: es war das ein förmlicher Sklavenhandel . Eine Mutter , so hieß es , hatte ihre eigene Tochter um eine beträchtliche Summe verkauft , das Mädchen aber habe eine andere Neigung und sei in Verzweiflung . Das war ein Fall , für den ich da war ; meine erste Idee war , das arme Geschöpf entführen zu lassen , ihr eine Existenz zu gründen , sie , wenn möglich mit ihrem Geliebten zu vereinigen . - Unmöglich ! Denn leider stand dieser Freund durch Rand und Stand so weit über ihr , daß an eine Verbindung nicht zu denken war . Ich beschloß , mich also bei ihr einzuführen , und das that ich auch . « - Bei diesen Worten athmete der Erzähler tief und schwer , und als er darauf mit der Hand über seinen Bart strich , zitterte diese leicht ; auch hatte er die vorigen Worte nur mühsam hervorgebracht . - » Ich ging also dorthin . Um einen Vorwand war ich bei dergleichen nie verlegen , ich betrat ohne lange zu fragen ihr Zimmer , ich fand das Mädchen allein , ein Schauer durchflog meinen Körper , meine Zähne schlugen in Fieberfrost zusammen , - ja , es konnte nicht anders sein , ich fand die Züge des Kindes in der Erwachsenen wieder - ich stand vor meiner Schwester , - gerechter Gott ! vor meiner Schwester , die von ihrer , von meiner Mutter der Schande verkauft war . - Aber nein , nein ! so fürchterlich sollte es nicht kommen , gehen wir mit wenigen Worten darüber hinweg . Ja , meine Schwester war es ; aber meine arme Mutter war längst gestorben ; sie hatte ihr Kind aufgesucht und es auch glücklich in Schottland gefunden ; sie hatten ein kümmerliches Leben geführt , meine Mutter hatte mit ihren zarten Händen Tag und Nacht gearbeitet , um sich und ihr Kind auf ehrliche Art zu erhalten ; aber alle die schrecklichen Verluste , die sie erlitten , das Andenken an meinen Vater , der sie so entsetzlich mißhandelt , - an mich , den sie todt geglaubt , hatten ihre Gesundheit zerstört . - Nach ihrem Tode stand meine Schwester rathlos da , irgend ein Zufall brachte sie zu jener Frau , die sich heute ihre Mutter nannte , die sie sorgfältig erzog , aber damals schon berechnete , das schöne geistreiche Mädchen werde sich einstens selbst bezahlt machen . Daß ich mit dieser Dame eine starke Unterredung hatte , können Sie sich denken ; die für meine Schwester verlangte Summe gab ich ihr und nahm das arme Geschöpf mit mir , - ja , das arme Geschöpf , - denn es waren Sachen vorgefallen , die mich nöthigten , ein Jahr lang mit ihr in tiefster Verborgenheit zu leben . Sie wurde Mutter eines Kindes , eines Knaben - und was soll ich ' s verschweigen ? - desselben , der jetzt unter Ihrer Aufsicht lebt und den Sie deßhalb nicht weniger lieben werden , weil seine Geburt keine legitime ist . « Die Versicherung des Herrn Beil , daß er das Kind vielleicht noch mehr lieben werde , weil es ohne rechtmäßige Ansprüche an einen väterlichen Schutz so allein in der Welt stehe , schien der Baron gar nicht zu hören . Er hielt beide Hände vor das Gesicht und saß so eine Zeit lang in sich versunken da . Als er wieder empor schaute , seufzte er tief auf und sagte : » Glauben Sie mir , ich hätte lieber das Grab meiner Schwester gefunden , als sie selbst auf diese Art. Ich erzählte Ihnen schon , wie ich sie als ein kleines Mädchen geliebt . Und diese Liebe hat mit den Jahren zugenommen ; in meinen Träumen sah ich sie vor mir , wachsend , größer und schöner werdend , liebenswürdig und verständig , wozu sie schon als Kind so schöne Hoffnungen gab . Ach ! ihr Kind hat mich vor Vielem bewahrt , namentlich vor einem wilden Leben und vor manchen unüberlegten Handlungen . Ich will es Ihnen offenherzig gestehen : obgleich ich viele Abenteuer hatte , habe ich doch nie geliebt ; denn so oft ich mein Herz einem weiblichen Wesen zuwenden wollte , trat mir das Bild meiner Schwester