» Sie meinen die kleine Apotheke , meine Gönnerin , die ich Ihnen aus Herrn Flittners Apotheke zum Hausbedarf zusammenstellen ließ . Die wird vor jedem Medicinalkollegium die Prüfung bestehen . Es sind die unschuldigsten Mittel , wenn man sie unschuldig gebraucht . Freilich , wenn man sich vergreift , dann stehe ich für nichts . Wasser das beste Heilmittel , man kann auch mit Wasser ermorden . « Ein zweiter Versuch , aufzuspringen , scheiterte an der Schwäche ihrer Knie ; aber sie lehnte sich zurück und die Kraft hatte sie gewonnen , ihm starr ins Gesicht zu sehen . - O , dies unveränderliche Gesicht ! War es nur auch eine Muskelbewegung , die eine Aufregung , Furcht , Schadenfreude , Mitgefühl verrieth ! So hätte er eine Liebeserklärung machen , so ein Todesurtheil aussprechen können . Er erfasste die Spitze ihrer Hand : » Verständigen wir uns doch ! Das Nothwendige erkenne ich an . Wo der Bruch da ist , der zur Auflösung führt , soll der Wahrhaftige nicht Salbe darüber streichen . Er muß sich in das finden , was nun einmal nicht zu ändern ging ; ich kann es auch nicht tadeln , wenn er der Nothwendigkeit einen Schritt entgegen that . Aber - « » Bei allen Mächten , warum foltern Sie mich ? - « » Opiate , narkotische Mittel , alle Säfte aus Vegetabilien dunsten und verdunsten , wie Veilchen und Rose duften und verduften . Sie lassen Materielles nicht zurück , wogegen alles Mineralische ein Residuum , einen Satz , einen Ausschlag zurücklässt . In wie veränderter Form es auch sei , die Wissenschaft findet ihn . Wenn wir doch diese wohlthätige Weisung der Natur nie aus dem Auge ließen ! Das Lebendige im Pflanzen- und animalischen Leben ist bestimmt , zu blühen , reifen , um sich dann zu verflüchtigen , damit es , im Aether scheinbar verschwimmend , irgend wo wieder ansetzt zu neuem Leben . Diese Aussicht kann uns angenehm berühren , zu welchen Träumen giebt sie nicht Stoff ! Aber erschrecken kann es uns nicht . Dagegen repräsentirt der Stein , das Metall die irdische , niederdrückende Schwere . Wir mögen den Stein noch so hoch in die Luft schleudern , er kehrt wieder zurück . Er kann uns auf die Brust fallen , unser Fuß stolpert daran , und wenn wir ihn zerreiben zu Pulver , Staub , er fällt wieder auf die Lunge , und bei der Sektion findet ihn der Arzt . « Die Geheimräthin hatte sich jetzt aufgerafft ; mit beiden Händen an die Sophalehne sich haltend , sah sie über die Schultern auf den Sprecher zurück : » Welche Verständigung , - was wollen Sie ? « » Ich , für mein Theil , meine Gönnerin , was kann ich wollen ! Was könnte ich bezeugen ? Gar nichts ! - Daß ich bei Herrn Flittner auf Ihren Wunsch eine Hausapotheke entnahm ! Das ist Alles dort in die Bücher eingetragen . Eine exakte Apotheke . - Und wer sagt denn , daß das Physikat zu einer Obduktion zu schreiten sich veranlasst finden wird ! Reine Vermuthungen von mir . Nur in Ihrem Interesse , ein Freund stellt sich oft das Schlimmste vor . Denn wer in aller Welt draußen wird auf die Vermuthung kommen , weil in diesem Hause so kurz hinter einander bedenkliche Todesfälle eingetreten sind , daß hier eine ungesunde Luft ist , aus irgend einer nicht ergründeten Ursache . Die Polizei hat jetzt an Anderes zu denken . « » Aber wenn - wenn sie daran dächte ? « - » Da sind tausend Möglichkeiten , wie man ihr ein X für ein U macht . « - » Aber wenn man Sie - « » Sie meinen , wenn man mich als Zeugen aufriefe . Frau Geheimräthin , das ist eigentlich eine Beleidigung . Zweifeln Sie , daß ich gegen mein Herz reden , und nicht meine höchste Achtung vor Ihrem Charakter aussprechen würde ? « - » Nach meinem Charakter würde man nicht fragen . « » Man wird Thatsachen fordern . Was kann ich denn über Thatsachen aussagen ! Daß die Kinder näschig waren , daß sie zugriffen , wo sie nicht sollten ; daß sie in ihrer Naschgier eine schädliche Speise vom höchsten Küchenbrett holten . Oder wird man mich inquiriren , ob ich den Geruch in der Krankenstube abscheulich fand ? Da würden die Experten sich nicht mit Meinungen befassen . - Doch , was ich Ihnen zu sagen vergaß , es war sehr klug , daß Sie dem todten Johann den Blumenkranz so tief in die Stirn drückten . Da kam ein häßlicher blauer Fleck über der Schläfe zum Vorschein - « Es war der entsetzlichste Blick , den wir von ihr sahen - nein , den sahen wir hier noch nicht . - Es war einer , der einen Abschnitt im Leben bedeutet . Mit solchem warf der Wütherich den Schlüssel zum Hungerthurm , worin er seinen Freund gesperrt , in den Fluß , mit solchem scheidet man von der Hoffnung , man stößt den Kahn zurück ins Meer , der uns an die Wüste trug , um darin zu verschmachten . Aber ein Blick war ' s , wie ein Eisendruck , der die erschlafften Nerven plötzlich stählt . » Herr Legationsrath , was fordern Sie von mir ? « - » Fordern - ich ! « - » Ihre Prinzipien verbieten Ihnen , etwas Unnützes zu thun . - Kurz , schnell , damit wir ins Reine kommen . « - » Ich wollte Sie weder ängstigen , noch derangiren - nur eine kleine Bitte . Eine Zahlung von fünftausend Thalern übermorgen genirt mich , weil mir eine Deckung aus Hamburg ausblieb . Sie haben wohl die Güte , mir mit den fünftausend , welche Sie asserviren , augenblicklich beizuspringen , bis meine Rimessen aus Thüringen ankommen . « - » Ich - ich werde sie Ihnen schicken . « - » Wozu Dritte impliciren - es giebt so leicht Nachfragen . Nur eine Feder , meine Gönnerin , um die Schuldschrift aufzusetzen . « Sie wankte an den Sekretair ; die Goldrollen aus dem verborgenen Fach lagen auf der Platte . Sie wies stumm darauf hin . Er machte das Zeichen des Schreibens . » Wozu das ? « - » Es ist doch der Ordnung wegen . « - Um ihm zum Schreiben Platz zu machen , trug sie die Rollen auf einen andern Tisch . Die Rollen waren schwer , ihre Glieder waren wie gebrochen . Eine entglitt ihr , einige Goldstücke rollten umher , die sie aufzuheben sich bückte . » O , mein Gott , Sie geben sich meinetwegen so viel Mühe ! « rief er , auf dem Stuhl sich umwendend , schrieb aber weiter . Er wandte sich wieder um : » Wie wollen Sie es mit den Zinsen gehalten haben ? « Sie antwortete nicht . » Es ist doch wegen des Lebens und Sterbens , verehrte Freundin . Ich würde sechs Prozent schreiben , aber Sie könnten , da Sie nicht kaufmännische Rechte haben , dadurch in Verlegenheiten kommen . Sehr möglich auch , daß der Zinsfuß in dieser Krisis noch steigt . Ich setze daher lieber ; je nach dem höchsten Börsensatz . « Sie winkte ihm Schweigen mit einem krächzenden Hohngelächter . Er schrieb weiter . Was schrieb er noch ! Er war aufgestanden und hatte ihr mit einer verbindlichen Verbeugung den Schuldschein überreicht . Sie warf ihn auf den Tisch , ohne ihn anzusehen . Jetzt war nichts mehr von Angst , Scheu , Bangigkeit in diesem Gesichte , es wogte ein wildes Feuer in der Brust , ihre Augen vermieden ihn nicht , sie sah mit einer Art böser Freude auf ihn : » Was ist Ihnen noch sonst gefällig ? - Da ist der Schrank mit meinem Silberzeug - dort meine Geschmeide , Ketten , Ohrringe - meine Juwelen . Da im Korb die Schlüssel zum ganzen Hause . Erbrechen Sie , nehmen Sie fort , was Sie Lust haben . « » Ich erkenne Ihre Güte , unter welcher Form sie sich auch ausspricht . In Bezug darauf habe ich mir noch eine zweite Bitte erlaubt . Zum ersten September läuft ein Wechsel auf mich von zehntausend Thalern ab . Nur für den unerwarteten Fall , daß meine Rimessen auch bis dahin nicht einträfen , wünschte ich mich hier sicher zu stellen . Für Frau Geheimräthin Lupinus liegen