für die Berechnung der Möglichkeiten verloren . Sie konnte sich nicht entschließen , Wiesing jemals wieder nach dieser Angelegenheit zu fragen , doch nannte sie sie von nun ab wie die Mutter “ Luise . ” Es war für sie etwas Gemeines an dem Mädchen haften geblieben . Agathe war nun schon zwanzig Jahre alt . Die Regierungsrätin freute sich recht , als im Februar eine entfernte viel jüngere Verwandte , mit der sie hin und wieder kurze Briefe wechselte , die Bitte an sie richtete , ihr das Töchterchen für einige Wochen zu schicken . Agathes Photographie habe in ihr den Wunsch erweckt , sie kennen zu lernen . Die Cousine , die , zur Malerin ausgebildet , einen polnischen Künstler , Kasimir von Woszenski , geheiratet hatte , galt bei Heidlings für geistig anregend , ja für genialisch . Dabei waren die Familienverhältnisse des Ehepaares doch so solide gefestigt , daß selbst der Regierungsrat nichts Ernstliches gegen einen Besuch der Tochter einwenden konnte . Aber es gefiel ihm nicht , sie von seiner Seite zu lassen . Er war an ihr Schwatzen und Lachen , an das Gehen und Kommen all der jungen Mädchen um ihn her gewöhnt . Er mochte diesen leichten anmutigen Reiz in seinem trockenen , arbeitsvollen Berufsdasein nicht entbehren — auch nicht für vier Wochen . Er sah nicht ein , wozu er eine Tochter habe , wenn sie auf Reisen gehen wollte . Unsicher bemerkte die Rätin : Agathe könnte doch da vielleicht jemand kennen lernen . . . . . jemand mit Vermögen . Der Regierungsrat wurde sehr zornig . Er habe nicht nötig , seine Tochter verschachern zu lassen ; er könne selbst für seine Tochter sorgen , und sie brauche durchaus nicht zu heiraten . So hatte es ja die Rätin nicht gemeint . Sie wollte etwas andeuten , was sie nicht zu sagen wagte , weil es ihr unzart vorkam . Agathes Wesen , das gegen die jungen Männer ihres Kreises immer steifer und verschlossener wurde , bekümmerte die Mutter . Agathe hatte durch hochmütige Nichtachtung schon mehrere Herren , die sich ihr auffällig zu nähern suchten , verletzt und zurückgestoßen . Die Rätin wußte nicht von der Erfahrung , die Agathe an ihrem Bruder gemacht hatte , und die auf ihr ruhte , wie ein Unrecht , an dem sie durch ihr Verschweigen mit schuldig geworden war . Die Rätin wußte auch nichts von den Beziehungen Lord Byrons zu ihrer Tochter . In ihrem , durch die Sorgen um einen weitläufig und umständlich geführten Haushalt , von den Erinnerungen an ihre toten Kinder und von ihrem Nervenleiden gequälten Kopf war längst ein Zustand der Ermattung eingetreten , der es ihr unmöglich machte , Ursache und Wirkung irgend welcher Verhältnisse zu übersehen , eine Gedankenfolge klar und scharf zu Ende zu führen . Aber je schwächer ihr ursprünglich nicht armes Verstandesvermögen wurde , desto mehr steigerte sich die Ahnungsfähigkeit ihres Gemütes , das mit unendlich feinen Gefühlstastern den verborgensten Stimmungen ihrer Lieben nachspürte und sie leidend mitempfand . Sie seufzte , sobald die Rede auf Walters und Eugeniens Hochzeit kam , und doch war für alle Freunde der Familie in dem bevorstehenden Ereignis eitel Freude für ein Mutterherz zu sehen . So fühlte Frau Heidling auch jetzt , daß eine Zerstreuung , ein Wechsel der Eindrücke für Agathe heilsam sein werde . Sie hatte nicht ohne Absicht die letzte schöne Photographie des Mädchens dem Malerehepaar geschickt . Weil sie keine überzeugenden Gründe vorbringen konnte , suchte sie ihr Ziel mit stillem