Denk an unsere Verwandtschaft , an unsere hochnasigen Bekannten in hiesiger Stadt ; sie werden deiner Frau ihre Thüre nicht öffnen . « » Die Hochmüthigen und Dummen allerdings nicht ; aber was ist an denen gelegen ? Man lernt auf solche Art seine Freunde kennen ; - ich versichere dich , Eduard , das wäre mir eben interessant . Ich weiß wohl , daß sich manche Thüre vor uns verschließen wird , aber das ist mir gerade recht . Leute von wirklich gutem Hause , an deren Namen nicht der geringste Makel klebt , - vorausgesetzt , daß sie gescheidt sind und nicht an dünkelhaftem Hochmuth leiden , - werden es mich nicht fühlen lassen , daß ich bei der Wahl meiner Gattin nach ihren Begriffen ein paar Stufen zu tief hinab stieg . Aber solches Volk von dunkler , zweifelhafter Herkunft , deren früheres Leben wie ein Sumpf ist , dessen schmutzige Fläche mächtige nachbarliche Schlingpflanzen mitleidig verdecken , - Menschen , die sich durch allerlei Kunstgriffe , durch rastlose Bemühungen selbst empor geschmeichelt , die kein gutes Gewissen haben und die es ungeheuer scheuen , von Herkunft und dergleichen zu reden , ja selbst daran erinnert zu werden , - die allerdings werden mit einer heiligen Scheu vor uns zurückprallen , werden mich aber zum größten Dank verpflichten , indem sie mir ihr Haus verschließen , und werden mir das Vergnügen machen , nie ihren unsaubern Fuß über meine reine Schwelle zu setzen . « » Brr ! « machte der Doktor ; » wenn das Mama ' s Busenfreundin , die Räthin Wasser , hörte . An die dachtest du doch ? « » Allerdings dachte ich an die kleine halbverwachsene , boshafte Person , aber solche Wasser gibt ' s noch viele ; man könnte ein ganzes Meer daraus machen , einen Ocean der Dummheit und des Hochmuthes . - Aber Eduard , kann ich in der Angelegenheit auf dich rechnen ? « » Gern , wenn du mir nur sagst , auf welche Art ich dir dienen kann . Und jetzt mit Mama zu verhandeln , wäre für mich mißlich . Aber bei dem allgemeinen Sturme , der nothwendig erfolgen muß , will ich treu und fest an deiner Seite stehen . « » Schön ! nur ist es mir unmöglich , gegen die Mama das erste Wort auszusprechen , und darin kannst du mir auf Umwegen einen Gefallen thun . Erzähle Alfons die ganze Geschichte , als habest du irgendwo gehört , ich hätte ein derartiges Verhältniß , ich hätte einer Tänzerin versprochen , sie zu heirathen , mache es so schlimm wie du willst , Alfons wird das Seinige noch dazu thun , und mir ist es dann leichter , die Sache in besserem Licht darzustellen als er . « » Recht gern ; das wird mich wenig Mühe kosten . Da aber das vorderhand im Reinen ist , so sage mir , ob du für das arme Kind da in der That ein Unterkommen bei guten Leuten weißt . « » Versteht sich , « entgegnete Arthur , indem ein frohes Lächeln über seine Züge fuhr . » Clara wird sich ein Vergnügen daraus machen , die Kleine bei sich aufzunehmen . « » Clara ? « » Ja , Clara , meine Braut . Und du könntest mir den Gefallen thun , mich und das Kind in deinem Wagen dahin zu begleiten , dann kannst du zu gleicher Zeit die Bekanntschaft des Mädchens machen . « » Das will ich , « erwiderte der Doktor . Er erhob sich aus seinem Lehnstuhl , ordnete seine Haare vor dem Spiegel und griff nach seinem Paletot und Hute , welche neben dem Fenster auf einem Stuhle lagen . - » Da habe ich aber ganz vergessen , « sagte er verdrießlich , » daß ich eigentlich gar nicht von hier fort kann ; oder glaubst du , ich könne meine beiden Kinder bei den rebellischen Weibsleuten hier im Hause allein lassen ? Ich fürchte , sie gehen auf und davon oder bekümmern sich wenigstens nicht um die armen Kinder . « » Du hast nicht ganz Unrecht , « meinte Arthur . » Doch