sein eigenes . Glücklich wär ' es für ihn gewesen , wenn die Athener ein Gesetz hätten , vermöge dessen ihren Bürgern bei schwerer Strafe verboten wäre , in eben demselben Werke den strengen Dialektiker , den Dichter , und den Schönredner zugleich , zu machen . Vermuthlich würde Plato jedes von diesen dreien in einem hohen Grade gewesen seyn , wenn er sich auf Eines allein hätte beschränken wollen : aber da er diesen dreifachen Charakter in sich vereinigen will , und dadurch alle Redner , Dichter und Dialektiker vor und neben ihm auszulöschen glaubt , kann er neben keinem bestehen , der in einem dieser Fächer ein vorzüglicher Meister ist ; denn er ist immer nur halb was er seyn möchte . Wo er scharf räsonniren sollte , macht er den Dichter ; will er dichten , so pfuscht ihm der grübelnde Sophist in die Arbeit . Hat er uns einen strengen Beweis oder eine genau bestimmte Erklärung erwarten lassen , so werden wir mit einer Analogie oder mit einem Mährchen abgefertigt ; und was oft mit wenigem am besten gesagt wäre , webt er mit der unbarmherzigsten Redseligkeit in klafterlange , aus einer einzigen Metapher gesponnene Allegorien aus . Statt der Antwort auf eine Frage , zu welcher er uns selbst genöthigt hat , gibt er uns ein Räthsel aufzurathen ; und wo das zweckmäßigste wäre , geradezu auf die Sache loszugehen , führt er uns , für die lange Weile , in mühsamen Schlangenlinien , Berg auf Berg ab , durch Dick und Dünn , oft so weit vom Ziele , daß er selbst nicht mehr weiß wo er ist , und uns eine gute Strecke lang wieder zurückführen muß , um die Straße , die er ohne Noth verlassen hat , wieder zu finden . Das letztere begegnet ihm so oft , daß dieser Dialog , dessen ungeheure Länge die Geduld des mäßigsten und leselustigsten Lesers endlich mürbe macht , wenigstens um den vierten Theil kürzer wäre , wenn er das bereits Gesagte nicht so oft wiederholen müßte , um wieder in den Zusammenhang zu kommen . Dieß ist auch zu Anfang des neunten Buchs der Fall , worin er das Ideal des vollständigsten Bösewichts , dem er ( gegen den Sprachgebrauch ) den Namen Tyrann beilegt , mit seiner gewöhnlichen rhetorischen Ausführlichkeit vor unsern Augen entstehen läßt ; erst als bloßen Privatmann , wie er sich in der Demokratie durch den Zusammenfluß aller möglichen befördernden Umstände zum künftigen Tyrannen bildet ; sodann als wirklichen Beherrscher des Staats , von welchem er sich durch die schändlichsten Mittel zum unbeschränkten Gebieter und Eigenthumsherrn gemacht hat . Da es in diesem Buch bloß darum zu thun ist , die Lehre des Thrasymachus , welche zu dieser ganzen Unterhaltung Anlaß gegeben , bis zum Widerspruch mit sich selbst zu treiben und also in ihrer ganzen Ungereimtheit darzustellen , und dieses nicht auffallender als durch den Contrast zwischen dem Ideal eines Tyrannen mit dem Ideal eines philosophischen Königs , und zwischen dem Glück eines von diesem mit idealischer Weisheit regierten - und dem Elend eines von jenem ohne Maß und Ziel mißhandelten Staats , geschehen konnte : so wollen wir unsern philosophirenden Dichter nicht darüber anfechten , daß sogar unter den berüchtigten Dreißigen , welche in Platons früher Jugend etliche Monate lang zu Athen tyrannisirten , kein solches Ungeheuer war , wie sein idealischer Tyrann ist ; und daß er also von den sogenannten Tyrannen überhaupt und von dem jammervollen Zustand der von ihnen unterjochten Staaten manches behauptet , was sich in der wirklichen Welt ganz anders befindet . Wir würden damit nichts gegen ihn beweisen ; denn es ist ihm hier nicht um Thatsachen , sondern um einen vollständigen Charakter der Gattung zu thun , und es muß