liegen einige Beichtstühle allein und tief im Dunkeln . Es ist die einsamste und dem Andrang der Gläubigen gewaltigen , in manchen Tagen einem Marktplatz gleichkommenden Baues . Um den Schritt der Vorübergehenden zu dämpfen , liegen auf dem Fußboden Strohmatten ausgebreitet . Uralte Grabdenkmäler bedecken die eine von der Sakristei ausgehende Wand , hohe Bischofgestalten mit Krummstab und Mitra ; ihre Namen sind nur an sonnenhellen Tagen zu lesen , wie an jenem , wo an ihnen Pater Sebastus sich zu gewöhnen suchte , wie er , ein Meister des Worts , von einem größeren Meister , der nun auch wieder den seinigen gefunden , für einige Tage auf ein einfaches Ja und Nein gesetzt werden konnte . Nur der letzte dieser Beichtstühle , dem Hochaltare zu , ist allein von dem bunten Lichte des Fensters ein wenig erhellt , dem er zunächstliegt . Die beiden andern liegen so im Dunkeln , daß sowol die Seele , die hier sich aussprechen will , sich von aller Freude und allem Leid der Welt geschieden glauben kann , wie der hörende Priester von der ganzen Heiligkeit seines Berufs sich durchdrungen fühlen muß , soll ihn nicht , wie wol auch geschieht , gerade die Abgeschiedenheit dieser stillen Zwiesprache auf weltliche Gedanken führen ... Seit vier Monaten war es in diesem dunkeln Gange seltsam lebendig geworden . Die Bänke , die dem Beichtstuhl gegenüberlagen , wurden am Dienstag und Donnerstag Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allerersten Sonntagsfrühe von Beichtbedürftigen nicht leer . Soviel Stunden hatte man ausdrücklich von der Kanzel und durch Anschlag an die Kirchenthüren be- oder nur Neugierigen gerade entgegengesetzte Gegend des willigen müssen , um den Zudrang nur einigermaßen zu befriedigen ... Dieser galt nur dem ersten der der Sakristei nahe gelegenen Stühle ... Auf dem alterbraunen Holze saß seit vier Monden der neue junge Domherr , dem sogleich Ende September einige Messen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt gewonnen hatten . Die hohe Würde seiner Erscheinung , die Milde seiner niedergeschlagenen Augen , ihr Glanz , wenn er die langen schwarzen Wimpern erhob , die feierliche und wieder so natürliche Art seines Benehmens , der Wohlklang seiner Stimme , alles das hatte ihm sogleich den Antheil derer gesichert , die zunächst nur auf Aeußerliches sehen , vorzugsweise derjenigen Frauen , die auch in ihrem kirchlichen Leben gewohnt sind , immer nach » dem Rechten « zu suchen . Und zu denen dann , die nur vom Aeußerlichen sich angezogen und , wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt , sich fast magnetisch berührt fühlten , gesellten sich andere , die auch den Kern dieser lockenden Schale erquickend fanden . Sie mehrten sich von Tag zu Tage . Der junge vom Lande berufene und so schnell beförderte Priester fesselte durch den Geist seiner Vorträge ebenso wie durch den Schwung des Vortrags . Redete er , so waren das für Predigten bestimmte Vorderschiff und der Chor überfüllt . Vertheilte er den Leib des Herrn , so drängten sich die danach Begehrenden . Und bald auch , da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde , war sein Ohr belagert von denen , die das Bedürfniß der Buße und Sühne hatten . Die beiden andern Stühle waren nur in den Sonnabendnachmittagstunden mäßig besetzt ... So hochheilig das Sakrament der Buße gehalten wird , hängt es doch mehr als irgendeine andere Institution der Kirche von der Persönlichkeit des Priesters ab . Diese Kirche , die aus dem Gottesdienst alle Zufälligkeiten der Individualität entfernt wissen will , die ihre Erhabenheit auch darin findet , daß am Indischen Meerbusen und am Fuße der Cordilleren das Heiligste ebenso celebrirt