. » Er ist ' s ! « erwiederte Pink-Heinrich kummervoll . » Aber er kommt diesmal zu spät , um zu helfen ! - Die That ist geschehen , wehe dem , der sie vollbrachte ! « Der alte Mann entblößte sein Haupt und wischte sich eine Thräne aus den Augen . » Ihr seid im Irrthum , braver Alter , « versetzte Aurel . » Dieses Unglück , wenn wunderbare Schicksalsfügungen solchen Namen verdienen , dieses Unglück lastet auf keines Sterblichen Gewissen ! Wir drei waren Zeugen des Hergangs , wir können mit den heiligsten Eiden beschwören , daß Martell am Tode des Herrn am Stein , unseres unglücklichen Bruders , eben so schuldlos ist , als Ihr selbst , wackerer Mann ! - Es war Gottes Hand , die ihn schlug , und wo diese in die Geschicke der Menschen eingreift , da müssen wir uns beugen und ausrufen : Sein Wille geschehe für und für ! - Die Phantasieen des Verunglückten jagten ihn in den Tod ! Gott sei ihm gnädig ! « Der Maulwurffänger schloß sich dem Trauerzuge an , der sich langsam über den Hof , den gewundenen Kiesweg hinab nach der Wohnung Adrians bewegte . Alle Arbeiter folgten paarweise . Das seltsame Kreuz , welches der Rauch über dem Hofe der Fabrik bildete , war noch immer zu sehen . Erst , als der Zug vor dem Hause anhielt , zerflatterte es nach und nach in der Luft . Das heftige Laufen so vieler Menschen und das damit verbundene unvermeidliche Rufen und Schreien , hatte die Frauen aufgeschreckt , und ihnen das Geschehene verrathen . Sie erwarteten am Portale des Hauses den nahenden Zug . Bianca , die zwischen Herta und Elwire in der Mitte stand , machte auf Aurel einen unauslöschlichen Eindruck . Während nämlich Großmutter und Enkelin schwarz gekleidet waren , trug Bianca ein durchsichtiges weißes Gazekleid , das ihre vollendeten Formen mehr enthüllte als verbarg . Ihre schwarzen Haare waren über der blassen Stirn gescheitelt , im Nacken durch eine Perlenschnur zusammengefaßt und ergossen sich in fesselloser Pracht , eine glänzende Lockenwelle , bis weit über ihre Hüften . Diese phantastische Kleidung war reizend und abschreckend zugleich . Bianca hatte , wie schon so oft , auch in dieser Nacht den Grafen wieder in jene gräßliche Gedankenhölle stürzen wollen , die sie willkürlich um ihn erbauen konnte und an der sich ihr grollendes Auge erlabte . Ueberrascht von dem unerwarteten Tode ihres Feindes hatte sie in der ersten Bestürzung ihre Kleider zu wechseln vergessen . So empfing nun die zur Rache gerüstete schöne Furie die blutige Leiche dessen , den sie durch ihre Reize in Verzweiflung und Wahnsinn stürzen wollte , an der Schwelle seines Hauses ! - Der Tod ist ein mächtiger Vermittler . Das fühlte in diesem unvergeßlichen Augenblicke selbst die unerbittliche Rächerin . Thränen wahrhaft weiblichen Mitgefühls füllten ihre bis dahin kalten Augen , die wohl zuweilen geweint hatten , aber nur vor Wuth und vor Begierde sich zu rächen . Der Anblick des grausam Zerrissenen erschütterte sie , das starre Herz brach ihr im Busen und weinend beugte sie sich über den Todten , um ihm vergebend die Hand zu drücken . » Ich verzeihe Dir , Unglücklicher ! « sagte sie . » Ich verzeihe Dir im Namen meiner Schwester . Du hast gefrevelt , aber Du hast auch gebüßt . Friede Deiner Asche ! - « Die Leiche ward ins Haus getragen und hier in jenem prachtvollen Speisesaale , wo Adrian die bittenden Arbeiter so schnöde abgewiesen und Lore ihr Kind in brennendem Mutterschmerz von ihm zurückgefordert hatte , auf reiche Teppiche niedergelegt . Hier kniete Bianca nochmals neben dem Todten an die Erde , ein Strom heißer Thränen entfloß ihren Augen und Reue über ihr unbarmherziges , unglaublich hartes und