Vater will , und meine zweite Mutter begehrt . Die Frau des Juden Joël ziehe immerhin gen Lüttich , wie der Ohm nach Baldergrün . Mit der Erstern sey der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung Engel , für den Zweiten mag meine fromme Schwester beten . Ich aber für mein Theil , will hingehen und , ein gehorsamer Sohn , die Ältern fragen : Wo ist die , die ich freien soll ? Zeigt und nennt sie mir , daß ich thue nach euerm Willen . « - » Ihr wolltet wirklich ... ? « fragte Fiorilla halb fröhlich überrascht , halb ängstlich : » Ohne zu wählen , ... ohne zu überlegen .. , ? « - Dagobert zückte spöttisch die Achseln . » Hatte ich nicht schon gewählt , und stehe jetzo doch allein ? « fragte er : » Laßt mich gewähren . Die Zeit eilt . Die Stunden sind gezählt , wie meines Vaters graue Haare . Ehe er von hinnen geht , soll er Freude an seinem Sohne erleben , und wenn mir auch das Herz darüber bräche . Leb ' wohl , Fiorilla , und habe Dank . « Fußnoten 1 Der Ort , in welchem der Rath diese Personen gebannt hatte . - Zwölftes Kapitel . .... ein nomadisch Volk , Diebisch , listig und verwegen , Heidenbrut aus Afrika , Vogelfrei und dennoch furchtbar . Romanisches Lied . Die edle Frau von Dürning stand ihrer Tochter gegenüber , und beide schienen ihr Wesen gegen einander ausgtauscht zu haben . Regina , die sonst gewohnt war , mit niedergeschlagenen Augen der Mutter Worte anzuhören , wie ein demüthig Kind , stand nun aufgerichtet vor ihr ; im offnen geraden Blicke freudige Unbefangenheit , Lichter einer seligen Lust , die auch ihre Züge mit rosigem Schimmer verklärten . Frau von Dürning hingegen hatte die Augen zu Boden gerichtet , sah sinnend vor sich hin , und um ihren Mund spielte das leichte Lächeln , das sich einfindet , wenn uns eingetroffen ist , was wir für unmöglich hielten , und was wir überrascht in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten sehen . So wie in Reginens Gesichte etwas Siegerisches lag , so prägte sich in der Mutter Zügen ein gewisses Nachgeben aus , das nicht Zwang und Gewalt , sondern mütterliche Liebe allein herbeigeführt zu haben schien , und in dem dazu gehörigen Tone , wiewohl in der obigen Stellung noch verharrend , fragte sie die Tochter : » Bist Du nun zufrieden , mein Kind ? « - » Zufrieden und glücklich , mein Mütterlein ! « erwiederte Regina , und der Mutter Sanftmuth zog das Mädchen unwiderstehlich an deren Brust . » Fast kömmt mir ' s vor , wie ein Traumbild , « hob wieder die Edelfrau an , schüttelte lächelnd den Kopf , und trat an das offne Fenster . » Dort gehen aber noch beide , « fuhr sie fort : » der alte Herr in seinem stattlichsten Feierkleide , und sein Sohn in dem schlichten kurzen Rocke , der ihm so gut steht , wie ich nicht mehr länger läugnen mag . « - Regina blintzelte verschämt über die Schulter der Mutter , und lispelte : » Leb ' wohl , und kehre recht bald wiedeer , Du guter , guter Mensch . « - » Er wird wohl nur zu bald wiederkehren ; « meinte die Mutter schalkhaft : » ist ' s doch , als ob der junge Mann in den Krieg müßte , so eilt er sich mit Freierei und Einsegnung . Ei , wer hätte gestern dieses schon gedacht ? « - » Lieb Mütterlein , « versetzte Regina : » seit gestern wußte ich ' s ganz gewiß , daß Dagobert , mein Herr wird , und kein Andrer . « - » Sieh doch ! « schaltete die Edelfrau ein : » So laß doch hören , Du verständig und vorwitzig Kind . « » Ich will Euch dessen haarklein berichten , « antwortete die Tochter freundlich , und setzte sich zu der Mutter Füßen auf den gepolsterten Schemel : » Euch war es lange nicht nicht mehr unbekannt , daß ich den Junker liebgewonnen hatte seit verwichnem Osterfeste , und noch viel mehr zur Zeit , da er in unsern Forst kam mit der armen Dirne , die er leider