14 , S. 223 – 226 Fortsetzungsroman – Teil 6 [ 223 ] Georg lächelte ein wenig schmerzlich , als er seine Hand auf die Schulter des Freundes legte . „ Mein lieber Max , ich weiß sehr gut , wem Deine ganze Predigt gilt ; sie nützt leider nichts . Du freilich wirst das nicht eher einsehen , bis Dir irgend eine Leidenschaft einen Strich durch Deine sämmtlichen Paragraphen und durch Dein Punctum macht . “ „ Bitte , ich bin kein Schwärmer , “ protestirte Max . „ Die Schwärmerei überlasse ich gewissen anderen Leuten . Wie steht es denn eigentlich mit der Deinigen ? Habe ich auch hier Aussicht auf den Posten als Vertrauter und auf gelegentliche Verwendung als Schildwache ? Ich stehe zu Befehl . “ Georg seufzte . „ Nein , Max , davon ist keine Rede . Ich sehe Gabriele ja kaum und habe sie erst ein einziges Mal in Gegenwart ihrer Mutter gesprochen . Der Gouverneur hat einen förmlichen Wall vornehmer Abgeschlossenheit um sich und sein ganzes Haus gezogen ; es ist unmöglich , ihn zu durchbrechen . “ „ Armer Junge ! “ sagte Max mitleidig . „ Nun kann ich mir auch Dein elegisches Aussehen erklären . Siehst Du , das kommt davon , wenn man solche Dinge allzu gefühlvoll nimmt . Davor schützen mich mein Programm und meine Paragraphen , die Du wirklich ganz unnöthig verspottest . “ [ 224 ] Georg zog die Uhr und warf einen Blick darauf . „ Verzeihe ! Ich muß jetzt in die Kanzlei . Unsere Bureaustunde beginnt bald . Von drei Uhr an aber bin ich frei und suche Dich dann sofort auf . Soll ich Dich nach Deinem Gasthofe bringen ? “ Der junge Arzt zog es vor , seinen Freund nach dem Regierungsgebäude zu begleiten , und die Beiden machten sich auf den Weg . Sie schritten in lebhaftem Gespräche durch die Straßen und holten am Fuße des Schloßberges den Hofrath Moser ein . Dieser wohnte zwar im Regierungsgebäude selbst , pflegte aber Morgens , vor Beginn der Bureaustunden , einen Spaziergang zu machen , von dem er jetzt eben zurückkehrte . Er schritt wie gewöhnlich langsam , steif und feierlich dahin , das Kinn in die weiße Halsbinde vergraben , und erwiderte mit vieler Würde den Gruß seines jungen Untergebenen . „ Sie sehen angegriffen aus , Herr Assessor , “ sagte er in wohlwollendem Tone . „ Sogar Excellenz haben das bemerkt und sprachen mit mir darüber . Excellenz meinten , Sie arbeiteten zu viel und würden damit Ihre Gesundheit untergraben . Man kann auch des Guten zu viel thun ; Sie sollten sich schonen . “ „ Das predige ich meinem Freunde oft genug , “ fiel Max ein , aber immer ohne Erfolg . „ Erst heute , am frühen Morgen , habe ich ihn wieder vom Schreibtische aufjagen müssen . Er schlägt all meine ärztlichen Rathschläge in den Wind . “ „ Sie sind Arzt ? “ fragte der Hofrath ; er erwartete offenbar eine Vorstellung des ihm gänzlich unbekannten jungen Mannes . „ Mein Freund , Doctor Brunnow , “ sagte Georg . „ Herr Hofrath Moser . “ Der Hofrath tauchte plötzlich aus seiner weißen Halsbinde empor . „ Brunnow – Brunnow , “ wiederholte er . „ Ist Ihnen der Name bekannt , Herr Hofrath ? “ fragte Max ruhig . Aus dem Gesichte des alten Herrn war alles Wohlwollen verschwunden ; es prägte sich eine Art von Entsetzen darauf aus , als er in scharfem Tone erwiderte : „ Der Name ist in früheren Zeiten oft genannt worden , zuerst bei der Rebellion , dann vor den Gerichten und später auf der Festung , bei der Flucht eines Gefangenen . Ich hoffe , Sie stehen in keiner Beziehung zu jenem Doctor Brunnow , den ich meine . “ „ Doch , “ sagte der junge Arzt mit einer sehr artigen Verbeugung , „ in der allernächsten . Doctor Brunnow ist mein Vater . “ Der Hofrath wich schleunigst einige Schritte zurück als müsse er sich vor einer etwaigen Berührung in Sicherheit bringen . Dann wandte er dem jungen Manne den Rücken und concentrirte seinen ganzen entsetzensvollen Zorn auf Georg . „ Herr Assessor Winterfeld , “ begann er in verachtendem Tone , „ es giebt Beamte – sogar ganz tüchtige und fähige Beamte – die gleichwohl die erste und heiligste Pflicht des Staatsdieners nicht kennen oder nicht kennen wollen , die Loyalität . Kennen Sie solche Beamte ? “ Georg gerieth in einige Verlegenheit . „ Ich weiß nicht – “ „ Nun , ich kenne sie , “ sagte der Hofrath mit einer unheimlichen Feierlichkeit , „ und ich beklage sie , denn sie sind meist nur das Opfer der Verführung und des bösen Beispiels . “ Der junge Beamte runzelte die Stirn ; er war allerdings an ähnliche salbungsvolle Predigten seines Vorgesetzten gewöhnt , aber jetzt , in Gegenwart seines Freundes , fühlte er doch das Peinliche derselben und erwiderte daher gereizt : „ Seien Sie überzeugt , Herr Hofrath , daß ich meine Pflichten kenne , aber darüber hinaus – “ „ Ja , ich weiß , die jungen Herren sind sämmtlich Weltverbesserer und halten es für charaktervoll , Opposition zu machen , “ unterbrach ihn Moser , der es sehr liebte , die Worte seines Chefs , die für ihn Orakelsprüche waren , bei passender und unpassender Gelegenheit anzubringen , „ aber das ist gefährlich , denn die Opposition führt schließlich zur Revolution , und die Revolution , “ der Hofrath schauderte , „ ist etwas Schreckliches . “ „ Etwas sehr Schreckliches , Herr Hofrath ! “ sagte Max mit Nachdruck . „ Finden Sie das ? “ fragte Moser , etwas aus der Fassung gebracht durch diese unerwartete Zustimmung . „ Ganz unbedingt , und ich finde es überdies sehr verdienstlich , daß Sie meinem Freunde in ’ s Gewissen reden . Ich habe es ihm auch oft gesagt ; er ist lange nicht loyal genug . “ Der Hofrath stand ganz starr bei diesen mit unverwüstlicher Ernst gesprochenen Worten . Er war im Begriff zu antworten , vergrub aber plötzlich sein Kinn in die Halsbinde und nahm eine devote Haltung an . „ Seine Excellenz ! “ sagte er halblaut und zog ehrfurchtsvoll den Hut . Es war in der That der Gouverneur , der vom Schlosse kam und sich zu Fuße in die Stadt begab . Er erwiderte den Gruß der Herren in seiner kühlen abgemessenen Weise , streifte mit einem flüchtigen Blicke den jungen Brunnow und wandte sich dann zu Moser . „ Gut , daß ich Sie treffe , lieber Hofrath ! Ich wollte Ihnen noch etwas mittheilen – begleiten Sie mich auf einige Minuten ! “ Der Hofrath schloß sich seinem Chef an und Beide schlugen die Richtung nach der Stadt ein , während die beiden jungen Männer ihren Weg nach dem Schlosse fortsetzten . „ Das ist also Euer Despot ? “ fragte Max , als sie außer Hörweite waren . „ Der vielgeschmähte und vielgefürchtete Raven ! Eine imponirende Erscheinung ist er – das muß man ihm lassen . Eine Haltung und ein Anstand , die einem Fürsten gar nicht übel stehen würden , und dazu dieser Herrscherblick , mit dem er mich streifte . Man sieht es , der Mann versteht zu befehlen . “ „ Und zu unterdrücken , “ setzte Georg mit Bitterkeit hinzu . „ Davon haben wir erst kürzlich wieder eine neue