will ich dir sagen : wir fahren nach unserem Hause und bitten Marianne , daß sie sogleich hieher gehe . Sie hatte sich ohnedies schon entschlossen , das Amt der Hausfrau zu übernehmen , bis deine neuen Leute da sind ; vielleicht begegnen wir ihr unterwegs . « » So gehen wir . Doch will ich meine gnädige Frau von Bendel bestens und höflichst ersuchen , auf die Kinder Achtung zu geben . « » Ersuche sie bestens , aber nicht höflichst , « ermahnte Arthur . Der Doktor ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Kindsfrau zurück . Diese würdige Dame hatte die Nase sehr hoch erhoben und ein sehr moquanter Zug machte sich auf ihrem alten Gesichte bemerkbar ; die Flügel und Spitzen ihrer Haube waren drohend emporgekehrt , und sie zog einher wie ein finsteres Gewitter , das jeden Augenblick bereit ist , sich mit Donner und Blitz zu entladen . Arthur sah sie fest an und lächelte so sanft als möglich , was sie einigermaßen aus der Fassung zu bringen schien . » Sie werden auf meine Kinder Achtung geben , bis ich zurück komme , « sagte der Doktor , » und werden nicht dulden , daß Köchin oder Stubenmädchen das Haus verlassen . « Auch - hier hustete er gelinde , - » wollen Sie dem kleinen Kinde da seinen Hut aufsetzen und das Tuch umbinden ; dort liegt es . « Die Kindsfrau blickte angelegentlich zum Fenster hinaus , ohne dem gegebenen Befehl Folge zu leisten . » Mir scheint , « sagte Arthur , in dessen Gesichte die Röthe des Zorns aufstieg , » Madame Bendel leidet an Schwerhörigkeit . - Haben Sie meinen Bruder verstanden oder nicht ? « sprach er darauf mit heftiger Stimme und trat dicht vor die Frau hin , die bei dem Tone , den sie nicht gewohnt war zu hören , zusammen schrak . - » Mein Bruder hat Ihnen befohlen , dieses Kind dort anzuziehen , « fuhr der junge Mann fort , während er sie fest ansah . » Da wir nun Beide nicht Lust haben , lange zu warten , so leisten Sie diesem Befehle Folge , und das augenblicklich . « - Er zeigte mit der Hand gebieterisch auf Hut und Tuch , und die erschreckte Frau nahm Beides und beeilte sich , das Kind fertig zu machen . Darauf nahm es der Maler bei der Hand . Der Doktor ermahnte seine eigenen Kinder , artig zu sein , küßte sie heftig auf den Mund und stieg mit seinem Bruder kopfschüttelnd und lächelnd die Treppen hinab . Als sie in dem Wagen saßen , sagte er mit seiner sanften Stimme : » Höre , Arthur , du kannst heirathen , du hast eine gute Art , mit den Weibern umzugehen ; ich glaube , du ließest dir von keiner etwas gefallen . « » Nicht einmal von meiner Frau , « entgegnete ernst der Bruder . » Das ist das Kapitel , worüber wir schon oft zusammen sprachen , aber leider , leider ! immer vergeblich ; ohne Festigkeit geht ' s nun einmal nicht , namentlich bei dem herrschsüchtigen Charakter deiner Frau . Da du nicht im Stande warst , deinen Willen durchzusetzen , so hat sie dich zum Sklaven gemacht . - Aber jetzt bist du frei . « » Ach Gott , ja ! - leider ! « seufzte der Andere . Arthur ließ den Wagen durch die enge Gasse nach dem elterlichen Hause fahren , und ihn hinten an der Thüre seiner Wohnung halten . Alfons controlirte von seinem Comptoirpulte aus die vordere Hausthüre und alle Eintretenden , er wäre ihnen auch augenblicklich in seine Wohnung gefolgt ; doch wollten beide Brüder ihre Schwester allein finden . Sie ließen das Kind im Wagen , stiegen auf der uns bekannten Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf und kamen dann über einen Corridor vor die Glasthüre an der Wohnung Mariannens . Es war eben Besuch da gewesen ; zwei Frauenzimmer stiegen die Haupttreppe hinab , und Arthur , der ihnen nachblickte , sah , daß sie freundlich zusammen sprachen und