vor die Seele und daneben erblaßte alles Andere . Es war wohl mit das schreckliche Unglück unserer Jugend , was mich so fest an sie hinzog . Einmal , « fuhr er nach einer Pause lächelnd fort , » und es ist noch gar nicht lange her , da traf ich mit einem armen Geschöpfe zusammen , mit einem Mädchen , das blonde Haare hatte , wie meine Schwester und auch einen Zug in ihrem Gesichte , der mich an diese erinnerte . Das durchzuckte mich wunderbar , und wenn ich dem Mädchen früher begegnet wäre - aber das sind nur Phantasieen ! - gehen wir weiter ! Nachdem das vorüber , reiste ich mit meiner Schwester nach Sicilien und machte dort eine Klage gegen meinen Großvater in England anhängig ; ich wußte wohl , daß dabei nichts zu gewinnen war , doch prozessirte ich nur in der Absicht , um einen Namen für meine Schwester zu erhalten . Dies gelang mir auch ; man erklärte sie für berechtigt , den Familien-Namen unseres Vaters zu führen : ich für meinen Theil verzichtete darauf : der Enkel des Lord K. war todt und verschollen ; auch meiner Schwester konnte ich nützlicher sein , wenn ich ihr , sie unsichtbar schützend , zur Seite stand . Wer wußte auch , wenn wir den gleichen Namen führten , ob sie nicht vielleicht dadurch in Sachen verwickelt werden konnte , die ihr fern zu halten meine heiligste Pflicht war . Daß ich mein Vermögen redlich mit ihr theilte , brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen . - Und nun bin ich zu Ende , aber gerne bereit , Ihnen irgend welche Fragen zu beantworten , die Sie an mich zu richten für gut finden . Fragen Sie mich ohne Scheu ! « » Wenn ich das thue , « sprach Herr Beil nach einigem Zögern , » so ist es nicht Neugierde , die mich treibt ; doch möchte ich erfahren , ob die Mutter des Knaben seinen Aufenthalt weiß , ob es ihr erlaubt ist , ihn zu sehen . « » Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen , - meine Schwester verheiratete sich , sie machte , was die Welt eine glänzende Partie nennt ; doch lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hängt ihr ganzes Herz an dem Knaben . « » Und wie habe ich mich zu benehmen , wenn sie einen Versuch machen wollte , das Kind zu sehen ? - Sie sagten mir selbst , man forsche demselben von andern Seiten nach . « » Ganz recht , daß Sie daran denken ; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und das Kind zu sehen verlangen , so fragen Sie , ob sie schon länger in hiesiger Stadt sei ; gibt man Ihnen zur Antwort , sie komme soeben von einer Reise nach England zurück , so können Sie ihr das Kind getrost in die Arme führen . « » Doch nun ist es Zeit , daß ich mich entferne , « sagte der Baron nach einer Pause , indem er sich erhob - » meine Pferde schaudern , der Morgen dämmert auf , kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen ; ich habe Sie einen wilden Traum durchträumen lassen ; ich führte Sie auch über öde Haiden und selbst ein wenig am Rabenstein vorüber . - Adieu , mein Freund , denken Sie , daß ich ganz der Ihrige bin . Gebieten Sie über mich : soll ich etwas für Sie erlangen in der niedrigsten Hütte oder am Throne des Königs , ich werde es thun . - Leben Sie wohl ! Sobald es mir möglich ist , suche ich Sie wieder auf . Sollten Sie etwas dringendes für mich haben , so wissen Sie ja meine Wohnung . « - Hierauf drückte er dem Herrn Beil herzlich die Hand , verließ das Zimmer und gleich darauf das Haus . Dieser trat an ' s Fenster und blickte dem Baron lange nach , wie er leicht und gewandt über die Straße dahin schritt und bald um die nächste Ecke verschwunden war . Ja , der Morgen dämmerte auf , ein trüber , kalter Wintermorgen ; am Himmel jagte der Wind graue Wolken , welche , über die Stadt hinwegfliehend , zuweilen einzelne Schneeflocken hernieder flattern ließen . Die Windfahnen drehten sich