unterhalten würden , nachdem er einmal die Erfahrung gemacht hatte , daß der Caplan für sie Sorge trug . Hatte man des Quartettes einmal nöthig , wenn Vittoria sich vor der Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen wollte , so berief man den Sakristan mit seinen Schülern ; der Freiherr wußte sich dann etwas mit dieser Art von Capelle , zeigte sich ihr gnädig , lobte und tadelte als ein Kenner und ließ es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen . Im Uebrigen beruhigte er sich damit , daß der Caplan in den langen Jahren , welche er dem Arten ' schen Hause angehört hatte , ein hübsches Vermögen erworben haben müsse , dessen er nicht bedurfte , und es schien dem Freiherrn so natürlich , wenn der Geistliche , der durch die Gründung der Pfarre lebenslang versorgt war , seinen im Arten ' schen Dienste zusammengebrachten Besitz auch zum Nutzen und zur Ehre des Hauses , die hier zugleich die Ehre Gottes und der Kirche war , verwendete , daß er es nie für nöthig gefunden hatte , darüber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan zu verlieren . Er war in seinem Verhältnisse zu Allen , die ihm dienten , nach wie vor derselbe . Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben , und wie der Freiherr an dem würdigen Fortbestehen seines Geschlechtes , so hing der Geistliche an der Erhaltung des Gotteshauses , das unter seinen Augen entstanden war , und an der Hoffnung , das katholische Bekenntniß in diesem Theile des Landes endlich Wurzel fassen und sich ausbreiten zu sehen . Indeß die Erhaltung der Kirche für die katholische Confession wurde zweifelhaft , wenn Renatus jemals gezwungen werden sollte , sich des väterlichen Besitzes zu entäußern , da derselbe dann leicht in nichtkatholische Hände übergehen und es in einem solchen Falle nicht allzu schwer halten konnte , das Gotteshaus den Evangelischen zusprechen zu lassen . Dem Caplan war also eben so wie dem Freiherrn daran gelegen , Renatus mit einer reichen Erbin aus den katholischen Provinzen sich verbinden zu sehen , und weil er dieses wünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen war , that er wenigstens so viel an ihm lag , dem jungen Baron für die Zukunft die mögliche Freiheit bewahren zu helfen . Er nannte die Neigung , welche Renatus für Hildegard empfand , edel und berechtigt , er pries die Eigenschaften der jungen Gräfin und das Glück derjenigen , deren reine Seelen sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden ; aber er gab es dem Jünglinge zu überlegen , ob unter den Bedenken , die sich in ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten , nicht eines oder das andere begründet sein sollte . Er fragte ihn , ob er überzeugt sei , daß er niemals eine stärkere Empfindung hegen werde ; ob er glaube , daß Hildegard dem Ideale entspreche , welches jeder reine Jüngling von dem Weibe , das er lieben solle , im Herzen trage . Er erinnerte ihn daran , daß er an der Ehe seiner Eltern das Beispiel vor sich habe , wie unglücklich eine nicht völlige Zusammengehörigkeit die Gatten machen könne , und er sprach sich , da er Renatus nachdenklich werden sah , endlich dahin aus , daß er es für alle Theile heilsam glaube , wenn man vorläufig das Herzensbündniß der Liebenden noch als ein Geheimniß bewahre . Du , mein theurer Renatus , sagte er , wirst dadurch der Nothwendigkeit enthoben , Deinem richtigen Zartgefühle entgegen , eben jetzt von Deinem Vater ein sicherlich widerwillig gegebenes Zugeständniß zu fordern . Du und auch die theure Hildegard , Ihr gewinnt beide die Zeit , in der Trennung Eure Herzen und die Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und zu prüfen , und kehrst Du uns , wie wir alle sehnlich hoffen , unter dem Schutze des Höchsten aus dem Kriege heim , hellt unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf , daß Gewerbe und Handel sich wieder frei bewegen können , daß der Grundbesitz seinen wahren Werth zurückerlangt , nun , so wird Dein Vater keine Ursache mehr haben , Dir irgend eine Beschränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen , und er wird dann diejenige mit Freunden in seine Arme schließen , der er heute nur