ohne alle Angabe von Gründen , das wahrscheinlich jede Andere eingeschüchtert hätte , verfehlte hier ganz und gar seinen Zweck . In dem heißgerötheten Gesicht dieses „ Kindes , “ war etwas von jenem trotzigen Blute , mit dem Bernhard einst seinen Platz in der Waldlichtung den Officieren gegenüber behauptet hatte , etwas von jenem Trotz , der dem so entschieden gebotenen „ Du sollst nicht ! “ ein ebenso entschiedenes „ Ich will aber ! “ entgegensetzte . Er beging einen verhängnißvollen Irrthum , als er wähnte , mit einem bloßen Machtspruch eine Sache beendigen zu können , die bereits die ganze Phantasie des jungen Mädchens beschäftigte und der er dadurch den gefährlichsten aller Reize lieh , den des Verbotenen . Es war trotz alledem seine Schwester , das vergaß er ganz und gar . „ Und nun geh ’ schlafen , Kind ! “ sagte er kalt und ließ ihre Hände los . „ Bis morgen hast Du den Roman vergessen und Dich über das versagte Spielzeug getröstet . Suche Dir ein anderes , das weniger gefährlich ist und besser für Deine Jahre paßt . Gute Nacht ! “ Er ging , Lucie verharrte in trotzigem Schweigen . Die Thränen , welche sich vorhin heiß und ungestüm ihr in ’ s Auge drängten , waren nicht hervorgebrochen , die letzten Worte des Bruders hatten sie getrocknet . Also man behandelte sie wirklich noch immer wie ein Kind , das mit einer Strafpredigt und einem Achselzucken über die begangene Unart zu Bett geschickt wird , sie , vor der Graf Ottfried auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe gefleht hatte ! Verboten sollte ihr diese Liebe werden , ein Spielzeug nannte man sie ! Lucie vergaß völlig die räthselhaften Worte des Bruders , die „ Gräfin Rhaneck “ war jetzt überhaupt für sie in den Hintergrund getreten , und im Vordergrunde stand der Trotz , die Empörung gegen Bernhard . Sie wollte sich dieser Tyrannei nicht geduldig fügen , wollte durchaus kein Opfer brüderlicher Hartherzigkeit sein , durchaus nicht ! Und wenn der Graf sich ihr noch einmal nahte und auf ’ s Neue um ihre Hand bat , dann – sollte man sehen , daß sie auch einen Willen hatte , und sich nicht so ohne Weiteres „ demokratischen Principien “ aufopfern ließ . Mit diesem heroischen Entschluß ging Lucie endlich zur Ruhe , und schon nach wenigen Minuten machte die ungewohnte Ermüdung ihre Rechte geltend . Der Traum wob seine phantastischen Schleier dicht und dichter um sie , und führte sie zurück in das heute durchlebte Fest . Kerzenglanz und Musik und Tanzgewühl , und dazwischen die Gestalt Ottfried ’ s in der glänzenden Uniform , das Alles kreiste bunt und schattenhaft durcheinander , tauchte abwechselnd auf und verschwand wieder , und seltsam – über dem Allen schwebten die tiefen dunkeln Augen , denen sie heute zum zweiten Male in ihrem Leben begegnet war , schwebte das leise , leise quälende Weh , das sie unter jenem Blick empfunden . Sie blieben allein noch , als all ’ die anderen Bilder um sie her versanken , das einzige , was sie mit herübernahm in den festen traumlosen Schlaf der Jugend . Golden lag der Sonnenschein auf Berg und Thal , der Mittag sandte sein heißes glänzendes Licht weithin über die Erde , nur der Schatten des Waldes bot noch Kühlung und Schutz vor den sengenden Strahlen , in deren Gluth draußen Alles flimmerte und leuchtete . Auf einem der Seitenwege , die von Dobra aus hinein in die Forsten führten , flog Lucie Günther dahin ; es war ihr freilich verboten , allein und ohne die schützende Begleitung ihrer Erzieherin sich so