sündiges Verfahren versetzte sie in tiefe Traurigkeit . Da trat Vollbrecht an sie heran , hob sie liebevoll auf und sagte : » Lassen Sie ihn ruhen ! Wir können die Geschicke nicht ändern . Sie aber , meine Freundin , werden vor Gott gerechtfertigt erscheinen , denn Sie waren in seiner Hand ein Werkzeug der Strafe ! Ein Leben voll Milde , Sanftmuth und Liebe wird auch Sie vergessen lassen , was Ihnen geschah und was Sie verübten ! Kommen Sie ! « Der gutmüthige Geschäftsführer zog die nur schwach Widerstrebende mit sich fort . Herta und Elwire folgten . Die Männer aber gingen zusammen in Adrians Wohnzimmer , um sich über die Schritte zu einigen , die zu thun man jetzt für nöthig halten würde . - In dieser Unterredung erfuhr der Maulwurffänger erst die Ermordung des unglücklichen Klütken-Hannes , dessen Leichnam auf der Tenne der Scheuer lag . Eine unerklärbare Unruhe hatte den Maulwurffänger vom Hause fortgetrieben . Er war trotz seines hohen Alters rastlos fortgewandert , hatte erst nach Mitternacht das Dorf am See erreicht und bei Martell den Rest der Nacht zubringen wollen . Von Lore benachrichtigt , daß ihr Mann in dieser Nacht eine Zusammenkunft mit seinem Halbbruder habe , um Abrechnung mit ihm zu halten , trieb es ihn ruhelos fort nach der Felseninsel . Leider fand er keinen Fährmann ; er mußte sich also mit eigener Hand über die Gewässer rudern , was ein Wagstück für ihn war , da er keine Uebung in der Schifferkunst besaß . Er brauchte daher auch verhältnißmäßig lange Zeit , ehe er die Insel erreichen konnte , denn mehr als einmal trieb er seinen Kahn rückwärts anstatt vorwärts . Daher kam er erst nach der schrecklichen Katastropfe an , die durch sein früheres Auftreten vielleicht verhindert worden wäre . Indeß leuchtete seinem hellen Verstande sehr wohl ein , daß vielleicht gerade dieser Ausgang die besten und segenbringendsten Folgen haben könne . In der nun folgenden , bis an den Morgen dauernden Berathung ward beschlossen , den beiden an einem Tage umgekommenen Brüdern ein feierliches Begräbniß zu veranstalten und sämmtliche Mitglieder der Familie dazu zusammen zu rufen . Adalbert von den erschütternden Ereignissen zu benachrichtigen , übernahm Aurel in einem ausführlichen Briefe , der eben so wahr , offen und gerade , als liebenswürdig und versöhnlich geschrieben war , und wohl geeignet sein konnte , auch das haßerfüllteste Herz zu erschüttern und wider Willen zur Versöhnung zu zwingen . Da er Adalbert als einen vornehmen und abgeschlossenen Aristokraten kannte , hütete er sich wohl , in einen allzuvertraulichen Ton zu fallen , obwohl sein Herz diesen gern angeschlagen hätte . Seinen Zweck zu erreichen und zugleich den feindlich gesinnten Bruder von der Schuldlosigkeit dessen zu überzeugen , auf den ein Bösgesinnter wohl einige Schuld wälzen konnte , zog er es vor , mehr die Klugheit als das Gefühl sprechen zu lassen . Dieser Brief , der Aurels Charakter in so schönem Lichte zeigte , lautete folgendermaßen : » Mein vielgeliebter Bruder , Es ist löblich , wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen ! Mit diesem treuherzigen Bibelwort , von dem ich freilich nicht behaupten will , daß ich es ganz wörtlich nach Luthers Uebersetzung citirt habe - denn es ist eine ziemlich lange Reihe von Jahren seit der Zeit verflossen , wo ich mich bibelfest nennen durfte - mit obigem Wort also rufe ich Dir heut einen wohlgemeinten , von Herzen kommenden Gruß zu . Wir haben vor wenigen Tagen einen Prozeß gegen arme und rechtliche Leute verloren , die ein unerforschlicher Wille der Vorsehung von Geburt an zu unsern nächsten Verwandten auserwählte , ohne daß wir eine