauungen erweiterte , den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte , hatte er unter des Hauptmanns von Werben Leitung , der , wie viele andere deutsche Offiziere , in russische Dienste getreten war , sich diejenigen militairischen Kenntnisse anzueignen gesucht , die ihn befähigen konnten , bei dem sich bietenden Anlasse für die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten . Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen , und bei der großen , den Krieg vorbereitenden Thätigkeit , welche in der Hauptstadt Preußens sich fast noch unter den Augen der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben der gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschließen aller Behörden so einmüthig und ruhmwürdig zusammenfiel , daß sie endlich die zagende Unentschlossenheit des Königs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung fortrissen , waren die unermüdliche Arbeitskraft und die schnelle Uebersicht eines geschäftskundigen Mannes recht an ihrem Platze gewesen . Wo man seiner bedurfte : bei den Ankäufen für die Ausrüstung , bei der Controle der eingehenden Beiträge , bei der Beschaffung der nöthigen Capitalien , überall war Paul zu uneigennütziger Hülfe bereit ; und als man schließlich daran ging , die Landwehr aufzubieten , war er wieder der Ersten Einer gewesen , die das bürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke , die Feder mit dem Degen vertauscht und das Kreuz an ihre Mütze geheftet hatten , um in dem ihm von den oberen Behörden angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert , der zu den treuesten und eifrigsten Vaterlandsfreunden zählte , das Zusammentreten , die Ausrüstung , die erste Einübung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen . Es war nicht Paul ' s Wahl gewesen , daß er eben in diesen Theil der Provinz gekommen war , an den sich keine erfreulichen Erinnerungen für ihn knüpften . Indeß er war es nicht gewohnt , seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben , wo es eine Pflichterfüllung galt , und die Arbeit , welche auf ihm und Steinert lag , war so gewaltig , der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr in Anspruch , jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen , stellte so viel neue Nothwendigkeiten heraus , denen rasch begegnet werden mußte , daß Paul während aller der Tage , die er unter Adam ' s Dach verweilte , nicht viel an sich selber denken konnte . Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf , Rothenfeld und Richten , doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmuth in seinem vom Leben geprüften Herzen auf , gegen die er sich vergeblich sträubte . Es half ihm nicht , daß er sein Verlangen , die Stätten wiederzusehen , die sein Fuß als Kind betreten hatte , eine müßige Neugier schalt . Er wußte , daß keine Spur mehr vorhanden sei von dem Hause , in welchem er geboren worden war , in welchem er mit seiner Mutter gelebt hatte . Es rief ihn keines Menschen Liebe , keiner Eltern Zärtlichkeit , kein Bruder , kein Jugendgespiele nach der Heimath seiner Kindheit zurück . Er trug auch kein Verlangen , den stolzen Bau zu sehen , den sein Vater über der Stätte aufgerichtet hatte , auf welcher seiner armen Mutter das Herz gebrochen worden war ; aber es bewegte ihm doch die Seele , als er an dem schönen Frühlingstage an der Spitze der kleinen , kampfbereiten Schaar in Neudorf einritt , als er auf demselben Kirchhofe , der seiner Mutter Reste in sich schloß , zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich und seine Gefährten aussprechen hörte . Der Kirchhof war nicht groß , er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke , in welcher , fern von den Gräbern der Glücklicheren oder der Muthigen und Geduldigen , die armen Ausgestoßenen gebettet lagen , die das Leben von sich geworfen hatten , weil es ihnen zu schwer geworden war . Die Hügel waren eingesunken . Kaum daß man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied . Ein paar kleine Holztafeln ragten nur wenig über dem Boden hervor , die Kosaken hatten vor einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt , es war Alles niedergetreten , nur ein paar eisenumgitterte Erbbegräbnisse , wie das der Steinert ' s , waren erhalten worden . Er bückte sich nieder , um zu sehen , ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein Name erkennbar sei ; aber der Regen hatte sie weiß gewaschen , die Hufe der Pferde sie zerschlagen , sie waren überhaupt nur übrig geblieben , weil die Kosaken die paar elenden Splitter des Auflesens nicht werth geachtet haben mochten , wo sie Bäume umzuschlagen gefunden hatten . Sinnend , die Arme über die Brust gekreuzt , das Haupt gesenkt , schaute Paul auf die kleine Scholle Erde nieder . Er fühlte ein tiefes Mitleid mit der Frau , die ihm einst das Leben gegeben hatte ; er hätte sie neben sich haben , sie lächeln