weit zu wagen , aber wann hätte Lucie je nach der Erlaubniß gefragt , wo es die Befriedigung einer augenblicklichen Laune galt ! Ein so weiter Spaziergang lag allerdings nicht in ihrem Plane , sie war auf ’ s Feld hinausgegangen , um ihren Bruder abzuholen , und verspürte , als sie von den Arbeitern vernahm , daß er bereits fort sei , nicht die mindeste Lust , in der Mittagshitze sogleich wieder umzukehren , sie ging lieber in den [ 71 ] Forst , vorläufig nur in der Absicht , am Rande desselben einige Blumen zu pflücken , aber dabei kam sie einen Schritt nach dem andern vorwärts , und gerieth endlich tief hinein . Es liegt ein eigenthümlicher Zauber in der Waldeseinsamkeit , sie lockt und winkt unwiderstehlich , und wer sich ihr erst einmal hingegeben , den läßt sie sobald nicht wieder los . Auch Lucie unterlag diesem Zauber , sie liebte den Wald ja so leidenschaftlich , und heute rauschte er ihr so duftig kühl entgegen , es zog sie weiter und weiter , vorüber an stürzenden Bächen , an dunkeln Felswänden und dichtverschlungenem Gebüsch , immer weiter hinein in die grünen Tiefen , die sich endlos vor ihr aufthaten . Länger als eine halbe Stunde war sie so vorwärts gelaufen , dem Fußpfade folgend , der sich vor ihr hinschlängelte , aber ohne im Ganzen viel auf Weg und Steg zu achten , da ward es auf einmal lichter um sie her , und aus den dichten Bäumen heraustretend , gewahrte sie eine jener stillen grünen Bergwiesen , wie sie der Wald oft in seinem tiefsten Schooße birgt . Die Felswand stieg hier plötzlich jäh und schroff empor und ragte weit hinaus über die Wipfel der Bäume , aber zu ihren Füßen schmiegte sich weicher grüner Rasenteppich , und über das dunkle Gestein rieselte es silberhell , ein Quellchen wand sich murmelnd und blinkend daraus hervor , und überall ringsum wehten und winkten die grünen Arme der Waldrebe , die in seltener Pracht und Fülle hier gedieh . Wie ein undurchdringliches Netz umflochten die dichten blätterreichen Ranken Bäume , Gesträuch und Felsgestein und erfüllten , mit Tausenden von weißen Blüten überdeckt , den ganzen Raum mit ihrem leise berauschenden Duft . Es war ein lieblicher Ort zum Ausruhen , und Lucie beschloß , sofort davon Gebrauch zu machen , sie warf sich am Rande der Quelle nieder , lehnte den Kopf an die moosigen Steine , schloß die Augen , und fühlte mit kindischer Freude , wie die kühlen duftigen Ranken sich ihr auf die heiße Stirn und um die erhitzten Wangen legten . Aber lange in dieser ruhig träumerischen Stellung auszuharren , lag nicht in dem Temperament des jungen Mädchens , schon nach wenigen Minuten richtete sie sich wieder empor , und da entdeckte sie denn etwas , was sich hier mitten im Walde allerdings seltsam genug ausnahm ; nicht weit von ihr im Grase lag ein Buch , ein dicker , sehr verdächtig gelehrt aussehender Band , dessen Aeußeres hinreichend verrieth , daß er oft und viel benutzt wurde . Neugierig griff sie danach und schlug es auf , sie kannte zufällig den Titel , eben dies Buch war kürzlich Gegenstand eines heftigen Streites zwischen Fräulein Reich und ihrem Bruder gewesen , der es in seiner Bibliothek hatte . Franziska hatte die Lectüre eine „ himmelschreiende “ genannt , Bernhard dagegen die Achseln gezuckt und ihr den Rath gegeben , das Werk doch einfach erst einmal zu lesen . Diese Zumuthung aber hatte das Fräulein mit vollster Entrüstung zurückgewiesen und ihn ersucht , sich doch gefälligst zu erinnern , daß sie eine christliche Pfarrerstochter