überzeugt , er bringt eines Tages den jungen Adler oder – wir hören von einem Unglück . « » Ich habe aber ausdrücklich Weisung gegeben , mich über Tag und Stunde des Unternehmens zu unterrichten , « sagte Sir Conway . » Ich wünsche , ihm beizuwohnen , und was hätte der Mann für einen Grund , es mir zu verschweigen ? « » Das weiß ich nicht , « entgegnete Siegbert ruhig , » aber Adrian ist stets gewohnt , seinen eignen Weg zu gehen . Vielleicht will er nicht kaltblütig durch das Fernglas beobachtet werden , wenn er die Fahrt auf Leben und Tod unternimmt . « Der Vorwurf in diesen Worten war deutlich genug . Der Engländer aber zuckte nur spöttisch die Achseln . » Sie überschätzen die Gefahr , Herr Holm ! Die Bergbewohner unternehmen oft genug solche » Fahrten auf Leben und Tod « , wenn es sich um irgendeine verwegene Jagd handelt . Ihnen freilich mag ein derartiges Wagnis ungeheuer erscheinen , von Ihnen verlangt ja auch niemand , daß Sie Ihr Leben einsetzen . « In dem Antlitz des jungen Mannes schlug wieder eins Flamme empor bei diesen verächtlichen Worten , aber jetzt war es die Empörung , die ihm die Glut in die Wangen jagte , und seine Stimme klang in schneidender Schärfe , als er antwortete : » Im Notfall würde ich mein Leben einsetzen , wenn es das eines anderen gälte , – für die Laune eines anderen wäre es mir allerdings zu kostbar ! « » Sieh , sieh , der Junge macht sich ! « murmelte der Professor , ebenso überrascht , als vergnügt über diese Abfertigung . Sir Conway dagegen nahm eine unermeßlich erstaunte Miene an . Er konnte gar nicht begreifen , daß man sich dergleichen gegen ihn herausnahm , und er war mit seiner Verwunderung darüber noch nicht fertig geworden , als Bertold alle weiteren Erörterungen abschnitt , indem er erklärte , es sei die höchste Zeit , aufzubrechen , und man müsse sich fertig machen . Das geschah denn auch ; der Führer wurde herbeigerufen , und die beiden Herren verabschiedeten sich von Alexandrine ; während der Professor aber seinem Schüler herzhaft die Hand schüttelte , ignorierte Sir Conway diesen in der beleidigendsten Weise . Er hatte das rechte Mittel gefunden , den jungen Mann aus seiner träumerischen Ruhe zu treiben , denn Siegbert sah ihn mit einem Ausdrucke nach , der selten , vielleicht noch nie in seinem Antlitz erschienen war . Vierzehntes Kapitel . Die Alm lag in sehr bedeutender Höhe , unmittelbar am Fuße der Egidienwand , die wie eine mächtige Felsenkrone den Berg überragte . Beide waren nur durch die schmale , aber tiefe Egidienschlucht getrennt , welche die Bergsteiger umgehen mußten , ehe sie den Weg aufwärts nehmen konnten . Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und brannte heiß hernieder auf die Matten . Die anfangs so morgenklare Aussicht begann , sich allmählich zu verschleiern , der heiße Dunst der nahenden Mittagsstunde legte sich auf Täler und Höhen , und hier und da sammelten sich leichte , weiße Wolken um die Häupter der Berge . » Ich fürchte , gnädiges Fräulein , Sie werden keine günstige Beleuchtung haben , wenn Sie die Aussicht aufnehmen wollen « , sagte Siegbert . » Je höher die Sonne steigt , desto mehr verschleiert sich die Ferne . Nur die Egidienwand ist nahe genug , um sich in voller Klarheit zu zeigen . « » Ich beabsichtige auch nur , die Wand selbst zu zeichnen , « entgegnete Alexandrine . » Wollen Sie mir einen passenden Standpunkt aussuchen ? Nein , ich danke « , wehrte sie ihm hastig , als er ihr die Skizzenmappe abnehmen wollte . » Ich trage sie schon allein . Bitte , nehmen Sie statt dessen mein Plaid ! « Siegbort gehorchte , etwas befremdet darüber , daß die junge Dame darauf bestand , die schwere Mappe allein zu tragen . Er wußte freilich nicht , daß sie auch seine eigenen , so schmerzlich vermißten Skizzen einschloß , die man vor einer zufälligen Entdeckung bewahren wollte ! Der geeignete Platz war bald gefunden . Unter einem jener niedrigen Tannengebüsche , die hier und da den Rand der Matte säumten , wurde ein Rasensitz improvisiert , der den Vorteil hatte , im Schatten zu sein , und anderseits den vollen Ausblick frei ließ . Hier begann die Schlucht , die sich immer mehr verengte , je weiter sie sich in den Berg hinein erstreckte , und gerade da , wo sie endigte , erhob sich das Kreuz , das nur aus Holz gezimmert , aber von riesigen Dimensionen , überall sichtbar und dadurch gewissermaßen zum Wahrzeichen des Berges geworden war . Es war auf einem felsigen Vorsprung , unmittelbar am Rande der Schlucht errichtet , die hier fast senkrecht abfiel , und wenige Schritte seitwärts wand sich der Weg steil empor , der auf die Egidienwand führte . Ernst und dunkel ragte das Wahrzeichen in die sonnige Luft , es hatte ja noch seine besondere , unheimliche Bedeutung gewonnen durch den Unglücklichen , der gerade an dieser Stelle den Tod gefunden . Es mochte allerdings leicht sein , in der Hast und Dunkelheit den schmalen Weg zu verfehlen , und ein Fehltritt brachte hier unabwendbares Verderben . Alexandrine hatte sich niedergelassen und begann zu zeichnen , während Siegbert neben ihr stand und schweigend die Linien verfolgte , die ihr Stift auf dem Papier zog . Er schien in der Tat keine Idee von den Pflichten eines Kavaliers zu haben , denn er machte nicht den geringsten Versuch , ein Gespräch anzuknüpfen . » Sie zeichnen nicht , Herr Holm ? « fragte die junge Dame endlich . » Freilich , die Landschaft ist ja nicht Ihr eigentliches Fach . Sie haben sich von jeher wohl hauptsächlich dem Porträt zugewendet ? « » Jawohl , gnädiges Fräulein , « war die einsilbige Antwort . » Ich meine , Sie könnten trotzdem hier oben Ihr Skizzenbuch bereichern . Haben Sie den kleinen Hirtenbuben bemerkt , der mir bei der Ankunft das Pferd abnahm ? Ein allerliebstes , keckes Knabengesicht ! Ist es Ihnen nicht aufgefallen ? « » In der Tat nein ; ich dachte an andere Dinge ! « » Ganz unverzeihlich für einen Künstler ! Professor Bertold würde Ihnen sicher einen Vorwurf daraus machen . Ich bin überzeugt , seinem scharfen Auge entgeht nichts Derartiges , und Sie haben sich doch jedenfalls Ihren Lehrer zum Vorbilde genommen , das Sie einst zu erreichen hoffen . « » Zum Vorbilde allerdings ! Aber ich habe nie gehofft , die Meisterschaft eines Bertold zu erreichen . « » Weshalb nicht ? « fragte Alexandrine halb unwillig . » Sein Schüler sollte doch diesen Ehrgeiz haben , sein Lisblingsschüler zumal , und das sind Sie ja doch . « » Ich war es einst ! « sagte Siegbert mit schwerer Betonung . » Und seine Liebe hat er mir nicht entzogen , sonst aber – . « Er brach ab . Was sollten diese Erörterungen der jungen Dame , die er freilich seit Wochen kannte , die ihm aber noch ebenso fern und hoheitsvoll gegenüberstand , als am ersten Tage . Was kümmerte sie das Los eines Fremden ! Freilich , sie