aus dem Comptoir zurückkam , lag das Rosenbouquet ist seinem eigenen Zimmer auf dem Schreibtische , und er nahm es an sich , in der festen Meinung , Jonas habe es dorthin gelegt . Inzwischen saß Ella im Schlafzimmer ihres Kindes und wartete , nicht auf ein Lebewohl ihres Mannes – an dergleichen Zärtlichkeiten war sie in ihrer Ehe nicht gewöhnt – aber sie wußte , daß er nie das Haus verließ , ohne erst noch nach seinem Knaben zu sehen . Die junge Frau fühlte nur zu gut , daß sie selbst ihrem Gatten nichts war , daß ihre ganze Bedeutung für ihn einzig in dem Kinde wurzelte ; sie fühlte , daß die Liebe zu seinem Kinde der einzige Punkt war , auf dem sie seinem Herzen näher treten konnte , und deshalb erwartete sie ihn gerade hier zu der so unendlich schweren und qualvollen Unterredung ; er mußte ja kommen . Aber sie sollte heute vergebens warten . Reinhold kam nicht . Zum ersten Male vergaß er auch den Abschiedskuß auf die Stirn seines Kindes , vergaß er das letzte und einzige Band , das ihn noch an die Heimath fesselte . In seiner Seele war jetzt nur noch Raum für einen Gedanken , und der hieß : Beatrice Biancona . Die Oper war zu Ende . Aus dem Theatergebäude fluthete ein Menschenstrom hervor , der sich nach verschiedenen Richtungen hin vertheilte , und von allen Seiten rollten die Wagen herbei , um die ihnen bestimmten Insassen aufzunehmen . Das Haus war heute bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen ; denn die italienische Operngesellschaft hatte ihre Abschiedsvorstellung gegeben , und ganz H. hatte sich bemüht , den Sängern und vor Allem der schönen Primadonna zu zeigen , wie sehr es von ihren Leistungen entzückt war und wie ungern es sie verlor , jetzt , wo die Zeit des Scheidens kam . Die Treppen und Corridore waren [ 430 ] noch dicht gefüllt ; unten im Vestibül drängte sich Kopf an Kopf , und an den Ausgängen wuchs das Menschengewühl zu einer unbequemen und fast bedrohlichen Höhe an . „ Es ist ganz unmöglich , hier durchzukommen , “ sagte Doctor Welding , der in Begleitung eines andern Herrn soeben die Treppe herabkam . „ Man geräth ja in Lebensgefahr bei dem Gedränge da unten . Lassen Sie uns lieber noch einige Minuten warten , bis die Menge sich etwas verlaufen hat ! “ Der Begleiter stimmte bei , und die Beiden traten seitwärts in eine der tiefen und dunkeln Nischen des Corridors , wo bereits vor ihnen eine Dame Schutz gesucht hatte . Sie war einfach , aber doch nach Art der besseren Stände gekleidet , hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen und schien das Menschengewühl sehr zu scheuen , auch wohl ganz unbekannt im Theatergebäude zu sein , denn sie drückte sich mit sichtbarer Aengstlichkeit fest an die Wand , als die beiden Herren herantraten , die , ohne sie weiter zu beachten , ihr vorhin unterbrochenes Gespräch wieder aufnahmen . „ Ich habe es gleich anfangs prophezeit , dieser Almbach nimmt einen großartigen Aufschwung , “ sagte Welding . „ Seine zweite Composition übertrifft die erste in jeder Hinsicht , und schon die erste war bedeutend genug für einen Anfänger . Ich dächte , mit der Aufnahme könnte er auch diesmal zufrieden sein ; sie war womöglich noch enthusiastischer . Freilich , es hat nicht Jeder das Glück , eine Biancona für seine Töne zu finden und sie so dafür zu begeistern , daß sie ihre höchste Kraft dafür einsetzt . Es war jedenfalls ihre Idee , diese neueste Composition Almbach ’ s als Einlage im letzten Act der Oper zu singen , noch dazu heute , bei ihrem Scheiden , wo der Beifallssturm selbstverständlich war ; sie sicherte ihm damit von vornherein den Erfolg . “ „ Nun , ich glaube , an Dankbarkeit läßt er es auch nicht fehlen , “ spöttelte der andere Herr . „ Man spricht so allerlei . So viel steht fest , der ganze Verehrerkreis ist außer sich über diesen Eindringling , der , kaum aufgetaucht , schon auf dem besten Wege ist Alleinherrscher zu werden . Die Sache scheint übrigens ziemlich ernst und hochromantisch angelegt zu sein , und ich bin wirklich gespannt , was schließlich daraus wird , wenn die Biancona abreist . “ Der Doctor knöpfte ruhig seinen Paletot zu . „ Das ist unschwer zu errathen . Eine Entführung in bester Form . “ „ Sie glauben , daß er sie entführt ? “ fragte der Andere ungläubig . „ Er sie ? Das würde wohl keinen Zweck haben . Die Biancona ist ja vollkommen frei ist ihren Entschlüssen , wie in der Wahl ihres Aufenthaltsortes . Aber sie ihn . Das könnte eher der Fall sein ; die Fessel ist auf seiner Seite . “ „ Freilich , er ist ja verheirathet , “ stimmte der Begleiter bei . „ Die arme Frau ! Kennen Sie sie persönlich ? “ „ Nein , “ sagte Welding gleichgültig , „ aber nach der Schilderung des Consuls Erlau kann ich mir ein ziemlich treffendes Bild von ihr entwerfen . Beschränkt , passiv , unbedeutend im höchsten Grade , dazu gänzlich untergegangen in Küche und Hauswirthschaft – ganz die Frau danach , einen genialen Feuerkopf wie diesen Almbach zu irgend einem Verzweiflungsschritte zu treiben , und da es eine Biancona ist , die ihr gegenübersteht , so wird dieser Schritt wohl nicht allzulange auf sich warten lassen . Für Almbach selbst wäre es vielleicht ein Glück , wenn er gewaltsam den beengenden Umgebungen entrissen und auf die Bahn des Lebens geworfen würde , aber freilich das bischen Familienfrieden würde dabei rettungslos zu Grunde gehen . Das gewöhnliche Schicksal solcher Künstlerehen , in denen sich die Frau auch nicht entfernt zu der Bedeutung des Mannes erheben kann ! “ Er wandte sich bei den letzten Worten etwas verwundert um ; die Dame hinter ihnen hatte unwillkürlich eine heftige Bewegung gemacht , aber gerade in dem Momente , wo der Doctor sie schärfer in ’ s Auge fassen wollte , öffnete sich eine Seitenthür , und Reinhold Almbach erschien , in Begleitung Hugo ’ s , des Capellmeisters und noch einiger Herren . Hier freilich war Reinhold ein Anderer als zu Hause im Kreise der Seinigen . Die Düsterheit , welche dort immer und immer auf seinen Zügen ruhte , die Verschlossenheit , die ihn so oft ganz unzugänglich machte , waren wie mit einem Schlage abgeworfen ; er strahlte von Aufregung , Glück und Triumph . Seine Stirn hob sich frei und stolz ; aus seinen dunklen Augen blitzte das vollste Siegesbewußtsein , und sein ganzes Wesen athmete leidenschaftliche Genugtuung , als er sich zu seinen Begleitern wandte . „ Ich danke Ihnen , meine Herren . Sie sind sehr freundlich , aber Sie werden mich entschuldigen , wenn ich mich heute Abend der schmeichelhaftesten Anerkennung entziehe . Signora wünscht meine Begleitung bei der Festlichkeit , die zum Abschiede noch einmal die Mitglieder der Oper vereinigt . Sie werden begreifen , daß ich diesem Befehle vor allem nachkommen muß . “ Die Herren schienen das durchaus zu begreifen