Sie würden es begreifen ! « » Ja , ich begreife es , « sagte Edith , deren Augen jetzt an seinen Lippen hingen . Das war in der That eine Sprache , die sie verstand , die sie mächtig fesselte , die Sprache des stolzen Selbstbewußtseins , des rücksichtslosen Wagemutes . Ronald sah das , und sein beleidigter Stolz hielt nicht mehr stand , die Leidenschaft für das schöne Mädchen siegte . Er trat langsam wieder an ihre Seite , und jetzt sank seine Stimme zu einem heißen Flüstern herab . » Die Welt nennt das unerhörtes Glück , Ich bin nicht glücklich dabei gewesen und habe auch nicht viel danach gefragt , denn bei mir hieß die Losung immer nur : Vorwärts ! Aufwärts ! Da lernte ich Sie kennen , Edith , und da wurde es anders . Sie wollen ja die Meine werden , aber ich verlange mehr als dies kühle , förmliche Ja , mit dem Sie sich vorhin zu meiner Braut erklärten , weit mehr . In der ruhelosen Hetzjagd meines Lebens habe ich nie Zeit gehabt für das Glück , aber jetzt fordert es sein Recht , gewaltsam , unwiderstehlich . Willst du es mir geben ? Du kannst es , du allein ! « Das war der volle , echte Ton der Leidenschaft , und Edith hätte kein Weib sein müssen , wäre sie gleichgültig dabei geblieben . Sie war geblendet , hingerissen , und all die warnenden , widerstreitenden Empfindungen , mit denen sie vorhin gekämpft , gingen unter darin . Mit einem tiefen Atemzuge richtete sie sich empor . » Ich habe Sie bisher noch gar nicht gekannt , Ronald – « » Felix ! « unterbrach er sie . » Laß mich doch endlich meinen Namen hören von deinen Lippen ! « » Felix , « wiederholte sie leise . » Wir müssen es ja erst lernen , einander zu verstehen ! « Er schloß sie in die Arme , nicht so wild und stürmisch wie vorhin , er fürchtete offenbar , sie wieder zu verletzen . Aber diesmal entzog sich Edith nicht seiner Umarmung . Marlow war inzwischen draußen auf der Terrasse allein geblieben . Wilma hatte sich mit ihren Hausfrauenpflichten entschuldigt . Sie wollte noch einige Anordnungen für den Abend treffen und nahm ihre Kleine mit sich . Der Bankier wandelte langsam auf und nieder und schien sich nur dem behaglichen Genuß seiner Zigarre hinzugeben . Aber sein Blick streifte im Vorüberschreiten öfters die offen gebliebene Glasthür , und jetzt mochte er wohl bemerkt haben , daß da drinnen alles in erwünschter Ordnung war . Er warf die Zigarre weg und trat in den Salon . Ronald führte ihm seine Braut entgegen , und nun folgten die üblichen Umarmungen , die Glückwünsche und das erste vertraute Zusammensein mit dem neuen Schwiegersohn . Aber hier fehlte das erste süße Geplauder eines Brautpaares mit der nun offen hervorbrechenden Zärtlichkeit des Mannes und der noch halb scheuen Hingebung des Mädchens . Ronald konnte wohl leidenschaftlich , aber nicht zärtlich sein und Edith war überhaupt nicht angelegt für weiche Hingebung . Auch Marlow bewahrte seine kühle Gelassenheit , die ihm zur zweiten Natur geworden war , obgleich er mit dieser Verlobung seinen höchsten Wunsch erfüllt sah . Nach fünf Minuten sprachen die drei bereits von sehr realen Dingen . » Verzeih , daß ich so spät kam , « sagte Felix . » Ich wollte natürlich mit deinem Vater kommen , wurde aber im letzten Augenblick noch zurückgehalten . « » Edith kennt den Grund bereits , « warf der Bankier ein . » Ich sagte ihr schon von der Depesche des Ministers , der sofortige Antwort verlangte . « » Ja , und eine sehr ausführliche , « bestätigte Ronald . » Ich habe erst Berichte diktieren , Ergänzungen hinzufügen müssen , und das hat ein paar Stunden gedauert . Aber du wirst die Verspätung entschuldigen , Edith , sie ging zum Teil auch dich an . « » Mich ? « fragte Edith , die noch immer mit einem gewissen Zögern sein Du erwiderte . » Ich verstehe dich nicht . « – » Nun , du wirst doch künftig meinen Namen tragen , und der spielt auch eine Rolle dabei . Hast du etwas dagegen , wenn dieser lautet : Felix Freiherr von Ronald ? « Die junge Dame fuhr in lebhafter Ueberraschung auf und blickte erst ihren Verlobten , dann den Vater an , dessen Lächeln zeigte , daß er bereits unterrichtet war . » Man will dir den Adel erteilen ? « rief sie . » Man will das nun gerade nicht , « sagte Ronald mit einem spöttischen Auflachen . » Vermutlich verursacht der Entschluß einige Beklemmung an maßgebender Stelle , trotzdem wird man sich dazu bequemen müssen . Es handelt sich um gewisse finanzielle Schwierigkeiten bei der neuen Anleihe , die man möglichst schnell heben möchte . Ich habe die Fäden zum Teil in der Hand und kann nötigenfalls einen Druck auf die großen Banken und die Berliner Finanzwelt ausüben . Wenn ich mit meinem ganzen Einfluß eintrete , geben sie voraussichtlich ihre Zurückhaltung auf und folgen . « » Sie werden zweifellos folgen , « stimmte Marlow bei . » Wir haben hinreichend vorgearbeitet , und das wissen die Herren da oben sehr genau . « Edith hörte mit lebhafter Spannung zu . Als Tochter ihres Vaters war sie vertraut genug mit diesen Dingen , um sie zu verstehen ; jetzt fragte sie : » Du hast den Adel gefordert ? « » Nicht direkt , so etwas wird überhaupt nicht gefordert und ausgesprochen , aber man versteht sich trotzdem . Ich habe meine Wünsche hinreichend angedeutet und ebenso diskret die Zusage erhalten . Die Sache ist abgemacht , muß aber einstweilen noch Geheimnis bleiben . Und nun begreifst du vielleicht meinen Wunsch , daß auch unsere Verlobung geheim bleibt bis zum Herbst – dann bringe ich meiner Braut die Freiherrnkrone als Morgengabe mit ! « Die Augen der jungen Braut blitzten in stolzer Genugthuung . Das war der erste glanzvolle Gruß der Zukunft , die ihrer wartete , und sie war viel zu sehr ein Kind der großen Welt , um ihn nicht als einen Triumph zu empfinden . » Wie du willst , Felix , « entgegnete sie lächelnd . » Ich füge mich ganz deinen Wünschen , aber weshalb hast du denn heut schon gesprochen ? « » Weil du den ganzen Sommer fern sein wirst , und wer weiß , was dir da alles naht und dich umschwärmt . Ich hatte Furcht davor , Edith , ich wollte mir deine Hand sichern vor unserer Trennung . In drei bis vier Monaten wird jene Angelegenheit erledigt sein und damit auch die meine . Ich will erst als Felix von Ronald öffentlich um dich werben ! « » Du kannst immerhin darauf stolz sein , mein Kind , « mischte sich der Bankier ein , dem man selbst den geschmeichelten Stolz und die hohe Befriedigung ansah . » Solch eine Standeserhöhung ist selten genug bei uns . « » In unserem schwerfälligen , pedantischen Deutschland allerdings , « sagte Ronald mit herbem Spott . » Da gilt ja nicht der Mann und seine Erfolge , da fordert man erst noch alle möglichen › Garantien ‹ für die Zukunft . Wenn man mich nicht so notwendig brauchte ! Ich weiß , wie hoch ich diese › Anerkennung ‹ anzuschlagen habe . « – » Gleichviel , der