diese Fragen beantworte ? Platon pflegt ( wie ich schon oben bemerkte ) mit seinem Hauptzweck immer mehrere Nebenabsichten zu verbinden und scheint sich dazu in dem vorliegenden Dialog mehr Spielraum genommen zu haben als in irgend einem andern . Daß hier sein Hauptzweck war , die im ersten und zweiten Buch aufgeworfenen Fragen über die Gerechtigkeit streng zu bestimmen und aufs Reine zu bringen , leuchtet zu stark aus dem ganzen Werk hervor , als daß ich noch ein Wort deßwegen verlieren möchte . Unläugbar hätte er dieß auf einem andern , als dem von ihm gewählten - oder vielmehr erst mit vieler Mühe gebrochenen und gebahnten Wege , leichter , kürzer und gründlicher bewerkstelligen können ; aber er hatte seine guten Ursachen , warum er seine Idee einer vollkommenen Republik zur Auflösung des Problems zu Hülfe nahm . Er verschaffte sich dadurch Gelegenheit , seinem von langem her gegen die Griechischen Republiken gefaßten Unwillen Luft zu machen , den heillosen Zustand derselben nach dem Leben zu schildern , und , indem er die Ursachen ihrer Unheilbarkeit entwickelt und mit mehr als Isokratischer Beredsamkeit darstellt , zugleich nebenher seine eigene Apologie gegen einen öfters gehörten Vorwurf zu machen , indem er den wahren Grund angibt , warum er keinen Beruf in sich fühle , weder einen Platz an den Ruderbänken der Attischen Staatsgaleere auszufüllen , noch ( wenn er es auch könnte ) sich des Steuerruders selbst zu bemächtigen . Die Ausführlichkeit der Widerlegung des den Philosophen entgegenstehenden popularen Vorurtheils und des Beweises daß eine Republik nur dann gedeihen könne , wenn sie von einem ächten Philosophen , d.i. von einem Plato regiert werde , spricht laut genug davon , wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen lag , wiewohl ich sehr zweifle , daß er mit der versteckten Apologie seiner politischen Unthätigkeit vor dem Richterstuhl der Sokratischen Moral auslangen dürfte . Nächst diesem fällt von allen seinen Nebenzwecken keiner stärker in die Augen , als der Vorsatz , den armen Homer , dessen dichterischen Vorzügen er nichts anhaben konnte , wenigstens von der moralischen Seite ( der einzigen wo er ihn verwundbar glaubt ) anzufechten , und um sein so lange schon behauptetes Ansehen zu bringen . Daß er ihn aus den Schulen verbannt wissen will , ist offenbar genug ; sollte er aber wirklich , wie man ihn beschuldigt , so schwach seyn , zu hoffen daß einige seiner exoterischen Dialogen , z.B. Phädon , Phädrus , Timäus und vor allen der vor uns liegende , mit der Zeit die Stelle der Ilias und Odyssee vertreten könnten ? Wofern ihm dieser Argwohn Unrecht thut , so muß man wenigstens gestehen , daß er durch die episch-dramatische Form seiner Dialogen , durch die vielen eingemischten Mythen , durch das sichtbare , wiewohl öfters ( besonders in dem Mährchen des Armeniers ) sehr verunglückte Bestreben , mit Homer in seinen darstellenden Schilderungen zu wetteifern , und überhaupt durch seine häufigen Uebergänge aus dem prosaischen in den poetischen , sogar lyrischen und dithyrambischen Styl mehr als zu viel Anlaß dazu gegeben hat . Was aber den Vorwurf betrifft , » er könne den Dialog von der Republik weder für Philosophen von Profession noch für das große Publicum geschrieben haben , « so zweifle ich , ob er anders zu beantworten ist , als wenn man annimmt , er habe dafür sorgen wollen , daß keine Art von Lesern unbefriedigt von dem geistigen Mahl aufstehe , wozu alle eingeladen sind , und wobei es mit der Menge und Verschiedenheit der Gerichte und ihrer Zubereitung gerade darauf abgesehen ist , daß jeder Gast etwas finde , das ihm angenehm und zuträglich sey . 