Saul konnte nicht so sehr in Ungehorsam verfallen , und David nach Unrecht dürsten , als aufrichtig hernach ihre Bekehrung war . So viele Tropfen Blut in meinen Adern fließen , so viele sollen es Zeuge seyn , der neuen Treue und Gehorsams , die Dero Gnade und Huld würket ; Gottes Gnade und Liebe lässet mich auch seiner Gnade hoffen ; so verzweifle denn auch nicht , der darum flehet und bittet , als Ew . Majestät ungehorsam gewesener , nunmehr aber durch Reu und Leid zu seiner Pflicht getriebener Vasall und Unterthan . Katt . « So der Brief an den König . Gleichzeitig schrieb er an seinen Großvater mütterlicherseits , den Generalfeldmarschall von Wartensleben . In diesem Briefe bezieht er sich auf sein eben an den König gerichtetes Gnadengesuch und schreibt wörtlich : » Ihm ( Gott ) ist nichts unmöglich , es sind ihm noch Mittel genug bekannt , um zu helfen ; denn er kann das Herz des Königs noch regieren und lenken , daß er sich so zur Gnade wiederum kehrt , als er sich zur Schärfe bezeiget . Ist es sein Wille nicht , so sei er auch dafür gelobet ; denn er kann es nicht anders , als gut mit uns meynen ; darum gebe mich in Geduld und erwarte , was Dero und anderer Vorsprache bei Ihro Majestät für Würkung thun werden « . Aber alle » Vorsprache « war umsonst , das Gnadengesuch selbst blieb unbeantwortet , und am 3. November früh erschien Maior von Schack von den Gensdarmes mit einem starken Kommando selbigen Regiments vor dem Wachtlokal , um den Delinquenten nach Küstrin zu schaffen , wo derselbe » vor den Augen des Kronprinzen « enthauptet werden sollte . Von Schack war tief erschüttert . » Ich habe Befehl von Sr. Majestät « , so wandte er sich an Katte , » bei Ihrer Hinrichtung zugegen zu sein . Zweimal habe ich mich geweigert , aber ich habe zu gehorchen , Gott weiß es , was es mich kostet . Gebe der Himmel , daß das Herz des Königs sich noch wenden und ich in letzter Stunde noch die Freude haben möchte , Ihnen Ihre Begnadigung anzukündigen . « » Sie sind zu gütig « , antwortete Katte , » aber ich bin mit meinem Schicksal zufrieden . Ich sterbe für einen Herrn , den ich liebe , und habe den Trost , ihm durch meinen Tod den stärksten Beweis der Anhänglichkeit zu geben . « Und danach bestieg er den Wagen , der vor dem Wachtlokale hielt , und der Zug setzte sich , durch das Landsberger Tor hin , auf Küstrin zu in Bewegung . Kattes Überführung nach Küstrin Das Kommando unter Major von Schack bestand aus dreißig Pferden , einem Rittmeister , einem Leutnant und zwei Unteroffizieren , die den Wagen in ihre Mitte nahmen . In diesem selbst saßen außer Katte der Major von Schack , der Feldprediger Müller vom Regiment Gensdarmes und ein Unteroffizier . Als sie bis an den Wasserlauf der » Landwehr « gekommen , begann der Feldprediger ein Singen und Beten , und besonders war es das Lied : » Weg , mein Herz , mit den Gedanken « , was eines Eindrucks auf Katte nicht verfehlte . Zu guter Stunde kamen sie ins Quartier ( nur Dörfer wurden gewählt ) , und hier sprach Katte den Wunsch aus , einen Abschiedsbrief an seinen » Herrn Vater schreiben zu dürfen , den er so sehr betrübet habe « . Dies wurde ihm bewilligt , und man ließ ihn allein , um sich zu sammeln . Aber es wollte ihm nicht gelingen , und als Major von Schack nach einiger Zeit wieder bei ihm eintrat , fand er ihn noch auf- und abgehend . Und dabei klagte er , daß es so diffizil wäre , und daß er vor Betrübnis keinen Anfang finden könne « . Von