suchen mag , der einzige Gebrauch , den ich davon mache , ist : die ewige Grundmaxime der ächten Lebensweisheit daraus abzuleiten , die zugleich die Regel unsrer Pflicht und die Bedingung unsrer Glückseligkeit ist . Denn natürlicher Weise trägt die Ueberzeugung , » daß ich nur als Gliedmaß des unendlichen Eins da seyn , aber auch nie gänzlich von ihm abgetrennt werden kann , « eine zwiefache Frucht : erstens , die feste Gesinnung , daß ich nur durch Erfüllung meiner Pflicht gegen das allgemeine sowohl , als gegen jedes besondere Ganze dessen Glied ich bin , in der gehörigen Unterordnung des Kleinern unter das Größere , glücklich seyn kann ; und zweitens die eben so feste Gewißheit , daß ich , wie beschränkt auch meine gegenwärtige Art zu existiren scheinen mag , dennoch als unzerstörbares Glied des unendlichen Eins , für Raum und Zeit meines Daseyns und meiner Thätigkeit kein geringeres Maß habe , als den hermetischen Cirkel - die Unendlichkeit selbst . Ich weiß es nicht gewiß , aber ich vermuthe , daß sich Plato bei seinem Auto-Agathon ebendasselbe denkt , was ich bei meinem Unendlichen ; wenn man anders bloßes Hinstreben nach etwas Unerreichbarem Denken nennen kann : aber das ist gewiß , daß ich keinen speculativen Gebrauch oder Mißbrauch davon mache , und mich nur deßwegen nicht bekümmere mehr davon zu wissen , weil ich fühle , daß indem ich einen schwindelnden Blick in diese unergründliche Höhe und Tiefe wage , ich bereits über der Gränze alles menschlichen Wissens schwebe . Was Platons Ideen betrifft , so gestehe ich dir unverhohlen , daß ich nach allem was mir seine Dialogen davon geoffenbaret haben , mir keine Idee von ihnen zu machen weiß . Sie sind weder bloß gedachte noch personificirte allgemeine Begriffe ; auch sind es nicht die Erscheinungen , die der begeisterten Phantasie des Dichters , Bildners oder Malers vorschweben , wenn er nach dem Höchsten seiner Kunst , dem Uebermenschlichen und Göttlichen , nach vollkommner Schönheit , Stärke und Größe ringt . So wie Plato von ihnen spricht , können sie nichts dergleichen seyn , wiewohl ich vermuthe , daß du in den Momenten der geistigen Anschauungen , wovon du sprichst , sie mit jenen verwechselst . Was sind sie also ? Ich weiß es nicht ; aber das weiß ich , daß der Platonische Tisch , der weder klein noch groß , weder rund noch dreieckig , weder von Holz noch von Elfenbein , noch von Gold oder Silber ist , der nicht dieser oder jener Tisch , sondern der Tisch selber , der Tisch an sich und das einzige Exemplar seiner Art im Lande der Ideen ist , neben den künstlichen goldnen Dreifüßen im Palast des Homerischen Hephästos37 eine schlechte Figur macht . Wie kommt Plato dazu , daß er den abgezogenen Begriffen von Arten und Gattungen , deren wir Menschen bloß als erleichternder und abkürzender Hülfsmittel zum Denken und Reden benöthigt sind , Selbstständigkeit und wirkliches Daseyn außer uns gibt ? Die Natur hat ihm schwerlich dazu angeholfen ; denn sie stellt lauter einzelne Dinge auf , und weiß nichts von unbestimmten Formen , nichts von Körpern , die weder klein noch groß , weder rund noch eckicht , weder aus diesem noch jenem Stoffe gemacht sind . Sie kennt nur Aehnlichkeit und Verschiedenheit in unendlichen Graden und Schattirungen ; die Abtheilungen , Einzäunungen und Gränzsteine sind Menschenwerk . Der Maulwurf steht mit dem Elephanten auf eben derselben Linie , wie viel andere Thiere auch zwischen ihnen stehen mögen , und die Verschiedenheit zwischen einem Elephanten und einem andern , ist , wiewohl nicht so stark in die Augen fallend , doch nicht minder groß als die Aehnlichkeit . Weil alles