9. Eurybates an Aristipp . Ich weiß nicht ob ich Recht hatte auf deine stillschweigende Einwilligung zu rechnen , lieber Aristipp ; aber ich würde mich selbst der Undankbarkeit angeklagt haben , wenn ich das Vergnügen und die Belehrung , die mir deine Antiplatonischen Briefe gewährten , für mich allein hätte behalten wollen . Ich gestehe dir also , daß ich sie unter der Hand einigen vertrauten Freunden mitgetheilt habe ; und da jeder von ihnen ebenfalls zwei oder drei vertraute Freunde besitzt , so geschah ( was ich freilich voraussehen konnte ) daß in kurzem eine ziemliche Anzahl Abschriften in der Stadt herumschlichen , von welchen endlich eine unserm Freunde Speusipp und sogar dem göttlichen Hierophanten der Akademie32 selbst in die Hände gerieth . Daß die meisten Stimmen auf deiner Seite sind , wirst du hoffentlich für kein Zeichen einer bösen Sache halten . In tausend andern Händeln , die zur Entscheidung der Athener gebracht werden , dürfte ein solcher Schluß die Wahrheit selten verfehlen ; aber die Mehrheit , die ich hier meine , ist von besserer Art ; denn es versteht sich , daß nur die hellesten Köpfe in einer Sache wie diese ein Stimmrecht haben . Indessen fehlt es unserm Philosophen , der die Welt so gern allein belehren und regieren möchte , auch nicht an Anhängern , die sich mit Faust und Ferse für ihn wehren , und nicht den geringsten der Vorwürfe , die du ihm gemacht hast , auf ihn kommen lassen wollen . Sogar die männliche Erziehung und Polyandrie seiner Soldatenweiber findet ihre Vertheidiger , und ich kenne einen gewissen Gleukophron , der ein Gelübde gethan hat , weder in ein Bad zu gehen , noch seinen Bart zu salben , noch der süßen Werke der goldenen Aphrodite zu pflegen , bis er die geheimnißvolle Zahl im achten Buche herausgebracht habe , wiewohl die Redensart , dunkler als Platons Zahl , bereits zum Sprüchwort in Athen geworden ist , und alle unsre Geometer und Rechenmeister behaupten , das einzige Mittel sich noch lächerlicher zu machen , als der Aufsteller dieses arithmetischen Räthsels , sey sich mit der Auflösung desselben den Kopf zu verwüsten . Speusipp , der dir nächstens selbst zu schreiben gedenkt , zeigte mir unter vier Augen seine Verwunderung , nicht daß du so streng mit seinem Oheim verfährst , sondern daß du dich habest enthalten können , ihn bei einer so guten Gelegenheit nicht mit noch schärferm Salze zu reiben . Er habe sich nicht wenig gefreut , sagte er , viele seiner eigenen Gedanken über dieses sonderbare Werk in deinen Briefen bestätiget zu finden , und wenn er etwas an den letztern tadeln möchte , wär ' es bloß , daß du hier und da eher zu viel als zu wenig Gutes davon gesagt habest ; zumal von der Schreibart , welche , seiner Meinung nach , nichts weniger als rein Attisch , geschweige musterhaft schön genennt zu werden verdiene ; da sie nicht selten von allzugesuchter Zierlichkeit und geschwätziger Schönrednerei , noch öfter von Heraklitischer Dunkelheit und von Metaphern , die an einem jungen Nachahmer des Pindar und Aeschylus kaum erträglich wären , entstellt werde , und bald bis zur plattesten Gemeinheit herabsinke , bald wieder in die Wolken steige , um sich in dithyrambischen Schwulst und Bombast zu verlieren . Doch behauptet er , daß seine Fehler meistens nur von allzu großem Reichthum an Gedanken und einer zu üppig in Ranken , Blätter und Blumen aufschießenden Phantasie herrühren , und durch große und erhabene Schönheiten reichlich vergütet werden . Aber woher kommt es , frage ich , daß ein Leser , der Xenophons Anabasis oder Cyropädie nicht eher aus der