schien heute zum erstenmal Anteil an diesem Fremden zu nehmen . Ihre Stimme klang so eigentümlich weich , und ihre Augen blickten so fragend ernst zu ihm auf , aber Siegbert kannte zu gut die Gefahr , die ihm von dieser Stimme und diesen Augen drohte , um sie nicht zu fliehen . Er wußte , daß er das Gespräch nicht aus der gewöhnlichen Bahn lenken durfte , wenn er seine Selbstbeherrschung behaupten sollte . Seine stumme Abwehr wurde verstanden , mißdeutet wurde sie nicht mehr , dafür hatte der Professor mit seiner Mitteilung gesorgt . Aber auch Alexandrine schien für jetzt das Gespräch nicht fortsetzen zu wollen , sie begann wieder zu zeichnen , und das frühere Schweigen trat wieder ein . Die Alm lag einige hundert Schritte hinter ihnen , und dort eröffnete sich auch die weite Aussicht über das Gebirge mit all seinen Tälern und Höhen , über die Ebene mit ihren Städten und Ortschaften . Die Szenerie aber , die sich vor den beiden auftat , zeigte nur die weltverlorene Einsamkeit des Hochgebirges in ihrer ganzen starren und wilden Größe . Die kleine , grüne Matte , die sich so eng an die rauhen Felsen schmiegte , war das letzte , was die Natur hier oben ihnen abringen konnte ; weiter hinauf wucherte nur Moos und Felsengestrüpp in den Spalten , da erstarb alles Leben in dem eisigen Hauche der Höhe . Nackt und kahl ragten die riesigen Schroffen der Egidienwand empor , wild zerklüftet und zerrissen starrte das zackige Gestein nach allen Seiten . Der gigantische Felskoloß schien in fast greifbare Nähe gerückt zu sein , jede Linie trat scharf und deutlich hervor . Auf den höchsten Spitzen lag weißleuchtend der Schnee , und nur unten über der Schlucht , die wie ein dunkler , klaffender Riß den Berg spaltete , flatterte noch ein leichter Nebelstreif . Das Auge unterschied hier nichts als ein Chaos von Tannen und Felstrümmern , aus denen hin und wieder der weißschäumende Gischt des Wildwassers aufblinkte , das sich dort in der unheimlich dämmernden Tiefe sein Bett wühlte . Die Felswand selbst stand im hellen Sonnenglanz , und darüber wölbte sich klar und wolkenlos der Himmel , aber selbst das blendende Licht vermochte es nicht , dieser Felsenwüste das Tote , Eisige zu nehmen , das wie ein starrer Zauber sie umfing . Der Wildbach , der drüben von der Höhe niederstürzte und sich in der Schlucht verlor , schien das einzige Leben hier oben zu sein , sein einförmig mächtiges Rauschen der einzige Laut , der die Stille unterbrach , sonst regte sich nichts in dieser schweigenden Öde . Und dort drüben in jener unzugänglichen Felsenburg hatte sich der Adler seinen Horst ersehen . In halber Höhe der Wand , auf einem jener Zacken , die wie versteinerte Riesengebilde in wild phantastischen Formen aufragten , hing das Nest , dem Auge deutlich erkennbar . Unter sich die jähe , schwindelnde Tiefe , über sich Kluft an Kluft , erschien es unerreichbar und unnahbar für Menschenhand . Alexandrine hatte zu zeichnen aufgehört , sie mochte wohl fühlen , daß die Großartigkeit dieses Bildes sich auch nicht annähernd wiedergeben ließ . » Das also ist der Horst des Adlers ! « sagte sie hinüberblickend . » Die Burg , die er sich dort geschaffen hat , ist in der Tat uneinnehmbar . « » Sir Conway denkt sie doch zu nehmen , « warf Siegbert ein . Es lag noch ein Nachhall der früheren Bitterkeit in den Worten ; die junge Dame schien das nicht zu bemerken , sie