und nebenbei sehr zu bedauern , daß sie sich nicht einem ähnlichen Befehle zu fügen hatten , als Doctor Welding in ihren Kreis trat . „ Ich gratulire , “ sagte er , dem jungen Componisten die Hand reichend . „ Das war ein großer und mehr noch , es war ein verdienter Erfolg . “ Reinhold lächelte . Das Lob aus dem Munde des sonst so anspruchsvollen Kritikers ließ ihn keineswegs gleichgültig „ Sie sehen , Herr Doctor , ich habe doch schließlich noch vor Ihrem Richterstuhle zu erscheinen , “ entgegnete er verbindlich . „ Consul Erlau war leider im Irrthume , als er mich vor der Gefahr ein für alle Mal gesichert wähnte . “ „ Man soll Niemand vor seinem Ende glücklich preisen , “ bemerkte der Doctor lakonisch . „ Warum stürzen Sie sich so kopfüber in die Gefahr und wenden dem edlen Kaufmannsstande den Rücken ? Ist es wahr , daß wir mit Signora Biancona auch Sie verlieren werden ? Sie wollen gleichfalls Ihren Flug nach dem Süden richten ? “ „ Nach Italien , ja ! “ sagte Reinhold mit vollster Bestimmtheit . „ Es war schon längst mein Plan . Der heutige Abend hat ihn zum Entschluß gereift , aber jetzt – verzeihen Sie , meine Herren , ich kann Signora unmöglich warten lassen . “ Er grüßte und ging , von seinem Bruder begleitet . Der sonst nicht gerade schweigsame Capitain hatte während des Gesprächs eine auffallende Zurückhaltung beobachtet . Er war leise aufgezuckt , als beim Herantreten Welding ’ s die Nische frei wurde , in der die dunkle Frauengestalt sich tief in den Schatten der Wand geschmiegt hatte , als wollte sie um keinen Preis gesehen werden ; es sah sie auch Niemand weiter , wenigstens nahm Niemand Notiz von ihr ; sie konnte ihren Zufluchtsort nicht verlassen , ohne den ganzen Kreis zu passiren , der auch nach der Entfernung der Brüder noch seinen Platz behauptete . Die Herren kannten sich sämmtlich , und sie benutzten dieses Zusammentreffen , um ihre Ansichten über den jungen Componisten , Signora Biancona und das muthmaßliche Verhältniß der Beiden zu einander auszutauschen . Das letztere besonders mußte sich eine ziemlich schonungslose Kritik gefallen lassen . Die spöttischen , witzigen und boshaften Bemerkungen fielen hageldicht , und es dauerte eine geraume Zeit , bis der Kreis sich endlich auflöste . Jetzt , wo der Corridor völlig leer war , richtete sich auch die Dame in der Nische empor und schickte sich an , zu gehen , aber sie wankte schon nach den ersten Schritten und griff , wie zusammenbrechend , nach dem Geländer der Treppe , als ein kräftiger Arm sie stützte und aufrecht erhielt . [ 443 ] „ Kommen Sie in ’ s Freie , Ella ! “ sagte Hugo , der urplötzlich an ihrer Seite stand . „ Das war ja eine Folterqual . “ Er zog ihren Arm in den seinigen und führte sie hinunter , durch den nächsten Ausgang auf die Straße . Erst hier in der scharfen , kühlen Abendluft schien Ella wieder zur Besinnung zu kommen ; sie schlug den Schleier zurück und athmete auf , als sei sie dem Ersticken nahe gewesen . „ Hätte ich ahnen können , daß meine Warnung Sie hierher treiben würde , sie wäre unterblieben , “ fuhr Hugo vorwurfsvoll fort . „ Ella , um Gotteswillen , welche unglückselige Idee ! “ Die junge Frau zog die Hand von seinem Arme zurück . Der Vorwurf schien ihr wehe zu thun . „ Ich wollte sie doch wenigstens einmal sehen , “ entgegnete sie leise . „ Ohne selbst gesehen zu werden , “ ergänzte der Capitain . „ Ich wußte Das in dem Augenblicke , als ich Sie erkannte ; deshalb schwieg ich auch gegen Reinhold . Aber wie auf Kohlen habe ich hier unten gestanden , während der ganze kritische Cirkel da oben vor Ihrem Zufluchtsorte tagte und seinen liebevollen Gesinnungen und Bemerkungen freien Lauf ließ . Ich kann mir ungefähr denken , was Sie da Alles anzuhören bekamen . “ Er hatte während der letzten Worte einem Kutscher einen Wink gegeben , ihm Straße und Hausnummer zugerufen und seiner Schwägerin beim Einsteigen in den Wagen geholfen ; als er aber Miene machte , an ihrer Seite Platz zu nehmen , wies sie ihn sanft , aber entschieden zurück . „ Ich danke Ihnen . Ich fahre allein . “ „ Auf keinen Fall ! “ rief Hugo beinahe ungestüm „ Sie sind furchtbar aufgeregt , halb ohnmächtig ; es wäre unverantwortlich , Sie in diesem Zustande allein zu lassen . “ „ Sie sind doch nicht verantwortlich dafür , was aus mir wird , “ sagte Ella mit aufquellender Bitterkeit . „ Und Andere – kümmert Das ja nicht . Lassen Sie mich allein nach Hause fahren , Hugo ! Ich bitte Sie darum . “ Ihre Augen sahen ihn durch den Thränenschleier bittend an . Der Capitain sagte kein Wort weiter ; er schloß , gehorsam den Schlag und trat zurück ; aber er sah dem fortrollenden Wagen nach , bis dieser verschwunden war . – Mitternacht war längst vorüber , als Reinhold zurückkehrte und , ohne seine Wohnung zu betreten , sich sofort nach dem Gartenzimmer begab . Das Haus und die Nebengebäude lagen still und dunkel da ; nichts regte sich mehr in dem ganzen Umkreise . Was hier lebte und schaffte , war gewohnt , den Tag für die Arbeit zu benutzen , und forderte dafür Nachts seine ungestörte Ruhe . Es war ein Glück , daß das Gartenhaus so fern und einsam lag , sonst wären die Hausgenossen und die Nachbarschaft wohl noch unduldsamer gewesen gegen den jungen Componisten , der es nun einmal nicht lassen konnte , so spät er auch oft nach Hause kam , stets noch seinen Flügel aufzusuchen , und den oft genug der lichte Morgen in seinen musikalischen Phantasien überraschte . Es war eine stille und mondhelle , aber scharfe und rauhe nordische Frühlingsnacht . In dem dämmernden Lichte sahen diese Mauern und Giebel , die den Garten einengten , noch düsterer und gefängnißartiger aus als am Tage ; die Fluth des Canals erschien noch schwärzer in dem blassen Mondstreif , der darüber hin zitterte , und die noch kahlen , blattlosen Bäume und Gesträuche schienen zu leben und zusammenzuschauern in dem kalten Nachtwinde , der erbarmungslos darüber wegfuhr . Man befand sich bereits im April , und doch zeigten sich kaum die ersten Knospen . „ Dieser armselige Frühling mit seinem mühseligen Wachsen und Gedeihen , seinen grauen Regentagen und kalten Winden ! “ Das hatte Reinhold erst vor wenigen Tagen aussprechen hören , und dann war eine glühende Schilderung jenes Frühlings gefolgt , der wie mit einem Zauberschlage auf den Fluren des Südens emporblüht , jener Sonnentage mit dem ewig blauen Himmel und der tausendfachen Farbenpracht der Erde , jener Mondscheinnächte voll Orangenduft und Liederklang . Der junge Mann mußte wohl noch Kopf und Herz voll haben von diesem Bilde ; denn er blickte noch verächtlicher als sonst auf die dürftig kahle Umgebung und schob ungeduldig einen Fliederzweig zur Seite , dessen braune eben erst aufbrechende Knospen seine Stirn streiften . Er hatte