mal her ! Kennst du den Herrn nicht ? rief die Alte . Linchen blieb unbeweglich . Er war wol bei Euerm Fritz ? Was ? Komm doch , Kindchen ! Linchen sagte immer noch nichts . Er will wol auch zu Eurem Fritz ? Was ? Ist denn die Küchenthür bei Euch auf jetzt , die in Fritzens Kammer führt ? ... Linchen war diskret und schwieg , blieb aber doch stehen . Na , der Herr will wol zu Fritzen . Komm doch ein Bischen näher , Kind ! Zeig doch ' mal deinen Korb ! Was hast du denn heute schon verdient ? Nun wollte Linchen rasch davonlaufen . Es war dem kleinen achtjährigen Kinde schon zu oft geschehen , daß die Mullrich ihr den Verdienst an der Thür abgenommen hatte und sich selbst für kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte . Die Kleine fürchtete , daß ihr heute dies Schicksal wieder begegnen würde und lief davon . Bleibst du Range ! kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster , mit voller Kraft ihrer hektischen Lungen . Ihr lag daran , Bartusch etwas über Fritz Hackert berichten zu können . Bleibst du ! Willst du her ? Soll ich - Dies Soll ich ? - begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln , von denen der des linken Fußes schon drohend zum Schaufenster hinauslangte . Linchen war wie vor Todesschreck im Hofe still gestanden und wandte sich halb neugierig , halb ängstlich um , als sie die Worte aus der Alten Munde ihr nachgekreischt hörte : Willst du her ! Hier sind ja zwei Groschen für den alten Mann . Da ! zwei Groschen ! Nimm ! Zwei Groschen für den alten Mann ? Das waren freilich verlockende Worte für das Kind . Linchen kam etwas näher . Komm , Linchen ! Komm ! Bist ja so hübsch gekämmt ! Macht dir Louischen die Locken ? Komm , Hinkelchen . Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute für die Uhr , die er mir gestern ausgeblasen hat . Da ! Linchen kam nun näher und hielt die Hand hin . Während die Alte unter ihre Schürze griff , an der sie eine Geldtasche befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte , sprach sie auf dem Tritt , der zu dem Fensterchen führte und zu der Hausflur hinaus : Großväterchen hat mir die Uhr ausgeblasen - zwei Groschen - warte nur , ich suche sie eben - Sag ' einmal , kennst du den Herrn draußen ? Das Kind sah auf die Straße und schüttelte den Kopf . Zwei Groschen , fuhr die Alte immer suchend fort ; er hat die Uhr schlagen lassen , sie blieb immer stehen - sag ' s mir , es ist Louischens neuer Liebhaber ? Was ? Der ist schön ! Nicht wahr , der rothe Fritze gibt ihm wol den Hausschlüssel von Schmelzing ... Was ? Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts . Ja , ja , die Uhr - sie ist ein Familienstück ; aber im Keller ist ' s zu feucht , sagte der Alte mit dem Zopf ... Wo war denn Fritze dieser Tage ? Vier Tage nicht zu Hause gewesen ... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht ? Was ? Linchen Eisold blieb diskret ... Ich schenke dir zwei Pfennige , Linchen , wenn du mir sagst , wer der Herr ist ... O Armuth ! Was ist dein Loos ! Zwei Pfennige ! Wer widerstünde da und thäte , was nicht gerade Unrecht scheint ! Ich kenn ' ihn ja nicht , Frau Mullrichen ! sagte das Kind nun beredtsam mit einem durch zwei Pfennige geöffneten Munde . Aber als ich heute das Essen für Karl ' n holte , sagte mir Riekchen , es wäre bei Fritzen ein schöner Herr zwei Stunden gewesen und er hätte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt ' er wieder kommen , um uns Alle zu besuchen und noch einen andern schönen , jungen Herrn mitbringen . Wie ich ' s Karl ' n sagte , war der recht neugierig und meinte , er hält Nichts von den Herren , die der Fritz Hackert kennt . Sieh ' mal an ! Sagt ' er Das ? He ? Höre Linchen ! Wenn der Herr zu Euch kommt und ... Der andere auch ; erzählst mir doch morgen , was sie gesprochen haben . Willst du ? Da schwieg nun Linchen wieder . Ich wollte dir ja zwei Groschen für den Großvater geben ! ... Und zwei Pfennige ! sagte das Kind , das seinen Vortheil festhielt . Und zwei Pfennige - Willst du mir morgen Alles sagen , was die Herren oben angegeben haben ? Linchen schwieg . Noch einen Pfennig geb ' ich dir , Linchen ! Was ? Willst du ? Linchen lachte nun ... aber sie schüttelte doch den Kopf , daß die Alte ungebehrdig wurde und schrie : Wetter ! Range ! Mach , daß du fortkommst ! Was hältst du mich hier auf ? Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu , hörte mit dem Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz . Linchen , die sich gefreut hatte , außer ihrem heutigen Verdienst , ihrem Großvater noch zwei Groschen zu bringen , blieb traurig stehen . Was willst du ? schrie die Alte , die jetzt für Bartusch ' s späten Abendbesuch schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus . Linchen zögerte noch immer ... Willst du nun gehen ! rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze , um einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen ... Was ist denn ? Was soll ' s denn ? sagte in diesem kritischen Augenblicke eine energische Stimme auf der Hausflur . Sind wir Ihnen etwas schuldig ? Nein bewahre , Musje Eisold ! antwortete die Alte demüthig und schlug rasch das schon geöffnete Fenster zu . Bitte ! Bitte ! Frau Mullrich hatte große Furcht vor dem jungen stämmigen Manne von kaum funfzehn Jahren , der seine Schwester an der Hand faßte und mit ihr in die hintern Höfe ging . Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold , der älteste Bruder der mehrerwähnten Louise Eisold , ein hübscher , frischer , aber von seiner schweren Arbeit etwas ermüdeter junger Mann . Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatsachen erfahren und war in der größten Spannung , als in der That zu dem Herrn auf der Straße sich ein zweiter gesellte , diesem herzlichst , ja überschwänglich die Hand schüttelte und ihn dann in die Hausflur zog . Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen , in dies Obdach zu treten . Als Frau Mullrich nun gar merkte , daß unter der Hausflur diese schönen , jungen Herren laut zu sprechen anfingen , blies sie rasch ihr Licht hinter der Wasserkugel aus , schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt , was diese mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen würden . Sechstes Capitel Nummer Sechs- und Nummer Siebenundachtzig Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadttheile genähert hatte , wo er den Bruder erwarten sollte , wurden alle seine gemischten Rückerinnerungen auf Melanie , Rudhard , Olga Wäsämskoi und besonders jenen tiefen Akkord : Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen , sich in dieser verworrenen , dunkeln , menschenüberfüllten Gegend zurechtzufinden . Die weiße Rose , die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstrauße bei der Fürstin Wäsämskoi mitgenommen hatte , war in dem Gedränge sogleich vom Stiele gebrochen und noch ehe er sie hatte retten können , von den Vorübergehenden zertreten , vom Straßenkoth beschmuzt . Er mußte sie aufgeben . Er mußte jetzt nur noch nach den Straßenecken sehen , auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren , trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels . Endlich entdeckte er die Brandgasse und zählte sich das neunte Haus ab . Eben hatte er es gefunden , als er zur Höhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt . Er kam von Dankmar , der ihn erwartete . Um nicht vom Gedräng gestört zu werden , traten sie sogleich in die Hausflur , die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrüßungsort schien . Nun , da bin ich ! sagte Siegbert , voll Freude und voll Rührung . Abenteuerlicher Mensch ! Wohin verlockst du mich ? Ich brauchte einen freien Platz , wo ich geschützt vom Dunkel der Bäume dir um den Hals fallen wollte , um mein Herz zu erleichtern , und hier in dem Wagengerassel , in dem Tumult der Menschen , hier auf der Hausflur dieser alten Räuberhöhle , was soll ich da ? Ganz gut ! Ganz gut ! sagte Dankmar lachend und gefaßt , aber voll Wärme . Ganz gut , daß uns die Umgebungen