- Herr Graf , ich war sonst ein Mann , der einen und den andern Spaß mit dem Leben trieb und mit dem Tode auch , und ich konnte ausrufen : Himmel ! wenn die Hölle aufging , und derlei mehr - - Ach Leibgeber , Leibgeber ! Die Zeit hat weiche , kleine Wellen , aber am Ende wird doch der eckigste , schärfste Kiesel darin glatt und stumpf . « » Zählen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit , « ( bat Albano ) » jeden Tautropfen aus seinem Morgenrote zu , er war so karg mit seiner dunkeln Geschichte ! « - » Und das gegen jeden « ( sagte der Fremde ) - » So viel will ich Ihnen einmal aus wahren , an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen , daß er ein Holländer ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heißet wie Vaillants Affe , woran er Sieben oder Seven gesetzt ; denn Siebenkäs ist sein erster Name . Aus der Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden . An jedem Neujahrsabend verbrannt ' er die Papiere des vorigen Jahrs ; und wie seine Clavis Leibgeberiana bekannt geworden , begreif ' ich noch nicht . « - Darauf erzählte er ihren ersten Namen-Wechsel , wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm , dann jede Stunde und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen Armen-Advokaten , dann ihren zweiten Namentausch , wo Siebenkäs sich namentlich begraben ließ und als Leibgeber fortfuhr , und ihren ewigen Abschied in einem voigtländischen Dorf . Als Siebenkäs hier stand bei der Erzählung , faßte er die kalte Hand mit den Worten : » Schoppe , ich dachte , ich fände dich erst bei Gott ! « und neigte sich weinend über den Toten . - Albano ließ seine Tränen stürzen und nahm die zweite tote Hand und sagte : » Wir fassen treue , reine , tapfere Hände . « - » Treue , reine , tapfere « , wiederholte Siebenkäs und sagte mit einem Schoppischen Lächeln : » Sein Hund sieht zu und bezeugt es einmal . « Aber er wurde von der Bewegung blaß und sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus . Da berührten er und Albano sinkend sich auf dem kalten Gesicht , und Albano sagte : » Sei auch mein Freund , Lebendiger , wir können uns lieben , weil er uns liebte . - Blasser , deine Gestalt sei das Siegel meiner Liebe gegen deinen alten Freund . « Albano riß jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines in Süden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte : » So weint ' ich dreimal über das Leben . « - Siebenkäs drückt ' ihm die Hand und sagte bloß : » Die Parzen und Furien ziehen auch mit verbundnen Händen um das Leben , wie die Grazien und die Sirenen . « Er sah den seltenen schönen feurigen Jüngling mit innigster Liebe an ; aber Albano , der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwöhnt , wußt ' es nicht , wie sehr er das ruhigere Herz gewonnen hatte . 141 . Zykel Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurück . Er mußte nun in der plattgedrückten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben . Nur Pestitz wiederzusehen , wo alle Turniergenossen seiner glänzenden Tage verschwunden waren , den einzigen Dian ausgenommen , verabscheuete er ; » hat dieser sein Grab auf der Brust , so zieh ' ich und scheide von niemand « , sagte er . Da langte der verhaßte Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte weinerlich , er geh ' ins Kartäuser-Kloster , büße für viele Sünden , und er wolle vorher dem Neffen gern alles erklären , sowohl mit Worten als mit den Wagen , was er begehre . » Ich glaub ' Euch nichts « , sagte Albano . » Jetzt darf ich alle Wahrheit sagen , denn der Finstere tut mir nichts , ich denke , Cousin « ( versetzte der Spanier ) - » ist der da « ( setzt ' er leise mit einem scheuen Blick auf Siebenkäs dazu ) » nicht der Finstere , Cousin ? « Albano wollte nichts wissen und hören . Siebenkäs fragt ' ihn , wer der Finstere sei . » Es sei der unendliche Mann , « ( begann er ) » sehr schwarz und finster , und sei zum erstenmal vor ihn geschritten über das Meer her , als er an der Küste stand vor einem Nebel - nachts hab ' er ihn oft rufen hören , und zuweilen hab ' er seine Bauchreden wiederholt - er sei ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen , sobald er nach Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt , daher hab ' er sich in der Kreuzkapelle vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtet - aber jetzt , seitdem er sich ohne allen Schaden in der Kapelle