damals liebte , wie sie ' s nicht verdiente , weil sie eine Jüdin war , und weil sie ihm nicht treu blieb . Seither habt Ihr mir verboten , ihm merken zu lassen , daß ich ihm hold sey , und nachdem wir in seinem Hause seiner Eltern Hochzeittag begangen , habt Ihr mir untersagt , an ihn zu denken , weil er damals frei heraus gesagt , er werde , obgleich vom Kircheneide frei , nimmer heirathen in seinem Leben . Aber , gute Mutter ; das untersagt sich leichter , als sich ' s thun läßt , dem Verbote zu gehorchen . Wider Willen sogar mußte ich stets an ihn denken , und ich hatte ihn jetzt weit lieber denn zuvor , und grämte mich schier , als unsere Nachbarin vom Wildenstein Hochzeit machte , und ich sah , wie die beiden Brautleute sich herzten , und ich mir immer sagen mußte , Dagobert und ich würden nimmer ein glückliches Paar werden dürfen . Da begab es sich einstmal - es mögen drei Sonntage seitdem vergangen seyn , - daß Ihr nach Friedberg gefahren wart , und ich das Haus hütete . Ich hatte Langeweile in den Stuben , und keine Kurzweil in unserm kleinen Garten , weil die Blumen schon meistens abgeblüht haben , und auch die Bäume fruchtleer stehen , des Frostes wegen , der die Blüthen verdarb . Gar zu gern hätte ich mich unter die Hofleute gemischt , die unter der großschattigen Linde des Burgplatzes saßen , und mit Plaudern und Scherz und Gesang sich den Feiertag vertrieben ; aber Ihr habt mir oft gesagt , daß sich das für mich nicht mehr zieme , und so unterließ ich ' s denn , mich bezwingend , vom Fenster aus , ihrem fröhlichen Weben und Leben zuzuschauen mit sehnsüchtiger Freude . Da gewahrte ich , daß die Wurzel aller Freude jener Leute ein Mann war , von häßlichem Aussehen zwar , der jedoch der possenhaften Geberden viel trieb , zu einer ganz verstimmten Laute Lieder sang nach lustigen Weisen und mit lächerlichem Nasentone , und sich überhaupt vorgenommen hatte , für ein Paar Pfenninge und einen Trunk die Burgleute zu unterhalten . Den meisten Spaß aber machte er den Zuhörern , da er ihnen aus der Hand wahrsagte , nach der Reihe , einem nach dem andern , und so oft er dem Neugierigen gesagt , was sich ferner mit ihm begeben werde , so erschallte laut und anhaltend das Gelächter der Übrigen . Ich weiß nicht , wie es kam , daß ich mit einemmale auf der Schwelle des Hauses stand , und Eure Gürtelmagd vorüberging , mit den Worten : Der kann mehr als Brod essen , gutes Fräulein . Er hat uns alles gesagt , was wir schon erlebt haben , und , da er es so gut getroffen , so muß auch wahr seyn , was er von der Zukunft uns gelehrt . « Um so neugieriger sah ich nach dem fremden Manne , und plötzlich stand er vor mir , daß ich schier erschrocken wäre vor seinem häßlichen Gesichte , und dem Pflaster auf seinem Auge . - » Fürchtet Euch nicht , lieb Fräulein ! « sprach er mit unangenehmen Lachen : » Der Mensch kann nichts für sein Gesicht . Gott gibt die Schönheit und die Häßlichkeit ; die Klugheit jedoch nicht minder . Erlaubt , daß ich Euch wahr sage aus der Zukunft . « - Unwillkürlich halb , und halb mit Wißbegier reichte ich ihm die Linke , in deren Fläche er lange Zeit schaute und blinzelte , heimliche Worte murmelnd . Endlich begann er mir zu erzählen aus meiner Jugend , und sagte mir unverholen , ich sey in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugethan . Wie ich da erschrack ! Gut war es nur , daß er nicht des Jünglings Namen genannt ; ich wäre sonst vergangen vor Schaam . Hierauf versicherte er mir , ich würde nächstens eine Hausfrau werden , und derjenige ganz gewiß mein Liebster und mein Ehegatte seyn , der mir einen Goldring schenken würde mit ' nem blauen Stein und zwei verschlungnen Händen unter einem Kranze . - Nun wollte ich nichts weiter hören , reichte ihm eine