Mögliche wirklich ist , so muß nothwendig der Unterschied zwischen den Wesen , die einander die ähnlichsten sind , kaum merklich seyn ; wir übersehen also das , worin sie verschieden sind , fassen sie unter dem Begriff einer Art zusammen , und bezeichnen sie mit einem gemeinsamen Wort . Durch das nämliche Verfahren erhalten wir , indem wir die ähnlichsten Arten unter Ein gemeinschaftliches Wort stellen , den höhern Begriff der Gattungen . Das Bedürfniß einer Sprache , und das Gefühl der Nothwendigkeit , den auf uns eindringenden Vorstellungen Festigkeit und Ordnung zu geben , nöthigt den Menschen zu dieser ihm natürlichen Anwendung seines Verstandes , und es wäre nicht schwer ( wenn es mich nicht zu weit führte ) zu zeigen , wie es zugeht , daß es ihm unvermerkt eben so natürlich wird , diese Abtheilungen und Classificationen für das Werk der Natur selbst zu halten , wiewohl sie nichts anders als Producte seiner durch den Drang des Bedürfnisses erregten instinctmäßigen Selbstthätigkeit sind . - Dieß hat mich wenigstens eine mäßige Aufmerksamkeit auf die Natur gelehrt , und wenn Speculiren um bloßen Speculirens willen meine Sache wäre , so dächte ich auf diesem Wege ziemlich weit zu kommen . Aber ferne von mir sey die Anmaßung , dich , mein liebenswürdiger Freund , oder irgend einen andern Sterblichen von einer Vorstellungsart abzuziehen , die ihm einleuchtet , wobei er gutes Muthes ist , und wodurch keinem andern Weh geschieht . Auch die Philosophie ist in gewissem Sinn etwas Individuelles , und für jeden ist nur diejenige die wahre , die ihn glücklicher und zufriedner macht als er ohne sie wäre . Uebrigens danke ich der schönen Lasthenia , daß sie sich ihres entfernten Freundes so großmüthig annimmt , und finde sehr billig , wenn sie ( ohne sich des geheimen Beweggrundes bewußt zu seyn ) etwas Reelleres in der Welt vorzustellen wünscht , als ein bloßes Schattenbild des Platonischen Urweibes , welches weiter nichts zu thun hat , als im Lande der Ideen umher zu stolziren , und zehntausendmal zehntausend Myriaden mächtig von einander abstechender Weiberschatten auf diese Unterwelt herabzuwerfen ; eine Verrichtung , wobei die Dame , wie groß ihre Selbstgenügsamkeit auch seyn mag , endlich doch ziemlich Langeweile haben dürfte , wenn anders ihr präsumtiver Gesellschafter und Liebhaber , der idealische Urmann , neben seinem eignen gleichen Tagewerk , nicht noch Mittel und Wege findet , ihr auf eine uns Sterblichen unbegreifliche Weise die Zeit zu kürzen . Ich gestehe dir , lieber Speusipp , daß ich große Lust hätte , diesen platten Scherz , seines ächten Atticismus ungeachtet , wieder auszustreichen , wenn ich nicht eine geheime Hoffnung nährte , daß er deinem erhabenen Oheim vielleicht Anlaß geben könnte , sich über die zur Zeit noch unbegreifliche Natur seiner Ideen etwas deutlicher zu erklären . Denn in der That , wenn er uns nicht mehr Licht über diese wunderbaren Wesen zukommen lassen wollte als bisher , hätte er besser gethan , uns gar nichts davon zu offenbaren . 12. Aristipp an Eurybates . Der angeborne Trieb der streitlustigen Athener für und wider jede Sache zu sprechen , und von allem , was ein anderer sagt , stehendes Fußes das Gegentheil zu behaupten , ist durch die berühmten Sophisten , die ehmals eine so gute Aufnahme bei euch fanden , und seitdem durch Antisthenes , Platon und die übrigen Sokratiker , bei Alten und Jungen aus den höhern Classen euerer Bürger dermaßen geübt und in Athem erhalten worden , daß es mich nicht wundert , edler Eurybates , wenn Platons neuester Dialog noch immer , wie du mir schreibst , den meisten Anlaß zu den