Strauß sehen , von welchem Alt und Jung erzählt , oder das ungeheure Elephantenthier , in dessen Wanst , wie das Volk behauptet , der Teufel selbst stecken soll ? « - » Besieh Du allein diese Seltenheiten , « erwiederte Dagobert kopfschüttelnd : » laßt mich jedoch hier unter der Menge von Menschen , die mir größtentheils fremd sind , und folglich auch meine Bürde nicht kennen . « - » Glaubt Ihr denn , ich würde Euch allein lassen , guter Freund ? « fragte Gerhard lachend : » Behüte Gott ; ich bin wie zu Eurem Wächter bestellt . Ihr wärt im Stande , in Euerm Trübsinn geradezu in den Strom zu gehen , oder Euch zum Mindesten von dem einfälltigsten Spitzbuben Eure Börse vom Gürtel stehlen zu lassen ; - denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein ansehnlich Gelichter . Wenn der Markt eingeläutert ist , mögen Schelme und Strolchen zur Stadt kommen , bis wieder ausgeläutet wird . Wohl dann den Liebesrittern , wenn sie viele solche Junkherrn antreffen , die , wie Ihr , eihergehen , die Hände auf dem Rücken , die Augen in der Luft , und nicht bemerkend , was um sie her sich begibt . Schaut ! während ich so rede , hat sich ein abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedrückt . Zieh ' aus , Schelm ! « - Dagobert blickte neben sich , und ersah einen Menschen , welcher der drohenden Geberde Gerhards entlief , und im Entspringen gegen den Edelknecht höhnisch die Zunge herausstreckte . - » Pfui ! « rief Dagobert : » welch ein abscheulich Gesicht , entstellt noch obendrein durch das Pflaster , das die Höhle des verlornen Auges bedeckt . Wahrlich ! wären dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen , ich würde ihn für des elenden Judenknechts Ebenbild halten , den ich einmal von den Schranken schlug . - Wer weiß , « - setzte er nach langem Schweigen hinzu : » wer weiß auf welchem Anger der Schädel des Bösewichts bleicht , ... aber sein schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich wehmüthigen , - mit Esther ' s Gedächtniß , daß ich schier Thränen in meinem Augenwinkel fühle . « - » O weh ! « klagte Gerhard ärgerlich : » da sind wir wieder auf der alten Fährte . Die Pest über alle Liebesnarren . Das Gesicht des häßlichen Gauners erinnert sie an ihres Liebchens Antlitz . Kaum wage ich ' s , Euch auf jene Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen , die kosend und lachend an des Goldschmieds Laden stehen . Der glatzköpfige Bube hatte gewiß lange keinen so freundlichen und willkommenen Besuch . Seht wie er in seinen kleinen Schreinen kramt und wühlt , als ob seine gichtbrüchigen Finger erst vor sechzehn Jahren gewachsen wären ; wie er den Mund süßlächelnd zusammenkneift , daß die blühenden Dirnen das mangelhafte Gebiß nicht bemerken sollen . Euch , liebes Herrlein , ist freilich seit geraumer Frist der Anblick schöner Weiber ein Gräuel geworden . Erlaubt aber immerhin , daß ich mich ein Weilchen daran ergötze . Das runde kleine Mägdlein in der Ecke , - dasselbe , das so verlegen in dem Kästlein sucht , und an ihres Gürtels Hacken ebenfalls etwas zu suchen scheint , - ich weiß nicht was ? - Das Mägdlein sticht mir ganz besonders in die Augen , und wen mich diese nicht hinters Licht führen , so ist die Maid eine Bekannte , sowohl von Euch , als auch von mir . « - » Wer ? wer ? « fragte Dagobert hastig , warf einen Blick nach der Bude , und ein hoher Grad von Überraschung malte sich in seinen Zügen : » Ist das nicht , « .. setzte er staunend hinzu - » ist das nicht das Fräulein ... Regina ... von Dürning ? « - » Freilich ! « erwiederte der Freund : » das liebliche Fräulein von Dürning , wie es leibt und lebt . Wer ist denn aber der junge Mann , er vor mir steht ? Seyd Ihrs denn noch , Freund Dagobert ? euer Gesicht glitzert ja wie das Abendroth ? « - » Thut es das ? « fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen Ängstlichkeit : » O so komm ' , alter Kumpan , komm ' , laß uns von dannen eilen . « - » Warum zupft Ihr mich so ungestüm am Ärmel ? « lachte Gerhard : » ein schön Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze , die uns begehren könnte . Macht der schönen Maid Eure Reverenz und geht dann ! « - » Um Gotteswillen nicht ! « entgegnete Dagobert ängstlicher , und suchte zu entkommen ; allein im Nu drehte sich auch Reginens Gesicht nach dem seinigen , und die Flucht mußte unterbleiben . Das anmuthige Geschöpf , obschon in dessen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung ihre Rosensaat ausgestreut hatte , neigte sich freundlich gegen den Erkannten , und faltete wie flehend die zierlichen Hände , mit der Bitte doch absobald näher zu treten . Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen , und näherte sich fragenden Blicks . Regina flüsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr : » Ach , mein lieber , ehrenwerthester Junkherr ! Ihr erscheint , recht wie ein Engel , mir zum Troste . Die blasse Kunigunde dort , eine liebe Gespielin von uns allen hier Versammelten , geht zum Advent in ' s Kloster , und sie soll ein Andenken von uns Allen haben . Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette , sagt man . Eine jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt , zum Geschenk für die Freundin , und auch ich nicht minder ; da gewahre ich jetzt erst , daß mir ein böser Mensch meiner Wetscher vom Gürtel gestohlen hat . Meine kleine Baarschaft war darinnen , und doch möchte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Käuferin oder Borgerin angesehen , noch von des Vetters hochnäsigen Töchtern ausgespottet werden . Werdet Ihr daher Bürge für mich , lieber Junkherr . Die Mutter wird , sobald als ...... « - Die Liebliche durfte nicht ausreden , und schon hatte der Kaufmann , was ihm gehörte . Wie nun Dagobert bemerkte , daß sein Gefährte mit den übrigen Jungfrauen in ' s Gespräch getreten war , und diese Letztem begierig auf die Fabeln horchten , die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab , so sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina : » Ihr werdet mir doch wohl erlauben , mein anmuthiges Fräulein , daß ich den Augenblick , in dem ich so glücklich war , Euch einen geringen Dienst zu erweisen , ebenfalls an eine Kette legen darf , wie Ihr mit dem Gedächtniß Eurer Freundin zu thun begehrt ? Der einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne , die nur in stiller Zelle dergleichen Weltherrlichkeiten beschauen darf ; Euerm Liebreiz und Eurer freien Jugend gebührt jedoch ein schönes Geschenk . « - Somit langte er mit sicherm Finger in des Goldschmieds Vorrathskasten , und holte den allerschönsten Ring heraus , der sich unter den übrigen ausgenommen hatte , wie ein König unter seinen Vasallen . Er war von wälscher Arbeit , und hielt einen Saphir umfaßt mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen . Regina wußte nicht , wie ihr geschah , als ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob , wo die vornehmsten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten , und mit einem gewissen Befremden , mit einer süßen ahnenden Lust jedoch zugleich , sah sie auf das Juwel hernieder , ohne mit Worten es anzunehmen , ohne sich dessen mit Worten zu weigern . Der Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit , mit welcher Dagobert ihm seine Forderung bewilligte , erzählte mit geläufiger Zunge , daß solch ein Wunderwerk in deutschen Landen nicht gefertigt worden , sondern , daß Neapolis dessen Heimathland gewesen ; daß vor einem Jahrzehnd ungefähr eine vornehme Frau dieses Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfändet , und auch nach verstrichener Lösefrist gelassen habe , und setzte schelmisch lächelnd und flüsterlich hinzu : » Der gestrenge Herr möge nicht übersehen , daß dieser Ring ein Verlobungs- und Ehereif sey . « - Unangenehm überrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin , welches Regina so eben wieder vom Finger zog , und sinnig lächelnd betrachtete . » Ja , ja , .... « lispelte sie , wie in einem holden Traum befangen , vor sich hin : » Das war er .... der war gemeint ; .... « - wandte sich dann zu Dagobert , und sagte mit einer Verneigung : » Es ist vielleicht nicht recht , mein edler Herr , daß ich von Euch ein Geschenk empfahe , und obendrein will sich ein köstliches , wie dieses , für mich nicht ziemen , aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch . Wollt mir jedoch nicht zürnen , wenn ich ihn nicht am Finger trage , sondern der Nonne gleich , in einsamer Zelle nur beschaue . « - » Thut , wie ' s Euch gefällt , « entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert ; » Doppelt geehrt ist ein Geschenk und dessen Geber , wenn man es der stillen Aufmerksamkeit würdigt , ohne sein im alltäglichen Gebrauche zu vergessen . « - Regina warf einen verlegenen Blick auf den Jüngling , und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder . Nun erst besann sich das Fräulein auf ihre Gespielinnen , allein diese waren indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Straße gefolgt , wo ein Wildbär in starken Ketten tanzen mußte , um welches Schauspiel sich eine Fluth von Neugierigen drängte ; Dagobert schlug seiner holden Gefährtin vor , sie dahin zu führen . - » Was soll ich in dem wilden Gewühl ? « fragte sie sanft und mit leuchtenden Augen : » Vor Allem , was soll ich jetzt dort ? Führt mich lieber zu unsrer Wohnung , guter Junkherr . Die Mutter wird sich freuen , Euch wieder zu sehen . « - » Ei , « lächelte Dagobert : » der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen diese Worte spracht , ließe mich beinahe das Gegentheil vermuthen . Wie kommt es überhaupt daß Ihr , die Herrlichkeit der Messe anzuschauen , in Eures steifen Vetters Haus gezogen seyd , welches in abgelegner , finstrer Gasse steht , und nicht vielmehr in das unsrige , mitten im Gewühl emporragende , in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief ? « - Regina betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe , und antwortete anfänglich gar nicht . Alsdann erwiederte sie zögernd : » Fragt mich doch nicht , ehrsamer Herr . Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten , und ich darf es ja auch nicht . « - » Ihr kommt mir räthselhaft vor , « versetzte Dagobert , dem die Wangen heiß wurden , ohne daß er sich bewußt war , warum : » Hingen Eure Augen nicht so fest am Boden hin , wie Eure zierlichen Füßchen , ich möchte wohl die Wahrheit in ihrem klaren Spiegel erforschen . Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu trüben . Was ist ' s , daß Euch ein Kind des Himmels zu bekränken vermag ? « - Regina seufzte schwer , und entgegnete so leise , daß kaum der lauschende Dagobert sie vernahm : » O Herr , auch ich habe meinen Gram , wie jeder andre Mensch , ... wie Ihr zum Beispiel selber , Junkherr . « - » Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden bewahren ! « rief der junge Mann erschrocken : » Eure Leid ist nur das eines harmlosen Kindes , und vergeht schnell wie der Märzschnee , aber ich , ich sehe meinem Trübsinn kein Ende . « - Da blickte ihn Regina von der Seite an , mit einem Gesichte , als wollte sie sagen : Schelm ! Du solltest ewig grämlich bleiben ? - Ihr Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte : » Nehmt Euch zusammen , Herr . Macht doch Euch , euern Ältern , und nur Euern Freunden wieder Freude . Glaubt mir , euer Trübsal wird sich endigen , und bald , sage ich Euch . « - » Ho , mein Fräulein , « versetzte Dagobert leicht scherzend : » Seyd ihr etwa eine weise Sybille , die in der Zukunft oder in den Sternen liest ? Prophezeit mir nur recht viel Gutes , reizendes Wunderkind . Was Eure Kirschenlippen verkunden , muß der Himmel verwirklichen , wie eines Engels Ausspruch . « - Regina schüttelte heimlich lächelnd den Kopf und erwiederte : » Ihr redet heidnisch , denke ich . Hier bedarf es jedoch nur einer tröstenden Zuversicht . Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter gestellt , und sie wird mir gnädig seyn , das weiß ich ; seit einer Stunde weiß ich ' s ganz gewiß . « - » Seit einer Stunde ? « fragte Dagobert neugierig und ahnend : » O , mein Fräulein , Ihr versteht es , einen ehrlichen Burschen auf die Folter zu legen . Wer hat Euch denn gesagt .... ? « - » Der Ring , den Ihr mir gabt , hat mir Alles gesagt ; « platzte Regina heraus , und setzte schnell hinzu , gleichsam , als fürchte sie , für ihr Zartgefühl zu viel gesagt zu haben : » Nun aber kein Wort mehr , guter Junkherr . Seit die Glocken läuten , stehen wir schon an des Vetters Thüre . Wenn die Mutter mich sah , so ergeht mir ' s nicht gut . lebt wohl , mein Freund ; ich sende Euch durch Ammon , was Eure Güte für mich ausgelegt . « - » Warum diese Erinnerung zum Abschiede ? « fragte Dagobert , dem es jetzt schwer fiel , sich von der Anmuthigen zu trennen : » Sagt mir lieber , ob ich Euch nicht wiedersehe ? sagt mir , wann es geschieht . « - » Ihr fragt mich zu viel , « antwortete Regina eilig und ernsthaft : » daß wir uns aber wiedersehen .... verlaßt Euch darauf . « - Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte verschwunden , und Dagobert ' s Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang , in dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte . Eine rauhe Stimme ließ sich hinter ihm mit einem gezogenen : » Guten Tag , edler Herr ! « vernehmen . - » Wie ? Du hier , altes wildes Gesicht ? « fragte Dagobert den begrüßenden Ammon , der mit einem Korbe beladen , in ' s Haus wollte . - » Euch zu Diensten , gestrenger Junker ! « antwortete der Alte . » Mögt zugleich wissen , daß auch die Edelfrau zu Frankfurt ist , und in kurzer Frist hier seyn wird . Sie folgt mir auf dem Fuße . Laßt Euch hier nicht von ihr finden , Herr . « - » Warum denn nicht , alter Jäger ? « - » Als ob Ihr ' s nicht wüßtet ! « versetzte hämisch lächelnd Ammon : » Ihr verrückt Getauften wie Ungetauften den Kopf , und das Schlimmste bei der Sache ist , daß Ihr ausseht , als hättet Ihr nimmer ein Wasser getrübt . « - » Du bist toll , Alter . « - » Ich nicht , aber das Fräulein wohl mit mitunter , denn es spricht nur von Euch , denkt nur an Euch , und ich wette , seine Träume sind nur von Euch , und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt , was soll die Mutter anders thun , als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe ? Macht , daß Ihr von dannen kommt . Ihr wißt nun zu Deutsch , was die Glocke schlug , und mögt Euch darnach richten . Gott befohlen . Dort kömmt die Frau von Dürning . « - Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der innern Gewalt , die in seiner Seele aufbrauste , und ihn von dannen riß vor der nahenden Edelfrau , wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jäger , wie einen flüchtigen Feind vor dem Verfolger . Genug , er entging den Blicken der Frau von Dürning schnell und gewandt , und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Athem , um zu überlegen , warum er eigentlich die Flucht ergriffen . » Habe ich denn ein böses Gewissen ? « fragte er sich aufrichtig und ehrlich , und glaubte , die Frage verneinen zu dürfen . » Weßhalb also diese plötzliche Scheu ? Wenn ich glaube , was mein Herz mir zuflüstert , so fürchte ich , daß Regina meiner Nähe gefährlich werden könnte . Und welcher tückische Geist mußte mich verleiten , ihr das Geschenk zu bieten , das , ich fühl ' es , plötzlich zu einem geheimen zauberischen