den ich zuletzt nach Verdienst das Lebenslicht ausblies , hat mich darin unterrichtet und war immer zufrieden mit der Ausführung seiner Aufträge . Ich finde es daher ganz ordnungsmäßig , daß ich auch den Enkel abthue , wenn er mir nicht mehr gefällt . Immer besser , von der Hand eines geübten Mörders zu sterben , als von einem Stümper geschlachtet zu werden ! Ich hab ' s gethan , und ich meine , das Werk soll den Meister loben . Basta ! « Blutrüssel hatte seine ganze Frechheit während dieser Gegenrede wieder erlangt . Er fühlte sich sicher , ja in gewissem Sinne groß und stolz , und ohne sich weiter um den Kapitän und seine Begleiter zu kümmern , sprang er vom Tische und schritt wie ein wildes Thier im Kerker auf und nieder . » Nun so zittere ! « sagte empört über die Rohheit des Mörders der Kapitän . » Für Dich keine Gnade , kein Erbarmen ! Für Dich die härteste Strafe des Gesetzes ! « » Bah ! « lachte Blutrüssel . » Es kostet doch weiter nichts als den Kopf , und der ist bei mir grau und alt genug , um abgeschüttelt zu werden ! « Heiseres Lachen begleitete diese höhnischen Worte . Aurel fühlte , wie ein unabweisbares Grauen vor diesem Scheusal sich seiner bemächtigte , und da er sah , daß Herta sich wieder zu regen begann , faßte er sie unterm Arm und geleitete die zum Leben Erwachende mit Vollbrechts Hilfe aus dem Kerker . » Schließen Sie den Wütherich fest ein , « befahl er , » und lassen Sie ein paar sichere Leute vor die äußere Thür stellen , denn dieses Scheusal soll der Strafe nicht entgehen ! « Mit größter Schonung führten die beiden Männer die noch halb bewußlose Herta zurück in Vollbrechts Wohnung , wo Elwire in Biancas Gesellschaft die Großmutter mit Unruhe erwartete . Zärtlich , liebreich und voll kindlicher Sanftmuth schloß die jugendliche Braut die Zitternde in ihre Arme , benetzte ihr Stirn und Lippen mit stärkenden Essenzen und suchte sie durch freundlichen Zuspruch zu trösten . Herta beobachtete ein tiefes Schweigen über das , was sie gesehen hatte , und so hielt es auch Aurel für besser , vor der Hand der Tochter das schreckliche Ende ihres unglücklichen Vaters noch zu verschweigen . Blutrüssel aber erhob grinsend seinen Kopf bei den letzten Worten des Kapitäns und sah mit gleichgiltigem Lächeln die Thür verschließen . » Nicht entgehen soll ich der Strafe ? « wiederholte er . » Meinst Du , weil Du Graf bist , werde das Gericht Dir schneller zu Handen sein ? Dummkopf , das weiß ich besser ! - « Hastig schritt er einigemal im Gewölbe auf und nieder Das brausende Stöhnen der Maschine hinter der tönenden Wand und die verworrenen Stimmen mehrerer Menschen , die in der Maschinenkammer laut mit einander sprachen , machte ihn aufmerksam . Er blieb stehen und horchte . » Wachen wollen Sie mir vor die Thür stellen ? Ha , ha , ha , als ob es möglich wäre diese Schlösser und Riegel zu sprengen mit den bloßen Händen ! - Wacht immerhin , meine abschreckende Physiognomie soll Euch nicht in die Flucht schlagen ! - Aber meinen Kopf sollt Ihr doch nicht in Eurer Schlinge fangen ! - « Auf den Zehen , als fürchte er gehört zu werden , schlich jetzt der blutige Mörder nach der Wand , hinter welcher die Maschine stampfte und fauste . Geraume Zeit legte er sein Ohr an das Gestein , um zu horchen . Dann richtete er sich wieder auf und fletschte die häßlichen Zähne , wie zum Hohn . » Sie sind fort , « sprach er nachdenkend » aber es waren Menschen da , was ein Beweis ist , daß hinter dieser Wand ein Raum sich befindet , den man betreten kann . « Seine