Welt gegenüber behält sie ihre volle Geltung , « erklärte Marlow gelassen . » Aber nun werde ich Wilma holen , sie will dir doch auch Glück wünschen , Edith . Sie wird freilich nicht sehr überrascht sein , denn sie kennt den Grund Ihres Besuches , Felix . « Er stand auf und verließ den Salon , Edith wandte sich zu ihrem Verlobten . » Du scheinst gar keinen so großen Wert auf diese Standeserhöhung zu legen , « bemerkte sie . » Doch , den allergrößten , aber Freude habe ich nur um deinetwillen daran . Mich soll es nur decken gegen all die feindseligen Einflüsse – doch das geht mich allein an . Laß mir die Arbeit und die Sorge , dich soll nur der Glanz umgeben ! « » Das heißt , ich soll nur ein glänzendes Schmuckstück deines Hauses sein , und der Ernst deines Lebens soll mir ferne bleiben ? Felix , du kennst mich nicht , wenn du mir eine solche Rolle zumutest . « Das klang vorwurfsvoll , aber es war nicht der zärtliche Vorwurf einer Braut , die ihren Anteil fordert an den Sorgen des künftigen Gatten , und der Strahl , der eben wieder heiß aufflammte in den Augen des Mannes , erlosch vor den kühlen , ernsten Worten . » Ich weiß , daß du mir mehr sein kannst , « sagte er , sich zur Ruhe zwingend . » Aber es ist im Grunde nichts Neues , was du hören wirst . Die alte Geschichte von Neid und Mißgunst , von Haß gegen den › Emporkömmling ‹ , der sie alle überflügelt hat . Ich habe nie viel danach gefragt , aber jetzt regt es sich an allen Ecken und Enden , jetzt wird überall gewühlt und gehetzt gegen mich , im geheimen natürlich . Offen wagt es keiner , gegen mich aufzutreten , und ich wollte es auch keinem raten , aber diese Maulwurfsarbeit ist gefährlicher als ein offener Kampf . Es mußte irgend etwas geschehen , um dem Gesindel da unten Respekt beizubringen . Das Adelsdiplom gilt in unseren Kreisen noch immer für die höchste Auszeichnung , das gibt man nicht irgend einem glücklichen Spekulanten , der heut der Held des Tages ist und morgen verschwindet , und das gibt mir auch den nötigen Rückhalt nach oben hin . Felix Ronald konnte man fallen lassen , wenn der Wind einmal aus anderer Richtung weht – den Freiherrn von Ronald nicht ! Den hat man in die eigenen Kreise aufgenommen und muß diese Wahl vertreten . « Edith folgte mit steigender Betroffenheit seinen Worten . Sie hatte auch nur den Glanz gesehen in dieser meteorartigen Laufbahn , und nun blickte sie in eine dunkle Tiefe , wo sich allerlei feindselige Gewalten regten . » Ich habe nicht gewußt , daß du auf so schwankendem Boden stehst , « sagte sie leise . » Pah ! Ein Schiff auf der hohen See schwankt immer . Das kümmert den Kapitän nicht , aber er sichert es gegen den Sturm . Ich wußte , was ich that , als ich nicht den einfachen Adel , sondern den Freiherrn forderte . Ob widerwillig zugestanden oder nicht , es ist eine Thatsache , und sie setzt Beziehungen und Verbindungen voraus , die meine Gegner zum Schweigen bringen werden . Jetzt wagen sie sich nicht mehr an mich ! « Er sprach mit hochmütigem Siegesbewußtsein , aber die junge Braut schwieg . Ihre anfängliche freudige Genugthuung war vorbei , seit sie wußte , wie jene » Auszeichnung « errungen war und welchem Zweck sie dienen sollte . Es war überhaupt ein so seltsames Gespräch in der ersten Stunde der Verlobung . Da war nur von Haß und Feindschaft die Rede , von Kämpfen , die man bestehen , Stürmen , gegen die man sich sichern