reichliche Gabe , und dachte mir die Prophezeihung aus den Sinnen zu schlagen . Des Fremdlings Geschicklichkeit bewährte sich indessen schon in der folgenden Nacht . Dem Freisassen Kunz vom Wildensteine , der mit unsern Leuten trank und scherzte , hatte er vorausgesagt , er solle sein locker Leben einstellen , denn es stehe ihm ein gewaltsam Ende bevor , und der Freisaß hatte ihn verhöhnt , verspottet und für verrückt gehalten . Aber in derselben Nacht wurde er auf seinem Hofe jämmerlich um ' s Leben gebracht , und seine Ställe und Kästen geplündert , man weiß zur Stund noch nicht , von wem . Von da an mußte ich täglich , stündlich sogar der Voraussagung gedenken , und - stellt Euch vor , - gestern schenkte mir Dagobert einen Ring , gerade so , wie ihn der Wahrsager beschrieben , ... denselben , den er heute von mir verlangt , und feierlich , zum Zeichen unsrer Verlobung , an den Finger mir gesteckt . - » Denselben Ring , den Du mir verheimlicht ; « versetzte die Mutter mit sanftem Vorwurf : » es ist wahrlich Zeit , daß Du aus meiner Obhut trittst , sonst erlebte ich noch das Bittre , das ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren . « - » Nicht böse , mein Mütterlein ! « flehte die bewegte Regina , und ihrem schmeichelnden Tone konnte die Frau von Dürning nicht widerstehen . Sie nahm die blühende Braut in die Arme , herzte und küßte sie unter mütterlichen Thränen , und sprach dann , sich ermannend : » Gott segne Dich , mein Kind ; das ist mein bester Wunsch . Ich denke , Du wirst einen wackern Eheherrn erhalten ; gehorche ihm wie einem Vater , liebe ihn mehr als Dich selbst , und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe , deren Vertraute Du gewesen . Sah er gleich ein , wie unwürdig der Gegenstand derselben war , so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch . Laß die Wunde ganz verharrschen : rede nicht von ihr , bis er selbst einst lächelnd es zu thun vermag . Schon manche Hausfrau hat die zärtliche Liebe ihres Gatten verloren , weil sie unzart verschollne Schwächen aus den Schleiern der Vergangenheit an ' s Licht zog . Hüte Dich vor gleichem Schicksale . Webe still und emsig Rosen in des Mannes Leben . Er empfinde tief , welchen Schatz er in Dir besitzt , und werde nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung , das ihm entrissen wurde . - Nun aber , mein Kind , lasse mich von Dir , damit ich gehe , und dem Vetter , wie unsern Freunden die schnelle Veränderung Deines Standes bekannt machen darf . Ich werde viel Widerspruch erfahren ; es ist außer dem Geleise der Sitte , an einem Tage um die Braut zu freien , am andern sie schon heimzuführen ; allein ich werde standhaft seyn , mein Kind , und der Förmlichkeit unsrer Basen , wie dem Widerwillen , den der Vetter gegen die Sippschaft des Schöffen Frosch von jeher hegte , muthig die Sorgfalt für Dein Glück entgegensetzen , über welches zu wachen mich das Schicksal berufen hat . « - Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt , band es fest , zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade , hing Kette und Wetscher an Hals und Gürtel , und ging nach freundlichem Abschiede von dannen . Regina blieb mit ihrer Fröhlichkeit allein , und schritt in dem einsamen Gemache mit gefalteten Händen auf und nieder , den trunknen Blick zum Himmel hebend , und ihm dankend für die gewährte Seligkeit . Bald jedoch eilte sie an ' s Fenster , um in das Gewühl zu schauen , das so eben durch die enge Gasse durchwogte . Ein Zug von neu ankommenden Kaufleuten , welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der Wetterau angeschlossen hatte , der nach St. Wendels Kapelle ging , um die Schafheerden von dem Veitstanz loszubeten , erregte das Getöse . Eine Menge Volks lief den Fremdlingen