Hand legen kann , bis er nichts mehr zu lesen findet , über Platons Politeia mehr als einmal einschläft , oder doch vor Gähnen und Ermüdung nicht weiter fort kann ? Mir wenigstens , nachdem deine Briefe mich zu dem heroischen Entschluß gebracht haben , dieses Meer von Anfang bis zu Ende durchzurudern , ist es unmöglich gewesen anders als nach fünf- oder sechsmaligem Absetzen und gewaltsamen neuen Anläufen damit zu Rande zu kommen . Plato hatte so viel von deiner Beurtheilung des Werks worauf er seine Unsterblichkeit vornehmlich zu gründen scheint , reden oder vielmehr flüstern gehört , daß er ( wie mir Speusippus sagt ) endlich neugierig ward , sie selbst zu sehen . Er durchblätterte das Buch , und sagte , indem er es zurückgab : » es ist wie ich mir ' s gedacht hatte . « - Wie so ? fragte einer von den Anwesenden . - Er lobt ( versetzte Plato ) wovon er meint er könnt ' es allenfalls selbst gemacht haben , und tadelt was er nicht versteht . Eine kurze und vornehme Abfertigung , flüsterte jemand seinem Nachbar zu ; aber eine laute Gegenrede erlaubte der ehrfurchtgebietende Blick des Göttlichen nicht , und so ließ man den unbeliebigen Gegenstand fallen , und sprach - von dem Thesmophoros des alten Dionysius von Syrakus , dem die Athener an dem letzten Bacchusfeste , aus Höflichkeit , Staatsklugheit oder Laune , den tragischen Siegeskranz zuerkannt haben . Daß er ihn verdient haben könnte , mußte diesen Tyrannenfeinden ein von aller Wahrscheinlichkeit gänzlich entfernter Gedanke scheinen , weil auch nicht Einer darauf verfiel . Bei dieser Gelegenheit erzählte jemand für gewiß : Dionysius habe die Schreibtafel des Aeschylus ich weiß nicht um wie viel Tausend Drachmen an sich gebracht , in Hoffnung ( setzte der platte Witzling hinzu ) es werde so viel von dem Geiste des Fürsten der Tragiker darin zurückgeblieben seyn , daß er nichts als dessen Schreibtafel nöthig habe , um Aeschylus der Zweite zu werden . Er mag sich dessen um so getroster schmeicheln , sagte Plato , da ihm so feine Kenner des Schönen , als die Athener sind - oder seyn wollen , eine Urkunde darüber zugefertigt haben . - In diesem Ton und in diesem Geiste müssen vermuthlich alle Handlungen dieses in seiner Art gewiß großen Mannes ausgelegt worden seyn , oder es wäre unmöglich , daß eine bereits dreißigjährige glückliche und in so vielen wesentlichen Stücken musterhafte Staatsverwaltung ihm nicht einen bessern Ruf unter den Griechen erworben hätte . Ich habe vor kurzem von Kleonidas und Antipater Briefe erhalten , die mir sehr angenehme Nachrichten von meinem Lysanias und von eurer fortdauernden Zufriedenheit mit ihm ertheilen . Er selbst fühlt sich so glücklich in eurer Mitte , und verspricht sich so viel Gutes von seinem Aufenthalt in dem gastfreundlichen Hause meines Aristipps , daß ich kein so gefälliger Vater seyn müßte als ich bin , wenn ich ihm seine Bitte um Verlängerung desselben nicht mit Vergnügen zugestände , insofern er sich nicht zu viel schmeichelt , da er deine Begünstigung seiner Wünsche für etwas Ausgemachtes hält . 10. Speusippus an Aristipp . Unsre Freundschaft , lieber Aristipp , ist , gleich edlem Wein , alt genug um Stärke zu haben , und wir kennen beide einander zu gut , als daß du mir zutrauen solltest , ich könnte die scharfe Censur , die du in deinen Anti-Platonischen Briefen an Eurybates über den neuesten Dialog meines Oheims ergehen lassen , von einer schiefen Seite angesehen und beurtheilt haben . Ich habe dir nie zu verheimlichen gesucht , daß mich weniger eine natürliche Uebereinstimmung meiner Sinnesart mit der seinigen , oder Ueberzeugung von der Wahrheit