sehen und ihr alle die Leiden , die sie gelitten , in Freuden verwandeln , durch Glück vergelten mögen . Arme , arme Mutter ! rief er unwillkürlich - und wie das Wort , das er seit langen Jahren nicht mehr ausgesprochen , sein Ohr berührte , fühlte er , was das Leben ihm und ihr versagt hatte , und ein paar große , schwere Tropfen fielen aus seinen dunklen Augen auf den Boden nieder . Es war das einzige Liebesopfer , das er der Mutter darzubringen vermochte . Als er aufblickte , stand der alte Bauer vor ihm , der seine Kinder dem scheidenden Steinert anempfohlen hatte . Er war dem fremden Offizier aus der Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet . Paul , in seine Gedanken versunken , wollte an dem Alten vorübergehen ; aber dieser , der nicht wußte , wohin er mit der eigenen , ihm ungewohnten Rührung sollte , hielt ihn zurück . Die Pferde sind darüber weggegangen , und über manches Christen Grab werden sie noch fortgehen , daß man seine Spur nicht findet , sagte er mit jener Feierlichkeit , die allen denen eigen ist , welche den Ausdruck für ihre Gefühle einzig aus der Bibel schöpfen . Paul blieb stehen ; es that ihm wohl , auf ein Zeichen des Mitgefühls zu stoßen . Er erkundigte sich bei dem Alten , ob er hier zu Hause sei . Als dieser es bejahte , fragte er , ob er ihm sagen könne , wo man vor Jahren des Jägers Mannert Tochter hier begraben habe . Der Bauer besann sich eine Weile , dann fing er zu zählen an . Hier , sprach er darauf , indem er auf einen der schwachen Hügel hinwies , hier , dieses ist ' s ; es war das fünfte Grab hier von der Mauer ! Paul blickte hin , es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran erkenntlich . Er wollte eine Frage thun , unterdrückte sie und konnte dem Verlangen endlich doch nicht widerstehen . Hatte das Grab denn kein Kreuz ? fragte er , weil es ihn zu wissen gelüstete , ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen letzten Liebesdienst geleistet habe . Ein Kreuz ? wiederholte der Bauer offenbar verwundert , sie hat sich ja in ' s Wasser gestürzt ! Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel - wer hätte ihr die setzen lassen sollen ? - Sie hatte nicht Vater , nicht Mutter , nicht Bruder , nicht Schwester ; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande , und der gnädige Herr ? - der Bauer zuckte , sich unterbrechend , die Schultern - damals freilich stand es noch sehr gut mit ihm . Aber als die Pauline sich in ' s Wasser stürzte , reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab , und hernach , wie sie im Garten aufgefischt wurde , waren die Eltern der gnädigen Frau , die Herrschaften von Berka , just im Schlosse . Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein . Da hatte man nur zu thun , daß die nichts davon erfuhren und daß der Leichnam im Stillen unter die Erde kam . Wem ging sie auch was an ? - Arme Mutter ! arme , arme Mutter ! rief Paul in seinem Innern , und noch einmal drängten die Thränen sich in seine Augen . Sich leise niederbeugend , legte er , ohne zu wissen , weshalb er ' s that , die Hand auf das junge , grüne Gras , das über seiner Mutter Asche neu emporwuchs . Dann wendete er sich ab . Er hatte Abschied genommen von der Todten , nun konnte er gehen . Der Bauer sah ihm verwundert zu . Er hatte so etwas noch nicht erlebt ; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen sehen , was vorher nicht dagewesen war . Mit Einem Male , wie er so neben dem Offizier her ging , schien ihm ein Gedanke zu kommen . Er sah zu ihm empor und wollte eine Frage thun , aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein Auge noch einmal auf seinen Begleiter , und es war in dem festen , strengen Blicke etwas , das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte , etwas , dem der Alte von früher Jugend auf gehorsamt hatte . Er zog den Hut ab und blieb voll Ueberraschung stehen . Der Offizier grüßte ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen . Sein ganzer Gang ! sagte kopfschüttelnd der Alte , dem plötzlich die Bedeutung seines Erlebnisses klar zu werden anfing . Sein ganzes Gesicht , setzte er hinzu , da Paul , nachdem er zu Pferde gestiegen war , das Haupt noch einmal rückwärts wendete , sein ganzes Gesicht ! Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen , aber das eingesunkene , verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschüttert . Er meinte sich ihrer plötzlich auf das deutlichste zu erinnern , er meinte , sie vor sich zu sehen , wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden . Er glaubte , den Ton der Stimme zu vernehmen , mit welcher sie zu ihm gesprochen hatte , und das Verlangen , das fast jedem Menschen inne wohnt , das Verlangen , sich mit seinen Anfängen im Zusammenhange zu erhalten , ward in ihm so mächtig , daß er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Straße einschlug , auf welcher die große Rothenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente . Er kannte nicht Weg , nicht Steg . Das Dorf war ihm fremd , fremd auch die Menschen , die es bewohnten , und fremd war er Allen , die hier lebten . Hier und da standen ein paar Leute vor den Thüren und sahen zu dem Vorüberreitenden empor . Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben ; von ihm wußten sie nichts . An einem Fenster nähte ein junges Weib . So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster gesessen und auf den Weg hinausgesehen , auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen pflegte . Vor den Thüren spielten Kinder . Hatte er auch einst so gespielt , und wo waren sie geblieben , seine Spielgenossen ? Wer waren sie gewesen ? Er wußte sich keines solchen zu erinnern . Die Häuser sahen zum Theil verfallen aus ; auch die Leute schienen ihm armselig und verkommen , wenn er sie mit dem frischen , kräftigen Landvolke verglich , das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte ; nur die Kirche ragte stolz empor . Er wußte , daß sie bereits zum zweiten Male als Lazareth benutzt ward , und er dachte , daß sie auf diese Weise doch einem anderen , einem allgemeineren Zwecke diene , als der unfruchtbaren Selbstbefriedigung , zu welcher man sie einst errichtet hatte . Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn von Arten , durch Steinert und durch die Geschäfte des Flies ' schen Hauses die verwickelten Verhältnisse , in denen derselbe sich befand . Er hätte Hand anlegen , helfen mögen , daß so großer , so schöner Besitz nicht zu Grunde gerichtet , daß durch Fleiß und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen würde , wo thörichte Verschwendung , wo Unkenntniß und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen . Er begriff sich selber nicht , so schnell wechselten die Empfindungen und Gedanken in ihm ab . Er schalt sich über die Rührung , die ihn unwillkürlich überfiel , er tadelte sich , daß er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte , was er an dieser Stelle schaffen und leisten würde . Er hatte gewähnt , mit allen Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein , er hatte sich oft mit stolzer Zufriedenheit gesagt , wie es ein Glück für ihn gewesen sei , daß er losgerissen worden von dem trägen Stamme des Arten ' schen Geschlechtes , daß er sie nicht eingesogen , die Vorurtheile dieser alten Welt , und doch fühlte er heute den ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden , der einst aus den Worten seiner Mutter in ihn übergegangen war , als sie mit ihm zum ersten und letzten Male vor dem Schlosse seines Vaters gestanden hatte ; doch brannte heute die herbe , schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm auf , die er einst empfunden , als seines Vaters Blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet , jene zornige Leidenschaft , die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte . Wer hatte dem Freiherrn das Recht gegeben , seine Mutter zu verlassen ? Wer hatte ihm das Recht gegeben , seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stoßen und ihn seines Namens , seiner Heimath , seines Erbes zu berauben ? Thorheit , Thorheit ! rief Paul sich selber zu , als er diese Fragen , auf welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben , wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fühlte . Er wollte nicht weiter vorwärts , er sagte sich , daß er nichts zu suchen habe auf diesem Grund und Boden , und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte , dem derselbe angehörte . Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem Manne , der vor den Leuten nicht sein Vater sein mögen , losgerissen , und er dachte nicht im entferntesten daran , die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen . Aber es war , als sei ein Dämon aus dem Grabe seiner Mutter aufgestiegen , als habe ein Zauber ihm den festen Sinn verwirrt . Er konnte es nicht lassen - er mußte es wiedersehen , einmal mußte er es wiedersehen , das Schloß von Richten und den weiten Park , der es umgab . Der Weg war nicht schwer zu finden , der Freundschaftstempel auf der Margarethenhöhe zeigte ihn deutlich an . Ein Knabe , der dem stattlichen Landwehr-Offizier mit staunendem Blicke nachsah , war schnell herbeigewinkt , das Pferd zu halten , als Paul am Parke abstieg . Die breite Haupt-Allee that sich einladend vor ihm auf . Die Sonne war schon im Sinken , wie an dem Abende , da er diesen Park zum ersten Male betreten hatte . Die Gehege , welche ihn an dieser Seite einst umgeben hatten , waren zum Theil noch vorhanden , indeß die bunt gefleckten Hirsche mit den herrlichen Geweihen , die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten nicht mehr aus den Drahtgittern hervor . Das Unterholz war stark zugewachsen , man sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein .