Keimen auf diesem brausenden , tosenden Plan , über dem die vielen Fahnen rauschten . Das Land war mitten in dem Kampfe und in der Mauser begriffen , welche mit dem Umwandlungsprozesse eines jahrhundertealten Staatenbundes in einen Bundesstaat abschloß und ein durchaus denkwürdiger , in sich selbst bedingter organischer Prozeß war , der in seiner Mannigfaltigkeit , Vielseitigkeit , in seinen wohlproportionierten Verhältnissen und in seinem erschöpfenden Wesen die äußere Kleinheit des Landes vergessen ließ und sich schlechtweg lehrreich und erbaulich darstellte , da an sich nichts klein und nichts groß ist und ein zellenreicher summender und wohlbewaffneter Bienenkorb bedeutsamer anzusehen ist als ein mächtiger Sandhaufen . Das erste Jahrzehent , welches Anno dreißig die Fortbildung zur freien Selbstbestimmung oder zu einem jederzeit berechtigten Dasein , oder wie man solche Dinge benennen mag , wieder aufgenommen hatte , war unzureichend und flach verlaufen , weil die humanistischen Kräfte aus der Schule des vorigen Jahrhunderts , die den Anfang noch bewirkt , endlich verklungen waren , ehe ein ausreichendes Neues reif geworden , das für die ausdauernde Einzelarbeit zweckmäßig und rechtlich , in seinen Trägern frisch und anständig sich darstellte . In die Lücke , welche die Stockung hervorbrachte , trat sofort die vermeintliche Reaktion , welche ihrer Art gemäß sich für höchst selbständig und ursprünglich hielt , in der Tat aber nur dazu diente , dem Fortschritt einen Schwung zu geben , und es ihm möglich machte , nach mehrjährigen Kämpfen endlich die sichere und bewußte Mehrheit zu finden für die neue Bundesverfassung . Es begann jene Reihe von blutigen oder trockenen Umwälzungen , Wahlbewegungen und Verfassungsrevisionen , die man Putsche nannte und alles Schachzüge waren auf dem wunderlichen Schachbrett der Schweiz , wo jedes Feld eine kleinere oder größere Volkes- und Staatssouveränetät war , die eine mit repräsentativer Einrichtung , die andere demokratisch , diese mit , jene ohne Veto , diese von städtischem Charakter , jene von ländlichem , und wieder eine andere wie eine Theokratie aussehend , und die Schweizer bezeigten bald eine große Übung in diesem Schachspielen und Putschen . Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich , wo man einen plötzlichen vorübergehenden Regenguß einen Putsch nennt und demgemäß die eifersüchtigen Nachbarstädte jede närrische Gemütsbewegung , Begeisterung , Zornigkeit , Laune oder Mode der Züricher einen Zürichputsch nennen . Da nun die Züricher die ersten waren , die geputscht , so blieb der Name für alle jene Bewegungen und bürgerte sich sogar in die weitere Sprache ein , wie Sonderbündelei , Freischärler und andere Ausdrücke , die alle aus dem politischen Laboratorium der Schweiz herrühren . Der Zürichputsch war aber eine religiöse Bewegung gewesen , da der müßige Fortschritt , eingedenk des Sprichwortes , daß Müßiggang aller Laster Anfang ist , etwas an der Religion machen wollte , wie die Bauern sich ausdrückten , und zwar auf dogmatischem Wege . Die Kirche läßt sich aber von unkirchlichen Leuten nicht schulmeistern und umgestalten , sondern nur ignorieren oder abschaffen , wenn die Mehrheit dafür da ist . Die Juristen waren sehr betrübt und entsetzt , zu sehen , daß die Religion dergestalt auf das Gemüt einwirken könne , daß selbst eine aufgeschriebene Verfassung damit zu brechen sei , und sie hielten über diesen Folgen ihrer müßigen Tat den Untergang der Welt nahe ; die folgenden Putsche aber gewannen durch diesen Anfang ihr Losungswort , den Glauben , und infolgedessen fanden sich denn richtig die Jesuiten ein als die vollendeten Lückenbüßer der Geschichte und wurden von den der weiteren zweckmäßigen Ausgestaltung des Landes widerstrebenden Dialektikern und Schachspielern als handliche Schachfiguren benutzt , während sie wähnten , um ihrer selbst willen und aus eigener Kraft dazusein . Sie reichten gerade aus , durch ihr Wesen und ihre Bestimmung einen kräftigen und höchst produktiven Haß und Groll zu erregen , welcher auf dem Fest zu Basel dermaßen gewaltig rauschte , daß davon die Rede war , in corpore aufzubrechen und in den Festkleidern , den Festwein im Blute , hinzuziehen , um den Jesuiten das Loch zu verstopfen und ihre verrückte Theokratie zu zerstören . Dies blieb zwar nur eine Rede , doch wurde der Keim gelegt zu jener seltsamen Erscheinung der Freischarenzüge , wo seßhafte wohlgestellte Leute , die sämtlich in der Armee eingereiht waren , sich in bürgerliche Kleidung steckten , sich zusammentaten , durch fingierte Handstreiche unter den Augen ihrer Regierungen Stück und Wagen aneigneten und gut bewaffnet auszogen , um in eine benachbarte Souveränität einzubrechen und die dortige gleichgesinnte Minderheit mit Gewalt zur Mehrheit zu machen . Diese vermummten Zivilkrieger wollten für sich nichts , weder Beute noch Kriegsruhm , noch Beförderung holen , sondern zogen einzig für den reinen Gedanken aus ; als sie daher allein an dem Flache der Ungesetzlichkeit und offenen Vertragsbrüchigkeit untergingen , trat der noch seltsamere Fall ein , daß sie sich nicht ihrer Tat zu schämen brauchten und doch eingestehen durften , es sei gut , daß sie nicht gelungen , indem ohne den tragischen Verlauf der Freischarenzüge der Sonderbund nicht jene energische Form gewonnen hätte , die den schließlichen Sieg der legalen und ruhigen Freisinnigen herausgefordert und ermöglicht hat . Dem wahrhaft freisinnigen Manne geziemt es , froh zu sein , wenn ihm das Ungehörige und Unüberlegte mißlungen , und er überläßt es den Despoten und wilden Bestien , einen blinden günstigen Zufall als Gnade Gottes und die Schärfe der Klauen als Recht auszukündigen . Indessen hinderte der Zorn die Schweizer in Basel nicht , im größten Maßstabe zu zechen , und Zorn und Freude schillerten so blitzend durcheinander wie der rote und weiße Wein , von welchem an dem bewegtesten Tage der Woche gegen neunzigtausend Flaschen getrunken wurden allein in der großen Hütte , während die leidenschaftlichen Tischreden von der Tribüne tönten . Als Heinrich , der drei Tage auf dem Platze blieb , diese Kraft und Fülle sah , schien ihm dies fast bedenklich ; denn nach dem stillen und innerlichen Leben , das er in der letzten Zeit geführt , dröhnte ihm das gewaltige Getöse betäubend in das Gemüt ; denn obgleich da durchaus kein wüstes oder kindisches Geschrei herrschte , sondern ein ausgedehntes Meer gehaltener Männerstimmen wogte , aus dem nur hie und da eine lautere Brandung oder ein fester feuriger Gesang aufstieg , so bildete doch diese handfeste Wirklichkeit und Rührigkeit einen grellen Gegensatz zu dem lautlosen entsagungsbereiten Liebesleiden Heinrichs von jüngst , aus dem nur etwa jener eintönige Starenruf heraustönte . Doch erinnerte er sich , daß dies eine alte Weise seiner Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Verfalles sei und daß die sogenannten alten frommen Schweizer , welche so andächtig niederknieten , ehe sie sich schlugen , mit ihren langen Bärten und schiefen Kerbhütchen zuweilen noch viel wilder tun , bankettieren und rumoren konnten als die jetzigen und daß also deswegen