ihm eben so gut erlaubt seyn , zum Behuf seines Zwecks , alle Laster und Abscheulichkeiten , die seit dem Thracischen Diomedes 31 und dem Aegyptischen Busiris bis auf den heutigen Tag , von kleinen und großen Tyrannen begangen worden , in ein einziges phantastisches Subject zusammenzudrängen , als einem komischen Dichter erlaubt ist , die lächerlichsten Charakterzüge von hundert Geitzhälsen in einen einzigen zu verschmelzen . Freilich hätte es dieser mühsamen Auseinandersetzungen , und dieser langen Kette von Fragen und Antworten , Bildern , Gleichnissen und Inductionen nicht nöthig gehabt , um am Ende nichts mehr als eine so einleuchtende Wahrheit als diese , » vollkommene Ungerechtigkeit würde die Menschen äußerst elend , vollkommene Gerechtigkeit hingegen höchst glücklich machen , « zur Ausbeute davon zu tragen . Aber wir wollen auch so billig seyn , unsern Mann nach seinem Zwecke zu beurtheilen , der im Grunde doch wohl kein anderer war , als diesen Gegenstand als Dichter und Schönredner zu behandeln , und die Leser dadurch gewissermaßen zu dem neuen hitzigen Ausfall vorzubereiten , den er im zehnten Buch auf den guten alten Homer und überhaupt auf die nachahmenden und darstellenden Künste thut . Auch hier holt er , wie gewöhnlich , weit aus , um den ehrlichen Glaukon durch eine Reihe von Analogismen und Paralogismen und eine einseitige schiefe Ansicht der Künste , die er aus einer wohlbestellten Republik verbannt wissen will , zu seiner Meinung zu verführen , ohne ihn wirklich überzeugt zu haben ; was ihm bei einem jungen Menschen nicht schwer werden kann , der die Bescheidenheit so weit treibt , unverhohlen zu bekennen , » er werde sich in Sokrates Gegenwart nie unterstehen seine eigene Meinung von etwas zu sagen . « - Lächerlich ( dünkt mich ) würde sich einer machen , der den kraftlosen Beweis ernsthaft bestreiten wollte , welchen Plato aus seiner Theorie von den Ideen gegen die besagten Künste führt . Ich für meinen Theil finde seine Distinction der dreierlei Bettstellen , der wahren wesentlichen d.i. der idealischen , deren Naturschöpfer ( Phyturg ) Gott ist - der einzelnen , die der Drechsler macht , und welche , da sie nicht die Urbettstelle selbst ist , eigentlich nur eine Art von Schattenbild derselben oder eine Quasi-Bettstelle vorstellt , und der gemalten , die , als eine bloße Nachahmung der gedrechselten , im Grunde gar keine Bettstelle , und also , Platonisch zu reden , gar nichts ist , - ich finde das alles sowohl , als die Anwendung , die er davon gegen die gesammten nachahmenden Künste macht , ungemein lustig zu lesen ; und würde mich am Ende nur verwundern , wie eben derselbe Mann , der , so oft er sich vergißt und gleich andern natürlichen Menschen von menschlichen Dingen menschlich spricht , so verständig räsonnirt , sich auf einmal wieder in solchen Unsinn versteigen kann ; es würde mich wundern , sag ' ich , wenn ich nicht aus so vielen Beispielen wüßte , daß eine einzige Vorstellung , die sich zur Tyrannin aller andern in einem phantasiereichen Kopf aufgeworfen hat , sobald sie angeregt wird , die Wirkungen der Verrücktheit und des Wahnsinns hervorzubringen fähig ist . Wenn übrigens unsre Dichter , Maler , Schauspieler und wer sonst hierher gehört , anstatt aus der Fehde , die er ihnen in diesem Dialog mit so großem Gebraus ankündigt , Ernst zu machen , sich begnügen über ihn zu lachen , so werden sie alle Vernünftigen auf ihrer Seite haben ; denn das Unglück aus seiner Republik ausgeschlossen zu seyn , ist doch wohl der einzige Schade , der ihnen aus allem , was er ihnen Böses nachsagt , zuwachsen kann ; und diese Republik hat für ihres gleichen so wenig Anziehendes , daß sich schwerlich auch nur ein Tischmacher in ganz Athen finden wird , welcher Lust haben könnte um das Bürgerrecht in derselben anzuhalten . Alles in der Welt muß endlich ein Ende nehmen ; und so erinnert sich auch unser Sokrates , dem der Gaumen vermuthlich trocken zu werden anfängt , daß die Rede in diesem Gespräch eigentlich nicht von Dichtern und nachahmenden Künstlern , sondern von dem wahren Charakter der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit habe seyn sollen , und von den Wirkungen , welche die eine und die andre in einer von ihr beherrschten Seele hervorbringt . Er lenkt also mit einer ziemlich raschen Wendung wieder in den Weg ein , aus dem er schon so oft ausgetreten ist ; und sobald er sich und seine Zuhörer orientirt hat , zeigt sich ' s , daß ihm , nachdem er den Beweis , » daß die Gerechtigkeit an und durch sich selbst das beste und edelste Besitzthum der an und in sich selbst betrachteten Seele sey , und daß man also , ohne alle Rücksicht auf Vortheil und Lohn , immer gerecht handeln müsse , man besitze den Ring des Gyges oder nicht , « gegen die Behauptungen des von Glaukon und Adimanth unterstützten Thrasymachus , aufs vollständigste und bündigste geführt zu haben vermeint , nun nichts übrig sey , als der Gerechtigkeit selbst - Gerechtigkeit widerfahren zu lassen , » ihr alles , was er ihr zum Behuf jenes Beweises nehmen müssen , wiederzugeben , und sie wieder in den vollen Besitz aller Belohnungen einzusetzen , welche die Tugend einer Seele bei Göttern und Menschen im Leben und nach dem Tode verschaffe . « Dieß ist es nun , womit er sich im Rest dieses letzten Buchs beschäftigt . Nachdem er nämlich die unendlichen Vortheile des Gerechten oder Tugendhaften vor dem Lasterhaften oder Ungerechten , selbst in bloßer Rücksicht auf die Belohnungen , welche jener , und die Strafen , welche dieser von Göttern und Menschen schon in diesem Leben zu gewarten habe , mit beständiger Rücksicht auf die gegentheiligen Behauptungen des Thrasymachus und seiner Gehülfen , kürzlich dargethan hat , und Glaukon von der Menge und Größe jener Vortheile des Gerechten überzeugt zu seyn versichert , fährt Sokrates fort : das alles sey doch nichts gegen das , was auf beide nach ihrem Tode warte , und es werde zur Vollständigkeit seiner Ueberzeugung nöthig seyn zu hören , was er ihm hiervon zu sagen bereit sey . Glaukon , der sich nach einer solchen Aeußerung auf wundervolle Dinge gefaßt macht , versichert , daß er , wie lang ' es auch währen möchte , mit Vergnügen zuhören werde ; und so folgt denn eine sehr umständliche Erzählung des Berichts , den ein gewisser Armenier Namens Er , als er am zwölften Tage nach seinem Tode , auf dem Scheiterhaufen worauf sein unversehrt gebliebener Leichnam verbrannt werden sollte , wieder ins Leben zurückgekehrt , von den erstaunlichen Dingen , die er in der andern Welt gesehen und gehört , öffentlich abgestattet habe . Da diese Erzählung , über deren Quelle uns Plato in gänzlicher Unwissenheit läßt , keinen Auszug gestattet , und ich nicht zweifle , daß sie eines von den einzelnen Stücken dieses Dialogs ist , die du mit gebührender Aufmerksamkeit gelesen hast , so begnüge ich mich , bloß ein paar Anmerkungen beizufügen , welche nicht sowohl dem Mährchen selbst , als dem erhabenen Dichter , der uns damit beschenkt hat , gelten sollen . Natürlicherweise können uns aus der andern Welt keine Nachrichten zugehen , als durch Personen , welche dort gewesen und wieder zurückgekommen sind . Die fabelhafte Geschichte nennt , meines Wissens , außer Theseus , Peirithous , Hercules und dem Homerischen Odysseus , welche lebendig