kreischend , zwischen den entfernteren Häusern lag ein feiner frostiger Duft , und an einem Brunnen , der sich gerade dem Hause gegenüber befand , hatten sich seit einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet . Draußen war es unbehaglich , aber im Zimmer strömte der Ofen eine angenehme Wärme aus . Herr Beil löschte die Kerze aus , die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr widerstehen und brannte mit dunkelrother Gluth . Nachher fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und es war ihm zu Muth , als habe er wirklich einen wilden Traum geträumt oder als habe er während der Nacht ein seltsames Buch gelesen , eine Räubergeschichte , wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt . Er versank in tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh , als bald darauf eine helle Kinderstimme an sein Ohr schlug , die laut und lustig rief : » Onkel Beil , ich bin erwacht und möchte gern aufstehen ! « Fünfundsechzigstes Kapitel . Ein gefährliches Papier . Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten ledernen Lehnstuhl , den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifuß zu nennen pflegte . Es war ein ehrwürdiges Möbel , das er , von jeher ein geordneter Mann , sich schon auf der Universität angeschafft hatte , und von dem sich zu trennen ihm unmöglich war . Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch , mit einem Leder überzogen , dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war , und glänzte an verschiedenen Stellen wie polirt . Ach ! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die alten Arme geöffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz ; wie viele Gedanken hatten , hier ruhend , schon des Doktors Kopf durchzogen . Bei gewöhnlichen Veranlassungen brauchte er ihn selten , aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte , sei es über einen schwierigen Krankheitsfall , sei es über irgend eine Familienangelegenheit , so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen . Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln müssen ; als sein Besitzer einstens krank und wieder auf dem Wege der Besserung war , stand er so , daß die ersten Strahlen der Morgensonne über ihn und den Genesenden hinspielten ; auch in dem Schlafzimmer war er früher häufig , der Doctor hatte ihn gleich zu Anfang seiner Ehe neben das Bett seiner Frau gerollt , und das waren damals seine seligsten Augenblicke gewesen , wenn er aus Geschäften oder von Gesellschaften spät heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte . Ja , damals hatte der Stuhl eine große Rolle gespielt : auf ihm hatte der glückliche Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt , auf ihm hatte die junge schöne Mutter zum ersten Mal nach jener verhängnißvollen Zeit ausgeruht , und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrückt . Aber auch die kleinen Leiden seines Besitzers , die nachher so groß , ja endlich unheilbar werden sollten , waren auf eben diesem Stuhle überdacht worden , und es war , als ob das alte Möbel in der That eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn ausübte : denn wenn dieser sich auch in der größten Erregung darauf niedergelassen hatte , so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken , er wurde nachgiebiger , auch trauriger , wie das gerade eben kam . - An alles Das dachte der Doktor , als er wieder einmal und sehr tief vergraben in den Lederkissen ruhte . Er hatte den Kopf auf die Brust herabgesenkt , die Augenlider halb geschlossen , die Hände gefaltet , und man hätte glauben können , er schlafe , wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer seine Brust geschwellt und seinen Kopf gewaltsam emporgehoben hätte . Es mochte zehn Uhr Morgens sein , und im Haus des Doktors , in welchem sich sonst um diese Zeit ein reges Leben bewegte , wo die Köchin in ihrer Küche hantirte , wo Kindsfrau und Stubenmädchen plaudernd oder singend ihre Arbeit thaten , wie die Thüre auf und zu ging , war es heute still wie auf einem Kirchhofe . In der Kinderstube befanden sich allerdings beide eben erwähnten Dienstboten , doch saß die Eine an diesem , die Andere an jenem Fenster , Beide machten lange Gesichter , schauten zwar verstohlen gegen einander hin , sprachen aber kein Wort . Selbst die Köchin machte nicht den geringsten Lärmen ; sie stand an ihrem Herde vor einem Kessel , in welchem das Suppenfleisch kochte , statt es aber abzuschäumen , wie wohl ihre Schuldigkeit gewesen wäre , hatte sie gedankenvoll den Schaumlöffel auf den Herd gestützt , blickte vor sich nieder und ließ die dampfende Brühe überlaufen . Auf dem Gange zwischen den Zimmern sah es ganz fremdartig aus ; da standen große und schwere lederne Kisten , auch Koffer und Hutschachteln , es war gerade , als wolle sich die ganze Familie auf Reisen begeben . Kehren wir nun in das Zimmer des Arztes zurück , so finden wir ihn wie früher unbeweglich im Lehnstuhle ruhend und selbst nicht einmal Achtung gebend auf das Spielen der Kinder , die bei ihm im Zimmer waren . Und das Spiel , welches sie trieben , war doch der Mühe werth , mit angesehen zu werden . Oskar und Anna saßen am Boden und hatten zwischen sich einen Fußschemel , auf dem sich ein drittes Kind befand , ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mädchen , das die erstaunten Blicke beständig im ganzen Zimmer umherlaufen ließ . Seinen Anzug hätte man komisch nennen können ; es hatte ein einfaches , etwas ärmliches Wollenkleid an , darüber einen kleinen Sammetmantel , den ihm Oskar umgehängt , und auf dem Kopf einen zierlichen Spitzenhut , von Anna ziemlich schief darauf befestigt . Letztere hatte in der Hand eine große Tasse mit Kaffee , in welche Brod eingebrockt war , das sie dem Kind löffelweis in den Mund gab . Zuweilen nahm dieses davon , zuweilen aber schloß es die Lippen und wandte den Kopf so heftig auf die Seite , daß der Kaffee über das Kleid herabfloß und auch wohl über den schönen Sammetmantel ; und dann rief Oskar und Anna wie aus einem Munde : » Papa ! das fremde Kind ißt wieder nicht ! « Das fremde Kind schien sich übrigens bei dieser Abfütterung und der ihm bewiesenen allzu großen Aufmerksamkeit gar nicht heimlich zu fühlen ; es blickte öfters erschreckt auf den Sammetmantel , schielte besorgt nach dem Spitzenhute , zuckte unruhig mit den Füßen , als wolle es durch einen verzweifelten Sprung den Versuch machen , seine Freiheit wieder zu gewinnen , kurz es benahm sich wie ein kleiner Affe , den man eben eingefangen und bei welchem die erste Dressur probirt wird . Jetzt hörte man , daß draußen die Glasthüre geöffnet wurde ; rasche Tritte näherten sich , ihr Klang hörte aber auf Augenblicke auf , als betrachte sich der Ankommende die Koffer und Kisten im Gange , dann wurden sie eiliger wieder fortgesetzt , und nun öffnete sich hastig die Thüre , ohne daß vorher angeklopft worden wäre . Arthur erschien auf der Schwelle und blieb kopfschüttelnd stehen , als er in das Zimmer blickte . - » Schöne Geschichten das ! « rief er nach einer Pause , während welcher er die Thüre hinter sich zugedrückt und sich dem Lehnstuhl genähert hatte . - » Aber um ' s Himmels willen , Eduard , ist denn die Geschichte wahr ? und du sagtest mir gestern nichts davon ! Muß ich das heute Morgen von Alfons erfahren , der es beim Frühstück auf seine gewohnte Art mit Mama besprach . « Der Doktor richtete den Kopf in die Höhe , ohne aber sonst seine Stellung zu verändern . - » Ich wollte gerade zu dir hin , Arthur , « entgegnete er mit weicher Stimme , » mein Wagen steht unten schon