vorstehenden Augen liefen forschend über das graue Gestein und mit gekrümmten Fingern pochte er mehrmals daran . » Kein Zweifel , « fuhr er fort , » es ist eine Wand aus Ziegelsteinen . - Sie kann nicht dick sein , sonst könnte ich die Stimmen der Sprechenden nicht so deutlich gehört haben . - Das Rauschen und Lärmen der Maschinen ist sehr vortheilhaft - es überschallt vorsichtig geführte Schläge - es unterstützt mein Vorhaben . Eine Feuerzange ist zwar ein sehr unvollkommenes Brecheisen , indeß - in der Hand eines klugen Mannes kann sie eine Spitzhaue ersetzen . - Wir wollen es versuchen , sobald es Nacht geworden , und Satan müßte seine besten Gesellen auf Urlaub schicken , wenn ich den Narren nicht vor Tagesanbruch entschlüpfen könnte . Der Teufel soll mir den Kopf abbeißen , wo ich mich nicht befreie ! « Diesen Plan in seinem verbrecherischen Gehirn ausbildend , setzte sich Blutrüssel ruhig wieder auf seinen Schemel und vertrieb sich die Zeit , so gut als es gehen wollte , durch Absingung unsittlicher Lieder . Fünftes Kapitel . Die verhängnißvolle Nacht . Um die Mittagsstunde trat Aurel in die Hütte Martells , die schon seit einiger Zeit häufig der Versammlungsort derjenigen gewesen war , die sich als Verbündete die Hand gereicht hatten . Der Kapitän war bei seiner Ankunft am Morgen nur auf Augenblicke bei seinem Halbbruder eingekehrt , um ihm die Veranlassung seines Besuches auf Boberstein zu melden . Später hatte er wiederzukommen versprochen , um noch manches Wichtige mit dem ehemaligen Fabrikarbeiter zu besprechen . Er traf die Familie nebst Gilbert bereits beim Mittagsmahle , das noch immer so einfach wie früher , nur etwas reichlicher war , da Aurel dem halsstarrigen Halbbruder fast mit Gewalt Geld zu Bestreitung der nöthigen Ausgaben aufgedrungen hatte . Man hätte glauben sollen , ein so plötzlicher und erfreulicher Glückswechsel müsse die ganze Familie in einen Jubel des Entzückens versetzen , denn sie ging ja mit vollkommener Gewißheit einer schöneren Zukunft und einem Leben entgegen , das ihren Augen als ein wahres Paradies erscheinen mußte . Dem war jedoch nicht so . Martell war nichts weniger als heiter , eher zeigte er sich jetzt noch mürrischer und verschlossener , als früher , und die übrigen Glieder der Familie litten mehr oder weniger an den Folgen zu großer Anstrengung und lange stillschweigend ertragenen Mangels . Traugott war sogar krank geworden , mehr vielleicht aus freudigem Schreck als weil seine Lebenskraft wirklich zur Neige ging . Er lag hinter dem Ofen auf derselben Bank , wo Hans unter namenlosen Schmerzen seinen Geist im Arm der jammernden Mutter aufgegeben hatte . Die vielgelesene Bibel vor sich auf dem abgetragenen Pelze , der ihm zur Bettdecke diente , und ein Gesangbuch daneben , lag er mit vorgebeugtem Haupte , um das sein langes Haar in schimmerndem Silbergelock floß , mit gefalteten Hände auf dem Krankenbett , und besiegte Zeit und Kummer durch gläubige Hingabe an das ewige Wort der Verheißung . Der entsetzliche Anblick im Kerker hatte Aurel so gewaltig erschüttert , daß sich der Schreck darüber noch jetzt in seinen Mienen aussprach . Martell bemerkte dies , weshalb er ruhig sagte : » Du hast etwas erlebt . « » Etwas Unerhörtes , « erwiederte der Kapitän , aus Lore ' s Händen den Schemel annehmend , den ihm die kränkelnde Frau an den Tisch schob . » Herta ist ein Unglück begegnet , « rief Martell . » Ihr Herz brach beim Anblick des maßlos Verwilderten ! « » Vielleicht wäre erfolgt , was Du sagst , hätte die Vorsehung nicht anders über sie bestimmt Die Tante hat ihren Sohn nicht gesprochen , sie hat ihn nur sehen und weinend segnen können für ein besseres Leben . Er war todt . « » Todt ! Schon todt ! Und vor drei , vier Tagen noch die Gesundheit selbst ? Wie ist dies möglich ? « » Er starb an Gift , « warf Gilbert ein . » Kredenzte er Ihnen doch wiederholt den vergifteten Trank , wie ich mit eigenen Augen schaudernd sah . « » O nein , « sagte Aurel betrübt , » er starb eines fürchterlichen , qualvollen Todes durch Mörderhand . « » Blutrüssel erschlug ihn ! « rief Gilbert . » Mein Gott , welche Gräuel ! « sagte Lore . » Und das heißt eine christliche Welt ! « » Betet , betet , « flehte der greise Traugott , » damit die Seele des unvorbereitet Dahingegangenen Gnade finde vor dem Herrn ! « » Ich habe Auftrag gegeben , « fuhr Aurel fort , » den gräßlich verstümmelten Leichnam aus dem Kerker , wo er jetzt noch liegt , zu entfernen . Sein Tod sühnt seine Verbrechen . Wir wollen dem Irrenden , dem Verführten von Herzen verzeihen und seine Gebeine ehrenvoll bestatten . Obwohl ein tiefgesunkener Mensch , war er doch unser Bruder , und sein Zwist mit dem Ungeheuer Blutrüssel , dem er mit Recht und in harten Ausdrücken seine moralische Verwilderung Schuld gab , beweißt , daß er im Herzen sein sündhaftes Leben bereute und auf dem Wege war , sich zu bekehren . Darum Friede seiner Asche und keinen Groll seinem Andenken ! « » Ist Adrian von dieser Mordthat unterrichtet ? « fragte Martell . » Vollbrecht überbrachte ihm die Nachricht . « » Wie nahm er sie auf ? « » Mit gewohnter Ruhe , nur wollte der Geschäftsführer ein seltsames Glänzen seiner kleinen Augen bemerkt haben . « » Wohl denkbar , der Tod des Bruders freut ihn , « sagte Gilbert . » Er kommt ihm wenigstens gelegen , « versetzte Martell . » Mit dem letzten Athemzuge dieses Unglücklichen verschwindet auch der letzte Zeuge gegen ihn , denn Blutrüssel ist ein unschädlicher Mensch , ja wer weiß - « » Du ziehst die Stirn in Falten ? Welch ein Gedanke foltert Dich ? « » O nichts , nichts ! Ich überlegte nur , wie ich mich bei meinem Abschiede von Adrian benehmen soll . « » Bestehst Du noch immer darauf ? « sagte Lore . » Wozu diese fortwährende Qual ? Bleib fern vor der Insel und überlasse den , der uns so viel Uebles zugefügt hat , der Strafe seines Gewissens ! - Ich kenne Dich , Martell , ich weiß , daß Du Dich in bittern Aerger hineinredest , wenn Du eine geheime Zusammenkunft mit ihm hältst ; darum also , ich bitte Dich , stehe davon ab und bleibe bei uns ! Noch vor Ostern verlassen wir Dorf und Haide , und siedeln uns über zu unserm treuen guten Bruder und Schwager . « » Ich muß zuvor Abrechnung halten , « versetzte Martell trocken . » Abrechnung ! Was hast Du denn noch zu fordern ? Es ist kein Lohn mehr rückständig . « » Das verstehst Du nicht , « erwiederte der Spinner . » Mein Herz , mein Gewissen , meine und Eure Zukunft verlangen , daß ich dennoch eine Abrechnung mit dem Manne der Willkür und des Eigennutzes halte , wie ich sie als Euer Oberhaupt und Versorger zu fordern habe . Also laß mich , Lore , und bringe mich nicht auf durch Widerspruch . Adrian ist überdies schon davon unterrichtet und erwartet mich . « » Wann ? « fragte Aurel lebhaft . » Heute Nacht . « » Ich begleite Dich . « » Bis zu Vollbrecht , wenn Du willst , aber nicht weiter , bei meinem Zorne ! « » Martell ! « bat Lore . » Bruder , Du thust mir Unrecht , « erwiederte Aurel . » Will ich Dich denn hindern ? Nein , nur