und tiefer sinkend , entschwand er langsam den Blicken ; noch einmal flammte es am Horizont auf , wie mit feuriger Lohe – dann war das Licht verschwunden , und auch das dunkle Rot , das noch auf dem Wasser lagerte , begann allmählich zu verblassen . Wanda atmete tief auf und fuhr mit der Hand über die Stirn . » Die Sonne ist nieder , « sagte sie leise , » wir werden an die Rückkehr denken müssen . « » An die Rückkehr ! « wiederholte Waldemar wie im Traum . » Schon jetzt ? « Das junge Mädchen erhob sich rasch , als gelte es irgend einer beängstigenden Empfindung zu entfliehen . » Das Tageslicht bleibt nicht mehr allzulange , und wir müssen jedenfalls bei anbrechender Dämmerung in C. sein , sonst verzeiht uns die Tante nie diese eigenmächtige Fahrt . « » Das werde ich bei meiner Mutter vertreten , « sagte Waldemar , auch er schien sich zu den gleichgültigen Worten förmlich zwingen zu müssen , » wenn Sie aber die Rückkehr wünschen – « » Ich bitte darum . « Der junge Mann machte eine Wendung nach dem Boote hin , auf einmal hielt er inne . » Sie wollen ja wohl fort , Wanda ? Schon in wenigen Tagen ? Nicht wahr ? « Die Frage klang seltsam erregt , und auch in der Stimme der jungen Gräfin lag nicht die gewöhnliche Unbefangenheit , als sie antwortete : » Ich muß zu meinem Vater ; er entbehrt mich schon so lange . « » Meine Mutter und Leo gehen nach Wilicza – « Waldemar stockte bei den Worten , als ob ihm irgend etwas den Atem benehme . » Es ist die Rede davon , daß ich sie begleite – darf ich das ? « » Weshalb fragen Sie mich danach ? « fragte Wanda mit einer ihr sonst ganz fremden Befangenheit . » Es hängt doch einzig von Ihnen ab , ob Sie Ihre Güter besuchen wollen . « Der junge Mann beachtete den Einwurf nicht ; er beugte sich zu ihr nieder ; seine Stimme bebte in leidenschaftlicher Unruhe . » Ich frage aber Sie , Wanda , Sie allein – darf ich nach Wilicza kommen ? « » Ja ! « fiel es unwillkürlich von Wandas Lippen , aber in demselben Augenblick erschrak sie auch darüber , denn Waldemar hatte mit einer stürmischen Bewegung ihre Hand ergriffen und hielt sie so fest , als sei es für die Ewigkeit . Die junge Gräfin fühlte , was er in dieses » Ja « hineinlegte , und das machte sie bestürzt . Es überkam sie auf einmal eine heiße Angst . Waldemar bemerkte ihr Zurückweichen . » Bin ich Ihnen wieder zu ungestüm ? « fragte er leise . » Sie dürfen mir darüber nicht böse sein , Wanda , heute nicht . Ich konnte nur den Gedanken an Ihre Entfernung nicht ertragen . Jetzt weiß ich ' s ja , daß ich Sie wiedersehen darf – jetzt will ich geduldig warten , bis wir in Wilicza sind . « Sie gab keine Antwort . Schweigend gingen beide nach dem Boote hinunter . Waldemar richtete die Segel und legte die Ruder ein , und einige mächtige Stöße trieben das kleine Fahrzeug weit hinaus in die See . Noch lag ein leiser Rosenschimmer auf den Wellen , als das Boot darüber hinglitt . Niemand sprach auf der Fahrt , nur das Meer rauschte eintönig , während das letzte flüchtige Rot am Himmel verblaßte und die ersten Schatten der Dämmerung sich über den Buchenholm legten , der weit und weiter zurückwich . Der Traum beim Sonnenuntergang war zu Ende , aber die alte Sage , die ihn gesponnen , erzählt auch , daß , wer einmal das versunkene Vineta geschaut , einmal seinen Glockenklängen gelauscht habe , den lasse die Sehnsucht danach