und kein so ausgemachter Freigeist wie Herr Bernhard Günther auf Dobra sei . Lucie achtete sonst nicht viel auf dergleichen Gespräche , die sie nicht im mindesten interessirten ; aber jetzt kam ihr doch eine dunkle Erinnerung daran und sie begann in dem Werke zu blättern , um womöglich das „ Himmelschreiende “ herauszufinden , aber bald genug gab sie die Mühe auf . Weltgeist ! Natur ! Ursprung des Menschen ! Gott , mit was für entsetzlichen Dingen füllten diese Männer nicht ihre Köpfe an ! Fräulein Reich hatte ganz Recht , wenn sie eine solche Lectüre zurückwies , und ihr Zögling zerbrach sich nur den Kopf darüber , welcher ausgemachte Freigeist außer ihrem Bruder denn hier in der streng katholischen Umgegend lebe , der an solchen Studien Gefallen fand . Sie hielt den Fund noch geöffnet in der Hand , als ein Schatten auf die hellen Blätter fiel , Lucie blickte auf und fuhr mit einem leisen Schrei des Entsetzens empor . Da stand er wieder vor ihr , der finstere Mönch , der unheimliche Pater Benedict , und sah sie mit seinen großen dunklen Augen an . Sie wich zurück , so weit als es die Felswand nur gestattete , die Linke griff wie Schutz suchend in die grünen Ranken , während sie mit der Rechten das Buch mechanisch an sich preßte . Sie wußte jetzt freilich , daß es nicht der Währwolf im Märchen war , sondern ein Mensch von Fleisch und Blut , ein Geistlicher des Stiftes , aber das half alles nichts , es legte sich ihr genau so angstvoll und beklemmend auf ’ s Herz , wie das erste Mal . Hier war kein Entrinnen möglich , er stand ihr dicht gegenüber und jetzt öffnete er gar die Lippen zu einem Worte , jedenfalls so finster und feindselig , wie seine ganze Erscheinung war . „ Ich bitte um Verzeihung , wenn ich Sie erschreckt habe , mein Fräulein ! Ich kehrte um , etwas Vergessenes zu holen , Sie sahen mich nicht , als ich über die Wiese schritt . “ Es war das erste Mal , daß Lucie seine Stimme vernahm , sie athmete tief auf und ließ die Hände sinken . Die Stimme klang ganz anders , als sie geglaubt , es war ein weicher voller Klang , der sympathisch ihr Ohr berührte , und als sie etwas ermuthigt dadurch einen Blick in sein Gesicht wagte , da erschienen ihr auch die Augen ganz anders , als sonst . Sie blickten wohl noch ernst und düster auf sie hin , aber die unheimliche Gluth darin war gemildert , war tief zurückgedrängt . Luciens Angst begann zu weichen , sie machte allmählich der entgegengesetzten Empfindung Platz . Nichts lag dem Charakter des jungen Mädchens ferner , als eigentliche Furchtsamkeit ; im Gegentheil , sie war meist nur allzu keck und übermüthig . Wie oft war sie lachend und spottend Dem entgegengetreten , was Anderen als eine Gefahr erschien ; wie oft hatte sie dem drohenden Stirnrunzeln von Madame Schwarz und den Strafpredigten von Fräulein Reich die Stirn geboten , wie oft sogar dem Zorn des Bruders getrotzt , den doch ganz Dobra fürchtete ; warum hatte denn nur dieser Mann allein auf der ganzen Welt die Macht , sie durch seinen bloßen Anblick schon zu schrecken und zu ängstigen ? Der Zorn darüber wallte heiß in ihr empor , sie wollte sich nicht mehr schrecken lassen , sie wollte der lächerlichen Furcht Herr werden , um jeden Preis ! Entschlossen gab sie ihre Vertheidigungsstellung auf , warf die Locken zurück und trat einen Schritt vorwärts . Jetzt erst bemerkte Benedict das Buch , das sie noch immer festhielt , und etwas , das beinahe einem Lächeln glich , flog über seine Züge . „ Was soll