Probe erhalten . Die ganze Stadt ist in Gährung wegen der unerhörten Polizeimaßregeln , die er über sie verhängt hat . Er will mit Gewalt die Opposition niederschlagen , die sich immer mächtiger und drohender zu regen beginnt . Es ist ein Schlag in ’ s Gesicht , den er der gesammten Bürgerschaft versetzt . “ „ Und die guten Bürger von R. lassen sich das ruhig gefallen ? “ Georg warf vorsichtig einen Blick um sich . Der Weg war völlig leer und das Gespräch sicher vor unberufenen Ohren ; dennoch senkte der junge Mann die Stimme . „ Was sollen sie denn thun ? Etwa rebelliren gegen den von der Regierung eingesetzten Gouverneur ? Das würde die schwersten Folgen nach sich ziehen , und doch handelt es sich vielleicht nur darum , dieser Regierung die Wahrheit zu enthüllen und all die Willkür , all die Gewaltacte , mit denen ihr Vertreter seine Vollmacht mißbraucht , vor dem ganzen Lande aufzudecken . Geschähe dies , dann müßte sie ihn fallen lassen . “ „ Oder sie beseitigt statt dessen den unbequemen Warner . Es wäre nicht das erste Mal , daß so etwas geschieht , und dieser Raven sieht nicht aus , als ob er sich leicht stürzen ließe ; mindestes reißt er in seinem Sturze alles ihm Feindliche mit sich hinunter . “ „ Und doch muß es früher oder später geschehen , “ sagte Georg entschlossen . „ Es wird sich doch endlich ein Muthiger finden ! “ Der junge Arzt stutzte und richtete einen forschenden Blick auf seinen Freund . „ Der willst Du doch nicht etwa sein ? Sei kein Thor , Georg , und wirf Dich nicht allein für alle Anderen in die Schanze ! Es kann Dich Stellung und Existenz kosten , und überdies – hast Du vergessen , daß der Freiherr der Vormund Deiner angebeteten Gabriele ist ? Wenn Du ihn reizest , so hat er Mittel genug in Händen , Dein Lebensglück auf immer zu vernichten . “ „ Er wird es ohnehin thun , “ versetzte Georg düster . „ Er wird jedenfalls versuchen , seine Mündel bald und glänzend zu vermählen , und sobald er erfährt , daß ich es bin , der dabei im Wege steht , habe ich Alles von ihm zu gewärtigen . “ „ Und mit dem ist sicher nicht leicht kämpfen , “ fiel Max ein . „ Ich begreife es , daß Du ihn in doppelter Beziehung hassest . “ „ Hassen ? Ich bewundere Vieles an ihm , und die Stadt und die Provinz danken ihm Vieles . Seine mächtige Energie hat überall neue Hülfsquellen aufgedeckt , überall neue Kräfte erweckt und dienstbar gemacht , aber er hat auch mit eiserner Hand jede Freiheitsregung niedergehalten und erstickt . Die Reactionsperiode verdankt ihm ihre schlimmsten Triumphe . “ „ Sie geht ja jetzt zu Ende , “ warf Max ein . „ Ja , Gott sei Dank – sie geht zu Ende . Das alte System wankt bereits in all seinen Fugen und seine Diener suchen einzulenken , nur zu retten was noch zu retten ist . Nur Raven allein hält noch mit starrer Consequenz fest an der Vergangenheit ; er läßt sich nicht die geringste Nachgiebigkeit , nicht das [ 225 ] kleinste Zugeständniß abringen und hört keine der warnenden Stimmen , die doch auch zu ihm dringen . Ist das Verblendung oder Charakterfestigkeit ? Ich begreife es nicht . “ „ Charakterfestigkeit – bei einem Renegaten ? “ Georg sah gedankenvoll vor sich nieder ; plötzlich sagte er : „ Max , es giebt Augenblicke , wo ich eher an den Worten Deines Vaters zweifeln , als meinem Chef etwas Ehrloses zutrauen möchte . Ein Verbrechen der Herrschsucht , der Leidenschaft kann er begehen , aber gemeinen , niedrigen Verrath an seinen Freunden – jeder Zug in dem Manne spricht dagegen “ „ Und doch hat er ihn begangen . Glaubst Du , mein Vater würde sein einstiges Idol so grenzenlos hart verurteilen , ohne vollgültige Beweise ? Was bedarf es ihrer auch ? Das Leben dieses Arno Raven ist Beweis genug . Er war einst ein glühender Freiheitsschwärmer – was ist er jetzt ? “ „ Du hast Recht , und doch – laß uns abbrechen ! Wir sind am Schlosse . “ Sie hatten in der That das Regierungsgebäude erreicht und mußten sich hier trennen . Es wurde noch rasch eine Verabredung für den Nachmittag getroffen , dann begab sich Georg in die Kanzlei und Max , der keine Eile hatte , in die Stadt zurückzukehren , nahm erst noch flüchtig das Schloß in Augenschein , das für Fremde allerdings eine der Sehenswürdigkeiten von R. bildet . Der junge Arzt kümmerte sich zwar herzlich wenig um Baustil und alterthümliche Romantik , aber das Schloß interessirte ihn seines jetzigen Bewohners wegen . Er streifte also durch die Bogengänge und Gallerien , so weit sie zugänglich waren , und wollte endlich wieder zurückkehren , irrte sich aber und gerieth , statt den Ausgang zu gewinnen , in einen der Seitenflügel . Er bemerkte den Irrthum erst , als er einen Corridor betrat , der zweifellos zu einer Wohnung führte , und war gerade im Begriffe , umzukehren , als die Thür jener Wohnung sich öffnete und eine ältere Frau heraussah . „ Da sind Sie ja , Herr Doctor , “ sagte sie erfreut . „ Bitte , treten Sie nur ein ! Das Fräulein wartet schon . “ „ Auf mich ? “ fragte Max , erstaunt über diese vertrauliche Begrüßung . „ Gewiß . Sie sind doch der Arzt ? “ „ Der bin ich allerdings . “ „ Nun , dann kommen Sie nur herein ! Ich werde Sie dem Fräulein melden . “ Damit verschwand die Frau , dem Anscheine nach eine Wirthschafterin oder Beschließerin , während Max in dem Entreezimmer blieb , wohin sie ihn genöthigt hatte . „ Das nenne ich Glück , “ sagte er halblaut . „ Gleich bei den ersten Schritten , die ich hier in R. thue , fällt mir ganz unvermuthet eine Praxis in den Schooß . Sehen wir zu , wie die Sache sich entwickelt ! “ Sie entwickelte sich ziemlich rasch . Schon nach einigen Minuten kam die Frau zurück und führte ihn in ein behaglich und freundlich ausgestattetes Wohnzimmer , wo eine junge Dame sich bei seinem Eintritte von ihrem Platze am Fenster erhob und ihm entgegen kam . Es war noch ein sehr junges Mädchen , vielleicht sechszehn oder siebenzehn Jahre alt , hoch und schlank gewachsen , aber von sehr kränklichem Aussehen . Eine durchsichtige Blässe bedeckte das nicht gerade schöne , aber zarte und angenehme Gesicht . Um die Augen zogen sich bläuliche Schatten während Wangen und Lippen kaum eine Spur von Röthe zeigten . Die Kleidung war von einer fast übertriebenen Einfachheit und durchaus klösterlichem Zuschnitte . Das schwarze Kleid , ohne die geringste Verzierung , schloß hoch am Halse und dicht an den Handgelenken . Ein schwarzes Spitzentuch verhüllte vollständig das Haupt , sodaß nur ein schmaler Streifen des glattgescheitelten dunklen Haares sichtbar wurde . Die Haltung der jungen Danne war sehr schüchtern und verlegen als sie mit niedergeschlagenen Augen vor dem Arzte stand , ohne ein Wort zu sprechen . „ Sie wünschen ärztlichen Rath , mein Fräulein ? “ fragte Max endlich , nachdem er vergebens auf eine Anrede gewartet hatte . „ Ich stehe Ihnen zu Diensten . “ Bei dem Klange seiner Stimme hob das junge Mädchen die Augen empor , ein paar ausdrucksvolle dunkle Augen , senkte sie aber schnell wieder und trat mit offenbarer Aengstlichkeit einen Schritt zurück . Auch ihrer älteren Gefährtin schien bei genauerer Betrachtung das jugendliche Aussehen des Doctors Bedenken zu erregen , denn sie verweilte dicht neben ihrer Schutzbefohlenen , die jetzt mit leiser , weich klingender Stimme antwortete : „ Mein Vater wünscht , daß ich den Rath eines Arztes in Anspruch nehme . Es ist gewiß nicht nothwendig ; ich fühle mich nicht eigentlich krank . “ „ Sie sind es aber gründlich , “ fiel die Aeltere ein , die mehr zur Familie als zur Dienerschaft zu gehören schien . „ Und der Herr Hofrath besteht doch nun einmal darauf . “ „ Herr Hofrath Moser ? “ fragte Max , dem urplötzlich ein Licht aufging , in wessen Haus ihn der Zufall geführt hatte . „ Ja . Haben Sie ihn denn nicht gesprochen ? “ „ Vor zehn Minuten , ehe ich hierher kam , “ erklärte der junge Arzt , mühsam das Lachen unterdrückend . Er vergegenwärtigte sich das entsetzte Zurückweichen des loyalen Hofrathes , als der Name seines Vaters genannt wurde . Unter anderen Umständen würde er den Irrthum wohl aufgeklärt haben , jetzt aber dachte er nur an den Aerger des alten Herrn der ihn so ungnädig behandelt hatte , wenn er den Demagagensprößling in seiner eigenen Wohnung entdecken würde . Brunnow beschloß auf alle Fälle seinen Platz zu behaupten . „ Sie sehen aber doch leidend aus , mein Fräulein , “ nahm er wieder das Wort , indem er ihre Hand ergriff und den Puls aufmerksam prüfte . „ Wollen Sie mir einige Fragen erlauben ? “ Das Examen begann . Sobald Max einen Patienten vor sich hatte , war er nichts weiter als Arzt , den nur der vorliegende Krankeitsfall interessirte , auch jetzt traten alle übermüthigen Regungen davor zurück . Er stellte seine Fragen kurz , knapp und klar , ohne viel Worte zu machen , ohne sich irgendwie von der Sache zu entfernen , und das schien seiner jungen Patientin allmählich Vertrauen einzuflößen . Sie wurde unbefangener , ausführlicher in ihren Antworten und sah sich nicht mehr bei jedem Worte ängstlich nach ihrer Beschützerin um . Endlich war das Examen zu Ende , und Max schien davon befriedigt zu sein . „ Ich glaube nicht , daß ein Grund zu ernsten Besorgnissen vorliegt , “ sagte er . „ Ihr Leiden scheint nervöser Natur zu sein , vielleicht durch geistige Ueberreizung veranlaßt und durch Mangel au Luft und Bewegung verschlimmert . “ „ Ja wohl , “ mischte sich die Wirthschafterin ein , die augenscheinlich gewohnt war , überall mitzusprechen . „ Fräulein Agnes macht sich gar keine Bewegung und kommt nie in ’ s Freie , den täglichen Gang in die Frühmesse ausgenommen . Ich habe immer gesagt , daß das Beten , Kasteien und Fasten – “ „ Aber Christine ! “ unterbrach sie das junge Mädchen bittend . „ Ach was , dem Doctor muß man beichten , “ versetzte Christine . „ Das Fräulein übertreibt es wirklich mit der Frömmigkeit , Herr Doctor , und liegt den ganzen Tag auf den Knieen . “ „ Das ist sehr unzuträglich ; das müssen Sie unterlassen , “ sagte der junge Arzt dictatorisch . Fräulein Agnes sah mit einem Ausdrucke des Schreckens auf , als traue sie ihren eigenen Ohren nicht . „ Herr Doctor – “ „ Auch der tägliche Gang zur Frühmesse muß unterbleiben , “ fuhr Max mit der gleichen Entschiedenheit fort , ohne den Einwand zu