Ahnung davon hatten . Gewiß , ein ganz anderer Geist hätte unser Aller Leben und Wirken beseelt , wäre vor nur zehn Jahren diese für uns so wichtige Entdeckung gemacht worden ! Weil dies nicht geschah , nicht geschehen konnte und sollte , deshalb trennten wir uns in einer finstern Stunde und standen uns feindlich gegenüber . - Ich bekenne lieber Bruder , daß ich durch meine Hartnäckigkeit und die Gereiztheit meines ganzen Wesens nicht wenig Schuld gewesen bin an dieser Trennung . Indeß , Gott Lob , ich kann mir auch selbst Unrecht geben , wenn ich es verdient habe , und so hoffe ich , der Freudentag , wo unrechtmäßig getrennte Brüder sich wieder in Liebe vereinigen , einander aufrichtig vergeben und sich für immer versöhnen , wird nicht mehr fern sein ! - « » Alles fordert uns dazu auf , der verlorene Prozeß , der für uns gewonnen ist , wenn wir , wie ich gethan habe , diejenigen als unserm Geschlecht zugehörig anerkennen , welche vermöge ihrer Abstammung ein unbestrittenes Recht dazu haben ! Das Schicksal , das den Samen der Zwietracht unter uns ausgestreut hat , und endlich die Vorsehung selbst , die in diesem Augenblick uns schwer ihre strafende Hand fühlen läßt ! « » Ich sehe Dich grollend die Stirn runzeln , aber höre mir geduldig zu und Du wirst mir Recht geben ! « » Unser armer Bruder Adrian , den ein seltsamer Geist des Irrthums verblendete und auf Abwege führte , die ich eben so wenig wie Du vereinbaren kann mit dem angeborenen Sinne für Gerechtigkeit , der unserm alten stolzen und berühmten Geschlecht bis in die Zeiten des grauen Alterthums eigen gewesen ist , dieser arme Bruder hat plötzlich aus dem Leben scheiden müssen ! - Ich sage müssen , weil sein Tod wirklich einer unbegreiflichen Fügung Gottes , einem wahrhaften Schicksal gleichkommt . « » Du weißt , daß er seit langer Zeit kränkelte . Eine gewisse Schwäche , die sich in nervöser Reizbarkeit und nicht selten in unheimlichen , erschreckenden Einbildungen bekundete , verließ ihn seit jener Zeit nie mehr . Aerger , Verdruß , wohl auch wahrhafter Kummer steigerten diese krankhafte Gemüthserregung , und eine unbegreifliche Leidenschaft , die ihn mit dämonischer Gewalt überfiel und zum willenlosen Kinde eines armen , aber schönen Mädchens machte , das seine Neigung nicht erwiederte , rieb ihn geistig und körperlich beinahe auf . « » In dieser Gemüthsstimmung überraschte ihn , wie mich , die Nachricht von dem Verlust des Prozesses . Du kennst Adrians Festhalten an irdischem Besitz , dem er häufig mehr Werth beilegte , als ein besonnener Mann es sollte . Er hielt sich daher im ersten Augenblick völlig ruinirt und nur meinen wiederholten Versicherungen gelang es , ihn dieser fixen Idee zu entfremden . Zum Unglück mußten sich an die Mittheilung von dem verlorenen Prozeß auch noch andere Eröffnungen knüpfen , die sein Gemüth tief erschütterten . Es galt nichts Geringeres , als einen unserer wiedergefundenen Halbbrüder gefänglich einzuziehen , da man ihn auf verbrecherischen Wegen ertappt hatte . Ich schweige über das Nähere und verschiebe ausführlichere Mittheilungen bis auf persönliches Zusammenkommen . « » Brauche ich Dir noch zu sagen , daß seit jenen Tagen unsern armen Bruder eine Melancholie befiel , die uns ernstlich um ihm besorgt machte ? Aber wer , wer sollte ihn nahen , wer ihn bewachen ! Sein Mißtrauen war grenzenlos , seine Heftigkeit nicht zu ertragen ! Abgemagert bis zum Skelett , erkannte man ihn kaum noch . Seine Phantasieen , die ihm die seltsamsten und schrecklichsten Träume vorspiegelten , streiften hart an den Wahnsinn , und immer kehrte in ihnen neben tausend fratzenhaften Spukgestalten das