über Deine Sicherheit wachen , wenn ein Hinterhalt Deiner warten sollte . « Martell lächelte unheimlich . » Ich fürchte nichts , « sagte er ruhig , » aber Du magst mich begleiten , wenn es Dich beruhigt , doch bestehe ich nochmals darauf , daß Du meine Zusammenkunft mit Adrian , die mehrere Stunden dauern kann , unter keiner Bedingung störst ! « » Wunderlicher , einsinniger Mensch ! « versetzte Aurel . » Wenn es nicht anders sein kann , so muß ich mich ja wohl fügen . « Zur Bekräftigung seines Wortes reichte er Martell die Hand , zugleich aber wechselte er mit Gilbert einen bedeutungsvollen Blick , den der kluge Matrose vollkommen verstand . - Die übrige Tageszeit brachte der Kapitän mit Besprechungen zu , welche die künftige Einrichtung seiner Halbgeschwister betrafen . Martell nebst Frau , sowie Maja Simson und ihr Gatte , bei dem Sloboda eingekehrt war , nahmen lebhaften Antheil daran . Es ward beschlossen , zum nahen Osterfeste , bis wohin eine Ausgleichung möglich war , die bisherigen Wohnungen zu verlassen und diejenigen Besitzungen zu beziehen , welche Haideröschens Tochter , also Maja , rechtmäßig zugehörten . Dies waren der Zeiselhof nebst einigen dazu gehörigen Ortschaften , Vorwerken , Meiereien und Mühlen . Aurel wünschte dies schon deshalb , weil er sich möglichst bald mit Elwiren zu vermählen gedachte und alsdann wieder entweder nach Hamburg oder in irgend eine andere große Stadt sich übersiedeln wollte , da ihm das stille und eintönige Leben eines Landedelmanns nicht für lange Zeit behagen konnte . Sloboda fühlte sich nunmehr wahrhaft glücklich . Er konnte sich von der Tochter seines geliebten Kindes gar nicht mehr trennen , folgte ihr auf Schritt und Tritt und war im Stande Stundenlang vor ihr zu sitzen , sie mit seinen gutmüthigen hellblauen Augen fröhlich lächelnd zu betrachten und vergnügt sich die Hände zu reiben . Die Freude , schien es , hatte den Geist des alten Mannes so heftig erschüttert , daß eine sich meldende Verstandesschwäche , eine Rückkehr in die Kindheit kaum mehr zu bezweifeln stand . Ihm war es daher auch ganz gleichgiltig , wohin seine Enkel sich jetzt wendeten . Nur immer bei ihnen zu bleiben und ruhig die letzten Tage seines Lebens auf dem Boden , der ihn geboren hatte , zu beschließen , wünschte er sehnlichst und sprach es wiederholt aus . Seltsamerweise ließ den ehrwürdigen Greis die Nachricht von dem schrecklichen Ende Klütkens ganz unberührt . Er nahm sie hin , wie etwas Alltägliches , sah mit ernster Miene drein , da er die bestürzten und betroffenen Gesichter der Uebrigen bemerkte , aber sein Herz wußte offenbar nichts davon . Diese schnelle unerwartete Verwandlung des alten Wenden machte seine Freunde sehr besorgt um ihn , und ließ sie stillschweigend der Aeßerung Aurels beistimmen , welcher Gilbert zuflüsterte : » Es geht eilig mit ihm zu Ende ! Deshalb müssen auch wir uns sputen . « Gegen Abend kehrte Aurel auf die Insel zurück , um Herta und Elwire nicht länger allein ihren Gram zu überlassen . Um Mitternacht , wo Martell seine letzte Zusammenkunft mit Adrian halten wollte , versprach ihn der Kapitän am Ufer des Sees zu treffen , was der ehemalige Spinner zusagte . Gilbert erhielt von Aurel den Auftrag , erst mit Martell , aber ungesehen von ihm , nach Boberstein zu kommen und alsdann wo möglich das Zusammentreffen desselben mit dem Fabrikherrn zu belauschen , damit jedes Unglück verhindert werden könnte , wenn ja die beiden feindlichen Brüder einander Böses sollten zufügen wollen . So waren