kicherten . Es war eine ältere Frau in sehr einfachem Anzuge , sie trug ein graues , wollenes Tuch und eine gewöhnliche Haube mit Lilabändern , etwas Halbtrauer ; die andere war jünger und schien die Tochter zu sein ; sie trug ein braunes Merinokleid und einen abgeschossenen Hut von schwarzer Seide ; auch waren Beide , wie schon gesagt , heiteren Humors , und hatten keine Ahnung davon , daß sie beobachtet würden . Die Alte blieb auf der Ruhebank der Treppe stehen und sprach mit lustiger Stimme : » Das da oben ist eine brave , charmante Frau . Gott ! wie dumm war ich , daß ich dies Haus nicht schon früher besucht ; das müssen wir ausbeuten . Denk dir , Emilie , sie hat mir einen Dukaten gegeben , - einen ganzen Dukaten . « » Aber dafür war auch die alte Commerzienräthin drunten desto knauseriger - einen halben Gulden ! Pfui Teufel ! die sollte sich schämen ! Dreißig Kreuzer auf so schöne Empfehlungsbriefe von zwei Pfarrern und dem brillanten Zeugnisse vom verschämten Hausarmen-Verein . - Da hast du die Papiere , steck sie wieder ein ! « » Gib her ! « sagte die würdige Mutter ; » wo ist denn das Papier , worein ich sie gewickelt hatte ? - Ah ! ich ließ es droben auf dem Tische liegen ; es ist nichts daran gelegen . « » Weißt du das auch genau ? « fragte die vorsichtigere Tochter ; » was war es für ein Papier ? « » Nun , es war das Papier , worin die Becker ihre Handschuhe gewickelt brachte , reines , weißes Papier . « » Nichts darauf geschrieben ? « » Ich glaube nicht . Und wenn auch , höchstens eine unschuldige Adresse . « Nach diesen Worten stiegen die Beiden die Treppen vollends hinab . Arthur hatte das Gesicht der Jüngeren genau beobachten können ; er mußte das schon irgendwo gesehen haben , und wenn ihm recht war , im Hause in der Balkengasse . » So komm ' doch ! « rief jetzt der Doktor beinahe ungeduldig ; er hatte schon die Glasthüre geöffnet ; Arthur folgte ihm . Sie traten in das Zimmer der Schwester und fanden Marianne am Fenster stehend ; sie war vollständig angekleidet , in Hut und Shawl , zum Ausgehen fertig . Doch wandte sie den Kopf nicht herum , als die Brüder eintraten , ja nicht einmal , als Arthur sagte : » Wir sind es , Marianne . « Der Doktor trat zu ihr an ' s Fenster , faßte ihre herabhängende linke Hand und fragte : » Was hast du Schwester ? Beim Himmel ! du weinst ja . Geht dir denn mein Unglück so zu Herzen ? « » Gewiß , gewiß , Eduard ! « rief die junge Frau , indem sie sich rasch umwandte , und , auf die Gefahr hin , ihren feinen Sammethut zu zerdrücken , den Kopf heftig auf die Schultern des Bruders legte . » Gewiß , gewiß , wir sind recht unglücklich . « Arthur trat kopfschüttelnd näher , ihm war das unbegreiflich ; er war noch vor einer Stunde bei Marianne gewesen und da hatte sie ganz ruhig und gefaßt über Eduard mit ihm gesprochen ; ja , sie hatte sogar gemeint , es sei doch am Ende ein rechtes Glück , daß diese ewigen Quälereien einmal aufhörten . Woher denn jetzt auf einmal diese Thränen ? - » Marianne , « sagte er nach einer längeren Pause , während welcher sie heftig weinte , » ich begreife dich in der That nicht . Sei offenherzig gegen uns ; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet . Gewiß , du bist ja ganz außer dir ; sei ruhig , setze dich nieder und theile uns mit , was dich quält . Du lieber Gott , wir sind ja von der Natur angewiesen , uns gegenseitig zu vertrauen und zu trösten . « » Ja , ja , « sprach seufzend der Doktor . Dann machte er die Hände der Schwester sanft von seinem Halse los und führte sie zu dem Sopha , wo sie sich niederließ und ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte . Dabei entfiel ihrer Hand ein weißes Papier , welches auf den Boden niederflatterte . Arthur blickte darauf hin , und unwillkürlich kam ihm das Gespräch in den Sinn , welches die beiden Weiber auf der Treppe zusammen geführt . Er bückte sich , um das Papier aufzuheben , doch als er sah , daß Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte , zog er sich discret zurück . » Nehm ' es nur , « sagte hierauf die junge Frau ; » ich will gewiß vor euch keine Geheimnisse haben . Sieh die Aufschrift und betrachte sie genau ; auch du , Eduard . - Wer hat das geschrieben ? « Ueber Arthur ' s Züge flog ein eigenthümliches Lächeln , als er das Papier einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte ; doch reichte er es stillschweigend seinem Bruder , der augenblicklich ausrief : » Ah ! das hat Alfons geschrieben ; das ist die schöne , feste und sehr leserliche Schrift deines Mannes . « » Sie ist es , « rief Marianne empört . » Lies laut , was er schreibt . « » Fräulein Marie U. Adresse Frau Wittwe Becker , am Kanal Nro . 20 hier , « las Eduard mit großer Gewissenhaftigkeit laut und deutlich . » Und wißt ihr auch , wer das ist : Fräulein Marie U. ? « » Nein , « sagte der Doktor ; wogegen Arthur stillschwieg . » O , man soll mich nicht betrügen ; hier ist das neue Adreßbuch ; ich habe den Namen sogleich nachgeschlagen - seht ihr , da steht ' s. U. - Schreiner U. - Kaufmann U. - Metzger U. - Marie U. , Ballettänzerin . - Eine Tänzerin ! Schändlich ! schändlich ! eine Tänzerin ! « Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Arthur hin , zuckte alsdann mit den Achseln und dachte : so ein Adreßbuch ist doch eigentlich eine gefährliche Erfindung . Dann sagte er : » Nun ja , aber was soll das bedeuten ? « » Was das bedeuten soll ? « rief heftig die junge Frau , - sie war aus dem Stadium der Wehmuth in das des Zornes übergegangen , und zerknitterte zitternd ihr Taschentuch in der Hand , - » ich will es euch sagen , ich , eine betrogene , vernachlässigte Frau , ich , die er beständig hofmeisterte , ich , die nichts von ihm hörte , als was der Anstand erheische , was die Schicklichkeit verlange , - ich , die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte , weil das nicht passend sei , ich , die beständig gehütet wurde , wie ein kleines Kind , ich , die auf dem Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte , ich ! - ich ! - ich ! von der man seinen Reden nach hätte glauben können , ich trachte darnach , ein freies Leben zu führen , ja , eine leichtsinnige Frau zu sein , - ich - ich « - hier holte sie nach dem gewaltigen Zorneserguß tief Athem und fuhr dann schluchzend fort : - » ja , ich will es euch sagen : am Weihnachtsabend kaufte er Handschuhe . « - » Das ist wahr , « bemerkte der Doktor , » ich war dabei . « » Du warst dabei ? « fragte Marianne mißtrauisch . » Nun ja , wir trafen uns zufällig im Laden ; ich kaufte Einiges für meine Frau , und er , glaube ich , sprach von Handschuhen , die er gekauft für - « » Für wen ? « rief heftig die junge Frau . » Nun , für dich , « entgegnete ruhig der Doktor ; » so sagte er wenigstens . « » Ah ! für mich ! « lachte Marianne krampfhaft hinaus . » Der Verräther ! - Er kam also an jenem Abend nach Haus , die Taschen voll ; ich ließ ihn natürlicher Weise auf seinem Zimmer machen , was er wollte , als ich aber zufällig an der Thüre vorbei ging , siegelte er ein Packetchen , welches in dieses Papier gepackt war . - Handschuhe für die Tänzerin Fräulein Marie U. - Oh ! das ist himmelschreiend ! - Für eine Tänzerin ! « » Nun , ob es eine Tänzerin war oder sonst Jemand , « meinte begütigend der Doktor , » das ist am Ende gleichviel ; das Faktum ist es , woran wir uns halten wollen . « » Und ich werde