widerwillig seinen Segen geben würde . Renatus hatte , den Kopf in die Hand gestützt , den Auseinandersetzungen seines geistlichen Freundes ohne eine Erwiderung zugehört . Auch als derselbe geendet hatte , regte der junge Mann sich nicht . Der Caplan kannte das an ihm und es galt ihm als ein gutes Zeichen . Wenn Renatus nach einem Meinungsaustausche auf solche Weise in sich selbst versank , war er in der Regel damit beschäftigt , wie er die fremde Ansicht mit der seinigen so verbinden könne , daß dasjenige als freie Entschließung erschien , was er auf Zureden eines Anderen that . Denn obschon er die stolze Selbstherrlichkeit seines Vaters nicht besaß , hatte er doch die Eitelkeit , in den geringfügigsten wie in den wichtigsten Dingen seine Meinung und seine freie Entschließung kundgeben und behaupten zu wollen ; ja , er war im Stande , seine eigene Ueberzeugung , wenn ein Anderer dieselbe ausgesprochen hatte , zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln , nur um den Verdacht der Unselbständigkeit von sich abzuwehren . Hier aber , wo der Rath seines Lehrers mit seinem geheimsten Wollen zusammentraf , verlangte es ihn , vielleicht ohne daß er sich dessen klar bewußt war , danach , sich auch im voraus gegen die Vorwürfe zu sichern , die er oder Andere ihm später über seine Handlungsweise machen konnten . Er wollte Herr über seine Entschlüsse bleiben und doch die Möglichkeit haben , die Verantwortlichkeit für dieselben im Nothfalle auf fremde Schultern wälzen zu können , und der Caplan war es als ein Diener seiner Kirche gewohnt , wo es der Förderung ihrer Zwecke galt , schwerere Lasten und Verantwortungen über sich zu nehmen , als Renatus ihm in diesem Falle zu tragen auferlegen konnte . Woran denkst Du , lieber Renatus ? fragte er endlich , da der junge Mann alle Anregung , ja , selbst die Aufforderung , sich zu erklären , diesmal von seinem alten Freunde zu erwarten schien . Muß ich Ihnen das erst sagen ? Was wird Hildegard , was die Gräfin von mir denken , wenn ich die Forderung an sie stellen muß , unsere Verlobung geheim zu halten ? Denn ich darf ihnen nicht auseinander setzen , daß die augenblickliche Stimmung und die gegenwärtigen Verhältnisse meines Vaters es mir fast wie eine Entweihung erscheinen lassen , wollte ich ihm jetzt enthüllen und Preis geben , was mir nächst meiner Ehre das Theuerste und Heiligste ist ! Er schwieg , um sich eine ihm zu Hülfe kommende Einwendung machen zu lassen ; da der Caplan sie ihm aus gutem Grunde vorenthielt , sprach er selber nach einigem Ueberlegen : Wenn ich sicher wäre , daß Hildegard meiner Liebe , meinem Worte so voll vertraute , wie ich ihr .... Mein Sohn , unterbrach ihn der Caplan , versündige Dich nicht an Hildegard : sie gibt ihr Herz nicht , wo sie nicht vertraut ! Aber die Gräfin ? wendete Renatus ein . Der Caplan legte seine Hand auf des jungen Mannes Schulter und sagte : Gräfin Rhoden ist eine welterfahrene Frau und eine vorsorgliche Mutter , die Dich und ihre Tochter kennt , aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und Möglichkeiten denkt . Sie weiß , daß Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter angehören , wenn Du heimkehrst , indeß ... Er hielt inne und sagte dann , mit vorsichtiger Mißbilligung den feinen Kopf wiegend : Es war vielleicht nicht wohlgethan , im Angesichte eines solchen Krieges um die Hand eines jungen Mädchens zu werben . Ich bin sicher , daß es der Frau Gräfin nicht willkommen war , und es wäre großmüthiger von Dir gewesen , Dich zu überwinden und zu schweigen , denn es ist traurig , ein junges Mädchen zur Wittwe werden zu sehen , ehe es noch das Glück der Ehe kennen gelernt hat . Renatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich . Hildegard ' s Herz hätte in jedem Falle um mich getrauert , meinte er , wenn die Würfel des Todes mir fallen sollten ! Gewiß ; aber man betrauert einen im Verschwiegenen geliebten Mann mit anderer Empfindung , als einen , dem man sich heimlich anverlobte , oder gar als einen erklärten Bräutigam . Das Mitwissen Anderer steigert für die meisten Menschen den Schmerz und zwingt oder veranlaßt sie oftmals , ihn in sich noch aufrecht