fünfzehntausend Thaler auf der Seehandlung disponibel . Ich habe mir erlaubt , ein Cessionsinstrument auf Höhe von zehntausend dort aufzusetzen . Zugleich ein eventuelles Recipisse . Wenn Sie die Cession gefälligst unterzeichnen , befreien Sie mich , ich gestehe es , von einer momentanen Verlegenheit . Momentan , sage ich , denn - « er lächelte - » meine Aussichten sind gut . Es kostete nur den Entschluß zu einem sehr glücklichen Geschäft , dessen Chancen so gut wie in meiner Hand liegen . Glauben Sie mir , ich bin sicher auf höher als diese Bagatelle . « » Wie hoch schätzen Sie sich , mein Herr ? « Der Hohn in der Frage berührte ihn nicht . » Auf über zweihunderttausend Thaler , meine Gnädige , « antwortete er freundlich und überreichte ihr die eingetauchte Feder . Sie warf sich auf den Stuhl , sie überlas , ohne zu lesen , sie schrieb ihren Namen darunter ; zu seiner Befriedigung , indem er über die Achsel sah , deutlich genug . Sie stand auf , sie sah , sie hörte nichts mehr , quer durch das Zimmer wankend , stürzte sie auf ' s Sopha . Thränen , um zu weinen , fand sie nicht , die Augen brannten unter den vorgehaltenen Händen . Endlich ward es ein krampfhaftes Schlucken , Schluchzen , ihre Füße klappten auf dem Boden , ihre Brust hob und senkte sich , sie holte Luft . Wandel falzte das Papier und steckte es in die Brieftasche , die Goldrollen hatten in den Taschen nicht rechten Platz . Er schlang um einen Theil sein seidenes Tuch , legte das Pack in den Hut und wollte leise zur Thür hinaus , als - ihm ein anderer Gedanke kam . Er saß neben der Lupinus , als sie die Augen aufschlug . » Noch martern ! « rief sie zusammenzuckend . » Nein , « war die Antwort mit fester Stimme , » nur zu stählen wünschte ich meine Freundin . « - » Das Wort nicht mehr aus Ihrem Munde ! Kennen Sie , was Erbarmen heißt , bäte ich Sie , mir aus den Augen , aus meiner Nähe ! Ein Todtengerippe könnte mit seinen hohlen Augen mich nicht so entsetzlich anstarren . « » Denken Sie , ich wäre eines , « lächelte er . » Ich habe ein solches stets neben mir - eine einst heißgeliebte Freundin . Wenn ich verzweifeln wollte , das Blut gegen die Stirn presste , wenn ich einen dummen Streich zu begehen im Begriff war - dumm sind alle Handlungen , deren Impuls im Blute liegt - dann drück ' ich ihr die Knochenhand , ich presse mich an ihre Brust , sie muß neben mir ruhen und ich werde gesund . Sie war ein liebliches Wesen , das nur den Impulsen des Herzens folgte , sie kannte keinen andern Regulator ihrer Handlungen , und - was ist sie nun ? - Ein Traum ihr Leben , nur ihre Treue , Hingebung war mehr - sie , im Tode , giebt mir Kraft im Leben , sie gießt Eisen in mein Blut , Stahl in meine Nerven . O , erheben Sie sich , - so dürfen wir nicht scheiden . « - » Die Kette ist gesprengt - auf ewig . « - » Wenn uns die Verhältnisse auseinanderreißen , warum denn in Feindschaft ? - War denn unsre Freundschaft auf Affekte begründet ? - Ruhe ist die erste Pflicht , um in einem Schiffbruch nach dem Kahn auszublicken , der uns retten kann . Ich bewunderte Ihre klare Ruhe und Klugheit , die Ihnen die Entschlossenheit gab - wie lange handelten Sie in dieser Konsequenz , und nun soll die Aufwallung eines Augenblicks - « » Wo die Hölle sich vor mir aufthut - « » Gut , nennen Sie es Hölle , mich einen Dämon , Teufel , weil ich nach derselben Konsequenz handle , wie meine Freundin gehandelt hat . Aber wer in die Hölle steigt , um in dem Bilde , was Sie beliebten , zu bleiben , würde dort sehr einsam leben , wenn er nur mit Heiligen umgehen wollte . Wir selbst sollen uns das Ziel sein , aber die Association ist das Mittel . - Ist das undenkbar , daß wir uns gegenseitig noch Hülfe leisten könnten ! Weil Sie mir jetzt helfen - meinethalben helfen