jede rührende Scene abschneiden . Was ich heute früh fühlte , als du mit dem Geständnisse deines Glückes mir meine eigenen Träume zerstörtest , Das hab ' ich dir in meinem Briefe gesagt . Ich schrieb dir , weil ich dir nicht mündlich verrathen mochte , daß mir die Trennung von einem so fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste Überwindung kostete ! Zu Grün ' s hätt ' ich nicht kommen können ; es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet , mich zu sammeln und zurechtzufinden ! ... Die wichtigsten Dinge mußt ' ich aufschieben und hättest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen , würdest du gesagt haben , ich gehörte jetzt zu den Träumern , während ich doch nicht einmal heute zu den Schläfrigen gehöre . Du hast dich von einer Quelle des Glückes losgerissen , sagte Siegbert , die mir doch nie geflossen wäre . Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah ' ich , daß ich ewig würde vergebens gehofft haben . Du sahst sie ? Und sprach sie von mir ? Sie sprach von dir . Nun ... ? Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches , daß ich dir in geeigneter Umgebung ausführlich davon reden muß . Soviel aber beobachtete ich doch fast , daß du nicht nöthig gehabt hättest , weil mir jene Quelle nicht rinnen wird , dir sie selbst zu trüben . Zu trüben Bruder ? Doch ! Recht umgewühlt hab ' ich sie ! Recht das Unterste zu oberst gebracht ! Es muß so sein . Trinke nun daraus , wer mag ! Siegbert seufzte und fuhr , sich im Dunkeln umsehend , fort : Was thun wir hier ? Was sollen wir bei Hackert , den du mich so zu verabscheuen gelehrt hast ? Glücklicherweise habe ich sein Geld bei mir ! Pst ! sagte Dankmar und sah ' sich um , als hätte er bei Erwähnung des Geldes etwas wispern hören . Dann fuhr er fort : Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch näher gerückt und hab ' ihn zu meiner Freude in einer guten , mir aus Interesse an der menschlichen Seele doppelt werthen Stunde gefunden . Bei ihm schrieb ich den Brief an dich . Den Nachmittag verwandte ich darauf , Lasally zu bewegen , von einer Klage gegen Hackert abzustehen , worüber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten wollte . Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte , dich in eine rührende , deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen , so beschied ' ich dich um neun Uhr selbst hierher . Wir finden im dritten Hof , drei Treppen hoch , Hackert , dem ich leider keine gute Nachricht über Lasally bringen kann . Hoffentlich fühlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt , mir sein Leben zu erzählen , was er mir heute früh versprochen hat . Also du hast sein Geld bei dir ? Ich hab ' es , sagte Siegbert leiser , sah sich um und faßte an seine Brust ; denn die verdächtigsten Gestalten drängten sich jetzt durch die enge Hausflur an ihnen vorüber : Bettler und Arbeiter der niedrigsten Klassen , die unheimlichsten Figuren ... Bruder ! sagte Siegbert flüsternd . Hier scheinen alle Sträflinge , die heute Abend entlassen wurden , ihr Quartier zu suchen . Welche Dünste in dieser Straße ! Und hier der Gang fast zum Ersticken so schwül ! Das eben war es , was ich dir zeigen wollte und ich weiß , für einen Blick in das Innere dieser alten räucherigen Wände wirst du mir dankbar sein . Komm , wir wollen jetzt versuchen , ohne uns den Hals zu brechen , in Hackert ' s Wohnung zu gelangen . Damit schritten die beiden jungen Männer einem Abendlichtschimmer zu , der aus dem ersten Hofe noch spärlich auf das äußerste Ende dieses Ganges hereinbrach ... Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrocknetes Haupt . Sie hatte zwar sehr viel Worte gehört , sehr viel Namen deutlichst verstanden , mußte sich aber doch gestehen , daß diese Unterredung etwas hoch war , etwas zu schwunghaft für ihren niedrigen Kellerhorizont . Dennoch hatte sie Namen , wie Melanie , Hackert , Grün ' s , Lasally ganz deutlich behalten , sogar von Geld etwas unwiderruflich vernommen und auf Bartusch ' s nähere Angabe der Fährte , auf die er sie bringen konnte , hoffte sie schon , sich noch weiterer Dinge zu entsinnen aus diesem Dialoge , den sie für sich hoch , näher bezeichnet » studirt « nannte . Sie zündete wieder ihr Dreierlicht an , dessen rasches Ausblasen einen abscheulichen Gestank verbreitet hatte , kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pantoffel zurück und dachte : Wenn es nur erst zehn Uhr schlägt , dann hab ' ich Alles in der Falle und Keiner kommt heraus oder herein , der hier nicht Stand , Namen und sein Anliegen zu sagen weiß . Die beiden Brüder hatten nun inzwischen schon glücklich die beiden ersten Höfe hinter sich und tappten im dritten eine schmale , finstere Stiege hinauf , die unmittelbar von dem Hofe in die obern Wohnungen führte . Bei dem ersten Absatz zeigte Dankmar seinem Bruder die hier beobachtete architektonische Einrichtung . Von der Treppe links hinaus ging immer ein langer dunkler Corridor um zwei Schenkel des Vierecks herum , das den Hof bildete und alle Zimmer lagen mit ihren Thüren auf diesen Corridor hinaus , mit den Fenstern in den Hof . Daß und wie die Zimmer numerirt waren , konnte man der Dunkelheit wegen nicht mehr erkennen . Rechts von der Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden andern Seiten jenes Vierecks , das den Hof bildete . Hier auf dieser zerbrechlichen Galerie sah man wiederum eine Menge Thüren , die alle zu abgesonderten , meist nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen führten , deren Fenster größtentheils auf die Galerie hinausgingen . Dieselbe Einrichtung wiederholte sich auf der zweiten Treppe . Schade , sagte Dankmar , daß die Furcht vor Diebstahl alle Lumpen , alle Wäsche , Betten und Geräthschaften von den Galerien für den Abend entfernt hat . Am Tage war Das heute ein schönes Durcheinander ! Jetzt ist Alles ängstlich hineingenommen , da hier wol kein Nachbar dem andern traut . Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an einem dicken , durch das viele Angreifen seifenglatt gewordenen Tau sich mehr schwankend hinaufwinden mußte , als sicher gehen konnte , wurde ihm die Erinnerung an einen Menschen , der hier wohnte , in diesen Höhlen des Elends , und ein Packet von hundert Thalerscheinen auf die Straße hatte werfen können , so unglaublich , daß er Dankmar ' n darüber flüsternd sein Befremden ausdrückte . Still ! wisperte dieser . Nichts von Geld hier gesprochen ! Wenn du ihm seine Summe einhändigst , thu ' es stillschweigend . Die Nachbarschaft nach links von ihm ist ehrlich , aber die nach rechts soll nichts taugen , obgleich sie sich für Hackert ' s Freund ausgibt und die Veranlassung ist , warum er hier wohnt . Indem waren die Brüder oben . Dies Stockwerk , sahen sie wohl in der Dämmerung , war nicht so vollständig wie die andern . Links von der Treppe lagen wol noch dieselben Zimmer wie unten , aber schon Dachzimmer , rechts ging die Galerie nur halb in den Hof hinaus . Die andere Seite war ein Dach . Die Fenster gingen hier auf diese Galerie alle selbst hinaus und wie sie ihre morschen , durchsichtigen Bretter betraten , fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete Thür auf , die mit zwei mit Eisenstäben vergitterten Fenstern zu einem einzigen Zimmer zu gehören schien . Hier ist ja ein Gefängniß , sagte Siegbert . Nein , antwortete Dankmar leise , das ist Hackert ' s Wohnung ... Aber , ich sehe kein Licht . Sitzt der im Dunkeln oder hält er nicht Wort ? Indem klopfte Dankmar an diese Thür , die Nr. 86 bezeichnet war , und klinkte am Drücker . Das Zimmer war verschlossen . Da haben wir eine beschwerliche Wanderung umsonst gemacht ! bemerkte Siegbert , dem dieser Schluß eines so aufgeregten Tages fast humoristisch vorkam . Vielleicht könnte man gleich bei Nr. 87 vorsprechen , flüsterte Dankmar und auch ohne Hackert die Scene erleben , die ich dir eigentlich bescheren wollte . Du machst mich neugierig , sagte Siegbert . Vielleicht öffnet sich eine dieser Thüren und wie in » Tausend