bezaubernde , ihn beseeligende , aber auch aller Vernunft auf Augenblicke beraubende Bild des Mädchens wieder , dem er hoffnungslos sein Herz geschenkt hatte ! « » Durch den plötzlichen Tod jenes Bruders , der als angeklagter Verbrecher im Kerker saß , von Neuem ungewöhnlich erschüttert , machte er seiner Gewohnheit nach tief in der Nacht einen Besuch in der Fabrik , wo vor Kurzem die Arbeiter ihre Stellen gewechselt hatten . Lampenlicht , Mondschein , Oeldunst und Maschinengerassel verwirrten seine Gedanken - er hielt die Spinner für Geister , glaubte in dem blitzenden Glänzen einer eisernen Welle , die senkrecht vom Fußboden zur Decke sich erhebt und das ganze Werk durch alle Stockwerke treibt , das heiß geliebte Mädchen zu erblicken ... eilte darauf zu und ... ward von der Dampfkraft zerschmettert ! « » Traure mit mir um den beklagenswerthen Bruder , dessen Leiden so tragisch enden sollten ! - Ich hatte ihn seine Wohnung verlassen sehen und war ihm , seine Stimmung fürchtend , nachgegangen , aber erst in dem Augenblicke , als die Welle ihn erfaßte , konnte ich den Saal erreichen , der seine Todeskammer werden sollte ! « » Dieser unvermuthete , nicht allein uns Brüder sondern auch Adrians sämmtliche Unterthanen tief darniederbeugende Tod ruft uns mahnend zu : Vergebt und vergeßt ! Seid einander wieder liebende Brüder und lebt als solche in christlicher Eintracht ! Laßt allen Groll auf immer dahin fahren und vertragt Euch , wie Brüder es sollen ! - Und was , theurer Bruder , was soll uns denn eigentlich entfremden ? - Haben wir uns gegenseitig um unser Eigenthum gebracht ? - Nein , wir haben es in brüderlich gutem Einverständniß vermehrt ! - Sind wir Schuld daran , daß alte Frevel zu sühnen waren , daß tief Gekränkten Gerechtigkeit verschafft werden mußte ? - Keineswegs ! - Nun und haben wir denn an unserer Ehre etwas verloren , wenn wir denen , die Gottes Wille aus der Nacht unverdienter Armuth zu uns emporhob in den mildernden und bildenden Sonnenschein mäßigen Besitzes , wenn wir diesen brüderlich die Hände reichen und sie neben uns wandeln lassen ? - Auch dies muß ich verneinen ! - Warum also noch länger getrennt und unversöhnt leben ? Warum grollen und grollend vom Tode überrascht werden , wie unser armer Bruder ? « » Adalbert , laß uns großmüthig , laß uns ritterlich handeln ! Nimm die Hand , die ich zu aufrichtiger Versöhnung Dir entgegenstrecke , vertrauensvoll an und laß uns treue Brüder sein und bleiben , so lange uns Gott am Leben erhält ! « » Schwere , traurige Gedanken ziehen durch meinen Geist und stören die Ruhe meiner Seele ! - Mich dünkt , wir haben den ernsten Wink der Vorsehung zu spät verstanden ! Schon damals sollten wir froh und frei uns einigen in Liebe , als wir die ersten Spuren entdeckten von den Fußstapfen , welche verlorene Kinder unseres Vaters in den Staub der Armuth , in den Schlamm der Erniedrigung gedrückt hatten ! Es war an uns zu vergeben , zu sühnen , was ein Verstorbener vor uns gesündigt . Glücklich und beneidenswerth sind die zu preisen denen Gelegenheit geboten wird , Vergehungen ihrer Vorfahren durch Thaten des Segens in der Gegenwart auszugleichen ! - Wir haben dies nicht so eifrig , nicht so gern gethan , wie wir sollten , ja es bedurfte erst eines so erschütternden , gewaltigen Donnerschlages , ehe wir trauernd , gebeugt und reuig zu dieser Erkenntniß kamen ! - « » In fünf Tagen soll die feierliche Beerdigung des Abgeschiedenen stattfinden . Ich weiß , Du wirst nicht dabei fehlen , denn ich kenne Dein Herz , das gern geneigt ist zum Vergeben , wenn es auf ehrliches Entgegenkommen rechnen kann . « » Mit schmerzlicher Sehnsucht