menschlicher Berechnung nach alle Vorsichtsmaßregeln getroffen , um einen etwa gefährlichen Plan des verschlossenen Spinners zu vereiteln , und die Sorge Aurels um beide Brüder verminderte sich merklich . Herta und Elwire fand der Kapitän ziemlich gefaßt in Bianca ' s Gesellschaft . Er hütete sich wohl , von der Ermordung des Unglücklichen zu sprechen , aber es freute ihn , daß Elwire heiße Thränen des Andenkens dem unwürdigen Vater weinte . - Es war schon spät , als Bianca die Trauernden verließ , um in ihr noch nicht gelöstes Dienstverhältniß zu Adrian zurückzukehren . Sie hatte Herta entdeckt , welchen Frevel der Graf an ihrer Schwester begangen , wie sie dafür Rache genommen und welche qualvolle Strafe sie über den gewissenlosen Verführer verhangen . Sie versprach den hinlänglich Gestraften , dem sie eine aufreibende Neigung eingeflößt hatte , zu Ostern für immer zu verlassen und in den Schooß häuslichen Friedens bei ihren neu erworbenen Freunden zurückzukehren . Von der neuerdings beabsichtigten Vergiftung des inzwischen Ermordeten , wozu sie die Hand hatte reichen sollen , schwieg sie . Wie gewöhnlich versah auch Bianca an diesem Abend bei Tisch das Amt einer Dienerin mit der ihr eigenen Anmuth und Grazie . Adrian suchte sich möglichst zu beherrschen , um nicht den schrecklichen Hohn der grausamen Schönen zu reizen und sich durch eigene Schuld brennende Schmerzen zu bereiten , allein ganz vermochte er seinem Vorsatze nicht treu zu bleiben , und so suchte denn sein Blick mehr als einmal mit flehender Sehnsucht das diabolisch lächelnde Auge seiner entzückenden Peinigerin . Von dieser unseligen Leidenschaft abgesehen , war Adrian seit Mittag ein fast heiterer und glücklicher Mensch geworden . Der Tod Klütken-Hannes ' entriß ihn plötzlich aller Sorge . Der gefürchtete Bruder war von Mörderhand gefallen , ohne daß er eine Ahnung davon gehabt hatte ; mit dem Ermordeten war das Geheimniß begraben , das ihm ( dem Grafen ) noch schwere Stunden und ein trübes Schicksal hätte bereiten können . Niemand konnte jetzt gegen ihn klagen , ihn als Mörder denunciren ; denn die etwaigen Aussagen Blutrüssels , von dem er von jeher nichts hatte wissen wollen , konnten ihn selbst in keiner Weise compromittiren . Bianca blieb bis nach zehn Uhr bei Adrian , dann verabschiedete sie der Graf , indem er um die Vergünstigung bat , sie küssen zu dürfen . » Weshalb ? « fragte die Schöne . » Sie wissen , daß ich Sie hasse , Ihnen alles nur mögliche Böses wünsche , daß ich , so lange es mir vergönnt ist , als Furie um Ihr Lager wandeln werde . Wie also können Sie mich küssen wollen ? « » Um Sie zu versöhnen , armes , verblendetes Kind ! Es ist dies ja meine Pflicht . Oder sehen Sie nicht ein , daß ich das Unrecht , welches ich Ihrer Schwester zugefügt habe ( hier bemühte sich Adrian schwermüthig zu seufzen ) an Ihnen wider gut machen muß ? Ich bin nicht so schlecht , als Sie und mit Ihnen so viele meiner Feinde glauben ! Die Verhältnisse allein sind es , die meinem Charakter eine Richtung gegeben haben , welche der allzustrenge Sittenrichter als eine bösartige bezeichnen kann . Sie sehen , ich bin offen , Bianca ! Ich gestehe freimüthig meine Schwächen und Untugenden , ja , ich bereue sie aufrichtig . Und dennoch stoßen Sie die Hand des Reuigen von sich , kehren dem , der sich bessern will und nur einer liebevollen Leitung dazu bedarf , verächtlich den Rücken ? - O das ist nicht liebreich , Bianca ! Das widerstreitet dem christlichen Sittengesetz , in dem wir doch Beide