müsse . Edith dachte an die flammenden , drohenden Augen , die sie vorhin gesehen hatte , und fast unwillkürlich kam ihr die Frage auf die Lippen : » Felix , was liegt zwischen dir und diesem Raimar ? « Ein schnelles , blitzähnliches Aufzucken ging über die Züge Ronalds bei dieser jähen , unvermittelten Frage , aber schon in der nächsten Minute zeigten sie nur noch einen kalt verächtlichen Ausdruck . » Raimar ? « wiederholte er , als müsse er sich erst besinnen . » Ah so , du meinst den Notar von Heilsberg ! Und was zwischen uns liegt , willst du wissen ? Das weiß ich doch nicht , ich gebe mich nicht ab mit solchen untergeordneten Persönlichkeiten . Aber du scheinst ihn ja fast auf eine Stufe mit mir zu stellen – recht schmeichelhaft in der That ! « » Du kanntest ihn aber doch , « beharrte Edith , ohne sich durch den wegwerfenden Ton beirren zu lassen . » Er benahm sich eigentümlich feindselig bei der Begegnung . « » Natürlich kenne ich ihn . « Ronald zuckte nachlässig die Achseln , » Ich habe ja meine kaufmännische Laufbahn im Bankhause seines Vaters begonnen . Das wußtest du nicht ? Es ist auch nicht der Mühe wert ! Er hat damals Vermögen und Lebensstellung eingebüßt und es überhaupt zu nichts gebracht in der Welt , sonst würde er nicht in Heilsberg sitzen . Ich bin emporgekommen – Grund genug für solche Menschen zum ohnmächtigen Groll und Haß gegen den einstigen Untergebenen , der jetzt so hoch über ihnen steht . Ich finde das im Grunde natürlich , aber man nimmt doch nicht weiter Notiz von solchen Erbärmlichkeiten . « » Scheint dir dieser Raimar so verachtungswert ? « fragte Edith langsam . » Vielleicht unterschätzest du ihn doch . Furchtsam wenigstens ist er nicht , es lag ja fast eine Herausforderung in seiner Haltung , und du – ließest das hingehen . « Ronald streifte mit einem raschen , funkelnden Blick seine Braut , dann lachte er laut auf , aber es war ein grelles , nervöses Lachen . » Du hast ja eine unheimlich scharfe Beobachtungsgabe ! Hast du das alles herausgefunden in den paar Minuten , wo der Herr Notar uns hier mit seiner Gegenwart beehrte ? « » Sie bestätigten mir nur , was ich bereits wußte , daß er dein Feind ist . Ich habe es aus seinem eigenen Munde gehört . « Die Wirkung dieser unvorsichtigen Worte war eine ganz ungeahnte . Ronald fuhr auf , als habe er einen Schlag in das Gesicht erhalten . Er faßte plötzlich die Hand seiner Braut und preßte sie mit so wildem Druck , daß es schmerzte . » Das hat er gewagt , dir zu sagen ? « stieß er hervor . » Und du hast das angehört ? Was hat er dir gesagt ; antworte , Edith ! Was hat er angedeutet ? « Mit einer energischen Bewegung machte Edith ihre Hand frei und trat zurück . » Du bist außer dir , Felix ! « rief sie , mehr entrüstet als erschrocken über diesen wilden Ausbruch . Die scharfe Mahnung brachte ihn zur Besinnung . » Du hast recht , ich bin überreizt . Das kommt von der Überarbeitung , ich habe in der letzten Zeit ja immer die Nacht zum Tage machen müssen und kaum ein paar Stunden Schlaf gehabt , das rächt sich jetzt . Aber ich muß wissen , was da gesprochen worden ist . Wie kamst du überhaupt zu einem solchen Gespräch mit Raimar ? Du sahst ihn ja zum erstenmal ? « Die Worte klangen ruhiger , aber in seinem Blick lag noch immer die fieberhafte Unruhe . Es vergingen einige Sekunden , bevor Edith antwortete , es warnte sie etwas in ihrem Innern , jener ersten