dialektischen Kampfübungen gibt , womit eure vornehmern Müßiggänger , während des dermaligen Stillstands kriegerischer und politischer Neuigkeiten , sich einige Unterhaltung zu verschaffen suchen . Daß meine Briefe ( die nun einmal , beliebter Kürze und Bequemlichkeit halben , Platonisch oder Antiplatonisch heißen müssen ) Oel ins Feuer gegossen haben , würde mir , als einem der friedfertigsten Menschen unter der Sonne , beinahe leid seyn , wenn du nicht zu gleicher Zeit den Trost hinzu fügtest , daß sie auf der andern Seite nicht wenig dazu beitragen , die Nachfrage nach dem wundervollsten Werke unsrer oder vielmehr jeder Zeit allgemein zu machen , und manchen einseitigen Tadler zu Anerkennung des vielfältigen Verdienstes zu vermögen , welches der Urheber desselben sich um Athen und die ganze Hellas , ja ich darf wohl sagen , um das ganze Menschengeschlecht dadurch erworben hat . Denn ich zweifle keinen Augenblick , es wird so lange leben , als unsre Sprache das Mittel bleiben wird , die Cultur , die uns so weit über alle andern Völker erhebt , nach und nach über die ganze bewohnte Erde auszubreiten . Außerdem gesteh ' ich dir gern , daß ich mich nicht wenig geschmeichelt finde , auch in so großer Entfernung von der schönen Minervenstadt eine Art geistiger Gemeinschaft mit ihren Bewohnern zu unterhalten , und mich meinen ehmaligen Freunden und Gesellschaftern zu vergegenwärtigen , indem ich ihnen Gelegenheit gegeben habe meinen Namen zu nennen und sich so mancher schönen , mir selbst unvergeßlichen Stunden zu erinnern , die wir unter dem freiesten Umtausch unsrer Gedanken und Gefühle , in euern prächtigen Hallen und anmuthigen Spaziergängen , oder beim fröhlichen Mahl und bei thauenden Sokratischen Bechern , so vergnüglich zugebracht haben . Je glücklicher das Gegenwärtige , worin wir leben , ist , um so angenehmer ist es , den Genuß desselben durch die ihm so schön sich anschmiegenden und darin verschmelzenden Erinnerungen des Vergangenen zu erhöhen , und uns dadurch dem Wonneleben der seligen Götter zu nähern , deren Daseyn ein immer währender Augenblick ist . Warum , ach ! warum muß unsre liebenswürdige Freundin zu Aegina - nicht mehr seyn ! Welchen Genuß , welche Unterhaltungen würden alle diese neuen Erscheinungen , die so viel Reiz für diese vorwitzige aber schwer zu täuschende Psyche hatten , ihr und uns durch sie verschafft haben ! Unter den vielerlei Problemen , die , wie du sagst , aus Veranlassung meiner Briefe , eure Philodoxen ( wie Plato sie benamset ) unter den Propyläen oder in den Schattengängen der Akademie in Bewegung setzen , ist diejenige Frage , worüber du eine nähere Erklärung von mir verlangst , vielleicht die wichtigste , weil sie auf das praktische Leben mehr Einfluß als irgend eine andere zu haben scheint . Du weißt daß ich kein Freund von unfruchtbaren Grübeleien bin ; aber gewiß gehört die Streitfrage : » wie sich das was ist , zu dem was seyn soll , verhalte ? « oder , » ob und inwiefern man sagen könne , daß das was ist , anders seyn sollte ? « nicht unter die Processe um des Esels Schatten ; es ist nichts weniger als gleichgültig für den sittlichen Menschen , wie sie entschieden wird . Ich bin so weit entfernt meine Meinung für entscheidend zu geben , daß ich vielmehr überzeugt bin , dieses Problem könne niemals rein aufgelöst werden . Indessen sehe ich nicht , warum ich Bedenken tragen sollte , dir die Antwort mitzutheilen , die ich mir selbst auf jene Fragen gebe . Daß im bloßen Seyn ( dem ewigen Gegentheil des ewig unmöglichen Nichtseyns ) alles Mögliche enthalten sey , ist für mich etwas Ausgemachtes , an sich Klares