zu erhalten , wenn sie bereits in der Verfassung wären , ihn zu überwinden . Und wo man nicht sicher ist , Glück und Freude bereiten zu können , soll man trachten , mögliches Leid und Unglück zu verhüten . Renatus erhob sich , denn es bemächtigte sich seiner eine große Unruhe . Er konnte den Ansichten des Caplans nichts entgegensetzen , sofern sie auf eine noch zu begehende Handlung angewendet werden sollten ; aber er ahnte ihren Zweck für diesen besonderen Fall und er verhehlte sich nicht , daß seine Neigung für Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war , daß er eine Uebereilung begangen habe und daß er leicht in die Lage kommen könne , ja , daß er sich eigentlich bereits in der Lage befinde , diese Uebereilung zu bereuen . Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder , blieb dann plötzlich vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig : Was soll ich denn thun ? Was wollen Sie denn , daß ich thue ? Dasjenige , was Du zu thun ohnehin entschlossen warst , sprach der Geistliche gelassen . Sie rathen mir also , gegen meinen Vater von der ganzen Angelegenheit zu schweigen ? Unbedenklich ! Und Hildegard - die Gräfin - wie soll ich vor ihnen dieses Verhalten rechtfertigen ? Wie kann ich ihnen meine Handlungsweise erklären ? rief er noch einmal . Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn ruhig an . Ueberlasse es mir , mein theurer Sohn , Deine Rechtfertigung zu übernehmen ! sagte er . Und er wußte , daß Renatus diese Antwort von ihm erwartet hatte . Renatus zögerte auch nicht , sich dieselbe zu Nutzen zu machen . Aber , fragte er , was soll ich Hildegarden schreiben ? Das fragst Du mich ? entgegnete der Caplan . Nun , Du wirst Hildegarden alles sagen , was Dein Herz Dir eingibt , und das Uebrige vergönne mir , der Frau Gräfin auseinander zu setzen . Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht Preis , und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus langjährigem Vertrauen kenne , hoffe ich , Gehör bei ihr und die Billigung Deiner Handlungsweise von ihr zu erlangen . Jetzt aber - er trat an ' s Fenster und sah zu dem Kirchthurme empor - jetzt ist ' s wohl an der Zeit , auf Deine Rückkehr zu denken , denn der Freiherr wird Dich erwarten . Renatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht . Er sagte , daß er ihm eine große Beruhigung verdanke , daß er nun wieder mit freiem Herzen an die Geliebte denken könne , und daß er nur bedauere , Vittoria in das Vertrauen gezogen zu haben . Indeß er nahm das alles leicht , da er für jetzt der Rücksprache mit dem Freiherrn enthoben war , vor der er sich mehr , als er sich selbst gestehen mochte , gefürchtet hatte . Im Schlosse fand er , da von dem Freiherrn alle vorbereitenden Schritte bereits vor einigen Wochen geschehen waren , die richterlichen Beamten , vor denen der besprochene Akt seiner Mündigkeitserklärung vollzogen , und durch welche die Eintragung von Renatus ' Vermögen auf Richten bewerkstelligt werden sollte , schon angelangt . Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge Freiherr , daß seine Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht ohne Grund gewesen waren . Sein Capital stand , wenn man die Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden Möglichkeiten in Betracht zog , keineswegs sicher auf dem Gute , und die vor ihm eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnißmäßig höhere Zinsen , als der Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen für angemessen fand . Auch sah der Freiherr wohl , daß Renatus die Farbe wechselte , als er das betreffende Schriftstück unterzeichnete , indeß der Vater behandelte nur die Mündigkeits-Erklärung des Sohnes als ein ernstes Ereigniß , an das er mit aller Würde und Feierlichkeit heranging . Er umarmte den Sohn , nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann , einen Mann von wahrer Ehre und seinen Freund , und gab dann auf die Regelung der Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht . Er erklärte sie für eine bloße Form , da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein könne , meinte dann , daß Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines mütterlichen Erbtheiles trete , wo er es in dem Grunde und Boden des Familiengutes anlege ; und als dann im Laufe des Nachmittages der militärische Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf , war von den abgethanen Geschäften natürlich keine Rede mehr . Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht , es seinen militärischen Gästen , es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des Landes , in seinem Schlosse an irgend etwas fehlen zu lassen , was zu bieten er im Stande war , und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf , daß der Empfang seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache . Er hatte sonst es nicht leicht gewagt , dem Freiherrn gegenüber Verlangnisse zu äußern und Vorschläge zu thun ; aber er war nun großjährig gesprochen , er hatte auch sein ganzes , persönliches Vermögen hergegeben , seinem Vater eine Erleichterung zu bereiten , und man konnte es doch in der That nicht wissen , ob es nicht das letzte Mal sei , daß er im Vaterhause weile . Er hatte nie gefühlt , was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe . Jetzt erwachte sie in ihm . Er wollte froh sein , er wollte genießen und Andere mitgenießen lassen , was er besaß . Er blieb in beständiger Bewegung und Aufregung , erhielt alle Andern in derselben , und noch niemals hatte er seinem Vater so wohlgefallen , noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt , daß sein Sohn ihm doch sehr ähnlich sei . Er gab jetzt allen Wünschen desselben unbedingte Folge . Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt , die Säle , die Zimmer , die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt , wie in den Tagen , deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wußte . Wo die jetzt beschränkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte , half die militärische Bedienung der Einquartierten aus , die man für die wenigen Stunden , in denen man ihrer bedurfte , in die Livréen des Hauses steckte ; es waren deren noch mehrere von früher her vorhanden . Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schloßthorseite an das Fenster treten , ohne daß es ihm durch das Herz schnitt , wenn die Allee , die prächtige Allee , ihm fehlte , wenn er so weit hinaus die große Fläche übersehen konnte . Sie kam ihm wie ein Schlachtfeld vor , es schwebten traurige Schatten , Unheil verkündende Geister über ihr . Aber Niemand von seinen Kameraden vermißte die alten Bäume , es vermißte auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufsätze und Pracht-Geräthschaften , die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert und den großen alten Schenktisch geschmückt hatten . Es waren während des Krieges viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten Zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den großen Städten in verhältnißmäßige Sicherheit zu bringen gesucht . Renatus fragte nicht darum , er nahm ohne Weiteres das Letztere an . Man ritt , man jagte in den schönen Revieren der Herrschaft , Alles wurde besehen , Alles bewundert : der Ahnensaal im Schlosse und die Kirche in Rothenfeld und die prächtige Familiengruft , in welcher die Baronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre Ruhestätte gefunden hatte . Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden , ohne daß Renatus zur Besinnung kam . Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren nicht . Vittoria schien auch neu belebt zu sein , die Anwesenheit so vieler Männer , der Eindruck , den sie auf dieselben machte , die Bewunderung , welche sie durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte , zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten . Renatus konnte es nicht über sich gewinnen , noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und die seltene Zufriedenheit zu stören , die ihn umgab . Es ward von Hildegard gar nicht mehr gesprochen . Nur mit Mühe fand er die Muße , seiner Braut zu schreiben oder ihrer in Ruhe zu gedenken . Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der ganzen Umgegend zusammengebeten . Man tanzte noch einmal , und man spielte . Spät , als die Dunkelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Knospen des Frühlings ausgebreitet lag , flammte oben auf der Margarethen-Höhe ein Feuerwerk empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glänzte in farbigem Licht das Wort : » Victoria . « Es war eine Ueberraschung , mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirthen den Dank für ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte ; denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach , so huldigte es auch der schönen Schloßherrin , und es kam dabei nicht in Betracht , daß der Freundschaftstempel sehr verfallen war , daß man alte Geräthschaften und Reisig in dem Raume aufbewahrte , der einst das Bild der Herzogin Margarethe umschlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war . Das glänzende Licht des Feuerwerks , wie vergänglich es auch war , machte alles Andere vergessen , und als es erloschen war , dachte man des Tempels und der Margarethen-Höhe überhaupt nicht mehr . Renatus schrieb , wie er sich ausdrückte , mit dem Fuße im Bügel , noch an seine Braut . Der Caplan übernahm die Besorgung dieses Briefes . Die Regimentsmusik schmetterte auf dem großen Schloßhofe schon ihre muthigsten Weisen , als der Freiherr den Sohn in die Arme schloß , als Renatus , mit Thränen und von des Vaters Segenswünschen begleitet , aus seinen Armen schied . Sie hatten sich nie so nahe gestanden , waren einander nie so lieb gewesen , als in diesem Beisammensein , und noch im letzten Augenblicke legte der Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes Herz und sagte sehr erschüttert , obschon die Fremden es sehen und hören konnten : Kehre mir wieder , mein theurer , theurer Sohn , und sei ihre Stütze , wenn ich nicht mehr bin , wie Du mein Freund und meine Freude bist ! - Er weinte und schämte sich der Thränen nicht . Der Mensch , der Vater , trugen in ihm den Sieg über die Formen der Gesellschaft davon , die überall aufrecht zu erhalten er sonst als seine Aufgabe angesehen hatte . Die Ereignisse waren stärker , als er und seine schwindende Kraft , und sie wuchsen mit jedem Tage an Gewaltigkeit , an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn hinaus . Viertes Capitel Was die Abergläubischen bei dem Erscheinen des großen Kometen gefürchtet und vorausgesagt , was Seba einst hoffend ausgesprochen , als sie , mit Renatus in der Thüre ihres Gartensaales stehend , das prächtige Phänomen betrachtet , es hatte sich Alles über jedes Erwarten schnell erfüllt . Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt gekommen , das größte Kriegsheer , das die Menschheit seit unvordenklicher Zeit gesehen , war vernichtet worden . Die Russen selbst hatten die heilige Hauptstadt ihres Reiches zerstört . Zu Hunderttausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klima ' s , waren die Söhne Frankreichs und Italiens , waren Portugiesen und Spanier , Deutsche und Polen unter dem Schnee der russischen Eisgefilde umgekommen , und ein Flüchtiger , ein Geschlagener und Ueberwundener , war der bis dahin für unbesiegbar gehaltene Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unterjochte und geknechtete Europa seiner Hauptstadt zugeeilt , um , ein niedergeworfener Riese , aus dem Boden seiner Heimath neue Kraft zu schöpfen . Noth und Elend hatten den Weg bezeichnet , auf welchem das französische Heer nach Rußland gezogen war , Elend , Krankheit , Tod und Leichen bezeichneten die Straße , auf der die Trümmer dieses für unüberwindlich gehaltenen Heeres bald in kleineren , bald in größeren Massen , bald vereinzelt als jammervoll Verstümmelte , als in Lumpen gehüllte Bettler durch das Land zogen , und es gab in den preußischen Ostprovinzen sicherlich nicht Eine Stadt , nicht Ein Dorf , ja , nicht Ein Haus , dem die Theilnahme an dem Entsetzen erspart worden wäre , welches das geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug . Je größer die Ortschaften waren , je eher man hoffen durfte , in ihnen Aufnahme oder Erquickung , ja , oft nur ein ruhiges Sterbekissen zu finden , um so massenhafter drängten die Fliehenden sich dorthin , und die Herrschaft Richten mit dem Kirchthurme von Neudorf , mit dem weithin in die Ferne ragenden