in den Hades hinabgestiegen und wieder heraufgekommen , nur drei Todte - den zwischen Aphrodite und Persephone getheilten Adonis , die Alcestis , und den schönen Protesilaus - denen ins Leben zurückzukehren erlaubt worden , wiewohl dem letzten nur auf einen einzigen Tag . Plato dichtet also nichts Unerhörtes , indem er den Armenier Er aus der andern Welt zurückkommen läßt ; aber da dieser Er von den Richtern , welche am Eingang den neuangekommenen Seelen ihr Urtheil sprechen , ausdrücklich deßwegen ins Leben zurückgeschickt wird , um uns andern Bewohnern der Oberwelt von den Belohnungen und Strafen , die uns nach dem Tode erwarten , zuverlässige Nachrichten zu geben ; so erforderte , sollte man denken , ein so wichtiger Zweck , daß der Dichter einige Sorge dafür getragen hätte , daß wenigstens ein Anschein von Möglichkeit das Ungereimte der Sache unserm ersten Blick entzöge . Je unglaublicher eine Dichtung an sich selbst ist , desto nöthiger ist es , unsre Einbildungskraft dadurch zu gewinnen , daß alle das Wunderding umgebenden Umstände in der natürlichen Ordnung der Dinge sind . Wir wollen uns gern gefallen lassen , daß Er aus der andern Welt zurückkommt , zumal wenn er uns recht viel Hörenswürdiges aus ihr zu erzählen hat : aber was wir uns nicht gefallen lassen können , ist , daß der Dichter nicht an die gänzliche Unmöglichkeit gedacht hat , daß der entseelte Leichnam eines an tödtlichen Wunden verstorbenen Menschen , nachdem er zehn Tage lang unter einem Haufen anderer bereits in Fäulniß gegangenen Leichen gelegen , unversehrt hervor gezogen werde , und am zwölften Tage bei Wiedervereinigung mit seiner Seele sich so frisch und gesund befinde , als ob ihm kein Haar gekrümmt worden wäre . Wenn wir aber auch über das Unnatürliche dieser Umstände hinaus gehen , und mit der gränzenlosen Gefälligkeit , welche Plato immer bei seinen Zuhörern voraussetzt , annehmen wollen , daß eben diese ( uns unbekannten ) Richter , welche die Seele des Armeniers nach zwölf Tagen in ihren Leib zurückschicken können , es auch in ihrer Macht haben , einen tödtlich verwundeten und entseelten Leichnam durch ein unbegreifliches Wunderwerk zwölf Tage lang frisch und gesund zu erhalten - sollten wohl die Fieberträume , die uns der Armenier als Nachrichten aus der andern Welt erzählt , eines so großen Wunders würdig seyn ? Ich habe wohl auch in meinem Leben Milesische Mährchen gehört , und unter unsern alten Götter- und Helden-Mythen ist mancher ammenhaft genug ; aber ein so idealisch ungereimtes Phantasiegebilde wie dieses ist mir noch nicht vorgekommen . Man fordert mit Recht von einem Dichter , daß er auf jede Frage , warum er dieß und das an seinem Werke gerade so und nicht anders gemacht , eine hinlängliche Antwort bereit habe . Ich möchte wohl wissen , was der Platonische Sokrates zu antworten hätte , wenn ihn Glaukon oder Thrasymachus in aller Demuth fragten : was ein gewisser dämonischer Ort für ein Ort sey ? Nach welcher Regel der Gerechtigkeit die Seelen der Lasterhaften für jede Uebelthat zehnfältig gestraft werden ? Warum die Seelen , die vom Himmel herunter , oder , nach ausgestandener Strafe aus der Hölle herauf gestiegen sind , um wieder in sterbliche Leiber zurückzukehren , sich gerade sieben Tage auf der Wiese , die er vorhin einen dämonischen Ort nannte , aufhalten ? Warum sie gerade vier Tage zu marschiren haben , bis sie den großen Lichtring oder Lichtgürtel zu Gesicht bekommen , der dem Regenbogen ähnlich aber viel glänzender und reiner ist ? Wie dieser Lichtring zugleich zwischen Himmel und Erde aufgerichtet stehen , über Himmel und Erde ausgebreitet seyn , und den ganzen Himmel