nicht ruhen sein Leben lang , bis die alte Wunderstadt wieder zu ihm emporsteigt – oder bis sie ihn hinabzieht in die Tiefe . Die diplomatische Mission , zu der Herr Witold den Doktor Fabian auserlesen hatte , schien dem ersteren in ihrer Ausführung nicht halb so schwierig , wie in ihrer Einleitung . Um genauen Bericht darüber zu erstatten , » was eigentlich da drüben in C. passierte « , mußte der Doktor natürlich Zutritt bei der Fürstin Baratowska haben , und das konnte nur durch Waldemar geschehen , Witold zerbrach sich den Kopf darüber , wie er seinem starrsinnigen Pflegesohn die Sache beibringen könne , ohne gleich von vornherein auf ein entschiedenes Nein zu stoßen . Da kam ihm unerwartet der Zufall zu Hilfe . Die Fürstin hatte bei dem letzten Zusammensein den Wunsch ausgedrückt , den Lehrer ihres Sohnes persönlich kennen zu lernen . Waldemar sprach davon nach seiner Rückkehr und der Gutsherr ergriff mit beiden Händen die willkommene Gelegenheit . Er war zum erstenmal in seinem Leben in der Lage , einen Wunsch der Fürstin Jadwiga vernünftig zu finden . Er hielt den Doktor unerbittlich beim Worte , und dieser , der noch immer gehofft hatte , die Sache werde an dem Eigensinn seines Zöglings scheitern , mußte schon am zweiten Tage mit Waldemar zu der gewünschten Vorstellung nach C. Waldemar war auch heute zu Pferde . Er war ein leidenschaftlicher Reiter und verabscheute das Fahren auf den sandigen oder steinigen Landwegen , über die er im Galopp hinsprengte . Es fiel ihm nicht ein , Rücksicht auf seinen Lehrer zu nehmen und sich zu ihm in den Wagen zu setzen . Doktor Fabian war an dergleichen Rücksichtslosigkeiten gewöhnt , und von Natur schüchtern und nachgiebig , hatte er nicht den Mut , sich dagegen zu erheben oder deswegen seine Stellung zu opfern . Er besaß kein Vermögen ; eine Stellung war überhaupt für ihn eine Lebensfrage . Das Leben in Altenhof sagte ihm wenig zu , aber er nahm im ganzen ja auch nur wenig teil daran . Er erschien nur bei Tische und hin und wieder abends auf eine Stunde , um dem Gutsherrn Gesellschaft zu leisten ; sein Zögling nahm ihn wenig genug in Anspruch . Waldemar war stets froh , wenn er die Unterrichtsstunden hinter sich hatte , und sein Lehrer war es noch mehr . Die ganze übrige Zeit stand diesem zur freien Verfügung ; er konnte sich ungestört seinem Steckenpferde , den germanischen Studien , hingeben . Diesen geliebten Studien verdankte Herr Witold es allein , daß der jetzige Erzieher seines Pflegesohnes nicht dem Beispiele der sechs Vorgänger folgte und gleichfalls davonlief , denn er sagte sich ganz richtig , daß in einer andern Stellung , wo eine stete Beaufsichtigung der Zöglinge verlangt werde , es mit dem Studieren vorbei sei . Freilich gehörte ein so geduldiger Charakter , wie der des Doktors dazu , unter solchen Verhältnissen auszuhalten ; er ertrug es auch heute schweigend , daß Waldemar wirklich vorausritt und ihn erst am Eingange von C. erwartete , wo sie gegen Mittag anlangten . Sie fanden bei ihrer Ankunft nur Gräfin Wanda im Salon , und Doktor Fabian machte die erste Vorstellung zwar in großer Befangenheit , aber doch in leidlicher Haltung durch . Leider reizte seine sichtbare und ein wenig komische Aengstlichkeit die junge Gräfin sogleich , ihren Mutwillen an ihm zu üben . » Also Sie , Herr Doktor , sind der Erzieher meines Vetters Waldemar , « begann sie . » Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus und beklage Sie von ganzem Herzen . « Fabian sah erschrocken in die Höhe und dann nicht minder erschrocken auf seinen Zögling , aber dieser schien die Aeußerung gar nicht gehört zu haben , denn seine Miene verriet nicht die geringste Entrüstung . » Wie meinen Sie , gnädige Gräfin ? « stammelte der Doktor . » Nun , ich meine , daß es ein sehr schwieriges Amt ist , Herrn Waldemar Nordeck zu erziehen , « fuhr Wanda unbekümmert fort und ergötzte sich unendlich an der grenzenlosen Verlegenheit , die ihre Worte hervorriefen . Doktor Fabian blickte in einer wahren Todesangst zu Waldemar hinüber ; er wußte , wie empfindlich dieser war , auch gegen bloße Neckereien . Oft genug hatten weit harmlosere Aeußerungen des Herrn Witold einen wahren Sturm hervorgerufen , aber merkwürdigerweise zeigte sich heute nicht das kleinste Anzeichen davon . Der junge Mann stützte sich ruhig auf den Sessel der Gräfin Morynska , ja , es schwebte sogar ein Lächeln um seine Lippen , als er , zu ihr herabgebeugt , fragte : » Glauben Sie , daß ich so schlimm bin ? « » Jawohl , das glaube ich , « erklärte Wanda . » Hatte ich doch erst vorgestern bei dem Streite um das Steuer das Vergnügen , Sie in vollem Zorne zu sehen . « » Aber doch nicht gegen Sie , « sagte Waldemar vorwurfsvoll . Der Doktor ließ den Hut sinken , den er bisher mit beiden Händen festgehalten hatte . Was war das für ein Ton , der so weich und mild von den Lippen seines wilden Zöglings kam , und was sollte der Blick bedeuten , der ihn begleitete ? Das Gespräch ging in dieser Art weiter . Wanda neckte den jungen Mann mit ihrem gewöhnlichen Uebermute , und Waldemar ließ sich das Spiel mit einer unendlichen Geduld gefallen . Hier schien ihn nichts reizen , nichts verletzen zu können ; für alles hatte er nur ein Lächeln ; er war überhaupt wie ausgetauscht , seit er sich in der Nähe der jungen Gräfin befand . » Herr Doktor Fabian hört uns ganz andächtig zu , « spottete diese . » Sie freuen sich wohl über unsre muntere Laune ? « Der arme Doktor ! Er dachte nicht daran , sich zu freuen . Mit ihm ging alles im Kreise herum . So wenig Erfahrung er auch in Liebesangelegenheiten hatte , hier dämmerte die Wahrheit ihm doch allmählich auf ; er fing jetzt an zu merken , was hier eigentlich » passierte « . Also darum hatte Waldemar so schnell in die Aussöhnung gewilligt ; darum ritt er unverdrossen in Sturm und Sonnenschein nach C. ; daher stammte die Veränderung in seinem ganzen Wesen . Herrn Witold traf sicherlich der Schlag , wenn er die Geschichte erfuhr , er , der einen so tief eingewurzelten Haß gegen die ganze » Polengesellschaft « hegte . Die diplomatische Mission war nun freilich gleich in der ersten halben Stunde geglückt , aber ihr Resultat jagte dem Abgesandten ein solches Entsetzen ein , daß er die ihm anbefohlene Diplomatie vollständig vergaß und wahrscheinlich seinen Schrecken verraten hätte , wenn nicht soeben die Fürstin Baratowska eingetreten wäre . Die Dame hatte mehr als einen Grund zu dem Wunsche , den Erzieher ihres Sohnes , der diesen auch auf die Universität begleiten sollte , persönlich kennen zu lernen . Jetzt , wo die Aussöhnung erfolgt und eine dauernde Verbindung angeknüpft war , konnte ihr die nächste Umgebung Waldemars nicht gleichgültig sein . Sie überzeugte sich