Bindemittel zwischen uns geworden ist ; der Ring einer Kette , die uns zu vereinen strebt , obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstoßende Hälften ? Gehört denn nur ein Augenblick dazu , die Vorsätze eines Mannes zu zertrümmern , ein geliebtes Bild zu vernichten , und ein andres an dessen Statt aufzustellen ? nur ein Augenblick , um mit Schaam die Blicke zu verschleiern , die noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen ? - Nicht doch , Dagobert ; « setzte er hinzu , und ermannte sich gewaltsam : » Was dir den Mangel an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zuflüstert , - das ist nicht ... nein ! das ist nie gewesen . Esther ! Deine Vorurtheile , Deine Härte haben Dich von mir geschieden , aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnsüchtig nachweinen . Du hast meine Brust zerfleischt , aber diese Brust fühlt bis zum letzten Lebensfunken nur für Dich . Den Schwur , den ich Deinem Angedenken leistete - ich will ihn halten . Vom Altar riß mich das Flehen meines Vaters , aber nicht in die Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stoßen , so lange Du lebst , Geliebte , - und wie könnte ich Dich überleben ? - so lange Du mir treu bleibst , trotz Trennung und Glaube , - und wie könnte mein Gehirn so wahnsinnig und verbrecherisch seyn , Deine Untreue nur möglich zu achten ? « - Dagobert , nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefühl und Gewissen in ' s Reine gekommen zu seyn glaubte , bemerkte , daß sein Selbstgespräch , oder vielmehr die Geberden , mit welchen er dasselbe begleitete , Zuschauer an die kleinen Fenster der umstehenden Häuser gezogen hatten . Er schämte sich deßhalb , hier ein Schauspiel gegeben zu haben und eilte mit hastigen Schritten , in der nächsten Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner Gemüthsbewegung zu mäßigen . Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine glühende Stirne kühlte unter dem Zeichen des Kreuzes , kam ihm aus dem Halbdunkel des Betgewölbes , in welchem sich - die Mittagsstunde nahte - nur wenige Gläubige befanden , eine Frauengestalt entgegen , die , bekannt und freundlich zwar , ihm schon lange eine Gleichgültige geworden war ; jetzo aber , Dank sey es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen Gewissensforschung , einen neuen Werth für ihn erhielt . - » Ei , mein Bäschen ! « fragte er leise und vertraulich , die Hand der Entgegenkommenden fassend : » Bäschen Fiorilla ! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns , was unter dem unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt . Woher , wohin , mein Kind ? plaudre mir die Grillen weg durch ein paar süße wälsche Worte , Bäschen . Wir sind hier ungestört und zu Hause meidest Du mich ohnehin wie das Fieber . « - » Wir meiden uns gegenseitig ; « lächelte Fiorilla : » Ihr , weil Eure Schwermuth jede , vor allen weibliche Gesellschaft flieht . Ich , weil meinem Herzen nichts gefährlicher ist , als der Anblick eines traurigen Jünglings , der von Liebesgram verzehrt wird . Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwünscht . Für ' s Erste darf ich Euch Lebewohl sagen . Morgen scheiden wir . « - » Scheiden ? « fragte Dagobert zerstreut : » wer denn ? Du von mir ? « - » Der höchwürdige Oheim und Prälat , « versetzte das Mädchen ; » und in seinem Gefolge ich , seine treue Dienerin . « - » Ja , ja , « sprach Dagobert wie oben , und Fiorillen theilnehmend ansehend : » Ja , gute Fiorilla . Du bist dem Satan verfallen auf immerdar . Weine nicht , mein Kind , ich habe es nicht böse gemeint , und um der Taufe willen muß man sich auch schon etwas gefallen lassen . Zürne mir nicht , und sage mir lieber , was den Ohm forttreibt ? Er vermißt gewißlich hier das wälsche Ungeziefer , die wälsche Zaunkönigskost , und unser Rinderbraten ist ihm ein Gräul geworden . Nicht also ? « - » O nein , bester Dagobert ; « erwiederte Fiorilla : » er thut nur , was ihm einzig übrig bleibt . Er hat von der Nichte wieder angenommen , was er ihr einst großmüthig abgetreten , sein Gut zu Baldergrün ; zu glücklich , auf einer deutschen Hufe sein Leben beschließen zu können , da zu Cesena Glück und Ehre ihm verloren ging . Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen , hatte ich das Haus verlassen , und bin erfreut , auf der Rückkehr von den Geschäften Euch zu begegnen , bester Junherr ! « - Mit feuchtem Blicke drückte sie die Hand des Jünglings , und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebäudes , wo selbst noch Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten . - - » Zugleich , « spann sie dort den Faden des Gesprächs weiter , ... » zugleich bin ich entzückt , vom Zufall in den Stand gesetzt zu seyn , Euch eine Kunde mitzutheilen , die , je schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag , um so wohlthätiger in ihren belohnenden Folgen sich bewähren wird . « - » Eine schmerzlich Kunde ? « fiel Dagobert ein : » Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt , und sehne mich nach einem harten Schlage des Schicksals ; der durch seine Übermacht meine Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand . Indessen scheint Dir vielleicht schmerzlich , was mir gleichgültig geworden . Vater , Mutter und Neffe leben und freuen sich des Lebens . Da bin ich also nur von einer Seite verwundbar , und diese wird Dein Pfeil nicht treffen . « - » Und wenn ich Euch den Namen : Esther nenne ? « fragte Fiorilla langsam , ihm prüfend in ' s Auge sehend . Seine Farbe veränderte sich mit einemmale , seine Hand fuhr nach der Brust , und ohne zu reden , nickte er der Freundin zu , ihre Mähr anzuheben . - » Esther ist hier , « sprach Fiorilla gemäßigt : » ich habe sie gesehen , gesprochen . Der Zufall führte mich heute bei ihr ein , wie einst zu Costnitz meine Neugier . « - » Hier ? gesehen , gesprochen ? « stammelte Dagobert , mit ängstlich wartendem Auge des fernern Berichts lauschend . - » Ihr früheres Unglück in dieser Stadt zwingt sie , in Verborgenheit zu leben , « fuhr Fiorilla fort : » aber , wär ' auch dieses nicht , ... Euch , Dagobert , würde sie nimmer sehen , und Ihr letztes Lebewohl Euch zu bringen , hat sie mich beauftragt . « - Dagobert fühlte nach seiner Stirn , um sich zu überzeugen , daß er wach sey , daß er lebe , daß er selbst es sey , der Alles dieses höre , entgegnete aber keine Sylbe . Fiorilla sprach weiter : » Ihr würdet sie kaum mehr erkennen , denn selbst das scharfe Auge der Liebe würde geblendet seyn , von der Pracht , dem Überfluß , welche die Holde umgeben . Wie eine Königin des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe , der in Freundschaft übergegangenen Liebe . « - » Also nicht im Elend ? « sprach Dagobert , leichter Athem schöpfend , und Fiorillens letzte Worte überhörend , vor sich hin : » Gottlob ! - Und auch nicht gut ; « setzte er mit Thränen im Auge hinzu : » Bin ich nicht der Bewahrer ihrer Habe ? Die Grausame ! als Bettlerin hätte sie mir wohl ihren Augenblick gegönnt , und des Herzogs Geld gefordert . Im Schooß des Reichthums verschmäht sie das falsche Erz und den treuen Freund . « - » Sie schont den letzten , « entgegnete Fiorilla , » und trägt billige Scheu , vor ihm zu erscheinen . « - » Wie ? « fragte Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe : » sie zweifelt an mir ? Hat sie mich denn jemals geliebt , wen sie dieses kann ? Weiß sie nicht , daß Liebe unendlich ist , wie die Sonne , und so mild , wie diese ? Sie hat mich zum Tode betrübt durch ihre Flucht , durch diese entsetzliche Täuschung meiner Hoffnung , aber sie ist ' s allein , die ich im Herzen trage . Sie kehre wieder ; kein Vorwurf betrübe sie , sie bettle nicht um