seiner spekulativen Philosophie , als das enge Familienverhältniß , worin ich mit ihm stehe , zum Platoniker gemacht hat . Er hat sich daran gewöhnt , den künftigen Erben seiner Verlassenschaft auch als den Erben seiner Philosophie zu betrachten , und ich kann es nicht über mein Herz gewinnen , ihm einen Wahn zu rauben , an welchem das seinige Wohlgefallen und Beruhigung zu finden scheint . Wenn du ihn aus einem so langen und nahen Umgang kenntest wie ich , würdest du ihn , denke ich , in mehr als Einer Rücksicht , des Opfers würdig halten , welches ich ihm durch diese kleine Heuchelei bringen muß . Im Grunde kann ich mir ihrentwegen keinen Vorwurf machen , und dieß nicht bloß um der Bewegursache willen , sondern weil wirklich die Augenblicke ziemlich häufig bei mir sind , wo ich mich versucht fühle , oder mir wohl gar in vollem Ernst einbilde , das wirklich zu seyn , was ich zu andern Zeiten nur vorstelle . Wenn ich bei ganz kaltem Blute in lauter klaren Vorstellungen lebe , denke ich von der Philosophie meines Oheims nahezu wie du ; ich finde sie schwärmerisch , überspannt , meteorisch , unbegreiflich ; seine Ideenwelt scheint mir ein gewaltiges Hirngespenst33 und sein Auto-Agathon34 eben so undenkbar als ein unsichtbares Licht oder ein unhörbarer Schall . Aber in andern Stunden , wo mein Gemüth zu den zartesten Gefühlen gestimmt und mein Geist frei genug ist sich mit leichterm Flug über die Dinge um mich her zu erheben , zumal wenn ich den wunderbaren Mann unmittelbar vorher mit der Begeisterung des lebendigsten Glaubens von jenen übersinnlichen Gegeständen reden gehört habe , dann erscheint mir alles ganz anders ; ich glaube zu ahnen daß alles wirklich so sey wie er sagt ; unvermerkt verwandeln sich meine Ahnungen in Gefühle , und ich finde mich zuletzt wie genöthigt , für Wahrheit zu erkennen , was mir in andern Stimmungen träumerisch , lächerlich und bloßes Spiel einer übergeschnappten Phantasie zu seyn däucht . Warum ( sage ich mir dann ) sollte ein unsichtbares Licht , ein unhörbarer Schall , nicht unter die möglichen Dinge gehören ? Kann nicht beides nur mir und meines gleichen unsichtbar , unhörbar seyn ? Kann die Schuld nicht bloß an meiner Zerstreuung durch nähere Gegenstände , oder an der Schwäche und Stumpfheit meiner Organe liegen ? Scheint nicht dem , der aus einer finstern Höhle auf einmal in die Mittagssonne tritt , das blendende Licht dichte Finsterniß ? Oeffnet sich nicht , wenn alles weit um uns her in tiefer nächtlicher Stille ruht , unser lauschendes Ohr den leisesten Tönen , die uns unter dem dumpfen Getöse des Tages , selbst bei aller Anstrengung des Gehörorgans , unhörbar blieben ? - Soll ich dir noch mehr bekennen ? Diese Schlüsse erhalten keine schwache Verstärkung durch eine Wahrnehmung , die ich oft genug an mir zu machen Gelegenheit habe . Die Philosophie Platons kommt mir nie phantastischer vor , als wenn ich mich in den Wogen des alltäglichen Leben herumtreibe , oder beim fröhlichen Lärm eines großen Gastmahls , im Theater , oder bei den Spielen reizender Sängerinnen und Tänzerinnen , kurz überall , wo entweder Verwicklung in bürgerliche Geschäfte und Verhältnisse , oder befriedigte Sinnlichkeit , den Geist zur Erde herabziehen und einschläfern . Wie hingegen in mir selbst und um mich her alles still ist , und meine Seele , aller Arten irdischer Fesseln ledig , sich in ihrem eigenen Element leicht und ungehindert bewegen kann , erfolgt gerade das Gegentheil ; ich erfahre alles , von Wort zu Wort , was Plato von seinen unterirdischen Troglodyten erzählt , wenn sie ans Tageslicht hervor gekommen und aus demselben