Schack sprach ihm zu , und er setzte sich nun hin und schrieb . Dieser Brief aber war folgenden Inhalts : » In Thränen , mein Vater , möcht ' ich zerrinnen , wenn ich daran gedenke , daß dieses Blatt Ihnen die größte Betrübniß , so ein treues Vaterherze empfinden kann , verursachen soll ; daß die gehabte Hoffnung meiner zeitlichen Wohlfahrt und ihres Trostes im Alter mit einmal verschwinden muß , daß Ihre angewendete Mühe und Fleiß in meiner Erziehung zu der Reife des gewünschten Glücks sogar umsonst gewesen , ja daß ich schon in der Blüthe meiner Jahre mich neigen muß , ohne vorher Ihnen in der Welt die Früchte ihrer Bemühungen und meiner erlangten Wissenschaften zeigen zu können . Wie dachte ich nicht , mich in der Welt empor zu schwingen , und Ihrer gefaßten Hoffnung ein Genüge zu leisten ; wie glaubte ich nicht , daß es mir an meinem zeitlichen Glück und Wohlfahrt nicht fehlen könnte ; wie war ich nicht eingenommen von der Gewißheit meines großen Ansehens ! Aber alles umsonst ! wie nichtig sind nicht der Menschen Gedanken : mit einmal fällt alles über einen Hauffen , und wie traurig endiget sich nicht die Scene meines Lebens , und wie gar unterschieden ist mein jetziger Stand von dem , womit meine Gedanken schwanger gegangen ; ich muß , anstatt den Weg zu Ehren und Ansehen , den Weg der Schmach und eines schändlichen Todes wandeln . Aber wie unbegreiflich , o Herr , sind Deine Wege , und unerforschlich Deine Gerichte . Wohl recht heisset es : Gottes Wege sind nicht der Menschen Wege , und der Menschen Wege sind nicht Gottes Wege . Würd ' ich nicht etwan in der Sicherheit fortgegangen , bey allem Glück und Wohlleben Gott vergessen und ihn hintenan gesetzt haben ? Würd ' ich nicht bey den guten Tagen den Weg des Fleisches , der Sünden und der Wollust dem Wege zu Gott vorgezogen haben ? Ja gewiß hätte mich solches vielmehr von Gott abals zu ihm geführt . Die verdammte Ambition , die einem von der Kindheit auf , ohne den rechten Begriff davon zu geben , eingeflößet wird , würde immer weiter gegangen seyn , und zuletzt dem eitlen Verstande zugeschrieben haben , was doch einzig und allein von Gott kommt . Solchem hat der gütige und gerechte Gott wollen zuvorkommen , und – da ich seiner öftern und vielfältigen Regung nicht Gehör gegeben – auf solche Art mich fassen müssen , daß ich mich nicht weiter ins Verderben stürzte , und gar die ewige Verdammniß mir zuzöge . Darum sei er auch dafür gelobet ! Fassen Sie sich demnach , mein Vater , und glauben Sie sicherlich , daß Gott mit mir im Spiel , ohne dessen Willen nichts geschehen , auch nicht einmal ein Sperling auf die Erde fallen kann ! Er ist es ja der alles regieret und leitet durch sein heiliges Wort ; darum kommt auch dieses mein Verhältniß von ihm her . Ist gleich die Art des Todes bitter und herbe , so ist die Hoffnung und die Gewißheit der künftigen Seligkeit desto süßer und angenehmer ! Ist es gleich mit Schimpf und Schmach verknüpfet , so ist es doch nicht im Vergleich der künftigen Herrlichkeit ! Trösten Sie sich , mein Vater ! Hat Ihnen doch Gott mehr Söhne gegeben , denen er vielleicht mehr Glück in dieser Welt geben wird , und Ihnen , mein Vater , die Freude in denenselben erleben lassen , die Sie vergebens an mir gehoffet . Welches ich Ihnen von Grund meiner Seele wünsche . Unterdessen danke mit kindlichem Respekt für alle mir erwiesene Vatertreue , von meiner Kindheit an bis zur jetzigen Stunde . Gott der Allerhöchste