Vergebung . Sie sey mein , sie werfe endlich Starrsinn und Vorurtheil weg ; sie empfange die Taufe des Herrn , und vor aller Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen ! « - » Zu spät ! « seufzte Fiorilla dazwischen , aber der leidenschaftliche junge Mann fuhr heftig fort : » Zu spät ? warum ? Sind wir denn in den wenigen Monden unsrer Trennung steinalte Leute geworden ? Findet sich kein Priester mehr , sie aufzunehmen in den Bund der Christen , zu segnen den unsern ? O Fiorilla , ich vertraue Dir ganz . Du hast gewiß zu meinem Vortheile geredet , aber die Sprache der Freundschaft überredet nicht wie die der Minne . Sprich , wo ist sie ? wo finde ich ihre Wohnung ? Den Feinden sey sie verborgen , dem Freunde nicht , daß er zu ihr rede , daß er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes , daß er sie wider Willen führe zum Glück ! « - » Zu spät ; « wiederholte Fiorilla mit Thränen des Mitgefühls im Auge : » indem wir sprechen , entführten leichte Rosse die Schönste ihres Volks diesen gefährlichen Mauern . Sie wird Euch nimmer wiedersehen ; aber ... « fügte sie langsam und eintönig hinzu : » des Herzogs Gold mögt Ihr bereit legen . Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen « . - Dagobert ' s Sinne drohten zu vergehen , und kalter Todesschweiß trat auf seine Stirne . Aber sich ermannend , drückte er grimmig Fiorillens Hand , und fragte mit bebendem Munde : » Wie sagtest Du ? Ihr Wann .... ihr Mann ? O wiederhole mir dies Schreckenswort . « » Einmal mußtet Ihr ' s doch erfahren ; « versetzte Fiorilla , die niederschlagende Rede mildernd , so gut es in ihrer Kraft stand : » ihr Ehemann , der Wechsler Joël von Lüttich , des Bischofs rechte Hand in Geldsachen , und reich , wie der griechische Kaiser . Esther ' s Bruder zwang sie , dem reichen Manne die Hand zu reichen , obschon ihr Herz geblutet . Allein , da der Bruder Gewalt über sie hat an Statt des noch bis heute räthselhaft verschwundnen Vaters , und keine Möglichkeit , Euch je mit ihr vereint zu sehen , sich zeigte , so ergab sie sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschicks , und wurde Joël ' s Weib . Seit drei Monden vermählt , ... « setzte Fiorilla schonend hinzu , » hat sie den redlichen Mann , wie sie versichert , lieben gelernt , und um so sichrer den Unverstand der ersten Liebe eingesehen , die niemals belohnt worden wäre . Sie wird Mutter werden ..... « » Genug ! « versetzte Dagobert mit bewegter Stimme : » genug ; obgleich diese letzten Worte mich nicht mehr erschüttern . Das Erste war allein vermögend , mich noch einmal zum Kinde zu machen , das , ohnmächtig und lächerlich zugleich , seine schwache Wuth gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen möchte . Esther abgewichen von der Bahn der Treue , von dem Gelübde , das ihr das eigne Herz aufgedrungen haben mußte , that es auch kein fremder Mund ? Das heißt Alles in sich fassen , das ein Männerherz zermalmen oder heilen kann . Und an diesem unerwarteten Schreckniß soll mein Herz nicht zerschellen . Genesen soll es , wie der Kranke , dessen Wunde ein glühend Eisen ausbrennt , mit schmerzlich wohlthätiger Gewalt ; ... wie der Vergiftete , dem der besonnene Arzt ein schrecklicheres Gift aufzwingt , damit es mit dem verderblichen Vorgänger in den Kampf gehe und ihn überwinde . Alle Segenswünsche der Erde über Dein Haupt , Fiorilla . Das Messer Deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten , daß sie gesunde . Über Dein Haupt der Segensruf der Glücklichen , die ich jetzo machen werde und machen darf . « - » Wie verstehe ich Euch ? « fragte Fiorilla neugierig und besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend . - » Es ist das Leichtste und das Angenehmste von der Welt ; « erwiederte Dagobert mit bitterm Lächeln : » ich will das vierte Gebot erfüllen und thun , wie mein