wie ein Gürtel umfassen kann ? Warum die Seelen gerade noch einen Tag zu reisen haben , bis sie bei diesem Licht angelangt sind ? Woran die Enden dieses den Himmel zusammenhaltenden Lichtgürtels befestigt sind , damit die Spindel der Anangke an ihnen hangen kann ? Warum Anangke ihre Spindel , gegen die Gewohnheit aller andern Spinnerinnen , zwischen ihren Knieen herumdreht ? und zwanzig andere Fragen , deren der Leser sich nicht erwehren kann , ohne die Antwort darauf zu finden . Plato ist , wie wir lange wissen , ein Liebhaber vom Uebernatürlichen , Unerhörten , Kolossalischen ; wir wollen ihn dieses Geschmacks wegen nicht anfechten ; aber die Bilder , die er uns darstellt , müssen doch Sinn , Bestandheit und Zusammenhang wenigstens an und unter sich selbst haben , und er muß unsrer Einbildungskraft nicht mehr zumuthen als sie leisten kann . Versuch ' es einmal , dir die ganze Gruppe von Erscheinungen , die der Armenier in dem Lichtgürtel des Himmels gesehen haben will , in Einem Gemälde vor die Augen zu bringen . - In der Mitte die große Göttin Anangke mit der ungeheuren stählernen Spindel zwischen den Knieen ; um die Spindel einen nicht minder ungeheuren Wirtel , in welchem sieben andere , wie die Büchsen der Taschenspieler , in einander stecken , und alle zugleich , aber mit ungleicher Geschwindigkeit , von der Spindel in einer , ihrer eigenen Bewegung entgegen gesetzten , Richtung herumgedreht werden ; - jeden dieser an Glanz , Farbe und Bewegung verschiedenen Wirtel mit einem mehr oder minder breiten cirkelförmigen Rand , und auf jedem eine Sirene sitzend , die sich mit ihm herumdreht und aus voller Kehle singt ; aber jede nur einen einzigen Ton aus der Tonleiter bis zur Octave , so daß der Gesang aller acht Sirenen eine einzige sich selbst immer gleiche Harmonie ist - vor welcher die Götter unsre Ohren bewahren wollen ! - Nun denke dir noch die Töchter der Anangke , die drei Moiren , Lachesis , Klotho und Atropos , weiß gekleidet und mit Kränzen um die Stirne auf Lehnstühlen um ihre Mutter herum sitzend , wie sie , vom achttönigen Zetergeschrei der Sirenen begleitet , Lachesis das Vergangene , Klotho das Gegenwärtige , Atropos das Zukünftige absingen , während dessen Klotho ihrer Mutter mit der rechten Hand von Zeit zu Zeit den äußersten Wirtel der Spindel , Atropos mit der linken die innern , und Lachesis alle zusammen mit beiden Händen umdrehen hilft . Lass ' deine Phantasie , wenn ' s ihr möglich ist , ein Gemälde aus diesem allem zusammensetzen , und sage mir , ob einem Kranken im stärksten Fieberanfall etwas Abenteuerlicheres und Phantastischeres vorkommen könnte ? Und was will nun Plato daß wir uns bei diesem lächerlich wunderbaren Phantasma denken sollen ? Ist das alles in der dämonischen Welt wirklich so , wie sein Armenier gesehen zu haben vorgibt ? Er rechnet so wenig darauf , daß irgend einer seiner Leser einfältig genug seyn werde dieß zu glauben , daß sein Sokrates selbst die ganze Erzählung am Ende für ein bloßes Mährchen gibt . Alle diese Wundergestalten , Anangke mit ihrer Spindel und ihren Töchtern , die acht Sirenen , die sich auf und mit den acht Wirteln ewig herumdrehen und den armen Seelen , die hier täglich schaarenweis sich einzufinden genöthigt sind , die Ohren gellen machen , der Prophet , der den Seelen im Namen der Göttin ankündigt , daß sie um ihr künftiges Schicksal im Leben , in welches sie zurückkehren , losen müssen u.s.w. , das alles ist also nichts weiter als eine Gruppe von emblematischen Bildern , oder vielmehr ein Haufen ziemlich dicker Hüllen , unter denen etwas verborgen liegt , das entweder schwer zu errathen , oder des Rathens