mussten , - können Sie nie in die Lage kommen , wo Sie von mir Hülfe erwarteten ? - O still , meine Freundin , ich weiß , was dieses Aufathmen sagen soll : Sie stürzten lieber in den Abgrund , als sie von mir annehmen ! Ich lasse diesem natürlichen Gefühl sein Recht , wie die Alten schreien mussten , um ihren Schmerz loszuwerden . Schreien Sie , meine Freundin , innerlich , weinen Sie , wenn Sie wieder Thränen finden , verfluchen mich ! Nichts von Resignation , Vergebung edler Seelen ; ein Palliativ , was die Natur abschwächt . Nein , ergehen Sie sich in Ihrem ganzen Haß , aber dann - dann bedenken Sie , daß wir Beide uns kennen , daß der Zufall in der Welt eine bedeutende Rolle spielt , daß , wo kein Thron mehr sicher steht , die sicherste Stellung es im Leben nicht mehr ist , daß Fälle denkbar sind - « Sie sah ihn scheu an : » Sie meinen - « » Ich gebe nichts auf Ahnungen , aber - einen Wunsch , eine Weisung lass ' ich Ihnen zurück , als letztes Angebinde . Sie haben sich stark gezeigt , bleiben Sie es , wenn das Unglück da ist . Welches Recht haben diese Menschen , die wir kennen , über uns ? Etwa uns ins Herz zu schauen ! Der Pöbel ! Wer in aller Welt giebt ihnen das : unsre innersten Gedanken auszufragen ? Ins Gefängniß mögen sie den Freien schleppen , auf den Rabenstein uns schleifen , nicht uns zwingen , daß wir uns selbst verrathen und verdammen . Das Recht hat keiner Mutter Sohn , er stehe so hoch er will . Der Pöbel kann uns nicht , wir können ihn , wenn wir fest bleiben , überwinden . Die Märtyrer wurden mit Recht Heilige , nur daß sie thöricht waren , sich für Andere martern zu lassen . Wir würden es für uns . Sie versprechen es mir , Schwester im Bunde , ewig zu schweigen , ich schweige auch . Darauf ein Bruderkuß ! « Er war fort ; seine letzten Tritte verhallten auf der Treppe . Sie hörte die Hausthür öffnen , zuschlagen . Aber er war noch bei ihr . Sein Bruderkuß brannte wie Feuer , jetzt wie Eis . Sie war gebrandmarkt , der Druck des Stempels drang von der Stirn bis ins Herz ; sie fühlte ihn von den Fingerspitzen bis zur Zeh . Warum bin ich ein Weib ! lachte es in ihr . Vergeltung - - Ohnmacht ! - So viel kleine Opfer , und der Dämon selbst , sein Hohngelächter zitterte in der Luft , er umschwirrte sie , unerreichbar . Und hätte er zu ihren Füßen gelegen , ohnmächtig gebunden , woher denn Marterwerkzeuge nehmen , die ihren Rachedurst gestillt ! Welche Schmerzen konnten das Maß ihrer Schmerzen ausgleichen ! Und durfte sie ' s ? Ein Laut , ein Schrei , ein Wort des Gemarterten , und die Klingeln und Glocken hätten in den Lüften geklungen bis ans Ende der Welt , wo Gerechtigkeit ist . Wo ist denn Gerechtigkeit ! Nein , sie war noch an ihn gekettet an einer feinen , unsichtbaren Stahlkette - jede Rachezuckung und sie vibrirte wieder , elektrisch , in ihm , er hob die Faust - nein , er lachte sie nur an , mit seinen Haifischzähnen : Wenn mich , vernichtest Du Dich ! - Zu entsetzlich , er war , er blieb ihr unsichtbarer Bundesgenosse . - Wer in diese Strudel trieb , muß eine Säule finden , woran er sich aufrecht hält . - Ein Todtengerippe ! Was ist ein fühlloses Todtengerippe Schreckliches mit einem verglichen , was die Augen noch rollen kann in den Höhlungen ? Ja , sie bedurfte solches Stahlgusses , solcher Stärkung , des glühenden Eisens , das zur Wollust werden kann , wenn es den Nerv in dem nagenden Zahne ausbrennt . Sie stürzte in das Krankenzimmer . Ja , das war noch schrecklicher als ein Gerippe an der Wand . Er stand aufrecht . Wie die letzte Flamme in einem verglimmenden Feuer auflodert , spielte der letzte Athem in dem lebendigen Knochenmann . Er musste furchtbar gespielt haben . Da lagen zerschlagene Gläser , Geschirre , die kostbaren Horazbände auf die Erde