Begegnung im Walde zu erwähnen , so umging sie denn die Antwort . » Er wäre wohl nicht nach Gernsbach gekommen , wenn er geglaubt hätte , dich hier zu finden , « erwiderte sie . » Wir sprachen von Steinfeld , natürlich auch von dem Herrn der Steinfelder Werke , und da verriet er seine Feindschaft gegen dich . Er hatte ja keine Ahnung , in welchen Beziehungen wir stehen . « Ronald stützte die Hand auf die Lehne des Sessels , an dem er stand , aber seine Augen hafteten unverwandt auf dem Gesichte seiner Braut , als wollte er darin lesen . » So ? Also nur ein gleichgültiges , zufälliges Gespräch ? « fragte er endlich . » Gleichviel , ich bitte dich , dafür zu sorgen , daß sich das nicht wiederholt . Ihr wollt zwar in der nächsten Woche abreisen , aber Heilsberg ist nahe . Du wirst einsehen , daß ein Mann , der sich offen als meinen Feind bekennt , meiner Braut nicht wieder nahen darf . « » Ich sehe nur , daß du diesen Mann fürchtest ! « sagte Edith kalt . Das grelle , höhnische Auflachen kam wieder von den Lippen Ronalds , aber er gab es auf , die Sache noch ferner als gleichgültig zu behandeln . » Fürchten ? « wiederholte er . » Er soll mich fürchten ! Ich pflege nicht viel Umstände zu machen mit meinen Feinden , und mit diesem Ernst Raimar habe ich noch abzurechnen von früher her . Er verschwand damals völlig aus der Welt , ich wußte gar nicht , wo er überhaupt vegetierte ; wenn er aber jetzt versucht , meinen Weg zu kreuzen – er soll sich hüten ! – Ich zertrete ihn ! « Die letzten Worte klangen halb erstickt , fast wie ein Zischen , und dabei sprühte es auf in seinen Augen – Edith war nicht furchtsam , aber es durchschauerte sie eisig unter diesem Blick . Sie sah den Dämon , von dem er vorhin gesprochen , sich jetzt aufbäumen in dem Manne , dem sie eben ihre Hand zugesagt hatte , jenen Dämon , der ihn emporgetragen , weil er erbarmungslos alles zertrat , was sich ihm in den Weg stellte , sie wußte es jetzt ! Das völlige Verstummen seiner Braut mochte Ronald daran erinnern , wie weit er sich hatte fortreißen lassen . Er nahm seine gewohnte Haltung wieder an und trat zu ihr . » Das erschreckt dich , Kind ? « fragte er halblaut . » Du hast freilich noch keinen Blick gethan in die Tiefen des Lebens , du kennst ihn nicht , den wilden , erbitterten Kampf , wo einer den anderen fortzustoßen sucht von seinem Platze , wo man unterliegen oder selbst niederwerfen muß , ich kenne ihn zur Genüge . Aber du siehst , es ist nicht so leicht , meine Gefährtin und Vertraute zu sein , wie du es forderst . « » Ja , ich sehe es ! « sagte Edith tonlos . » Und nun fort mit all diesen unerquicklichen Dingen ! « rief Ronald , sich emporrichtend mit einer Bewegung , als werfe er alles weit hinter sich . » Wie kommen wir denn gerade heut darauf ? Sieh nicht so ernsthaft aus , Edith , steh nicht so eisig da ! Du hast mir dein Wort , deine Hand gegeben , nun laß mich auch endlich , endlich einmal glücklich sein ! « Es war ein heißes , stürmisches Flehen , wie ein Aufschrei nach Glück klang es in den Worten , die ganze Leidenschaft des Mannes brach wieder hervor , als er seine Braut umfing . Edith duldete das schweigend , aber sie erwiderte seine Liebkosungen nicht , und sie atmete tief und erleichtert auf , als in diesem Augenblick ihr Vater mit Wilma eintrat . – Es war Abend geworden ; die Verlobung wurde freilich im allerengsten Familienkreise gefeiert , aber sie sollte doch einen festlichen Anstrich haben . Im Eßzimmer überblickte Frau von Maiendorf noch einmal den Abendtisch und hatte dabei Mühe , den neugierigen Fragen ihres Töchterchens stand zu halten , das durchaus wissen wollte , warum die Mama heut , wo doch keine große Gesellschaft war , all das Silberzeug und die schönen Blumen aufstellte . Draußen auf der Terrasse plauderte Marlow in der behaglichsten Stimmung mit seinem Schwiegersohn , und Edith hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen , um noch etwas an ihrem Anzug zu ändern , wie sie erklärte . An dem offenen Fenster , das nach dem Park hinausging , stand die junge Braut , aber sie schien nicht an ihre Toilette zu denken , sondern blickte wie traumverloren hinaus in den dämmernden Maiabend . Der Himmel war noch licht und hell , aber im Park lagerten schon graue Schatten , und von den Wiesen her kamen die Nebel gezogen und woben leichte , duftige Schleier um Bäume und Gesträuch . All das Flattern , Zwitschern und Summen da drüben war verstummt , ringsum herrschte tiefe Abendstille . Nun war das Los gefallen , das bindende Wort gesprochen , aber es lag nichts von bräutlichem Glück auf dem Antlitz des schönen Mädchens , das da so regungslos am Fenster lehnte und dem sich die Zukunft doch jetzt so weit und glanzvoll öffnete . Marlow war ja reich nach gewöhnlichen Begriffen , er nahm eine hochgeachtete Stellung ein , aber es war doch etwas anderes , die Gemahlin des künftigen Freiherrn von Ronald zu sein , den ein märchenhafter Reichtum umgab , und der es eben wieder zeigte , daß seine Macht bis in die höchsten Kreise hinaufreichte . Seine Gattin brauchte sich keinen Wunsch zu versagen , sie konnte , wenn sie wollte , Fürsten verdunkeln mit der Pracht ihres Hauses . Der Traum des Ehrgeizes , den Edith Marlow seit Monaten geträumt , war erfüllt , übertroffen ! Und sie wurde geliebt von dem Manne , dessen Braut sie heut geworden war , so glühend und leidenschaftlich geliebt , wie sie es nie geahnt hatte . Auch dies Höchste wurde ihr gegeben – was wollte sie denn noch ? Da klang drüben in dem dämmernden , nebelduftigen Park noch eine einzelne Vogelstimme . Eine Amsel sang dort ihr spätes , einsames Lied , fern und leise kamen die Töne herüber , halb verweht im Abendwind , und dann verstummten sie . Der kleine Sänger ging zur Ruhe mit dem Maientage – und am Fenster lag die junge Braut auf den Knieen und weinte , wie sie seit ihren Kindertagen nicht geweint hatte . In diesen heißen , verzweifelten Thränen , da kam es – das Erwachen ! Monate waren vergangen , der Sommer war vorüber , und mit dem September hatte der Herbst bereits seinen Einzug gehalten , Heilsberg führte das gewohnte Dasein als halbverschollene , historische Merkwürdigkeit , und Neustadt-Steinfeld stand mehr als je im Vordergründe , denn der längst entworfene Plan , die Steinfelder Werke , deren Besitzer Felix Ronald war , in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln , wurde jetzt in Angriff genommen . Bei dem riesigen Umfange der großen Industriestätten gestaltete sich das zu einem Ereignis für die Finanzwelt und vor allem für die betreffende Provinz . Man wollte die Aktien in möglichst geringen Beträgen ausgeben , weil dabei hauptsächlich auf den Mittelstand und die » kleinen Leute « gerechnet wurde . Die Agenten Ronalds und die Blätter , die er beeinflußte , arbeiteten mit