beachten . „ Sie haben allen Grund , sich vor Erkältungen zu hüten , und die Morgen werden schon herbstlich kühl . Das Fasten aber verbiete ich ein für alle mal ganz entschieden ; es ist geradezu Gift für Ihren Zustand . “ „ Aber Herr Doctor ! “ sagte das junge Mädchen zum zweiten Male , doch auch dieser Protest fand kein Gehör . Max ließ sich durchaus nicht beirren . „ Dagegen verordne ich Ihnen täglich einen längeren Spaziergang , aber in der Mittagsstunde , möglichst viel Luft , Bewegung und auch Zerstreuung . Die Wintervergnügungen nehmen ja bald ihren Anfang . Sie dürfen freilich nicht allzu viel tanzen . “ Jetzt zog sich Agnes mit der gleichen Schnelligkeit zurück , wie vorhin ihr Vater – um mindestens drei Schritte . „ Tanzen ? “ wiederholte sie ganz außer sich . „ Tanzen ? “ „ Ja , warum denn nicht ? Das thun alle jungen Mädchen . Sie werden doch nicht allein eine Ausnahme machen wollen ? “ [ 226 ] „ Ich habe nie getanzt , “ versetzte sie schnell und mit so viel Entschiedenheit , wie die weiche Stimme nur zuließ , „ ich habe mich stets fern von den weltlichen Zerstreuungen gehalten . Sie sind sündhaft , und ich verabscheue sie . “ „ Nun , Sie sollten es doch erst einmal probiren , “ meinte der junge Arzt wohlwollend . „ Doch dergleichen Verordnungen gehen über meine ärztlichen Befugnisse hinaus . Ich werde Ihnen vorläufig eine Arznei verschreiben und in wenigen Tagen wieder vorsprechen ; dann wollen wir weiter sehen . Haben Sie Papier und Feder zur Hand ? “ Christine brachte beides , und er setzte sich zum Schreiben nieder . Agnes war an das Fenster geflüchtet und faltete , mit dem deutlichen Ausdruck des Entsetzens in den Zügen , die Hände . Als das Recept fertig war , trat Max wieder zu ihr und löste ohne Umstände die gefalteten Hände , um nochmals den Puls zu prüfen . „ So ! Und nun bitte ich , daß meine Verordnungen pünktlich befolgt werden ; dann wird sich hoffentlich bald Besserung einstellen . Leben Sie wohl , mein Fräulein ! “ Er ging . Christine schloß die Thür hinter ihm zu und kam dann zurück . „ Der versteht es , “ sagte sie . „ Der befiehlt und commandirt ja , als wäre er allein hier Herr und Meister . Wie finden Sie denn eigentlich den Doctor , Fräulein ? “ „ Ich finde ihn sehr gottlos , “ erklärte Fräulein Agnes mit Nachdruck . „ Ja , die Aerzte sind alle nicht fromm , “ meinte Christine . „ Und noch so sehr jung ! “ fuhr Agnes fort , in einem Tone , als hätte sie damit die schwerste Anklage ausgesprochen . „ Ich habe ihn mir auch älter gedacht . Aber gescheit sieht er aus und pünktlich ist er auch . Um neun Uhr hatte er seinen Besuch angekündigt , und Schlag neun Uhr stand er im Corridor . Ich begreife nur nicht , wo der Herr Hofrath bleibt , er muß irgend eine Abhaltung gehabt haben , denn er wollte doch zugegen sein . “ „ Der Doctor hat meinen Vater gesprochen . Meinst Du denn , Christine , daß ich die Arznei nehmen soll ? “ „ Nun , gewiß ! Deshalb haben wir ja den Doctor kommen lassen . Mir gefällt er trotz seiner kurz angebundenen Art. Geben Sie Acht , Fräulein – der stellt Sie wieder her . “ Es blieb unentschieden , ob Agnes derselben Meinung war oder nicht . Sie hatte das Recept in die Hand genommen und sah darauf nieder , endlich legte sie es bei Seite und sagte ernsthaft : „ Wenn er nur nicht so gottlos wäre ! “ Max stieg gerade die Treppe hinunter , als er einen älteren Herrn begegnete , der