mich daran halten ! « rief Marianne empört . » Jetzt gleich gehe ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere Geschichte . « » Das wäre sehr unklug von dir , « sprach Arthur . » Ueberhaupt was willst du ? « » Einen Heuchler entlarven . « » Zugestanden ; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung ; da mußt du der Sache genau auf den Grund gehen . « » Aber wie kann ich das , eine arme , wehrlose Frau ? « » Du nicht , aber wir ; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter kommen . « » Ah ! so eine Tänzerin ! « » Ach ! laß die armen Tänzerinnen aus dem Spiel , « entgegnete Arthur mit ernster Stimme ; » wer weiß , ob das Mädchen den Herrn Alfons bis jetzt kennt und ob er überhaupt nicht vergebliche Versuche gemacht hat . « » Vergebliche Versuche bei einer Tänzerin ! « » Nicht wahr , du wärest beruhigter , wenn er die Handschuhe irgend einem hübschen Mädchen deiner Bekanntschaft geschickt hätte . « » Beruhigter nicht , aber es wäre doch nicht so sehr gegen allen Anstand . « » O weh ! « seufzte der Doktor in sich hinein . » Da könnte man freilich mit dem vornehmen Titel des Vaters die Geschichte zudecken , « meinte Arthur trocken . » Wir kennen das . O Welt ! o Welt ! « » Sei ruhig , Schwester ! « sagte der Doktor ; » nur keinen weiteren Skandal ! Wir haben vorderhand genug in unserer Familie ; laß uns Beide die Sache überlegen und im Nothfalle für dich handeln . Aber ein Dienst ist des andern werth ; nicht wahr , du thust mir die Liebe und gehst zu meinen armen Kindern ? Sie sind so verlassen bei meinen frechen Dienstboten . « » Mit tausend Freuden ! « rief eifrig die junge Frau und zog ihren Shawl fest um die Schultern ; » ich war auf dem Wege dahin , und jetzt könnte mir nichts Erwünschteres kommen ; - ich bleibe vorderhand in deinem Hause , « setzte sie nach einer Pause im Tone großer Entschlossenheit hinzu , » bei dir und deinen Kindern . Du kannst mir ein Zimmer geben ; ich richte mich dort häuslich ein . « » Aber dein eigenes Hauswesen ! « meinte der Doktor . » Oh ! « versetzte Marianne mit neu ausbrechenden Thränen : » Ich habe ja keine Kinder , die nach mir weinen . « » Und Alfons ? « sagte Arthur . » Er wird das freilich im höchsten Grade unanständig finden , « rief Marianne heftig , » aber er soll mir kommen ! ich will ihm schon sagen , was anständig und unanständig ist . « Damit war die Unterredung beendigt und alle Drei verließen das Zimmer . - Marianne stieg die Haupttreppe hinab ; sie hatte alle Thränenspuren von ihrem Gesichte vertilgt und ging aufrechten Hauptes wie nie vorher . » Du , « sprach der Doktor zu seinem Bruder , als sie ihren Wagen wieder erreicht hatten , » da oben wird es changements des decorations geben . Es beginnt da ein lustiges Trauerspiel . « » Vielleicht kann ' s auch ein trauriges Lustspiel werden , « meinte Arthur nachdenkend . Und damit fuhren Beide nach der Valkengasse , um dort das Kind abzuliefern . Sechsundsechzigstes Kapitel . Unter dem Podium . Wenn bei einer Theatervorstellung das Ballet nicht selbstständig wirkt , sondern nur durch Tänze und Gruppirungen eine große Oper ausschmücken hilft , so geht es in den Garderoben viel ruhiger her , auch hat in diesem Falle der Theaterwagen und Schwindelmann nicht so viel zu thun als sonst . Die meisten Tänzerinnen , die vielleicht erst im dritten oder vierten Akt kommen , gehen zu Fuß nach dem Theater und tragen gewöhnlich selbst ihr Päckchen Wäsche , das heute , wo sie keine idealen Figuren darzustellen , sondern im Schleppkleide eine Menuette zu tanzen haben , nicht besonders groß ist . Andere , die einen complicirteren Anzug haben , vielleicht am Schlusse , wenn es gerade eine Zauberoper