kein Verfall eingetreten und die Schweizer Schützen immer noch die seien , deren Vorfahren vor Jahrhunderten die Straßburger besucht , wenn diese schossen . Auch jetzt rollten ganze Bahnzüge voll Schweizer nach Straßburg hinunter ; aber es gab dort keine freien reichsstädtischen Straßburger mehr , sondern nur französische Elsässer und französisches Militär . Heinrich versöhnte sich also mit dem Zechgetöse , und zwar ließ er dem Gewalthaufen der Trinker sein Recht der Majorität , ohne das Recht seiner Person aufzugeben und sich diesmal ganz ruhig und nüchtern zu erhalten , da ihm die neueste Vergangenheit mit Dortchen und die nächste Zukunft mit seiner Mutter alle Lust fernhielten , sich irgendwie hervortun und jubilieren zu wollen . Dagegen kaufte er sich in der Stadt ein gutes Geschoß und mischte sich unter die Schießenden , nicht um irgend sein Glück zu versuchen , sondern um zu sehen , ob er für seinen Handgebrauch und für den Notfall etwa im Ernste mitzugehen imstande wäre . Er hatte früher , ehe er in die Fremde gegangen , nur wenig geschossen bei zufälligen Gelegenheiten und bei dem Leichtsinn , mit welcher seine Jugend die Sache in die Hand nahm , nichts Sonderliches ausgerichtet . Jetzt erfuhr er , wie der Ernst des Lebens und die Zeit fähig machen , auch die einfachsten Dinge besonnen in die Hand Zu nehmen , und während des Tages , an welchem er fleißig schoß , erlangte er die Gewißheit , bei fortgesetzter Übung sich die Eigenschaft zu erwerben , nicht bloß ein Maulheld zu sein oder ein Bratenschütze , sondern in der Stunde der Gefahr etwa für seine Person , und was ihm teuer war , einzustehen . So wurde sein Heimweg gehemmt und aufgehalten , wie nur eine ängstliche Traumreise aufgehalten werden kann , und es war ihm fast gleich zu Mute wie in jenen Träumen , in denen er heimreiste , und fühlte sich beklommen , so daß er sich losreißen mußte , um nur endlich weiterzukommen . Da alle Posten und Fuhrwerke überfallt waren , ließ er bloß seine Sachen mit der Post gehen und machte sich an einem kristallhellen Morgen zu Fuß auf den Weg , um endlich der Vaterstadt zuzueilen von einer anderen Seite , als er sie vor sieben Jahren verlassen . Überall lag das Land im himmelblauen Duft , aus welchem der Silberschein der Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte , und die Sonne spielte auf dem betauten Grün . Er sah die reichen Formen des Landes , in Ebenen und Gewässern ruhig und waagrecht , in den steilen Gebirgen gezackt und kühn , zu seinen Füßen fruchtreiche blühende Erde und in der Nähe des Himmels fabelhaftes Totenreich und wilde Wüste , alles dies abwechselnd und überall die Tal- und Wahlschaften bergend , die zu Füßen der fernen Gebirgsriesen wohnten oder fern hinter denselben . Er selbst schritt rüstig durch katholische und reformierte Gebietsteile , durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte , und wie er sich so das ganze große Sieb von Verfassungen , Konfessionen , Parteien , Souveränetäten und Bürgerschaften dachte , durch welches die endliche sichere und klare Rechtsmehrheit gesiebt werden mußte , die zugleich die Mehrheit der Kraft , des Gemütes und des Geistes war , der fortzuleben fähig ist , da wandelte ihn die feurige Lust an , sich als der einzelne Mann , als der widerspiegelnde Teil vom Ganzen zu diesem Kampfe zu gesellen und mitten in demselben die letzte Hand an sich zu legen und sich mit regen Kräften zurechtzuschmieden zum tüchtigen und lebendigen Einzelmann , der mit ratet und mit tatet und rüstig darauf aus ist , das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen , von der er selbst ein Teil ist und die ihm deswegen doch nicht teurer ist als die Minderheit , die er besiegt , weil diese von gleichem Fleisch und Blut ist hinwieder mit der Mehrheit . » Aber die Mehrheit « , rief er vor sich her , » ist die einzige wirkliche und notwendige Macht im Lande , so greifbar und fühlbar wie die körperliche Natur selbst , an die wir gefesselt sind . Sie ist der einzig untrügliche Halt , immer jung und immer gleich mächtig ; daher gilt es , unvermerkt sie vernünftig und klar zu machen , wo sie es nicht ist . Dies ist das höchste und schönste Ziel . Weil sie notwendig und unausweichlich ist , so kehren sich die übermütigen und verkehrten Köpfe aller Extreme gegen sie in unvermögender Wut , indessen sie stets abschließt und selbst den Unterlegenen sicher und beruhigt macht , während ihr ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt und so sein geistiges Leben erhält und nährt . Sie ist immer liebenswürdig und wünschbar , und selbst wenn sie irrt , hilft die gemeine Verantwortlichkeit den Schaden ertragen . Wenn sie den Irrtum erkennt , so ist das Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen und gleicht dem Schönsten und Anmutigsten , was es gibt . Sie läßt es sich nicht einfallen , sich stark zu schämen , ja die allgemein verbreitete Heiterkeit läßt den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen wünschen , da er ihre Erfahrung bereichert , diese Freude hervorgerufen hat und durch sein schwindendes Dunkel das Licht erst recht hell und fröhlich erscheinen läßt . Sie ist die reizende Aufgabe , an welcher sich ihr einzelner messen kann , und indem er dies tut , wird er erst zum ganzen Mann , und es tritt eine wundersame Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile . Mit großen Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen , der ihr etwas vorsagen will , und dieser , mutvoll ausharrend , kehrt sein bestes Wesen heraus , um zu siegen . Er denke aber nicht , ihr Meister zu sein ; denn vor ihm sind andere dagewesen , nach ihm werden andere kommen , und jeder wurde von der Menge geboren ; er ist ein Teil von ihr , welchen sie sich gegenüberstellt , um mit ihm , ihrem Kinde und Eigentum , ein erbauliches Selbstgespräch zu führen . Jede wahre Volksrede ist nur ein Monolog , den das Volk selber hält . Glücklich aber , wer in seinem Lande ein Spiegel seines Volkes sein kann , der nichts widerspiegelt als dies Volk , indessen dieses selbst nur ein kleiner heller Spiegel der weiten lebendigen Welt ist ! « Fünfzehntes Kapitel Jetzt war er auf dem Berge angekommen , der gegenüber der Stadt lag , und er sah plötzlich deren Linden hoch in den Himmel tauchen und die goldenen Kronen der Münstertürme in der Abendsonne glänzen . Weithin lag der See gebreitet mit seinen blauen Wassern , der grüne Fluß strömte ruhig aus demselben durch die Stadt hin , und Heinrich fand es in seiner Freude rührend und höchst zuverlässig , daß der Fluß während der sieben Jahre auch nicht einen Augenblick zu strömen aufgehört habe . Aber seine Augen hefteten sich sogleich wieder auf die goldene Abendstadt und entdeckten eine Menge neuer Häuser sowie eine viel erweiterte Ausdehnung am See und am Flusse hin . Nur das alte dunkle Gemäuer mit dem Kirchhof dicht zu seinen Füßen diesseits des Flusses war noch dasselbe , und das Totenglöcklein erklang traurig in demselben , während ein Sarg über die Brücke getragen wurde , welchem ein langer zahlreicher Trauerzug folgte , wie wenn ein Unbescholtener begraben wird , der lange an einem Orte gewohnt hat . Eine kleine