wird , wie in einem Alpenthal der Schweiz oder in der Grabkapelle zu Jerusalem , muß im Beichtstuhl die Abhängigkeit ihrer Würde von den zufälligen Persönlichkeiten ihrer Priester ertragen . Sie kann schon die Aufforderungen , den Beichtstuhl häufig zu besuchen , nur zu Mahnungen , nicht zu absoluten Befehlen machen . Zum Stolz der Gläubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das Lächeln der Zweifelnden . Die Männer , ohnehin der Beichte abhold , da sie den Frauen eine das Glück der Ehe nicht eben mehrende Selbständigkeit gibt und in das innigste Selbander zweier Menschen einen oft räthselhaft spukenden Dritten eintreten läßt , hatten den Reiz zunächst nur in der Persönlichkeit des neuen Domherrn gefunden ; aber auch sie kamen . Sie kamen , um scheinbar zu bekennen ; doch erging es ihnen wie denen , die einst zu Johannes in die Wüste kamen . Sie hatten einen Sonderling erwartet , der Heuschrecken aß und in härenen Kleidern ging , und sie fanden Johannes , den edelsten der Bekenner , Johannes , der , selbst groß , selbst sich Gott verwandt fühlend , doch auf einen Freund , auf einen Jugendgenossen hinzeigen und sagen konnte : Der ist größer als du ! ... In der Geschichte des Geistes eines ihrer seltensten Kapitel . Gleich bei seinem Antritt hatte Bonaventura , der die in ihm entstandene gebrochene Stimmung seines Innern zu einer Aenderung seines Berufes nicht mehr ausbilden konnte , vom Kirchenfürsten aufbekommen , in seiner Antrittsrede den Text zu behandeln : Petrus , der im Oelgarten , als Judas mit den Herrschern der weltlichen Gewalt kam , dem Herrn sagte : Siehe , Herr , hier sind zwei Schwerter ! ... Im Sinne Roms ist das eine dieser Schwerter , das dem Knecht des Malchus ein Ohr abhieb , die seit zwei Jahrtausenden angestrebte auch weltliche Gewalt der Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche . Dies Thema war wie eine Versuchung . Viele weltliche Behörden wohnten der ersten Einführung des neuen Domherrn bei . Michahelles hatte darauf gerechnet , daß sich Bonaventura sogleich dem Geiste der beiden Schwerter Petri anschließen und für sich ein öffentliches Zeugniß ausstellen würde . Doch lobte später der Kirchenfürst selbst den jungen Priester um die geistliche Klugheit , daß er die verlockende Aufforderung , gegen die nachgeborenen , mit Titeln und Orden geschmückten Genossen des Judas Ischarioth zu reden , nicht in zu auffallender Form ergriff , sondern einen Mittelweg einschlug , der allerdings in der Theorie mehr sagen konnte , als der gegebene Text des Lucas sagen sollte , nur in der Praxis weniger . Der Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Petrus noch zehn andere hinzugefügt , von denen der Evangelist Marcus erzählt . Der Heiland hätte , sagt Marcus , die Jünger erst aufgefordert , daß » jeder von ihnen sich ein Schwert « zulege und es zum Kampfe kommen lasse ; dann aber hätte sich der Herr in seiner Liebe auf ein milderes besonnen und gesagt : » Stecke dein Schwert an seinen Ort ; denn wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen ! Oder meinst du , daß ich nicht könnte meinen Vater bitten , daß er mir zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel ? « Und über diese » zwölf Legionen Engel « , diesen ewigen Entsatz der bedrängten Kirche , nicht über die zwei oder zwölf unbedeutenden Schwerter , predigte Bonaventura . Mit einer Begeisterung , die ihn in solchen Augenblicken die nagenden Zweifel ganz vergessen ließ , schilderte er diesen ewigen Beistand , den in der Weltgeschichte seit dem Sündenfall und dem Verlust des Paradieses das Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden hätte . Diese zwölf Legionen Engel , die ewigen