vergelte Ihnen tausendfach die mir erzeigte Liebe , und ersetze Ihnen durch meine Brüder , was bey mir rückständig geblieben . Er erhalte und bewahre Sie bis in Ihr hohes und graues Alter , und speise Sie mit Wohlergehen , und tränke Sie mit der Gnade seines Geistes . Ihr bis in den Tod getreuer Sohn Hans Hermann von Katt . « » Nachschrift . Was soll ich aber Ihnen , liebwertheste Mama , die ich so sehr , als hätte uns das Band der Natur verbunden ( sie war seine Stiefmutter ) geliebet , und Euch , liebwertheste Geschwister , wie soll ich mein Andenken bei Euch stiften ? Mein Zustand läßt nicht zu , alles was ich auf dem Herzen habe , Euch vorzustellen ; ich stehe vor der Pforte des Todes , muß also bedacht seyn , mit einer gereinigten und geheiligten Seele einzugehen , kann also keine Zeit versäumen . H. H. v. K. « Als Katte mit diesem flüchtig und auf bloße Zettel niedergeschriebenen Briefe geendigt hatte , wollte er an eine Abschrift desselben gehen , aber der Prediger riet ihm ab : » seine Zeit wäre zu edel und er möcht ' es nur lassen ; sein Herr Vater sähe ja doch seine Meinung « . So begab er sich und bat den von Schack , den Brief späterhin rein abschreiben zu lassen . Danach aß er ein weniges , trank ein Glas korsikanischen Wein und nahm die geistlichen Unterredungen wieder auf , bei welcher Gelegenheit er ebenso große Fassung und Ergebung wie Kenntnis und Geistesschärfe zeigte . » Er gehe mit Freuden in den Tod « , so sagte er , » und wenn er die Wahl zu leben oder zu sterben hätte , so wollt er das letztere wählen , denn es möchte ihm nicht immer die Zeit werden , sich so gut vorzubereiten wie jetzt . « Unter solchen Gesprächen verging der Abend . Gegen zehn Uhr bat ihn von Schack , sich niederzulegen , was er anfänglich nicht mochte . Zuletzt aber tat er es und genoß eines festen Schlafes . Am anderen Morgen ging es weiter . Er war mitteilsam wie den Tag zuvor und sprach viel darüber , daß man ihn für einen Atheisten gehalten . Das sei er nie gewesen , ja er dürfe vielmehr versichern , daß er vor atheistischen Büchern allezeit einen wahren Abscheu gehabt habe . Andererseits könne er nicht leugnen , daß er öfters » eine Thesin mainteniret « , aber bloß um seinen Verstand sehen zu lassen . Denn er habe gefunden , daß solches in belebten Gesellschaften » vor sehr artig passiret wäre « . Und so hätte er es mitgemacht . Auch an diesem Tage – die jedesmalige Tagesfahrt war nur vier Meilen – kamen sie früh ins Quartier , und er erquickte sich an Kaffee , » der überhaupt sein bestes Labsal war « . Sowohl abends wie morgens . Der dritte Tag war ein Regentag . Als er gegen Mittag Küstrin erkannte , das er immer nur bei Gelegenheit des in Sonnenburg ( eine Meile östlich von Küstrin ) stattfindenden Johanniter-Ritterschlages gesehen haben mochte , erinnerte er sich des Markgrafen Albrecht , damaligen Herrenmeisters , und bat von Schack , dem Markgrafen seinen untertänigsten Respekt vermelden , demselben auch danken zu wollen , daß er ihn in den Johanniterorden aufgenommen habe . Dieses sei die höchste Ehre gewesen , die ihm diese Welt erwiesen , und er wolle in schuldiger Dankbarkeit dafür bei Gott bitten , den hohen Herrn in seinen himmlischen Orden aufzunehmen . Während dieses Gespräches waren sie bis an die große Oderbrücke gekommen ; der Regen ließ nach und die Sonne trat hervor . » Das ist mir ein gutes Zeichen « , sagte er , » hier wird meine Gnadensonne anfangen zu scheinen . « Gleich danach hielten sie vor dem Tor und wurden von dem Platzkommandanten von Reichmann empfangen , der den Delinquenten in eine dicht über dem Tor gelegene Stube führte . Von hier aus trat er den anderen Morgen seinen letzten Gang an . Der 6. November 1730 Der nächste Morgen war für die Hinrichtung bestimmt . Eine Relation des Majors von Schack , die derselbe dienstlich an den Feldmarschall von Natzmer richtete , enthält eine genaue Schilderung aller Vorgänge von dem Augenblick an , wo Katte am 5. nachmittags am Küstriner Tore eintraf . Es ist aus dieser Relation , daß ich nachstehendes entnehme . » ... Als wir um 2 Uhr « , so schreibt v. Schack , » an das Thor kamen , fanden wir daselbst den Commandanten . Er hielt uns an und ließ uns aussteigen . Danach nahm er den seligen Herrn von Katt bei der Hand und führte ihn die Treppe zum Wall hinauf , allwo über dem Thor « ( es ist das Tor zwischen Bastion König und Bastion Königin ; vgl. die Festungsskizze ) » eine Stube mit zwei Betten , eines für Katt und das andere für den Feldprediger präpariret war . Der Commandant sagte mir danach , daß wir den Herrn v. Katt auch an dieser Stelle noch in Verwahrung zu halten hätten , und zeigte mir die Punkte , wo unsre Posten am besten auszusetzen wären . Gleicherzeit wies er mir die Königliche Ordre , aus der ich ersah , daß die Hinrichtung am andern Morgen um sieben Uhr stattfinden und mein ganzes Commando ( aber zu Fuß ) den Herrn v. Katt in einen durch 150 Mann von der Küstriner Garnison zu bildenden Kreis hineinführen solle . Als ich alles dieses erfahren , ging ich zu dem seligen Herrn von Katt , nicht ohne Wehmuth und Betrübniß des Herzens , und sagte ihm , › daß sein Ende näher sei , als er vielleicht vermuthe ‹ . Er fragte auch unerschrocken , › wann und um welche Zeit ? ‹ Da ich ihm solches hinterbracht , antwortete er mir : › es ist mir lieb ; je eher je lieber ‹ . Darauf hat ihm der Gouverneur v. Lepel Essen , Wein und Bier geschickt , wovon er auch gegessen und getrunken . Etwas später schickte der Herr Präsident von Münchow auch Essen und ungarischen Wein , wovon er auch genossen . Dann aber nahm unser Feldprediger Müller den dasigen Garnisonprediger Besser mit zur Hülfe und blieb in beständiger Arbeit mit ihm . Von 8 bis 9 Uhr war ich mit den anderen Offiziers bey ihm , und wir sangen und beteten mit . Weil aber die Prediger gern mit ihm allein sein wollten , gingen wir weg . Um 10 Uhr ließ man ihm Kaffee machen , davon er nachgehends drey Tassen getrunken ; meinen Kerl ( Burschen ) ließ ich die ganze Nacht bey ihm , ihm an die Hand zu gehen . Um 11 Uhr ging ich wieder zu ihm ; ich konnte nicht schlafen ; aber wenn ich noch so bekümmert und beängstet war , und sah ihn nur , so richtete und munterte seine Standhaftigkeit mich wieder auf . Und ich betete und sang mit bis um 1 Uhr morgens . Von 2 bis 3 Uhr sah man an der Couleur des Gesichts wohl einen harten Kampf des Fleisches und Blutes . Um diese Zeit hat der Prediger ihn gebeten , sich ein wenig aufs Bette zu legen , um für sein Gemüth neue Kräfte zu erlangen , welches er auch gethan , und von 3 bis 5 Uhr geschlafen , wo ihn das Ablösen des Postens aufgewecket . Darauf er communiciret . Wie das vorbey , ging ich wieder zu ihm . Da sagte er mir , sein Zeug , so er bey sich hätte , sollte mein Kerl haben , seine Bibel schenkte er dem Corporal , welcher sehr fleißig mit ihm gesungen und gebetet , insonderheit das oben benannte