erzogen worden sind , so oft wir auch später dagegen gefehlt haben mögen ! - Also ... Vergebung , Bianca , Vergebung um der Liebe willen , die ja Alles heilt , Alles söhnt , Alles bindet ! Vergib mir und Du erfüllst das Gebot Christi ! « Adrian erhob flehend seine Hände zu Bianca , die stolz lächelnd vor ihm stand . » Bemühen Sie sich nicht weiter , Herr Graf , mich durch geübte Heuchelei und wohl einstudirte Verstellung meinem Vorsatz abwendig machen zu wollen , « erwiederte sie höflich . » Ich habe Sie durchschaut und lasse mich nicht von Ihnen täuschen . Ich weiß , was ich von Ihrer Zerknirschung zu halten habe ! Ihrem Wunsche gemäß bin ich in ihre Dienste getreten . Diesen Diensten unterziehe ich mich mit Aufopferung aller meiner Kräfte und mit größter Sorgfalt und Pünktlichkeit . Das ist ' s , was Sie von mir zu fordern haben , was ich leisten muß und leisten werde , bis unser Abkommen zu Ende geht . Ich würde Sie außerdem meiden , allein Sie wünschen meine Gegenwart und so bleibe ich denn Ihnen zur Qual , weil dies der Wille der Vorsehung ist . Gute Nacht , Herr Graf . « Bianca ging , Adrian war allein . Die Fabrikuhr schlug halb eilf . » Ihre Liebe und ich wäre glücklich ! « murmelte der einsame , von Allen verlassene vornehme Mann . » Aber sie ist ein Dämon - ein entzückender Dämon , bei dessen Erscheinen ich Himmel und Hölle zugleich in mir fühle ! - Diese Raserei der Leidenschaft wird mich noch tödten , wenn ich dieser unnatürlich schönen Gorgo nicht das Herz im Busen umwenden kann ! « Er machte einen Gang durchs Zimmer und trat dann an ' s Fenster , um einen Blick auf See und Haide zu werfen , die im weichen bläulichen Silberlicht des Mondes zauberisch glänzten . » Wie die Stunden schleichen ! « rief er aus . » Wäre es nur erst Mitternacht , damit ich den entsetzlichen Menschen für immer los würde ! ... Diese Abrechnung , warum denn fürchte ich sie ? Warum schlägt mein Herz lebhafter , wenn ich an sie denke ? Warum überrieselt es mich kalt , weil ich mit einem Manne , den das Ungefähr zu meinem Halbbruder gemacht hat , in stiller Nacht , einsam , von Niemand beschützt und bewacht , ein ernstes Gespräch halten soll in einem Saale meiner Fabrik ? ... Wird er mich tödten ? ... Nein , denn er ist ein ehrlicher , obwohl rachsüchtiger Mann . Und er hat mir versprochen , das , was er seine Waffen nennt , so zu wählen , daß die Vortheile auf beiden Seiten gleich vertheilt sein sollen ... Warum also diese Furcht , die mein Verstand thöricht nennen muß ? ... Warum dieses Zweifeln , das mich einer Feigheit bezüchtigt , die ich doch früher nie gekannt habe ? « Und Adrian setzte sich , in trübes Nachdenken versunken , in den weichsten seiner Lehrstühle , neigte den Kopf auf seine Hand und schloß die Augen . So saß er lange , lange ; man hätte glauben können , er schlafe , wenn er sich nicht bisweilen bewegt , den Kopf geschüttelt oder tief und schwer Athem geholt hätte ... Allemal , wenn die Schläge der Uhr in der völlig windstillen Nacht verhallten , richtete er sich auf und sah hinaus auf den See . Dann nahm er seine frühere , halb nachdenkende , halb ruhende Stellung wieder ein . Als es zwei Viertel nach Eilf geschlagen hatte , belebte sich der See . Die Arbeiter aus dem Dorfe ruderten sich nach der Insel , um nach Mitternacht ihre Brüder und Schwestern abzulösen . Jetzt stand der Graf auf , öffnete das Fenster und sah starr hinaus auf den glitzernden See , über welchen unter leise rauschenden Ruderschlägen die dunkeln Nachen herüberglitten