und eine Nacht « sind wir statt in einer Höhle plötzlich in einem wunderschönen Feenpalast . Romantiker ! sagte Dankmar lächelnd und pochte jetzt so nachdrücklich an Hackert ' s Thür , daß aus Nr. 85 ein spitznasiger , bebrillter Kopf herausschoß , ein wahres Original zur Carricatur eines Schreibers . Ah , Herr Schmelzing ! grüßte ihn Dankmar . Ich störe Sie doch nicht schon im Schlafe ? Herr Hackert nicht zu Hause ? Herr Schmelzing war eben auch erst wieder nach Hause gekommen , voll vom Herrn Oberkommissär , der ihm sein besonderes Vertrauen schenkte und stand in Hemdärmeln . Rasch fuhr er wieder in sein Zimmer zurück und kam nach einer Secunde in einer grünen Jacke mit einem großen grauen befestigten Dintenärmel am rechten Arm heraus . Er hielt ein Licht , das seine Glotzaugen , seine stumpfe kleine Nase , den zahnlosen Mund , die endlose Stirn , das thierische Kinn noch mehr illustrirte . Ganz gehorsamster Diener , meine Herren - Herr Hackert ? Ei ich meine doch - Damit drückte Herr Schmelzing auf die Klinke der Thür seines Nachbars . Nein , sagte er dann erstaunt und überrascht von diesem späten Besuche seines Nachbars , Herr Hackert sind nicht zu Hause ; kommen manchmal etwas spät . Wünschen Sie vielleicht zu warten , meine Herren ! Woher hab ' ich die Ehre Ihrer Bekanntschaft , meine Herren ? Die saubere Aufschrift Ihrer Thür , Herr Schmelzing , die ich heut ' früh schon gelesen habe : Herr Schmelzing , Privatschreiber ; nicht so ? Schmelzing stand als wenn er diese Worte nicht verstanden hätte . Dankmar unterstützte sie durch einen Fingerzeig auf die Thür . Schmelzing wandte sich nun erst an seine eigene Thür Nr. 85 und las den Zettel , gleichsam als wenn er ihm unbekannt wäre . Ja wol ! Privatschreiber ! Aber auch Herr Hackert sind ein Meister in diesem Fache . Wünschen Sie vielleicht unsere Dienste im Kalligraphischen ? Ich schreibe für viele der Herren Advocaten - auch dichterische Erzeugnisse -Rollen für die Herren vom Theater - wünschen Sie vielleicht einen Auftrag ausgeführt ? Während Schmelzing seine Dienste unterwürfigst anbot , hatte sich aber schon die Scene verändert . Hier und da trieb die Neugier über das späte Lautsprechen auf der Galerie des dritten Stockes jene Gesichter zum Vorschein , die schon an der Eingangspforte Siegberten so unheimlich erschienen waren . Auch Frauen in Hauben oder aufgelösten Haaren fehlten nicht . Letztere mehr hexen- als lurleiartig . Die angenehmste Vermehrung der Gesellschaft war aber aus Nr. 87 ein kleines Mädchen , das wir schon kennen , Linchen Eisold , zu der sich sogleich auch Wilhelm , ihr kleiner Bruder , gesellte . Dieser war schon ziemlich verschlafen und gähnte so laut , daß es fast auf der Galerie ein Echo gab . Jene aber knixte gar anmuthig und sagte gewandt und höflich , ob die Herren nicht näher treten wollten ; Herr Hackert würde gewiß gleich kommen . Das ist nun gerade , was ich dir gönnen wollte ! flüsterte Dankmar und schob Siegberten eine Thür weiter . Gute Nacht , Herr Schmelzing , rief er dann sehr laut ( denn er hatte schon weg , daß Herr Schmelzing wol etwas taub war ) , entschuldigen Sie die Störung ! Dieser mit halb geöffnetem Munde und dem nachdrücklichsten und höflichsten : Bitte , keine Ursache ! das ihm aber doch vor Neugier zwischen den fahlen Lippen halb stecken blieb , sah den jungen Männern kopfschüttelnd nach , wie sie unter der Thür Nr. 87 sich bückend verschwanden . Alle Augenblicke machte er sich später auf der Galerie etwas zu schaffen , um zu hören , was in Nr. 87 vorging , einer Wohnung , die jedoch nur eine kleine Küche mit einem Fenster auf die Galerie hinausgehend hatte . Des Hauptzimmers Aussicht ging hinterwärts in ganz andere Höfe hinüber . Der Raum , den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr. 87 um sich hatten , war nicht größer , als daß er für etwa acht Menschen , die dicht nebeneinander standen , ausgereicht hätte und doch stand hier erstens ein Feuerherd , zweitens ein Küchenschrank , drittens