Lied , so oft er ohne den Prediger allein gewesen . Wie kurz vor 7 das Commando der Gens d ' Armes da war , fragte er mich : › Ob es Zeit wäre ? ‹ Wie ich solches mit Ja beantwortet , nahm er Abschied von mir , gieng hinaus , und das Commando nahm ihn in die Mitte ; der eine Prediger ging zur Rechten , der andre zur Linken , und beteten und sprachen ihm immer vor . Er gieng ganz frey und munter , den Hut unter dem Arm , nicht gezwungen noch affektirt , sondern ganz naturell weg . Er war ein Paar hundert Schritte längs dem Wall geführet , und waren die Zugänge des Walls militairisch besetzt , so daß wenig Menschen oben waren . Im Kreise ward ihm nochmals die Sentenz vorgelesen , ich kann aber hoch versichern , daß ich vor Betrübniß nichts gehöret habe , und wußt ' auch nicht drey Worte zusammen zu bringen . Bei Vorlesung der Sentenz stund er ganz frey ; wie solches vorbey , fragte er nach den Offiziers von den Gens d ' Armes , gieng ihnen entgegen und nahm Abschied . Hernach ward er eingesegnet . Darauf gab er die Peruque an meinen Kerl , der ihm eine Mütze darreichte , ließ sich den Rock ausziehen und die Halsbinde aufmachen , riß sich selbst das Hemd herunter , ganz frey und munter , als wenn er sich sonsten zu einer serieusen Affaire präpariren sollen , gieng hin , knieete auf den Sand nieder , rückte sich die Mütze in die Augen und fing laut selbst an zu beten : › Herr Jesu ! Dir leb ' ich ‹ usw. Weil er aber meinem Kerl gesagt , er sollt ' ihm die Augen verbinden , sich aber hernach resolviret , die Mütze in die Augen zu ziehen , so wollte der Kerl , der schrecklich consterniret , ihm immer noch die Augen verbinden , bis von Katt ihm mit der Hand winkte und den Kopf schüttelte . Darauf fing er nochmalen an zu beten : › Herr Jesu ! ‹ welches noch nicht aus war , so flog der Kopf weg , welchen mein Kerl aufnahm , und wieder an seinen Ort setzte . Seine Présence d ' Esprit bis auf die letzte Minute kann nicht genug admiriren . Seine Standhaftigkeit und Unerschrockenheit werde mein Tage nicht vergessen , und durch seine Zubereitung zum Tode habe vieles gelernet , so noch weniger zu vergessen wünsche . « Außer dieser Relation des Majors von Schack liegt auch ein Bericht des Garnisonpredigers Besser vor , der , wie vorerwähnt , in Assistenz des Feldpredigers Müller , den von Katte auf seinem letzten Gange begleitete . Auf die Angaben dieser beiden » Augenzeugen « ( von Schack und Besser ) werden wir auch in der Folge bei Lösung schwebender Fragen in allen Hauptpunkten angewiesen sein . Alles andere steht erst in zweiter Reihe . Hier zunächst der Schluß des Besserschen Berichts im Wortlaut » ... So trat er seinen letzten Gang zum Vater an mit solcher freimüthigen Herzhaftigkeit , die jeder bewundern mußte . Seine Augen waren meistens zu Gott gerichtet , und wir erhielten sein Herz unterwegens immer himmelwärts durch Vorhaltung der Exempel solcher , die im Herrn verschieden , als des Sohnes Gottes selbst und des Sankt Stephanus , wie auch des Schächers am Kreuz , bis wir uns unter solchen Reden dem hiesigen Schlosse näherten . An andern , die solchen Gang gehen , habe ich sonst wohl Alteration und Betrübniß ihrer Sinne gemerket , wenn sie dem entsetzlichen Gerichtsplatz nahe kamen , daß ihnen auch öfters der freudige Muth entfallen ist . Ich hatte daher auch meine Obacht , ob der Wohlselige auch etwa eine verborgene Hoffnung in seinem Herzen hege wegen Linderung seines auszustehenden Urtheils , wenn solche aber fehlschlagen möchte , daß ja nicht Kleinmüthigkeit und schüchterne Blödigkeit entstünden . Allein Gott sei gedanket , der ihn mit seinem Freudengeist in seiner letzten Stunde stärkte und unsträflich behielt . Er erblickte endlich nach langem sehnlichen Umhersehen seinen geliebtesten Jonathan , Ihro Königliche Hoheit den Kronprinzen am Fenster des Schlosses , von selbigem er mit höflichen und verbindlichen Worten in französischer Sprache Abschied nahm , mit nicht geringer Wehmuth . 