Wahrheiten der Weltregierung , die immer wieder die Herrschaft der Bösen gestürzt hätten , waren ihm jene Thatsachen , die mit Schwertern , öfter mit Palmen und klingendem Saitenspiel über die wildesten Schlachtfelder hinwegrauschten , in Hütten wohnten den Palästen gegenüber , ja in der eigenen Brust der Tyrannen und Bedränger der Menschheit , wo sie nicht selten die Gestalt der Träume angenommen hätten ... Wie die Tyrannen dann gezwungen gewesen wären , schilderte er , einen Joseph zu rufen , der die Träume zum Wohl der Menschheit hätte deuten dürfen , oder einen David , der sie hätte beruhigen müssen durch die Zauber der Kunst ... Diese zwölf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den Trost und die Zuversicht in jeder Bedrängniß der Menschheit . Alle sahen sie , wie er mit hoch emporgehaltenen Händen die Leiden der Erde schilderte , sahen diese mit Schwertern bewaffneten Engel , hörten sie wie mit Posaunen in den Kampf rufen , fühlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Dröhnen ihrer Schilde in den Lüften . Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von ihrem Fluge zur Erde zurück , legte die Hand auf die Brust und sprach : Wo anders läge das Schlachtfeld dieses großen Kampfes des Guten gegen das Böse , das Schlachtfeld , das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt , als in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines » Jeglichen unter uns « ! Was sodann der Kirchenfürst , ganz nach Sebastus ' Prophezeiung , zunächst gehofft zu haben schien , als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in die großen Hallen seiner Kathedrale rief , war schon in kurzer Zeit eingetroffen . Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen , auf die man gerechnet hatte . Diesen , wie alle Institutionen der Kirche , selbst die veraltetsten , in größere Aufnahme zu bringen , wurde immer mehr zur Taktik des großen Feldzugs , dem hier und dort auch andere Kirchenfürsten die Oriflammen vorantrugen . Durch den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getödtet worden . Der Beichtstuhl theilt die von Rom empfangene Parole aus . Der Beichtstuhl ist das Mittel , die Fürsten wieder in die Büßerhemden von Canossa zu jagen . Der Beichtstuhl regelt , erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die Liebe und den Haß . Der Beichtstuhl gibt Rathschläge und für nichts mehr , als für die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und für kein Nebeneinander mehr , als für das in der Ehe ... » Aber auch die größte Kraft der Opposition gegen den Beichtstuhl « , rief einst Benno , der in Beichtstühlen das Räthsel seines Lebens begraben glaubte , » liegt ebenfalls in dem , was unserm Jahrhundert das Heiligste geworden ist , in der Ehe und in der Familie . Wie mancher Vater hält seine Tochter von der Beichte zurück , weil sie dort - wie oft ! - nach Sünden gefragt wird , von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie keine Ahnung hat . Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen ; denn er kann die Vorstellung nicht verbannen , sie vollzöge einen Act der Untreue , die es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann - « Bonaventura aber saß an dem großen Ohre des Dionysius und hörte die Bekenntnisse der Menschen noch in dem Glauben , daß er Gutes verrichtete , Wahres und Erlaubtes . Fiel ihm auch immer und immer die lateinische Zuschrift aus Italien ein : Quando quis tibi occurrit - er schrieb das , was zwischen dem Kirchenfürsten und dem Mönche vor sich gegangen , auf Rechnung - nur des römischen Wesens . Der Grund des Katholischen selbst schien ihm unerschütterlich . Bonaventura glaubte an die höchste Bedeutung der Beichte ... Doch schon - die erste Erfahrung ! ... Es hatte sich verzögert , daß mit seiner Amtseinführung auch zugleich Tag , Stunde , Ort seiner Beichtabnahme verkündigt wurde ... Im Anfang des October erst war diese Angabe gekommen und nicht allgemein sogleich war sie selbst nach dem Anschlag bekannt geworden . So saß er eines Morgens früh sieben Uhr schon in seinem Stuhl zur ersten Anhörung und war noch allein ... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in Drusenheim beigewohnt . Das schöne Fest stand noch vor seiner Phantasie fast wie ein materiell ihr eingeprägtes Bild . Erregten Naturen ist nach einer großen Anstrengung ein Auge gegeben , wo , wie auf der feinen Silberplatte des Lichtbildes , gegen unsern Willen ein Eindruck ebenso sinnlich haften bleiben kann , wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird , ohne daß wir im Willen haben , sie zu singen ... Ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele das ! sagte sich Bonaventura . Ein Bild , eine Melodie bleibt gegen unsern Willen im Auge oder Ohre haften ! Warum hör ' ich nur immer noch den Gesang des Veni creator spiritus ? Warum seh ' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der Procession um die neu zu weihende Kirche ? Nichts ruf ' ich davon ; alles kommt von selbst ! Die Seele hat ihr Eigenleben und ist von unserm Willen und Bewußtsein getrennt ! Sie ist unsterblich ! So saß er sinnend , träumend und sah auch seinen Abschied von St.-Wolfgang ... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geschäfte war bald vorüber gewesen , der kleine Hausrath bald verpackt ; selbst den wichtigsten Bestandtheil desselben , die Bücher , übernahm Renate nach dem Orte der neuen Bestimmung , in das große » kaltgründige « Kapitelhaus zu überführen . Alle Welt sah Bonaventura mit Betrübniß scheiden . War er auch einer von denen , die dem Volke immer , auch bei Gruß und Handschlag , » hochdeutsch « erscheinen werden , so blieben ihm doch Liebe und Anerkennung nicht aus . Die Männer gaben ihm , als er zunächst nach Kocher am Fall zum Trösten des dortigen großen Leides abreiste , das Abschiedsgeleite und schieden zuerst ; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen ; dann eine fernere Viertelmeile die jungen Bursche und die Mädchen , die ihr Abschiedsgefühl mit Blumenspenden ausdrückten ; am weitesten folgten die Kinder , die ein Fähnlein trugen . Diesen schenkte er , beschienen vom Abendroth , abgestiegen von seinem Wägelchen , seinen letzten Vorrath von Heiligenbildern und entließ die kleine Ehrengarde , die ihm so ausdauernd gefolgt war und in der Glückseligkeit über die Bilder fast das Gebot der Mütter , ihm die Hände zu küssen , vergaß , mit seinem Segen fürs ganze Leben und auf Nimmerwiedersehen ... Einen Theil seines eigenen Lebens läßt ein Hirt so zurück , wenn er von seiner Heerde scheidet ... Dann fand er die Aufregungen in Kocher ! Die Ermordung der Schwester der Frau von Gülpen ! Den Onkel noch in besonderer Verzweiflung über die schnelle Erfüllung seiner Besorgnisse wegen so enger Kettung des Neffen an die Römlinge ! Da Bonaventura schon nicht mehr widersprach , traten um so schärfer die Worte des Dechanten hervor : Wir werden noch zu Derwischen werden ! Lies die Sprache unserer Kirchenzeitungen ! Vergleiche die Ausdrücke , die im Streite Menschen gebrauchen , die sonst nur um die Passionsblumenkrone der heiligen Muse ringen ! ... Beda Hunnius war gemeint . Dieser hatte Bonaventura ' s Besuch empfangen , verzehrt vom Neide auf die Ehren , die an ihm vorübergingen . Die von Schnuphase ihm in Aussicht gestellte Ernennung zum Ehren-Kanonikus war nicht eingetroffen . Wie hielt er dem Collegen