kaum werth ist ? Aber unglücklicherweise ist der Armenier , der diese wunderbaren Personen und Sachen in einem dämonischen Ort zu sehen glaubt , keine emblematische Figur ; er wird uns als eine wirkliche historische Person vorgeführt , und damit wir desto weniger daran zweifeln , sogar Pamphylien als das ursprüngliche Vaterland seines Geschlechts angegeben . Der wackre Er macht sich also entweder nach Art weitgereiseter Leute ein Vergnügen daraus , unsre Leichtgläubigkeit auf die Probe zu stellen ; oder er ist selbst ich weiß nicht von welchen Dämonen getäuscht worden , daß er sich einbildete wirkliche Dinge zu sehen , wiewohl er nur Sinnbilder sah . Uebrigens ist nicht leicht zu errathen , was Plato mit dieser Dichtung beabsichtigt , da sie für den Satz , den er dadurch bestätigen will , nicht das Geringste beweisen , und schlechterdings zu nichts dienen kann , als Knaben in Erstaunen zu setzen , Männern hingegen eine eben so geringe Meinung von seinem Dichtergeist als von seinen astronomischen Kenntnissen zu geben . Denn wie er dichtet , heißt nicht dichten sondern ins Blaue hinein phantasiren , und es steht ihm wahrlich übel an , über die Erzählungen , womit der Homerische Odysseus die Tischgesellschaft des Alcinous unterhält , die Nase zu rümpfen , von denen die ungereimteste ohne Vergleichung wahrscheinlicher gemacht ist als das Mährchen seines Armeniers . Aber nun vollends die Art , wie er die Pythagorische Seelenwanderung seinen eigenen Hypothesen anpaßt , und wie er die Freiheit , ohne welche keine Zurechnung , folglich keine Strafen und Belohnungen in der andern Welt stattfinden , mit den Gesetzen der Nothwendigkeit zu vereinigen glaubt ! - Die zur Rückkehr in sterbliche Leiber vor dem Thron der großen Spinnerinnen versammelten Seelen kommen theils aus dem Himmel , theils aus der Unterwelt . Ueber die letztern habe ich nichts zu erinnern ; aber wie die Göttin Anangke den erstern zumuthen könne , aus der reinen Himmelsluft wieder in den mephitischen Dunstkreis des Erdenlebens zurückzuwandern , darüber hätte uns billig einiger Aufschluß gegeben werden sollen . Denn daß sie den Himmel , wo es ihnen ( ihrer eigenen Versicherung nach ) so unaussprechlich wohl ging , von freien Stücken verlassen haben sollten , ist nicht zu vermuthen ; wiewohl ich gestehe , daß das Vergnügen , womit er sie den Boden der mütterlichen Erde wieder betreten läßt , ein feiner Zug von dem Dichter ist . Soll überhaupt Sinn in dieser Dichtung seyn , so müßte entweder eine innere Nothwendigkeit die Seelen aus dem Himmel wieder auf die Erde treiben , oder ihre Verbannung müßte die Strafe schwerer Verbrechen seyn , welche sie in jenem herrlichen Zustand begangen hätten . Keine dieser beiden Voraussetzungen steht auf irgend einem festen Grunde , und die letztere ist sogar mit der Gerechtigkeit der allgemeinen Weltregierung unvereinbar ; denn was könnte ungerechter seyn , als die armen Seelen zu Abbüßung begangener Verbrechen in Umstände zu setzen , wo sie die größte Gefahr laufen neue Verbrechen zu begehen , welche sie mit einer noch viel härtern Bestrafung , nämlich einer tausendjährigen Peinigung im Tartarus für jedes derselben , werden büßen müssen ? Plato glaubt zwar , sich aus dieser Schwierigkeit durch die Erklärung zu ziehen , die er seinen Propheten im Namen der Lachesis ( warum gerade dieser ? ) den versammelten Seelen thun läßt . » Ihr seyd im Begriff , « läßt er ihn ( wiewohl in geflissentlich dunkeln und nach Art der Orakel , vieldeutigen Ausdrücken ) sagen , » einen neuen Kreislauf unter den Sterblichen zu beginnen . Nicht das Schicksal wird euch euer Loos anweisen , sondern ihr selbst