Hochdruck , um dem Publikum die Vorzüglichkeit und den unberechenbaren Gewinn dieser Kapitalanlage klar zu machen . Sie hatten auch die öffentliche Meinung bereits gewonnen , und in Berlin that man jetzt eben die nötigen Schritte , um dem bereits gesicherten Unternehmen die gesetzliche Form und Anerkennung zu geben . In Heilsberg war Max Raimar wieder aufgetaucht , nachdem er seinen Besuch im Frühjahr ziemlich kurz abgebrochen hatte , aber jetzt beglückte er die so lange vernachlässigte Heimat schon wieder mit seiner Gegenwart . Die Empfindlichkeit gehörte nicht zu den Fehlern des jungen Künstlers , er nahm nur da etwas übel , wo es ihm keinen Nachteil brachte . Trotzdem Ernst ihm damals so gründlich den Text gelesen hatte und ihn seit jener Zeit überhaupt sehr kühl behandelte , kam er ganz unbefangen wieder und befleißigte sich sogar einer besonderen Liebenswürdigkeit , denn er war leider noch immer abhängig von dem Bruder . Maxls Hoffnung auf die Million mit dazugehöriger Heirat hatte sich als trügerisch erwiesen , er war ganz plötzlich bei seiner Dame in Ungnade gefallen . Als er das nächste Mal nach Gernsbach kam , nahm ihn Fräulein Marlow gar nicht an , und als er sie in Berlin wiedersah , ließ sie ihm keinen Zweifel über diese Ungnade . Der junge Maler , der von jener Unterredung mit seinem Bruder nichts wußte und nicht ahnte , daß Edith jetzt über das » ringende , kämpfende Genie « im klaren war , fand aber eine andere Erklärung dafür – der Nabob , dieser Ronald , war an allem schuld ! Mit der Stunde seines Eintreffens in Gernsbach hatte die junge Dame ihr Benehmen geändert . Zwar verlautete noch nichts von den vorausgesetzten näheren Beziehungen , Marlow war den größten Teil des Sommers mit seiner Tochter in der Schweiz gewesen , Ronald war in Berlin geblieben , aber Max ließ sich seinen Argwohn nicht nehmen und warf seinen ganzen Haß auf diesen » Zerstörer seines Glückes « , wie er ihn nannte . » Wenn Millionen winken , dann freilich wird ein armes , verratenes Künstlerherz in den Staub getreten ! « sagte er tragisch , als er dem Onkel Treumann sein Herz ausschüttete , und der alte Herr gab seinem lieben Maxl vollkommen recht , um so mehr , als er nun einen Bundesgenossen gegen den verhaßten Ronald hatte . Er tröstete das verratene Künstlerherz nach Kräften mit einem reichlichen Zuschuß aus seiner Tasche und einigen Privatsitzungen im Goldenen Löwen , der bekanntlich einen sehr guten Tropfen schenkte . Da schimpften sie denn gemeinsam auf den » Nabob , den Pascha , den Schwindelkönig von Neustadt und Steinfeld « und wühlten in ganz Heilsberg gegen ihn und das Aktienunternehmen , das ihn wieder einmal bereichern sollte . Herr Notar Treumann erklärte es öffentlich für eine patriotische Pflicht , dagegen Front zu machen . In Heilsberg dürfe keine einzige Aktie gekauft werden , man müsse dem vor Hochmut völlig übergeschnappten Neustadt zeigen , daß es noch Manneswürde gebe . Die Neustädter prahlten in der That sehr mit dem neuen Unternehmen , von dem sie sich noch größere Vorteile versprachen , und ärgerten ihre liebe Nachbarstadt bis aufs Blut . Zwischen dem Neustädter » Tageblatt « und der Heilsberger » Burgwarte « brach eine wütende litterarische Fehde aus , in der sie sich gegenseitig die ärgsten Grobheiten an den Kopf warfen , und der Herr Notar , der natürlich Mitarbeiter der » Burgwarte « war , verstieg sich in einem