ist , irgend etwas Feenhaftes hoch in den Wolken darstellen müssen , kommen freilich schon früher , aber da ihrer wenige sind , so bringen sie kein rechtes Leben in die weitläufigen Balletgarderobe-Zimmer . Hier brennt denn auch nur spärliches Licht vor diesem oder jenem Tischchen ; die Ankleiderinnen , die mit dem Wenigen bald fertig sind , fühlen sich gelangweilt und legen ihre Hände in den Schooß . Monsieur Fritz , der Friseur , lehnt gähnend an einem Spiegel und erzählt schreckliche Mord- oder Gespenstergeschichten , von denen er ein besonderer Freund ist . Heute Abend wirkt das Ballet nur auf die eben angedeutete Art ; es ist eine Feenoper , im ersten Akte erscheinen einige Elfen und Geister , im dritten kommen einige Bauerntänze und am Ende des fünften ein Schlußtableau , wo die Fee Amorosa , die Beschützerin wahrer Liebe , in den Wolken erscheint , um das nach vielen Schwierigkeiten vereinigte Paar zu segnen . In der Garderobe waren Mamsell Therese , Mamsell Clara , Mamsell Marie , noch drei Andere von der gleichen Altersklasse , sowie ein halbes Dutzend Ratten , welche Engel und dergleichen zu machen hatten . Die letzten , in sehr safrangelben Tricots , mit weißen Florkleidern , goldenen Gürteln und himmelblauen Flügeln , versuchten ziemlich ungeschickt ihre Gruppirungen , purzelten dabei oft über einander hin , und hatten in ihrer Ungelenkigkeit viel mehr das Ansehen kleiner Kobolde , als Angehöriger der himmlischen Heerschaaren . Therese stand vor ihrem Spiegel , - eine junge Fee ; das schöne Mädchen mit dem vollen Wuchs sah prächtig aus . Sie gefiel sich auch selbst , das sah man an der Art , wie sie ihre Hüften umspannte , den Kopf kokett zurückwarf und sich mit den blitzenden Augen fest ansah . Eine ihrer Colleginnen , ein blasses schmächtiges Wesen im Costüm einer Hofdame , saß vor ihr , fächelte sich mit ihrem Fächer und betrachtete hinter demselben hervor nicht ohne einen Anflug von Neid die schöne Tänzerin . » Aber , Therese , « sagte sie nach einer Pause , » wenn man dich so sieht , reizend , strahlend , da kann man es schwer glauben , daß du dies glänzende Leben verlassen willst , um dich als Hausfrau in eine stille Wohnung zurückzuziehen . « » Und doch ist es so , mein Schatz , « erwiderte Therese ; » ich bin fest entschlossen , mich zurückzuziehen , ich bin um meinen Abschied eingekommen . « » Bei der Intendanz ? « fragte boshaft die Andere . » Bei der Intendanz ! « versetzte Therese , indem sie ihren Kopf noch stolzer in den Nacken warf . » Ich verstehe dich wohl , mein Kind , « fuhr sie mitleidig fort ; » was das Andere anbelangt , da gebe nur ich Abschiede , laß mich aber selbst nie verabschieden . So mußt du es auch machen , wenn du einen guten Rath von mir annehmen willst . Ich habe dies Leben satt , ich will mich verändern . « » So ist es also wirklich wahr ? « fragte lachend der Theaterfriseur , der heran geschlichen war . » Die schönen Tage von Aranjuez sind also wirklich vorüber ? Ich hatte immer noch gehofft , Therese . « » Auf was denn , Sie - Affe ! Ich versichere Sie , Fritz , Sie allein können Einem das Leben hier unleidlich machen . « » Ach , der glückliche Berger ! « erwiderte Friz seufzend . » Haben Sie vielleicht die Ehre von ihm gekannt zu sein ? « fragte trotzig die Tänzerin . » Ich kaufe meine Cigarren bei ihm , auch zuweilen Kaffee und Zucker . « » So erhalten Sie uns auch ferner Ihre Kundschaft ! « lachte die Tänzerin spöttisch ; und damit rauschte sie trällernd in das Nebenzimmer . Hier befanden sich Clara und Marie in ihrer Ecke , und die erstere sprach mit ihrer guten und lieben Stimme , wie es schien , Worte des Trostes zu ihrer Collegin . Wenn man aber