Eigensinn zu erreichen . Frau Heidling eröffnete ihrer Tochter mit betrübtem Gesicht , der Vater habe entschieden , wenn sie reisen wolle , so könne sie die Kosten von ihrem Taschengelde tragen . “ Papa weiß ja gar nicht , daß Du Dir was gespart hast , ” fügte sie mit einem schelmischen Triumpf hinzu . “ Zwanzig Mark gebe ich Dir aus der Wirtschaftskasse — die kann ich gut erübrigen ! Da muß er es doch erlauben ! — Freust Du Dich nicht auf die Reise ? ” Agathe blickte ihre Mutter verstört und erschrocken an . — — Ja — sie hatte sich einen kleinen Schatz erspart . . . . Schon lange trug sie in Gesellschaften keine Glaceehandschuhe mehr , sondern Halbseidene , und auf Spaziergängen sogar Baumwollene . Machten die jungen Damen einen Abstecher zum Konditor , so wußte sie sich auf irgend eine Weise zurückzuziehen , und ihre Geburtstagsgeschenke waren geradezu mesquin . Die öffentliche Meinung beschäftigte sich bereits mit der augenfälligen Vernachlässigung ihrer sonst so gepflegten Erscheinung und mit der Veränderung ihres sorglos generösen Charakters . Da der Wortschatz der jungen Mädchen kein allzu reichhaltiger war , wurden zwei Ausrufe bald von Lisbeth Wendhagen , bald von Fräulein von Henning , dann wieder von Kläre Dürnheim oder von Eugenie als neueste Beobachtung preisgegeben . “ Kinder , was sagt ihr nur zu Agathe ? — ” “ Ich finde das eigentlich . . . . ” Der Grad von Mißbilligung , von Entrüstung schien so stark zu sein , daß er nur durch eine unheimliche Pause hinter dem “ eigentlich ” . . . . . recht zur Geltung gebracht werden konnte . Agathe sparte für eine Reise nach England . Sie wollte ihres toten Lieblings Grab besuchen , an den Stätten wandeln , wo er geatmet und gesungen — wo er das Leben gelitten und genossen hatte . Ach — und wie lange dauerte es , bis aus den einzelnen Nickel- und Silbermünzen ihres Taschengeldes auch nur ein Goldstück eingewechselt werden konnte . Auf dem Grunde des Kästchens , in dem Agathe ihren Schatz bewahrte , lag ein Zettel , der in gotischen Buchstaben den Spruch enthielt : Vernunft , Geduld und Zeit macht möglich die Unmöglichkeit . Wenn Agathe ihn las , war ihr zu Mute , als nähme sie einen Schluck Chininwein . Mit nervöser Lust fühlte sie das Geld zwischen ihren Fingern , das ihr endlich ein Erlebnis bringen sollte — das große Erlebnis , nach dem ihr ganzes Wesen gespannt war . Vielleicht erlaubten ihr die Eltern die Reise nicht — vielleicht mußte sie heimlich gehen und durfte dann niemals wiederkommen . . . Sie besann sich , ob irgend etwas in dem Kreise ihrer jetzigen Freuden sie mit starker Gewalt hätte zurückhalten können ? Nein — da gab es nichts . Alles erschien ihr fade und klein , von allem kehrte sie sich mißtrauisch oder gleichgültig und verdrossen ab . Nun wurde sie plötzlich vor eine schwere Wahl gestellt . England zu erreichen , ohne die Einwilligung der Eltern , war ja höchst unwahrscheinlich — wie eine ganz tolle Idee kam der Plan ihr jetzt vor . Frau von Woszenska schrieb reizende Briefe — zu drollig . . . . Und ihr Mann war ein richtiger Pole — große Künstler verkehrten in seinem Hause . . . . Agathe antwortete , sie wolle reisen — natürlich wollte sie ! . . . . Ach Gott — nun mußte sie die Goldstücke in ihr Portemonnaie stecken . Wie sie damit ihre Liebe profanierte . Sie war feige — sie war kein großer Mensch , der sich und seinen Entschlüssen treu bleibt . Aber was half ' s ! Nun wollte sie auch einmal