goldenen Kreuze der Rothenfelder Kirche , zogen immer aufs Neue ganze Scharen von Flüchtigen in ihren Bereich . Die Kirchen beide lagen voll von Kranken und Sterbenden . Der protestantische Pfarrer , der des alten Pastors Nachfolger geworden war , der Caplan und sein Sakristan rasteten nicht Nacht , nicht Tag . Die leibliche Noth und das geistige Leiden der im fremden Lande , fern von den Ihrigen Hinsterbenden nahmen die Geistlichen der beiden Gemeinden gleichmäßig und ganz in Anspruch . Wollte man den Muth der Dorfbewohner nicht völlig sinken lassen , wollte man nur die Leichen unter die Erde bringen , so durften diese Männer sich nicht schonen , und keiner von ihnen dachte an sich und an die eigene Gefahr . Der Caplan ging Allen voran in hingebender Thätigkeit und Selbstaufopferung , und er rechnete sich dies nicht zum Verdienste . Seine Tage waren gezählt , er hatte nichts , woran seine Seele gefesselt war , er dankte seinem Gotte , daß er ihm die Kraft gelassen habe , zu helfen , zu trösten bis an sein Lebensende , und fernsehend mit dem Auge seines Geistes , gab er sich gläubig an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin , die am Horizonte des neuen Jahres emporzusteigen begann . Der Freiherr theilte diese Hoffnung nicht . Er hatte Napoleon verabscheut , als er noch General und Consul gewesen war ; aber die Gesinnungen des Freiherrn hatten eine Aenderung erlitten , seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und mit eiserner Hand der Volksherrschaft in Frankreich ein Ende gemacht hatte . Der Kaiser , dessen Tyrannei die Franzosen , wie der Freiherr es nannte , für das Freiheitsgelüsten geißelte , in welchem sie ihren König ermordet , den Adel des Landes unter das Messer der Guillotine geliefert und in die Verbannung zu gehen gezwungen hatten , erschien ihm wie eine sittliche Nothwendigkeit in der Weltordnung . Er sah das Unglück , das Napoleons schrankenlose Eroberungssucht über ganz Europa brachte , als die gerechte Strafe dafür an , daß die Fürsten und Völker dem angestammten französischen Herrscherhause und den gut gesinnten Franzosen nicht ihren vollen Beistand zur Niederwerfung der Revolution geliehen hatten , und wenn er in sein Inneres blickte , fühlte er für den Kaiser , der sein willkürliches Belieben zum Gesetze eines Welttheils machte , jetzt mehr Vertrauen , mehr Theilnahme und Bewunderung , als für irgend einen der deutschen Fürsten , die in widerwilligem Gehorsam und zum Theil in knechtischer Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers Füßen lagen , oder gar zu seinem Landesherrn und zu dessen Regierung , welche gegen die Herrschaft des großen Genius , des Revolutions-Besiegers ankämpfen zu können glaubten , indem sie in dem eigenen Lande die Gemüther des niederen Volkes selbst in Aufregung versetzten , die Hand an geheiligte , alte Rechte legten , den Adel beraubten und von sich entfernten , ohne damit das Volk erheben und zufriedenstellen zu können . Er hatte den Ausspruch des vierzehnten Ludwig : » Ich bin der Staat ! « immer verstanden und bewundert . Er bewunderte auch Napoleon , der sich als den Willen und das Gesetz für seine Zeit hinstellte , und der Gedanke einer von Napoleon begründeten Weltherrschaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl zusammen , seit der Kaiser sich geneigt erwies , dem alten Adel seine Hand zu bieten , und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusetzen . Es war mit seiner vollen Zustimmung geschehen , es hatte sich kein Widerstreben in ihm geregt , als sein Sohn den Fahnen Frankreichs nach Rußland hatte folgen müssen . Der jähe Glückswechsel , der den Kaiser traf , erschreckte den Freiherrn also höchlich und warf ihn fast mehr darnieder , als einst das Unglück seines Vaterlandes . Er wurde irre an der Folgerichtigkeit der Dinge , wie er sie verstand , und die Ohnmacht auch des gewaltigsten Einzelwillens , das endliche Unterliegen auch der größten Kraft des Einzelnen , erschütterten ihn und ließen ihn Schlüsse machen , die er endlich gegen seine eigenen Ueberzeugungen zu richten sich nothgedrungen sah . Er wollte nichts wissen von der Verbindung , welche schon