nach der Felseninsel . Obwohl der Mond sehr hell schien , konnte er doch Niemand erkennen , denn es flirrte ihm vor den Augen , so regte ihn die Erwartung auf . Endlich landeten die Nachen , die Arbeiter stiegen an ' s Land und schlugen unter verworrenem Gespräch truppweise den Weg nach der Fabrik ein . Adrian hörte ein dreimaliges Händeklatschen . » Er kommt , « sagte er und sein bleiches aschfarbenes Gesicht wurde noch bleicher und fahler . Dann beantwortete er das Zeichen auf die nämliche Weise . Langsam schritt Martell , als bereits sämmtliche Arbeiter verschwunden waren , gegen Adrians Villa vor . Seine hohe Gestalt war im vollen klaren Mondlicht deutlich zu erkennen . In größerer Entfernung unweit der Scheuer , wo sich der Weg aufwärts nach dem Felsen zog , glaubte der Graf noch zwei andre Gestalten zu bemerken , doch konnte er nicht bestimmt sagen , ob er sich nicht vielleicht getäuscht habe . Ihre Schatten verschwanden ebenfalls auf dem Sandwege zu den Fabrikgebäuden . Adrian beugte sich jetzt weit aus dem Fenster , winkte Martell , der unsern des Hauses stehen blieb , schloß das Fenster , löschte die Lichter aus und verließ sein Zimmer . Vor Biancas Thür blieb er einige Augenblicke stehen und horchte . Es war still darin ; seufzend , eine gute Nacht mit sehnsüchtiger Lippe lispelnd , schritt der Graf die Treppe hinunter , schloß die Hausthüre auf und sah sich dem finstern Halbbruder gegenüber . - Zwischen Beiden ward kein Wort gewechselt . Sie begrüßten sich nur mit Blicken , in denen Jeder die Gedanken des Andern zu lesen suchte . Martell war eben so bleich , wie Adrian , Hände und Arme zitterten ihm merklich . Neben einander fortschreitend schlugen sie den Weg nach der Fabrik ein . Sie gingen sehr langsam , um den Arbeitern nicht zu begegnen , die sich im Hofe versammelten und daselbst so lange warteten , bis die Fabrikglocke das Ende der Arbeitszeit verkündigte . Mit dem Schlage zwölf standen sie unter dem ehemaligen Burgthore , über dessen gothischer Wölbung das verwitterte Wappen der Boberstein mit seinen Emblemen und seiner colossalen Grafenkrone , wie sich unsere Leser erinnern werden , noch sichtbar war . » Zur Seite ! « sagte Martell , das erste Wort , welches die feindlichen Brüder mit einander wechselten , und deutete nach einer tiefen Mauerblende , die wohl in früherer Zeit als Wachthaus benutzt worden sein mochte . Diese Blende lag im Schatten und war geräumig genug , um zwei bis drei Personen fassen und verbergen zu können . Die Brüder traten in die Vertiefung und ließen hier , den Blicken Aller entzogen , die Schaar der abgelösten Arbeiter schweigend an sich vorüberwandeln . Erst als es wieder still geworden war , verließen sie ihr Versteck und betraten den fünfeckigen großen Hof der Fabrik . Zwei pechschwarze Rauchwolken stiegen fast senkrecht aus den beiden thurmhohen Schornsteinen , neigten sich aber durch einen seltsamen Zufall , welchen der Luftzug in den obern Regionen der Atmosphäre herbeiführen mochte , so gegen einander , daß sie ein colossales Kreuz bildeten , welches tief schwarz und unbeweglich gerade über dem Hofe stand und sich scharf gegen den glänzenden Nachthimmel abzeichnete . Adrian bemerkte dieses Kreuz zuerst , blieb stehen und machte seinen Begleiter darauf aufmerksam . Gleichgiltig betrachtete es Martell , sein fest verschlossener Mund verzog sich zu einem matten Lächeln , er zuckte die Achseln und ging nach der Fabrikthüre , die zu seinem Saale führte . Auf diesem Wege mußten sie an Blutrüssels