wieder von Herzen vergnügt sein . Frau von Woszenska erwartete Agathe auf dem Bahnhof und schleppte sie gleich zu ihrem Manne ins Atelier . Ein starker Duft von Terpentin und egyptischen Cigaretten drang ihnen entgegen . Der polnische Maler schob die Brille auf seine magere Adlernase herunter und blickte Agathe mit blauen traurigen Beobachteraugen an , während seine dürre lange Hand sie herzlich begrüßte . Er hatte in einem geschnitzten Lehnstuhl gesessen , den Kopf an ein altes Lederkissen gelehnt — seine begonnene Arbeit prüfend . Auf einer Staffelei vor ihm stand eine große Leinwand . Frau von Woszenska , die , aus Leipzig gebürtig , ein lebhaftes Sächsisch redete , stellte sich neben ihren Mann , legte ihm die Hände auf die Schulter , blickte das Bild mit scharfer Aufmerksamkeit an und rief dann fröhlich : “ So wird ' s , Kas ! Here mal , mei Kutster — so wird ' s ! ” Herr von Wozenski wendete sich höflich zu Agathe und sagte : “ Ich wollte es die Extase der Novize nennen . ” Agathe suchte sich in das unvollendete Gemälde hineinzufinden . Vor einem mit phantastischer Vergoldung prunkenden Altar , auf dem Kerzen im Weihrauchnebel flimmern und blutroter Sammet über weiße Marmorstufen flutet , ist eine junge Nonne in die Kniee gesunken — ihr dunkler Schleier , die schweren Gewänder flatternd in geisterhaftem Sturmwind , der mit einem Strom von Glanz durchs hohe Kirchenfenster bricht — unzählige geflügelte Köpfchen , amorettengleiche Engels-Gestalten vom Himmel herabwirbelnd . Und die junge Nonne hat in den erhobenen Armen das Jesuskindlein empfangen . Ihre Gestalt , die selige Innigkeit ihrer Geberde waren erst in Kohlenstrichen angedeutet — ihr Antlitz ein leerer grauer Flecken . Aber Agathe seufzte tief in andächtiger Verwunderung , als sie die Meinung verstand . Frau von Woszenska nahm sie bald mit sich , indem sie ihrem Manne zurief : “ Höre , Du — heut giebts nur Eierkuchen und ein Stück Schinken — ich brauche die Köchin . ” Er lächelte einverstanden . Frau von Woszenska hatte ihr Atelier in der Wohnung , um neben der Kunst den Haushalt überwachen zu können . Sie malte lustige Schulmädchen und blonde Kinder , die einen schwarzen Pudel abrichten . Damit verdiente sie das tägliche Brot und für ihren Gatten die Muße , die er zu seinen großen , unverkäuflichen Werken brauchte . Nachdem die robuste Dienstmagd Agathes Koffer heraufgetragen und noch einmal Kohlen in den Ofen geschaufelt hatte , legte sie ihr Kleid ab und schälte aus dem berußten Baumwollenstoff ein Paar prachtvolle Schultern und Arme . Sie setzte sich auf ein erhöhtes Podium , Frau von Woszenska zeichnete ernst und eifrig . Agathe stickte eine Decke für Mama und wunderte sich dabei über die Situation im Allgemeinen und im Besonderen über die seltsamen Grimassen , die Frau von Woszenska bei der Arbeit ein unbewußtes Bedürfnis zu sein schienen . Sie nannte Agathe sofort mit dem Vornamen und “ Du ” . Auf diese Weise gab sie ihr gleich ein Heimatsgefühl . Der kleine Sohn Michel kam aus der Schule . Er sah blaß und müde aus . Frau von Woszenska schimpfte auf die verrückten Schuleinrichtungen . Sie schnarrte das doppelte “ R ” so eindrucksvoll , daß der Laut förmlich eine pathetische Bedeutung von Zorn und Leidenschaft erhielt . Die Köchin hatte ihre Götter-Schultern schon vorher wieder in blauen Gingan gehüllt und brachte dem Kleinen die Suppe . Michael reckte seine dünnen Glieder auf dem Stuhl vor dem Teller