eingespannt ; aber ich gerieth hier an meinen alten Freund , und der hielt mich fest durch Träumereien und Erinnerungen . « - » Aber sage , « fuhr der Andere dringender fort , » will sie wirklich nicht zurückkehren ? Mama hatte ihr doch den Kopf zurecht gesetzt und sie schien ihr Unrecht einzusehen . « » Sie schien , « erwiderte Eduard traurig lächelnd , » das heißt sie gab der Mutter nach ihrer gewöhnlichen Art keine Antworten , als sie aber euer Haus verlassen , schrieb sie mir , es sei für uns besser , wenn sie auf ihrem Entschluß beharre . Da lies dies merkwürdige Schreiben ; ich weiß nicht , ob Herr Alfons auch davon Kenntniß hat . « Der Maler durchflog das ihm dargereichte Papier und warf während des Lesens mehrmals einen Blick auf die Kindergruppe . Dann faltete er das Schreiben zusammen , gab es seinem Bruder zurück und versetzte achselzuckend : » Was weiß der nicht ? auch darüber sprach er spottend und höhnend . Aber wie hing denn die ganze Sache eigentlich zusammen ? - Ist dieß das Kind ? « Der Doktor nickte mit dem Kopfe , wobei er sagte : » Auf die einfachste Weise von der Welt . Du weißt von unserer großen Scene am Weihnachtsabend ; den andern Tag fuhr sie zu ihrer Mutter , und die würdige Dame , statt ihre Tochter zurückzuschicken , oder selbst zu kommen , sandte ihren Sachwalter , denn sie fand sich in ihrer Tochter höchlich beleidigt . Darauf nun schrieb ich ihr einen Brief , - ich sage dir , einen Brief , der einen Stein hätte erweichen müssen . Nun , die Folge war denn auch die Unterredung mit der Mutter . « » Richtig ! richtig ! Wie ist aber die Geschichte mit jenem Kind ? Denn , so viel ich erfahren , fiel die nun dazwischen und warf Alles wieder auseinander . « » Die ist an sich sehr einfach ; aber weißt du , Arthur , wenn man einen Vorwand zu Verdächtigungen und Streitigkeiten sucht , so ist er sehr leicht gefunden . Auf seltsame Art machte ich an demselben denkwürdigen Weihnachtsabend die Bekanntschaft einer unglücklichen Person , die im höchsten Grade schwindsüchtig war , der böse Menschen ihr Kind geraubt , das sie aber wieder erhielt , und die ich , da sie wie gesagt , kränklich und von aller Hilfe entblößt war , regelmäßig besuchte und sie unterstützte so gut ich konnte . « » Das ist an und für sich nichts Schlimmes . « » Sie wurde aber täglich kränker , das Kind verkam ordentlich und als die Mutter vor ein paar Tagen starb , sah ich denn nichts Arges darin , die Kleine mitzunehmen und sie so lange hier zu behalten , bis ich eine passende Unterkunft für dieselbe gefunden . - Ist daran etwas Unrechtes ? « » Für uns und alle rechtlich denkende Menschen nicht , « erwiderte Arthur und legte seine Rechte sanft auf die Schulter des Bruders . » Aber daß du damit willkommenen Anlaß zu neuen Anklagen gabst , das hättest du dir doch , bei Gott ! vorstellen können . - Nicht wahr , anonyme Briefe wurden deiner Frau gesandt ? « » Versteht sich von selbst ; und welches gemeinen und boshaften Inhalts , das kannst du dir gar nicht denken . Das war ein Verhältniß , das ich schon lange Jahre unterhalten , das natürlicherweise der Welt bekannt war , das man aber bis jetzt aus Schonung verschwiegen . « » O schändlich ! schändlich ! « » Endlich konnte aber der redliche Freund , der sich leider nicht nennen durfte , es nicht mehr über sich gewinnen , stillschweigend zuzusehen , wie eine unglückliche Frau so unverantwortlich von ihrem Manne betrogen werde . « » Und die unglückliche Frau glaubte wohl selbst diese Geschichte nicht ? « » O sie glaubt sie wohl nicht , aber sie thut , als ob sie sie glaube . Ich machte gestern einen Besuch bei Mama ' s liebenswürdiger Freundin , der Tutelarräthin Wasser ; sie war natürlicherweise zurückhaltend , so zu sagen mit Anstand gepolstert , und wehmüthig zum Ueberlaufen . Sie