denn Spinoza in Ihren Händen ? “ fragte er halb mitleidig , halb vorwurfsvoll , „ für Sie passen doch solche Schriften sicher nicht ! “ Er hätte Luciens heroischen Entschluß nicht wirksamer unterstützen können , als durch diese Bemerkung ; wo ihr kindisches Selbstgefühl verletzt ward , trat für sie alles Andere in den Hintergrund . Sie fand sich tief gekränkt durch diese Worte , sie klangen aber auch gar zu mitleidig herablassend , ihr Zorn schlug in hellen Flammen auf , und ihm den Vorwurf sofort zurückgebend , entgegnete sie sehr entschieden : „ Nun , für Sie paßt das Buch doch wohl noch viel weniger ! “ Benedict wich einen Schritt zurück bei diesem ganz unerwarteten Ausfall und sah sie halb erstaunt an . „ Weshalb ? “ fragte er endlich . „ Weil Sie ein Mönch sind ! “ erklärte Lucie , genau den verächtlichen Nachdruck auf das Wort legend , mit dem ihr Bruder es auszusprechen pflegte . Benedict zuckte leise zusammen . Fort war auf einmal der mildere Ausdruck der Züge , der alte Schatten und die alte Feindseligkeit standen wieder drohend dort und auch die Stimme hatte den weichen sympathischen Klang verloren , als er finster fragte : „ Sie verachten wohl die Mönche recht sehr ? “ Lucie fühlte unklar , daß sie mit ihrem Worte irgend eine dunkle Tiefe aufgerissen , die besser verschlossen geblieben wäre , aber sie kämpfte schon wieder gegen die alte Angst an , die sich auf ’ s Neue zu regen begann , und in ihrem Widerstande dagegen ging sie schleunigst in ’ s Extrem über , und reizte nun selbst den Gefürchteten nach Kräften . „ Ich mag sie auch nicht ! “ erklärte sie mit der ganzen Freiheit und der ganzen Unart eines Kindes , „ und ich kann überhaupt nicht begreifen , wie ein Mensch es vermag , sich sein Leben lang im Kloster einzusperren und seine Zeit immer nur mit Beten und Büßen hinzubringen , während draußen die Welt so schön ist ! “ Benedict lächelte wieder , diesmal aber lag eine unendliche Bitterkeit in seinem Lächeln . „ Sie können es auch nicht begreifen , weil Sie in Freiheit erzogen und aufgewachsen sind . Hätte man Sie schon als Kind mit Leib und Seele in die Gewalt der Priester gegeben , so wären Sie auch in ’ s Kloster gegangen . Ich sage Ihnen , Sie hätten es gethan ! “ wiederholte er nachdrücklicher , als sie eine heftige Bewegung machte , „ unter der eisernen Zuchtruthe bricht jeder Trotz [ 72 ] und jede Willenskraft , unter ihr lernt sich Alles , und wenn es auch dem ganzen Wesen des Menschen im tiefsten Innern widerstrebt ! “ Es bebte wie dumpfer , mühsam verhaltener Groll aus diesen Worten , aber Lucie geriet förmlich außer sich darüber . Ihr zu sagen , sie wäre auch in ’ s Kloster gegangen ! Der Mann schien eine ganz eigenthümliche Vorstellung von seiner priesterlichen Gewalt zu haben , am Ende versuchte er noch gar , die „ Zuchtruthe “ auch gegen sie geltend zu machen , sie erwartete nichts Geringeres , als einen vollständigen Bekehrungsversuch . Aber nichts dergleichen erfolgte . „ Wollen Sie mir jetzt mein Eigenthum zurückgeben ? “ fragte Benedict nach einer augenblicklichen Pause wieder vollkommen ruhig . Stumm reichte ihm Lucie das Buch hin , dabei berührte seine Hand einen Moment lang die ihrige , sie zuckte unwillkürlich zurück , er bemerkte es . „ Sie fürchten sich vor mir ? “ fragte er leise . Das junge Mädchen antwortete nicht . Benedict trat rasch einige Schritte zurück , so daß ein weiterer Raum zwischen ihnen blieb ; das eben noch geforderte Buch fiel unbeachtet zu Boden . „ Sie