und ließ die Winkel seines eingeknifften Mündchens hängen . Er hatte keinen Appetit . “ Das Kind ißt wieder nicht . . . . . . Einem sein Kind in solchem Zustand nach Haus zu schicken ! ” murmelte Frau von Woszenska . Sie versprach Michel , wenn er essen wolle , zur Belohnung “ die traurige Ziegenfratze ” oder “ die lustige Mohrenfratze ” . Die Orang-Utangfratze , erzählte sie Agathe , dürfe sie nur machen , wenn es Kas nicht sehe — die wäre ihm zu unästhetisch . “ Mutter — jetzt hab ' ich ' ne närrische , ” sagte Michel , “ — — weißt Du , wie unser Klassenlehrer macht , wenn er Fliegen aus den Tintenfässern fischt ? ” Der Junge nahm ein Stückchen Brot , holte Reisbröckchen aus seiner Bouillon , schleuderte sie fort und murmelte ingrimmig : “ So ' ne Schweinerei — nee , so ' ne Schweinerei ! ” Er brachte den Eifer und den Ekel eines vertrockneten Gymnasiallehrer-Gesichtes in erstaunlicher Weise zur Darstellung . Seine Mutter und Agathe lachten laut auf . Frau von Woszenska schüttelte sich vor Vergnügen , in ihren Augen funkelte eine wilde Rachebefriedigung . “ Famos , Michel ! Nochmal ! Das muß ich auch lernen ! ” Michels erschlaffte kleine Züge röteten sich , während er und seine Mutter die neue Fratze probierten . “ Du kannst ' s , Du kannst ' s ! ” schrie er begeistert . “ Jetzt esse ich auch meine Suppe ! ” Sich an der Dummheit , der Trivialität , der Häßlichkeit wie an einem seltsamen Genusse zu ergötzen — das war die Weise , in der die drei verfeinerten Menschen sich gegen diese Gewalten wehrten , wodurch sie sich Freiheit und geistreichen Frohsinn bewahrten . Nannte Woszenski seine Frau bei ihrem Vornamen , so fand er es entzückend , daß die ungewöhnliche Person , deren Bewegungen an ein japanisches Götzenbild erinnerten , welches kurzes , krauses , nach allen Seiten davonstarrendes Negerhaar besaß und grelle aufgeregte Augen — daß sie gerade “ Mariechen ” heißen mußte . Der Gegensatz , den ihr scharfes Organ und ihr Leipziger Dialekt zu seinem gewählten , leicht von ausländischem Accent berührten Deutsch bildete , hatte vielleicht auf den Entschluß , sie zu heiraten , eingewirkt , als ein subtiler und närrischer Reiz . Ihm waren die gesellschaftlichen und künstlerischen Verhältnisse der Gegenwart so zuwider gewesen , daß er verwundet und ermattet allem den Rücken gekehrt und sich bei einem Einsiedler auf Capri in Kost und Wohnung gegeben hatte , als dem einzigen Menschen , der seinen Nerven nicht unerträglich wurde . Bis Mariechen kam und ihn sich durch ihren sieghaften Humor in die Welt zurück holte . Am Abend , während das Ehepaar mit dem jungen Gast in ihrem Wohnzimmer saß , von dessen Decke eine Messing-Lampe aus einer Synagoge niederhing , wo lebensgroße buntbemalte Kirchenheilige an den Wänden lehnten und über den gefalteten Händen Fetzen von japanischer Seide trugen , begann Herr von Woszenski aus jener Zeit zu erzählen . Er war in einem alten Pelzrock gewickelt , auf dessen Schultern sein langes , schon ergrauendes Haar Spuren gelassen hatte . Seine ausdrucksvolle Künstlerhand liebkoste den wirren Bart , und er rauchte unzählige Cigaretten , während er mit leiser bedeckter Stimme sprach . — — Bei Pagano war ein junger Maler gestorben . Er und ein paar andere hatten seine Leiche zum Festland hinübergerudert . . . . “ Das Meer glänzte still im frühen Morgenlicht wie so eine kostbare Perlmutterschale — und auf der grauen Flur trieb ein großer Strauß blaßroter