und den Pilgern nach , und Regina ' s Scharfblick gewahrte unter diesem Pöbeltroß des Wahrsagers , von welchem sie so eben der Mutter berichtet hatten Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen Gesichte herauf , und ehe sie es selbst noch bedacht hatte , hatte Regina ihm gewinkt , und herein in ' s Haus war er geschlüpft , die Thüre des Gemachs hatte er gefunden , und stand mit demüthiger Frage , nach des Fräuleins Befehl , vor demselben , die Filzmütze unterm Arme , wie sich ' s für den Geringern geziemt , und das freie Auge blinzelnd in neugieriger Erwanung . - » Du hier ? « fragte ihn Regina staunend : » Bist Du denn überall ? « - » Wie der Wind , schöne Maid , « erwiederte der Mensch ; » überall , wo es Geld gibt und mitleidige Seelen . « - » Du solltest des Mitleids gar nicht bedürfen , « meinte Regina : » Deine Geschicklichkeit sollte Dir Kisten voll Gold einbringen . « - » Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt ; « hieß die Antwort . - » Ich will nicht die Kargste seyn , « sprach Regina , dem Staunenden einen Beutel mit Silbermünze hinlangend : » Deine Prophezeiung ist eingetroffen , Du häßlicher , aber kluger Bursche . Der Ring mit dem blauen Steine kam , und mit ihm mein Hochzeiter . Auch von ihm kannst Du noch einen reichlichen Lohn gewinnen , stellst Du Dich ihm morgen , an unserm Ehrentage vor . « - » Euerm Hochzeiter ? « fragte der Mensch neugieriger und lauernd . - » Ja doch ; « erwiederte Regina lächelnd : » dem ehrsamen Altbürgersohn Dagobert Frosch , wenn Dir etwa sein Name noch nicht bekannt seyn sollte . Wir werden morgen ein Ehepaar , und möchten im Vorgefühle einer glücklichen Zeit den Herold derselben belohnen , wenn er ' s nicht verschmäht . « - » Verschmähen ? « fragte der Fremde mit scharfem Lächeln : » Ein Bettelmann wirft nichts hinter die Thür , am wenigsten den Dank , den ich nicht erwartet hätte von Euerm jungen Eheherrn . Ich werde kommen zum Schmaus , und nicht alleine , hoffe ich . Ein Hochzeitgeschenke soll mich begleiten , und Ihr werdet seyn glücklich in Ewigkeit , so Ihr ' s fromm und geduldig empfahen mögt . Valet , junge Braut . « Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimperden Beutel wie der Blitz davon , und ließ Reginen allein , die über das seltsame Benehmen des Fremdlings nicht genug sich wundern , es nicht genug belächeln konnte . Während sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach , ruderte der Fremdling mit schnell arbeitenden Ellbogen durch die Menschenerfüllten Gassen , unter schadenfrohem , heimlichem Lachen , und mit wildfreudig klopfender Brust . Er stürzte sich in das dickste Volksgedränge , und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe . Mit scharfer , im Ärmel verborgnen Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem Frauengürtel , dort einen Beutel von des Mannes Hüfte . Die goldnen Troddeln an den Kaputzen der Mäntel wurden häufig auf dieselbe Weise sein , und wo er , von Andrer Augen gehütet , nicht das Kostbare erobern mochte , schnitt er , nur um zu schaden , die köstlichen Pelzverbrämungen der Frauenröcke , wie auch die herrlichen Sammetschauben der Vornehmen in Stücken . Trotz diesem eifrig betriebnen Geschäfte drang er doch unaufhaltsam in einer geraden Richtung fort bis zum Mainstrome , wo er mit dem Mittagsgeläute eintraf . Andächtig , wie alle Vorübergehende entblößte en den schwarz und rauh behaarten Kopf , und warf sich auf die Knie , die Brust klopfend und die Stirne bekreuzend ; dann spie er verstohlen aus , und schlüpfte in eine von den Breterschenken , die , luftig und für den Augenblick erbaut , zum Besten der Kaufleute am Ufer errichtet waren . In einem verborgnen Winkel derselben verzehrte er hastig und gefräßig den Knoblauch und das harte Brod , das er in der Tasche trug , und schlürfte dazu seine halbe Kanne schlechten Weins , das Geld im Verborgnen überzählend , das er auf seinem Gewerbgange erobert . - Nach kurzer Ruhe erhob er sich wieder wie ein Fuchs vom Lager , strich am Herde vorüber , warf die ganze Pfefferbüchse auf ein Gericht von Fischen , das dort in der Pfanne schmorte , stieß einen vor der Hütte stehenden mit Wecken gefüllten Korb mit einem schnellen Fußtritt in den Strom und verschwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zelthütten , die von einigen Meisterinnen fahrender Töchter unfern davon aufgeschlagen worden waren , und in welchen das lüderliche Herren-und Pöbelgesindel seine Schwelgereien feierte , unter ' m Schutze der Meßfreiheit . Der Beutelschneider , aller Wege und Stege in diesen Hütten der Ausschweifung wohl bewußt , brachte schnell bei den üppigen Dirnen die Quasten und Troddeln an , die er gestohlen , und die sie ihm dreifach bezahlen mußten , um ihrer unverschämten Eitelkeit und ihres Sündenerwerbs willen . Der Handel fiel glücklich aus , und im Davongehen stieß der Dieb auf einen hagern Mann in bürgerlicher Tracht , der seinen Weg gegen die Zelte zu nehmen schien . » Wohin ? wohin ? edler Herr ? « fragte der Erstere halblaut , und dem Manne vertraulich auf den Leib rückend : » Schleicht man doch nicht im Mittagsscheine zum Liebchen , und hättet Ihr wohl was Beßres zu thun , als hier im Schlamm zu verderben Zeit und Masumme ! « - » Halts Maul , Jud ! « raunte ihm der Andre ergrimmt zu : » Scheer ' Dich Deiner Wege . « - » Nichts da ; « versetzte der Gescholtne : » Ihr werdet mir folgen in den Knippling , und vernehmen allda , was sich begeben , oder nichts haben von der Brut . « - » Verdammter Hund ! « murrte der Andre vor sich hin , und drehte sich aber um , dem Kerl zu folgen , der wie ein Wiesel , durch die Straßen dahin schoß , und sich nach mannichfachem , wiederholtem Umschauen nach seinem Nachfolger , in das engste Gassengewinkel der Altstadt verlor . Hier , - in einem Sackgäßlein , zu dem Jahr aus , Jahr ein kein Sonnenstrahl den Weg zu bahnen sich vermochte , weil die eng an einanderstoßenden Überhänge der Häuser jeden Luftzugang versperrten , hier stand , - rechts und links von düstern Stiftsgebäuden eingefangen , - eine elende Schenke , - zum Knippling genannt , im Munde des Volks , und allerdings nicht allzu wohl berüchtigt , obgleich im Herzen der Stadt belegen . Der Wirth , ein eisgrauer Hagestolz hatte es gleich von Anbeginn nicht darauf abgesehen , eine klare , ehrliche Wirthschaft zu errichten , und hatte nur die niedern Bürger an sich gezogen durch wohlgeil Getränke . Anfänglich hatte er auch ein Kupplerwesen in der Stille getrieben , und mancher Altbürger , wie auch mancher Chorherr des benachbarten Stifts hatte wohl damals , bis an die Augen vermummt , unter ' m Schirm der finstern Nacht , des pfiffigen Brändlings Haus besucht ; aber seit der Rath die üble Wirthei ergattert , und der Stöcker , als Herr und Meister der fahrenden Weiber , bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in ' s Rosenthal unter seinen eignen Bannbereich , - seitdem hatte der vornehme stille Zuspruch aufgehört , und aus der Bekanntschaft mit den Stiftsherren war für Brändling nur der Vortheil erwachsen , daß er ferner ungestört auf dem Grund und Boden des Kapitels verweilen durfte . Von Stund an hatte sich auch nichts Unredliches vom Knippling weiter hören lassen , aber rechtliche Leute mieden beständig die Spelunke , in welcher nach wie vor nur sparsamer Pöbeltroß , oder arme Meßkrämer , oder listige Meßgauner ihre Einkehr hielten . In dieses finstre Haus traten die beiden Kumpane , begrüßten den gähnenden Wirth wie einen alten Bekannten und begaben sich in