erwarte ich Dich und Beatrice , meine schöne , liebenswürdige Schwägerin , der ich mich angelegentlichst zu empfehlen bitte ! Lebe wohl bis dahin Ueber den Sarg des geliebten Bruders reicht Dir die Hand zur Versöhnung Dein treuer Bruder Aurel . « Die kleine Abweichung von der Wahrheit , welche sich der Kapitän in diesem Briefe erlaubte , glaubte er vor sich selbst rechtfertigen zu können , da es ihm zumeist daran lag , Adalbert wirklich zu aufrichtiger Versöhnung zu bewegen . Deshalb nahm er sich selbst auch gar nicht aus von denen , die ein irrthümliches Handeln sich vorzuwerfen hatten . Adalbert war Diplomat und nur auf diplomatischem Wege ließ er sich zu einem Abweichen von der einmal eingeschlagenen Bahn bestimmen . Aurel hatte sich übrigens nicht verrechnet . Sein Bruder kam früher in Boberstein an , als der Kapitän vermuthete . Beatrice begleitete ihn . Der Empfang war zwar nicht herzlich , aber doch erwärmt . Blick , Händedruck und Bewegung Adalberts sagten Aurel , daß er seinen Zweck erreicht habe . Der vornehme , stolze Herr bat sogar , der Kapitän möge ihm seine Halbgeschwister vorstellen und stattete zu diesem Behufe einen , freilich sehr kurzen Besuch in Martells und Simsons Hütte ab . Ueber den Eindruck , welchen der einsilbige Spinner auf den Aristokraten gemacht haben mochte , sprach sich Adalbert nicht aus . Mit großem Pomp fand am fünften Tage nach der Zerschmetterung Adrians die Beerdigung beider Brüder statt . Aurel glaubte die Verfolgung und Bestrafung selbst eines überführten Verbrechers nicht bis über das Grab hinaus erstrecken zu dürfen . Die beiden geschmückten Särge , auf denen das Wappen der Boberstein prangte , wurden feierlich in die alte , noch wohl erhaltene Grafengruft eingesenkt . Außer den Leidtragenden , zu denen Aurel , Adalbert , Martell , Herta , Elwire , Maja , Simson , Paul und Sloboda gehörten , begleiteten die sämmtlichen Arbeiter ihren verunglückten Gebieter zur Gruft und weinten ihm eine Thräne des Mitleids , zollten ihm ein Wort der Theilnahme und der Verzeihung . Ueber der Gruft reichten die bis dahin so feindlich gesinnten Brüder , Schwestern und Verwandten einander die Hände zur Versöhnung . Auch der Maulwurffänger , der gleich den Uebrigen dem Leichenconduct beiwohnte , erhielt von Adalbert und Beatrice den versöhnenden Handschlag . Nach der Beerdigung reisten Adalbert und seine Gattin sogleich wieder ab . Er versprach Aurel , recht bald zu schreiben und ihm seine Gedanken über Theilung der zugefallenen Erbschaft mitzutheilen . Man trennte sich mit der Ueberzeugung , daß die Vergehungen des alten Geschlechts zugleich mit den sterblichen Ueberresten Adrians und Johannes Klütken ' s gesühnt und für immer in die Gruft gesenkt worden seien . - In derselben Nacht trugen zwei Spinner , von Aurel und Gilbert begleitet , die Leiche des Mörders nach der Torfhütte und vergruben sie in den tiefsten Moor . Ueber den schlammigen Hügel sprachen die beiden Seemänner ein stilles , andächtiges Gebet . Achtes Kapitel . Beschlüsse . Es ist stiller Sonnabend , jener Tag vor Ostern , den der Landmann fromm und ernst zu verleben pflegt . Alle noch lebenden Glieder der Familie Boberstein mit Ausschluß von Adalbert und Beatrice sind auf der ehemaligen alten Stammburg versammelt . Aurel hat den verheißenen Brief von seinem Bruder erhalten , dessen Inhalt er den Versammelten mittheilt . Dieser Brief lautete : » Mein theurer Bruder , Durch den schnellen Hintritt unseres Bruders Adrian sind der Familie eine beträchtliche Anzahl Güter zugefallen , über deren Vertheilung wir uns in jener schönen Eintracht berathen wollen , die ferner unter uns obwalten