, die nur etwas taugt , wenns ihr gut geht , und die Kunstwerke selber härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen . Aber er ruh ' in seinem Frieden , ach den er wohl wenig gefunden ! Diesen Abend muß er schon wegen seiner Krankheit und wegen des langen Wegs nach Blumenbühl voraus beerdigt werden . Da bin ich nun bei deinen Pflegeeltern in der Nähe unserer eingeschlossenen Eltern . Deswegen komm unabänderlich ! Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht , ich muß dich wieder am Herzen halten , das sehr an dir klopfen will und weinen und reden , wenn es nur darf . Nur komme ! Nunmehr wird doch Gott , da alles im Tanzsaal zu den Reigen bereit steht , keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven hineindringen lassen ! Ich bete . Ach nur deinetwegen bin ich so froh , und ich weine genug . Julie . « Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen , diesen Abend in seinem Hause zu sein , gegeben , als dieser ohne weiteres davoneilte , um die Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten . Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten , mit welchen er , bedenklich über Siebenkäs , zu zögern schien , bis Albano bat , ihm und seinem neuen Freund frei alles mitzuteilen . Seine Erzählung war bis auf einige Einschaltungen , die Albano später zukamen , diese : Bouverot - bei welchem er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing - war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen gewesen und hatte in entschiedener Berechnung , durch diesen das längste Glück und sogar eine unerwartete Heirat zu machen , auf dessen Wort hin sein mit Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen , an Idoine , durch diesen selber , der ihm für die Aufhebung ihres ähnlichen Gelübdes219 stand , ein Miniaturbild von ihr , das er im Fluge gestohlen haben wollte , samt einem halben Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio als eines römischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens übergehen lassen . » Oh la différence de cet homme au diable , comme est-elle petite ! « sagte ganz ungewöhnlich-heftig Augusti . Albano mußte fragen warum ; » ein ganz anderes Bild gab er für der Prinzessin ihres aus « , sagte der Lektor . Mithin wars Lianens ihres , schloß Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige Geschichte von der blinden , vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht . - » O ich Unglücklicher ! « rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz . Die Leiden taten ihm weh , womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen ihn bezahlen müssen - die zum erstenmal blind wurde , weil sie seinen Vater so liebte220 , und zum zweitenmal , weil sie der Sohn verkannte und liebte . Aber er bezwang sich und sprach nicht darüber , die Vergangenheit war ihm wie Bienen das Echo schädlich . Siebenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch das Fehlschlagen aller Plane . Albano hörte , daß auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu unterstützen den Schein angenommen , bloß um ihn desto höher herabfallen zu sehen . » Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude « ( dachte Albano ) » konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube , die sein Tod dem feindlichen Hofe und dessen Anhängern graben würde , allen ihren Erwartungen zusehen und alle ihre Maßregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu freundlich aufnehmen , indes er die Fürstin und alles haßte ! Und wie konnt ' er diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten ? « - Aber Albano bedachte zwei nahe Ursachen nicht , sein eignes stolzes Benehmen gegen den Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz , der sich vor Apanagen-Geldern scheue . Gaspards Verhandlungen in Haarhaar , welche der Lektor nur mit einigen von Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab , waren diese : Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflösung und Zerreißung hin . Hier ließ er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden , bis er mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte . Der alte Zorn über die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt , da er ihnen unter dem schimmernden Triumphtore ihrer Wünsche und Arbeiten die Dokumente über Albanos Geburt , von der Hand des alten Fürsten an bis auf die des Bruders Luigi , als ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte , die sie aus dem Siegestore wieder rückwärts trieben . Man erstaunte mitleidig , ging auf nichts ein , Albano war weder dem Lande noch Reiche vorgestellt . Gaspard trug sehr ruhig eine frühe Anerkennung von Joseph II. nach . Auch dieses wurde außer der Regel und als ungültig gefunden . Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn , mit dessen Blitzfunken er so oft plötzlich Menschen und Verhältnisse durchbohrte , daß er ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen Reise-Jahre allen Höfen entschleiern werde . Hier brach man erschrocken die vormittägigen Unterhandlungen ab , um sich zu neuen nachmittägigen zu rüsten . In diesen - welche der Lektor Albano zu verheimlichen beordert war - wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden nähern Bandes zwischen beiden Häusern gezeigt . Unter dem Bande wurde Idoine verstanden , deren Ähnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen letztere längst als Anekdote bekannt gewesen . Aber Gaspards ganzem Entwurfe seiner vollständigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel entgegen ; er - der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog - stieß gegen die Schranke seiner Vollmacht an , sagte geradezu Nein , und man brach entrüstet ab , mit der höflichen Erinnerung , daß Herr v. Hafenreffer als Bevollmächtigter ihn begleiten und in Pestitz das übrige verhandeln solle . So kamen beide an . Hafenreffer , ebenso fein und kalt als redlich , erforschte leicht alle Verhältnisse der Wahrheit . Gaspard teilte Juliennen - noch im Wahne ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda - den Wunsch des fremden Hofes mit ; aber er wurde bestürzt über ihre Eröffnungen , welche so sehr für Idoine sprachen als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano . Dazu entrüstete sie ihn noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag , ihm seine väterlichen Auslagen für Albano einigermaßen zu erstatten . » Der Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen , er bezahlt sie bloß « , sagt ' er und nahm empfindlich Abschied auf immer , um alle Inseln der Erde zu bereisen . Albano wollt ' er nicht mehr sehen , aus Verdruß über den Zufall , daß ihm durch Schoppens Kirchen- und Gräberraub das Vergnügen entwendet war , Albano durch die Entdeckung , daß er nur Lindas Vater und nicht seiner sei , für kühne Zweifel an seinem Werte zu strafen und zu demütigen . Wohin Linda noch in jener Nacht seiner Entdeckung als Vater gegangen war , verbarg er allen kalt . Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut , der fürstlichen Witwe . » Er halte es für Pflicht , « ( sagte er ihr ) » ihr die neueste Erbfolge zu hinterbringen , da er einiger maßen sich selber sehr in den Gang der Sache habe verflechten lassen . « Nie war ihr Blick stolzer und giftiger : » Sie scheinen « ( sagte sie gefasset ) » in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein . Wenn es Sie so interessiert , wie Sie sich denn überhaupt für dieses Land zu interessieren scheinen , so mach ' ich mir eine Freude daraus , Ihnen zu sagen , daß ich das Glück bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf , dem ich nun gewiß entgegensehe , dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen Fürsten jede Veränderung zu ersparen . Wenigstens darf man vor der Entscheidung der Zeit keine fremde Einmischung dulden . « Gaspard , über das Erwartete erzürnt , versetzte darauf bloß ein unendlich-freches Wort - weil er leichter Geschlecht als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte und nahm darauf von ihr seinen höflichen Abschied mit der Versicherung , daß er gewiß sei , die Bestätigung dieser sonst so angenehmen Nachricht , wo er auch sein werde , zu erhalten und daß es ihm dann leid tun gerichtliche Papiere entgegensetzen zu müssen , die er ungern in Umlauf bringe . » Sie sind ein wahrer Teufel « , sagte die Fürstin außer sich . » Vis-à-vis d ' un ange ? Mais pourquoi non ? « versetzt ' er und schied mit den alten Zeremonien . Albano , dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgründen die nackten verletzten Wurzeln und Fibern hatte , konnte nichts sagen . Aber sein Freund Siebenkäs äußerte ohne weiteres , » daß Gaspard bei jedem Schritte und mit dem ewigen feinen Wanken und Zögern , wie z.B. über die Heirat seiner Tochter und sonst , nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier , wie ihn Gundling im 1. Teil seiner Otia so gut schildere « . Augusti verwunderte sich über diese Offenheit ; indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe . » Was mich am meisten frappieren würde , « ( setzte Siebenkäs dazu , der , wie es schien , die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen ) » wäre das lange Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des Geheimnisses , wenn ich nicht zu wohl aus Hume wüßte , daß die Pulver-Verschwörung unter Karl I. über ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wäre verborgen gehalten worden . « Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzählungen nachmittags ab ins zwieträchtige Reich , aber mit heiterer heiliger Kühnheit . Er war sich höherer Zwecke und Kräfte bewußt , als alle harten Seelen ihm streitig machen wollten ; aus dem hellen , freien Ätherkreise des ewigen Guten ließ er sich nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins - ein höheres Reich , als was ein metallener Zepter regiert , eines , das der Mensch erst erschafft , um es zu beherrschen , tat sich ihm auf - im kleinen und in jedem Ländchen war etwas Großes , nicht die Volksmenge , sondern das Volksglück - höchste Gerechtigkeit war sein Entschluß und Beförderung alter Feinde , besonders des verständigen Froulay . - So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem bisherigen schmalen , nur von fremden Händen getriebnen Fahrzeug auf eine freie Erde hinaus , wo er allein , ohne fremde Ruder , sich bewegen kann und statt des leeren , kahlen Wasser-Weges ein festes , blühendes Land und Ziel antrifft . Und mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund . 145 . Zykel In der Dämmerung kam er auf dem Berge an , wo er die Stadt , die der Zirkus und die Bühne seiner Kräfte werden sollte , überschauen konnte , aber mit andern Augen als sonst ; - Er gehört nun einer deutschen Heimat an - die Menschen um ihn sind seine Landesverwandte - die ahnenden Ideale , die er sich einst bei der Krönung seines Bruders von den warmen Strahlen entwarf , womit ein Fürst als ein Gestirn Länder beleuchten und befruchten kann , waren jetzt in seine Hände zur Erfüllung gelegt - sein frommer , von Landes-Enkeln noch gesegneter Vater zeigte ihm die reine Sonnenbahn seiner Fürsten-Pflicht - nur Taten geben dem Leben Stärke , nur Maß ihm Reiz - Er dachte an die um ihn her in Gräber gelegten eingesunknen Menschen , zwar hart und unfruchtbar wie Felsen , aber auch hoch wie Felsen , an die vom Schicksal geopferten Menschen , welche die Milchstraße der Unendlichkeit und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten , ohne je eine Sehne darüberziehen zu können . - » Warum ging ich denn nicht auch unter wie jene , die ich achtete ? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Übermaßes und überzog die Klarheit ? « Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm : ein flammender Wagen rollte auf einem seitwärts vom Prinzengarten ablaufenden Wege davon ; langsam rückte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den Blumenbühler Berg hinan . » Den langsamen Wagen kenn ' ich , wer ist der schnelle ? « fragte Albano den Lektor . » Herr von Cesara hat uns verlassen « , versetzt ' er . Albano schwieg , aber er empfand den letzten Schmerz , den ihm der Ritter geben wollte . Er bat den Lektor sehr , ihn allein den Weg nach Blumenbühl gehen zu lassen , weil er lauter Umwege nehme . Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater-Herzens ohne Brust besuchen . Als er durch die lärmvolle Vorstadt ging , sah ihn ein alter Mann lange starr an , floh plötzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau , die ihm begegnete , zu : » Der Alte geht um ! « Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fürsten gewesen , war blind und vor kurzem wieder heil geworden ; darum sah er den ähnlichen Sohn für den Vater an . - In der Stadt war die gewöhnliche Volksfreude über Wechsel laut . In einem Hause war ein Kinderball , in einem andern eine Treppe von Sprichwörterspielern ; indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede Bühne verschloß . Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musensöhne heraus . Im Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden . Einige Leute hört ' er im Vorbeigehen sagen : » Wer hätte sich das träumen lassen ? « - » Ganz natürlich , « ( versetzte der andere ) » ich mauerte damals auch mit an der fürstlichen Gruft und sah Ihn wie dich . « In der Bergstadt waren am Trauer-Schloß alle Fensterreihen hell beleuchtet , als geb ' es ein froheres Fest . Im Hause des Ministers waren alle finster , oben unter den Statuen des Dachs schlich ein einziges Lichtchen umher . » Nein , « ( dachte Albano ) » ich brauche nicht nachzusinnen , warum sank ich nicht auch mit unter . O genug , genug fiel von mir in die Gräber - Ich muß mich doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen ; - wie Taucher schwimmen die Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker . « Draußen sah er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbühler Wege stehen , die ihm einst bei der Begleitung des Kahlkopfs begegnete ; sie schauete starr hinauf dem erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte , Träume zu denken und die Zukunft , als sie der Wirklichkeit zuschauete . Überall lagen in seiner Bahn die zuckenden Spinnenfüße , welche der erdrückten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren . Durch einen Flor sah er das Leben liegen , wiewohl es kein schwarzer , sondern ein grüner war . Sehnsüchtig kam er im Tartarus , aber schaudernd vor ihm , weil ihm die Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog , auf dem herrnhutischen Gottesacker an , wo in einem Garten ohne Blumen , den eingesunkne , eingeschlafne Trauerbirken umstanden , der weiße Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift schimmerte : » Nimm mein letztes Opfer , Allgütiger ! « Vor dem in eine Brust von Stein geschlossenen Herzen , das sich mit nichts regte , nicht mit einem Stäubchen , tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fühlte , daß er seine Eltern würde geliebt haben , und schwur sich , ihnen zu gefallen , wenn ihre hohen Augen sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten . Er drückte den kalten Stein wie eine Brust an sich ; und ging mit sanften Schritten weg , als ginge der Greis neben ihm in seiner eignen , ihm so ähnlichen Gestalt . Er sah auf von seinem Wege zum Berge , wo ihn der Vater abends am Pfingst- und Abendmahlstage gefunden , wie zu einem Tabor der Vergangenheit ; und im Gange durch das Birkenwäldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221 , wo einst zwei Stimmen , seine Eltern , seinen Namen ausgesprochen hatten . So von der heiligen Vergangenheit eingeweiht , kam er in seinem Kindheits-Dörfchen an und sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfüllt , obwohl jene zu traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gäste . 146 . Zykel Albano fand in der Verklärung , worin der Himmel ihm nur der Vergrößerungsspiegel einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vater-und Mutterland heiliger Eltern , in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus , worein er trat , festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere geläutert oder nur nachgespielt auf einer Bühne . Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz . Sie wichen eilig zurück , Julienne flog die Treppe herab und küßte den Bruder zum erstenmal öffentlich , in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh . Als sie ihn losließ , fing aus der Nacht im Kirchturm das Geläute als Zeichen an , daß der tote Bruder in die Kirche einziehe ; da stürzte sie wieder auf Albano zurück und weinte unendlich . Sie ging mit ihm hinauf , ohne zu sagen , wen er droben neben dem Pflegevater finde . Eine alte Flötenuhr , deren mühsames Spiel von jeher seltenen Gästen dargeboten wurde , quoll ihm , als er die Türe öffnete , mit den Nachklängen der Kindertage entgegen . Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts herabgehenden Schleier , welche mit seinem Pflegevater sprach , wandte sich um nach ihm , da er eintrat . Es war Idoine , aber der alte Zauberschein fuhr wieder über seine heute so bewegte Seele , als wenn es Liane aus dem Himmel sei , mit Unsterblichkeit gerüstet , auf überirdische Kräfte stolzer und kühner , nichts von der vorigen Erde mehr tragend als die Güte und den Reiz . Beide fanden sich mit gegenseitigem Erstaunen hier wieder . Julienne sah - ihrer kleinen Verhehlungen und Anstalten sich bewußt - ein rotes Wölkchen des Unwillens über Idoinens mildes Gesicht fliegen ; es war aber bald unter dem Horizont , sobald Idoine es bemerkte , daß die Schwester unter dem Leichengeläute des Bruders die Tränen nicht bezwingen konnte , und sie ging ihr freundlich entgegen , ihre Hand aufsuchend . Idoine hatte , durch ihre Strenge leicht zum launischen Zürnen , diesem kleinen Kriege des Zorns , geneigt , sich durch scharfe lange Übung von diesem feinsten , aber stärksten Gift des Seelenglückes freigemacht , bis sie zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner , lichter Mond ohne einen Regen- und Wolkenkreis der Erde . Albano , dem die Erde , mit Vergangenheit und Toten gefüllt , eine Luftkugel geworden war , die in dem Äther ging , fühlte sich frei zwischen seinen Sternen und ohne irdisches Bangen ; er nahete sich Idoinen - obwohl bei dem Bewußtsein der kämpfenden Verhältnisse ihres und seines Hauses - mit heiligem Mute : » Ihr letzter Wunsch im letzten Garten « ( sagt ' er ) » wurde vom Himmel gehört . « - Mit jungfräulich-entschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis , worin sie bald Blumen , bald Dornen auseinanderzubeugen hatte , um weder verlegen noch verletzt zu werden ; sie antwortete ihm : » Ich freue mich von Herzen , daß Sie Ihre treue Schwester auf immer gefunden haben . « Wehrfritz war über die Freimütigkeit , womit sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhältnisse sprach , ebenso erfreuet als verwundert . » So muß man immer auf der