lange im Lande thätig war und alle Stände zu einmüthiger Erhebung gegen die Tyrannei der Fremdherrschaft wachzurufen trachtete . Er wendete sich von den Mitgliedern des alten Adels mit Beschämung ab , wenn sie es als ein erstrebenswerthes Ziel bezeichneten , mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe und gleichem Gliede zu fechten . Er mochte nichts hören von den Verhandlungen , durch welche deutsche und vor Allem die preußischen Vaterlandsfreunde den Anschluß an Rußland vorzubereiten strebten , und er vermied es , den eigenen Sohn zu sehen , als dieser , mit dem York ' schen Corps aus Rußland wiederkehrend , von der allgemeinen Stimmung über sich hinausgehoben , voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe entgegen zu gehen hoffte . Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schlosse gefangen gehalten . Auch das erwachende Jahr lockte ihn wenig hinaus . Er war nicht begierig , die Verwüstungen anzusehen , welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden Russen innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten . Das Recht des Stärkeren , die Unerbittlichkeit der Noth hatten überall gewaltet , der gegenwärtige Amtmann war nicht der Mann gewesen , sich dem Aeußersten zu widersetzen ; der Freiherr hatte nicht mehr die Kraft , nicht mehr die Mittel besessen , mit großen Opfern größere Uebel zu verhindern . Es sah übel auf der Herrschaft aus , als im Beginne des Frühlings der König von Preußen den Aufruf an sein Volk erließ , der Jeden , welcher die Waffen tragen konnte , zu den Fahnen forderte , um mit Gott unter des Königs Führung für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen . Der Freiherr hatte den Aufruf wieder und wieder gelesen und ihn dann zu dem Caplan geschickt , den die Pflege seiner Verwundeten und Kranken jetzt in Rothenfeld zurückhielt und der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten gekommen war , um das pestartige Lazareth-Fieber , das sich aus den Spitälern in den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte , nicht auch in das Schloß zu übertragen . Aber der Freiherr vermißte ihn sehr , das Herz war ihm beladen , und Vittoria war nicht die Frau , vor der er es entlasten konnte . Es waren ihre Schönheit , ihre Weltunerfahrenheit gewesen , die ihn einst an der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau bezaubert hatten , und er hatte von Vittoria liebevoll alles ferngehalten , was ihr diesen Reiz zerstören konnte . Sie war heute noch schön , fast schöner , als sie je gewesen , sie war heute noch fremd in der Welt Händeln und in den Nöthen und Bedürfnissen des täglichen Lebens , sofern diese letzteren nicht sie selbst betrafen ; aber seit er ihrer Schönheit nicht mehr genießen konnte wie sonst , rührte sie ihn , statt ihn zu erfreuen , und die Selbstsucht , mit welcher Vittoria , wie ein wahres Kind , nur an ihr eigenes Wollen und Bedürfen dachte , quälte ihn jetzt bisweilen eben so , wie sie ihn sonst belustigt hatte . Er dachte jetzt oft , gar oft an die Baronin Angelika zurück , indessen er wußte daneben auch , nach welcher Seite das Herz seiner ersten Gattin sich in diesen Zeiten hingewendet haben würde . Wenige Tage , nachdem der königliche Aufruf in die Provinz und in das Schloß gelangt war , brachte einer der Chorsänger aus Rothenfeld dem Freiherrn einen Brief des Caplans . Der Freiherr , der in seinen jungen Jahren der verheerenden Seuche , welche auf den Gütern geherrscht hatte , muthig entgegengetreten war , zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung und vermied es also , den Boten vor sich zu lassen . Er empfing den Brief durch seines Dieners Hand , ließ sich die Brille reichen , deren er sich , weil es ihn an eine Altersschwäche mahnte , nur ungern bediente , und trat an das Fenster , um das Schreiben zu lesen . Es war jedoch , als ob er seinen Augen nicht traute , denn er nahm die Brille ab , putzte mit vorsichtiger Hand die feinen Gläser , las den Brief noch einmal und sagte danach , daß er die Antwort senden werde . Als der Diener sich entfernt hatte , ging der Freiherr eine Weile langsam in dem Zimmer auf und nieder . Der Caplan schrieb