49 Er hörte ferner seine abgefaßte Todessentenz durch den Herrn Geheimrath Gerbett unerschrocken vorlesen . Da solche geendiget , nahm er vollends Abschied von denen Herren Offiziers , besonders von dem v. Asseburg , v. Holzendorf und dem ganzen Kreise , empfing die letzte Absolution und die priesterliche Einsegnung mit großer Devotion , entkleidete sich selber bis aufs Hemd , entblößte sich den Hals , nahm seine Haartour vom Haupte , bedeckte sich mit einer weißen Mütze , welche er zuvor zu dem Ende bei sich gesteckt hatte , kniete nieder auf den Sandhaufen und rief : › Herr Jesu , nimm meinen Geist auf ! ‹ Und als er solcher Gestalt seine Seele in die Hände seines Vaters befohlen , ward das erlösete Haupt mit einem glücklich gerathenen Streich durch die Hand und Schwert des Scharfrichters Coblentz vom Leibe abgesondert ; ein viertel auf acht Uhr , den 6 Nov . 1730 . Dabei mir einfiel , was stehet 2. Macc . 7 Vers 40 : › Also ist auch dieser auch fein dahingestorben und hat allen seinen Trost auf Gott gestellet . ‹ Ich nahm ferner nichts mehr wahr als einige Zuckungen des Körpers , so vom frischen Geblüt und Leben herrührten . Wenig zusammengelaufene Leute sah man außer dem Kreise , auf dem Walle und in denen Fenstern , und noch weniger von Extraktion waren zugegen , weil viele theils solches nicht gelaubet , theils nicht gewußt , theils es anzusehen Bedenken getragen . Der Körper und Haupt ward mit einem schwarzen Tuch bedecket , bis er von denen besten und vornehmsten Bürgern dieser Stadt aufgehoben , in einen beschlagenen Sarg geleget und auf hiesigem Gottesacker in der sogenannten › Kurzen Vorstadt ‹ neben einen andern Offizier von hiesiger Garnison , so nicht lange vorher beerdigt ward , eingesenket wurde . Nachmittags um 2 Uhr . « Dieser Gottesacker , vom » Hohen Kavalier « aus sichtbar , liegt in erheblicher Entfernung von der Stadt , jenseits der Warthe . Hier ruhte der Tote , bis der Familie zugestanden war , ihn wieder ausgraben und auf dem Rittergute Wust , in der Nähe von Jerichow , bestatten zu lassen . Wann dies geschah , ist nicht bestimmt ersichtlich . Der Sarg aber wurde nach dem genannten Gute ( Wust ) hinübergeführt und steht daselbst bis diesen Tag in der Familiengruft der Kattes . Über diese Gruft selbst habe ich an anderer Stelle berichtet . Wo stand Kronprinz Friedrich ? Wo fiel Kattes Haupt ? Diese Fragen , hundertfältig erhoben , sind bis in die neueste Zeit hinein keineswegs auch nur mit annähernder Sicherheit beantwortet worden . Erst Divisionsprediger Hoffbauer zu Küstrin ist in einer 1867 erschienenen Publikation diesen zwei Fragen gründlich näher getreten , gründlicher als irgendwer vor ihm , und glaubt auf die Frage 1 : » Wo stand der Kronprinz ? « eine fast absolut richtige , auf die Frage 2 aber : » Wo fiel Kattes Haupt ? « eine wenigstens mit hoher Wahrscheinlichkeit richtige Antwort gefunden zu haben . Wo stand der Kronprinz ? An dem letzten