keinen Sinn mehr für die Gaben dieses armseligen Frühlings und keine Lust mehr , so mühselig zu wachsen und zu gedeihen wie die Knospen hier , ewig im Kampfe mit Reif und Wind . Hinaus in die Freiheit , das war der einzige Gedanke , der ihn jetzt noch erfüllte . Reinhold öffnete die Thür des Gartenzimmers und fuhr wie in plötzlichem Schrecken zurück . Es dauerte einige Secunden , ehe er in der Gestalt , die da an seinem Flügel lehnte , hell beschienen vom Mondlichte , das durch durch das Fenster fiel , seine Gattin kannte . „ Du bist es , Ella ? “ rief er endlich rasch eintretend . „ Was giebt es ? Ist etwas vorgefallen ? “ [ 444 ] Sie machte eine verneinende Bewegung . „ Nichts ! Ich wartete nur auf Dich . “ „ Hier ? Und zu dieser Stunde ? “ fragte Reinhold auf ’ s Aeußerste befremdet . „ Was fällt Dir denn ein ? “ „ Ich sehe Dich ja fast nie mehr , “ war die leise Antwort , „ höchstens noch bei Tisch in Gegenwart der Eltern , und ich wollte Dich einmal allein sprechen . “ Sie hatte bei diesen Worten die Lampe angezündet und auf den Tisch gestellt . Die junge Frau trug noch das dunkle Seidenkleid , das sie heute Abend im Theater getragen ; es war freilich auch schmucklos und einfach genug , aber doch nicht so derb und unkleidsam wie ihre gewöhnlichen Hausanzüge . Auch die sonst immer unvermeidliche Haube war verschwunden , und jetzt , wo sie fehlte , sah man erst , welch ein seltener Reichthum sich unter ihr geborgen hatte . Das blonde Haar , das sonst immer nur in einem schmalen Streifen sichtbar wurde , ließ sich kaum bergen in den schweren Flechten , die sich jetzt ist ihrer ganzen prachtvollen Fülle zeigten ; aber dieser natürliche Schmuck , mit dem wohl jede andere Frau geprunkt hätte , wurde hier beinahe ängstlich Tag für Tag versteckt , bis ein Zufall ihn enthüllte , und doch schien er dem Kopfe ein ganz anderes Gepräge zu geben . Reinhold hatte wie gewöhnlich kein Auge dafür ; er sah die junge Frau kaum an und hörte nur flüchtig und zerstreut auf ihre Worte . Es lag auch nicht die leiseste Spur eines Vorwurfs darin , aber er mußte doch so etwas herausfühlen , denn er sagte ungeduldig : „ Du weißt doch , daß ich gerade jetzt von allen möglichen Seiten in Anspruch genommen werde . Meine neue Composition , die in den letzten Wochen vollendet wurde , ist heute Abend zum ersten Male in die Oeffentlichkeit getreten – “ „ Ich weiß es , “ unterbrach ihn Ella , „ ich war im Theater . “ Reinhold stutzte . „ Du warst im Theater ? “ fragte er rasch und scharf . „ Mit wem ? Auf wessen Veranlassung ? “ „ Ich war allein dort . Ich wollte – “ sie stockte und fuhr dann zögernd fort : „ ich wollte doch auch einmal Deine Töne hören , von denen alle Welt spricht , und die nur ich nicht kenne . “ Ihr Gatte schwieg und sah sie forschend an . Die junge Frau verstand sich schlecht auf die Verstellung , und die Lüge wollte nicht über ihre Lippen . Sie stand vor ihm , todtenblaß , bebend an allen Gliedern ; es bedurfte keines besonderen Scharfblickes , um hier die Wahrheit zu errathen , und Reinhold errieth sie sofort . „ Und allein deshalb gingst Du ? “ sagte er endlich langsam . „ Willst Du mich täuschen mit dem Vorwande oder vielleicht Dich selber ? Ich sehe , das Gerücht hat bereits bis zu Dir seinen Weg gefunden , Du hast mit eigenen Augen sehen wollen – natürlich ! Wie konnte ich auch glauben , daß es mir und Dir erspart