die kleine gewölbte Stube , in welcher zwei andre Männer an einem schmutzigen Brettspiele saßen . » Ho ! « rief der Gefährte des Beutelschneiders : » Da komm ich ja guter Stunde : Schon da , Namensvetter ? Grüß Dich Gott , und auch Dich , Bruder Reifenberg ! « - Das Brettspiel flog nach diesen Worten unter den Tisch , die Dreie schüttelten sich die Hände und umarmten sich , wie alte Freunde . Der Vierte , der schwarzborstige Diebsgeselle , stand daneben , rieb die Hände und lachte wie ein Satan . Der Eine der Fremden sah sich nach ihm um , und sprach : » Du auch hier , Pathchen ? Herrlich ! ein ganzes Nest zünftiger Vögel . Wein her , Brändling ! Wein ! und nun rund um den Tisch , ihr Leute , und aufgethan den Schnabel , und erzählt wie es hier steht . Friedrich ! mach Du den Anfang , denn in Deinen Augen .... Donner und Pestilenz ! - da wetterleuchtet es , wie unter den Braunen des Teufels ! « - Brändling schleppte , auf leisen Socken schleichend , einige Kannen herbei , empfahl seinen Gästen Behutsamket und heimliches Gespräch , und ging , um an der Thüre Wache zu halten , daß sie nicht überfallen würden von ungebetnen Gefährten . - » ' s ist alles reif , « begann Zodick : » reif , als mir Gott soll helfen im Sterben . Alle die , die einst gedient haben unter dem trunknen Marten , Alle , die bis jetzo entgangen sind dem Blutgericht , sind hie , und vertheilt in den Erdhütten und schlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fischerfeld . Ich steh ' für sie ein , mit Gut und Blut . Sie zittern nicht , sie zagen nicht . Als ich ihnen sag ' : Stoßt zu ! so stoßen sie auf den Fleck , bis er nichts mehr fühlt . « - » Die zwanzig angeworbnen Söldner sind ebenfalls um die Stadt herum versteckt ; « setzte der Leuenberger , Zodick ' s Kumpan , hinzu : » tüchtige Leute , ein wahres Mordgesindel , das den Pfaffen am Altar ermordet , und aus des Papstes Hand den Kelch stiehlt , wann man ' s haben will . « - » Herrlich , beim Blitz und Strahl ! « jubelte der Hornberger Veit , Reifenberger ' s Begleiter : » Siebzig Knechte haben wir im Gefolge und rings im Feld und Acker aufgestellt , die alle vor Begierde brennen , sich an den hochmüthigen Ellenreitern zu rächen , die sie herrenlos gemacht ! « - » Gott sey Lob und Dank ; « ließ sich der Reifenberger vernehmen , - » so dürfen wir doch hoffen , unserm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten , bei welcher die Frankfurter Geisel- und Römerfahrt , das große Sterben und die Gräuel der Judenschlacht vergessen sollen . Sagt aber , ihr Freunde , wann soll ' s beginnen ? « - » Morgen ! « fiel Zodick hastig ein : » Morgen , edle Herren , und nicht früher , und nicht später . « - » Hoho ! « riefen die Andern : » Friedrich ! Dir funkeln schon die Finger nach der Plünderung ; aber so schnell wird ' s nicht seyn können ! « - » Gott soll mir helfen ; « betheuerte der Jude : - » entweder morgen , und ich bin dabei , oder nicht - morgen , und ich ziehe ab meine Hand . « - » Dummer Hecht ! « versetzte der Leuenberg : » hier können wir nicht ohne Dich seyn , Du sollst uns den Pöbel aufhetzen lassen , daß er an dem Spiele Theil nehme , Du sollst uns zu den Kisten und Kästen der Reichen führen , und uns zeigen , welches Haus früher brennen muß , als das andre . « - » Das will ich ! « versicherte Zodick : » aber ich will verkrummen , und schwarz werden wie die Nacht , so ich ' s an anders thue , denn morgen . Ich will nicht haben umsonst mich gestürzt in die Gefahr des Todes ; denn auf diesen Gassen liegt der Strick für meinen Hals ; ich will Euch friedigen die Lust nach , und die Lust nach Rache . « - » Geld und Rache ! « rief Hornberg : » Bei Donner und Strahl ! der Jude , - Friedrich , wollt ' ich sagen - hat Recht . Ist ' s denn nicht