Hochparterrefenster der Schloßfront , wenn man von Bastion König auf Bastion Brandenburg zuschreitet . Diese große » Front des Schlosses « , immer am Wasser hin , ist aber ein ziemlich kompliziertes Ding und besteht aus einer eigentlichen und uneigentlichen Front . Die eigentliche Front gehört dem Corps de Logis an . Und in dieser eigentlichen Front oder dem Corps de Logis befindet sich das historische Fenster nicht . An das Corps de Logis lehnt sich indessen rechtwinkelig ein architektonisch unvermittelter Seitenflügel , dessen Giebel nunmehr den Eindruck macht , als gehöre er mit in die große Wall- und Wasserfront des Schlosses hinein . Dieser Eindruck würde noch entschiedener sein , wenn erwähnter Seitenflügelgiebel nicht um ein paar Schritte zurückträte , so daß wir in ein paar Linien ausgedrückt nebenstehendes Bild gewinnen . An der offengelassenen und mit einem F. ( Fenster ) bezeichneten Stelle dieses Seitenflügelgiebels , oder , was dasselbe sagen will , dieses uneigentlichen Teiles der gesamten Schloßfront , stand der Kronprinz . Dafür , daß es gerade dieses Zimmer und kein anderes war , sprechen – neben der in Küstrin lebendig gebliebenen Tradition – einerseits die Angaben des Generals von Münchow ( Sohnes des vorgenannten Kammerpräsidenten ) , der als etwa siebenjähriger Knabe jene Schreckenstage miterlebte , andererseits , wenn auch nur mittelbar , die Worte des Prediger Besserschen Berichtes : » Er erblickte endlich , nach langem sehnlichen Umhersehen , seinen geliebtesten Jonathan am Fenster des Schlosses . « Hieraus ergibt sich mit einiger Gewißheit , daß er an einem der letzten Fenster gestanden haben muß . Es war aber das allerletzte . Das Zimmer selbst wurde später in eine Kasernenstube , noch später , unter Hinzulegung eines Nachbarraumes , in den Offizierspeisesaal der Küstriner Garnison verwandelt . Jetzt ist es Kasinosaal . Eine Inschrift fehlt ihm noch . Dafür aber ist als historisches Erinnerungsstück ein aus der Neu-Dammschen Mühle stammender Lehnstuhl aufgestellt worden , derselbe , auf dem König Friedrich , achtundzwanzig Jahre später , die Nacht vor der Schlacht bei Zorndorf zubrachte . Wo fiel Kattes Haupt ? Diese Frage bietet viel größere Schwierigkeiten , denn es streiten sich sieben Plätze darum . Ich schicke auch hier ein Bild der Lokalität voraus . Es ist dasselbe wie das schon vorstehend gegebene , nur erweitert . Weißkopf . Etwas über mannshoher Unterbau eines ehemaligen Rundturmes . Auf demselben jetzt ein Pavillon . – Steinwürfel . Nicht mehr vorhanden . Befand sich unmittelbar rechts neben einer von der Stadt , beziehungsweise von der » Mühlenpforte « her auf den Wall hinaufführenden Treppe . – Mühlenpforte . Läuft jetzt noch unter dem Wallgang hin und von der Stadt auf den Fluß zu . Ein gewölbtes Tor . Ein Tunnel . Hat Bedeutung für die Ortsbestimmung . – Kanzlei . Hart am Wall gelegenes Haus , aber noch innerhalb der Stadt . Seine oberen Stockwerke ermöglichten » von denen Fenstern « aus , von denen der Bessersche Bericht spricht , einen bequemen Blick auf den Wall . Jetzt stehen da , wo 1730 die » Kanzlei « stand , das » Blockhaus « ( Gefängnis ) und das Salzmagazin . – F. Fenster , wo der Kronprinz stand . – v. K. † Stelle , wo ( nach Hoffbauer ) Kattes Haupt fiel . Nach dieser Lokalbeschreibung lasse ich nunmehr die sieben rivalisierenden Plätze , beziehungsweise Hypothesen folgen : 1. Die Hinrichtung fand statt an der Stelle , wo jetzt der » Weißkopf « steht . 