könnte irgendwo gestoßen werden , sagte sie - ablehnte und zwei Breter . Die Breter legte sie auf die vier Stühle , auf diese Unterlage warf sie den Strohsack , legte eine leinene Decke darüber , ein breites Kopfkissen , eine Decke , und hatte somit wieder für zwei Personen gesorgt . In der Küche schläft , sagte sie , mein ältester Bruder dort , der unhöfliche Mensch , der über seinen Büchern Artigkeit und Schlaf vergißt . Hier hinten Großpapa , ich , Linchen und Hannchen ; sind fünf . In der Bettlade da Heinrich und Wilhelm ; sind sieben . Hier auf den Stühlen Riekchen , die die müdeste ist mit Wilhelm , dem armen Läufer und daher auch ein Bett für sich allein hat . Sind unserer acht , wie uns der liebe Gott wunderbar zusammengelassen hat , als Vater und Mutter an der schrecklichen Seuche vor fast einem Jahr hinübergingen . Der alte Eisold schlug wieder an auf einer seiner Uhren und da er wol halb zuhörte , gab er auch acht Schläge und seufzte ... Sein Zopf war nun ausgelassen ... Riekchen stieg vom Schemel herab und ließ offen das ehrwürdige weißgelbe Haar des alten Mannes sehen , der jetzt halbtaumelnd aufstand , von Karl geführt wurde und ohne sich im mindesten um seine Umgebung zu kümmern , hinter dem Bettschirm verschwand . Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Sensenmannes bei Rudhard und fühlte an einem Schauer , der ihn überlief , daß der Tod hier nahe sein mußte ... Daß Ihr Beruf der eines Engels ist , der über Geschwistern wacht , sagte Dankmar zu Louisen , sehen wir wohl ! Aber was treibt denn der fleißige Leser dort , der den Großpapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und wovon ist Wilhelm so ermüdet ? O , antwortete Louise , die Betten auflockernd und ausglättend , schon wieder Engel ! Ich kann die Ehre und Gnade , ein Engel zu sein , noch nicht annehmen . Die Engel im Himmel , nicht wahr , Heinerchen ( sie zog den kleinen Heinrich aus ) das wissen wir schon , die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren goldenen Flügelchen und uns auf das nächste Christbäumchen zu vertrösten , das wir uns trotz unserer Armuth doch nicht entgehen lassen . Wir müssen arbeiten . Da sehen Sie meine Tapisserie am Fenster ! Aber es ist zu dunkel . Ich nehme , wenn Großvater zu Bett ist , seine Lampe und sticke noch bis zwölf Uhr . Die Arbeit drängt ... Sie ist für eine Braut . Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre Überlegung so in Anspruch genommen , daß sie Dankmar ' s eigentliche Frage überhörte . Siegbert aber gedachte des Gedichtes , das er für Louis Armand übersetzt hatte , und der letzten Strophe : Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Juwelen hast du und die Tugend noch ! Kannst deine feuchten Perlen fallen sehn Auf ' s Kleid der Braut , das deine Finger nähn ! Bist reich wie sie - o Gott , nun weinst du doch ! Wie , dacht ' er , wenn dies das Mädchen wäre , dem Louis Armand das Gedicht gewidmet hatte und Max Leidenfrost , der mich auf sie aufmerksam machte , Nichts von dieser Bekanntschaft wüßte ! Aber er hätte nicht einmal gewünscht , daß Armand ' s greller schmerzlicher Seufzer in der Brust dieses in ihrer Entbehrung glücklichen Mädchens niedergelegt wurde , das in der unbefangensten Stimmung , als er schon die Frage nach Max Leidenfrost auf den Lippen hatte , fortfuhr : Der Großvater , der eigentlich unser Urgroßvater ist , was wir aber nicht sagen , weil ihn die andern