werdet euer Schicksal wählen . Wen das Loos zum Ersten erklärt , der soll auch zuerst die Wahl der Lebensart haben , an welche er nothwendig gebunden bleiben wird . Die Tugend aber hat keinen Herrn über sich ; je nachdem jemand sie ehrt oder verachtet , wird er mehr oder weniger von ihr besitzen . Die Schuld wird an dem Wählenden seyn ; Gott hat keine Schuld . « - Nach dieser seltsamen Anrede wirft er die Loose auf die umherstehenden Seelen herab ; jede greift nach dem , das ihr zufällt , und itzt zeigt sich ' s in welcher Ordnung sie wählen sollen . Nunmehr werden Muster aller möglichen Lebensformen , thierischer und menschlicher , die im Schooß der Lachesis beisammen lagen , auf der Erde vor ihnen ausgebreitet , damit jede diejenige wähle , die ihr am besten ansteht . Die Anzahl dieser Lebensformen ist zwar viel größer als die Zahl der Wählenden ; indessen gesteht doch der Erzähler , daß die Seelen , die in der Reihe die letzten sind , gegen die andern sehr zu kurz kommen und mit dem was noch da ist vorlieb nehmen müssen ; eine Unbilligkeit , welche vermieden werden konnte , wenn , anstatt die Wahl theils auf sie selbst theils auf den Zufall ankommen zu lassen , ein Gott für jede gewählt hätte , was für sie und andere das Beste gewesen wäre . Was diese Unbilligkeit noch härter macht , ist das Gesetz , vermöge dessen alle diese aus dem Himmel und der Hölle ins irdische Leben zurückkehrenden Seelen aus dem Lethe zu trinken genöthigt sind , dessen Wasser die Eigenschaft hat die Erinnerung des Vergangenen in der Seele auszulöschen . Natürlicherweise gehen dadurch alle Vortheile verloren , welche sie aus der Erinnerung der ausgestandenen Strafen oder der genoss ' nen Seligkeit , und aus dem Bewußtseyn dessen , womit sie das eine oder das andere in ihrem vormaligen Leben verdient hatten , zum Behuf des neuangehenden hätten ziehen können . Das Uebel würde zwar , wie er zu verstehen gibt , nicht so groß seyn , wenn sie ( was nur bei Wenigen der Fall zu seyn scheint ) weise genug wären , nicht über ein gewisses Maß zu trinken : aber da die meisten viel Durst zu haben scheinen , und daher nicht leicht das rechte Maß treffen , würde es nicht billig und freundlich gewesen seyn , ihnen das Wasser der Vergessenheit in einem Becher zu reichen , der gerade nicht mehr und nicht weniger gehalten hätte als ihnen zuträglich war ? So schlecht durch diese Dichtung die Weisheit und Güte des obersten Weltregierers gerechtfertiget ist , so wenig scheint sie uns auch über die Freiheit der Seele , insofern sie neben der Nothwendigkeit bestehen kann , ins Klare zu setzen . Die Seelen wählen zwar die Bedingungen , unter welchen sie ihr neues Erdenleben antreten wollen , nach Belieben ; aber diese Freiheit ist den meisten mehr nachtheilig als vortheilhaft , und scheint mehr ein Fallstrick als eine Wohlthat zu seyn . Der Armenier sah z.B. wie eine Seele ( und es war sogar eine aus dem Himmel wiederkehrende ) mit unbegreiflicher Hastigkeit nach einer Tyrannie griff , auf welche , wenn sie sich nur ein wenig Zeit genommen hätte sie recht anzusehen , ihre Wahl unmöglich hätte fallen können . Dieser Fall muß sehr oft vorkommen , da es den Seelen , wie es scheint , theils an genugsamer Bedenkzeit , theils an Einsicht und Unterscheidungskraft fehlt ; überdieß gesteht der Dichter selbst , daß sehr viel dabei auf den Zufall ankomme , und daß die letzten wenig oder keine Wahl mehr haben . Aber auch ohne dieß können sie ihrem Schicksal nicht entgehen . Denn sobald sie das , was sie in ihrem neuen Leben seyn wollen , gewählt haben , gibt Lachesis jeder einen Dämon zu , der dafür zu sorgen hat , daß alles , was zu ihrem