hinaufstieg . Derselbe trug eine goldene Brille , einen Stock mit einem vergoldeten Knopfe und hatte einen äußerst wichtigen Gesichtsausdruck . Der junge Arzt blieb stehen und sah ihm nach . „ Ich wette darauf , das ist mein verehrter College , der den angekündigten Besuch macht . Jetzt wird er sich den Kopf darüber zerbrechen , wer es ist , der ihm die Praxis so vor der Nase weggenommen hat . Und nun erst der Aerger dieses feierlichen , urloyalen Hofraths , wenn er die Geschichte erfährt und meinen Namen auf dem Recepte liest ! Ich wollte , ich könnte mich ihm in meiner neuen Eigenschaft als sein Hausarzt vorstellen . “ Der boshafte Wunsch sollte in Erfüllung gehen ; am Fuße des Schloßberges traf Max mit dem Hofrathe zusammen , der „ Excellenz “ pflichtgemäß begleitet hatte und nun zurückkam . Sein Blick war kaum auf den Demagogensprößling gefallen , als er Miene machte , die unloyale Begegnung zu vermeiden und auszuweichen , der junge Arzt aber trat mit der größten Artigkeit auf ihn zu . „ Ich freue mich sehr . Sie nochmals zu sehen , Herr Hofrath , “ begann er . „ Ich komme soeben von Ihrer Fräulein Tochter . “ Diesmal schoß das Gesicht des Hofrathes förmlich aus der weißen Halsbinde empor . „ Von meiner Tochter ? “ wiederholte er . „ Ja , von Fräulein Moser . Ich kann Ihnen die Beruhigung geben , daß der Zustand der jungen Dame nicht gefährlich ist , wenn die Patientin auch großer Schonung und Pflege bedarf . Sie ist allerdings sehr nervös , indessen – “ „ Herr , wie kommen Sie zu meiner Tochter ? “ rief der Hofrath . „ Indessen , das wird sich bei geeigneter Behandlung geben , “ fuhr Max fort , ohne sich in seiner Rede an Geringsten stören zu lassen . „ Ich habe vorläufig eine Arznei verordnet , von der ich mir die beste Wirkung verspreche , und komme in einigen Tagen wieder , um nach dem Fräulein zu sehen . “ „ Ich habe Sie aber gar nicht gerufen , “ protestirte der Hofrath , dem es jetzt ganz wirr im Kopfe zu werde begann , da er sich den Zusammehang des ihm Berichteten gar nicht erklären konnte . „ Bitte , ich wurde gerufen , “ sagte Max . „ Fragen Sie nur Frau Christine ! Wie gesagt , ich hoffe sehr viel von der Arznei und komme übermorgen wieder . Bitte , keinen Dank , Herr Hofrath ! Es geschieht mit dem größten Vergnügen . Wollen Sie mich dem Fräulein empfehlen ? Auf Wiedersehen ! “ Hofrath Moser stand einige Secunden lang starr , wie eine Bildsäule , dann aber eilte er im Sturmschritt nach seiner Wohnung , um dort die Aufklärung des Räthsels zu suchen , während der junge Arzt lachend den Weg nach der Stadt einschlug . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 15 , S. 239 – 242 Fortsetzungsroman – Teil 7 [ 239 ] Das ganze erste Stockwerk des Regierungsgebäudes war glänzend erleuchtet . Bei dem Gouverneur fand alljährlich am Geburtstage des Landesherrn eine große Festlichkeit statt , wo die Elite der Stadt und der Umgegend zu erscheinen pflegte . Diesmal sollte sich dem üblichen Empfange noch ein Ball anschließen , eine Neuerung , die man wohl hauptsächlich der Anwesenheit der Baronin Harder und ihrer Tochter verdankte , die aber von der Damenwelt Rs . entschieden beifällig aufgenommen wurde . Es war noch zu früh für die Ankunft der Gäste , aber die Festräume strahlten schon in vollem Glanze , und die Diener hatten sich , nachdem die letzten Vorbereitungen beendigt waren , in das Vorzimmer zurückgezogen . Gabriele