hatte meine Frau gesprochen und aus deren eigenem Munde jenes infame Gerücht vernommen . « » Deine Frau hat es ihr gesagt ! « rief Arthur entrüstet . » Als Gerücht ; aber meine Schwiegermutter hatte hinzu gesetzt : das fehle noch zu der schlechten Behandlung , der Madame bei mir ausgesetzt gewesen sei . « » O , dann ist alles verloren ! « » Ja , das fühle ich auch . Du ersiehst ja aus dem Briefe , daß meine Frau die einleitenden Schritte zu einer Scheidung bereits gethan hat . O mein guter Name , meine armen , armen Kinder ! « » Bah ! « rief der Maler entrüstet , » über deinen Namen beruhige dich ; an dem bleibt kein Makel hängen . Man kann dir kein Unrecht geben . « » Den Frauen gegenüber haben wir in solchen Fällen immer Unrecht ; alle Weiber nehmen für sie Partei , und man wird mich verarbeiten und zerreißen , daß kein gutes Haar an mir bleibt . « » Aber was soll mit dem Kinde geschehen ? « » Ich weiß es nicht ; hier kann ich es nicht behalten . Denke dir , Arthur , daß meine sämmtliche Dienerschaft mir in sittlicher Entrüstung den Dienst aufgekündigt hat . « » Die Canaillen ! « » Die Kindsfrau meinte , sie habe sich bei anständigen und ehrlichen Kindern verdingt , sei aber nicht dazu gemacht , uneheliche Bälge aufzuziehen . « » Das sagte sie dir in ' s Gesicht ? « » O nein ; Franz , der Kutscher , hat es mir erzählt . « » Und der ? « » Er bat mich zu gleicher Zeit um Erlaubniß , die drei Weibsbilder zum Hause hinaus werfen zu dürfen . « » Die hätte ich ihm ertheilt . « » Um noch mehr Skandal zu haben ! Du wirst schon sehen , was die drei Weiberzungen von mir aussagen werden . « » Ja , ja . « » Die haben mein Verhältniß zu jener unglücklichen Person schon lange gewußt , oh ! ganz genau gekannt . Glaube mir , Arthur , die werden mir einen schönen Namen machen . Und dagegen vermag kein ehrlicher Mann , keine Macht dieser Welt etwas . « » Onkel Arthur ! « rief Anna , » schau dir unser Kind an . Papa hat es für uns zum Spielen mitgebracht ; wenn es einmal schöne Kleider bekommt und brav ist , so wird es unser Schwesterchen ; nicht wahr , Papa ? « » In deinem Hut und Mantel , « sagte Oskar mit Kennermiene , » sieht es gerade aus , wie du , Anna . « » Verlangen die Kinder zuweilen nach ihrer Mutter ? « fragte Arthur leise . » Selten , eigentlich nie , « erwiderte traurig der Bruder . » Es ist ihnen etwas ganz Gewöhnliches , daß sie sie nicht sehen . « » Hast du draußen die Kisten gesehen und die Koffer , Onkel Arthur ? Wir verreisen ; ich weiß es ganz gewiß . « » Ja , wir gehen , « setzte Anna hinzu , » weit , weit fort . « » Und haben heute Morgen schon eine Reise gemacht , « sprach der Knabe . » Anna gehört die große Kiste , mir der Koffer ; das sind zwei Kutschen , in denen wir schon weit weg gefahren sind . Ich war der Fuhrmann ; wo hast du meine Peitsche gelassen ? « wandte er sich an die Schwester . » Das geht nun seit gestern so fort , « sagte leise und traurig der Vater ; » die armen , armen Dinger ! Schon als eingepackt wurde , brachten sie auch von ihren Kleidern und Wäsche herbei und wollten nicht begreifen , warum die Sachen von Mama allein in die Koffer gelegt würden . « » Quäle dich doch nicht selbst mit diesen Gedanken , « entgegnete Arthur . » Du bist weicher als die Kinder . Vor allen Dingen laß uns ruhig überlegen , was zu thun ist . Mama hat dir neue Dienstboten besorgt , nicht wahr ? « » Ja , sie kommen schon heute . « » Nun denn , was denkst du mit dem Kinde da anzufangen ? « Der Doktor zuckte mit den Achseln . » Ich werde es in irgend eine ordentliche Anstalt thun , « sagte er . » Das ist nichts , « erwiderte Arthur . » Hättest du es von seiner gestorbenen Mutter weg gleich in eine solche bringen lassen , so wäre es ganz gut gewesen . Aber jetzt , wo nun einmal die fatalen Gerede über dich in