geworfen ; ein dicker Staub wirbelte durch das Sonnenlicht , das ohnedem nur dunstig durch die trüben Scheiben drang , wie eine dumpfe abendliche Kirchenbeleuchtung durch gelbe Scheiben . Auch die Decke vom Schreibtisch herabgerissen und der Kater oben , mit gekrümmtem Rücken und orangeglühenden Augen , spinnend . Was hatte das ruhige alte Thier in diese Unruhe versetzt ! Hatte er , vom Schmerz ergriffen , diese Verwüstung angerichtet ? Körperliche Schmerzen waren es nicht . Diese schienen überwunden . Das Gespenst , den Schlafrock weit auf , ein Gerippe darunter , so wankte er auf die Frau zu . Die Brust schlug noch - heftig , in den Skelethänden hielt er ihr ein Buch entgegen . Das Buch zitterte durch die Luft . Das war ein wüster Blick in dem Auge , sein letzter , das war ein Schrei aus tiefer Brust , auch sein letzter : » Weib ! es ist falsch - Alles falsch ! « » Alles ist falsch ! « antwortete sie tonlos . Er hatte nicht mehr die Antwort gehört . Er lag auf der Diele , er hatte ausgelitten . Der Kater war vom Tisch gesprungen und bäumte sich über den Leichnam . Die Geheimräthin irrte in der Stube umher und konnte den Spiegel nicht finden . Als sie ihn gefunden , konnte sie nichts drin sehen . Sie rieb und rieb , aber der Spiegel blieb blind . » Mein Gott , ich muß doch die Wahrheit sehen ! « rief sie und suchte nach einem Tuche . Jetzt meinte sie , der letzte Hauch sei abgerieben . Sie sah sich und sie sah sich nicht . » Allmächtiger - ! « schrie sie auf und presste die Hände über ihren Scheitel . Diese Bewegung sah sie , aber sonst nur Umrisse . Umsonst quollen die Augäpfel aus den Höhlungen hervor . Mit einem neuen , entsetzlichen Schrei fuhr sie zurück . Die Gestalt im Spiegel fuhr auch zurück : » Ich bin ja hohl ! « Es war ein heulender Ton . Ihr Diener fand sie nachher halb auf der Erde liegend , den Kopf aufs Sopha gefallen . Sie sträubte sich verzweifelt , als man sie ins Bett bringen wollte und rief einmal über das andere , man werde gewiß nichts finden . Vierundsiebenzigstes Kapitel . Ein treuer Freund seines Herrn . Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft , aber er war so durchlöchert , daß wer nur das Auge aufriß , durchsah . In Paris war der Rheinbund gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen , ja es hatte noch nichts davon erfahren . Die Fürsten , welche an der Leimruthe saßen , auffliegen konnten sie nicht mehr , aber frei mit ihren Flügeln flattern , und der Großmüthige hatte sie dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze , mit den freien Städten , den Gütern der Stifter , Klöster , der Reichsritterschaft , mit der Souveränität im eigenen Lande . Frei , von Niemand behindert , durften sie mit den Flügeln Die schlagen , die darunter ein Recht hatten auf Schutz . Ihre Rechte , die besiegelt standen in allen Verträgen , waren durch einen Federstrich ausgelöscht . Und die duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte : » Des Kaisers Absichten hätten sich hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt . « - Und wohin sollten sie schreien , wohin Hülfe flehend die Arme strecken ? Der Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt , » da er außer Stande sei , seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen . « Wo war das Reich , wo das deutsche Volk ! Osterreich , des langen , ehrenwerthen Kampfes müde , hatte sich in sein Schneckenhaus gezogen , das halbe Reich hing im Netz des Eroberers , und nur Preußen stand allein im Winkel , ohne den Muth , ohne den Beruf , ohne die Mittel . Das fühlte Jeder in Preußen . Wenn eine Ueberzeugung auf dem trocknen Boden aufschießt , von dem wir reden , so haben Spötter behauptet , daß sie , wie ein Unkraut , das die Wolken säen , plötzlich die Felder überwuchert , oder wie ein Haidebrand über Berge und Thäler sich ergießt . Dann ist kein Widerstand mehr . Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise , nur die an der Straße Wohnenden , die auf den Höhen Sichtbaren . Die in den tiefen Niederungen nur sich selbst leben , unbekümmert um was nicht ihre nächste Sorge angeht , berührt er nur selten . Aber der Fall war hier . Des Herzogs von Enghien Aufhebung und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen , was gehen den guten Bürger Staatsakte an ! Darum haben sich Die zu kümmern , die dazu geboren sind , oder dafür bezahlt werden . Aber daß er den Buchhändler Palm in Braunau erschießen lassen , berührte das Gefühl des Menschen , sogar den Gedanken des Bürgers . War Palm nicht ein Bürger , eingeschrieben in die Bürgerrolle , der ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte ? Was ging ihn die Schrift an , die er verlegt , und noch dazu starb er den Heldentod , weil er Den nicht nennen wollte , dem er sein Wort gegeben zu schweigen ! Das konnte Jedem » passiren ! « Ist ein guter Bürger da , um den Heldentod zu sterben ! Es war ein Brand , der durch alle Glieder ging , vom Wirbel bis zur Zeh . Die Entrüstung fand keine Worte dafür , und je gebundener die Meinung in dem andern gefesselten Deutschland war , so lauter sprach sie sich in Preußen aus . Man fühlte , was Freiheit war , und fing an zu begreifen , daß sie ein Gut , ein heiliges Menschenrecht ist . Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet , und die Regierung schritt nicht ein , weder aus Furcht vor dem Kaiser , noch wegen unbefugten Kollektirens . So sah es in den Bürgerhäusern aus . Wie es in den Palästen der Großen , in den Hotels der Minister aussah ? In dem des neuen Ministers saß in dem Zimmer , das wir schon kennen , Walter van Asten am Schreibtisch . Aber die Flügelthüren waren zu dem neben anstoßenden Audienzsaal geöffnet , wo der Regierungsrath von Fuchsius auf und ab ging . Zuweilen blätterte er in Schriften , zuweilen trat er zu dem neuen Sekretair , um Bemerkungen mit ihm zu wechseln . Er wartete auf eine Audienz und hatte schon lange gewartet , der Minister war in den oberen Zimmern mit dem jungen Bovillard . Walter war bei einer Arbeit , aber er ließ oft selbst die Feder ruhen , und das gelegentliche Gespräch mit dem Rathe schien ihm keine unangenehme Unterbrechung . » Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt , « sagte der Rath . » Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld und Herrn von Bovillard schließt er in seinen Intimis das Herz auf . « » Das war die ihm zugedachte Stellung , « entgegnete Walter , die Feder weglegend , und stand auf . » Wir sind Jugendfreunde , die Verhältnisse haben darin nichts geändert , und wenn sie es hätten , was kommt es jetzt darauf an , wo der Beste ist - der handeln kann . « » Wer handeln kann ! « rief Fuchsius mit einem wehmüthigen Lächeln . » Welche bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor ! « » Denen Herren von Fuchsius enthoben ist , weil er freiwillig seine Stellung aufgab . « » Das soll eine Spitze sein , lieber Asten , aber sie verwundet mich nicht . - Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere zurückgekehrt , trotz alledem , was Sie das Gegentheil zu glauben berechtigt . « » Ich setze voraus , « sagte Walter und reichte ihm die Hand , » daß Sie nach dem , was zwischen uns darüber verhandelt ist , in mir keine persönliche Rancune mehr vermuthen . Sie wäre jetzt ein Verbrechen . « Der Rath drückte die gebotene Hand . » Ich bin keinen Augenblick in Zweifel über Ihre Intentionen , und eben darum thun Sie mir leid . Sie werden das Meer der Täuschungen von vorn an ausschlürfen . - Zugeben will ich Ihnen übrigens , daß jener Umstand