war mit der Toilette früher fertig geworden als ihre Mutter , die noch immer die Geduld ihres Kammermädchens auf eine harte Probe stellte und fortwährend an dem Anzuge zu ändern und zu bessern fand . Die junge Baronin betrat also allein den kleinen Salon , am Anfange jener Zimmerreihe , die nur bei festlichen Gelegenheiten geöffnet wurde . Die Hauptwand dieses Salons schmückte ein Bild , dessen reich vergoldeter Rahmen sich effectvoll von der dunklen Sammettapete abhob . Es stellte die verstorbene Gemahlin des Freiherrn von Raven dar und war von einem der berühmtesten Künstler gemalt worden . Aber auch dessen Hand hatte es nicht vermocht , den nicht unangenehmen , aber völlig apathischen und geistlosen Zügen irgend ein Interesse zu verleihen ; eine gewisse Vornehmheit der Haltung und eine überreiche Toilette-Entfaltung war das Einzige , was den Beschauer flüchtig zu fesseln vermochte . Wer dieses Bild sah und sich daneben die bedeutende , energische Persönlichkeit des Freiherrn vergegenwärtigte , der fühlte heraus , wie tief die geistige Kluft zwischen den beiden Gatten , wie unmöglich eine gegenseitige Annäherung derselben gewesen sein mußte . Gabriele war vor dem Bilde stehen geblieben und betrachtete es noch , als sich die Thür öffnete , die am Ende der langen Zimmerflucht zu den Gemächern des Freiherrn führte . Raven selbst trat heraus . Er war heut , zu Ehren des Tages , in voller Galakleidung , und die reiche Hoftracht mit dem breiten Ordensbande über der Brust hob noch das Imponirende seiner Erscheinung , als er langsam , in gewohnter stolzer Haltung durch die Säle schritt und sich dem jungen Mädchen näherte . „ Sieh da , Gabriele ! Schon fertig ? Was stehst Du so nachdenkend hier vor dem Bilde ? “ Es sprach ein deutliches Mißvergnügen aus den letzten Worten . Gabriele bemerkte es nicht ; sie antwortete unbefangen : „ Ich wundere mich , das Portrait der Tante hier zu finden . Hast Du denn an Deinen eigenen Zimmern keinen Raum dafür ? “ „ Nein ! “ war die kurze , aber sehr bestimmte Antwort . „ Aber die Gesellschaftsräume werden ja kaum einige Male im Jahre geöffnet . Weshalb hängt das Bild nicht in Deinem Arbeitszimmer ? “ „ Wozu das ? “ fragte Raven kalt . „ Deine Tante hat es nie betreten . Ich habe ihr Portrait in die Salons bringen lassen , wo es jedenfalls besser an seinem Platze ist . – Wie gefallen Dir die Festräume des Schlosses ? Du siehst sie ja zum ersten Male in voller Beleuchtung . “ Sein jähes Abbrechen verrieth , wie lästig ihm das Gespräch war . Er nahm ohne Weiteres den Arm Gabrielens , führte sie weg von dem „ Portrait ihrer Tante “ , und begannt mit ihr eine Wanderung durch die Gemächer , um ihr Verschiedenes zu zeigen und zu erklären . Die Flügelthüren waren überall weit zurückgeschlagen , und man übersah die ganze Reihe der Zimmer und Säle . Es waren wahrhaft fürstliche Räume , die dem Gouverneur zu Gebote standen , und ihnen entsprach die schwere , etwas alterthümliche Pracht der Einrichtung . Die reichen Wand- und Deckenverzierungen , die tiefen Fensternischen und hohen Marmorkamine gehörten noch der früheren Zeit des Schlosses an . Man hatte sie unverändert gelassen , aber dazu gesellten sich kostbare Damast- und Atlastapeten , schwere Sammetvorhänge , reiche Vergoldungen , und das Alles , strahlend im hellsten Kerzenglanz , machte einen wahrhaft blendenden Eindruck . Die junge Baroneß Harder