Leute schon den Uhrengroßvater nennen ... ja er ist auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren , die noch nach dem alten Schlage hier und da von den Leuten gehalten werden . Von Jahr zu Jahr nahmen die alten Wanduhren ab ; aber seit kurzem werden sie wieder Mode . Die reichen Herrschaften kaufen sie auf dem Trödel und lassen sie schön aufputzen und so ist ' s auch dem alten Väterchen da geschehen , daß sein Zöpfchen wieder seit einigen Jahren Mode wird und er manche Kunden hat , denen er alle drei Monate einmal in ' s Uhrgehäuse blasen darf und die Räder mit Öl gätter machen . Das bringt Holz und Licht . Die Miethe rechn ' ich durch Hackert und Herrn Schmelzing . Essen und Trinken ist die Sorge meiner Hände und daß die nicht klein ist , sehen Sie wol an den acht gesunden Mägen , denn auch Großväterchen hat noch Gott sei Dank Appetit trotz seiner zwei und achtzig . Kleider , Miethsabgaben , Schulgeld das verdienen die Andern . Karl , der da in dem Buch studirt , ist Maschinenarbeiterlehrling in der Willing ' schen Maschinenfabrik . Das Buch da hat er wol aus dem Handwerkerverein von heute mitgebracht . Nicht so , Karl ? Von Herrn Leidenfrost hab ' ich ' s , sagte Karl Eisold etwas artiger als bisher . Siegbert blickte ihm über die Schulter in ' s Buch und fand , daß es ein Lehrbuch der Mechanik mit Abbildungen war . Herr Leidenfrost besucht uns manchmal Sonntags , sagte Louise zur Erklärung und Ablehnung jeder Voraussetzung einer nähern Bekanntschaft mit studirten Herren . Siegbert ergänzte , daß er ihn kenne , worüber Louise eine aufrichtige Freude empfand , da ihr Bruder Karl sich seines besonderen Schutzes erfreue und Herr Leidenfrost bei Herrn Willing Alles vermöge ... Nun , unterbrach Dankmar , Sie sind aber noch nicht fertig in Ihrem Staatshaushalt . Miethe , Holz , Licht , Essen , Trinken ist da ... aber ... da bleibt noch Manches übrig . Die Kleinen da verdienen auch schon ; sagte Louise . Wilhelm und Karoline gehen Vormittags in die Schule , essen dann rasch und von zwei Uhr verdienen sie . Womit ? Wenn wir fragen dürfen ? Sie sind in einer Druckerei beschäftigt , die große Zeitungen druckt . Bis sechs Uhr legen sie die frisch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends tragen sie sie aus . Im Winter , wenn der Schnee die Posten aufhält , müssen sie oft noch um elf Uhr herumtrollen , die armen Tröpfe , aber was hilft ' s ! Die Kaufleute und die Gelehrten wollen wissen , wie ' s in der Welt aussieht und wenn sie noch so verschneit ist . Die drei Jüngsten endlich verdienen auch ihren Theil ... Was ? riefen die Brüder erschrocken . Louise lachte und sagte : Ja ! Ja ! Riekchen verdient , wenn sie mir Garn wickelt , Heinrich , wenn er hübsch artig ist und Hannchen , das dreizehn Monate alte kleine Schwesterchen , das ich nach dem Tode der Mutter mit Milch aufziehe , durch sein gutes Gedeihen und frohes Lächeln . Auch Das muß mit arbeiten . In Freude und Sonnenschein gedeiht ja Alles besser . Aber ... Vergeben Sie mir ! Herr Hackert ! Wo bleibt er nur ! Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten , außer den da vom Karl ! Steh doch auf , Karl ! Lassen Sie , liebe Louise , sagte Dankmar . Wir sehen , Sie wollen Alle zur Ruhe gehen . Hackert hat nicht Wort gehalten . Wir gehen und wünschen Ihnen eine gesunde , stärkende gute Nacht ! Nein , nein , begann Louise mit Ängstlichkeit , Das darf ich nicht ; ich kann Sie nicht fortlassen . Herr Hackert kommt sicher sogleich . Sie glauben nicht , wie er sich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute . Ach , es ist mir , als wenn ihm ein Unglück droht , das Sie vielleicht abwenden können ! Wie Sie heute bei ihm drinnen schrieben und er so ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag , das wir ihm doch noch hineinstellen konnten , da war ich recht froh , daß ein guter Geist über ihn gekommen schien ... Nehmen Sie denn so warmen Antheil an Ihrem Miether ? fragte Siegbert . Sollte es nicht jede Seele , die ein Herz in der Brust hat ? war die Antwort . Gibt es unglücklichere Menschen , als die in der Nacht wandeln . Siegbert sah Dankmarn erstaunt an . Hackert ist somnambul ! sagte Dankmar zum Bruder . Die eisernen Stäbe , die dir auffielen , sind nicht ohne Absicht vor seinen Fenstern . Siegbert konnte sich kaum über diese Mittheilung zurechtfinden . Er fragte voll innigster Theilnahme , wie lange Hackert an diesem Übel litte , wann man es zuerst bemerkt hätte , wie und wo ? Der lebendige Antheil , den er seit dem Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mittheilung Dankmar ' s von heute früh , Hackert verdiene seine gute Meinung nicht , etwas wankend gemacht hatte , gab sich in so lebhaften Fragen wieder kund , daß Dankmar ihn an die Nothwendigkeit erinnern mußte , diese des Schlummers bedürftige große und kleine Welt sich nun allein zu überlassen . Louise aber widerstand seiner Absicht zu gehen auf ' s bestimmteste . Sie verrieth dabei einen Antheil an Hackert , der über das allgemeine Mitleid wegen seines körperlichen Zustandes hinauszugehen schien . Sie haben Recht , sagte sie , lassen Sie diese schlummern ! Aber ich mache Ihnen den Vorschlag , treten Sie in sein Zimmer selbst so lange ein , bis er kommt . Es ist verschlossen ; sagte Dankmar . Wohl , auch von dieser Seite da ... antwortete Louise . Sie öffnete die Thür und zeigte auf die durch allerhand Küchengeräthschaften verstellte Nebenthür , die zu Hackert ' s Zimmer führte ... Allein ich habe den Schlüssel zu dieser Nebenthür ! fuhr sie fort . Treten Sie hier ein ! Ich bringe Licht und Sie warten noch einige Augenblicke . Die Brüder wurden so von des Mädchens bestimmtem Willen geleitet , so von den kleinen Geschwistern , die gähnend aber auch neugierig sie umstanden , gedrängt , daß sie sich gefallen lassen mußten , zu bleiben . Man räumte Alles von der Verbindungsthür fort und schloß sie auf . Louise sagte den Kindern , sie sollten den Herren Gute Nacht ! sagen . Dies geschah und einige Sekunden darauf waren die Brüder in Hackert ' s dunklem vergitterten Zimmer ganz allein ... Louise rief von der Küche , sie käme sogleich nach mit Licht ... Karl Eisold , der älteste Bruder , bewegte sich bei allen diesen Unternehmungen seiner Schwester nicht im geringsten . Nur als sie einen zu lebhaften Antheil an Hackert verrieth , schlug er das Buch , in dem er gelesen hatte , fast heftig zu und ging hinter die Tapetenwand . Er schien mit seiner Schwester über irgend etwas gespannt zu sein ... Nun , hatt ' ich Recht , begann Dankmar , als die Brüder in Hackert ' s Zimmer in der Dunkelheit allein waren , hatt ' ich Recht , dir die Bekanntschaft dieser eigenthümlichen , häuslichen Existenz deines Schützlings zu verschaffen ? Was das Gemälde , das du hier beobachtetest , doppelt anziehend macht , ist die Beziehung auf Hackert , der , sprach ich auch heute in der Frühe gegen ihn , dein erstes Gefühl nicht getäuscht hat und wol mehr bemitleidenswerth als zu fürchten ist . Fast möcht ' ich glauben , daß ihn dieses edle Mädchen , das sich dem Wohle ihrer Geschwister opfert , liebt ... Sprich nicht so laut , flüsterte Siegbert , hier nebenan horcht der Schreiber Schmelzing ... Es war so finster in dem , wie Siegbert wohl merkte , engen Zimmer , daß sie ungeduldig das Licht erwarteten , mit dem Louise zurückkehren wollte ... Indem fiel ein Lichtschimmer von der Galerie her durch die vergitterten Fenster . Man hörte ein Rascheln , wie von Jemanden , der sich an dem Stricke der Treppe hinaufwand ; denn mehr sich daran hängend , als mit freiem Tritt auf den schmalen Stufen , konnte man hinauf . Sollte Dies endlich Hackert sein ? flüsterte Dankmar . Es wäre Zeit . Ich glaube nicht , daß man bis nach zehn Uhr gut in diesen Häusern bleiben kann ... St ! flüsterte Dankmar und horchte . Der Ankommende hustete und bewegte sich sehr schwer . Er hatte ein Mützchen auf , das ziemlich weit über den Kopf ging und stützte sich auf einen Stock , den man vielleicht gut that , in diesen Räumen immer bei sich zu führen . Die Laterne , die den Lichtschimmer verbreitete , hielt ein altes Weib , das die Brüder nicht kannten ... Es war die Vizewirthin Frau Mullrich . Da ist Nr. 86 flüsterte die Alte . Herr Hackert muß doch zu Hause sein ; die Herren sind nicht wieder gekommen . Der Mann in der Mütze klopfte an die Thür des Zimmers , in dem Siegbert und Dankmar noch im Dunkeln standen . Sie hielten sich zwischen dem Pfeiler der beiden Fenster , um durch den von der Galerie hereinfallenden Lichtschimmer nicht bemerkt zu werden . Der Mann in der Mütze klopfte wiederholt . Ei , ei , rief Frau Mullrich jetzt laut , Herr Hackert nicht zu Hause ? Ei , ei ! Ei ! Ei ! Sie münzte dieses Ei ! Ei ! auf die beiden Herren , die , wenn Hackert nicht anwesend war , sicher zu Louise Eisold gegangen waren ... Klopfen Sie doch stärker , fuhr sie boshaft fort . Herr Hackert schlafen vielleicht schon . Ich glaube den alten Störenfried zu kennen , flüsterte Dankmar seinem Bruder zu . Irr ' ich nicht , so ist es der Geschäftsführer des Justizraths Schlurck , der auch von diesen alten Häusern die Verwaltung besitzt ... Du weißt noch gar nicht , welches Interesse wir an diesen Häusern haben müssen ... Noch hatte er seine Rede kaum ausgesprochen , als sich beide Brüder von einer weichen Hand ergriffen fühlten und einen warmen Athem dicht an ihrem Ohre fühlten ... Halten Sie sich ruhig ! Der Alte ist Hackert ' s Feind ! Er kann nichts Gutes bringen . Wir sagen , er ist nicht zu Hause . Es war Louise , die leise hereingeschlichen war und ihnen diese Verhaltungsmaßregel zuflüsterte . Kommen Sie , Herr Bartusch ! Kommen Sie ! Die beiden Herren sind bei Fräulein Louise ! Ich irrte mich ! Herr Hackert sind noch nicht zu Hause ! Diese laut betonten , recht absichtlich hervorgekrächzten , boshaften Worte der Frau Mullrich machten , daß die Brüder das plötzliche Kaltwerden der Hände des Mädchens fühlten , von denen jeder von ihnen eine in der seinen hatte . Wie ? flüsterte Dankmar ; die Alte wäre frech genug , anzunehmen , daß wir ... ? Lassen Sie uns sagen , daß wir in Hackert ' s Zimmer sind ! Nein , nein , bedeutete Louise ... Aber selbst die beste Absicht Dankmar ' s , für ihre Ehre einzutreten , war nicht mehr rasch auszuführen ; denn schon hatte sich Bartusch brummend wieder zum Ausgang der Galerie gewandt und mit einem lauten zweideutigen Husten und Räuspern den Rückweg angetreten . Frau Mullrich leuchtete ihm und kicherte so grell und höhnisch , daß es Louisen schauderte . Wie können Sie nur zugeben , sagte Siegbert , als sie wieder im Dunkeln waren , daß diese Menschen sich in der Meinung entfernen , wir wären bei Ihnen ? Louise strich an einem Feuerzeuge und zündete nun ein Talglicht auf einem blechernen Leuchter an ... Sie sprechen so leise , sagte sie lächelnd , daß ich Sie kaum verstehe . Werden wir hier nicht belauscht von Schmelzing ? Der ist sehr neugierig und boshaft genug , aber der glücklichste Zufall wollte , daß er schwer hört . Ich bin überzeugt , er hat sich den alten Kleiderschrank , der hier an der Thür steht , weggerückt und horcht jetzt . Aber wenn Sie nicht zu laut sprechen , bleibt ihm Alles unverständlich . Während sich Siegbert nun in Hackert ' s Zimmer umsah und eine gewisse Ordnung an dem niedrigen Bett , dem schwarzbezogenen Sopha , dem Schreibtische , einem mit einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel , eine Waschbank mit Schüssel und Seifennäpfchen , ja sogar einen kleinen Spiegel anerkennen mußte , tadelte Dankmar wiederholt , daß sich Louise den falschen Schein gegeben hätte , als wären sie bei ihr . Nehmen Sie doch Das nicht so genau ! antwortete Louise . Mir ist die Freude , daß dieser alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat , viel mehr werth als der falsche Schein für meine Person . Wir Mädchen aus den armen Ständen sind , was wir sind . Unser ganzes Leben ist dem Verdachte preisgegeben . Nur die , die in Wahrheit etwas zu verbergen haben , ereifern sich , wenn sie einmal in einem falschen Lichte erscheinen . Und dieser Alte weiß wohl , daß ich mehr für mich habe als den bloßen Schein . Wie so ? fragte Siegbert . Kennen Sie ihn ? Ich kenne ihn und er kennt mich . Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieses Nachbars , des Schreibers Schmelzing , der viel bei dem Justizrath arbeitete . Auch entsann sich Hackert des alten Großvaters , der sonst bei Schlurcks gearbeitet hatte , als noch die schöne Melanie nicht regierte und alles Altmodische wegjagte und wegräumte . Seitdem ist dieser Bartusch , Bartusch heißt er , oft hier gewesen . Er kennt jeden Winkel dieser Häuser und wuchert und preßt der Armuth ihre Thränen in Geld ab . Mich wundert , wie er sich so spät Abends noch in diesen dritten Hof wagt , wo Manche wohnen , die ihm das Schlimmste geschworen haben ... Weiter ließ sie sich in Erörterungen nicht ein , bat sie nun , ihr Gehen zu entschuldigen und ersuchte sie dringend , doch nur noch eine Viertelstunde zu warten . Hackert wäre gewiß ohne seine Schuld verspätet . Er käme sicher . Er hätte sich zu lebhaft gefreut auf diesen Abend . Ja sie müsse ihnen sogar gestehen , daß sie selbst heute ausgegangen wäre und Thee , gute Butter und Braten gekauft hätte , für den erwarteten hohen Besuch . Ob sie denn in der Küche nicht den siedenden Kessel mit heißem Wasser bemerkt hätten ? Die Brüder gewannen jetzt erst die volle Übersicht des Zimmers , in dem sie sich befanden und entdeckten in einer dunkleren Ecke ein Tischchen mit Tassen , einer Theekanne und einem gehäuften Teller mit Braten . Daneben ein großes feines Brot und Butter und Zucker und Messer ... O sagte Louise , das ist zwar Alles