und keines Erweises Bedürftiges . Das was ist , im unbeschränktesten Sinn des Worts , ist also das Unendliche selbst , und umfaßt , nach unsrer Vorstellungsart , alles was möglich ist , war , und seyn wird . Ich sage nach unsrer Vorstellungsart ; denn im Unendlichen selbst ist weder Vergangenheit noch Zukunft , sondern ewige Gegenwart ; und eben darum ist es uns unbegreiflich . In dieser Rücksicht kann man also nicht sagen , daß was nicht ist , seyn sollte ; denn alles was seyn soll , muß seyn können ; und alles was seyn kann , ist . Aber wie bringe ich diese unläugbaren Grundsätze in Uebereinstimmung mit der Stimme meiner Vernunft und meines Herzens , die mir täglich sagen , es geschehen Dinge in der Welt , die nicht geschehen sollten ? Brüder z.B. sollten nicht gegen Brüder , Hellenen nicht gegen Hellenen zu Felde ziehen , ihre Wohnsitze und Landgüter wechselsweise ausrauben und verwüsten , die eroberten Städte schwächerer Völker nicht dem Erdboden gleich machen , die Ueberwundnen nicht mit kaltem Blute morden , oder auf öffentlichem Markt als Sklaven verkaufen , u.s.w. Wer erkühnt sich zu läugnen , daß dieß alles nicht seyn sollte ? Und gleichwohl ist es . - Leider ! Aber wie könnt ' es anders seyn ? Das Bedürfniß unsre Gedanken an Worte zu heften , und die unvermeidliche Unschicklichkeit , mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu müssen , deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der Natur der Dinge , sondern bloß in unsrer verworrenen und unvollständigen Ansicht derselben , und in den Trugschlüssen haben , die wir aus diesen täuschenden Anschauungen ziehen , - diese Quellen beinahe aller der Irrthümer , Halbwahrheiten und Mißverständnisse , die so viel Unheil unter den Menschen anrichten - sind auch hier die Ursache eines Trugschlusses , an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln , daß ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu werden , wenn ich mich erkühne ihn anzufechten . Indessen , der erste Wurf ist nun einmal geschehen , und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen müssen . Daß der Tiger blutdürstig , der Affe hämisch , die Otter giftig ist , daß der Wolf Lämmer stiehlt und der Iltiß die Tauben erwürgt um ihre Eier auszuschlürfen , wer wundert sich darüber ? Es ist ihre Natur , sagt man , und wie lästig sie uns auch dadurch werden , fordert doch niemand , daß sie anders seyn sollten als sie sind . Diejenigen , welche behaupten , daß die Menschen weiser und besser seyn sollten , als sie sind , nehmen als Thatsache an , » daß sie dermalen , im Ganzen genommen , eine thörichte und verkehrte Art von Thieren sind ; « Plato trägt sogar kein Bedenken zu behaupten , es gebe kein Volk in der Welt , dessen Verfassung , Lebensweise , Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben wären . - » Aber es sollte und könnte anders seyn , sagt man . « - Allerdings könnte und würde es anders seyn , wenn die Menschen vernünftige Wesen wären . - Wie ? sind sie es etwa nicht ? Wer kann daran zweifeln ? - Ich ! - Wenn sie es wären , so würden sie anders , nämlich gerade das seyn , was vernünftige Wesen , ihrer Natur zufolge , seyn sollen . Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner , die ihr , weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht tragen wie die eigentlichen Menschen , mit diesen zu vermengen und unter dem gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt , sind nun einmal größtentheils ( wie ihre ganze Weise zu seyn und zu handeln augenscheinlich darlegt ) alles andre was ihr wollt , nur keine vernünftigen Wesen . Das äußerste , was ich , ohne mich an der Wahrheit zu versündigen , thun kann , ist , ihnen eine Art von vernunftähnlichem Instinct zuzugestehen , mit etwas mehr Kunstfähigkeit , Bildsamkeit und Anlage zum Reden , als man an den übrigen Thieren wahrnimmt ; Vorzüge , wodurch sie einer zwar langsamen , aber doch fortschreitenden Vervollkommnung fähig sind , deren Gränzen sich schwerlich bestimmen lassen . Dieß gibt einige Hoffnung für die Zukunft . Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen 38 mögen sie , nach zehntausendmaliger Wiederholung der nämlichen Mißgriffe und Albernheiten , durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget , einige Schritte vorwärts gemacht haben , und wenn sie dereinst völlig zur Vernunft gereift sind , zuletzt so verständig und gut werden , als sie eurer Meinung nach bereits seyn sollten ; was doch unter allen Bedingungen ihrer dermaligen Existenz und auf der Stufe von Cultur , worauf sie stehen , keine Möglichkeit ist . Ihr vergeßt nämlich , daß von allem , was wir uns , unter einem abgezogenen unbestimmten Begriff , als möglich vorstellen , keines eher in die wirkliche Welt eintreten kann , bis die Ursachen und Bedingungen seiner Möglichkeit in derselben vollständig zusammentreffen . Ihr vergeßt , daß das , was itzt ist , aus dem , was zuvor war , hervorgehen muß , und daß Jahrtausende nöthig waren , bis an jenen Tigermenschen , Wolf- und Luchsmenschen , Pferde-Stier- und Eselmenschen u.s.w. , welche , als die wahren ursprünglichen Autochthonen , vor undenklichen Zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten , das Menschliche so viel Uebergewicht über die ungeschlachte Thierheit bekam , daß es einem Hermes , Cekrops , Phoroneus , Orpheus , den Kureten , Telchinen , Idäischen Daktylen und ihresgleichen möglich war , sie in eine Art von bürgerlicher Gesellschaft zu vereinigen , sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewöhnen , und in den ersten Anfängen der Künste , die das Leben menschlicher machen , zu unterrichten . Wer sich die Mühe nehmen mag , den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten nachzudenken , welche die Vernunft noch itzt , da die sogenannten Menschen sich aus ihrer ursprünglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange herausgearbeitet haben , in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften , in ihrer Geistesträgheit , Sinnlichkeit und thierischen Selbstigkeit zu bekämpfen hat , der wird sich nicht wundern , daß es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht , und wird nicht schon von der harten und herben grünen Frucht die Weichheit und Süßigkeit der zeitigen verlangen . Nun wohl , höre ich sagen , wenn dieß auch von der größten Mehrheit der Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten könnte , bleibt darum weniger wahr , daß dieser und jener , oder vielmehr daß jeder einzelne Mensch besser seyn könnte , folglich seyn sollte , als er ist ? - Mich dünkt hier ist viel auseinanderzusetzen . Wenn ich z.B. meinen Sklaven Kappadox aus dem ganzen Zusammenhang seiner äußern Umstände und aus sich selbst gleichsam heraushebe , so scheint es allerdings , daß er verständiger , besonnener , geschickter , fleißiger und bei Gelegenheit etwas nüchterner seyn könnte ; denn es ist nicht zu läugnen , daß ihm , wiewohl er eben kein bösartiger Menschensohn ist , doch ziemlich viel fehlt , um für ein Muster der Sokratischen Sophrosyne zu gelten . Unstreitig läßt sich also nicht nur ein besserer Mensch denken als er ; ich glaube sogar zu begreifen , wie er selbst , unter andern Umständen , dieser bessere Mensch seyn könnte . Wenn ich aber überlege , daß er ein