bleiben würde ! “ Ella blickte auf . Das war wieder die finster umschattete Stirn , die sie stets an ihren Gatten zu sehen gewohnt war , der Blick düsterer Schwermuth , der Ausdruck eines trotzig niedergehaltenen Leidens , kein Hauch mehr von jenem strahlenden Triumphe , der vor wenig Stunden seine Züge so verklärte ; das war ja draußen gewesen , fern von den Seinen ; für die Heimath blieb nur der Schatten übrig . „ Warum antwortest Du nicht ? “ begann er von Neuem . „ Denkst Du , ich wäre Feigling genug , die Wahrheit abzuleugnen ? Wenn ich sie Dir bisher verschwieg , so geschah es aus Schonung für Dich ; jetzt , wo Du sie kennst , werde ich Dir Rede stehen . – Man hat Dir von der jungen Künstlerin erzählt , der ich die erste Anregung zum Schaffen , meinen ersten Erfolg und den heutigen Triumph danke . Man hat Dir das Verhältniß zwischen uns , Gott weiß wie , geschildert , und Du hältst das nun natürlich für ein todeswürdiges Verbrechen . “ „ Nein . Aber für ein Unglück . “ Der Ton dieser Worte hätte wohl Jeden entwaffnet ; auch Reinhold ’ s Gereiztheit hielt nicht Stand davor . Er trat ihr näher und ergriff ihre Hand . „ Armes Kind ! “ sagte er mitleidig . „ Ein Glück war es freilich nicht , was der Wille Deines Vaters Dir bestimmte . Du mehr als jede Andere bedurftest eines Gatten , der Tag für Tag im ruhigen Kreislaufe der Alltäglichkeit wirkt und schafft , ohne auch nur mit einem Wunsche darüber hinauszureichen , und gerade Dich hat das Schicksal an einen Mann gekettet , den es gewaltsam fortreißt auf andere Bahnen . Du hast ganz Recht : das ist ein Unglück für uns Beide . “ „ Das heißt : ich bin es Dir , “ ergänzte die junge Frau tonlos . „ Sie freilich wird es wohl besser verstehen , Dir Glück zu geben . “ Reinhold ließ ihre Hand fallen und trat zurück . „ Du bist im Irrthum , “ versetzte er beinahe rauh , „ und verkennst vollständig das Verhältniß zwischen Signora Biancona und mir . Es ist ein rein ideales gewesen vom ersten Augenblicke an , und ist es noch bis zu dieser Stunde . Wer Dir etwas Anderes gesagt hat , ist ein Lügner . “ Es schien , als wolle Ella aufathmen bei den ersten Worten ; aber bei den nächsten schon zog sich ihr Herz wie im Krampfe zusammen . Sie wußte , daß ihr Gatte keiner Lüge fähig sei , am wenigsten in solchem Augenblicke , und er sagte ihr , das Verhältniß sei ein ideales . Noch war es das , daran zweifelte sie nicht , aber auf wie lange ? Sie hatte heute Abend im Theater selbst die dämonischen schwarzen Augen leuchten sehen , denen so leicht nichts widerstand , hatte gesehen , wie jene Frau in ihrer Rolle die ganze Stufenleiter der Empfindungen bis zur höchsten Leidenschaft hinauf durchlief , wie diese Leidenschaft das Publicum zum Beifallssturme fortriß , und sie konnte sich unschwer sagen , daß , wenn es der Italienerin beliebt hatte , bisher nur die beglückende Muse zu sein , die den jungen Tondichter an ihrer Hand in das Reich der Kunst einführte , wohl die Stunde kommen werde , wo sie ihm etwas Anderes sein wollte . „ Ich liebe Beatrice , “ fuhr Reinhold mit einer Aufrichtigkeit fort , von deren Grausamkeit er in der That keine Ahnung zu haben schien , „ aber diese Liebe kränkt und verletzt keines von Deinen Rechten . Sie gilt der Musik , als deren verkörperter Genius sie mir entgegentrat , gilt dem Besten und Höchsten in meinem Leben , dem Ideale – “ „ Und was