soll . Als dem Nächstältesten in der Familie fällt Dir Boberstein nach Recht und Gesetz zu und mit Freuden sehe ich es in Deine Hände übergehen . Damit aber nicht in späterer Zeit wieder ein unglücklicher unser Geschlecht in Zank und Streit und Feindschaft verwickelnder Prozeß darüber entstehen möge , wünsche ich , daß unsere lieben Halbgeschwister von Dir entschädigt werden . Ich meines Theils verzichte auf alle Theilnahme an der Erbschaft . Ich besitze genug , um zufrieden und glücklich leben zu können . Da man Dir von jeher ein großes Zutrauen bewiesen hat , wird es für Dich nicht schwer sein , die verschiedenen gesetzlichen Miterben zu befriedigen . Wie Du dies thun willst , bleibe Dir ganz allein überlassen ! « » Adrians Tod hat mich so heftig angegriffen , daß ich mich durch eine Reise zerstreuen muß . Ich werde nach dem Orient gehen , dessen hohe Eigenthümlichkeit , dessen mysteriöse Ueberreste alter Kunst mich immer wunderbar angezogen haben . Beatrice begleitet mich . So genußreich , belehrend und bildend unstreitig eine solche Reise ist , so viele Gefahren bietet sie auch dar . Wer dergleichen unternimmt , muß zuvor mit dem Leben abschließen , muß auf ewig von seinen Lieben Abschied nehmen und sich betrachten als einen Todten . Darum , geliebter Bruder , wirst Du mir verzeihen , wenn ich Dir gegenwärtig mit gerührtem Herzen zurufe : Lebe wohl , lebe wohl auf ewig ! Gott weiß , ob wir uns je wieder sehen in diesem Leben ! Lebe wohl und grüße die Lieben , die wir vor Kurzem als unserer Familie zugehörig haben kennen gelernt ! Ich wünsche ihnen recht viel Gutes und daß sie Freude an ihren Kindern erleben mögen ! Gott , der sie Alle so wunderbar geführt hat , beschirme sie auch fernerhin ! « » Wenn Du diese Zeilen erhältst , bin ich schon weit von Dir ! Ich habe dies vorgezogen , damit Du mich nicht mit Einwendungen bestürmen und mich wankend machen mögest in meinem Entschlusse ! Die Verwaltung meiner Güter ist treuen und zuverlässigen Händen übergeben . Nochmals , lebe wohl ! Im Leben und im Tode , in der Nähe und Ferne immer Dein treuer Bruder Adalbert . « Aurel ward von diesem Schreiben sehr unangenehm berührt . Adalberts Reise sah vollkommen einer Flucht ähnlich , einer Flucht , zu welcher sich der stolze Aristokrat blos deshalb entschlossen hatte , um nie wieder mit denen in Berührung zu kommen , die er als seine Blutsverwandten hatte annerkennen , denen er die Hand zur Versöhnung hatte reichen müssen ! Aurel fühlte , daß diese vornehme Freundlichkeit blos Maske war , und daß Adalbert im Herzen noch eben so grollte , wie früher . Indeß war dem Scheine genügt . Die Versöhnung war geschehen , ein freundliches Verhältniß unter den Geschwistern hergestellt , und so mußte Aurel schweigen und die Betheuerungen des geflüchteten Bruders als aufrichtig und wahr gelten lassen . Er wendete sich darauf zu den Versammelten und sagte : » Liebe Geschwister , Vettern und Verwandte ! Als rechtmäßiger Erbe dieser Besitzungen steht mir das Recht zu , über dieselben zu verfügen , wie ich es für gut und zweckmäßig halte . Ich bin kein Fabrikant , kein Kauf- und Handelsherr , ich bin nur ein schlichter , grader Seemann , dies aber mit Herz und Seele ! « » Bravo ! « rief Gilbert aus , der an der halboffenen Thür hochte . » Jetzt bläht eine frische Brise doch endlich wieder die Segel . « » Daraus folgt , « fuhr Aurel fort , » daß ich diese Fabrik , der wir die Wiederkehr unseres ehemaligen Wohlstandes zu verdanken haben , nicht leiten kann , ohne ihr zu schaden , ohne vielleicht das ganze Geschäft zu zerstören und damit die Quelle unseres gemeinsamen Glückes zu verstopfen . Es