erwählten Loose gehört , pünktlich in Erfüllung gehe . So wird z.B. die Seele , welche sich , von der glänzenden Außenseite verblendet , die Tyrannie gewählt hatte , erst da es zu spät ist gewahr , daß sie ihre eigenen Kinder fressen , und eine Menge anderer ungeheurer Frevelthaten begehen werde ; sie heult und jammert nun ganz erbärmlich , aber vergebens ; ihre Wahl ist unwiederruflich , und der Dämon , unter dessen Leitung sie steht , wird nicht ermangeln , alle Umstände so zu ordnen und zu verknüpfen , daß die Kinder gefressen und die Uebelthaten begangen werden , wie groß auch der Abscheu ist , wovon sie sich itzt gegen die Erfüllung ihres Looses durchdrungen fühlt . Alle übrigen Feierlichkeiten , welche vorgehen , indem die Seelen von Lachesis zu Klotho , von Klotho zu Atropos , und sodann , unter dem Thron der Anangke vorbei , nach dem Lethäischen Gefilde abgeführt werden , können keinen andern Sinn haben , als die unvermeidliche Nothwendigkeit anzudeuten , die über ihnen waltet . Der Profet hat gut sagen , die Tugend sey herrenlos , d.i. frei und unabhängig ; was kann das den armen Seelen frommen , die das Schicksal in Lagen versetzt , worin es ihnen äußerst schwer , wo nicht gar unmöglich gemacht wird , zu diesem von Wahn und Leidenschaft unabhängigen Zustand zu gelangen , der die Bedingung der Tugend ist ? Plato hätte also den vermuthlichen Hauptzweck des Mährchens von dem , was der Armenier Er in der Geisterwelt gesehen , so ziemlich verfehlt ; und , da überdieß seine Bilder , der Erfindung und Darstellung nach , meistens so beschaffen sind , daß keine gesunde Einbildungskraft sie ihm nachmalen kann : so gestehe ich , wenn jemals darüber gestimmt werden sollte , ob die Ilias und Odyssee seinen poetischen Dialogen in den Schulen Platz zu machen habe , so werde ich mit meiner Stimme die Mehrheit schwerlich auf seine Seite ziehen . Nach dieser langen Reise , die wir machen mußten , um unserm dichterischen Mystagogen durch die verworrenen und immer wieder in sich selbst zurückkehrenden Windungen seines dialektischen Labyrinths zu folgen , ist wohl , sobald wir wieder zu Athem gekommen sind , nichts natürlicher als uns selbst zu fragen : was für einen Zweck konnte der Mann durch dieses wunderbare Werk erreichen wollen ? Für wen und zu welchem Ende hat er es uns aufgestellt ? War seine Absicht , das wahre Wesen der Gerechtigkeit aufzusuchen und durch die Vergleichung mit demselben die falschen Begriffe von Recht und Unrecht , die im gemeinen Leben ohne nähere Prüfung für ächt angenommen und ausgegeben werden , der Ungültigkeit und Verwerflichkeit zu überweisen : wozu diese an sich selbst schon zu weitläufige und zum Ueberfluß noch mit so vielen heterogenen Verzierungen und Angebäuden überladene Republik , deren geringster Fehler ist , daß sie unter menschlichen Menschen nie realisirt werden kann ? Oder war sein Zweck , uns die Idee einer vollkommenen Republik darzustellen ; warum läßt er sein Werk mangelhaft und unvollendet , um unsre Aufmerksamkeit alle Augenblicke auf Nebendinge zu heften , und uns stundenlang mit Aufgaben zu beschäftigen , die nur an sehr schwachen Fäden mit der Hauptsache zusammenhangen ? Arbeitete er für denkende Köpfe und war es ihm darum zu thun , die Materie von der Gerechtigkeit gründlicher als jemals vor ihm geschehen war , zu untersuchen , wozu so viele Allegorien , Sinnbilder und Mährchen ? Schrieb er für den großen leselustigen Haufen , wozu so viele spitzfindig tiefsinnige , räthselhafte , und wofern sie ja einen Sinn haben , nur den Epopten seiner philosophischen Mysterien verständliche Stellen ? Soll ich dir sagen , Eurybates , wie ich mir