. Einmal war er nur fünf Minuten mit den Damen allein ; es erfolgte eine fernere Meldung . Sodann war Monika in eine tiefe Abwesenheit ihres Ohrs und Herzens und Urtheils versunken . Endlich drittens erhob sie sich sogar und entfernte sich ganz , wie sie sagte , auf einen Augenblick ; das war , als Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge gemeldet wurden , die in der Voraussetzung , sie reiste ab , sich ihr und der Gräfin zu empfehlen kamen . Und als dann die beiden jungen Männer eintraten , blieb die Gräfin mindestens zehn Minuten über alle drei Anwesenden die alleinige Richterin , bis Monika , nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens zurückkehrte . Piter war vollkommen so eingerichtet , daß er mit Anstand die Tasse Thee , die ihn die Gräfin mitzutrinken aufforderte , hätte annehmen können . Seine strohgelb gantirte Hand brauchte sich nur auszustrecken , um im Zulangen ihm ganz schön zu stehen . Eine weiße Weste , inwendig mit einem dunkelrothen Phantasiefutter , dunkelbrauner Frack mit Metallknöpfen , schwarze Beinkleider , eine Halsbinde , weiß mit allerlei braunen Sprenkelchen - später flüsterte ihm Thiebold zu : » Sonderbare kleine Maikäfer das , Kattendyk , ich meine in Ihrer Cravatte ! « Sein kleiner Kopf war wohlfrisirt und das blonde Bärtchen leise gefärbt und das stumpfe Näschen nicht erfroren , ... er war in Equipage gekommen ... Aber sein System des Au contraire bestimmte ihn sofort die Tasse abzulehnen und etwas näselnd zu sagen : Bitte recht sehr , gnädigste Frau Gräfin ! Ich trinke keinen Thee - Es war dies , Kamillenthee ausgenommen , eine Wahrheit . Die Gräfin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit . Wer sich einbildet , die Großen verletze dergleichen Selbständigkeit , irrt sich . Nur die » kleinen Großen « , die Empor- und Herunterkömmlinge sind anspruchsvoll ; die wahren Großen sind sogar leicht eingeschüchtert und gerathen viel öfter in Verlegenheit , als wir glauben . Piter rückte mit seinem Anliegen hervor . Im Wagen hatte er sich eine Rede stilistisch und rhetorisch zurecht gelegt . In gewandtem , der Vornehmheit wegen immer näselnden Vortrage bat er , daß seinem Hause die Ehre gegönnt werden möchte , bei seiner am nächsten Freitag stattfindenden ersten Soirée auch die gnädigste Frau Gräfin und die Frau Baronin von Hülleshoven erwarten zu dürfen ... Da die Gräfin von ihrer auf morgen angesetzten Abreise sprechen durfte , kam sie rasch über das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefühl hinweg , ob eine solche gesellschaftliche Mischung , wie in einem wenn auch großen Kaufmannshause vorauszusetzen war , ihrem Stande angemessen erscheinen durfte . Seit lange hatte Monika die Gräfin nicht lächeln sehen . In diesem Augenblick that sie es ganz graziös . Monika sagte sich : Die seltsame Frau ! Wie wohlwollend und fein steht ihr dies Lächeln ! Warum verscheucht sie es nur durch ihre stete Furcht vor der Weltlichkeit , der sie mehr angehört , als sie weiß ! Monika selbst , die sich mit der jetzt erst in Staunen ausbrechenden , aber doch allmählich beipflichtenden Gräfin über ihren Entschluß , doch lieber zu bleiben , verständigte , nahm die Einladung an . Gegenbesuche von und bei der Mutter Piter ' s hatten bereits stattgefunden . Die Verständigung über das Zurückbleiben Monika ' s gab Pitern Gelegenheit , sich in die Erfolge zu versetzen , die am nächsten Freitag seine Arrangements krönen würden ... Auch über Porzia ' s Onkel erfuhr die Gräfin , jetzt orientirter , wiederholt alles das , was ihr zur Beruhigung dienen konnte , nicht zu einsam zu reisen ... Piter sprach sein Bedauern aus , die Gräfin entbehren zu müssen , ermangelte jedoch nicht , sie bei einer somit einmal beschlossenen Trennung durch seine praktischen Winke über die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern . Es fehlte nichts , daß er ihr nicht auch die Adressen aufgezeichnet hätte , wo sie am besten Cravatten und Zahnbürsten und Rasirmesser kaufen konnte . Sein Portefeuille hatte er gezogen , ein Blatt darin ausgerissen und eine Menge Namen aufgeschrieben , die der Gräfin bei der Ankunft von Wichtigkeit sein mußten , sogar diejenigen Beamten auf dem Zollhause , die sich am leichtesten bestechen ließen , trotzdem auf Bestechung bekanntlich die Deportation steht . In solchen Dingen konnte Piter höchst charmant und bis zur Herzlichkeit naiv sein . Da schöpfte er aus der Fülle seiner Erfahrungen . Die Gräfin , die zwar bei Lady Elliot sowol auf dem Lande wie in der Stadt wohnen sollte , hörte beglückt zu , wie das Hotel beschaffen war und wo es lag , in dem sie wohnen könnte , wenn sie wollte oder wenn sie müßte - Piter ' s Au contraire war auf einige Zeit höchst instructiv . Benno und Thiebold kamen etwas feierlich . Denn wenn sie den Abschied jetzt auch nur von der Gräfin zu nehmen brauchten , so blieben sie doch selbst nicht mehr zu lange in der Stadt , sondern reisten auf Witoborn zu , Benno in Nück ' s Aufträgen , Thiebold , um die Wälder anzukaufen , die Terschka frischweg sämmtlich wollte abschlagen lassen , um zu respectablen Summen Geldes zu kommen . Piter behielt merkwürdigerweise noch die Oberhand ... Die Gräfin zeichnete den ihr Nützlichsten aus . Sie ließ sich das weiße Blättchen voll Namen und Adressen schreiben und nebenbei warf Piter auch Erläuterungen für die beiden Freunde dazwischen , denen zufolge sie noch am Freitag , wenn sie bleiben würde , der Baronin sich in seinen Salons empfehlen könnten ... Man war überrascht und alles das gab ihm Suprematie . Der Bediente servirte den neuen Ankömmlingen gleichfalls den Thee . Diese nahmen und Piter , der sonst unter seinen Freunden unter der Herrschaft des ansteckenden Beispiels stand , bekämpfte sich dauernd , es heute durchaus nicht zuzulassen . Während jene tranken , konnte Piter sprechen . Jene waren gedrückt , bewegt , sie waren der Mutter eines Wesens nahe , das ihnen so theuer war und ihren Herzen einen so edeln Wettstreit kostete . Die Schwärmerei , die sich in Thiebold ' s zuweilen leuchtend von der Theetasse zur Nebenthür aufblickenden Augen äußerte , hinderte ihn zwar nicht , Pitern in seiner selbstgefälligen londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und sich z.B. in Betreff guter Handschuhe auch seinerseits auf den Standpunkt des Au contraire zu stellen , aber Benno sah dem darüber sich entspinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein Neuling zu . Erst da , als sich jene im Zank etwas mäßigen mußten und sich in eine halblaute Conversation verbissen , ging er , als der Festere und Höhergebildete , auf ein Alleingespräch mit der Gräfin über , die von Nück , Terschka und ihrem Sohne begann ... Benno ' s Aeußeres hatte sich seit einiger Zeit verändert . Die Dressur zum Waffendienste hatte ihn früher seiner eigenen Art zu sehr beraubt . Auch auf seiner Wange stand jetzt ein schwarzgekräuselter Bart , der die Männlichkeit seines Wesens hob und ihm einen ganz besondern Ernst gab ... Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat ! sagte er . Wenn es in der That zum Abschluß über die Dorste ' schen Wälder durch meinen Freund de Jonge kommen sollte , würden wir noch den Wildstand zu vermindern haben . Herr von Terschka ladet uns wenigstens zu einer Jagd ein , die als ein halber Vertilgungskrieg allerdings ihresgleichen suchen würde . Ich bitte Sie ! schaltete Piter ein . Sehr wenig Wild dort ! Die Rehböcke kann man zählen ! Schweigen Sie ! flüsterte Thiebold und corrigirte auf dem Blättchen , das ihm noch die Gräfin gelassen hatte , die Orthographie einiger englischer Namen ... Glauben Sie nicht , fuhr die Gräfin zu Benno fort , daß man beim Verkauf sich der Möglichkeit begeben würde , Gelegenheiten zum Bergbau zu entdecken ? Etwa Kohlengruben ? Die Gegend ist eine Hochfläche mit einem Muschelkalkrücken ! sagte Benno . Torf findet sich in den Absenkungen , manche Gasquelle in den Aufdachungen Bergbau würde große Kapitalien erfordern ... Rentabilität wird bestritten ! schaltete Piter ein ... St ! war Thiebold ' s scharfes Wort , das in seiner Theetasse verhallte ... Graf Joseph hat viel für die Schulen gethan , hör ' ich , sagte die Gräfin . Sind die Leute wenigstens in der Landwirthschaft aufgeklärt und eignen sie sich die neuen Erfindungen an ? Sehr schwer , Frau Gräfin ! erwiderte Benno . Indessen ersetzen sie durch Eifer und Gediegenheit in ihrer täglichen Arbeit , was ihnen an höherer Strebsamkeit fehlt . In der nächsten Nähe von Witoborn freilich ist man durch die Unzahl von Feiertagen bequem , durch die Reste der alten Priesterherrschaft etwas matt und schlaff geworden , auch im Auffassen und Begreifen beschränkt - Erlauben Sie , brach Piter aus , ich habe da so durchtriebene und verschmitzte Menschen gefunden , wie irgendwo ! Wenn Sie doch nur - ! unterbrach Thiebold fast ganz laut und bestimmt . Auch hätte Piter beinahe alles vor der Gräfin jetzt von selbst verloren . Von diesem antihierarchischen Geständniß Benno ' s war sie angezogen . Gern würde sie das Gespräch fortgesetzt haben , wenn nicht aus Porzia ' s Zimmer Monika zurückgekehrt wäre ... Monika hatte Porzia im Packen unterstützt , sich dabei gesammelt und gestärkt . Wenn nun auch die jungen Männer die Bestätigung erhielten , daß Armgart ' s Mutter noch zurückblieb , so mußten sie selber doch schon in den allernächsten Tagen reisen und drückten darüber in herzlichen und von einem gewissen geheimnißvollen Tone begleiteten Worten ihr Bedauern aus ... Piter machte eine pfiffige Miene . Durch Lucinden war er , wie er es nannte , über » das Pech « unterrichtet , das Thiebold hatte , einem Mädchen zu huldigen , das auch Benno liebte . Aber sich zu empfehlen , bezeigte er keine Lust . Er flüsterte sogar Thiebold ohne alle Rancune zu , daß sie sich seines Wagens bedienen könnten und es schön wäre , wenn sie den Abend noch in irgendeinem Lokal , z.B. auf dem Hahnenkamp frisch angekommene Austern versuchten ... Thiebold hörte nichts ... Er war ohne Besinnung . Um Monika einen Stuhl zu holen für den , den er selbst eingenommen hatte , weil er ihn am Tische leer gefunden , flog er nur so ... Grüßen Sie Armgart ! sprach Monika mit Festigkeit und schnitt damit alles ab , was etwa durch Reden oder ausdrucksvolles Schweigen über ihre Beziehungen zu dem Ziel der Reise der jungen Männer angedeutet werden konnte ; sie ging sogleich auf die für eine solche Reise ungünstige Jahreszeit über ... So werden Sie vielleicht Ihren Herrn Vetter , den Domherrn begleiten ? fragte die Gräfin , die gern auf die Verwahrlosung des Volks und Erdbodens durch geistliche Herrschaft zurückgekommen wäre ... Ich glaube nicht , sagte Benno . Die Amtspflichten , die dem armen Neuling aufgebürdet werden , sind so schwer , daß er vor Ende der Woche nicht frei wird . Und ich höre auch , es ist besser , er kommt so spät wie möglich . Das ganze Stift Heiligenkreuz , alle Damen der Umgegend , Comtesse Paula an der Spitze , sticken einen in 24 Theile getheilten Riesenteppich , der an dem Tage , wo Bonaventura zum ersten male in St.