der Stadt gehen , würde das nur zu neuen Klatschereien Stoff geben . - Das Kind muß verschwinden , man muß es zu stillen , verläßlichen Leuten thun , die es vertrauensvoll aufnehmen , die es gut behandeln und weiter nicht darüber sprechen . « » Solche Leute sind selten , « meinte trübe lächelnd der Doktor . » Wüßtest du Jemand ? « » Allerdings sind sie selten , « entgegnete der Maler und blickte nachdenkend zum Fenster hinaus ; » sehr selten , aber es gibt noch gute , edle Herzen , die nach Kräften Gutes thun , ohne darüber zu sprechen , - edle Menschen , die ihren Nächsten lieben , namentlich wenn er in Noth ist . « » Die sind schwer zu finden und zu erkennen . « » Zu erkennen leicht , wenn man sie gefunden , « sprach Arthur mit Wärme . » O , der Glanz ihres Auges sagt dir , daß das Herz gut und edel ist ; ein offenes ehrliches Lächeln läßt dich auf den Grund ihrer Seele blicken , ein einziges Wort , mit dem süßen Klang ihrer Stimme gesprochen , läßt dich fühlen , daß es wahr und aufrichtig gemeint ist ; an dem Hauch , der von einem solchen Wesen ausgeht , erkennst du , daß du es mit einem edlen reinen Geschöpfe zu thun hast . « » Arthur ! Arthur ! « sagte erstaunt der Bruder . » Du redest dich ordentlich in ' s Feuer , du schwärmst . Kennst du vielleicht ein solches Wesen ? « - Er stützte den Kopf in die Hand und blickte fragend in die Höhe . - » Ja , « fuhr er nach einer Pause lächelnd fort , » du hast soeben ein Porträt skizzirt , und wenn es dem Originale wirklich ähnlich sieht , so möchte ich es wohl kennen . « » Du sollst es kennen , « entgegnete Arthur mit weicher Stimme . » Das Original , das ich dir mit voller Wahrheit nicht zu schildern vermag , ist ein Mädchen , das ich liebe , und wie liebe , Eduard ! das mein werden muß , und sollte ich Alles daran setzen , viel , viel darüber verlieren . - O , das wäre ein Verlust , bei dem ich tausendfach gewinnen müßte . « » Ja , verlierend zu gewinnen , sagte , glaube ich , ein gewisser Romeo bei einer ähnlichen Veranlassung , « meinte der Doktor und betrachtete aufmerksam seinen Bruder . Dieser that einen tiefen Athemzug , legte seine Hände auf die Schultern Eduard ' s und sprach : » Gott sei Dank , die Schale , die mein Herz umgibt , zerspringt , dein Unglück , mein guter Bruder , hat mir den Muth gegeben , mit dir darüber zu sprechen . « » Ist es denn etwas so Schlimmes und Unbegreifliches ? « » Schlimm allerdings vor den Augen unserer Familie , und es wird der Welt auch sehr unbegreiflich erscheinen . Ich liebe ein Mädchen , jung , schön , reizend , wie man sich die Engel vorstellt , und dieses Mädchen will ich heirathen , obgleich sie keiner bekannten Familie angehört , obgleich ihr Vater ein armer Schriftsteller ist , sie selbst eine Tänzerin . « » Also ist die Geschichte doch wahr ? « erwiderte der Doktor kopfnickend ; » ich warf sie weit hinweg , als man mir davon sagte . Alfons zielte schon mehrmals darauf hin . « » Aber jetzt möchte ich dich fragen , lieber Eduard , ist denn das etwas so Schlimmes und Unbegreifliches ? « » Versteh ' mich wohl , Arthur , ich werde ja mit tausend Freuden das Mädchen , das du dir auserwählt , als Schwägerin begrüßen ; weiß ich doch leider am Besten , daß es keine Versicherung für häusliches Glück ist , eine Tochter aus sogenannter untadelhafter , unbescholtener Bürgerfamilie zu heirathen . Habe ich das doch traurig erlebt ! - Wenn das Mädchen nur keine Tänzerin wäre ! « » Man wird sich allerdings vor Allem daran stoßen ; aber mir ist es vollkommen gleichgiltig . « » Du - das gibt fürchterliche Szenen mit Mama ; wahrhaftig , Arthur , ich fürchte , das wird die alte Frau schwerlich überleben . Hast du dir auch die Sache gründlich überlegt ? « » Wenn ich ein ehrlicher Mensch bleiben will , kann ich nicht mehr zurück . « »