brauchen mich doch wahrlich nicht zu fürchten ! “ sagte er bitter . „ Ich werde selten genug in Ihren Gesichtskreis kommen . Ein so frohes , sinniges Schmetterlingsdasein und meine Bahn , die liegen allzuweit von einander – hoffentlich berühren sie sich nie ! “ Das war doch nun entsetzlich beleidigend und rücksichtslos ! Als ob Lucie diese Begegnung gesucht oder gewünscht hätte , als ob sie sie nicht noch ängstlicher mied als der Herr Pater , der so entschieden hoffte , mit ihr nie wieder in Berührung zu kommen ! Das war ihr allzuviel , sie brach in vollste Heftigkeit aus . „ Ja , das hoffe ich gleichfalls ! Ich weiß ja , daß Sie Alles hassen , was Freude und Sonnenschein heißt , und daß Sie vor allen Dingen mich hassen , ich habe es deutlich genug gesehen ! “ Eine tiefe Gluth überdeckte auf einmal Benedict ’ s Züge , während er den Blick fest auf sie richtete . „ Wo haben Sie das gesehen ? “ „ Vorgestern auf dem Feste des Baron Brankow ! O , und ich nicht allein ! “ Lucie war jetzt einmal im Zuge , und nun fiel es ihr auch nicht ein , sich noch irgend einen Zwang aufzuerlegen . „ Graf Rhaneck hat es auch bemerkt , wie feindselig Sie uns im Tanze beobachteten ; er sagte , Sie sähen aus , als wollten Sie uns Beide in die fernsten Tiefen der Verdammniß schleudern ! “ Die dunkle Gluth lag noch immer heiß auf Benedict ’ s Antlitz , sie schien noch tiefer zu werden bei den letzten Worten , unverwandt blickte er das junge Mädchen an . „ Also auch Graf Rhaneck ! “ sagte er bitter . „ Ja freilich , dessen Beobachtungen sind auf jeden Fall unfehlbar , zumal für Sie ! Sie haben vollkommen Recht , mein Fräulein ! Verabscheuen Sie in mir immerhin den finstern Fanatiker , der Ihnen keine Freude und keine Jugendlust gönnt , hassen Sie ihn nach Kräften – es ist am besten so ! “ Er wandte sich heftig ab ; Lucie stand betreten da , eine solche Antwort hatte sie am wenigsten erwartet . Zwar verstand sie gar nicht die räthselhaften Worte , aber Eines verstand sie doch , den Klang derselben , das tiefe , schneidende Weh , das aus ihnen hervorbrach , und groß und verwundert schaute sie ihn an . Es war ein eigenthümlich ernster und nachdenklicher Blick , wie er nicht oft in diese immer lachenden Kinderaugen trat ; sie hatte auf einmal alle Lust zum fernern Streite verloren . Langsam ließ sie sich wieder auf die moosigen Steine nieder und pflückte einige von den überhängenden Ranken der Waldrebe , die sie fast mechanisch zu einem dichten Gewinde ineinanderschlang ; sie hoffte , Pater Benedict würde sich nun endlich entfernen , aber er blieb , er verharrte unbeweglich auf seinem Platze . Vielleicht empfand der finstere Fanatiker doch in diesem Augenblicke etwas von dem bezaubernden Liebreiz des jungen Wesens , das wie eine Elfe dort am Rande der Quelle saß , umwogt von der braunen Lockenfülle , umschattet von den blühenden Ranken , Hände und Schooß voll Blumen . Sie blickte nicht ein einziges Mal auf von ihrer Beschäftigung , denn wenn sie es auch nicht wußte , sie fühlte doch , daß seine Augen wieder auf ihr ruhten , fühlte es an jener leise quälenden Empfindung , die sie neulich bis in den Traum hinein verfolgt hatte ; sie wachte immer nur auf unter diesem Blicke . Tiefe schweigende Mittagsstille ringsum im Walde . Nur das Quellchen sang seine einförmige träumerische Melodie , als wolle es Alles ringsumher einsingen in Schlaf und Traum . Leise rieselte der silberne Strahl vom Fels hernieder , leise rauschte der Wald und leis und