vielleicht der äußere Anlaß war , aber der Entschluß datirt von länger . Der Gedanke , daß Seine Excellenz , von jetzt ab , meine Arbeiten mit einer Reserve von Mißtrauen kontrolliren dürfte , änderte meine bisherige Stellung zu ihm ; indessen , werthester Freund , was sind Stellungen , wo Alles Schattenbilder sind in einer Laterna magica , wir Alle Tropfen in einem Meer - Sie einer , Bovillard , der Freiherr selbst , Alle , Alle , die das Bessere wollen . « » Wer sich verloren giebt , ist verloren , « entgegnete Walter . » Wir sind künstlich isolirt , ja , umgürtet von Gräben , Wasser , Sandwällen , und unser Feuer droht in sich selbst sich zu verzehren . Das ist Ihre , das ist Vieler Ansicht . Aber wer berechnet die Macht des Feuers , wo ringsum trockene Stoffe lagern ! Mag , einmal entzündet , es nicht zu einer Lohe aufschlagen , die über Deutschland sich ergießt . Mag sie nicht Europa in Flammen setzen ! « » Und was dann ! - Ich redete nicht davon . - Der Krieg liegt , ein so wüstes , trostloses , verworrenes Bild vor mir wie der Friede . - Ihr wollt das Volk wecken , einen Nationalkrieg entzünden - die Idee liegt doch dunkel im Hintergrunde ? « » Und Sie theilten sie nicht ? « » Ich habe sie getheilt - aber das ist vorüber . Einen Sturm wollen Sie los lassen , und was wirbelt er auf ? - Staub . « » Und wofür leben Sie jetzt ? « » Für die Verbrecherwelt . Die Wahrheit , die ich in der Psychologie des Staates nicht fand , suche ich in der der Gefängnisse . Es ist eigentlich derselbe Stempel , nur ursprünglicher , frischer . Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel conciser , konkreter . Die Kreise eines Verbrechers , klein fangen sie an , um rasch größer zu werden , bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht ; dann verengen sie sich wieder , immer rascher , bis sie zur Schlinge werden . Dort sehen wir nur Stückwerk , hier Totalitäten . « » Aber nichts , was das Gefühl erhebt . « » Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt , wie die erste Unterlassungssünde , die Scham darüber , das Streben , es zu verbergen , ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt , gäbe das keine Anschauungen , Belehrung , ja Erhebung ? Da , in der großen Geschichte vertuscht man es , wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt , hier ist kein Grund dazu , die Diplomaten und Historiker fehlen , die das Schlechte schön malen , dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen . Die Natur giebt sich , wie sie ist , und versucht ' s ein Verbrecher , durch Lügen sich einen besseren Schein zu geben , so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen , er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer , unlösbarer , und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume . Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug , wie ein Licht aus bessern Welten , vorschießt , da kann dem Kriminalisten eine Thräne ins Auge treten , und er kann den Verbrecher lieben , den er verdammen muß . Ja , Theuerster , der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung , über der der gleißende Schein immer mehr reißt , in eine Naturwelt , wo es noch chaotisch daliegt , unschön , meinethalben ekelhaft , aber es ist die grelle Naturwahrheit , die der Mensch bessern , veredeln sollte , gewiß , es war seine Aufgabe , aber er hat sie verpfuscht . Jetzt begreife ich die Völkerwanderung . Die Barbaren , welche die römische Kulturwelt mit ihren Keulen niederschlugen , waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese , auch unter ihnen grassirten Laster , Blutsünde und Gräuel aller Art , aber sie waren der frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts . « » Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien ?