rührte ihn Vittoria ' s banger Blick , doch übten auch in dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und der Zauber ihres Wesens die alte , durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt über ihn aus . Er war froh , als der Wagen endlich vorfuhr ; aber das Alleinsein mit seinem Vater erleichterte ihn nicht . Weil der Freiherr den Sohn immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemüht gewesen war , weil er an den Spielen des Kindes , an den Beschäftigungen des Knaben , an den täglichen Erlebnissen des Jünglings keinen thätigen Antheil genommen und den Sohn bisher geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten hatte , fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und Berührungspunkten , durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind wie die Scheidemünze für den täglichen Verkehr . Dazu war Alles seit gestern so völlig anders gekommen , als er es erwartet hatte , die Menschen , die Verhältnisse verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich , daß er Scheu vor seinem eigenen Worte trug , weil er meinte , auch das Wort könne sich verwandeln auf seiner Lippe , und was er heute spreche , könne nicht zum Heile führen . So waren sie schweigend nach Rothenfeld gelangt . Der Freiherr stieg aus und besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen , in welchen die betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte . Er wendete sich dabei mit mannigfachen Erklärungen an seinen Sohn , gab ihm ungefragt Auskunft über die Verhältnisse des Dorfes , und Renatus begann sich an dem Gedanken , daß sein Vater ihn auf die einstige Uebernahme der Güter vorzubereiten strebe , zu erfreuen . Es zeugte ihm sogar für die feine Empfindung des Freiherrn , daß er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser Vorbereitung wähle , als wolle er zu erkennen geben , wie zuversichtlich er auf seines Sohnes glückliche Heimkehr baue , und Renatus war bemüht , den Freiherrn über seine antheilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen , als dieser in das Haus seines Justitiarius ging , um sich zu erkundigen , ob er seine Befehle ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht erhalten habe . Der Justitiarius sagte , die nöthigen Schritte seien von ihm gethan , und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile , so würde man Alles in Richtigkeit bringen können , da die Verfügung in jeder Stunde ankommen könne . Renatus fragte , wovon die Rede sei . - Von Deiner Mündigkeits-Erklärung ! gab sein Vater ihm zur Antwort . Der Sohn , der dies mit der Art und Weise in Verbindung brachte , in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der Geschäftsverwaltung auf den Gütern sprach , glaubte daran zu erkennen , wie sein Vater sich altern fühle , und das machte ihn traurig . Aber da jeder Mensch bei den Ereignissen , die ihm begegnen , mit Naturnothwendigkeit zuerst an sich und an die Wirkung denken muß , welche sie auf ihn und seine Zustände üben werden , so freute sich Renatus der Absicht seines Vaters , weil er sich sagte , dem Sohne , den er mündig sprechen lasse , könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl seiner Lebensgefährtin um so weniger versagen , als Renatus mit seiner Volljährigkeit den unbeschränkten Besitz seines allerdings nicht eben großen mütterlichen Erbes antrat . Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen , wie er meinte , die Verpflichtung auf , dem Vater seine Verlobung mit Hildegard anzuzeigen , noch ehe derselbe ihn aus der väterlichen Gewalt entlassen habe , und er schickte sich , sobald sie wieder im Wagen neben einander saßen , zu seinen Mittheilungen an , als der Freiherr , ihm zuvorkommend , das Wort nahm . Er sagte , daß die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei , weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige , und er wünsche , daß für den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde , unabhängig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse in die Hand nehmen zu können . Er sprach das mit der Kraft und Ruhe , welche ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten , Renatus gab sich also wieder der Hoffnung hin , daß er sich getäuscht habe , als er seinen Vater so verändert geglaubt . Er versicherte den Freiherrn , wie zuversichtlich er darauf rechne , ihn noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen . Der Freiherr drückte ihm die Hand . Deine Gesinnung kenne ich , sprach er ; sie ist gut , und ich habe eben im Hinblicke auf sie meine Maßregeln genommen . Es glitt ein Schatten über des Freiherrn Züge , er schien der Ueberwindung nöthig zu haben , um in seiner Rede fortzufahren . Deine Gesinnung ist gut , wiederholte er , und ich weiß , daß es Dir eine Genugthuung sein wird , mir eine Erleichterung in den mannigfachen Verlegenheiten zu bereiten , mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kämpfen habe . Er hielt abermals inne , Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem Antlitze . Du wünschest mir , sprach der Freiherr , daß ich mich noch lange meines Besitzes , meines Daseins erfreuen möge , und Du kannst es selber kaum ermessen , denn Du hast es nicht empfunden , wie erfreulich das Dasein dem Manne ist , wenn er der Herr ist innerhalb seines Besitzes . Indeß die Zeiten , in welchen das der Fall war , sind vorüber . Man hat unsere alten Rechte angetastet , uns neue Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen , ihnen zu entsprechen , indem man unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmälert hat . Ich bin nicht mehr Herr auf meinen Gütern , seit man die Leute , die mir gehörten , freigegeben hat , seit die Willkür des Königs ihnen Ansprüche an mein Eigenthum zuerkannt hat , seit ich es nicht mehr bin , der mein Verhältniß zu ihnen nach meiner Einsicht und nach meinem Ermessen ordnet . Es ist nicht erfreulich , mit denjenigen rechten zu sollen , die nicht unseres Gleichen sind , und noch weniger erfreulich , am Fuße seines alten Stammes ein Geschlecht heranwachsen zu sehen , das wie die Schwämme wuchert und sich breit macht . Seine Stirn hatte sich gerunzelt , seine buschigen Augenbrauen hingen ihm tief herab . Er versenkte sich eine Weile in seine eigenen Gedanken , der Sohn wagte es nicht , ihn darin zu stören . Wir sind nicht mehr die Herren ! hob er nach einer Weile abermals an . Nicht die Herren in unserem Lande , nicht Herren auf unseren Gütern mehr . Der gewaltige Napoleon hat seinen Fuß auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem Gebieter gemacht , und der Geist des Umsturzes , dessen Verkörperung er ist , ist auch in unsere neue Gesetzgebung eingedrungen und hat sie verdorben bis in ihre Tiefe . Wir sind rechtlos geworden . Das Wort : » Stehe auf , damit ich mich setze ! « ist der Grundsatz , der jetzt die Welt beherrscht . Jeder für sich und Niemand für den Andern ! Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster , sich Luft zu verschaffen , denn von diesen Angelegenheiten konnte er nicht sprechen , ohne daß es ihm das Blut zu Kopfe trieb . Renatus , der ihn eben deshalb von dem Gegenstande abzuleiten wünschte , erlaubte sich die Bemerkung , daß die Zeit vielleicht eine Ausgleichung der augenblicklichen Uebelstände mit sich bringen werde , und wie er diese Zuversicht von verschiedenen Seiten habe äußern hören . Ausgleichungen bringen ? fuhr der Freiherr lebhaft auf - wie soll das zugehen , wo von beiden Seiten die Kräfte so überspannt werden müssen , daß sie sich erschöpfen ! Er war ja so glücklich gewählt , der Augenblick für die neue Gesetzgebung , setzte er spottend hinzu , so glücklich gewählt am Ende eines schweren Krieges , in Tagen , in denen die ganze Welt in Flammen stand ! Frage die sogenannten freien Leute , ob sie jetzt besser daran sind , als zu jenen Zeiten , da sie mir gehörten ! Frage sie , ob sie nicht heute , wo die schwere Last der Einquartierung wieder auf uns niederzufallen droht , lieber meine Leibeigenen und Hörigen sein wollten ; ob sie besser daran sind , wenn man ihnen jetzt das Brod aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle nimmt ! Und was uns anbetrifft - unser Besitz hat schwer gelitten , unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen ! Er warf einen schnellen , prüfenden Blick auf seinen Sohn , aber obschon die Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu verkennen war , schien der Freiherr durch die Haltung desselben sich beruhigter zu fühlen . Dennoch gewann er es nur mit großer Mühe über sich , dem Sohne von seinen Angelegenheiten weiter Auskunft zu ertheilen . Er sagte wie der Krieg und die ihm folgenden , fast unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genöthigt hätten , die Güter , eines nach dem andern , mit Hypotheken zu belasten , wie die allgemeine Geldnoth den Werth des Geldes von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuß so erhöht habe , daß es immer schwerer geworden sei , den Gläubigern gerecht zu werden ; wie er sich oftmals und gerade dann in peinlichen Geldverlegenheiten befunden habe , wenn es darauf angekommen sei , die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine zur Schau getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen Credit zu schwächen . Er erzählte das mit jener Klarheit , welche aus einer genauen Uebersicht der Verhältnisse entspringt , aber er hatte nicht mehr die leicht abfertigende Weise , die ihm sonst allen Geschäften gegenüber eigenthümlich gewesen war . Nur die Unlust des großen Herrn , der sich widerwillig dazu bequemt , den obwaltenden Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen , war noch die alte in ihm , und Renatus fühlte ihm diese in ihrem ganzen Umfange nach . Wenn Sie es wüßten , mein Vater , rief er , was ich dabei empfinde , Sie unter dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen ! Ich weiß es , ich weiß es ! fiel ihm der Freiherr mit scheuer Hastigkeit in die Rede , und eben deßhalb habe ich beschlossen , Dich mündig sprechen zu lassen , denn Du erhältst dadurch die Möglichkeit , mir in einer vorübergehenden Verlegenheit zu helfen ! Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort zu erwarten ; aber Renatus war so betroffen , es stürmten so verschiedene Gedanken und Empfindungen auf einmal auf ihn ein , daß er nicht im Stande war , gleich den Ausdruck für sie zu finden . Seines Vaters Lage mußte sehr übel sein , wenn er sich herbei ließ , Beistand von seinem Sohne zu verlangen , selbst auf Kosten der Herrschaft und Gewalt über denselben , auf die er stets so eifersüchtig gewesen war . Renatus wagte es nicht , das Auge zu erheben , er mochte nicht sehen , wie sein Vater in dem Momente aussah . Des Freiherrn leise bebende Stimme durchschnitt des Sohnes Herz , und ohne sich zu fragen , was er damit für die eigene Zukunft aus den Händen gebe und auf sich nehme , sagte er : Wenn mein mütterliches Erbe Sie aus einer Verlegenheit befreien kann , so werde ich glücklich sein , mein Vater , wenn Sie darüber ganz verfügen wollen ! « Der Freiherr holte tief Athem , aber er erwiederte nichts . Sie hatten Beide die Farbe gewechselt , denn ohne daß sie es aussprachen , fühlten sie es , daß ihr Verhältniß zu einander von diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei . Renatus hatte , gerührt von seines greisen Vaters Anblick und Verlegenheit , nach seinem inneren Bedürfen , nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefühle gehandelt ; aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht , als er sich sagte , daß er selber Verpflichtungen eingegangen sei , denen zu genügen ihm jetzt vielleicht nicht möglich sein werde , wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine Art verlustig gehen sollte . Er fühlte , daß er der Geschäftskenntniß , der Sparsamkeit und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute , und er schämte sich doch wieder solchen Gedankens . Er hätte es seinem Vater abbitten , sich ihm in die Arme werfen mögen , indeß ihm fehlte das Herz dazu , denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes mißverstehen . Er hätte dem Vater von Hildegard sprechen mögen , um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und dem Vater die Genugthuung zu bereiten , daß er seinem Sohne gegenüber immer noch der Herr und