Erde viel verlieren , « ( erwiderte ihr Albano ) » um viel zu gewinnen « und wandte sich an seine Schwester , als woll ' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren . Das Totengeläute dauerte fort . Die seltsame , frohe und trübe Vermischung der irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung . Albine und Rabette kamen herauf , festlich-dunkel gekleidet zum Gange in die Begräbniskirche . Julienne teilte sich zwischen zwei Brüder , und nie hob sich ihr Herz romantischer auf ? das zugleich in Tränen und in Flammen stand . Sie er riet , wie über ihren Bruder Albano ihre Freundin Idoine denke , an der sie eine festere Stimme kannte , als die heutige war , und deren süße Verwirrung ihr am leichtesten aus dem kurzen Berichte klar wurde , den ihr die offne Seele von dem Wiedersehen Albanos in Lianens Garten gemacht ; auch das kleine jungfräuliche Zurückzittern ihres heutigen Stolzes , da sie sich hier überall für eine auferstandene Liane , diese Geliebte des Jünglings , verlegen mußte gehalten finden , machte Juliennen nicht irrer , sondern gewisser . » An einem schönen Abend « ( sagte Albano zu Idoinen ) » sah ich einst in Ihr schönes Arkadien herab , aber ich war nicht in Arkadien . « - » Der Name « ( versetzte sie und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde ) » ist auch bloß Scherz ; eigentlich ists eine Alpe und doch nur mit Sennenhütten in einem Tale . « Sie hob die großen Augen nicht wieder auf , als Julienne schweigend ihre Hand nahm und sie fortzog , weil jetzt das Leichengeläute mit traurigen einzelnen Stößen ausklang , als Zeichen , daß die Totenfeier angehe , deren Teilnahme Julienne ihrem schwesterlichen Herzen unmöglich abdingen ließ . » Wir gehen in die Kirche « , sagte Idoine zur Gesellschaft . » Wir wohl alle « , versetzte Wehrfritz schnell . Als die beiden Mädchen an Albano vorübergingen , bemerkte er zum erstenmal an Idoinen drei kleine Blatternarben , gleichsam als Erden- und Lebens-Spuren , die sie zu einer Sterblichen machten . Er blickte der hohen edeln Gestalt mit dem langen wehenden Schleier nach , welche neben seiner Schwester ebenso majestätisch , nur zärter gebauet erschien als Linda , und deren heiliger Gang eine Priesterin verkündigte , die in Tempeln vor Göttern zu wandeln gewohnt gewesen . Kaum waren beide verschwunden , als die alten Bekannten Albanos , zumal die Weiber , denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten , mit allen Zeichen der lang zurückgedrängten Herzlichkeit , voll Wünsche , Freuden und Tränen auf sein Herz eindrangen . » Bleibt meine Eltern ! « sagte Albano . » Bravheit ist alles auf der Erde « , sagte der Direktor . - » Ich tat das Meinige wie eine Mutter , « ( sagte Albine ) » aber wer konnte las wissen ? « - Rabette sagte nichts , ihre Freude und Liebe waren überschwenglich wie ihre Erinnerung . » Meine Schwester Rabette « ( sagte Albano ) » hat mir , als ich das erstemal nach Italien ging , die Worte auf eine Börse gestickt mitgegeben : Gedenke unserer - Diese werd ' ich euch allen in jedem Schicksal erfüllen « - und hier dacht ' er , obwohl zu verschämt-bescheiden , um es zu sagen , an das , was er etwan als Fürst für seinen Pflegevater tun könnte , worunter die Zurückgabe von dessen heimfallenden Männer-Lehn zuerst gehörte . » So wird uns denn manches zeitherige Herzeleid - « , fing Albine an . - » O was Herze , was Leid , « ( sagte Wehrfritz ) » heute wird alles richtig und glatt . « Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl . Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel . Sie hörten aus der Kirche die Musik des Liedes : » Wie sie so sanft ruhn « ; in einiger Ferne versuchten sich Waldhörner zu frohern Tönen . Rabette drückte Albanos Hand und sagte sehr leise : » Es ist gut mit mir geworden , weil ich alles erfahren habe . « Sie hatte dem unglücklichen Roquairol , seitdem er ein vielfaches Glück und sich selber ermordet hatte , ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen , ohne eine Träne dazuzutun . Sie sprang auf Idoinens Güte über , auf ihre Ähnlichkeit , » mit deren Erwähnung der Vater den Engel heute rot gemacht « , und auf ihr schönes Trösten Juliennens , die vor Albanos Ankunft unaufhörlich geweint . Albine lobte mehr Juliennen wegen ihrer Geschwister-Liebe . Rabette schwieg über diese ; beide waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen ; auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System sehr kalt angesehen , indes Idoine , welche , durch ihre größere Kenntnis der Menschen , Milde gegen die weiblichen Irrtümer des Herzens und Augenblicks mit Strenge gegen Männer verbinden lernen , nur sanft und gerecht gewesen war . Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten : schlich sich Albano in eine unbeleuchtete Ecke weg , um nicht zu stören und gestört zu werden . Am hellen Altare stand heiter der ehrwürdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll Silberlocken , der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen Lichter-Linien . Am Gewölbe der Kirche hing Nacht , und die Gestalten verloren sich in das Dunkel , unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und Menschen . Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gittertüre des Erbbegräbnisses aufgetan , worein seine frommen Eltern gezogen waren ; und ihm war , als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein , um in das letzte Haus des Menschen einzubrechen . Der Bruder rührte ihn nur wenig , aber die Nachbarschaft der stillen Eltern , die so lang für ihn ge sorgt und denen er nie gedankt , und die unaufhörlichen Tränen der Schwester , die er in der Empor über der Todespforte sah , er griffen heftig sein Herz , aus welchem die tiefen ewigen Trauer töne die Tränen , gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen. Er sah Idoine mit ihrer halb roten , halb weißen Lankaster-Rose auf der schwarzen Seide neben der Schwester stehen , sich gegen manchen vergleichenden Blick den Schleier über die Augen ziehend - Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst die bedrängte Liane unter dem Abschwören der Liebe gekniet - das ganze Sternbild seiner glänzenden Vergangenheit , seiner hohen Menschen war hinunter unter den Horizont , und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde , Idoine . Da erblickte den Jüngling sein Freund Dian und eilte herzu . Ohne viele Rücksichten umarmte ihn der Grieche und sagte : » Heil , Heil der schönen Veränderung ! Dort steht meine Chariton , auch sie möchte nach ihrer Sprache222 grüßen . « - Aber Chariton blickte unaufhörlich Idoinen wegen ihrer Ähnlichkeiten an . » Nun , mein guter Dian , ich habe manches Herz und Glück dafür hin gezahlt , und mich wundert es , daß dich mir das Geschick gelassen « , sagte Albano . - Darauf fragt ' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des Erbbegräbnisses , weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken lassen , um wenigstens stumm und dankend hinzuknien . » Davon « ( sagte Dian betroffen ) » weiß ich sehr wenig ; aber ein grausamer Vorsatz ists , und wozu soll er führen ? « Die Musik hörte auf , Spener fing leise seine Rede an . Er sprach aber nicht von dem Fürsten zu seinen Füßen , auch nicht von seinen Geliebten in der Erbgruft , sondern von dem rechten Leben , das keinen Tod kenne und das erst der Mensch in sich erzeuge . Er sagte , daß er , obwohl ein alter Mann , weder zu sterben noch zu leben wünsche , weil man schon hier bei Gott sein könne , sobald man nur Gott in sich habe - und daß wir müßten unsere heiligsten Wünsche wie Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen können , weil doch die hohe Sonne fortstrahle , die ewig neue ziehe und pflege - und daß ein Mensch sich nicht sowohl auf die Ewigkeit zubereiten als die Ewigkeit in sich pflanzen müsse , welche still sei , rein , licht , tief und alles . Für manche Menschen-Brust in der Kirche wurde durch die Rede der Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen . Auf Albanos steigendes Meer hatte sie glattes Öl gegossen , und um sein Leben wurd ' es eben und glänzend . Juliennens Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden ; und Idoinens ihre hatten sich schimmernd gefüllet , weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war , um nicht in der süßen , andächtigen und erhebenden zu weinen . Einmal war Albano , da er zu ihr blickte , als glänze sie überirdisch , und wie auf eine Luna die Sonne unter der Erde , strahle Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und schmücke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde . Nach dem Schlusse der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen , drückte seiner Schwester die Hand und bat sie , nicht das Ende der dunkeln Feier abzuwarten . Sie war getröstet und willig . Da sie aus der Kirche traten , war ein wunderbarer heller Mondschein auf der Erde verbreitet wie ein süßes Morgen licht der höhern Welt . Julienne bat sie , statt zwischen die Mauern , die Kerker der Augen und Worte , und unter das Getümmel hin einzugehen , lieber vorher die hellen stillen Gegenden zu schauen . Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des heitern Greises in die schöne Nacht hinaus . - Kein Wölkchen , kein Lüftchen regte sich am weiten Himmel , die Sterne regierten allein , die Erdenfernen verloren sich in weiße Schatten , und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes . » O wie lieb ' ich Ihren heitern heiligen Greis