in ihre Höhle zurückzukehren genöthigt sind . Alles was mir im gewöhnlichen Zustand reell , wichtig und anziehend scheint , dünkt mich dann unbedeutend , schal , wesenlos , Tändelei , Traum und Schatten . Unvermerkt öffnen sich neue geistige Sinne in mir ; ich finde mich in Platons Ideenwelt versetzt ; kurz , ich bedarf in diesen Augenblicken eben so wenig eines andern Beweises der Wahrheit seiner Philosophie , als einer der etwas vor seinen Augen stehen sieht , einen Beweis verlangt daß es da sey . Ob nicht in diesem allen viel Täuschung seyn könne , oder wirklich sey , kann ich selbst kaum bezweifeln : denn wie käm ' es sonst , daß jene vermeinten Anschauungen keine dauernde Ueberzeugung zurücklassen , und mir zu anderer Zeit wieder als bloße Träume einer über die Schranken unsrer Natur hinaus schwärmenden Phantasie erscheinen ? - Und dennoch dünkt mich , die Vernunft selbst nöthige mich zu gestehen , es sey etwas Wahres an dieser übersinnlichen Art zu philosophiren . Dem großen Haufen , d.i. zehnmal Zehntausend gegen Einen , ist es freilich nie eingefallen einen Augenblick zu zweifeln , daß alles , was ihm seine wachenden Sinne zeigen , wirklich so , wie es ihm erscheint , außer ihm vorhanden sey ; der Philosoph hingegen findet nichts wunderbarer und unbegreiflicher , als wie etwas ( ihn selbst nicht ausgenommen ) da seyn könne . Wie läßt sich von einem Dinge sagen , es sey , wenn man nicht einmal einen Augenblick , da es ist , angeben oder festhalten kann ? Theile die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden Pulsschlägen nur in vier Theile , und sage mir , welcher dieser fliegenden Zeitpunkte ist der , worin irgend ein zu dieser Sinnenwelt gehöriges Ding wirklich da ist ? Im Nu , da du sagen willst es ist , ist es schon nicht mehr was es war , oder ( was eben dasselbe sagt ) ist das Ding , welches war , nicht ; aber vor dem vierten Theil eines Pulsschlags , und vor zehntausend derselben , konnte man eben dasselbe gegen sein Daseyn einwenden . Es war , es wird seyn , wäre somit alles was sich von ihm sagen ließe : aber wie kann man von dem , dessen Daseyn in irgend einem Moment ich mir nicht gewiß machen kann , mit Gewißheit sagen es sey gewesen ? es werde seyn ? Doch ich will zugeben daß dieß dialektische Spitzfündigkeiten sind , die uns das zweifache Gefühl , daß wir selbst sind und daß etwas außer uns ist , nicht abvernünfteln können . Ganz gewiß kann dieses Gefühl keine Täuschung seyn : nur wird das Unbegreifliche in unserm Seyn durch diese Gewißheit nicht aufgelöst . Wir und alle Dinge um uns her befinden uns in einem unaufhörlichen Schwanken - nicht , wie Plato sagt , zwischen Seyn und Nichtseyn , sondern - zwischen » so seyn « und » anders seyn . « Dieß wäre unmöglich , wenn nicht allem Veränderlichen etwas Festes , Beständiges , Unwandelbares zum Grunde läge , das die wesentliche Form desselben ausmacht . Es gibt aber in dieser uns umgebenden Sinnenwelt nichts als einzelne Dinge , die sich durch alles , was an ihnen veränderlich ist , d.i. durch alles , was an ihnen in die Sinne fällt , von einander unterscheiden , in ihren Grundformen hingegen einander mehr oder weniger ähnlich sind , und nach dieser Aehnlichkeit von dem denkenden Wesen in uns in Gattungen und Arten eingetheilt werden . Gleichwohl sind diese letztern bloße Begriffe , die wir uns von den wesentlichen Formen der Dinge zu machen suchen , und die zu diesen Formen sich nicht anders verhalten als wie die Schatten oder Widerscheine der Körper zu den Körpern selbst . Aber woher kommen uns diese Begriffe ? Gewiß nicht von den Dingen der Sinnenwelt selbst , an