der Gewährende sei . Wie aber , wenn der Freiherr in der Verfassung , in welcher er sich eben jetzt befand , des Sohnes Absichten und Wünschen sich nicht geneigt erwies , oder wenn er glauben könnte , der Sohn rechne darauf , daß der Vater ihm , der eben jetzt ein großes Opfer gebracht habe , in allen Fällen zu Willen sein müsse ? Er konnte zu keinem Entschlusse kommen . Das Mein und Dein war zwischen ihn und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei , eben jetzt , da sein Vater ihm anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte . Es war jedoch , als errathe der Freiherr , was in seinem Sohne vorging , denn er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt : Es freut mich , daß ich mich in Dir nicht irrte . Art läßt nicht von Art , und es soll meine Sorge sein , daß Dir Nichts entzogen wird . Ich werde Dein mütterliches Vermögen auf Richten eintragen lassen , das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich nicht entäußern werden . Die Zinsen sollen Dir regelmäßig zugehen , und das Jahrgeld , welches ich Dir bis jetzt gegeben habe , Dir nicht vorenthalten werden . Mit unserem Namen , mit Deinen persönlichen Vorzügen hast Du unter den ersten Familien des Landes zu wählen , und es wird Deine Sache sein , wenn Du , was der Himmel fügen wolle , uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst , eine Frau in unser Haus zu führen , deren Vermögen Dir einst die Mittel an die Hand giebt , den Schaden herzustellen , welchen die Noth und Ungunst der letzten Jahre unserem Besitze gebracht haben . Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glück beschieden werden , wie es mir in dem schönen , fröhlichen Herzen Vittoria ' s zu Theil geworden ist ! Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzüge seiner Gattin , erwähnte , daß er sein Testament zu machen beabsichtige , sobald Renatus mündig gesprochen sei , weil er über Vittoria ' s und ihres Sohnes Zukunft sich beruhigt fühlen dürfe , wenn er sie in die Hände von Renatus lege , und er war allmählich von diesen ernsthaften Erörterungen wieder zu den Ansprüchen zurückgekehrt , welche die Erfordernisse der nächsten Tage an ihn und seine Mittel machten , ohne daß sein Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund gegeben hatte , daß er den Mittheilungen seines Vaters achtsam folge . Renatus befand sich in jenem Zustande , in welchem wir gleichsam ein doppeltes Denken haben . Er hörte alles , was der Freiherr zu ihm sprach , er nahm es mit dem Sinne auf , mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entweder selbst ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte . Er war unter dem Einflusse , den die angeborene und anerzogene Ehrfurcht vor seinem Vater auf ihn übte , und doch hatte er die Ueberzeugung , sein Vater täusche ihn und sich mit bewußter Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses , er sei weit weniger ruhig , weit weniger unbesorgt über dieselben , als er sich zeige ; und doch wußte er , die Liebe , welche der Freiherr für Vittoria hegte , betrüge denselben , und seine Zuversicht sei verrathen . Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater auf einmal . Jeder seiner Gedanken , jede seiner Empfindungen wurde von einem widersprechenden Gedanken , von einer widersprechenden Empfindung gekreuzt . Er fühlte sich eben so beängstigt als unglücklich . Er ahnte , obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig war , daß auch Richten bereits mit schweren Schulden beladen sein müsse , und daß sein Vater nur darum sich zu seiner Mündigsprechung entschlossen haben werde , weil er es unmöglich gefunden habe , in den gegenwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypothekenstelle zu erhalten . Daß er sein Vermögen hergeben müsse , darüber war er keine Minute in Zweifel gewesen . Er war das seinem Vater schuldig und es mußte fraglos auch geschehen , wenn er es nicht zu einem Aeußersten kommen lassen , wenn er sich und seinem Geschlechte den angestammten Grundbesitz erhalten wollte . Aber wer bürgte ihm dafür , daß damit wirklich den Nothständen abgeholfen