ein Bett mit einer Menge geringfügiger Gegenstände , die alle Platz haben wollten . Eine Thür links führte zu Hackert ' s Zimmer ; doch stand zum Zeichen , daß sie ignorirt wurde , ein Besen , ein Zuber , ein Eimer und eine Waschbank davor und eine Thür rechts führte in das große Wohnzimmer . Dies große Zimmer war nun allerdings sehr geräumig und mußte es sein ; denn nicht weniger als acht Menschen waren darauf angewiesen , hier zu wohnen und theilweise auch zu schlafen . Das Zimmer hatte drei Fenster , von welchem zwei geöffnet waren und die kühlende Abendluft der hintern Aussicht hereinließen , eins aber war verhängt und durch eine Schirmlampe beleuchtet . Hier war Nacht , an den beiden andern kleinen Fenstern noch leidlicher Tag . An dem beleuchteten Fenster saß ein alter Mann , der auf einem Tische vor sich zwei oder drei alte Uhren , in der Weise der Schwarzwälder Uhren , aber viel größere und unförmlichere , stehen hatte , in denen er mit einer Fahne von einer Feder die Gänge und Triebräder vom Staube rein kehrte und dann und wann die Uhren schlagen ließ . Ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren stand hinter ihm auf einem Fußschemelchen und löste ihm einen kleinen weißgelben Zopf auseinander . Der nach dem uralten , wie abgestorben scheinenden Greise älteste männliche Bewohner dieses Raumes , ein junger Mann von vielleicht funfzehn Jahren , saß neben ihm und benutzte das ihm zuschimmernde Lampenlicht , um in einem mit mathematischen Zeichnungen ausgestatteten Buche zu lesen . Kaum blickte er zu den Besuchern , die er ungern zu sehen schien , empor . Auf einem Tisch am zweiten Fenster standen mehrere , wie es schien eben geleerte Näpfe , in denen Suppe gewesen schien ; denn noch stand ein Rest davon in einer großen irdenen Schüssel in der Mitte des Tisches . Ein Laib groben Brotes mit einigen blankgeputzten Messern lag daneben . Eben streute sich ein winziges Bübchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stück Brot aus einem Salzfasse dicke Körner Salz , um es mit dieser Delikatesse schmackhafter zu machen . Am dritten Fenster sah man einen großmächtigen aufgespannten Stickrahmen , der auf zwei Stühlen lag . Daneben ein Tischchen mit allerhand bunter Wolle , Schachteln mit weißer Baumwolle , Zeichnen- und Stickmuster und kleine violette englische Quadrat-Papiere mit feinen Nähnadeln . Außer dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe bezeugten alle Anwesenden den eintretenden Herren eine Art Aufmerksamkeit , bei der jedoch die Überraschung und Schüchternheit die Höflichkeit milderte . Das freundliche Guten Abend ! der Brüder wurde nur von einer einzigen wohltönenden unsichtbaren Stimme erwidert , die hinter einem Bettschirme hörbar wurde , der in einer Ecke des Zimmers stand . Ich wundere mich , lauteten die angenehmen Worte vom Bettschirme her , ich wundere mich , daß Herr Hackert noch nicht zu Hause ist . Er wollte doch präzis um neun Uhr da sein . Es muß doch schon halb zehn geschlagen haben . Dabei schlug es an einer der drei Uhren , die der alte Eisold reparirte , mit zwei Schlägen ... Bim ! Bim ! Es thut uns leid , sagte Dankmar , Sie zu stören , während Sie wahrscheinlich schon Alle an ' s Schlafengehen denken . Ich noch nicht , sagte die Unsichtbare und die Großen auch noch nicht . Großvater geht zu Bett ! Die Kleinen haben auch schon den Sandmann im Auge . Gewiß bringen Sie da hinten Ihr kleines Hannchen zur Ruhe . Ach , das schläft schon mit den Vögelchen ein , aber es ist recht unruhig heute , wacht leicht auf und da hab ' ich ' s einwiegen müssen und ihm ein paar Löffel warmer Milch gegeben ... Darf man denn wol einmal hinter dem Vorhang die Bescherung sich ansehen ? Ich bringe meinen Bruder mit ! Der malt gern die kleinen Engelsköpfe ... Nicht Engelsköpfe , sagte die Stimme bedenklich . Kinder soll man nicht Engel nennen , sonst sterben sie ja . Sind Sie so abergläubisch , fragte Dankmar , während die Uhren einen dreifachen Refrain gaben : Bim ! Bim ! Bim ! Wo der Aberglaube nützlich ist und wie hier vor Eitelkeit schützt ... lautete die Antwort . Darf ich näher ? sagte Dankmar . Nein , nein ! hieß es hinter dem Schirme ; dies ist eigentlich ein Zimmer ganz für sich . Der Kreidestrich da gilt für die Thür . O wenn wir ' s genau nehmen , haben wir eine zwar recht hohe , aber doch ganz vornehme Wohnung . Freilich geht der Eingang durch die Küche ! Aber wir haben eine Küche , die auch zugleich Schlafzimmer ist , hier hinter dem Bettschirm ist mein , Großvaters und meines kleinen Hannchens Schlafzimmer , hinter dem dunkeln Fenster ist Großvaters Werkstatt , am zweiten Fenster unser Eßzimmer , am dritten mein Arbeitszimmer . An der Thür , wo Sie stehen , müssen wir leider unsere Besuche annehmen , das ist unser Besuchzimmer und dabei sind wir so im Überfluß an Raum , daß wir doch noch an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermiethet haben . Was sagen Sie zu all ' dem Reichthum ? Die Uhren schlugen zusammen , als wenn ein Dirigent gerufen hätte : Tutti ! Die Sprecherin kam zum Vorschein . Mit beiden Armen hielt sie die Öffnung zwischen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu ; denn Dankmar wollte eben dennoch Siegberten an die Wiege führen . Als sie aber im Dämmerlichte bemerkten , daß hier noch zwei Betten und ein sehr weißes und sauberes stand , das wol schon für die Sprecherin selber aufgedeckt war , zogen sie sich zurück und beobachteten nun bei halbem Sternen- und halbem Lampenlicht das junge Mädchen , das die Mutter aller dieser Kinder schien , aber in Wahrheit nur die ältere Schwester war . Louise Eisold mochte nicht viel über achtzehn Jahre zählen . Es war eine blasse , wie verklärte Erscheinung , der man sogleich ansah , daß ihr diese heitere Plauderei nicht ganz natürlich kam . Die Züge waren von einer in solchem Stande seltenen Feinheit und Regelmäßigkeit . Nase , Kinn , mehr spitz als rund , aber so anmuthig , daß den Lippen mehr Frische , dem Auge mehr unternehmendes Feuer , dem blonden Haare eine etwas dunklere Färbung zu wünschen gewesen wäre , um die Wirkung dieser gefälligen Erscheinung noch blendender hervortreten zu lassen . Ein leichtes Kattunkleid , bis oben geschlossen , umgab die im Widerspruch mit dem zarten , wol etwas abgehärmten und erschöpften Gesicht stehenden volleren und runden Formen des Körpers . Das volle , hellblonde Haar war in einen einfachen Scheitel gekämmt und trug nur den einzigen Schmuck eines schwarzen Sammetbandes , mit dem hinten die Flechten zusammengehalten waren . Dies Band erschien fast wie ein letzter Rest von äußerer Trauer , die in der That diese sieben Kinder erst vor wenigen Monaten abgelegt hatten . Die böse Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig Stunden Vater und Mutter geraubt , die Enkel des alten Uhrmachers , der demnach eigentlich der Urgroßvater dieser armen Waisen war . Aber wo werden denn all ' die übrigen Geschwister schlafen ? fragte Siegbert , den der Einblick in diese Welt der Entbehrung rührte . Da werden Sie erstaunen , sagte Louise und räumte in Eile die Näpfe und die Schüssel und Teller vom Tisch , bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen Heinrich , daß er viel zu viel Brot auf die Nacht äße und sich ' s gegen ihre Erlaubniß schon wieder selbst genommen hätte ... Es ist nicht wegen des Brots , aber er schneidet sich noch einmal in die Finger , der kleine Nimmersatt ! sagte sie , im Gegensatz zu dem Arzte , der sich hier doch wol der Skrophelkrankheit wegen würde umgekehrt ausgedrückt haben . Dabei zog Louise Eisold aus einem alten Sopha , das der Thür ziemlich nahe stand , eine untere Schublade hervor und siehe ! diese enthielt ein vollständiges Bett . Dann ergriff sie nacheinander vier Stühle und stellte sie in der Mitte des Zimmers so auf , daß für den Besuch nicht mehr viel Raum übrig blieb . Nun hüpfte sie hinter ihren Bettschirm , brachte einen großen Strohsack geschleppt , bei dessen Transport sie jede Hilfe - weil sonst nur etwas