nun freilich schon in den ersten zehn Minuten , daß von dem harmlosen Fabian nichts Feindseliges zu erwarten sei , daß er sich im Gegenteil gebrauchen lassen werde , wenn auch ohne sein Wissen . Von dem steten Begleiter konnte man in Zukunft manches erfahren , was von dem unzugänglichen Waldemar selbst nicht zu erfahren war , und das blieb unter allen Umständen von Wichtigkeit . Die Fürstin erwies dem Doktor die Ehre , ihn für ein geeignetes Werkzeug anzusehen ; sie war infolgedessen voll herablassender Freundlichkeit gegen ihn , und die Demut , mit der er diese Herablassung aufnahm , gewann ihm ihre volle Zufriedenheit . Sie verzieh seine Schüchternheit und Unbeholfenheit , oder vielmehr , sie fand beides in ihrer Gegenwart sehr natürlich und geruhte ihn in ein längeres Gespräch zu verflechten . Waldemar schien mit dem Eintritte der Mutter seine ganze sonstige Einsilbigkeit wieder aufgenommen zu haben . Er beteiligte sich wenig an der Unterhaltung und sagte der Fürstin einige leise Worte . Sie erhob sich sofort und trat mit ihm auf den Balkon hinaus . » Du wünschest mich allein zu sprechen ? « fragte sie . » Nur auf eine Minute , « entgegnete Waldemar . » Ich wollte dir nur sagen , daß es mir unmöglich ist , dich und Leo nach Wilicza zu begleiten , wie wir verabredet hatten . « Ein leichtes Erschrecken zeigte sich in den Zügen der Mutter . » Weshalb ? Legt man deiner Abreise vielleicht Schwierigkeiten in den Weg ? « » Jawohl , « sagte der junge Mann unmutig . » Es sind , wie sich jetzt herausstellt , nach meiner Mündigkeitserklärung einige Förmlichkeiten zu erfüllen , bei denen ich durchaus persönlich zugegen sein muß . Das Testament des Vaters weist in dieser Hinsicht verschiedene Bestimmungen auf ; weder Onkel Witold noch ich haben daran gedacht , und gerade jetzt , wo ich fort will , kommt die Aufforderung . Ich werde fürs erste noch hier bleiben müssen . « » Nun , dann werden wir unsre Abreise gleichfalls verschieben , « meinte die Fürstin , » und ich muß Wanda allein nach Rakowicz senden . « » Auf keinen Fall ! « fiel Waldemar mit der größten Bestimmtheit ein . » Ich habe bereits nach Wilicza geschrieben , daß du in den nächsten Tagen dort eintreffen wirst und daß man die nötigen Vorbereitungen im Schlosse treffen soll . « » Und du ? « » Ich komme nach , sobald ich hier frei bin . Jedenfalls bringe ich einige Wochen bei euch zu , ehe ich zur Universität gehe . « » Noch eine Frage , Waldemar , « sagte die Fürstin ernst . » Weiß dein ehemaliger Vormund bereits von dieser Bestimmung ? « » Nein . Ich habe bisher nur von meinem Besuche in Wilicza gesprochen . « » Dann wirst du unsern Aufenthalt dort also vor ihm vertreten müssen . « » Ich werde , « entgegnete Waldemar kurz . » Im übrigen habe ich den Administrator angewiesen , sich zu deiner Verfügung zu stellen , bis ich selbst eintreffe . Du hast nur deine Befehle zu geben ; es ist dafür gesorgt , daß sie respektiert werden . « Die Fürstin wollte ihren Dank aussprechen , aber er kam nicht über ihre Lippen ; sie wußte ja , daß diese Großmut nicht ihr galt , und die eigentümlich kalte Art , in der sie ihr geboten wurde , ließ ihr nur die Möglichkeit , sie ebenso kalt hinzunehmen , wollte sie sich nicht demütigen . » Wir dürfen dich also bestimmt erwarten ? « fragte sie . » Was Leo betrifft – « » Leo schmollt noch mit mir wegen unsres