bleibt dann noch für Dein Weib übrig ? “ unterbrach ihn Ella . Er schwieg betroffen . Die Frage , so einfach sie war , klang doch eigenthümlich in dem Munde seiner für so beschränkt gehaltenen Gattin . Es war ja selbstverständlich , daß sie sich mit dem begnügen mußte , was noch übrig blieb , mit dem Namen , den sie trug , und dem Kinde , dessen Mutter sie war . Sie schien das seltsamerweise gar nicht begreifen zu wollen , und Reinhold verstummte völlig vor dem ruhigen und doch vernichtenden Vorwurfe dieser Frage . Die junge Frau stützte die Hand auf den Flügel . Sie kämpfte sichtbar mit der Furcht , welche sie von jeher vor ihrem Manne gehegt , dessen geistige Ueberlegenheit sie tief empfand , ohne gleichwohl je den Versuch zu wagen , sich zu ihm zu erheben . In dem Bewußtsein , daß er hoch über ihr stehe , hatte sie sich ihm stets unbedingt untergeordnet , ohne damit jemals etwas Anderes zu erreichen , als eine Duldung , die nahe an Verachtung streifte . Jetzt , wo er eine Andere liebte , hörte die Duldung auf ; die Verachtung war geblieben – das fühlte sie deutlich aus seinem Geständnisse heraus , das er so ruhig , so sicher that ; seine Liebe zu der schönen Sängerin „ kränkte und verletzte ja keines von ihren Rechten “ ; sie hatte ja überhaupt kein Recht an sein geistiges Leben . Und diesen Mann sollte sie festhalten , jetzt , wo ihm die Liebe einer schönen , von aller Welt gefeierten Künstlerin , wo ihm der Zauberschein Italiens , wo ihm eine Zukunft voll Ruhm und Glück winkte , sie , die nichts zu geben hatte , als sich selber – Ella fühlte jetzt erst das Unmögliche der Aufgabe , die man ihr zugewiesen . „ Ich weiß es , Du hast nie zu uns gehört , nie Jemand von uns lieb gehabt , “ sagte sie mit stiller Resignation . „ Gefühlt habe ich es wohl immer ; klar geworden ist es mir erst , seit ich Deine Frau bin , und da war es zu spät . Aber ich bin es doch nun einmal , und wenn Du mich und das Kind verlassen , aufgeben willst um einer Anderen willen – “ „ Wer sagt das ? “ fuhr Reinhold mit einer Entrüstung auf , die ihn freisprach von dem Verdachte , daß ein solcher Gedanke wirklich schon in seine Seele gekommen war . „ Verlassen ? Dich und das Kind aufgeben ? Niemals ! “ Die junge Frau richtete das Auge fragend auf ihn , als verstehe sie ihn nicht . „ Du sagtest doch soeben , Du liebtest Beatrice Biancona ? “ „ Ja , aber – “ [ 445 ] „ Aber ? So mußt Du auch wählen zwischen ihr und uns . “ „ Du entwickelst ja auf einmal eine ganz ungewöhnliche Bestimmtheit , “ rief Reinhold gereizt . „ Ich muß ? Und wenn ich es nun nicht thue ? Wenn ich diese ideale Künstlerliebe für vollkommen vereinbar halte mit meinen Pflichten , wenn – “ „ Wenn Du ihr nach Italien folgst , “ ergänzte Ella . „ Also auch das weißt Du schon ? “ fuhr der junge Mann heftig auf . „ Du scheinst ja so vortrefflich unterrichtet zu sein , daß mir nur noch übrig bleibt , die Nachrichten , die man Dir so freundlich zugetragen , zu bestätigen . Es ist allerdings meine Absicht , in Italien meine Studien fortzusetzen , und wenn ich dort Signora Biancona begegnen sollte , wenn ihre Nähe mir neue Begeisterung zum Schaffen giebt , ihre Hand mir die Künstlerwelt öffnet , so werde ich nicht der Thor sein , das Alles zurückzustoßen , blos weil ich nun einmal das Schicksal habe – eine Frau zu besitzen . “ Ella zuckte zusammen bei der schonungslosen Härte