mild dufteten die weißen Blüthen , auf der Wiese leuchtete und flimmerte das Sonnengold und dahinter ruhten die tiefen Waldgründe , noch unberührt von den Strahlen , im grünen , duftigen Dämmerschein . Es wehte seltsam daraus hervor , der Waldeszauber hatte sich aufgethan und umfing den Ort mit seiner ganzen geheimnißvollen Gewalt , umfing auch die Beiden auf der stillen Bergwiese . Er nahm sanft und unwiderstehlich von dem finstern Antlitz des jungen Priesters all den Haß und all die Bitterkeit , die so oft dort eingegraben standen , und legte dafür auf das rosige Kindergesicht des jungen Mädchens einen milden träumerischen Ernst , wie er selten dort weilte ; er spann leise , unsichtbare Fäden hinüber und herüber von Einem zum Andern , ein zartes luftiges Gewebe ; er wob es fest und fester , und zwischen ihnen rieselte fort und fort der silberne Strahl und flüsterte ihnen die uralte ewige Melodie , die so oft schon zwei Menschenherzen in den Traum gesungen oder – daraus erweckt hat . Da auf einmal brach der Bann , der ganze Zauber zerrann , das luftige Gewebe aus Sonnengold , aus Blumenduft und Quellenrauschen zerriß , als habe eine fremde Hand jäh hineingegriffen . Benedict war plötzlich aufgefahren , und als Lucie bei seiner heftigen Bewegung emporsah , da traf sie wieder jener wild flammende Blick , wie neulich mitten im Tanze , traf sie nur einen Moment lang , um sich dann sprühend wieder nach der andern Seite zu wenden . Erschreckt folgte sie der Richtung seines Auges ; drüben am Rande der Wiese war der junge Graf Rhaneck soeben aus dem Walde hervorgetreten und blieb in sichtlich unangenehmer Ueberraschung stehen , als er das schwarze Benedictinergewand neben der hellen Gestalt des jungen Mädchens erblickte . Halb überrascht , halb bestürzt erhob sich Lucie ; aber sie athmete tief auf beim Anblick des Grafen , seine Erscheinung löste den seltsam beängstigenden Traum , der sie so fest umstrickt gehalten , daß sie alles Andere darüber vergaß . Unwillkürlich that sie einen Schritt ihm entgegen . Benedict sah es ; er wurde auf einmal todtenbleich und trat langsam noch weiter zurück , bis tief in den Schatten der Felswand . Ottfried hatte indessen auch bemerkt , daß er gesehen worden sei ; er kam rasch über die Wiese und näherte sich den Beiden . „ Ah , mein Fräulein , welch ein unverhofftes Glück , Sie hier zu finden ! Sieh da , Hochwürden ! “ Er grüßte mit einer kalten Verneigung den jungen Priester und wandte sich dann sofort wieder zu Lucie . Wie hätte ich ahnen können , daß meine einsamen Jagdstreifereien mir zu einer solchen Begegnung verhelfen würden ! Noch war es mir nicht vergönnt , Sie nach dem Feste begrüßen zu dürfen ; ich danke doppelt dem Zufall , der mir heute diese Gunst gewährt . “ Ottfried wußte diese galanten Phrasen so unbefangen hinzuwerfen , als sei es in der That nur der Zufall , der ihn hergeführt , als habe er nicht bereits gestern und heute das ganze Gebiet von Dobra umstreift , um ein solches Zusammentreffen herbeizuführen , als sei er nicht seit einer vollen Stunde unterwegs , um Lucien , die auf ’ s Gerathewohl in den Wald gelaufen war , auf den verschlungenen Pfaden desselben zu folgen , bis er sie endlich , nach mancher Mühe und manchem Abirren von der rechten Spur , auffand . Lucie selbst hatte freilich keine Ahnung hiervon ; desto richtiger schien Pater Benedict den „ Zufall “ aufzufassen ; er hatte den Gruß des Grafen stumm erwidert und lehnte jetzt drüben an der Felswand , das