vorgestrigen Streites , « unterbrach sie Waldemar . » Er ging bei meiner Ankunft sehr demonstrativ nach dem Strande hinunter , ohne mich sehen zu wollen . « Die Fürstin runzelte die Stirn . Leo hatte gemessenen Befehl erhalten , dem Bruder freundlich zu begegnen , und dennoch zeigte er diesen Trotz , welcher der Mutter gerade jetzt äußerst ungelegen kam . » Leo ist oft heftig und unbedacht , « entgegnete sie . » Ich werde dafür sorgen , daß er dir zuerst die Hand zur Versöhnung bietet . « » Nicht doch , « lehnte Waldemar kühl ab . » Wir machen das besser unter uns allein aus . Sei unbesorgt ! « Sie traten wieder in den Salon , wo Wanda sich inzwischen damit unterhalten hatte , den Doktor Fabian von einer Verlegenheit in die andre zu treiben . Die Fürstin erlöste ihn jetzt davon , sie wünschte den Studienplan ihres Sohnes eingehend mit ihm zu besprechen , und er mußte sie auf ihre Aufforderung in ihr eigenes Zimmer begleiten . » Der arme Doktor ! « sagte Wanda , ihm nachblickend . » Mir scheint , Waldemar , Sie haben das Verhältnis geradezu umgekehrt . Sie hegen nicht den mindesten Respekt vor Ihrem Lehrer , aber er hat eine grenzenlose Furcht vor Ihnen . « Waldemar widersprach nicht dieser nur allzu richtigen Bemerkung ; er erwiderte nur : » Finden Sie , daß Doktor Fabian eine Persönlichkeit ist , welche Respekt einflößt ? « » Das nicht , aber er scheint sehr gutmütig und geduldig zu sein . « Der junge Mann nahm eine verächtliche Miene an . » Mag sein ! Aber das sind Eigenschaften , die gerade ich am wenigsten zu schätzen verstehe . « » Man muß Sie wohl tyrannisieren , wenn man Ihnen Respekt einflößen will ? « fragte Wanda mit einem schelmischen Aufblicke . Waldemar zog einen Sessel heran und nahm an ihrer Seite Platz . » Es kommt darauf an , von wem die Tyrannei ausgeht . In Altenhof möchte ich sie keinem raten , auch meinem Onkel Witold nicht , und hier dulde ich sie auch nur von einer Seite . « » Wer weiß ! « warf Wanda leicht hin . » Ich möchte es nicht versuchen , Sie ernstlich zu reizen . « Er gab keine Antwort ; er war augenscheinlich nur halb bei dem Gespräche und schien einen ganz andern Gedankengang zu verfolgen . » Fanden Sie es vorgestern nicht wunderschön auf dem Buchenholm ? « fragte er plötzlich ohne jeden Uebergang . Eine leichte Röte stieg in dem Antlitze der jungen Gräfin auf , aber sie erwiderte in dem vorigen übermütigen Tone : » Ich finde , daß der Ort etwas Unheimliches hat , trotz all seiner Schönheit , und was nun vollends Ihre Meeressagen betrifft – ich lasse sie mir sicher nicht zum zweitenmal bei Sonnenuntergang erzählen . Man kommt schließlich dahin , an die alten Märchen zu glauben . « » Jawohl , man kommt dahin , « sagte Waldemar leise . » Sie warfen es mir ja vor , daß ich die Poesie in der Sage nicht begreifen konnte – jetzt habe ich sie auch verstehen gelernt . « Wanda schwieg . Sie kämpfte wieder mit jener Befangenheit , die sie erst seit vorgestern kannte . Schon vorhin beim Eintritte des jungen Nordeck hatte sich dieses Gefühl ihrer bemächtigt ; sie hatte versucht , es wegzulachen und wegzuspotten , und das war auch gelungen in Gegenwart der andern , aber sobald sie sich beide allein befanden , kam es mit neuer Macht zurück ; sie konnte den unbefangenen Ton von früher nicht wiederfinden . Dieser seltsame Abend auf dem Buchenholm ! Er hatte einen eigentümlichen