Rosen an uns vorüber — wir sahen sie immer auf- und niederschwanken , mit der Bewegung der Wellen . Und der schwarze Sarg im Boot war ganz bedeckt mit Rosen . . . . ” Agathe lag lange wach auf dem ungewohnten Lager , in dem ihr noch fremden Raum . Sie hörte das Murren der Wogen zwischen Capri und Neapel — sie sah die Rosen auf der silbernen Flut . . . . Blutroter Sammet strömte über den Hochaltar , Engelsköpfe umgaukelten sie . . . . . . Und ein Sturmwind vom Himmel schauerte durch ihre Seele . “ Das Kind soll die alte Hauptmann Gärtner besuchen , ihre Mutter kennt sie von früher . Ich will Mittag mit ihr hingehen . Du könntest ' mal bei Lutz vorsprechen , Kas . Wir treffen uns dann . ” So bestimmte Frau von Woszenska das Programm des Tages . Agathe verspürte Lust , sich zu putzen . Sie nahm ihren neuen Rembrandthut aus dem Koffer . Der Hut stand ihr reizend . Papa hatte ihn zu auffallend gefunden , aber Mama hat gemeint , für die Künstlerstadt wäre so etwas gerade das Richtige . Doch Frau von Woszenska trug sich sehr einfach — beinahe schäbig sah sie aus in ihrer schwarzen Trikotbluse . Nein — Agathe genierte sich . . . . Frau von Woszenska würde sie für eine oberflächliche , eitle Fliege halten . Und man zog auch seine besten Sachen nicht so mir nichts dir nichts an , wenn man gerade vergnügt war , sondern wenn die Gelegenheit es forderte . Die Anschauung war Agathe nun einmal in Fleisch und Blut übergegangen . Es taute überdies und das Wasser klatschte in großen Tropfen von den schneebedeckten Dächern . Der Rembrandthut wanderte in den Koffer zurück und die Pelzmütze wurde aufgesetzt . Ganz nett sah sie ja so auch aus — wenn sie einmal nicht geistreich und bedeutend sein konnte , so war es doch recht angenehm , daß sie wenigstens so ein hübsches Gesichtchen hatte . Frau von Woszenska tauschte beim Frühstück mit ihrem Manne ganz beifällige Bemerkungen über sie , eigentlich , ein bißchen als wäre sie ein Bild , nicht ein lebendiger Mensch , der eitel werden konnte . — — Merkwürdig lau war die Luft , ihre Winterjacke wurde Agathe viel zu warm . Sie knöpfte sie auf , denn sie hatte schon so eine Freude , daß man sich hier in dem stillen alten Städtchen und bei Woszenskis mehr gehen lassen konnte als zu Haus , wo man fortwährend Rücksicht auf Papas Stellung nehmen mußte . Während des Besuches saß sie nach einigen von ihr beantworteten Fragen still und hörte auf Frau von Woszenskas Gespräch mit der alten Dame . Alles , was Frau von Woszenska sagte , war Agathe spannend und merkwürdig , wenn sie auch nur , wie eben jetzt , von Dienstboten sprach . “ . . . Ja — ich wollte mal ' ne Solide haben . . . . . Eine Solide ! ! sage ich zu Kas . Da nehmen wir eine , die ' n Kropf hat . . . ” Das “ R ” wurde mit Leidenschaft geschnarrt . “ Und een ' Buckel ! Einen ordentlichen Buckel ! — So . — Am ersten Sonntag kommt das Frauenzimmer : ist zum Maurerball eingeladen . Willst Du nicht vorher essen ? frage ich . Da stellt sie sich vor mich hin und sagt so ganz von oben — von oben herab — über den Kropf weg : Ich danke — die Herren traktieren ! — Nun habe ich aber eine Schöne ! Die kann ich doch zum Modell brauchen ! ” Laut und triumphierend schlug sie auf den Tisch . Die Hauptmann Gärtner machte ein Gesicht , als thue man ihr weh . Sie bemerkte mit schwachem Lächeln , eine besondere Schönheit könne sie an Woszenskis jetziger Köchin nicht finden — aber Künstler wären in allem so originell . Frau von Woszenska grinste mit der lustigen Mohrenfratze zu Agathe hinüber . Sie verabschiedete sich höflich und versicherte , ihr Mann warte schon unten auf sie . Er kam aus der höheren Etage und traf mit ihnen auf der Treppe zusammen . “ Da hab ' ich ja nicht ' mal gelogen ! ” rief die Malerin . “ Kommt doch einen Augenblick herauf , Lutz möchte Dir sein Bild zeigen . Das Atelier wird Fräulein Agathe auch interessieren , ” sagte Woszenski . “ Sie wird sich doch nicht verlieben ? ” flüsterte Frau von Woszenska und machte strenge Augen . “ Kind — laß das lieber — der da oben ist nichts für Dich . ” Agathe lächelte , sie dachte an Lord Byron . — Ein junger Mann hielt den Vorhang , durch den sie eintreten sollten , zurück und nahm den Hut ab . Er war schon zum Fortgehen gerüstet und trug Überschuhe , die für seine schmale , dürftige Figur viel zu groß und plump erschienen . Die Bewegung , mit der er grüßte und hinter seinen drei Gästen den alten Gobelin fallen ließ , war von eigentümlich zarter , liebenswürdiger Anmut . Als Agathe in ihr Gastzimmerchen bei Woszenskis zurückkehrte , schloß sie eilig die Thür hinter sich . Sie blieb einen Augenblick stehen , sah erstaunt und verwirrt umher . Plötzlich fiel sie vor dem Bett auf die Knie , drückte ihren Kopf in die Arme und blieb so eine lange Weile , das Gesicht in den weißen Decken verborgen , ohne sich zu regen . Sie weinte nicht . Ein heftiges , anhaltendes Zittern lief durch ihren Körper . Dann war es , als ob die Luft ihr fehle . Sie warf den Kopf in den Nacken und blickte mit geöffneten , bebenden Lippen empor . “ Ach Gott ! Ach Gott — ach mein lieber Gott ! ” Ungeduldig zerrte sie die Handschuhe ab , sprang auf , schleuderte ihre Mütze , ihre Jacke von sich und lief planlos , die Augen mit Thränen gefüllt , in dem engen Raum umher . Sie blieb stehen . . . . . . . . Wie eine Erscheinung sah sie das Profil — die Linien seines Kopfes vor sich in der Luft . Allmählich erblühte aus der Qual in ihrem Antlitz ein Lächeln , ein trunkenes Leuchten der Augen . Tief aus der Brust rang sich seufzend der Atem , die Thränen quollen und rannen klar über die glutheißen Wangen . Das Mädchen faltete die Hände und sprach leise , feierlich : “ Ich liebe ihn . ” — Erschöpft saß sie auf dem Rand ihres Lagers , preßte die gefalteten Hände gegen die Brust und wiederholte entzückt : “ Ich hab ' ihn lieb — ich hab ' ihn lieb . . . ” So versank sie in Träume . Wie war nur alles gewesen ? — sie erinnerte sich nicht mehr , was er mit ihr gesprochen . . . . Wie er den kleinen schwarzen Hut von dem hellen Kopf genommen und ihr seinen Blick zugewandt — das wußte sie noch . Ja — hell und zart — mit seinen schlanken Formen , ein wenig blaß und müde um die Augen — so trat seine Erscheinung wie hinter einen leichten Nebel , der alles nur undeutlich erkennen ließ , vor ihre Phantasie . — Sie hatten wenige Worte gewechselt — er redete mit Frau von Woszenska über seine begonnene Arbeit . Da gebrauchten sie Ausdrücke , die Agathe fremd waren , die auch ihr Vater niemals benutzte , wenn er über die Kunst sprach . Und sie machten mit Händen und Fingern andeutende , zeichnende und fortwischende Bewegungen in der Luft . Frau von Woszenska rührte an bunte Stoffe , die auf einem weißlackierten Tischchen lagen , und entschuldigte sich ernsthaft , als habe sie eine große Rücksichtslosigkeit begangen . Er lächelte und bemerkte , das habe nichts auf sich . Er hob