Auge mit einem durchbohrenden Ausdrucke auf die Beiden gerichtet . Bei jeder andern Gelegenheit hätte Lucie eine solche Begegnung mit großer Genugthuung begrüßt ; sie war nun einmal entschlossen , dem Verbot des Bruders , das ihr jeden fernern Verkehr mit dem Grafen untersagte , ganz offen zu trotzen , und es traf sich sehr glücklich , daß dieser sich ihr gerade hier nahte , wo Bernhard weder sich einmischen , noch es verhindern konnte ; aber sie kam heute nicht zur Freude und Genugthuung darüber , der finstere Beobachter dort drüben peinigte sie unaussprechlich , das Bewußtsein seiner Nähe raubte ihr allen Halt und alle Unbefangenheit ; sie konnte den harmlos neckischen Ton nicht wiederfinden , in welchem sie neulich mit Ottfried verkehrt hatte , und antwortete nur verlegen und zerstreut auf seine wieder reichlich aufgebotenen Galanterien . [ 85 ] Auch der junge Graf schien sich unbehaglich zu fühlen in der Nähe jenes stummen Zuschauers , der ihm einen sichtlichen Zwang auferlegte . All ’ seine Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten gingen nur bis zu der Schranke , die man einer fremden Bekanntschaft gegenüber beobachtet , aber der Zwang war ihm augenscheinlich sehr lästig , und er machte einen kecken Versuch , ihn abzuschütteln . „ Wie ich sehe , mein Fräulein , waren Sie soeben im Begriff , zu gehen ! Sie erlauben doch , daß ich Sie durch den Wald geleite ? Wir stören ohnedies hier Herrn Pater Benedict “ – er warf einen Blick auf das noch immer am Boden liegende Buch – , „ der mit wichtigen Studien beschäftigt scheint . Sie werden erfreut sein , die nöthige Ruhe und Muße zurück zu erhalten , Hochwürden . Darf ich bitten , mein Fräulein ? “ Lucie war im Begriff , das Anerbieten anzunehmen , Ottfried stand bereits an ihrer Seite und wies nach dem Fußpfade hinüber – da auf einmal trat der junge Priester zwischen sie . Seine Hand legte sich schwer und kalt auf den Arm des jungen Mädchens , sie schauerte leise zusammen unter der Berührung . „ Sie thun besser , den Rückweg allein anzutreten , mein Fräulein ! Der Wald ist sicher , vertrauen Sie sich immerhin seinem Schutze ! “ Ottfried wendete sich bei der unerwarteten Einmischung hastig um , und maß den Störer mit einem halb zornigen , halb ironischen Blick . „ Ich habe nicht geglaubt , Hochwürden , daß irgend eine weltliche Angelegenheit im Stande wäre , Ihr Interesse zu erregen ! “ sagte er spöttisch . „ Bitte , bedenken Sie , daß die junge Dame nicht zu Ihren Beichtkindern gehört , und daß ihr jedenfalls allein das Recht zusteht , meine Begleitung anzunehmen oder abzulehnen . “ Die Hand Benedict ’ s lag noch immer schwer und kalt auf Luciens Arm , seine Stimme war tonlos , aber sie hatte eine eiserne Festigkeit : „ Ich zweifle ebenso sehr daran , daß der Bruder Fräulein Günther ’ s von diesem – Zusammentreffen und von dieser Begleitung unterrichtet ist , als daß er sie billigt , und ich glaube in seinem Namen zu handeln , wenn ich beides verhindere . Die junge Dame kehrt entweder allein nach Dobra zurück , oder sie geht unter meinem Schutze , nicht unter dem Ihrigen . “ „ In der That , Sie maßen sich eine eigenthümliche Bevormundung über uns Beide an ! “ rief Ottfried gereizt . „ Wer giebt Ihnen das Recht zu solchen Befehlen , dem Fräulein und mir gegenüber ? “ „ Der Ruf , in dem Sie stehen , Herr Graf ! “ gab Benedict eisig zurück . „ Herr Pater Benedict ! “ fuhr Ottfried wütend auf . „ Herr Graf Rhaneck ! “ Rede und Gegenrede klangen gleich