Ernst in die Sache gebracht , die ja doch nur ein Scherz sein und bleiben sollte und nichts weiter . Waldemar harrte vergebens auf eine Antwort ; es schien ihn fast zu kränken , daß sie ausblieb . » Ich habe vorhin der Mutter mitgeteilt , daß ich nicht sogleich mit nach Wilicza kann , « nahm er von neuem das Wort , » Ich werde erst in drei oder vier Wochen nachkommen . « » Nun , das ist ja nur eine kurze Zeit , « meinte Wanda . » Nur eine kurze Zeit ? « rief der junge Mann heftig . » Eine Ewigkeit ist es . Sie haben wohl gar keine Ahnung davon , was es mich kostet , hier zurückzubleiben und Sie allein reisen zu lassen ? « » Waldemar , ich bitte Sie , « fiel Wanda mit sichtbarer Beklommenheit ein , aber er hörte nicht darauf ; er fuhr mit der gleichen Heftigkeit fort : » Ich habe Ihnen versprochen , zu warten , bis wir in Wilicza sind , aber damals hoffte ich noch , Sie zu begleiten , jetzt liegt vielleicht ein Monat zwischen unserm Wiedersehen , und so lange kann ich nicht schweigen , so lange kann ich Sie nicht fortwährend in Leos Nähe wissen , ohne die Ueberzeugung , daß Sie mir gehören , mir allein . « Das Geständnis kam so plötzlich , so stürmisch , daß die junge Gräfin gar keine Zeit hatte , es abzuwehren , und es wäre dieser ausbrechenden Leidenschaft gegenüber auch umsonst gewesen . Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und hielt sie so fest wie damals auf dem Buchenholm . » Weichen Sie nicht so vor mir zurück , Wanda ! Sie müssen es ja längst wissen , was mich allein hier festhielt . Ich konnte es ja nie verbergen , und Sie haben es geduldet , haben mich nicht zurückgewiesen , da darf ich doch endlich einmal das Schweigen brechen . Ich weiß , daß ich nicht bin wie die andern , daß mir viel , vielleicht alles fehlt , um Ihnen zu gefallen , aber ich kann und will es lernen . Es ist ja einzig und allein um Ihretwillen , daß ich mir diese Universitätsjahre auferlege . Was frage ich nach dem Studium , was nach dem Leben da draußen ? Mich kümmert das alles nichts , aber ich habe es gesehen , daß Sie oft vor mir zurückschrecken , daß Sie bisweilen über mich spotten , und – das sollen Sie nicht mehr . Nur die Gewißheit , daß Sie mein sind , daß ich Sie wiederfinde ! Wanda , ich bin allein gewesen seit meiner Kindheit , oft recht allein . Wenn ich Ihnen roh und wild erschien – Sie wissen es ja , mir hat die Mutter , mir hat die Liebe gefehlt . Ich konnte nicht so werden wie Leo , dem das alles zu teil ward , aber lieben kann ich , vielleicht heißer und besser als er . Sie sind das einzige Wesen , das ich je geliebt habe , und ein einziges Wort von Ihnen wiegt die ganze Vergangenheit auf . – Sage mir dieses Wort , Wanda , gib mir wenigstens die Hoffnung , daß ich es einst von dir hören werde , aber sage mir nicht › nein ‹ , denn das ertrage ich nicht ! « Er lag wirklich auf den Knieen vor ihr , aber die junge Gräfin dachte jetzt nicht mehr daran , sich des Triumphes zu freuen , den sie einst im kindlichen Uebermute herbeigewünscht . Es war ihr wohl hin und wieder eine dunkle Ahnung gekommen , daß das Spiel ernsthafter werden könne , als sie gedacht , daß es sich nicht mit einem bloßen Scherze werde beendigen lassen , aber mit dem ganzen Leichtsinne ihrer sechzehn Jahre hatte sie den Gedanken von sich gewiesen . Jetzt war die Entscheidung da ; sie mußte ihr standhalten , mußte einer offenen leidenschaftlichen Werbung standhalten , die unerbittlich ein Ja oder Nein verlangte . Freilich , bestrickend war diese Werbung nicht ; sie hatte nichts Zärtliches , Schwärmerisches , wie es die Empfindungsweise eines jungen Mädchens verlangte , selbst durch das Geständnis seiner Liebe wehte etwas von jenem herben Zuge , der von dem Wesen Waldemars nun einmal nicht zu trennen war , aber aus jedem Worte sprach ein stürmisches , lang zurückgehaltenes Gefühl , sprach die volle Glut der Leidenschaft ; zum erstenmal sah Wanda klar , wie ernst er es mit seiner Liebe meinte , und wie mit brennendem Vorwurfe überkam sie der Gedanke : Was hast du gethan ! » Stehen Sie auf , Waldemar ! « – in ihrer Stimme bebte die verhaltene Angst . » Ich bitte Sie darum . « » Wenn ich ein Ja von deinen Lippen höre – sonst nicht ! « » Ich kann nicht – jetzt nicht – stehen Sie doch auf ! « Er gehorchte nicht ; er lag noch auf den Knieen , als die Thür , welche in das Vorzimmer führte , unvermutet geöffnet wurde und Leo eintrat . Einen Moment lang stand er wie angewurzelt , dann aber entfuhr ein Ausruf der Entrüstung seinen Lippen . » Also doch ! « Waldemar war aufgesprungen ; seine Augen sprühten im wildesten Zorne . » Was willst du hier ? « herrschte er den Bruder an . Leo war blaß vor innerer Aufregung , aber der Ton der Frage jagte ihm das Blut ins Gesicht . Mit einigen raschen Schritten stand er vor Waldemar . » Du scheinst meine Gegenwart hier überflüssig zu finden , « sagte er mit blitzenden Augen . » Und doch könnte gerade ich dir die beste Erklärung zu der eben stattgefundenen Scene geben . « » Leo , du schweigst ! « rief Wanda halb bittend , halb befehlend , aber die Eifersucht ließ den jungen Fürsten jede Rücksicht und jede Schonung vergessen . » Ich schweige nicht , « entgegnete er in vollster Erbitterung . » Mein Wort galt nur bis zur Entscheidung der Wette , und ich habe es jetzt mit eigenen Augen gesehen , wie sie entschieden ist . Wie oft habe ich dich gebeten , das Spiel zu endigen ! Du wußtest , daß es mich kränkte , daß es mich zur Verzweiflung brachte . Du triebst es dennoch bis zum Aeußersten . Soll ich jetzt vielleicht dulden , daß Waldemar im Gefühle seines vermeintlichen Triumphes mir als einem Ueberlästigen die Thür weist , mir , der Zeuge davon gewesen ist , wie du dich vermaßest , ihn unter allen Umständen bis zum Kniefall zu bringen ? Freilich , du hast es ja erreicht , aber er soll wenigstens die Wahrheit erfahren . « Waldemar war schon bei dem Worte » Wette « zusammengezuckt ; jetzt stand er regungslos da . Seine Rechte faßte krampfhaft die Lehne des Sessels , während die Augen sich mit einem seltsamen Ausdrucke auf die junge Gräfin richteten . » Was – was soll das heißen ? « fragte er mit völlig erloschener Stimme . Wanda senkte schuldbewußt das Haupt . In ihrem Inneren kämpfte der Zorn gegen Leo mit der eigenen Beschämung , und über das alles hinweg flutete eine heiße Angst ; sie wußte ja jetzt , daß der Schlag tödlich traf . Auch Leo antwortete nicht ; die plötzliche Veränderung in den Zügen des Bruders ließ ihn inne halten . Er begann überdies jetzt zu fühlen , in welcher unverantwortlichen Weise er Wanda preisgab , und daß er keinen Schritt weiter gehen durfte . » Was soll das heißen ? « wiederholte Waldemar , aus seiner Erstarrung auffahrend , indem er dicht vor