geborner Cappadocier , unter ungebildeten Menschen aufgekommen , schlecht erzogen , schlecht genährt , und nie zu etwas Besserm als knechtischer Arbeit angehalten worden ist u.s.w. , so finde ich mehr Ursache , mich wundern zu lassen , daß er nicht schlechter als daß er nicht besser ist , und ich fordre nicht mehr Weisheit und Tugend von ihm , als ihm unter allen Bedingungen seiner Existenz zuzumuthen ist . Sollte , was von meinem Cappadocier gilt , nicht aus gleichem Grunde von jedem gebildeten und ungebildeten Athener , Thebaner oder Korinthier gelten ? - Aber ( könntest du mir einwenden ) kommen nicht Fälle vor , wo du deinen Sklaven zu einer Pflicht ermahnest , oder ihm eine Unart verweisest , oder ihn wohl gar körperlich züchtigen lässest ? - Das letztere ist in meinem Hause nicht üblich . Wenn einer meiner Sklaven sich auf einen wiederholten scharfen Verweis nicht bessert , wird er auf den Markt geführt und - nicht für gut - verkauft . - » Du nimmst also doch die Besserung als etwas Mögliches an ? « - Warum nicht ? Wenn ich ihm einen mehrmals begangenen Fehler scharf verweise , so geschieht es nicht des begangenen wegen , denn der ist nun einmal gemacht ; aber da der Fall wieder kommen kann , warum sollt ' es nicht möglich seyn , daß mein Kappadox , indem er im Begriff ist dieselbe Sünde wieder zu begehen , sich meines Verweises und der angehängten Drohung erinnerte , und dadurch zurückgehalten würde ? Wo nicht , so wirkt vielleicht eine derbe Züchtigung , die ihm sein künftiger Herr geben läßt ; aber aus beiden Fällen geht weiter nichts hervor , als daß ein Mensch , der einer gewissen Versuchung heute nicht zu widerstehen vermochte , es mit Hülfe eines stärkern Beweggrundes ein andermal vielleicht vermögen wird . Belehrung , Warnung , Züchtigung , beziehen sich daher immer auf künftige Fälle , und sind , insofern , als mögliche Verbesserungsmittel nicht zu versäumen . Denn die Möglichkeit durch gehörige Mittel unter den erforderlichen Umständen besser werden zu können , ist unläugbar eine Eigenschaft der menschlichen Natur , wiewohl daraus nicht folgt , daß eben derselbe , der in einer gewissen äußern Lage und innern Stimmung etwas zu thun oder zu unterlassen vermag , auch bei veränderten Umständen Kraft genug haben werde , dasselbe zu thun oder nicht zu thun . - » Du rechnest also nichts auf die Kraft eines fest entschloss ' nen Willens ? « - Im Gegentheil , sehr viel . Aber ein Wille , der zu allen Zeiten jeder Versuchung , jeder Leidenschaft und jeder Gewohnheit siegreich zu widerstehen vermag , setzt eine große erhabene Natur voraus , und kann nicht das Antheil gewöhnlicher Menschen seyn . Von diesen zu fordern , was nach dem Zeugniß der Erfahrung nur in sehr seltnen Fällen von den außerordentlichsten Heroen der Menschheit geleistet worden ist , wäre unbillig und vergeblich . Wir bewundern alle Arten von Helden , aber niemand ist schuldig ein Held zu seyn , und hört er auf es zu seyn , wenn er ' s einst war , was können wir dazu sagen , als daß ihn seine Kraft verlassen habe ? Er ist in die Classe der gemeinen Menschen zurückgesunken , und verdient deßwegen keine Verachtung , wiewohl er , als er ein Held war , Bewundrung verdiente . - Du wirst mir einwenden , die Rede sey nicht von moralischen Heldenthaten , sondern von dem , wozu jeder Mensch verbunden ist , von der Pflicht gerecht und gut zu seyn ; und ich - werde wiederholen müssen was ich schon gesagt habe : die Vernunft fordert beides , aber nur von vernünftigen Wesen . Der bürgerliche Gesetzgeber scheint zwar diese Forderung ohne Unterschied an alle Glieder des Staats zu machen ; aber