einen der Stoffe in die Höhe und liebkoste ihn gleichsam mit seinen unruhigen Händen — eine weiche , weiße , türkische Seide von kühlen , blaugrünen Streifen durchzogen . Sie war auf dem Bilde wiedergegeben , ein bronzener Amor sprang aus ihren Falten . Agathe wagte zu sagen , sie möge Stillleben nicht leiden — aber diese Idee wäre lustig . . . . Da sah er sie noch einmal schnell und flüchtig an . “ Ja ? — Meinen Sie ? Ich denke auch . ” — Sie hörte , daß er Herrn von Woszenski “ mein Freund Hamlet ” nannte und ihm riet , nach München zu ziehen . Hier würde er kein Modell zu der Nonne finden . “ Das Naive ist hier immer gleich roh ! ” Schüchtern hatte Agathe sich in dem Atelier umgesehen . Eine kleine Chaiselongue mit blauem Seidenplüsch bezogen — Kissen von verblaßtem , blumendurchwirktem Damast auf graziös geschweiften Stühlen — alles andere war ein Gewirr von weichen , einschmeichelnden Farben — Formen — Stoffen — Dunkelheiten , die durch alte Radierungen und Bronzen in die lichte Eleganz gebracht wurden . Die Einrichtung unterschied sich stark von dem herben Künstlergeschmack , der bei Woszenskis herrschte . Niemals hatte Agathe dergleichen gesehen . Aber in ihr tauchte eine Erinnerung auf , als habe sie davon geträumt — als habe sie das alles unbewußt gesucht . Sie hob ihre Hand , die der Maler beim Abschied flüchtig gedrückt — ein süßes , liebes Gefühl war ihr in den Nerven geblieben . Zitternd näherte sie sie den Lippen — es war kein Kuß , nur ein leises , behutsames Ruhen des Mundes auf der Stelle , die er berührt hatte . — Ihr Staunen , von der längst erwarteten , gefürchteten , erhofften Gewalt berührt , ergriffen , eingehüllt und gefangen zu sein , wich mehr und mehr einer schelmischen Neugier auf alles , was nun folgen mußte . Und die Phantasie mit ihren trügerischen Spiegelungen ließ sie im Stich . Es gab für Agathe nur noch zwei Menschen auf der Welt . Sie mußten sich vereinigen , und das Geheimnis der Vereinigung mußte ihr enthüllt werden . Die Neugier wich auch von ihr . Sie war Entweihung . Das Mädchen stand mitten im Allerheiligsten des Gefühls — sie war bereit — wie Julia bereit war für den Geliebten . Während des Mittagsmahles streifte Frau von Woszenska ihren Gast zuweilen mit aufmerksamem Blick . Agathe aß kaum etwas . Auch am Abend nicht . Sie war sehr schweigsam . Doch ein erhöhtes Wohlgefühl vibrierte in ihr . Das Blut klopfte ihr mit stärkerem Pulsschlag in den Adern , es schimmerte rötlicher , gesunder durch die feine Haut der Wangen . Ihr Gang hatte etwas Freies , Leichtes , sie trug den Kopf stolzer und die braunen Haarlöckchen flatterten keck um die Schläfe — um die kleinen heißen Ohren . Wenn das Mädchen irgend eine gleichgültige Antwort geben sollte , lächelte sie den Fragenden mit einem schönen frohen Ausdruck an . Jugend und Leben sprachen beweglich aus ihren feuchtglänzenden Augen . . . . . Nein — das war ja nicht möglich . . . . Herr von Lutz konnte sich nicht in dunkler Nacht aus himmlischen Höhen zu ihr niedersenken , wie Amor die bebende Psyche fand . . . . . Auf der Treppe , die zu Woszenskis Wohnung führte , machte Agathe es sich mit inniger Heiterkeit klar , daß Lutz dieselben Stufen emporsteigen müsse , wenn er sie wiedersehen wolle . Dabei beschlich sie die erste bange Frage , ob das je geschehen würde . Das Gedächtnis für diese Zeit ihres Lebens war später fast in ihr erloschen . Sie hatte keine Erinnerung mehr , wann das