auch unsre Losung ? Geld für uns ! Rache für Bechtram ' s Henkertod ! « - » Ganz recht ! « polterte Leuenberg : » die Pest auf die Frankfurter und der rothe Hahn ihre Häuser ; aber noch einmal : nichts übereilt ! Vorsicht ; ihr Freunde ! « - » Versäumen wir ' s um einen Tag , « erläuterte Zodick , » so gehn die reichsten Niederländer fort , denn schon stehen leer ihre Gewölbe , und voll sind ihre Kasten ; zaudern wir , so geht für mich verloren das höchste Glück der Rache . Mein Feind , der junge Frosch , macht morgen Hochzeit . Hat er gewonnen die Hand der Braut , soll er doch nicht gewinnen ihren Leib . Ich schlachte ihn am Hochzeitschmause mit seinem Ette , und will nichts weiter dafür , Herr von Leuenberg ; aber ich will lahm werden wie ein Hund , wenn sie nicht die Ersten sind , die da kriegen den Talles . Ich hab ' s geschworen , ihr Herren , und halten will ich ' s bei Gott ! « - » Den jungen Frosch ! den alten Sünder daneben ? « fiel Leuenberg wild ein : » Vortrefflich ! das bewegt mich , und bringt mich zu Allem . Am Hochzeittag ? Drauf und dran ! Bei dem blutgen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner Grete den Kehraus und mit Wallraden . Sie haben ' s um mich verdient ! « - » In Gottesnamen ! wie Ihr wollt ! « stimmte Hornberg ein : » Je früher es an ' s Gemetzel geht , je freudiger schlage ich zu . « - » All ' gut , « meinte der Reifenberger : » ' s will aber doch beredet seyn , wie wir ' s vollführen , denn Kopf und Fuß muß eine Sache von dieser Wichtigkeit haben ; das begreift Ihr wohl . Laßt uns darum überlegen , wie ' s am Besten anzufangen ist , und in ' s Reine bringen , wo und wann der Angriff statt zu finden hat ; wo zu seugen und zu plündern , wie die Beute dann zu theilen ist . « - » Der lange Zodick mag zuerst sein Scherflein anbringen ; « sprach der Leuenberg : » er kennt hier Zeit und Ort am Besten , und sein eigner Vortheil ist ' s , führt er uns gut und zur gelegnen Stunde . « - » Mir recht ! « antwortete Zodick : » ich will Euch vorschmusen , wie ich mir ' s hab ' gedacht . Erlaubt jedoch , daß ich zuvor werfe die roßhaarne Haube und ' s Pflaster vom Kopf . Die Stirne glüht mir darunter wie ein Ofen . « - Indem er davon redete , hatte er auch die täuschende Verhüllung vom Haupte gerissen und sein rothes struppiges Haar , wie das blasse , zernagte und zerstörte Gesicht zu Tage gefördert . Indessen bemerkte Reiffenstein , der nach dem Fenster blickte , vor demselben einen Mann , der durch die Scheiben glotzte , als suchten seine Augen einen Bekannten in der Stube . - » Die Mummerei vor ' s Gesicht ! « rannte er dem Juden , der davon nichts gewahr worden war , zum und gab ihm einen bedeutungsvollen Wink . Zodick sah sich rasch um , und gewahrte noch den Mann , der so eben von Brändling bemerkt und angerufen worden war . » Gott soll mir helfen , wenn mich der lennt ; « sprach er gleichgültig und lächelnd zu dem Reiffenberg : » Ich kenn ' ihn doch auch nicht : aber Vorsicht ist recht , und ich will darauf halten . « Er stülpte die Haarhaube auf den Kopf , und schlich mit den Andern an die Thüre der Stube , um zu horchen , wer wohl eigentlich der Fremde sey , und was er hier begehre . Sie vernahmen alsobald auch Brändlings Rede , die sich also vernehmen ließ : » Ei , ei , Meister Freudenberger ! seit wann ist es denn Sitte , ungebeten in die Zechstube zu schauen , und zu hören , was die Gäste darin verhandeln ? « - » Seyd nur nicht böse , Brändling ; « erwiederte der Fremde : » Ich hab ' nur einen Augenblick hineingeschaut , um zu sehen , ob Ihr daheim , und gehorcht hab ' ich vollends nicht . Ihr wißt , mich kennen die Schenken nicht viel . Meine Einkehr gilt Euch ; ich habe noch aus Euerm Hause ein Paar Schillinge zu fordern für Schuharbeit ,