-Libori1 die Messe liest , am Hochaltar ausgebreitet liegen soll . Seit dem Tage schon , wo seine Ernennung auch zum dortigen Archipresbyter bestimmt war , arbeiten sie daran . Inzwischen ist der Kirchenstreit dazwischengekommen und nun mußte alles thätig sein , um für den gefangenen Kirchenfürsten Weihnachtsgeschenke zu fertigen . In der Festung , wo er verweilt , soll die Post zu Weihnachten ein ganzes Zimmer voll Packete gehabt haben , die allein nur an ihn adressirt waren . Seitdem sind die 24 Damen zu dem Teppich zurückgekehrt und arbeiten nun Tag und Nacht daran , daß sie von der Ankunft meines Vetters nicht überrascht werden . Piter hatte glücklicherweise soviel Geistesgegenwart , sich zu besinnen , daß die Gräfin an dieser Schilderung einigen Anstoß nehmen mußte und beendete nicht ganz ein fast heftiges : Erlauben Sie , das ist eine Verwechselung ! In unserer Stadt allein war auf der Post ein ganzes Zimmer voll2 - als ihn ein niederschmetternder Blick Thiebold ' s bedeutete , die Gräfin reden zu lassen , die Pitern erst schweigend ansah und dann mit einer ernsten Miene sprach : Mögen die Damen nur den klugen Jungfrauen gleichen , die ihre Lampen in gutem Zustand hielten , als - der Bräutigam kam ! Benno fühlte , daß es Zeit sein konnte , auf diese feierliche Aeußerung aufzubrechen und Thiebold wünschte dies um so mehr , als Piter die » horrible Dreistigkeit « oder Bêtise besaß , unbekümmert um ein biblisches Citat die etwas schlecht brennende Lampe auf dem Tische zu fixiren ... Armgart ' s Mutter hielt sie noch fest oder setzte doch das Gespräch unwillkürlich fort , indem sie den Amtseifer des jungen Domherrn rühmte und diesen in Vergleichung brachte mit dem bequemern System des Dechanten , nach dessen Befinden sie sich erkundigte ... Benno schilderte die mannichfache Aufregung , die es seither für die Dechanei gegeben hatte . Zwar waren bei Beda Hunnius sämmtliche Papiere mit Beschlag belegt und von der Regierung theilweise der Oeffentlichkeit übergeben worden , doch zwang der Gegendruck der Volksaufregung auch den Dechanten , diesmal seiner Lässigkeit zu entsagen . Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei . Alles stand auf dem Kriegsfuße . Die dem Mörder der Schwester der Frau von Gülpen abgenommenen Werthpapiere hatten ein ansehnliches Vermögen ergeben , das dem Laienbruder Hubertus im Kloster Himmelpfort bestimmt war . Dieser , ohne alle Verwandtschaft , hatte das Geld seinem Kloster zu überlassen ... Auch darüber gab es vielerlei Aufregungen für den Frieden des Dechanten , den also nicht mehr allein der nächtliche Ruhestörer Lolo um seine behaglichen Träume brachte ... Nun , unterbrach Monika die lebhafte Mittheilung , die Piter aus den Abendcirkelgesprächen seiner Mutter ergänzen und zu Thiebold ' s erneutem Verdruß berichtigen wollte ; nun , so wird es die höchste Zeit sein , daß der alte liebe Herr sich in Wien bei seinen Freunden und Freundinnen erholt ! Wer ihn dort beobachtete , mußte immer beklagen , daß die Zeit der Abbés vorüber ist ... Da die Gräfin diese Erörterungen zu ignoriren schien und sogar , der peinlichen Erwähnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend , wieder die Rechnung des Wirthes zu betrachten angefangen hatte , war es in der Ordnung , daß sich alles erhob und Abschied nahm . Monika reichte Benno und Thiebold die Hand ... Ein magisches Band ist es , das eine Mutter mit dem Manne verbindet , der sein Herz ihrem Kinde weiht ! Selbst wird sie darüber noch einmal wieder jung , fühlt ihr Herz mächtiger schlagen und theilt fast alle Empfindungen ihres Kindes . Oft sogar kann eine Mutter darunter leiden , wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entspricht , das ihr selbst davon noch im Herzen lebt . Sie weiß , was Liebe ist , was Liebe sein muß , sein kann und ihr Kind läßt den Mann , der sie liebt , oft launisch , oft nur kalt erwidernd , am Frauenherzen verzweifeln ... Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wünschte ihnen schmerzlich lächelnd eine glückliche Reise ! ... Blicken wir nur einen Moment noch den sich Empfehlenden nach , so sehen wir , daß , unten angekommen , Thiebold Bennon schon deshalb in Piter ' s leidenschaftlich offerirten Wagen zog , um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs seiner verhaltenen Empfindungen über Piter ' s Benehmen . » Kattendyk ! Wie Sie sich wieder benommen haben ! « Dies Thema wurde variirt in allen Tonarten und sogar ohne Widerspruch ; denn Piter rechnete auf vollkommenste Aussöhnung und Uebereinstimmung vor dem Austernbret , auf das er seine Gefährten eingeladen und dessen Annahme nur insofern noch eine Modification erlitt , als Thiebold seine Entzückungen über die Nachsicht Monika ' s und der Gräfin , zu denen er vom » Rüffeln « übergegangen war , zuletzt selbst unterbrach und die Austern auf der Apostelstraße für besser erklärte als die auf dem Hahnenkamp . In solchen Dingen gab Piter seinen Freunden nach . So flogen nun alle drei auf die Apostelstraße , wo , von gleichem Instincte beseelt , auch bereits Joseph Moppes , Clemens Timpe , Gebhard Schmitz , Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tische saßen und , die Eintretenden erblickend , sie mit einem in der That von Herzen kommenden , stürmischen : Hurrah ! empfingen . Vortreffliche junge Männer das ! sagte inzwischen wiederholt die Gräfin , verlor sich jedoch immermehr in eine jetzt ungestörte Revision ihrer Reisekasse und sprach ihr Bedauern über den Entschluß der Baronin , sie nicht einmal bis zum Meeresufer zu begleiten , schon nur noch mechanisch aus ... Ist es nicht auch besser , liebe Gräfin , sagte Monika , daß ich die Wohnung so lange behalte , bis ich an Terschka geschrieben habe , Ihre Rechnung durch das Haus Fuld berichtigen zu lassen ? Sie werden diese hohe Summe nicht erwartet haben und sie nicht gut entbehren können . Reisen wir beide , so müßte sie bezahlt werden ; bleib ' ich zurück , so hat es Zeit damit ... Diese Auskunft gefiel der Gräfin . Seit vielen Jahren war sie gewohnt , mit dem » ungerechten Mammon « auf eine Weise » Freundschaft « zu schließen , die durch ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage bedingt war ... Ihr seht zu stolzen Palästen auf ! Ihr beneidet das Loos der Glücklichen , die sie bewohnen ! Die Gräfin wollte zeitig zur Ruhe gehen ... Sie hatte noch etwas auf dem Herzen ... Anknüpfend an den Brief des » Onkel Levinus « begann sie , als gegen neun Uhr die wie zur Schlacht lärmende Runde von zwanzig Trommlern in den Straßen vorüber war : Sie wollen Terschka schreiben ? Ja ! erwiderte Monika unbefangen ... Nach einer kleinen Pause fuhr die Gräfin fort : Wie beklag ' ich Sie , daß Sie nun wieder so allein stehen wollen - in dem feindseligen Streite der Leidenschaften ! Glauben Sie an eine Aussöhnung mit dem Obersten ? Es gibt Dinge , die kein Gatte vergibt ! erwiderte Monika mit halblauter Stimme und fast ahnend , worauf die Gräfin zielte ... Traurig aber , sagte diese , ewig noch einen Theil der Kette zu tragen , von der man sich losriß ! Gewiß denke ich mit dem Apostel : » Bist du an ein Weib gebunden , so suche nicht los zu werden . Bist du aber los vom Weibe , so suche kein Weib ! « Ich deute das auch auf uns Frauen . Aber in dem Worte Gottes ist das Eine unerläßliche Vorschrift und das Andere weiser Rath . Fast alles , was uns die Apostel , ohnehin Sendboten des Herrn ohne Herd , ohne Familie , über die Ehe rathen , gehört den weisen Rathschlägen an . Auch standen damals die Frauen nicht auf der Höhe , auf welche sie eben erst später der Sieg des Evangeliums stellte . Sie waren den Sklavinnen näher , als der gleichberechtigten Bildung und Liebe . Da sie nicht wider den Geist Gottes , sondern nur gegen die apostolische Weisheit geht , ist die Ehescheidung auch keine Sünde . Der Apostel sagt es ja selbst : » Solches sage ich euch aus Vergunst , nicht aus Gebot . « Es sind Vorschläge à discrétion . Auch spricht Paulus über die Frauen leider wie aus eigener bitterer Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen Geiste . Fest aber steht des Allmächtigen Wort : » Es ist nicht gut , daß der Mensch allein sei . « Die Ehe ist eine Heilsanstalt - Ihre Kirche , die sie zum Sakrament machte , übertrieb das nur . Wie wenig Neigung Sie für die Irrthümer Ihres Glaubens haben , weiß ich ja ! Sie sollten sich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines so haltlosen Lebens entfliehen - vielleicht - durch eine neue Wahl - Monika saß auf dem Sessel neben der Gräfin , die noch auf dem Sopha geblieben war . Sie blickte nicht auf ... Vor dem Allerheiligsten erbebt die Seele und verstummt der Mund ... Die Gräfin rückte Monika näher und ergriff die kalt gewordene Hand der vielgeprüften Frau ... Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen ! sprach sie mit weicherer Stimme , als man sonst an ihr gewohnt war . Die Verwandte betheuern zwar freundliche Gesinnungen , aber das sind leere Worte . Das Gesetz spricht Ihre Tochter dem Vater zu . Sie haben Herrn von Hülleshoven , wie Sie immer sagten , blindlings genommen , nur um einer andern Verbindung zu entgehen , und Sie konnten sich nicht an ihn gewöhnen . Ihr Herz trug ein Ideal , dem er nicht entsprach . So hätten Sie ja im Grunde nie geliebt . Jetzt , gestehen Sie , Monika - Terschka ist Ihnen nicht gleichgültig ? Monika erhob sich . Es lag keine Bestätigung dieser Vermuthung in ihrer Bewegung . Sie mußte sich nur erheben , um gleichsam die schwere Last abzuwälzen , die sich mit diesen Worten auf ihre Brust warf ... Sie wissen , auch Terschka , fuhr die Gräfin fort , auch Terschka würde keinen Anstand nehmen , Ihrem Beispiel zu folgen . Einer alten Familie der Hussiten gehört er ohnehin an . Haben auch viele anfangs geglaubt , er würde meinen Sohn im Glauben seiner Väter wankend machen und hörte ich Warnungen über Warnungen über diesen so engen Umgang , so hat sich doch keine der Befürchtungen bestätigt . Terschka unterhält die loseste Verbindung mit seiner Kirche . Bliebe er der Verwalter unserer neuen Besitzthümer , wer sollte ihn hindern , seiner Liebe ein Opfer zu bringen ? Denn daß Sie , Monika , sein ganzes Leben erfüllen und von ihm - ich brauche das sündhafte Wort - angebetet werden , wissen Sie ! Nein , nein ! erwiderte Monika mit erstickter Stimme , ging auf und nieder und hielt sich , da sie nicht weiter konnte , am Fenster , wo sie in die Nacht starrte ... Unerschrocken aber fuhr die Gräfin fort : Leugnen Sie nicht , meine junge Freundin , daß es Sie mit mächtigem Reiz erfüllt , zu sehen , wie ein noch junger , geistvoller , liebenswürdiger Mann Ihnen huldigt und nur für Sie zu leben scheint ! Anfangs glaubt ' ich , als Sie in unsere Kreise traten und so schnell uns alle gewannen , daß auch mein Sohn vor Bewunderung vor Ihnen - o ! diese unselige Leidenschaft , die ihn fesselt ! - - Mit einem Schmerzensausdruck , den Monika für diese Gedankenreihe an der Gräfin noch nie vernommen hatte , unterbrach sie sich selbst , hielt inne und stand jetzt selber auf , weil auch in ihren Adern das Blut mächtiger zu kreisen begann ... Monika , selbst des Beistandes bedürftig , wandte sich vom Fenster ab und trat der hohen Gestalt entgegen , deren Hände in der ihrigen zitterten ... Dann aber fuhr die Gräfin gesammelter fort : Es ist gut , mein Kind ! Ich habe mich an diese Schickung Gottes gewöhnt ! Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem ; denn wie Terschka und er begannen - das sind Erinnerungen ! Aber ein milderer Geist kam über beide , und das hab ' ich immer für unsern Beruf gehalten , den zu fördern und zu mehren , selbst mit eigener Aufopferung ! Ich weiß nicht , ob Salomo mit dem Worte : » Ein holdseliges Weib erhält die Ehre « , auch die Ehre des Mannes meinte ; aber meine Erfahrung - und sie ist alt - lehrte mich , daß ein Weib das ganze irdische und ewige Glück eines Mannes in Händen haben kann . Seit Hugo und Terschka Sie kennen , Monika , hat selbst mein Wort einen ganz andern Klang für sie gewonnen ! Noch kürzlich schrieb mir Hugo : Mutter , wenn ich doch auch Terschka ganz , ganz glücklich haben könnte ! ... Ich weiß es , daß es für ihn kein anderes Glück auf Erden geben könnte , als Sie sein zu nennen , Monika ! Die gefolterte junge Frau warf sich , heftig den Kopf schüttelnd , mit weinenden Augen an die Brust der heute so milden Greisin ... Wir nehmen Abschied , schloß die Gräfin ; bleiben Sie in dieser Stadt , bis ich zurückkehre ! Wählen Sie eine kleinere Wohnung ! Terschka wird oft herüberkommen müssen ! Geben Sie dem Schmerz des vielgeprüften Mannes Gehör ! Wie hat auch ihn das Leben hin- und hergeworfen , bis er bei einem Wesen angekommen ist , das ihm mit Recht ein köstlicher Schatz erscheint . Sie wissen , wie ich Sie liebe ! Ja , Monika , entziehen Sie sich dem Gefühl nicht , das Sie haben dürfen , in manchen Dingen mit sich zufrieden zu sein . Noch fehlt die letzte Hand , die an Ihre Seele gelegt werden muß , die Hand eines Gärtners und Winzers in Ihrem Innern , der Ihnen spricht : Der Herr ist der Weinstock , wir sind die Reben ! Das wird kommen . Genießen Sie das Glück , so von Menschen geliebt zu werden ! Ach , es geht uns einst ein Tag auf , Liebe , wo man jede Freude beweint , die man sich entgehen ließ , wo man jedes Herz zurückhaben möchte , das man von sich stieß ... glauben Sie mir , Monika , auch an mir ziehen oft noch Schatten vorüber , die mich weinend ansehen und sagen : Wir hätten uns doch auch finden können , warum suchten wir uns denn nicht ! Monika umschlang stürmisch , wie ein junges Mädchen , die Greisin , in deren Augen sie zum ersten male seit dem Jahre , daß sie sie kannte , eine Thräne glänzen sah . Sie bedeckte die magere Wange , die dürre Hand der Greisin mit Küssen . Sie schluchzte selbst , als müßte sie all die Thränen mitweinen , deren vollen Strom sich die Matrone , trotz ihrer Erregung , versagte . Sanft entwand sich die Gräfin den