denen wir nichts , was nicht veränderlich und in einem ewigen Fluß ist , wahrnehmen . Die wesentlichen Formen , wovon sie gleichsam die Schatten sind , müssen also ein von ihnen und von unsrer Vorstellung unabhängiges Daseyn haben , und irgendwo wirklich vorhanden seyn . Dieß sind nun eben diese Ideen , die in Platons Philosophie eine so große Rolle spielen , deren Inbegriff die übersinnliche oder intelligible Welt ausmacht , und denen er ( weil wir uns doch alles , was wirklich ist , nicht anders als in einem Orte denken können ) überhimmlische Räume zum Aufenthalt anweiset . Sie sind , nach seiner Meinung ( die ihm geistige Anschauung ist ) , unmittelbar von der ersten ewigen Grundursache alles Denkbaren und Wahrhaftexistirenden erzeugt , und waren die Gegenstände , an deren Anschauen unsre Seelen sich weideten , bevor die strenge Anangke sie in diese Sinnenwelt und in sterbliche Leiber zu wandern nöthigte . Sie sind aber auch die Urbilder und Muster , nach welchen untergeordnete Geister aus einem an sich selbst formlosen und durch seine unbeständige Natur aller Form widerstrebenden Stoff die Sinnenwelt bildeten , wiewohl es nicht in ihrer Macht stand , ihnen mehr als den Schein jener ewigen unwandelbaren und in sich vollkommenen Formen zu geben , der gleichwohl alles ist , was an ihnen reell und wesentlich genennt zu werden verdient . Von diesem Schein - welcher ( wie die Sonnenbilder im Wasser ) gleichsam der Widerschein der mehr besagten Ideen ist , fühlen sich nun die neuangekommenen Seelen , sobald sie sich aus der Betäubung des Sturzes in die Materie erholt haben , aufs lebhafteste angezogen . Die Meisten wähnen , daß die Gegenstände , die ein dunkles Nachgefühl ihres ehmaligen seligen Zustandes in ihnen erwecken , das , was sie scheinen , wirklich seyen ; sie überlassen sich also in argloser Unbesonnenheit dem Ungestüm der Begierden , von welchen sie zum Genuß derselben angetrieben werden ; und was daraus erfolgt , ist bekannt . Nur sehr Wenige ( nämlich , nach Plato , die Philosophen im ächten Sinn des Wortes ) sind weise genug , den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden , sich aus den Schattenformen , die ihr Verstand in der Sinnenwelt gewahr wird , eine Art von Stufenleiter zu bilden , und so wie sie sich , von Irrthum und Sinnlichkeit gereinigt , über die materiellen Gegenstände erheben , nach und nach in das reine Element der Geister emporzusteigen und zu dem was wirklich ist , zu den ewigen Ideen und dem Auto-Agathon , ihrem Urquell , mit immer weniger geblendeten Geistesaugen aufzuschauen . Hier hast du , in die möglichste Kürze zusammengezogen , das Platonische System oder Mährchen , wenn du willst , welches - allen meinen nur zu häufigen Verirrungen und Untertauchungen in den reizenden Schlamm der Sinnenwelt zu Trotz - so viel Anziehendes für mich hat , daß ich , wofern es wirklich nur ein Mährchen seyn sollte , mich wenigstens des Wunsches , daß es wahr seyn möchte , und in meinen besten Augenblicken des Glaubens , daß es wahr sey , nicht entbrechen kann . Ehrlich zu reden , ich kenne kein anderes , woran ich mich fester halten könnte , wenn mich die närrischen Zweifel über Seyn und Nichtseyn anwandeln , die bei meines gleichen sich nicht immer mit dem Sokratischen was weiß ich ? oder dem Aristippischen was kümmert ' s mich ? abfertigen lassen wollen . Verzeih , Lieber , wenn ich deine Gleichgültigkeit über diese Dinge auf der unrechten Seite angesehen haben sollte , und lass ' dich meinen kleinen Hang zur Schwärmerei ( die , wie du weißt , eben nicht immer die Platonische ist ) nicht abschrecken mein Freund zu