bekehret habe , sag ' er den ganzen Tag Wahrheiten , und im Kartäuser-Kloster gedenk ' ers noch mehr . « » In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht , daher wird , glaub ' ich , eben das Gelübde des Schweigens gefodert , das immer der Wahrheit zuträglicher ist als dessen Bruch « , versetzte Siebenkäs . » O Ketzer , Ketzer ! « rief der Spanier so unerwartet zornig , daß Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam , so wie von dessen engerm Geistes-Umfang . Nun erst fragt ' er ihn über die Erde und den Samen aus , die er bisher gebraucht , um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben . Er ließ auf diese Frage einen Kasten herauftragen . » Fragt ! « sagt ' er . » Wie stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt ? « sagte Albano . Der Oheim schloß auf , zeigte eine Wachsfigur und sagte : » Es war nur ihre Mutter . « Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der Vermutung der Verwandtschaft , die ihm Schoppe eingeflößet : » Bin ich ihr verwandt ? « fragt ' er schnell . Der Oheim versetzte bestürzt : » Es wird wohl anders sein . « Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola ; » er oben mit Gas gefüllt , ich unten an der Mauer stand « , sagte der Oheim . Albano wollte nichts weiter wissen ; im Kasten waren noch Hör- und Sprachröhre , eine Gesichtshaut , blaues Glas , durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen , seidene Blumen mit Pulver von einem endormeur u.s.w. ; Albano wollte nichts mehr sehen . » Böses Wesen ! wer stiftete dich dazu an ? « fragte Albano . » Der starke Bruder , « ( sagte der Oheim , denn so nannte er den Ritter gewöhnlich ) » er gab mir zu leben , und er wollte mich totschießen ; denn er lacht sehr , wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden . « - » O keinen Laut darüber ! « ( rief Albano peinlich , dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tränen-Feuer und Gift aussprützte ) - » Unglücklicher ! wie wurdest du der ? « - » So ? Bin ich unglücklich ? « fragt ' er eiskalt . Er berichtete - aber abgebrochen und verworren , welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Rolle begegnete , indes er in fremdem Namen , z.B. des Kahlkopfs , gut und lange sprechen konnte - : er habe ein schwarzgraues und ein blaues Auge , seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen ; weil er nichts zu tun gehabt , denn er sei nie verliebt gewesen ; aber solang ' er nicht improvisiert , sei es nicht gegangen . - Den Joseph Clark , der alle Verwachsene nachmachen können , und den Betrüger Price , der in dreifacher Person herumgegangen , hab ' er immer im Sinne gehabt - Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des Ufers über dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt : » Peppo , Peppo ! 214 schluck das wahre Wort zurück , ich will das andere schon aussprechen « - Und von dieser Stunde an hab ' er die Bauchsprache gekonnt - Er habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und fremde Leute ins Theater gut reden lassen , aber niemand in der Kirche , und das hab ' ihn wohl ergötzt - Ein unaufhörliches Echo hab ' er oft auf Felsen gegeben , so daß die Menschen gar nicht wußten , wenn sie fortgehen sollten . Er habe auch einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen , in allen Sprachen , zum Erstaunen des alten Generals . » Wo war das ? « fragte Siebenkäs . - Der Spanier kam zu sich und versetzte : » Ich weiß es nicht ; ist es denn wahr ? Omnes homines sunt mendaces , sagt die heilige Schrift . « - » So wenig wahr « ( sagte Albano ) » als Euer finsterer Geist ! « - » O Maria , nein « ( sagt , er entschieden ) - » wenn ich etwas weissagte , so macht ' er ja , daß es doch eintraf ; dann erschien er mir und sagte : siehst du , Peppo , aber sage nur keine Wahrheit ! - - Und in der Nacht , da ich neben Euch nach Lilar ging , ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin . « - » Das sah ich auch , « ( sagte Albano ) » er schwebte weiter , ohne sich zu regen . « - » Das war bloß einer , « ( sagte Siebenkäs lächelnd ) » der in einem fortschwimmenden Kahne mit versteckten Beinen stand , und nichts weiter . « - Da blickte der Spanier dieses Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an , womit er es bisher heimlich für den finstern Geist selber gehalten , murmelte Albano ins Ohr : » Sieh , dieses Wesen weiß es « und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten : » Die Sonne ist noch nicht untergegangen « und eilte , ohne auf Menschen-Bitten zu hören , deren Kraft ihm nie bekannt geworden , ohne Leid und Freud ' davon , um noch vor Sonnenuntergang ins nahe Kartäuser-Kloster einzutreten . Alles Trug-Geräte hatt ' er stehen lassen . » Ein fürchterlicher Mensch ! « ( sagte Siebenkäs ) » Als er vorhin einmal sich über etwas freuen wollte , sah er aus , als greif ' ihm ein Schmerz über das Gesicht - Und daß er so dünn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben verschluckt ! - Ich weiß gewiß , er könnte töten , ohne die Miene zu ändern , nicht einmal zum Zorn . « - » O , er ist der finstere Geist , den er sieht - zitieren Sie ihn nicht ! « sagte Albano , in eine ganz neue Welt wegeilend , die jetzt plötzlich vor seinen Geist gezogen war . 142 . Zykel Er dachte nämlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier , das Schoppe aus der Fürstengruft geholet , und an das Mutterbild , das er unter dem Okularglas hatte finden sollen . Eh ' er anfing zu lesen , legt ' er das Bild unter dem Glase dem Fremden vor , ob ers etwa zufällig kenne . » Sehr ! Es ist die verstorbene Fürstin Eleonore , so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch Ähnlichkeiten vorauszusetzen verstattet ; denn sie selber sah ich nie . « Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel ; aber er wurd ' es noch mehr , da er die Unterschrift » Eleonore « und folgendes in französischer Sprache las : » Mein Sohn ! Heute hab ' ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B. ( Blumenbühl ) ; mein Herz ist voll Freude und Sorge , und dein schönes Bild schwebet vor meinen weinenden Augen . Warum darf ich dich nicht um mich haben und täglich anblicken ? Wie ich bin gebunden und geängstigt ! Aber von jeher schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere , mich damit zu binden . Höre deine eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an ; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen . Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe , welche unserem Vetter in Hh . ( Haarhaar ) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte . Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. ( Luigi ) . Man konnte uns das kaum vergeben . Der Graf C. ( Cesara ) bewahrt die Beweise einiger schwarzen Handlungen ( de quelques noirceurs ) , die deinen armen , ohnehin schwächlichen Bruder das Leben kosten sollten . Dein Vater war eben mit mir in Rom , als wir es erfuhren . Man wird doch endlich über uns siegen , sagte dein Vater . In Rom lernten wir den Fürsten di Lauria kennen , der seine schöne Tochter dem Grafen . ( Cesara ) nicht eher geben wollte , bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden wäre . Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus . Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen , une femme fort decidée , se repliant sur elle même , son individualité exagératrice perça à travers ses vertus et ses vices et son sexe . Wir lernten uns lieben . Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit , besonders in dem romantischen Lande . Dazu half mit , daß ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwärmerei zugleich befanden , nämlich der Hoffnung zu gebären . Sie kam nieder mit einem wunderschönen , ihr ganz ähnlichen Mädchen , Severina , oder wie man sie nachher nannte , Linda . Hier machten wir den seltsamen Vertrag , daß wir , wenn ich einen Sohn gebäre , austauschen wollten ; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen , und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen , die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte . Auch sagte sie , ich könne besser eine Tochter , sie einen Sohn leiten , da sie ihr Geschlecht wenig achte . Der Graf war es gern zufrieden ; der Hh . Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin , um die er geworben , unter dem spöttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen , und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit , denn er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt , war zu allen Maßregeln und Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit . Nur der Fürst billigte es nicht , er fand eine Erziehung außer Landes u.s.w. ganz zweideutig und mißlich . Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee . Zwei Tage darauf gebar ich dich und - Julienne zugleich . Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet . Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar . Ich behalte , ( sagt ' ich zur Gräfin ) meine Tochter , du behältst die deinige ; über Albano ( so soll er heißen ) entscheide der Fürst . Dein Vater erlaubt ' es , daß du zwar als Sohn des Grafen , aber unter seinen Augen , bei dem rechtschaffenen W. ( Wehrfritz ) , erzogen würdest . Indes traf er Vorkehrungen , deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen imstande war . Jetzt wunder ' ich mich nur , daß ich damals so mutig war . Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht - ich , der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt - , sondern später wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert , und sein gütiges Blatt , das ich einst deinen Geschwistern vertraue , entscheidet allein genug . Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil , indem er - sei es aus Liebe für seine Tochter , sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh . Hofe - als Lohn des Anteils verlangte , daß einst du und Linda ein Paar werden möchten . Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein : Linda wird mir gewiß ähnlich an Gemüt , wie sie jetzt es ist an Gestalt - Gewalt bewegt sie dann nie - aber Magie des Herzens , der Feenwelt , Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden . Ich weiß ihre eignen Worte . Ein sonderbarer Zauberplan wurde dann entworfen , dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit , worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ , noch mehr erweiterte , so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte . - Linda wird lange vorher , eh ' du dies gelesen , dir erschienen , ihr Name genannt , deine Geburt geheimnisvoll verkündigt sein - - Möge , möge dein Geist sich in alles wohl finden , und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern reichen ! - Ich bin bange , wie soll ich es nicht sein ? - O welche Nachrichten hab ' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen , vor denen nun alle meine Hoffnungen auf meinen Ludwig ( Luigi ) auf einmal erlöschen ! Gesiegt hätte nun Hh . ( Haarhaar ) durch den bösen B. ( Bouverot ) , wenn du nicht lebtest . Und ich muß so froh sein , daß du diesen giftigen Einflüssen entzogen lebst - Ja es scheint , als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern geschehen lassen , um desto stärker mit deiner Auferstehung zu schrecken . Doch will ich ihm nicht unrecht tun . Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und mißtrauen ? Und welche Gefahr ist größer ? Drei Jahre lang mußtest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner scheinbaren Zwillingsschwester Severina , obwohl unter den Augen des Fürsten , bleiben , indes ich mit Juliennen nach Deutschland zurückging . Länger aber durft ' es nicht dauern , so gern es deine Pflegemutter gesehen hätte ; du wurdest deinem Vater zu ähnlich . Diese Ähnlichkeit kostete mich manche Träne - denn darum durftest du nie aus B. nach P. ( Pestitz ) , solange der Fürst noch Jugendzüge trug - sogar die Porträts seiner Jugendgestalt mußt ' ich darum allmählich wegstehlen und sie dem treuen Spener zu bewahren geben - ja dieser gelehrte Mann sagte mir , daß ein erhobner Spiegel , der junge Gesichter zu alten formte , beiseite zu bringen sei , weil du sogleich als der alte Fürst daständest , wenn du hineinsähest - O , da mein guter , frommer Fürst in seinen matten Tagen allerlei unbewußt ausplauderte und mich über das sichere Schicksal des wichtigen Geheimnisses immer sorglicher machte : wie erschrak ich , als er einstens am Morgen ( zum Glück war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v. Fr. dabei , eine sanfte , fromme Seele ) geradezu und freudig sagte : Unser lieber Sohn , Eleonore , war gestern nachts oben am Altar , er wird gewiß ein frommer Mensch , er kniete und betete schön , und ich sagt ' ihm nur , denn ich wollte mich nicht decouvrieren : nach Haus , nach Haus , mein Freund , es donnert schon nahe.216 Ich weiß , daß verschiedene über einen natürlichen Sohn des Fürsten schon Winke fallen ließen . Die Gräfin C. ( Cesara ) ging nun mit S. ( Severina ) nach V. ( Valencia ) ab ; gab sich aber vorher den Namen R. ( Romeiro ) und der Tochter den Namen L. ( Linda ) . Der Prinz di Lauria mußte der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses Spiel gezogen werden . Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht zugehüllet werden , als es jetzt noch steht . Neun Jahre darauf starb die edle R. ( Romeiro ) , und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge . Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217 ; entfaltet sich die Blume ganz aus dieser vollen Knospe , so gehört sie als die vollste Rose an dein Herz . Möge nur das Geisterspiel , das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen , ohne Unglück vorüber ziehen ! - Sollt ' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen , so muß ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen , um ganz gesichert meine Augen zu schließen . Ach ich werd ' es nicht erleben , daß ich dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf ! Die Ahnungen meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger . Es gehe dir wohl , teueres Kind ! Werde fromm und redlich wie dein Vater ! Gott lenke alle unsere schwachen Hülfsmittel zum besten ! Deine treue Mutter Eleonore . N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen , sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen . Leb wohl ! Leb wohl ! « 143 . Zykel Albano stand lange sprachlos , schauete gen Himmel , ließ das Blatt fallen und faltete die Hände und sagte : » Du schickst den Frieden - ich soll nicht in den Krieg - wohlan , ich habe mein Los ! « Lebenslust , neue Kräfte und Plane , Freude am Throne , wo nur die geistige Anstrengung gilt , wie auf dem Schlachtfelde mehr die körperliche , die Bilder neuer Eltern und Verhältnisse und Unwille gegen die Vergangenheit stürmten durcheinander in seinem Geist . Er riß sich von seinem ganzen vorigen Leben los , die Seile des bisherigen Totengeläutes waren entzwei , er mußte , um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen , wie Orpheus das Zurückschauen auf den vergangnen Weg vermeiden . Er enthüllte dem neuen Freunde alles , denn er kämpfe , sagt ' er , nunmehr öffentlich auf freier offner Bahn um sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt . Unter dem Er zählen erzürnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhältnissen und Rechten noch mehr und das Mißtrauen in seine Kräfte und Waffen gegen die Feinde , denen Luigi unterlag , und dieser Bruder selber , der ihn bisher in einer so harten unbrüderlichen Maske umarmen konnte . » Wie anders war die treue Schwester ! « sagt ' er . » Warum « ( fuhr er fort ) » ließ man mich so manchem stolzen harten Geiste so vielen Dank schuldig werden für mein bloßes - Geburtsrecht ? - Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut ? - O so mußt ' ich die arme Tote droben218 verkennen , weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener feindlichen Nacht am Altare ihr schönes Herz aufopferte ! So mußt ' ich durch Vermutungen und Vorsätze so manche rechte Seele verletzen ! Wie unschuldig könnt ' ich sein ohne dies alles ! « » Beruhigen Sie sich , « ( sagte Siebenkäs mit feiner Rüge ) » die Stärke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der Niederlage abgezogen ; und was wäre ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen ? « Siebenkäs war vor dem glänzenden Stande und vor dem Feuer der Leidenschaftlichkeit , die er nur in gemeiner , nicht in edler Erscheinung kannte , um einige Schritte zurückgetreten , die Albano nicht bemerkte , weil er sie nicht voraussetzte . So gut es ging , suchte Siebenkäs - indem dessen innerer Mensch seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmählich wieder aufwickelte - den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den heftigen Jüngling einzuschließen : » Ich freue mich , « ( sagt ' er ) » daß ich der erste bin , der zu Ihrem Geburts- und Krönungstage Wünsche bringt , die aber alle in den einzigen gehen , daß Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mögen - denn Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute . - Außer dem haarhaarschen Prinzen , den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp trifft : ante ferit quam flamma micet , ist wohl niemand dabei zu bedauern als der Finanzstempelschneider , der jetzt nichts Neues zu schneiden erhält , da die Linie weiterregiert « Er setzte noch leicht hinzu , weil er den schweren Wälder- und Wolken-tragenden Fels Gaspard nie gesehen : » Welches sonderbare Namenspiel , das noch wenige Cavalleros del Tuzone gespielt , ist es , daß er sich gerade le Cesara nennt , da , wie Sie wissen , die Spanier sich wie die alten Römer oft die Namen von ihren Taten und Begegnissen zuteilen . So ists aus den Pièces interessantes T. I. überall bekannt , daß z.B. Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte , weil er 1725 den Frieden zwischen Österreich und Spanien unterschrieben - mit einem dritten Namen , Transport Réal , tauft ' er sich ein , um es zu behalten und zu bemerken , daß er den Infanten nach Italien abgeführt . Cesara ist wohl freilich mehr Zufall . « Albano wurde durch solche geistige Ähnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst recht seinem Herzen zugezogen . Er nahm Abschied von ihm und sagte : » Freund unsers Freundes , wollen wir beisammen bleiben ! « - » Wahrlich , der Zweifel an der Entscheidung Ihres Schicksals , Prinz , « ( versetzte Siebenkäs ) » wäre allein dafür entscheidend , wenn nur mein Herz allein entschiede ; aber - « Albano zuckte die Achseln wie entrüstet , schwieg aber . » Solange bleib ' ich indes hier , « ( fuhr jener sanfter fort ) » bis der Hügel auf dem Seligen liegt ; dann steck ' ich das hölzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran . « - » Wohl ! So werd ' es ! « ( sagte Albano ) » Aber seinen Hund nehm ' ich , weil er mich länger kennt . Ich bin ein junger Mensch , noch jung an verlornen Jahren , aber schon sehr alt an verlornen Zeiten , und verstehe so gut wie mancher , den die Zeit bückt , was Menschen Verlieren ist . Sonderbar ists , daß ich immer auf Gräbern Spiegel finde , worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken . So fand ich auf Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo ; meinen alten liegenden Schoppe fand ich , wie Sie wissen , auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege , durch das meine Hand ebensowenig durchkann . Ich versichere Sie , sogar meine Eltern werden mir vorgespiegelt , meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel , und meine Mutter durch ein Objektivglas sehen . - Hier ist nun nichts zu tun , wenn man in einer Nacht steht , wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen , als sehr fest darin zu stehen . - Aber zu meinem alten Humoristen muß ich noch Addio sagen . « Er ging ins Leichenzimmer . Schweigend folgt ' ihm Siebenkäs , betroffen über die ungewöhnliche Laune der - Schmerzen . Mit trocknen Augen zog Albano das weiße Tuch von dem ernsten Gesicht , dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit . Der Hund schien den kalten Menschen zu scheuen . Albano suchte durch scharfe , heftige , trockne Blicke das Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrücken in sein Gehirn wie in Gips , zumal da ihm der lebendigste Abdruck , der Freund , entging . Dann hob er sich die schwere Hand auf die Stirn , die den Fürstenhut tragen sollte , gleichsam um sie damit zu segnen und einzuweihen . Endlich bückt ' er sich auf das Gesicht nieder und lag lange auf dem kalten und ; aber als er sich spät aufrichtete , weinten seine Augen und sein ganzes Herz , und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand und sagte : » Nun , so lebe du auch wohl ! « - » Nein , « ( rief Siebenkäs ) » ich kann das nicht , wenn ich gehe - Schoppe ! ich bleibe bei deinem Albano ! « - Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte . 144 . Zykel Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du , aber in landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig ans Herz . Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch folgendes Schreiben von Julienne : » Liebster Bruder ! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen . Ich hab ' in einem Auge Trauertränen und doch im andern frohe , da nun alle Wolken von deiner Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht . Der Lektor ist abgeschickt , dir alles zu erzählen , wo hätt ' ich Zeit ? Auch von Herrn von Bouverot soll er dir sagen , dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermaßen hasse - - Inzwischen wird er jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft . Freilich alles ist wie ich in Unordnung und Bestürzung . Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem Willen eröffnet , und er gab dir dein ganzes Recht . Ich will nicht über diesen Bruder mitten unter dem Weinen zürnen ; er war eigentlich hart gegen seine zwei Geschwister , gegen mich sehr auch , denn er haßte alle Weiber , bis zu seiner Frau