im Grunde rechnet er wenig auf ihre Vernunft ; er verlangt nur Gehorsam . Unbekümmert aus welcher Quelle dieser Gehorsam fließe , glaubt er genug gethan zu haben , indem er seine Untergebnen durch Strafen von Uebertretung der Gesetze abschreckt . Indessen zeigt der allgemeine Augenschein wie wenig dieß hinreicht , und Plato hat vollkommen Recht , wenn er behauptet , daß die Bürger eines Staats von Kindheit an durch zweckmäßige Veranstaltungen zur Tugend erzogen , d.i. mechanisch an ihre Ausübung gewöhnt werden müssen , und daß alle andern Mittel , wodurch man dem Gesetze Kraft zu geben vermeint , unzulänglich oder unvermögend sind . So lange diesem Mangel nicht abgeholfen ist , sind Strafgesetze zwar ein nothwendiges Uebel , aber immer ein Uebel , worüber der Weise den Kopf schüttelt und der Freund der Menschheit trauert . Aber wir haben es , bei Beantwortung der Fragen über Seyn und Sollen , nicht mit Bürgern , sondern mit Menschen zu thun , nicht mit einer dialektischen , geschweige Platonischen Idee der Menschheit , sondern mit den sämmtlichen einzelnen Wesen , welche unter dem allgemeinen Namen Mensch begriffen werden . Von diesen zu fordern , sie sollten anders seyn als sie sind , - wäre die Vernunft nur dann berechtigt , wenn sie unbillige Forderungen thun könnte . Aber die Vernunft will nichts als daß sie anders werden sollen , und auch dieß erwartet sie nur von solchen innern und äußern Veranstaltungen , wodurch die Verbesserung möglich wird : denn sie verlangt nicht ( mit dem Sprüchwort zu reden ) , daß das Böckchen im Hofe herum springe bevor die Ziege geworfen hat . Ich hätte noch mancherlei zu bemerken , wenn ich ins Besondere gehen , und diese reichhaltige Ader erschöpfen wollte . Ich glaube aber meine Gedanken hinlänglich dargelegt zu haben , um dir klar zu machen , daß ich durch meine Art die Dinge zu sehen hauptsächlich den schiefen und unbilligen Urtheilen ( wenigstens bei mir selbst ) zuvorkommen möchte , die man täglich über Personen , Sachen und Handlungen von Leuten aussprechen hört , denen nichts recht ist wie es ist , wiewohl der Fehler bloß daran liegt , daß sie selbst nicht sind , wie sie seyn müßten , um über irgend etwas ein unbefangenes Urtheil fällen zu können . 13. Lysanias von Athen an Droso , seine Mutter . Wenn ein Jüngling , der so glücklich ist ein Athener und dein Sohn zu seyn , an irgend einem Ort in der Welt in Gefahr kommen könnte , zu erfahren was den Gefährten des edeln Laertiaden39 bei den Lotophagen begegnete , Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimath , so müßt ' es , denke ich , zu Cyrene im Hause unsers edeln Gastfreundes Aristippus seyn , wo ich bereits vom dritten Frühling überrascht werde , ohne recht zu wissen , wie mir so viele Zeit zwischen den Fingern , so zu sagen , durchgeschlüpft ist . Nicht als ob ich mir selbst so Unrecht thun wollte , liebe Mutter , die Besorgniß bei dir zu erregen , daß ich sie übel angewandt hätte ; was freilich bei den Menschen , mit welchen ich lebe , nicht wohl möglich gewesen wäre : aber gewiß ist , ich befand mich von allen Seiten so wohl , hatte so viel zu sehen , zu hören , zu lernen , zu üben , zu schicken und zu schaffen , und das alles unter dem mannichfaltigsten Genuß immer abwechselnder Vergnügungen , daß ich mich auch nicht eines einzigen Tages besinnen kann , der mir nicht zu kurz gedäucht hätte . Cyrene ist in der That eine Stadt , die selbst ein geborner Athener schön finden muß ; nicht ganz so groß noch so volkreich als Athen , aber doch beides genug , um nach Karchedon40 die ansehnlichste Stadt an den Küsten Libyens zu seyn . Ihre Lage ist