Kerker vorüber und Beiden schien es , als belustige sich der Gefangene damit , daß er in einem gewissen Tacte Schläge gegen die Mauer führte . Sie beachteten indeß dieses Geräusch durchaus nicht , da sie mit sich selbst viel zu beschäftigt waren . An der Treppe blieb Martell stehen und lud Adrian durch eine Handbewegung ein , ihm voranzuschreiten . Stirnrunzelnd und einen scharfen mißtrauischen Blick auf den Halbbruder werfend , gab er dem Verlangen seines ehemaligen Spinners nach . In diesem Augenblicke schritten noch drei Männer durch ' s Thor auf den Hof . Diese waren Aurel , Gilbert und Vollbrecht . » Wo können die seltsamen Menschen hingegangen sein ? « sagte der Kapitän . » Ich sehe Niemand . « » Ohne Zweifel in den Saal der Spinner , deren Arbeiter nach strenger Weisung des Herrn Grafen in dieser Nacht Urlaub erhalten haben , « erwiederte Vollbrecht . » Aber das ist ja unbegreiflich räthselhaft ! « » So lassen Sie uns eilen , damit wir es enträthseln ! « Drei Minuten später erstiegen die drei Freunde dieselbe Treppe , die so eben erst unter den Fußtritten Martells und Adrians geseufzt hatte . Sechstes Kapitel . Das Duell . Wir haben schon erwähnt , daß die Nacht sternhell und still war . Die halbvolle Mondsichel goß ihr silbernes Licht in blendender Fülle über die schlummernde Gegend und spiegelte sich in den zahllosen Fensterscheiben der Fabrik . Zögernd betrat Adrian von Martell gefolgt den Spinnsaal . Bei dem Anblick der jetzt ruhenden Maschinen mit ihren tausend Rädern und Zangen , mit den unheimlichen Hebeln , Stangen und Bügeln , mit den gezahnten Wellen , die sich in Manneshöhe kreuzten und verbanden , und auf deren polirtem Stahl jetzt der Mond seine bleichen Flammen spielen ließ , überlief den Herrn am Stein ein kalter Schauer . Noch niemals hatten seine Maschinen einen so gewaltigen , so grauenhaften Eindruck auf ihn gemacht . Er dünkte sich in einen Gerichtssaal versetzt , um von unsichtbaren Geschworenen einstimmig und erbarmungslos verdammt zu werden , und schaudernd mußte er des wüsten Traumes gedenken , der ihn am Morgen vor der Einbringung seiner verbrecherischen Söldlinge gefoltert hatte . Ja , das war derselbe Saal , in dem er sich damals unter körperlosen Arbeitern qualvoll wandeln sah ! So schwarzblau , kalt und eisern glänzte in jener Traumnacht über ihm der Himmel , so hell und blendend und ohne Wärme schien der Mond in die weiten Räume . Genau so lange düstre ölige Flammen lohten aus den gläsernen Lampenhüllen und verbreiteten einen widerlichen stinkenden Dunst im öden menschenleeren Saale ! - Adrian blieb wie verzaubert an der Thür stehen und richtete seine fragenden Blicke auf Martell . Dieser lächelte , winkte dem Halbbruder und schritt nun mit ihm den breiten Gang entlang , welcher den Saal in zwei gleiche Hälften schied , bis etwa in dessen Mitte . Hier befanden sich hart neben einander die beiden Spindelfluchten , an denen Martell und Simson gearbeitet hatten , von deren Kämmen dem kleinen Hans der Fuß abgerissen worden war und wo Adrian Maja ' s Tochter als Leiche dem jammernden Vater zum Neujahrsgeschenk aufbewahrt hatte . Man hörte das Surren der Maschinen aus den übrigen Sälen , in denen gearbeitet wurde , das Sausen und Zischen des Dampfes und empfand das schütternde Dröhnen des ganzen Gebäudes , im Uebrigen aber unterbrach kein Laut die mitternächtliche Stille . » Wir sind zu Stelle , « sagte Martell . » Hier ist der Ort , wo Sie mir Genugthuung geben werden , Herr am Stein . « Adrian verneigte sich