drohend und herausfordernd . Bebend vor Zorn wandte sich Ottfried jetzt an Lucie . „ So muß ich Sie bitten , mein Fräulein , diesen unerhörten Eingriff in Ihren Willen zurückzuweisen ! Sagen Sie dem Herrn Pater , daß Sie sich meinem Schutze allein anvertrauen , und nicht gesonnen sind , sich darüber Vorschriften machen zu lassen . “ Lucie – sagte gar nichts . Sie fand den Eingriff freilich auch unerhört , und jedem Andern gegenüber hätte sie sich mit vollster Heftigkeit dagegen erhoben , aber ihr sonst immer reger Trotz und Eigenwille sank hier machtlos zusammen . Sie konnte nicht trotzen diesem Manne gegenüber , der jetzt mit so furchtbarem Ernste auf sie niederschaute , aber sie fühlte mit tiefer Bitterkeit , ja mit einer Art von Verzweiflung , daß sie es nicht konnte . Ihre Ahnung , die sie gleich beim ersten Male diese „ Gespensteraugen “ fliehen hieß , hatte sie nicht getäuscht , er bannte sie ja förmlich mit diesen Augen , er legte ihren ganzen Willen damit in Fesseln und lähmte ihr das Wort auf der Zunge . Lucie hoffte trotzdem , der Graf werde ihr zu Hülfe kommen , und sie war entschlossen , sich dann auf seine Seite zu stellen ; jedoch der Graf schien keine Lust zu irgend einem Gewaltstreich zu haben , er schoß einen haßerfüllten Blick auf den jungen Priester , aber er trat zurück . „ Sie werden die Güte haben , mir eine Erklärung über dies Benehmen zu geben , Hochwürden ! “ „ Sobald wir uns allein gegenüberstehen – zu jeder Stunde ! “ Lucie fühlte , wie ihr Arm fester gefaßt wurde , sie sah sich fortgezogen , in der nächsten Minute lag die sonnige Wiese bereits hinter ihnen , und der tiefe Schatten des Waldes nahm sie auf . Das junge Mädchen eilte mit raschen Schritten vorwärts , sie wollte so bald als möglich der unwillkommenen Begleitung ledig werden , die sie gleichwohl nicht zu verweigern wagte . Benedict hatte ihre Hand in dem Momente losgelassen , als sie in den Wald eintraten , aber er blieb dicht an ihrer Seite . Nicht ein einziges Wort fiel zwischen ihnen während des ganzen , länger als eine halbe Stunde dauernden Weges , und wenn irgend etwas im [ 86 ] Stande war , Lucie noch mehr zu erbittern , so that es dies eisige Schweigen , denn sie fühlte ganz richtig heraus , daß eine Verurtheilung darin lag . Sie ging ja hier gerade wie eine Verbrecherin , die man nicht einmal mehr des Wortes würdigt , und doch war sie die Gekränkte , Beleidigte . Ihr Herz war zum Zerspringen voll von einer Bitterkeit , die sich jetzt zum Theil auch gegen den Grafen richtete . Warum ließ er sie so ohne Weiteres in der Gewalt dieses entsetzlichen Menschen , warum behauptete er nicht unter allen Umständen seinen Ritterdienst bei ihr ? Er mußte es ja doch sehen , daß sie nur halb gezwungen folgte , und er stand doch sicher nicht unter jenem lähmenden Einflusse , dem sie fast willenlos sich beugte . Dem jungen Mädchen waren die Thränen nahe , es bedurfte nur noch eines einzigen Anstoßes , und sie brachen hervor . Da endlich lag der Ausgang des Waldes vor ihnen , hier begann bereits das Gebiet von Dobra , von drüben schimmerte das Dach des Schlosses hinüber , und auf dem Felde waren eine Menge von Arbeitern beschäftigt ; Benedict blieb stehen . „ Ich habe Sie , wie es scheint , sehr gegen Ihren Willen jener Gesellschaft entzogen , mein Fräulein . Sie werden den Eingriff wohl auch ‚ unerhört ‘ finden , ich habe ihn mir nichtsdestoweniger nun einmal erlaubt , und ich erlaube mir sogar noch eine Warnung , auf die Gefahr hin