ist daher , sofern Niemand Einspruch thut , mein Wille , daß statt meiner unser ältester Bruder Martell nicht blos die Leitung der Fabrik antrete , sondern auch Boberstein mit allen Pertinenzien als wirklicher Erbe übernehme ! « » So soll es sein ! « sagten sämmtliche Anwesende , wie aus einem Munde und reichten dem neuen Besitzer der großen Herrschaft , der schweigend in ihrer Mitte saß , die Hände . » Unter Martells Leitung , « sprach Aurel weiter , » wird die Fabrik gedeihen und blühen , allein ich habe noch einen andern wichtigen Vorschlag zu machen , worüber ich Eure Meinungen zu hören wünsche . Um ihn zu rechtfertigen , muß ich etwas weit ausholen . Ich erbitte mir also für einige Zeit Eure ungetheilte Aufmerksamkeit ! « » Es gibt eine sehr große Anzahl Menschen , welche der Ueberzeugung leben die Erfindung der Maschinen und deren Verwendung in den verschiedenartigen Fabriken sei ein unerhörtes Unglück für das gesammte Menschengeschlecht . Seit man sich ihrer bediene , nehme Armuth , Elend , Hunger , Kummer und Verbrechen unter den niedern Ständen des Volkes auf eine wahrhaft entsetzenerregende und staatsgefährliche Weise überhand ! Es sei daher Pflicht jedes wahren Menschen- und Volksfreundes , mit aller Kraft auf Abschaffung der Maschinen zu dringen , den Armen neue Arbeit und hinreichenden Verdienst zu verschaffen und ihnen somit wieder zu geben den alleinigen Besitz , der ihnen geworden ist , das Kapital des Fleißes ihrer Hände ! - Diese Leute , diese wohlmeinenden , aber kurzsichtigen Eiferer irren ! « » Nein , liebe Geschwister und Freunde , die Maschinen sind ein Segen Gottes , eine Wohlthat für die Menschheit ! Ihre Beibehaltung , ihre Vermehrung und Verbesserung muß der Wunsch jedes Biedermannes sein ; allein man muß sich ihrer nur bedienen zur Befreiung , nicht zur Unterjochung der arbeitenden Klassen ! Leider ist letzteres so häufig geschehen und geschieht noch täglich in der gesammten civilisirten Welt , daß die Verwünschungen derer gerechtfertigt scheinen , die in den Maschinen den Untergang des Volkes erblicken . Dies muß anders werden ! Aufgeklärte , humane Männer müssen dem Unfuge steuern , welchen gemeine Eigenliebe und brutaler Speculationsgeist mit einer der größten Segnungen , die das Genie des Menschen der Erde geschenkt hat , treiben . Der Maschinenbesitzer muß - gebe Gott , daß wir bald diese Zeit erleben - durch ein Staatsgesetz gezwungen werden , diese Hebel der Kraft zur Erleichterung der Arbeit zu benutzen und diejenigen , welche mittelst der Maschinen ein ungleich größeres Mehr von Arbeit liefern , auch ein Theilhaben zu gönnen an den Vortheilen dieses Mehr ! Der Maschinenbesitzer , der Fabrikant , darf nicht allein den Gewinn einstreichen , es muß eine verhältnißmäßige , vernünftige Theilung zwischen ihm und seinen Arbeitern stattfinden ! Geschieht dies , dann wird die Noth , die Armuth , die Unzufriedenheit , das Laster sich mindern im Volke ! Dann wird der Arbeiter die Erfindung der Maschinen segnen , seinen Arbeitsherrn lieben und verehren , ihm treu und ergeben bleiben mit inniger Liebe , mit und für ihn dulden ohne Murren ! « » Und dahin , geliebte Geschwister und Freunde , dahin muß es kommen ! Darauf laßt uns hinwirken ! Damit laßt uns einen Anfang machen ! « Alle Versammelten jauchzten Aurel Beifall zu und erhoben sich von ihren Sitzen . » Ich schlage vor , « fuhr der Kapitän fort , » und mache es meinem Bruder Martell zur unerläßlichen Bedingung , daß er seinen Arbeitern den Arbeitslohn verdoppele , daß er ihnen außerdem einen Antheil am Gesammtgewinn sichere , diesen Antheil aber nicht in baarem Gelde auszahle , sondern blos