die Theuerung der großen Stadt entgegen , die Mühen eines solchen Amtes , die Abhängigkeit von den Vorgesetzten , denen man zu nahe gerückt wäre ! Hunnius gab sich die Miene , als wäre der junge Domherr nur zu bemitleiden ... Und in der Dechanei selbst war noch keine neue » Nichte « angekommen und der Dechant verdrießlich über alles , über Gott und die Welt . Als Bonaventura von dem Obersten zurückkam , grämelte er gegen jeden . Ich muß auch den Obersten und Hedemann , sagte er , ernstlich auffordern , die Messe zu besuchen und die Beichte ! Warum kommen sie nicht wenigstens zu mir ! Wahrhaftig ! Ich mache es doch so leicht ! ... Glücklicherweise , setzte er hinzu , rüsten sich beide , unsere Gegend zu verlassen ... In der Erörterung auch über Armgart , ihre Flucht , über das Schicksal der armen Angelika , die nun irgendwo eine neue Stellung finden mußte , über den Proceß des Hammaker , dessen vorauszusehende Hinrichtung - brach der Dechant , als Windhack gerade einige neue Kupferstiche brachte , Ausgrabungen in Ninive darstellend , in die Worte aus : O ich hätte lieber vor zweitausend Jahren leben mögen ! Himmel , aber auch damals regierten schon die Römer ! Nun , dann wär ' ich ein Priester des Osiris gewesen , Windhack ein Sternseher auf den Pyramiden und unsere gute Frau von Gülpen da die schöne Kleopatra ! Nicht wahr , dann hätten wir alle drei die ganze römische Welt schon damals so ruinirt , daß sie nie wieder hätte auferstehen können ! Wenn dereinst und nur zu bald alles aus sein wird , alles , alles - wie gerne kröch ' ich da in den ungeheuern Cheops oder in eine von den großen Sphinxen und erwartete das Jüngste Gericht als Mumie ! Und Windhack und die Tante legten sich auch als - Mumien neben mich ! Bitte , warum denn nicht ? Hunnius müßte zu unserer Einbalsamirung das Räucherwerk liefern ; alle Spezereien , alle Myrrhen , Aloes , alles , was in seiner Dichterapotheke an wohlriechenden Kräutern geführt wird ! Das gäbe eine Genugthuung , wenn am Jüngsten Tage alles verfallen und Staub geworden ist und wir drei nur kröchen aus unsern Cocons heraus , lachend wie die Kobolde , roth und frisch geschminkt , so wohlbehalten , ja hungerig , als wären wir gestern erst bei Major Schulzendorf zu Thee und Abendbrot gewesen ! Alle diese Bilder zogen an Bonaventura vorüber , blitzschnell , auch Lucinde und Sebastus mischten sich beängstigend ein - sogar ein Schnuphase - der menschliche Geist ist ein Vorrathshaus , zu dem der Wille nicht den Schlüssel führt - und doch sollte des Priesters innere Betrachtung und Sammlung der Beichte selbst gelten . Seine Furcht war : Wirst du auch durch die einfachen Lebensvorgänge des Landvolks die Uebung gewonnen haben , dich in die Bekenntnisse dieser Großstädter zu versetzen ? Seine Hoffnung war : Vielleicht nehmen die Städter kaum so vielen Anstoß an den harmlosesten Dingen wie die Landbewohner ! ... Bonaventura war vielleicht in St.-Wolfgang mehr schon der Vertraute der Neidischen und Misgünstigen gewesen , als diese Untugenden in den Städten eingestanden werden . Schon trug er so schwer , tiefschwer an der Last der Sünden , ja Verbrechen , die in das Beichtohr der katholischen Kirche geraunt werden und oft nie vor die Richterstühle der Erde gelangen . Selbst auf das Wunderlichste war er vorbereitet . Auf dem Lande war ihm schon vorgekommen , daß ihm im Beichtstuhl eingestanden wurde , man hätte von der in der Communion dargereichten Oblate nur die Hälfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und sich den Rest aufbewahrt für eine passende Gelegenheit , um ohne den Priester den Leib des Herrn noch einmal zur Stärkung zu genießen . Man hatte reuevoll gefragt , was von dieser Sünde zu halten sei ? Die Weisheit der römischen und spanischen Gewissensräthe antwortete statt seiner : Hatte die Frau , die der Fall traf , in Verehrung vor dem Leib des Herrn so betrügerisch gehandelt , so wird sie losgesprochen ; wußte sie aber und kannte die Verbrechen , die sie alle beging ( das eigene Ergreifen der heiligen Gestalt mit ungeweihter Hand , das Tragen derselben in ungeweihten Kleidern , den Gottesraub , daß sie sich selbst zum Priester wurde beim Empfangen der allerdings völlig ausreichenden zweiten Hälfte , endlich daß sie sich das Allerheiligste reichte im Stande der Todsünde ) , so hatte sie vier schwere Sünden begangen , für welche ihr erst nach langer Buße die Verzeihung des Himmels vom Priester verbürgt werden konnte ... In solchen Gewissensconflicten übt sich selbst die Seelsorge eines Landpfarrers ... Und so konnte sich der junge Domherr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel seiner Stola hüllen , gefaßt das Schiebfensterchen rechts oder links aufziehen und auf das Beichttuch gebückt hören , welche Vergehungen ihm eingestanden wurden . Sein Herz schlug höher , als er eben die Hand ausstreckte , um den ersten Beichtbedürftigen zu vernehmen , den er auf dem Holze zu seiner linken niederknieen hörte ... O , sagte er sich , wie viele Vergehen hast du doch schon im Keime erstickt ! Wie viele Rathschläge gegeben , Rathschläge , den bessern Theil und den Frieden zu wählen , wenn auch zu einstweiliger eigener Verkürzung ! Wie manches Entwendete war still wieder auf den Platz zurückgelegt worden , von wo es genommen ! Wie mancher Arme hat durch dich eine Spende empfangen , er wußte nicht wie und warum und von wem ! ... Dem poetischen Wesen Bonaventura ' s entsprachen Bußformen , wie : Gehen Sie und geben Sie dem ersten Armen , der Ihnen begegnet und dem Sie , auch ohne daß er Sie anspricht , seine Bedürftigkeit ansehen , nach dem Maße Ihrer Kräfte , ohne daß es jemand sieht ! Gehen Sie in eine Armenschule und steuern Sie für das jüngste der Kinder , die nur in Holzschuhen oder barfuß gehen , eine Gabe ! Knieen Sie in der nächsten Messe neben demjenigen in der Gemeinde , der Ihnen nach einem kurzen und nicht auffallenden Umblick in der Kirche durch den Zustand seiner Kleider als der Aermste erscheint ! .. Selbst an Treudchen Ley konnte sein liebevoller Sinn denken und an die Geschwister derselben , für die er im Waisenhause auf diese Art sorgen wollte ... auch an die Kerze , die er einst Lucinden befohlen anzuzünden und niederbrennen zu lassen während des innern Gebetes ... Da öffnet er denn und sieht nicht einen schwarzen Sammethut , sieht nicht ein sich leicht erhebendes , schleierverhülltes weibliches Angesicht ... sein Ohr will nur hören ... Die Formel der Anrede ist die nämliche am Fuß der Cordilleren und im Indischen Archipelagus : » Ich arme Sünderin bekenne vor Gott , dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden , Jesu Christo meinem Erlöser , der heiligen Jungfrau und allen lieben Engeln und Heiligen und Ihnen , Priester an Gottes Statt , was ich seit meiner letzten Beichte gesündiget habe ! « Die Knieende spricht aber diese Formel nicht ... Eine Ahnung ergreift Bonaventura ... Kaum kann er das Wort der Ermuthigung finden , das ihm sonst so geläufig ist : » Unser Herr Jesus Christus sei in deinem Herzen und auf deinen Lippen , damit du alle deine Sünden recht beichtest . Im Namen des Vaters , des Sohnes und des Heiligen Geistes ! « ... Die Beichtende beginnt nicht ... Er wendet sich , ihr Auge zu sehen ... Ein Strahl desselben trifft ihn und die in ihm selbst fortdauernde , wenn auch nicht eingestandene Spannung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene Befähigung , die Scene zu verstehen , die ihn aufs tiefste erschrecken mußte ... Sechs Wochen einer künstlichen Vernichtung ihrer selbst , sechs Wochen des Schmerzes , der Sehnsucht , der Erwartung hatten Lucinden in einen Zustand versetzt , der sich vergleichen läßt mit der Ansammlung atmosphärischer Niederschläge , die durch plötzliches Hinzutreten reiner Luft sich in Feuer verwandeln müssen ... Nur daß für sie diese plötzliche Erlösung , dies endliche Anredendürfen und Alleinseinkönnen mit dem , den sie zuerst , einzig , allein geliebt und den sie mit ihrem ganzen Leben liebte , den Herzenskrampf in convulsivisches Weinen verwandelte . So erliegt die härteste Natur dem allgemeinen Gesetz . Dann gibt es keinen freien Willen mehr . Irgendwie muß sich die Ueberanspannung der Seelenkräfte helfen . Sie können entbehren bis zum Aeußersten ; tritt dann sogar die Erfüllung ein , gerade dann erst recht bricht die Kraft ... Lucinde war selbst in Verzweiflung über das , was ihr geschah . Sie hatte keine Scene beabsichtigt . Sie hatte eine Reihe von Sünden , Falschheit , Heuchelei beichten wollen , wollte sich mit keiner Tugend schmücken , wollte nur auf der ganzen Höhe ihres bisherigen Lebens schweben , den Augenblick in voller Seligkeit genießen , dem Mann ihrer Anbetung so nahe zu sein - da weinte sie wie über zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an die vielen Gelegenheiten , wo über das Schmerzlichste ihre Augen trocken geblieben waren . Vorgänge dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura , tieferschüttert , durfte Lucinden Zeit lassen , sich zu sammeln ... Sah er auch wol , daß sich allmählich schon andere , die an sein Ohr zu kommen begehrten , eingefunden hatten , er bedurfte selbst der Sammlung . Endlich sprach er : Rufen Sie den Helfer an , von dem Sie ja wissen , daß wir auf dem Wege zur Buße vorzugsweise zu ihm zu beten haben , den Heiligen Geist ! Keine Antwort ... Lucindens Schluchzen war jenes , das wir alle an uns kennen , ein Weinenmüssen , wo wir sogar selbst sagen : Welche Thorheit ist das nun von dir ! Und wir können doch nicht anders . Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet ? fragte Bonaventura mit Milde ... Nur Thränen antworteten ... Welcher Sünde zeihen Sie sich ? Da er die Frage nach einer Weile wiederholte , war es ihm , als hörte er das Wort » aller « ! So schnell aber kam es , so erstickt , so entsetzlich aufrichtig für sein Ohr , daß er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknüpfen wagte . Auch erhob sich Lucinde . Schlank und hoch , wie sie war , ging sie ohne Segen und Absolution von dannen . Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich : Welch ein Anfang ! Was wird da kommen ! Gewiß wurde dieser Theil seiner Seelsorge für ihn der mühevollste , zehrend an seiner geistigen und physischen Kraft . Wie blickte er in die Tiefen der menschlichen Herzen ! In Abgründe , vor denen ihn Schaudern ergriff ! Wie nur allein die Frauen zu ihm redeten ! Solche zumal , die sein in der Stola verborgenes Auge kaum sah , denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider anhörte , daß sie der vornehmen Welt angehörten . Der Duft , der ihrem Haar , ihren spitzenbesetzten Taschentüchern , die sie vor die Augen drückten , entströmte , verrieth ihren Stand . Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe Atmosphäre , dann denselben Ton des Vortrags , dieselben Vorwürfe , die sie sich machten , dieselben Allgemeinheiten , die er zurückzuweisen pflegte . Viele kamen nur , um dagewesen zu sein . Wem er anhörte , daß sein Beichtbedürfniß nur eine phrasenhafte Aeußerlichkeit , ein Luxus der Gefühle war , den unterbrach er mit dem Worte der Schrift : » Die Lüge aber ist der Leute Verderben . « Das Schmerzlichste war freilich , das Uebel sehen und es doch trotz alles Vorbaues nicht im Keime ersticken können . Verbrechen hören und nicht anzeigen dürfen ! Verbrecher hören und sie nicht einmal ansehen dürfen ! Ihm war schon in St.