bleiben . Lasthenia grüßt dich und empfiehlt sich dem Andenken ihrer Musarion . Du wirst es hoffentlich als ein ganz unzweideutiges Zeichen ihrer zur Reife gediehenen Sophrosyne ansehen , daß deine Antiplatonischen Briefe eine lebhafte und beinahe warme Vertheidigerin an ihr gegen diejenigen gefunden , die ich weiß nicht welche Spuren eines alten Grolls und einer übel verhehlten Eifersucht darin ausgeschnuppert haben wollen . Denn im Grund ist sie noch immer eine so eifrige Platonikerin als damals , da sie zu Aegina mit dem kleinen unbeflügelten Amor am Busen von dir überrascht wurde . 11. Aristipp an Speusippus . Ich danke dir , lieber Speusipp , für das sehr angenehme Unterpfand deines wohlwollenden Andenkens , und für dein mildes Urtheil von meinen Briefen an Eurybates , welchen , däucht mich , das Beiwort antiplatonisch nur sehr uneigentlich gegeben wird , da sie wenigstens eben so viel Lob als Tadel enthalten , und mit gleichem Recht proplatonisch heißen könnten . Verschiedenheit der Vorstellungsart wird Männer nie entzweien , deren Freundschaft , wie die unsrige , auf Uebereinstimmung der Gemüther in allem , was den Charakter edler und guter Menschen ausmacht , gegründet ist . Der Unterschied deiner und meiner Art über Platons Philosophie zu denken scheint mir ( den Einfluß der nahen Verwandtschaft und anderer Betrachtungen abgerechnet ) hauptsächlich in dem Mehr oder Weniger Festigkeit und Ruhe des Gesichtspunkts gegründet zu seyn , woraus wir beide überhaupt die Dinge anzusehen pflegen ; aber ich liebe die Aufrichtigkeit , womit du die wahre Ursache deines noch immer unentschiedenen Schwankens zwischen dem gemeinen Menschensinn und der philosophischen Mystagogie deines Oheims gestehest , und ich müßte mich sehr irren , oder die Vorliebe , die du zu gewissen Zeiten für sein System in dir findest , und die Leichtigkeit , womit du in einer andern Stimmung darüber scherzen und lachen könntest , entspringt aus einer und eben derselben Quelle ; nur daß sie in jenem Fall reiner und geistiger , in diesem etwas dicker und milchartiger fließt . Es gibt , wie du weißt , angenehme und sogar wohlthätige Täuschungen ; aber es ist immer gut , in allen menschlichen Dingen ( unter welche ich auch die meteorischen und göttlichen rechne ) klar zu sehen ; zu wissen , wann , wo , und wie wir getäuscht werden , und auf keine Art von Täuschung mehr Werth zu legen als billig ist . Die Stimmung , in welcher die Platonischen Mysterien so viel Reiz für dich haben , und worin das , was sie uns offenbaren , dir wirklich das Innerste der Natur aufzuschließen scheint , ist ( mit deiner Erlaubniß ) nur dem Grade nach von derjenigen verschieden , worin der tragische Pentheus zwei Sonnen und zwei Theben , oder seine Mutter Agave35 das abgeriss ' ne Haupt ihres Sohnes für den Kopf eines jungen Löwen ansieht . Die Phantasie ist immer eine unsichere Führerin , aber nie gefährlicher , als wenn sie sich die Larve der Vernunft umbindet und aus Principien irre redet . Doch was sage ich von Gefahr ? Für dich , lieber Speusipp , können diese sublimen Träume nichts Gefährliches haben , wenigstens so lang ' es nur ein lustiges Gastmahl oder einen Kuß der Lasthenia bedarf , um dich aus den überhimmlischen Räumen in deine angeborne Höhle herabzuzaubern . Um so weniger hätte ich mir also ein Bedenken darüber zu machen , wenn mich die Lust ankäme , das zierliche Gebäude von Spinneweben , worein du deine geliebten Ideen gegen allen Angriff geborgen zu haben glaubst , mit einem einzigen Hauch umzublasen ? - Doch nein ! wenn ich auch aus dieser scherzenden Drohung Ernst zu machen vermöchte , wer wollte einem Freund ein harmloses Spielzeug mit Gewalt aus den Händen drehen ? Alles was ich mir erlauben kann , ist , dir meine Weise über diese Dinge zu denken darzulegen , und es dann deinem eigenen Urtheil zu überlassen , ob du Ursache finden wirst , mich von der Beschuldigung einer allzugemächlichen Gleichgültigkeit im Forschen nach Wahrheit loszusprechen . Ist es nicht sonderbar , daß wir vom Nichts entweder gar nicht reden müssen , oder uns so auszudrücken genöthigt sind als ob es Etwas wäre ? Freilich sollten wir , da dem Worte Nichts weder eine Sache noch eine Vorstellung entsprechen kann , gar kein solches Wort in der Sprache haben . Was ist Nicht-Seyn ? Ein Unding , ein hölzernes Eisen , eine unmögliche Verbindung zwischen Nein und Ja , kurz etwas sich selbst Aufhebendes . Was ist , ist , und da es nie Nichts seyn konnte , so liegen in dem Begriff des Seyns alle Arten von Seyn : gewesen seyn , itzt seyn , künftig seyn , immer seyn , nothwendig enthalten . Mit der dilemmatischen Formel , » Seyn oder Nicht-Seyn « ist gar nichts gesagt ; hier findet kein » oder « statt ; Seyn ist das Erste und Letzte alles Fühlbaren und Denkbaren . Indem ich Seyn sage , spreche ich eben dadurch ein Unendliches aus , das alles was ist , war , seyn wird und seyn kann , in sich begreift . Indem ich also mich selbst und die meinem Bewußtseyn sich aufdringenden Dinge um mich her , denke , ist die Frage nicht : woher sind wir ? oder warum wir ? - sondern das Einzige was sich fragen läßt und was uns kümmern soll , ist was sind wir ? Und ich antworte : wir sind zwar einzelne aber keine isolirten Dinge ; zwar selbstständig genug , um weder Schatten noch Widerscheine , aber nicht genug , um etwas anders als Gliedmaßen ( wenn ich so sagen kann ) oder Ausstrahlungen ( wenn du es lieber so nennen willst ) des unendlichen Eins zu seyn , welches ist , und alles , was da ist , war , und seyn wird , in sich trägt . Da all unser Denken im Grund entweder auf Anschauen oder bloßes Rechnen mit Zeichen hinausläuft , das Unendliche aber sich weder überschauen noch ausrechnen läßt , so bleibt mir , wenn ich mir das wie meines Daseyns im Unendlichen einigermaßen klar zu machen wünsche , kein anderes Mittel als mir an dem dürftigen Begriff genügen zu lassen , den ich durch Bilder und Vergleichungen erhalten kann ; z.B. mit einem Baum oder einem gegliederten Körper , der aus einer unendlichen Menge von Theilen zusammengesetzt ist , von welchen jedes seine eigene Art und Weise , Gestalt , Bildung und Einrichtung hat , aber sich doch nur dadurch in seinem Daseyn erhalten und gedeihen kann , daß es mit dem Ganzen in engester Verbindung steht , und von dem aus demselben und durch dasselbe strömenden und durch alle Theile sich ergießenden Leben seinen Antheil empfängt . Jedes Blatt eines Baums ist in dieser Rücksicht zugleich ein kleines Ganzes und Theil eines größern , des Zweiges , so wie dieser einem Ast , der Ast ( an Stärke und Fülle der Zweige und Blätter oft selbst ein Baum ) dem Hauptstamm einverleibt ist . Wenn mir diese von materiellen Dingen erborgte Vergleichungen kein Genüge thun wollen , stelle ich mir das unendliche Ist ( welches durch das geheimnißvolle Ei im Tempel zu Delphi36 bezeichnet zu seyn scheint ) unter dem Bilde der Seele , und alles was durch und in ihm ist , wie die Gedanken vor , welche , wiewohl durch die Kraft der Seele erzeugt und gleichsam aus ihr hervor strahlend , doch weder außer ihr seyn , noch als Bestandtheile von ihr betrachtet werden können . Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken das große Geheimniß der Natur zu symbolisiren