Leitartikel bis zu der gewagten Behauptung , es werde nächstens ein Schwefelregen auf diese moderne Schwindelstadt herabgehen , wie einst auf Sodom und Gomorrha . Im Garten des Notars Raimar blühten statt des Flieders nun die Spätrosen , sonst hatte sich nichts geändert seit dem Frühjahr ; hier in Heilsberg änderte sich ja überhaupt nichts . Rechts und links die hohen Giebel , die dem Gärtchen etwas so Beengtes , Gedrücktes gaben , an der Rückseite das Haus mit seiner Steintreppe und nach vorn ein Blick auf den alten Wallgraben mit seinen Mauern und Türmen . Und wie damals saß auch heute Major Hartmut seinem Freunde gegenüber , stattlich und kraftvoll wie immer , nur noch etwas mehr gebräunt von der Sonne . » Ja , diesmal habe ich es gemacht wie der Maxl und bin dir auch wie eine Bombe in das Haus gefallen ! « sagte er lachend . » Nun , wenigstens zeigte mir dein Gesicht bei der Ueberraschung , daß ich willkommen bin . « » Und wie ! « rief Ernst , dem in der That die helle Freude aus den Augen leuchtete . » Ich glaubte gar nicht , daß du schon vom Manöver zurück seiest . « » Ich komme auch geradeswegs daher . Vorgestern sind wir wieder eingerückt , einen Urlaub hatte ich zur Verfügung , da dachte ich mir , Ernst wird dich nicht gerade hinauswerfen , wenn du ihm über den Hals kommst – und da bin ich ! « » Ein höchst gescheiter Einfall ! Hoffentlich hast du diesmal die Uniform mitgebracht , denn wir stehen hier vor einer großartigen Festlichkeit . Der historische Verein feiert sein Jubiläum , und Onkel Treumann hat es sich in den Kopf gesetzt , Heilsberg müsse nun auch einen historischen Festzug haben wie andere Städte . Das ganze alte Waffengerümpel aus dem Rathause soll da paradieren , vielleicht schleppen sie auch die berühmte Folterkammer mit . « Hartmut sah ganz verwundert seinen Freund an . Er war es gar nicht gewohnt , einen Scherz von ihm zu hören , aber er ging fröhlich darauf ein . » Da werde ich das moderne Kriegsheer vertreten ! Uebrigens habe ich die Uniform wirklich eingepackt , weil – nun man kann ja nicht wissen , wie man sie einmal braucht , um Effekt zu machen . « » Hier in Heilsberg ? Was fällt dir ein ? « » Nun oder irgendwo in der Umgegend ! Aber wie siehst du denn eigentlich aus , Ernst ? Du bist ja ganz menschlich geworden . « » Sehr artig von dir ! War ich das vielleicht früher nicht ? « » Nein , du warst in deiner hochwohllöblichen Kanzlei schon halb zur Mumie geworden . Jetzt scheint der Mumienprozeß zum Stillstand gekommen zu sein – Gott sei Dank ! « Der Major hatte recht , mit Raimar war eine Veränderung vorgegangen , nicht gerade auffallend , aber dem Freundesauge doch erkennbar . Die Müdigkeit war verschwunden aus seinen Zügen und seiner Haltung , die Augen hatten Leben gewonnen , und in seinem ganzen Wesen lag ein neuer , fremder Zug , der sich nicht enträtseln ließ , aber er hatte nichts mehr gemein mit der früheren düsteren Gleichgültigkeit . » Du siehst ja ordentlich verjüngt aus , « fuhr Hartmut fort . » Was ist denn passiert ? Bist du vielleicht Vizepräsident des historischen Vereins geworden ? « » Hier in Heilsberg passiert nichts , das weißt du doch , « versetzte Ernst ausweichend . » Aber jetzt erzähle du . Wie war ' s beim Manöver ? « » Nun , wir sind diesmal scharf ins Zeug gegangen , so scharf , daß ich wirklich ein paar Wochen Erholung brauche – und die denke ich mir hier zu holen . «