verzinse , damit zu größerem Nutzen das Betriebskapital nicht allein ungeschmälert bleibe , sondern auch von Jahr zu Jahr sich mehre ! Dadurch werden dem Fabrikherrn nicht die unerläßlichen großen Geldmittel , dem Arbeiter nicht der kleine Vortheil , den er beanspruchen darf , entzogen . Auf Verlangen wird den Arbeitern am Schlusse des Jahres , Rechenschaft abgelegt über den Stand der Sachen , und je nachdem die Geschäfte sich verbessert oder verschlechtert haben , die Theilnahme der Arbeiter am Gewinn geregelt . Der Arbeitslohn aber darf den Arbeitenden nie und unter keiner Bedingung verkürzt werden , damit sie stets ein menschliches Leben führen können und nie erniedrigt werden zu willenlosen Sclaven ! - Bist Du bereit , Martell , unter diesen Bedingungen die fernere oberste Leitung der Fabrik zu übernehmen ? « » Ohne Bedenken ! « sagte Martell . » Ich will ein Mensch sein unter Menschen , nicht ein Despot unter Sclaven . Lieber will ich verhungern ! « » Dann bin ich zu Ende , meine Lieben . Vollbrecht , der fleißige , gewissenhafte und umsichtige Geschäftsführer unseres verstorbenen Bruders ist bereit , dem kaufmännischen Theile des Geschäfts wie bisher vorzustehen . Seine Rechtlichkeit ist eben so anerkannt , wie seine milde Gesinnung . Alle Arbeiter lieben und vertrauen ihm . Sie werden auch seinen Worten Glauben schenken , wenn er am Schluß des ersten Jahres ihnen Rechenschaft ablegt und mittheilt , welcher Antheil am Gesammtgewinn ihnen zufällt . « » Seine Rechtlichkeit soll mir Vorbild sein , « sagte Martell . » Was nun mich betrifft , meine Freunde , « fuhr Aurel mit größerer Lebhaftigkeit fort , » so habe ich Lust mein altes Leben wieder zu beginnen . Unsere überseeischen Verbindungen und Besitzungen verlangen bisweilen einen raschen Inspector . Ueberdies ist mir ein Leben ohne Wagniß und Abenteuer zur Last , denn der ächte Geist der Boberstein , ich hoffe im edelsten Sinne des Wortes , schäumt und tobt in meinen Adern . Daher , Geschwister , Neffen , Freunde , werde ich in diesem Frühjahr wieder zur See gehen . « » Zu Befehl , Herr Kapitän ! « sagte Gilbert , die Thür öffnend und militärisch grüßend . » Ich bin bereit , in jedem Augenblick die Anker zu lichten . « » Du sollst mich begleiten , braver Junge und , verschlingt mich dereinst eine Sturzsee , mein wackerer Nachfolger werden . « » Hurrah ! « schrie Gilbert aus Leibeskräften , wie toll seinen bebänderten Matrosenhut schwenkend . » Es lebe Kapitän Aurel , hoch ! « Alle Anwesenden stimmten in die tolle Lustigkeit des muntern Burschen ein und brachten dem braven uneigennützigen Manne ebenfalls ein Lebehoch . Noch während desselben zeigte sich der Maulwurffänger , der an dieser Verhandlung keinen Theil genommen hatte . Seine Mienen waren traurig , sein ganzes Wesen ernst und feierlich . » Was bringst Du ? « fragte Aurel erschrocken . » Wenn der Herr Kapitän mit Ihren Ge-Geschäften zu Ende sind , « versetzte Pink-Heinrich , » so möchte ich Sie ersuchen , mit Ihren lieben Angehörigen in größter Eile in Martells bisherige Behausung zu kommen . « » Ist ein Unglück geschehen ? « fragte Martell . » Kein Unglück , ach nein , aber Lore säh ' es doch gern , wenn ihr alter Vater Dich segnen könnte , bevor er hinübergeht . « » So plötzlich ? « versetzte Martell » Und ich verließ ihn doch ganz munter heut Morgen ! « » Es ist stiller Sonnabend , « bemerkte der Maulwurffänger , » und da lieben es alte frommgläubige Väter , Abschied vom Leben zu nehmen . « » Nun so laßt uns aufbrechen ! « sagte Aurel . » Bisher ist uns der Tod nur in schrecklicher Gestalt begegnet , sehen wir jetzt , wie er sich einem Gerechten naht