Weile sah er dem langsam gehenden Zuge neugierig zu , bis derselbe an dem Berge emporzusteigen begann ; dann stieg er aber den steilen Staffelberg hinab , von dem ihm geträumt , daß er eine Kristalltreppe wäre , und machte sich dem Kirchhof zu , der nun von den Leuten angefüllt war ; denn er wollte , indem er im Vorbeigehen dem Begräbnis beiwohnte , gleich zum Gruße an die Vaterstadt eine gesellschaftliche Pflicht erfüllen und gedachte auch Dortchens , welche die Toten so sehr bedauerte , die vergehen und für immer aus der Welt scheiden müssen . Er trat mit den Leuten , die ihn nicht kannten , in das kleine Kirchlein und hörte deutlich den Geistlichen , der das Gebet zu sprechen hatte , den Namen seiner Mutter verkünden mit ihrem Geburts- und Todestage und die Zahl ihrer Jahre mit ihrem Herkommen und ihrem Stande . Ohne weiter zu hören , ging er hinaus und suchte das Grab , an welchem der Sarg stand auf der Bahre . Eben nahm der altbekannte Totengräber die obere schwarze Tuchdecke von demselben und legte sie bedächtig zusammen , dann die untere von weißer Leinwand , welche der Sitte gemäß eine Handbreit unter der schwarzen Decke hervorsehen muß , und endlich stand das bloße rosige Tannenholz da . Heinrich konnte nicht durch die Bretter hindurchsehen , er sah nur , wie jetzt der Sarg in die Erde gesenkt und mit derselben zugedeckt wurde , und er rührte sich nicht . Die Leute verliefen sich , unter denen Heinrich eine Menge sah und kannte , ohne sie doch zu sehen und zu kennen ; der Kirchhof leerte sich , und ein Mann nahm ihn bei der Hand und führte ihn auch fort . Es war der brave Nachbar , welcher auf seiner Hochzeitsreise ihn erst aufgesucht und ihm Nachricht von der Mutter gebracht hatte . Heinrich ging mit ihm über die Brücke und in die Stadt hinauf . Er betrachtete wohl alle Dinge auf dem Wege und warf hierhin einen Blick und dorthin einen und antwortete auch dem Nachbar ordentlich auf seine Fragen , die derselbe an ihn richtete , in der Meinung , ihn munter zu erhalten . Als sie in die Gasse gelangten , wo das alte Haus stand , wollte Heinrich , ohne etwas anderes zu denken , hineintreten ; aber fremde Leute sahen aus demselben , und der Nachbar führte ihn hinweg und in sein eigenes Haus , so daß also Heinrich nicht wieder in die Tür treten konnte , durch welche seine Jugend aus- und eingegangen . Als er bei dem Nachbar endlich in der Stube und von den guten glücklichen Leuten teilnehmend begrüßt war , erleichterte es ihr Benehmen gegen ihn , zu sehen , daß er in seinem Äußern in guten Umständen und in guter Ordnung erschien ; er fragte sie , indem er sich setzte , nun um seine Mutter , und sie erzählten ihm , was sie wußten . Nachdem sie lange in Kummer und stummer Erwartung auf ihren Sohn oder ein Zeichen von ihm gewartet , wurde sie gerade um die Zeit , als Heinrich sich im Herbste auf den Heimweg begeben hatte und dann im Hause des Grafen haftenblieb , aus ihrem Hause vertrieben , in welchem sie achtundzwanzig Jahre gewohnt ; denn nachdem es ruchbar geworden , daß sie jenes Kapital für ihren Sohn aufgenommen , von welchem nichts weiter zu hören war , hielt man sie um dieser Handlung willen für leichtsinnig und unzuverlässig und kündigte ihr die Summe . Da sie trotz aller Mühen dieselbe nicht aufs neue aufbringen konnte , indem niemand sich in diesen Handel einlassen zu dürfen glaubte , mußte sie endlich den Verkauf des Hauses erdulden und mit ihrer eingewohnten Habe , von welcher jedes Stück seit soviel Jahren an selbem Platze unverrückt gestanden , in eine fremde ärmliche Wohnung ziehen , über