das junge Mädchen hintrat . » Leo spricht von einer Wette , von einem Spiel , dessen Gegenstand ich gewesen bin . Antworten Sie mir , Wanda ! Ich glaube Ihnen , nur Ihnen allein – sagen Sie mir , daß es eine Lüge ist – « » Also bin ich ein Lügner in deinen Augen ! « brauste Leo auf , aber der Bruder hörte nicht auf ihn ; das Verstummen der jungen Gräfin sagte ihm genug – er bedurfte keiner Bestätigung mehr . Doch mit der Entdeckung der Wahrheit flammte auch die ganze Wildheit seiner Natur wieder auf und riß ihn jetzt , wo der Zauber gebrochen war , dem er sich so lange gebeugt , hinweg über alle Schranken . » Ich will Antwort haben , « brach er in gereizter Wut aus . » Bin ich wirklich nur ein Spielball gewesen , ein Zeitvertreib für eure Launen ? Habt ihr über mich gelacht und gespottet , während ich – Sie werden mir antworten , Wanda , auf der Stelle antworten , oder – « Er vollendete nicht , aber Blick und Ton waren so furchtbar drohend , daß Leo schützend vor Wanda trat , doch sie richtete sich jetzt auch empor . Dieser maßlose Jähzorn gab ihr die Haltung zurück . » Ich lasse mich nicht so zur Rede stellen , « erklärte sie und war im Begriff , sich mit ihrem ganzen Trotze zu erheben – da begegnete ihr Auge dem Waldemars , und sie hielt inne . Wenn in seinem Antlitz auch nur Zorn und Wut flammten , der Blick verriet doch die innere Qual des Mannes , der seine Liebe verhöhnt und verraten sah , dem in diesem Augenblick das angebetete Ideal vernichtet wurde . Aber die Stimme schien ihn doch zur Besinnung gebracht zu haben . Seine geballten Hände lösten sich , während die Lippen sich so fest aufeinander preßten , als müßten sie jedes Wort verschließen . Die Brust hob und senkte sich gewaltsam unter der furchtbaren Anstrengung , mit der er den Jähzorn niederzwang ; er schwankte und stützte sich auf den Sessel . » Was hast du , Waldemar ? « fragte Leo betroffen und mit aufquellender Reue , indem er versuchte , ihm näher zu treten . » Hätte ich gewußt , daß du die Sache so ernst nimmst , ich hätte geschwiegen . « Waldemar richtete sich empor . Er machte nur eine stumme abwehrende Bewegung gegen den Bruder hin , dann wandte er sich ohne einen Laut weiter zum Gehen , aber jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen . Doch jetzt erschien die Fürstin , von Doktor Fabian begleitet . Die immer lauter werdenden Stimmen , die bis in ihr Zimmer drangen , hatten ihr verraten , daß etwas Ungewöhnliches im Salon vorgehe . Sie trat rasch ein , ohne im Augenblick bemerkt zu werden . Wanda stand noch da , zwischen Trotz und Angst schwankend , aber jetzt gewann letztere die Oberhand , und im Tone eines Kindes , das sein begangenes Unrecht einsieht , rief sie den sich Entfernenden zurück : » Waldemar ! « Er hemmte seine Schritte . » Haben Sie mir noch etwas zu sagen , Gräfin Morynska ? « Die junge Gräfin zuckte zusammen ; es war das erste Mal , daß dieser Ton eiskalter , schneidender Verachtung ihr Ohr berührte , und die brennende Röte , welche urplötzlich ihr Antlitz übergoß , zeigte , wie tief sie ihn empfand . Jetzt aber vertrat die Fürstin ihrem Sohne den Weg . » Was ist geschehen ? Wohin willst du , Waldemar ? « » Fort ! « entgegnete er dumpf , ohne aufzublicken . » Aber so erkläre mir doch – « » Ich kann nicht . Laß mich – ich kann nicht bleiben , « und die Mutter zurückdrängend , stürmte