Umarmungen Monika ' s , küßte die Stirn der jungen Frau , strich leise die grauen Locken aus dem jugendlich schönen , durch die höchste Anspannung und Erregung wie mädchenhaft strahlenden Antlitz und ging zur Ruhe . Auf ihr Klingeln kam Porzia , die noch lange bei ihr blieb und sich mit ihr über den Oheim verständigte . Monika schlief in einem andern Cabinet ... Wie aufgeregt sie durch diese Scene war , bewies sie am folgenden Morgen . Die Gräfin kam auf das Besprochene nicht wieder zurück ; sie reiste gegen elf Uhr ab ... Im Wagen fand sie Blumensträuße von kostbaren Treibhauspflanzen , die ihr Benno und Thiebold hatten hineinlegen lassen . Monika , nun allein in der großen Wohnung , die sie nur so lange behielt , bis von Terschka Geldanweisungen gekommen waren , irrte - wie am einsamen , ihr so unheimlichen Meere ... Sie wollte an Terschka schreiben ... Sie konnte es nicht so harmlos , als sie wollte ... Eine Aenderung der Confession ... Scheidung ... Eine neue Heirath ... mit Terschka ? ! Das waren Gedankenreihen , die wie eine wilde Musik auf sie einstürmten im nächtlichen Fackelschein , wie ein Chor im Zuge der Korybanten , wie ein Fest unter dem Schwingen des Thyrsusstabes ... In dieser Angst des Herzens trat ihr durch die Blumensträuße der jungen Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen ... Sie wußte selbst nicht , was sie zog , den Pelz überzuwerfen , sich zu verhüllen gegen die schärfer gewordene Winterluft , die am Morgen sich durch Reif angekündigt hatte , der an allen Häusern , Brücken und Bäumen sichtbare Zeichen zurückgelassen , geradezu in die Kathedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu , wo seit vier Monden die Menschen geschart saßen , um zu einem alten Beichtstuhl zu gelangen , in dem im weißen Kleide , das Beichttuch über sein bleiches Antlitz gezogen , Bonaventura von Asselyn die Beichte hörte ... Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wußte sie kaum , was sie dem Ohr des Priesters vertrauen sollte ... Ostermorgenglocken waren es nicht , nicht der heilige , von den Rundbögen einer unsichtbaren Kirche widerhallende Gesang : Christ ' ist erstanden ! der wie im » Faust « die Seele des Zweiflers , so auch sie zum Glauben der holden Kinderjahre zurückzog ... Nicht in Wehmuth und Zerknirschung , nicht in Auflösung ihres Willens , nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung für das Bekenntniß ihrer Jugend betrat sie die Kathedrale ... Es lebte schon lange eine feste , ernste Stimmung in ihrem Herzen . Sie ging wie zu einer letzten Prüfung . Fußnoten 1 Im dritten Buche wurde durch ein Versehen » Ludgeri « gedruckt . 2 Factischer wäre allerdings seine Bemerkung gewesen . 4. In der großen Kathedrale liegen in den einzelnen Seitenschiffen mehr als zwanzig Altäre zerstreut . In ihrer Nähe befindet sich mit ihren doppelten Eingängen und vergitterten Zwischenwänden eine Anzahl Beichtstühle . Einige Schritte von ihnen entfernt stehen Bänke , auf welchen sich die Beichtbedürftigen , ehe an jeden die Reihe kommt , dem Gebete widmen können . Diese Sitze sind entfernt genug , um weder die Rede des Bußfertigen noch den Spruch des Priesters hören zu lassen , der oft statt der Absolution nur einen allgemeinen Segen ertheilt . Niemals darf es ersichtlich werden , ob Jemand den Beichtstuhl im Stande der Ungnade verläßt . In einem Gang , der sich von der Sakristei hinter dem Aufgang zur Kanzel , die das kleinere Vorderschiff beherrscht , zum Hochaltare hinzieht und in einem einzigen großen , drei Altäre erleuchtenden bunten Fenster endet ,