sehr anmuthig , noch mehr durch den Fleiß und Geschmack der Einwohner als von Natur ; denn die Stadt scheint in einem einzigen unübersehbaren , trefflich angebauten Garten zu liegen . Nichts übertrifft die Fruchtbarkeit des Bodens ; alle Arten von Früchten gelangen hier zu einem Grad von Vollkommenheit , wovon man in unserm rauhern Attika keinen Begriff hat . Die Bürger von Cyrene sind überhaupt ein guter Schlag Menschen ; eben nicht so fein geschliffen und abgeglättet als unsre Athener , aber auch nicht so hart , um so vieler Politur nöthig zu haben . Gutmüthigkeit , Gefälligkeit und Frohsinn sind ziemlich allgemeine Züge im Charakter dieses Volkes ; sie lieben ( wie alle Menschen ) das Vergnügen , aber mit einer eigenen , in ihrer Sinnesart liegenden Mäßigung ; sie wollen lieber weniger auf einmal genießen , um desto länger genießen zu können ; und dieß ist vermuthlich die Ursache , warum ich hier so viele Greise gesehen habe , die mir das Bild des weisen Anakreons , so wie er sich selbst in seinen kleinen Liedern darstellt , vor die Augen brachten . Aristipp und Kleonidas haben unvermerkt auf den Geist und Geschmack ihrer Mitbürger eine Wirkung gemacht , deren Einfluß auf das gesellige Leben , die öffentlichen Vergnügungen und vielleicht selbst auf die bisherige Ruhe dieses kleinen Staats nicht zu verkennen ist . Auch genießen beide die allgemeine Achtung ihrer Mitbürger so sehr , daß selbst auf mich eine Art von Glanz davon zurückfällt , und mir als ihrem Freund und Hausgenossen überall mit Auszeichnung begegnet wird . Ich hoffe mich keiner allzu großen Selbstschmeichelei bei dir verdächtig zu machen , wenn ich hinzu setze , daß die Grazien ( denen ich , nach Platons Rath , fleißig opfre ) auch den Cyrenerinnen günstige Gesinnungen für mich eingeflößt zu haben scheinen . Man sieht zwar hier , wie zu Athen , die Frauen und Jungfrauen der höhern Classen nur bei öffentlichen religiösen Feierlichkeiten in großer Anzahl beisammen ; aber sobald jemand in einem guten Hause auf dem Fuß eines Freundes steht , erhält er dadurch auch die Vorrechte eines Anverwandten , und wird , insofern sein Betragen die von ihm gefaßte günstige Meinung rechtfertigt , von dem weiblichen Theil der Familie eben so frei und vertraut behandelt als ob er selbst zu ihr gehörte . Du zweifelst wohl nicht , liebe Mutter , daß ich mir diese Cyrenische Sitte in dem Hause , worin ich das Glück habe zu leben , aufs beste zu Nutze zu machen suche , und ich hoffe du wirst dereinst finden , daß mir der freie Zutritt , den ich bei Kleonen und Musarion habe , für die Ausbildung meines Geistes und mein Wachsthum in der Kalokagathie , in welcher ich erzogen bin , wenigstens eben so vortheilhaft gewesen ist , als der tägliche Umgang mit den vortrefflichen Männern , an welche mich mein Vater empfohlen hat . Unläugbar sind diese beiden Frauen unter den liebenswürdigsten , deren Cyrene sich rühmen kann , eben so ausgezeichnet als es ihre Männer unter ihren Mitbürgern sind ; und ich gestehe dir offenherzig , es ist ein Glück für mich , daß ich beide zu gleicher Zeit kennen gelernt habe , und , da sie beinahe unzertrennlich sind , beide immer beisammen sehe . Ohne diesen Umstand würde es mir , glaube ich , kaum möglich gewesen seyn , ungeachtet sie die Blüthenzeit des Lebens bereits überschritten haben , von der Leidenschaft nicht überwältiget zu werden , welche mir jede von ihnen , hätte ich sie allein gekannt , unfehlbar ( wiewohl gewiß wider ihren Willen ) angezaubert hätte . Du wirst über mich lächeln , gute Mutter ; aber , wie wunderlich es auch klingen mag , ich schwöre dir bei allen Göttern , ich