-Wolfgang geschehen , daß ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht , der ihn selbst bestahl . Den Dieb durfte er nicht entlassen , weil jener daraus einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses hätte entnehmen können . Die Katastrophe des Kirchenfürsten hatte Bonaventura voraussehen müssen und doch erschütterte sie ihn und schloß eine Weile die zwiespältige Stimmung seines Innern . Als jüngster Domherr , eben eingetreten , hatte er im engern Kapitel noch keine Stimme . Die Curie übernahm die Regierung des erledigten Kirchenthrons . Glücklicherweise blieb der Präsident , sein Stiefvater , fern . Immermehr verblaßten bei solchen Aufregungen die Schriftzüge des räthselhaften Briefes , den er wie der Dechant einst empfangen . Anfangs träumte er von ihm , in schlaflosen Nächten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen , wie wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt sähe , noch einmal mitstimmen müßte in Kostnitz , ob Huß und Hieronymus zu verbrennen wären ... Bald aber ließ ihn die Seelsorge , dieser Beruf so voll außerordentlicher Mühen , aber auch Belohnungen und Erhebungen , die Versuchungen zum Zweifel vergessen . Lucinde war nicht wiedergekommen . In der Kirche begegnete er ihr oft ; sie schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im September vom Kirchenfürsten » bis auf weiteres « unter strengste Klausur gestellt worden . Als Bonaventura zurückkehrte , bewohnte er noch die Zelle im alten Profeßhause der Jesuiten , durfte sie aber nicht verlassen . Räthselhaft blieb ihm diese fortgesetzte Strenge , über die er sich bei Michahelles erkundigte und nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt . Hatte man von Lucinden erfahren ? Traute man der Selbstbeherrschung des Mönches nicht ? War Neues geschehen ? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner geistigen Hülfsmittel beraubt . Artikel schrieb er nach wie vor . Jetzt erst bewunderte Bonaventura in den von ihm gründlicher gelesenen Aufsätzen die Kraft der Darstellung , die nicht immer täuschende Kunst einer Beweisführung , die trotz der tiefsten Demüthigung nicht aufhörte die protestantische Welt zu bekämpfen . Klingsohr klirrte an einer Kette , die er dennoch gelassen trug ... Imponiren mußte ihm etwas , wenn es ihn überzeugen sollte , und war es seine eigene Züchtigung ! ... In jener Zeit schrieb er , wo ihm geistesverwandte norddeutsche Philosophen anfingen , mit Bewunderung von Asien und Rußland zu sprechen . So tief ausgehöhlt sich in sich selbst fühlend , so in ewiger Verneinung sogleich ohne alle und jede Liebe selbst für das , dem man doch selbst verwandt ist , so von einigen Schwächen seiner eigenen Partei sogleich erkältet , bedurften sie eines Ersatzes für die sie umgebende Schemenwelt . Sie bewunderten die Kosacken . Sie begannen das » Naturwüchsige « zu preisen in jeder Form , wenn es nur nicht Fleisch war vom eigenen Fleisch , Bein vom eigenen Bein , zuletzt nichts , was die Signatur der Bildung trug ... Einem Besuch , den Bonaventura beim Pater Sebastus machen wollte , stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft empfundene Bedürfniß des Mönches , gerade ihm zu beichten , schien vor vielleicht neuerwachtem Hochmuth zurückgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser widerspruchsvollen Brust , von denen