sehr einfach und nicht besser , als es meine armen Ältern hinterließen , die beide in der Willing ' schen Fabrik arbeiteten und doch nur wenig erübrigten , um neben dem Nöthigen auch für den Luxus zu sorgen . Für uns ist eine Theekanne Luxus . Und doch ist sie da und ich wünschte , da sie vielleicht nie gebraucht wurde , sie käme heute noch an die Reihe , eingeweiht zu werden und Sie säßen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht . Bis zwölf Uhr kann man aus und ein ... und auch später noch . St ! Hören Sie nichts ? Ich glaube , man kommt . Damit hüpfte Louise wie ein raschelndes Mäuschen davon ... Es war aber nur eine List , daß sie Jemanden zu hören glaubte ; sie hatte nur die Absicht , die beiden jungen Männer festzuhalten . Ihr Bruder Karl schien aber damit nicht einverstanden . Er empfing , wie die Brüder hörten , Louisen mit Vorwürfen über ihr Rumoren , ihr Spektakeln , ihre Tollheiten ... Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab . Denk ' an Danebrand ! sagte der Bruder mit zorniger , lauter , fast donnernder Stimme ... Darauf war Alles ruhig ... todtenstill ... Danebrand ? Die Brüder flüsterten sich den Namen zu und sahen sich erstaunt an . Danebrand war , wie Siegbert sich erinnerte , der Name eines Maschinenarbeiters ... Ihre Situation kam ihnen , in dem spärlich erleuchteten Zimmer , hinter den Eisenstäben des Fensters , in der Nähe des zornigen jungen Karl Eisold , vor diesem kleinen Tisch mit Eßwaaren und der plötzlichen Ruhe nebenan vor , wie die Verzauberung eines Märchens . Siebentes Capitel Caliban Dankmar schwieg verstimmt über Hackert ' s nicht gehaltenes Wort . Siegbert aber hatte , als sie sich auf das verbrauchte , harte Sopha niederließen , so viel Humor , daß er anfing : Es scheint , lieber Bruder , als wenn wir jetzt erst an unser Grün ' sches Diner kommen ! Ich habe Hunger und gestehe dir : Ich bin geneigt , dem Braten da zuzusprechen , auch ohne Thee und ohne Hackert . Aber deine Aufklärungen würden dabei das bescheidene Mahl würzen . Bin ich satt , so werd ' ich auch dir noch manches Seltsame vorzutischen haben . Iß , Siegbert ! Greif zu ! sagte Dankmar . Ich kann mir denken , daß dich der Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines thierischen Menschen fern gehalten hat und nun rächt sich die verstoßene Mutter Natur und kommt von selbst , ohne gerufen zu sein ... Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas stumpfen Messer zu » zersäbeln « und dem Braten zuzusprechen , zu dem selbst das Salz nicht fehlte ... Mit Butter war er sehr delikat . Er mußte die Menschen schon sehr genau kennen , ehe er ihre Butter aß . Dankmar begleitete seinen Appetit mit der Bemerkung : Ich muß mir meine Hohenberger Reisebeschreibung auf günstigere Zeit aufsparen . Wozu nützt sie auch ? Ist doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes Spitze abgebrochen ! Kommen wir darauf für ' s Erste nicht zurück ! Was trieb dich nur heute früh in diese Spelunke , wo wir , wenn wir ' s genau nehmen , auf die gemüthlichste Art im Handumdrehen verschwinden können ? Da nebenan jetzt ganz still ein Riegel vorgeschoben und wir sind in der Falle . Als ich mich heute früh von dir entfernte , begann Dankmar , hatte mir der Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben . Du weißt , was mich drängt und treibt ! Du hast hundertmal gehört , daß ich einem Besitze nachjage , der unserer Familie