trunkene Glück sich in Verwunderung , wann die Verwunderung sich zu Angst und die Angst zu dumpfem , quälendem Kummer sich wandelte . Es geschah alles nicht so , wie sie erwartet hatte . Er kam nicht . Doch sie mußten sich ja wiederfinden . Er wartete wohl auf eine Begegnung , die ihm der Zufall bringen sollte . Zweifel an dem Eindruck , den sie empfangen hatte , kamen Agathe nicht . Sie liebte ihn . Allmählich begann sie zu ahnen , daß Liebe für gewisse Naturen nicht Glück , sondern Leiden ist , und wenn sie nicht zum Höhepunkte gesunden Lebens führt , zur Krankheit wird , an der die Jugend zu Tode welkt . In einem Konzert sah Agathe ihn unerwartet dicht vor sich sitzen . Sie hatte ihn nicht einmal gleich erkannt ; darüber war sie sehr erschrocken . Er trug den Kopf ein wenig geneigt . Zuweilen wandte er ihn mit der Anmut , die gerade diese Bewegung bei ihm auszeichnete , zu der Dame an seiner Seite und sprach ein leises Wort . Agathe wartete in erstickender Spannung , ob er sich auf seinem Stuhl umdrehen und ob sein Blick dann auf sie fallen werde . Er that es nicht . Er schien sehr hingenommen von dem leisen , aber lebhaften Gespräch , das er in den Pausen mit seiner Nachbarin führte . Ein ungemein zierliches kleines Wesen war sie und trug ein schwarzes Kleid mit winzigen Perlen bestickt , die leicht glitzerten , sobald sie sich bewegte , Dazu ein braunes Hütchen mit weißem Krepp . In der Form ihres Kopfes lag eine gewisse Ähnlichkeit mit der des Malers , und auch in der Färbung ihrer Haut , die nichts von dem rosigen Anhauch eines Blondinen-Teints besaß , sondern an den matten Ton des Elfenbeins erinnerte . Aber Lutz hatte ein richtiges Märchenprinzenprofil — und sie zeigte am Ende des Konzertes Agathe ein drolliges Näschen und einen breiten Mund . Nun erkannte Agathe sie . Es war die Schauspielerin , die sie vor ein paar Tagen in einer Knabenrolle bewundert hatte . Ihre affektierte Grazie war die einer kleinen Rokokofigur auf einem Fächer , dessen Farben schon ein wenig verblaßt sind . Frau von Woszenska hatte keinen Platz neben Agathe bekommen und saß mehrere Reihen weiter nach vorn . Als Agathe beim Hinausgehen nur noch durch einige Personen von ihr getrennt war , sah sie , wie Lutz zu ihr trat , um sie zu begrüßen . Sein feines nervöses Gesicht nahm einen liebenswürdigen Ausdruck von Güte , ja von Ehrfurcht an . Während er der Schauspielerin folgte , bemerkte er auch Agathe und lüftete noch einmal leicht den Hut . Er lächelte , seine Augen waren träumerisch , die Erinnerung der Musik lag noch darin . “ Ist Fräulein Daniel mit Herrn von Lutz verwandt ? ” fragte Agathe Frau von Woszenska . “ Nein — ich weiß nichts davon — ich glaube durchaus nicht . . . . Warum ? ” “ Weil sie sich ähnlich sehen . ” “ Ja — Du hast recht ! Das ist doch närrisch ! Sie ist seine Freundin . Ein gescheites Frauenzimmer ! ” Woszenski zeichnete Agathe mehrere Male als Studie zu seiner Novize . Lutz habe ihn auf den Gedanken gebracht — sie habe so fromme Augen . . . Er seufzte viel bei der Arbeit , durchwühlte sein Haar und seinen wirren Bart , starrte über die Brille hinweg und unter ihr hervor . “ So ein weiches Köpfchen , wo noch nichts drin ist — das ist fein — aber schwer — schwer . ” Ihre helle rosige Farbe paßte ihm auch nicht in den Ton des Bildes . Dann ließ er es plötzlich ganz , ohne einen Grund dafür anzugeben . Holten die Damen ihn aus dem Atelier , so fanden sie ihn , versunken