welchem mühseligen und verwirrten Geschäft sie fast den Kopf verlor . Den Rest des Verkaufswertes legte sie aber nicht etwa wieder an , um aufs neue zu sparen und das Unmögliche möglich zu machen , sondern sie legte ihn gleichgültig hin und nahm davon das wenige , was sie brauchte , aber ohne zu rechnen . Übrigens bemühten sich jetzt die Leute um sie , halfen ihr , wo sie konnten , und verrichteten ihr alle Dienste , welche sie sonst anderen so bereitwillig geleistet . Sie ließ es geschehen und kümmerte sich nichts darum , sondern brütete unverwandt über dem Zweifel , ob sie unrecht getan , alles an die Ausbildung und gemächliche Selbstbestimmung ihres Sohnes zu setzen , und dies Brüten wurde einzig unterbrochen von der zehrenden Sehnsucht , das Kind nur ein einziges Mal noch zu sehen . Sie setzte zuletzt eine bestimmte Hoffnung auf den Frühling , und als dieser verging und der Sommer anbrach , ohne daß er kam , starb sie . Auf Heinrichs Frage , ob sie ihn angeklagt , verneinten das die Nachbarsleute , sondern sie habe ihn immer verteidigt , wenn jemand auf sein Verhalten angespielt ; jedoch habe sie dabei geweint , und auf eine Weise , daß ihre Tränen unwillkürlichen Vorwurfs genug schienen gegen den verschollenen Sohn . Dies verhehlten ihm die guten Leute nicht , weil sie ein wenig Bitterkeit ihm für zuträglich hielten und dachten , es könne ihm , da er nun in gutem Gedeihen begriffen sei , nicht schaden , etwas gekränkt zu werden , damit der Ernst um so länger vorhalte und er nun ein gründlich guter Bürgersmann werde . So war nun der schöne Spiegel , welcher sein Volk widerspiegeln wollte , zerschlagen und der einzelne , welcher an der Mehrheit mitwachsen wollte , gebrochen . Denn da er die unmittelbare Lebensquelle , welche ihn mit seinem Volke verband , vernichtet , so hatte er kein Recht und keine Ehre , unter diesem Volke mitwirken zu wollen , nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen , kehre erst vor seiner Tür . Ungeachtet des Widerspruches seiner Gastfreunde suchte er die Wohnung noch auf , in welcher die Mutter gestorben , ließ sich dieselbe übergeben und brachte die Nacht darin zu , im Dunkeln sitzend . Wenn ihr bloßer , durch ihn verschuldeter Tod sein äußeres Leben und Wirken , auf das er nun alle Hoffnung gesetzt hatte , fortan unmöglich machte , so brach in dieser Nacht die Tatsache sein innerstes Leben , daß sie endlich mußte geglaubt haben , ihn als keinen guten Sohn zu durchschauen , und es fielen ihm ungerufen jene furchtbaren Worte ein , welche Manfred von einem durch ihn vernichteten blutsverwandten weiblichen Wesen spricht : » Nicht meine Hand , mein Herz , das brach das ihre , Es welkte , mich durchschauend . « Es war ihm , als ob alle Mütter der Erde ihn durchschauten , alle glücklichen ihn verachteten und alle unglücklichen ihn haßten als auch zur Rotte Korah gehörig . Da nun aber in Wirklichkeit nichts an ihm zu durchschauen war als das lauterste und reinste Wasser eines ehrlichen Wollens , wie er jetzt war , so erschien ihm dies Leben wie eine abscheuliche , tückische Hintergehung , wie eine niederträchtige und tödliche Narretei und Vexation , und er brauchte alle Mühen seiner ringenden Vernunft , um diese Vorstellung zu unterdrücken und der guten Meinung der Welt ihr Recht zu geben . Als das enge Gemach sich mit dem Morgengrauen ein wenig erhellte , sah er den alten bekannten Hausrat , der einst die bequemeren Räume erfüllt , unordentlich und ängstlich zusammengehäuft ; er wagte nicht , einen Schrank zu öffnen , und tat endlich nur einen altmodischen Koffer auf , der da zunächst stand . Er enthielt die alten Trachten von den Vorfahrinnen seiner Mutter , wie sie die Frauen gern aufzubewahren pflegen . Großblumige oder gestreifte seidene Röcke und Jäckchen , rote Schuhe mit hohen Absätzen , silbergewirkte Bänder , Häubchen , mächtige weiße Halstücher mit reichen Stickereien , Fächer , bemalt mit Schäferspielen , Fischern und Vogelstellern , und eine Menge zerquetschter künstlicher Blumen , alles das lag vergilbt und zerknittert durcheinander und war doch mit einer gewissen unverwüstlichen Frische anzufühlen , da die weibliche Schonung und Sparsamkeit in der Aufregung diese Festkleider und Putzsachen wohl erhalten und so alt werden ließ . In früheren Jahren , da sie noch eine jüngere Witwe war , hatte sich die Mutter alle Jahr einmal das bescheidene Vergnügen gemacht , an fröhlichen Festtagen die Tracht ihrer Großmutter anzulegen und sich darin etwa zu einem kleinen Abendschmaus zu setzen , und der kleine Heinrich hatte sie alsdann höchlich bewundert und nicht genugsam betrachten können . Er drückte den Deckel wieder zu und ging durch die Stadt , um hier und da altbefreundete Leute zu begrüßen ; man sah ihn groß an , erwies ihm aber Ehre , und es hieß schon überall , er habe ein großes Glück in der Fremde gemacht . Dann begab er sich aufs Land , um seine Vettern und Basen zu sehen , die zerstreut waren . Alle hatten die Stuben voll Kinder , die einen waren wohlhabend , die anderen schienen bedrängt und klagten sehr ; doch alle waren gleichmäßig beschäftigt und belastet mit ihren Zuständen und schienen sich selbst nicht viel umeinander zu kümmern . Die Frauen waren schon verblüht , rasch und gesalzen in ihrem Tun und Sprechen und die Männer abwechselnd gleichmütig und einsilbig oder jähzornig . Sie schienen Heinrich zu beneiden , daß er nun alles noch vor sich habe , was sie schon durchgelebt zum Teil , und das einzige , worin sie ein herzliches Einverständnis mit ihn fanden , war die Klage um die Verstorbenen . Heinrich trieb sich eine Zeitlang bei ihnen umher und gab sich meistens mit ihren Kinder ab , da ihm dieses unschuldige Zerstreuung war , welche auf Augenblicke wenigstens seinen harten Zustand in ein linderes Weh verwandelte . Eines Abends streifte er in der Gegend umher und kam an den breiten Fluß . Ein großer siebzigjähriger Mann , den er noch nie gesehen , in einfacher , aber sauberer Kleidung , beschäftigte sich am Ufer mit Fischerzeug und sang ein sonderbares Lied dazu vom Recht und vom Glück , von dem man nicht wußte , wie es in die Gegend gekommen . Er sang mit frischer Stimme , indem er seine glänzenden Netze zusammenraffte : Recht im Glücke ! goldnes Los , Land und Leute machst du groß ! Glück im Rechte ! fröhlich Blut , Wer dich hat , der treibt es gut ! Recht im Unglück , herrlich Schaun , Wie das Meer im Wettergraun ! Göttlich grollt ' s am Klippenrand , Perlen wirft es auf den Sand ! Einen Seemann , grau von Jahren , Sah ich auf den Wassern fahren , War wie ein Medusenschild Der versteinten Unruh Bild . Und er sang » Vieltausendmal Schoß ich in das Wellental , Fuhr ich auf zur Wogenhöh , Ruht ich auf der stillen See ! Und die Woge war mein Knecht , Denn mein Kleinod war das Recht . Gestern noch mit ihm ich schlief , Ach ! nun liegt ' s da unten tief ! In der dunklen Tiefe fern Schimmert ein gefallner Stern , Und schon dünkt mich ' s tausend Jahr , Daß das Recht einst meines war . Wenn die See nun wieder tobt , Niemand mehr den Meister lobt . Hab ich Glück , verdien ich ' s nicht , Glück wie Unglück mich zerbricht . « Heinrich stand vor ihm still