auf die rechtmäßigste Weise von der Welt gehört - Auch dieser prächtige Palast hier ist ja wol in gewissem Sinne der unserige ? sagte Siegbert spottend . Spotte nur ! Du hast ein Recht darauf ! Denn aus Mismuth , eine so wichtige Angelegenheit , wie die der Reclamation meines Schreins , von heute auf morgen zu verschieben , das ist nur möglich , wenn man der Romantik etwas zu tief in die verschwommenen Augen geblickt hat und sich recht gründlich über die Nothwendigkeit ärgerte , einem Gedanken so verführerischer Art , wie dem an Melanie , Laufpaß geben zu müssen . Ich saß eben am Paradeplatz wie ein recht lächerlicher Herzenskranker - Bruder ! Ich kann das Selbstironisiren seiner Gefühle nicht leiden - sagte Siegbert und legte das Messer fort . Nun iß nur ! Schone die Küche deines Proletariers nicht .. ! Ich will ernst sein . Wie ich am Paradeplatz endlich mit einem vernünftigen Entschlusse mich erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte , glaubt ' ich in einer Straße einen Fremden zu entdecken , der mit seinem Sohne in Hohenberg mich außerordentlich gefesselt hatte . Ich eile jener Straße zu und finde im Gedränge zwar den Fremden nicht , sehe aber plötzlich Hackerten . Du mußt wissen , daß ich ihn mit der Bezeichnung : Schurke oder Schuft oder einer ähnlichen Liebkosung verlassen hatte . Und der Androhung einer Klage , die ihm Lasally anhängen wollte ... Richtig ! Wegen Pferdemordes ! Pferdemordes ? Du willst mir den Appetit verderben - Wegen drei verdorbener Pferde ! .. Da , Bruder , willst du den Rest dieses Bratens ? Ich esse nicht mehr . Dankmar erzählte aber im Ernst mit kurzen Umrissen diese Begebenheit und Hackert ' s so gut wie erwiesenen Antheil daran . Bruder , sagte nun Siegbert wirklich erschreckt . Ich erlebe , die Thür rechts und links geht hier auf und wir werden von Männern mit langen Messern begrüßt . Die Mondsucht ist nur ein reiner Vorwand für diese eisernen Gitter ... Doch nicht ! Daß Hackert im Monde wandelt , sah ich auf dem Heidekrug mit eignen Augen , es war ein Anblick , der mich und den Vater unserer Melanie tief erschütterte . Genug , die Liebkosungen Schurke und Schuft , mit denen ich Hackerten später verlassen hatte , hinderten nicht , daß ich ihm heute früh zurief , wo jener Fremde , Ackermann und sein Knabe , eben verschwunden wären ? Erst gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen . Ich fing dann von seinem dir übergebenen Pfande von hundert Thalern an , gratulirte ihm zu dem Sieg über sein Gelüst , auch das vierte Pferd dem Lasally zu morden und gerieth darüber mit ihm in ein anfangs sehr hitziges Gespräch . Er führte mich bei Seite - Bruder ! Brauch nicht so aufregende Wendungen ! Bei Seite führen - bei Seite bringen - ich möchte gern , mein Appetit käme wieder . Gedulde dich ein wenig ; er kommt ... Hackert ? sagte Siegbert und sprang halb scherzend , halb ernst auf . Nein , nein , dein Appetit ... Dankmar freute sich , seinen Bruder trotz Melanie und der Entsagung so scherzend angeregt zu finden . Ich wandte mich , fuhr er fort , mit dem Pferdemörder in eine entlegenere , stille Gegend der Stadt und da erzählte er mir , daß er mit jenem Fremden und dem Knaben die Rückreise von Hohenberg gemacht . Sie hätten ihn freundlich aufgenommen und ihm Gutes gethan . Gutes ? fragt ' ich . Was meinen Sie damit ? Mich milde getragen , wie ich bin und Nachsicht gehabt mit meinen Fehlern . Siegbert unterbrach und sagte : Was willst du mehr , ist Das nicht eine Sprache , die sich hören läßt ? Ich kam dann , fuhr Dankmar zustimmend fort , auf die unglückliche Krankheit des Nachtwandelns . Er wich mir aus . Doch als ich ihm erzählte , wie ich ihn auf dem Heidekrug selbst in diesem Zustande beobachtet hätte , sagte er : Auf dem Heidekrug müsse Magnet in der Erde sein ; dort hätte es ihn wieder getroffen , gerade in dem Augenblick , als man mir das Bild brachte . Das Bild ? fragt ' ich erstaunt . Denn ich muß dir gestehen , dies Bild ist mir auf die seltsamste Weise in die Hand gekommen . Darauf hin ergab sich denn jene Erzählung , die ich dir im Bilde von der Eidechse und der Katze brieflich niederschrieb . Melanie hat mir einen großen und anerkennenswerthen Dienst erwiesen , aber dabei so viel Rücksichten geopfert , daß ich ihr statt dankbar , gram wurde . Wenn du meine Hohenberger Abenteuer erfährst , wirst du klarer sehen und mir vergeben , daß ich aus Liebe zu dir und zu mir selbst beschloß , diesen Gedanken ganz an der Wurzel aus unserem Herzen zu reißen und Hohenberg für einen Traum zu nehmen .... Dankmar erwartete eine Antwort , doch schwieg Siegbert und stützte den Arm auf die harte Holzlehne des Sophas . Nach Allem , was ich mehr gewaltsam aus Hackert herauslocken mußte , als freiwillig erzählt bekam , fuhr Dankmar fort , hatt ' ich mir auch eine eigenthümliche Beziehung Hackert ' s zu Melanie zusammensetzen müssen . Er war in Schlurck ' s Hause erzogen . Er ist plötzlich von dort entfernt worden . Man fürchtete seine Nähe und sorgte doch für ihn . Lasally , der um Melanie ' s Hand wirbt , mishandelt ihn . Er rächt sich durch eine scheußliche Gewaltthat an seinen Pferden . Wie ich alle diese Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben Logik , die uns Juristen eigen ist , ihm auf den Kopf meine Vermuthungen zuspreche , milderte sich sein trotziger Ton , legte sich fast sogar das struppige rothe Haar und mit weicher Stimme beginnt er : O , wenn Sie in mein Leben sähen ! Wenn Sie Ihr Bruder wären , was wollt ' ich nicht Alles sagen und meinen Kummer vergessen ! Diese Worte rührten mich und herzlich sprach ich ihm zu , doch auch mir zu vertrauen . Mit großem Blicke sah er mich darauf an und schwieg . Wie leben Sie ? Wo wohnen Sie ? Was sind Sie ? fragt ' ich . Indem waren wir in unsern Gesprächen in diese Gegend gekommen , und wie von einem guten Gedanken ergriffen , sagte er : Wollen Sie meine Wohnung sehen ? Kommen Sie ! Ich bin Ihrer Theilnahme nicht ganz unwerth . Ich folgte ihm und er führte mich hierher . Ich werde eifersüchtig werden , daß du mir einen Freund abwendig machst ! sagte Siegbert , die eigne Rührung nur hinter Scherz verbergend . Hier lernt ' ich nun diese Schwester , fuhr Dankmar fort , die sechs jüngeren Geschwister , Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera gestorbener Ältern kennen , den alten Uhrmacher , und so viel Bescheidenes , so viel Einfaches , Gutes , Sittliches , daß ich Hackerten aufforderte , mir dasselbe Vertrauen zu schenken wie dir . Er lächelte ungläubig und sagte : Sie werden gegen mich zeugen und ein Jahr Zuchthaus ist mir wol gewiß . Er stellt sein Verbrechen nicht in Abrede ? Leider nein ! Ja , im Gegentheil äußerte er : Es ist gut , daß ich dorthin komme . Wer weiß , ob ich Lasally nicht noch einmal selbst umbringe , wie seine Pferde . Meine Fragen um den genaueren