war , und was sollte aus ihm selber werden , wenn seines Vaters Verhältnisse sich immer mehr verschlechterten , wenn man gezwungen wurde , wie das in den letzten Jahren manchem Edelmanne begegnet war , die Güter zu verkaufen , und wenn der Kaufpreis nicht hoch genug sein sollte , sein auf Richten einzutragendes Vermögen zu decken ? Er selber - nun , er selber , so meinte er mit der Zuversicht des Reichgeborenen , der es nie bedacht hat , wie vieles Ueberflüssige ihm durch Gewohnheit zum Bedürfnisse geworden ist , und der es nie erfahren , wie schwer es für den Ungeübten ist , sich auch nur des Lebens Nothdurft zu erwerben - er werde mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden können ; aber was sollte er beginnen , nun er sich gebunden hatte ? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen , wenn sein Vermögen ihm verloren ging ? - Alle jene Bedenken , welche er eben an dem Tage vor seiner Verlobung gegen dieselbe gehegt hatte , stiegen jetzt in erhöhtem Maße vor ihm auf , und das Herzeleid Vittoria ' s , die Täuschung , in welcher sein Vater von ihr gehalten ward , das ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln Hintergrunde , auf welchem er sich und seinen Zustand wie in einem Spiegelbilde betrachten konnte . Aber er sah sich in demselben nicht mehr als den sorglosen und glücklichen Jüngling , als welchen er sich bisher betrachtet hatte . Seine Jugend lag mit Einem Male weit hinter ihm , sein Glück zerrann wie Nebel vor seinem Auge . Er war ein Mann geworden , von welchem um der Selbsterhaltung , um der Ehre seines Hauses willen ein schweres Opfer gefordert ward . Er trat plötzlich in die vordere Reihe seines Geschlechtes , er übernahm dessen Sorgen , Lasten und Pflichten , da die Schultern seines Vaters müde geworden waren ; und nicht sein persönliches Wünschen , die Ehre seines Hauses mußte jetzt sein erstes und sein höchstes Ziel sein . Er trug ein großes Verlangen , den Caplan allein zu sehen , sein Herz im Gespräche mit dem treuen Freunde zu befreien , aber er konnte an dem Tage nicht dazu kommen . Der Freiherr hielt ihn beständig in seiner Nähe . Er sah auch Vittoria nicht anders , als in Gegenwart der Andern , und wie überall , wo es tiefe Mißstände in einer Familie gibt , war man es seit lange gewohnt , sich in der Unterhaltung an der Außenseite der Dinge zu halten . Es war von dem Vorhaben des Freiherrn in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede , indeß man gedachte desselben nur als einer ehrenvollen Anerkennung , die der Freiherr dem Sohne zu gewähren für gut befand , und dieser ward dadurch genöthigt , des bevorstehenden Ereignisses ebenfalls nur mit Heiterkeit zu erwähnen . Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so fröhlich , daß die Schatten von des Freiherrn Stirn davor verschwanden , wie draußen die Wolken vor des Frühlings ersten , mächtigen Sonnenstrahlen . Renatus wußte nicht , ob er sie bewundern und beklagen , ob er sie verachten und hassen solle . Sie erschien ihm wie ein unheimliches Räthsel ; eben deßhalb nahm sie jedoch seine Phantasie gefangen , und während ihre eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn übte , betrachtete er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung , wenn er sich sagte , daß der Freiherr ihn zum Schützer dieser Frau ersehen , und daß er einzustehen habe für des Knaben Zukunft , der ihr in seiner Schönheit und in seiner fremdartigen Anmuth so völlig ähnlich war , daß eben diese Aehnlichkeit des älteren Bruders Herz bestrickte . Er mußte es sich immer wiederholen , daß er im Vaterhause sei , so verändert fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht über die Seinigen und seine Stellung zu ihnen verwandelt . Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner Zukunft gelangen . Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeußersten zum andern , bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides , die wohlthätige Ermüdung , ihn in ihre Arme nahm und der Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste und das Unvereinbarste zusammenführte . Drittes Capitel Früh , ehe der Freiherr noch aufgestanden war , ritt Renatus nach Rothenfeld hinüber , um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rath zu holen . Er fand ihn mit seinem Gehülfen , der inzwischen auch nicht jünger geworden war , bei der Morgensuppe sitzen , denn der Caplan war der Ersten einer gewesen , welcher bei der Theuerung der Colonialwaaren sich bereit erwiesen hatte , auf ihren Gebrauch zu verzichten , obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe gewöhnt gewesen und bei seiner großen Mäßigkeit eigentlich auf denselben als auf ein ihm nothwendiges Reizmittel angewiesen war . Wie Renatus ihn in dem hellen Sonnenlichte vor sich sah , bemerkte er , daß seine Schläfen tief eingesunken waren . Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein , und man hatte in der Pfarrwohnung , obschon der älteste Diener und treueste Freund der Arten ' schen Familie sie bewohnte , die Verwüstungen , welche die Einquartierten während der ersten Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten , kaum auf das Nothdürftigste hergestellt . Die Fensterläden waren erneut , aber immer noch nicht angestrichen , die Wände noch eben so verräuchert , als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen , der Kachelofen hatte zwar die nöthigen Ersatzsteine erhalten , aber sie paßten nicht zu demselben . Es war Alles in Verfall gerathen ; nur die Blumentöpfe des Greises blühten wohlgepflegt am Fenster , und sein Antlitz sah noch eben so edel und so zufrieden aus , als in den Tagen , in welchen die vorsorgliche Freundschaft der Baronin Angelika in Schloß Richten allen seinen Bedürfnissen schon im voraus begegnet war . Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand , erzählte er ihm , was vor seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war . Er verhehlte ihm nichts , weder die Stimmung , in welcher er sich befunden , als er sich seiner Neigung für seine Jugendgespielin bewußt geworden war , noch die Zweifel , die ihn nachdem befallen hatten ; auch nicht die Umstände , unter denen er sich Hildegard angelobt , ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung erhalten hatte . Er berichtete darauf , was am gestrigen Tage zwischen ihm und seinem Vater verhandelt worden war , und sagte dann : Nie in meinem Leben habe ich mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden . Es drückt mich , mit einem solchen Geheimnisse vor meinem Vater zu stehen und von ihm Rathschläge und Wünsche für meine Zukunft aussprechen zu hören , die keine Bedeutung mehr für mich haben . Es drückt mich eben so , daß ich nicht den Muth besitze , meiner Liebe und meiner Braut gerecht zu werden , indem ich meinem Vater sage , daß ich bereits gewählt und mich gebunden habe . Aber kann ich meinem Vater , den ich sehr gealtert finde und sehr gebeugt sehe , unter den obwaltenden Umständen ein Zugeständniß abfordern , das er mir , wie ich jetzt weiß , nur widerstrebend geben würde ? Meine Ergebenheit für meinen Vater , mein Ehrgefühl , ja , selbst meine Liebe für Hildegard sträuben sich dagegen . Sie ist kein Mädchen , das einer Familie aufgedrungen werden darf , und doch liegt mir Alles daran , sie auch von meinem Vater als meine künftige Gattin anerkannt zu wissen . Ich ziehe in das Feld , und da ich jetzt in den Besitz meines mütterlichen Vermögens treten soll , möchte ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe verfügen , denn Hildegard wird keinem anderen Manne angehören , wenn ich sterbe . Darauf kenne ich ihr Herz . Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage , mit keiner Bemerkung unterbrochen , da Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehörte , denen man zu Hülfe kommen muß , damit sie sich überwinden und erschließen . Er war vielmehr , wo er vertraute , zu überströmender Mittheilung geneigt , wurde sich in derselben gegenständlich , rührte und tröstete sich nach eigenem Bedürfen , sobald er nur erst dahin gekommen war , sich auszusprechen , und der Caplan hatte also keine große Mühe , den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen , wennschon er es nicht für angemessen fand , ihn über denselben sofort aufzuklären . Er hatte niemals den Grundsatz , daß der Zweck die Mittel heilige , zu dem seinigen gemacht , aber er war , wie so Mancher , unter dessen Augen sich viele Lebensschicksale abgewickelt haben , zu der Ansicht gelangt , daß in dem Dasein der Menschen , wie in der Natur überhaupt , das Geringere dem Stärkeren dienen müsse . Da er ohne persönliche Wünsche und also ohne persönliche Hoffnungen war , hatte er , weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann , ohne in seiner Thätigkeit zu erlahmen , das Wohlergehen und Gedeihen des Arten ' schen Geschlechtes und der von demselben gegründeten katholischen Gemeinde zu seiner Herzenssache gemacht , und beharrlich wie die Kirche , der er angehörte , suchte er in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzuführen , was der Vater begonnen hatte und was durch die Noth des Tages beeinträchtigt und gefährdet ward . Jedes Wort , das Renatus zu ihm gesprochen , hatte den scharfblickenden Geistlichen davon überzeugt , daß der junge Freiherr , stolz auf den Rang , den sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte , augenblicklich mehr mit der Sorge um dessen würdiges Fortbestehen , als mit seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt , und daß von einer eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte Braut , für Hildegard , bei Renatus nicht die Rede war . Aber der Caplan hütete sich , ihm dieses bemerklich zu machen . Er wollte ein mild erwärmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des Widerspruches zu einer Flamme anfachen , die man nicht leicht wieder dämpfen und erdrücken konnte , wenn man dies zu thun etwa nöthig finden sollte . Der Caplan war es im Gegentheile nach den schweren Erfahrungen , welche das von Leidenschaften stürmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen lassen , sehr wohl zufrieden , daß Renatus sein unschuldiges Herz einem edeln jungen Mädchen zugewendet hatte , dessen Bild ihn begleiten , und ihn vor den Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte . Aber daß Renatus sich mit einem armen Mädchen verheirathete , lag eben so außerhalb seiner als außerhalb des Freiherrn Ansichten . Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitteln , welche der Freiherr seiner Zeit für den Pfarrer seiner katholischen Kirche bestimmt , den Sakristan und die vier Chorschüler unterhalten ; denn es war , da der Freiherr sich nach dem Tode der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte , nicht zu der Feststellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke gekommen , und auch die Hoffnung , daß man in den Chorschülern sich brauchbare Handwerker und eine katholische Gemeinde erziehen werde , hatte sich nicht verwirklicht . Weil man für die Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man , wenn einmal ein solcher vorhanden war , bei ihm auf die Weigerung stieß , einen Katholiken in sein Haus aufzunehmen , war man stets genöthigt , die Chorschüler , sobald sie herangewachsen waren , in die Lehre nach der Stadt zu schicken , und die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter Meisterschaft mehr ihrem Vortheile angemessen , ihr Gewerbe in den großen Städten , als auf den Gütern des Freiherrn zu betreiben , auf denen obenein die Abneigung und das Mißtrauen der protestantischen Bevölkerung ihnen hindernd entgegentraten . Man mußte also immer auf ' s Neue katholische Knaben heranzuziehen suchen , und wenn es an und für sich auch ein gutes Werk war , diesen eine wohlgeleitete Erziehung zu geben , so ward das Unternehmen , weil es in sich nicht fortwirkte , sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies , doch kostspieliger , als man erwartet hatte , und der Freiherr hatte schon bei seiner Rückkehr aus Italien alle Theilnahme dafür verloren . Er hatte es kein Hehl , daß er den Kirchenbau bereute , er kam auch selten in die Kirche , obschon Vittoria oft zur Messe fuhr , und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Sänger zu sprechen kam , fragte er nicht , wie sie