und hörte zu . Der Alte sah ihn aufmerksam an und grüßte ihn . » Ihr scheint « , sagte er , » ein Lee zu sein , den Augen und der Nase nach zu urteilen ? « - » Ja « , sagte Heinrich . » Soso « , erwiderte der Mann , » so seid Ihr vielleicht des Baumeisters Sohn aus der Stadt , der sich vor Jahren viel hier aufhielt ? Habt Euch lange nicht sehen lassen ! « - » Ich habe aber Euch doch nie gesehen mit Wissen ! « versetzte Heinrich , und der Mann sagte » So geht es wohl ! Ich meinerseits habe schon viel gesehen und sehe alles . Habe auch Eure Mutter recht wohl gekannt ; was macht sie , ist sie gesund und munter ? « - » Nein , sie ist tot ! « antwortete Heinrich . » Soso ! « der Alte , » tot ! ja , die Zeit vergeht ! Es ist mir , als sei es heute , und sind es doch gerade funfzig Jahr her , daß ich an dieser Stelle hier als ein zwanzigjähriger Bursche die Leute über das Wasser führte . Es kam eine Kutsche voll Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren , die lustig und guter Dinge waren und über den Fluß setzen wollten . Eure Mutter war als ein dreijähriges Kind dabei , und ich hob es aus der Kutsche und setzte es zu den blühenden und fröhlichen Eltern ins Schiff . - Das Kind hatte ein närrisches rosenrotes Kleidchen an und lächelte so holdselig und gut , daß ich so dachte Dies ist einmal ein sauberes und freundliches Kind , das wird es gewiß immer gut haben . In dem schwankenden Schiff fing es aber an zu weinen , die hübsche junge Mutter schloß es in die Arme und beruhigte es , indes die anderen hellauf ein Lied sangen im Überfahren und sich mit Wasser bespritzten . Dann sah ich sie wieder , als sie etwa sechszehn Jahr alt und ein sittsames liebliches Mädchendings war . Es fuhr wieder ein ganzer Haufen jungen Volkes hierüber , so daß ich wohl dreimal fahren mußte , und auf der Wiese drüben pflanzten sie sich auf und musizierten und tanzten . Eure Mutter beschied sich aber in ihrer Fröhlichkeit und tanzte nicht soviel , und als ein paar Gelbschnäbel ihr zu eifrig den Hof machten , floh sie in das angebundene Schifflein und fing fleißig an zu stricken . Alles das ist lange her ! « Der Himmel jener Jahre schien dem zuhörenden Heinrich vorüberzuziehen in der blauen wolkenreinen Höhe . Er vermochte aber den lachenden Himmel und das grüne Land nicht länger zu ertragen und wollte zur Stadt zurück , wo er sich in dem Sterbegemach der Mutter verbarg . Die Liebe und Sehnsucht zu Dortchen wachte aufs neue mit verdoppelter Macht auf , seine Augen drangen den Sonnenstrahlen nach , welche über die Dächer in die dunkle Wohnung streiften , und seine Blicke glaubten auf dem goldenen Wege , der zu einem schmalen Stückchen blauer Luft führte , die Geliebte und das verlorene Glück finden zu müssen . Er schrieb alles an den Grafen ; aber ehe eine Antwort dasein konnte , rieb es ihn auf , sein Leib und Leben brach , und er starb in wenigen Tagen . Seine Leiche hielt jenes Zettelchen von Dortchen fest in der Hand , worauf das Liedchen von der Hoffnung geschrieben war . Er hatte es in der letzten Zeit nicht einen Augenblick aus der Hand gelassen , und selbst wenn er einen Teller Suppe , seine einzige Speise , gegessen , das Papierchen eifrig mit dem Löffel zusammen in der Hand gehalten oder es unterdessen in die andere Hand gesteckt . So ging denn der tote grüne Heinrich auch den Weg hinauf in den alten Kirchhof , wo sein Vater und seine Mutter lagen . Es war ein schöner freundlicher Sommerabend , als man ihn mit Verwunderung und Teilnahme begrub , und es ist auf seinem Grabe ein recht frisches und grünes Gras gewachsen .