das andere Mädchen sah , wie es heute da saß , ein Bild des Jammers und der Verzweiflung , so hätte das härteste Gemüth nicht umhin gekonnt , sich theilnehmend zu erkundigen , was ihr fehle . Ihr dunkles Haar hing aufgelöst über ihren Nacken und ihre Schultern bis auf ihren Schooß herab , so tief hatte sie den Kopf gesenkt . Dabei hielt sie die Hände gefaltet , und nur zuweilen zuckten diese zusammen , wenn nämlich von den heißen , schweren Thränentropfen , die unablässig ihren Augen entquollen , auf ihre Finger niederfielen . Diesem Zucken folgte ein schwerer Seufzer , ein Stöhnen , und dann sank sie noch tiefer in sich zusammen . » Es ist Zeit , liebe Marie , « sagte Clara mit sanfter Stimme , » daß du dir dein Haar machen läßt . Richte den Kopf ein wenig auf , daß ich deinen Scheitel gerade herstelle . - O , hör ' auf zu weinen ; das thut mir in der Seele weh . - Oder sprich wenigstens zu mir . - Setzest du denn gar kein Vertrauen mehr in mich ? « » O doch ! - o doch ! « brachte Marie mühsam hervor ; » aber du würdest mich doch nicht verstehen . Gewiß , gute - gute Clara , du kannst mich nicht verstehen . Danke Gott , daß es dir unmöglich ist ! « » Ja , das begreife ich in der That nicht , « erwiderte die Andere , » denn wenn ich Kummer habe , so ist es mir eine Wohlthat , mein Herz gegen irgend Jemand ausschütten zu können . « » Mir auch , mir auch , « hauchte Marie . » Du weißt , Clara , daß ich bis jetzt kein Geheimniß vor dir hatte . Aber das kann ich dir nicht sagen . « » So sprich mit Therese , « erwiderte Clara zögernd ; » da kommt sie eben . Du hast etwas auf dem Herzen , das du los werden mußt . Sie wird dir auch dein Haar gern machen ; ich gehe in ' s andere Zimmer . « Marie gab keine Antwort , doch nickte sie mit dem Kopfe , hob ihn dann rasch empor , und als sie Therese bemerkte , die in die Thüre trat , preßte sie , heftiger weinend , ihre Hände vor das Gesicht . - » So - so - so sieht ' s hier aus ? « sagte die Eingetretene , indem sie ihre rechte Hand in die Seite stemmte und mehrmals mit dem Kopfe nickte . » Ist endlich da was vorgefallen ? Nun ja , es wundert mich nicht . « Die Angeredete blickte scheu um sich , und als sie bemerkte , daß Clara fort gegangen war , sprang sie hastig in die Höhe , ergriff die Hand der andern Tänzerin und sagte : » Therese , ich bin verloren ! « » Nun , so schlimm wird ' s gerade noch nicht sein , « entgegnete diese . » Fasse dich nur um Gotteswillen , höre auf zu weinen ! da drüben die Garderobière und der naseweise Fritz haben schon aus der Ecke herübergeschielt . Muß denn alle Welt wissen , daß dir ein Unglück passirt ist ? Setz ' dich ruhig hin und lasse dir dein Haar aufstecken ; während dem kannst du mir erzählen , was du auf dem Herzen hast . Aber ohne Vorreden , bitte ich ; ich kann mir ja doch denken , um was es sich handelt . « » Ja , du weißt es , « erwiderte Marie , nachdem sie sich auf ihren Stuhl wieder niedergelassen , » die gräßliche Geschichte , von der ich dir schon gesprochen . « » Halte deinen Kopf still und dann laß mich hören . « » Meine Tante sprach mir also mehrmal und immer dringender von ihm . « » Von dem Heuchler auf der zweiten Gallerie ? « » Natürlicherweise wollte ich sie nicht verstehen , bis sie endlich zornig wurde und sich ganz deutlich erklärte . Ich sollte verkauft werden oder war es schon ; wie flehte ich sie an , mich in Frieden zu lassen , wie stellte ich ihr das Unglück vor , das über mich hereinbrechen würde ! - Sie lachte mich aus , als ich ihr von Richard und von meiner Liebe zu ihm sprach . Das wären Kindereien , sagte sie , und ich solle mir nicht einbilden , daß sie mich als hilfloses Kind aufgenommen , daß