2. Die Hinrichtung fand auf dem » Weißkopf « statt , und zwar auf dem zum Schafott hergerichteten Turmunterbau , der damals ( 1730 ) noch keinen Pavillon trug . 3. Die Hinrichtung fand statt auf dem schmalen Raume , der zwischen dem » Weißkopf « und dem » historischen Fenster « liegt . 4. Die Hinrichtung fand statt auf einem » innerhalb des Festungs- oder Schloßhofes errichteten schwarzen Schafott « . So schreiben Pöllnitz und die Markgräfin . 5. Die Hinrichtung fand statt auf dem Hof von Bastion Brandenburg . 6. Die Hinrichtung fand statt ( von der Stadt aus gerechnet ) rechts neben der Treppe , die von der Mühlenpforte aus auf den Wallgang hinaufführt . Also da , wo früher der Steinwürfel stand . 7. Die Hinrichtung fand statt links neben der ebengenannten Treppe , unmittelbar – wieder von der Stadt aus gerechnet – hinter der » Kanzlei « , an der mit v. K. † bezeichneten Stelle . Die vier ersten Ansprüche sind leicht zu beseitigen . Ad 1. Von einer bloßen Weißkopf-Stelle zu sprechen , ist untunlich . Der Weißkopf stand dort schon 150 Jahre , als die Hinrichtung stattfand . Ad . 2. Von einem Schafott auf dem Weißkopf kann ebenso wenig die Rede sein , denn von Schack erzählt : » er kniete auf Sandhaufen nieder . « Also nichts von Schafott . Ad 3. Der Raum zwischen » Weißkopf « und » historischem Fenster « hat nur ungefähr sechs Schritt im Durchmesser und bot keinen Raum zur Aufstellung von zweihundert Menschen . Auch hätte der Prinz den Hergang nicht vor dem Auge gehabt , sondern auf diesen Hergang von oben her hinuntersehen müssen , wie in einen Topf hinein . Ad 4. » Schloßhof « und » mit schwarzem Tuch ausgeschlagenes Schafott « ist ganz unstichhaltig und konnte nur von Personen aufgestellt werden , die , wie Pöllnitz und die Markgräfin , die Lokalität nie gesehen hatten . Ad 5. und 6. räumt Prediger Hoffbauer ein , daß beide Hypothesen etwas für sich haben , ist aber nichts destoweniger der Ansicht , daß nur seiner Ad 7. angegebenen Stelle ( v. K. † ) alle gleichzeitigen Angaben , will sagen die Angaben Major von Schacks , Prediger Bessers , General von Münchows und Konrektor Georg Thiemes , unterstützend zur Seite stehen . Und zwar ist diese unter 7. näherbezeichnete Stelle : Erstens von dem » historischen Fenster « aus sichtbar ; bietet Zweitens Raum genug zur Kreisaufstellung von 200 Mann ; liegt Drittens ungefähr 30 bis 50 Schritt , wie von Münchow schreibt , hinter dem » historischen Fenster « ; und liegt Viertens , wie die handschriftlichen Aufsätze George Thiemes angeben , unmittelbar » hinter der Kanzlei « . Niemand , der sich mit dieser Frage längere Zeit beschäftigt und gleichzeitig , was ganz unerläßlich , in Küstrin selbst Kenntnis von der Lokalität genommen hat , wird der Hoffbauerschen Beweisführung Gründlichkeit und Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Punkte absprechen können . Dennoch bin ich persönlich geneigt , mich mehr für Annahme 5 , will sagen , für » Bastion Brandenburg « zu erklären . Allerdings beträgt die Entfernung bis dahin nicht 30 oder 50 , sondern 80 Schritt , aber auch » Bastion Brandenburg « liegt noch » hinter der Kanzlei « , und jedenfalls war nur hier Raum und Gelegenheit zu bequemer Aufstellung von 200 Mann gegeben . Dies ist nicht unwichtig , denn der von Hoffbauer bevorzugte Platz 7 ist noch immer sehr eng und zu solcher Aufstellung nur gerade notdürftig ausreichend . Unter allen Umständen bleibt die Wahl nur