dieser letzten Worte . „ Schämst Du Dich dieser Frau so sehr ? “ fragte sie leise . „ Ella , ich bitte Dich – “ „ Schämst Du Dich meiner so sehr ? “ wiederholte die junge Frau scheinbar ruhig , aber es war ein seltsamer , nervendurchzitternder Klang in ihrer Stimme . Reinhold wendete sich ab . „ Sei nicht kindisch , Ella ! “ erwiderte er ungeduldig . „ Glaubst Du , daß es für einen Mann wohlthuend oder erhebend ist , wenn er von seinen ersten Erfolgen nach Hause kommt und findet hier Klagen , Vorwürfe , kurz , die ganze nüchterne Prosa der Häuslichkeit . Du hast mich bisher damit verschont und solltest das auch in Zukunft thun . Du könntest sonst die Erfahrung machen , daß ich nicht der geduldige Ehemann bin , der dergleichen Scenen widerstandslos über sich ergehen läßt . “ Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf die junge Frau , um die grenzenlose Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs zu erkennen . Sie stand da , nicht wie eine Anklägerin , sondern wie eine Verurtheilte , fühlte sie doch , daß in dieser Stunde das Urtheil ihrer Ehe und ihres Lebens gesprochen wurde . „ Ich weiß wohl , ich bin Dir nie etwas gewesen , “ sagte sie mit bebender Stimme , „ habe Dir nie etwas sein können , und wenn es sich jetzt nur um mich handelte , so ließe ich Dich gehen , ohne ein Wort , ohne eine Bitte weiter . Aber das Kind steht ja noch zwischen uns , und da “ – sie hielt einen Augenblick inne und athmete tief auf – „ da wirst Du es wohl begreifen , wenn die Mutter Dich noch einmal bittet – daß Du bei uns bleibst . “ Die Bitte kam scheu , zaghaft heraus ; man hörte ihr die Ueberwindung an , die es sie dem Manne gegenüber kostete , in dessen Herzen auch nicht mehr eine Stimme für sie sprach , und doch bebte in den letzten Worten ein so rührend angstvolles Flehen , daß es nicht ganz ungehört an dem Ohre ihres Gatten verhallte . Er wandte sich wieder zu ihr . „ Ich kann nicht bleiben , Ella , “ entgegnete er milder als vorhin , aber doch mit kühler Bestimmtheit . „ Es handelt sich um meine Zukunft . Du ahnst nicht , was in dem Worte für mich liegt . Begleiten kannst Du mich nicht mit dem Kinde . Abgesehen davon , daß dies bei einer Studienreise unmöglich ist , würdest Du Dich bald genug unglücklich fühlen in einem fremden Lande , dessen Sprache Du nicht verstehst , unter Verhältnissen und Umgebungen , denen Du auch nicht entfernt gewachsen bist . Du wirst Dich jetzt überhaupt gewöhnen müssen , mich und mein Leben mit einem andern Maßstabe zu messen , als mit dem des engherzigen Vorurtheils und der kleinbürgerlichen Beschränktheit . Du bleibst mit dem Kleinen hier im Schutze Deiner Eltern ; in spätestens einem Jahre kehre ich zurück . In diese Trennung mußt Du Dich fügen . “ Er sprach ruhig , freundlich sogar , aber jedes Wort war eine eisige Zurückweisung , ein ungeduldiges Abschütteln der ihm lästigen Bande . Hugo hatte Recht : er lag bereits zu tief im Banne der Leidenschaft , um noch auf irgend eine andere Stimme zu hören – es war zu spät . Ein kaltes , mitleidloses „ Du mußt Dich fügen “ war die einzige Antwort auf jene rührende Bitte . Ella richtete sich mit einer ihr sonst fremden Entschlossenheit empor , und es war auch ein fremder Klang in ihrer Stimme ; es lag etwas darin von dem Stolze des Weibes , der , jahrelang getreten und unterdrückt , sich endlich doch aufbäumte , als man ihm