lächelte nur . » Im Angesicht dieser Felsen und Klüfte wird er seine Idee wohl aufgeben , er findet auch sicher keinen , der sie ihm verwirklicht . Sir Conway kannte jedenfalls nicht den Umfang der Gefahr , so wenig ich ihn kannte , als ich , halb im Scherz , jenen Wunsch aussprach . « » Taten Sie das ? « fragte Siegbert betroffen . Er konnte sich jetzt die Hartnäckigkeit erklären , mit der Sir Conway an seiner Idee festhielt , und wenn irgend etwas imstande war , den jungen Mann noch mehr zu erbittern , so tat es diese Entdeckung . Alexandrine dagegen , die nur flüchtig von der Sache gehört hatte , ohne die näheren Umstände zu kennen , fuhr unbefangen fort : » Gewiß ! Ich leugne nicht , daß es mir große Freude gemacht hätte , den jungen Adler zu besitzen , der sich in dem Nest befinden soll . Es wäre ja nicht das erstemal , daß es gelänge , ein solches Tier aufzuziehen und zu zähmen . « » Für den Käfig ! « brach Siegbert aus . » Jawohl , da wird der Gefangene gepflegt und gefüttert und ist versorgt sein Leben lang , aber er darf nie mehr die Schwingen regen , nie wieder emporsteigen zum Licht – besser , er wird von der Kugel eines Jägers getroffen ! Nein , nein , lassen Sie den jungen Adler frei da oben auf seiner Felsenhöhe , glauben Sie mir , – es ist etwas Hartes um die Gefangenschaft ! « » Haben Sie das vielleicht schon erfahren ? « fragte Alexandrine langsam . » Ich ? « Siegbert schrak zusammen . Er hatte in völliger Selbstvergessenheit gesprochen und fühlte erst jetzt , wie jäh und unvermittelt jener Ausbruch gekommen war . » Ich sprach nur aus , was wohl ein jeder fühlt « , setzte er mit sinkender Stimme hinzu . » Vielleicht , « aber es klang wie der Aufschrei eines Gefangenen , der sich nach der Freiheit sehnt . Der junge Mann schwieg und wandte sich ab . » Erscheint Ihnen meine Teilnahme zudringlich , Herr Holm ? Dann will ich schweigen . « » Nein , nein ! « rief Siegbert aufwallend . Er begriff es nicht , wie die stolze , unnahbare Alexandrine von Landeck auf einmal dazu kam , sich fast gewaltsam seines Vertrauens zu bemächtigen , aber seine Verschlossenheit hielt nicht stand vor der ernsten Frage dieser dunklen Augen , die heute einen so rätselhaft milden und weichen Ausdruck hatten , wie er ihn noch nie darin gesehen . » Ich glaubte nur , daß das Schicksal eines Fremden Ihnen kein Interesse abgewinnen könnte , « erwiderte er , noch kämpfend mit der alten , scheuen Zurückhaltung . Alexandrinens Blick ruhte fest auf dem blassen , träumerischen Antlitz des jungen Mannes , als versuche sie , darin zu lesen . » Ich weiß durch Professor Bertold , daß Sie in beengenden , unwürdigen Verhältnissen festgehalten werden , die Sie und Ihr Talent nicht zur Entwicklung kommen lassen . Weshalb haben Sie sich nicht längst diesen Banden entwunden und sich frei gemacht ? « » Weil ich schwach und feig bin , « sagte Siegbert mit tiefer Bitterkeit . » Wenigstens meint Professor Bertold das . Er hat es mir oft genug anzuhören gegeben , er wird es auch Ihnen gesagt haben , und Sie werden es glauben . « » Niemals ! « rief Alexandrine in einem Tone , von dessen Wärme sie selbst nichts wußte . » Nicht ? Wirklich nicht ? « » Ich glaube , daß Professor Bertold eine große , bedeutende , aber auch eine rücksichtslose Künstlernatur ist , gewohnt , jedes Band zu zerreißen , das ihn hindert . Er hat nur eins im Auge , das Ziel , dem er zustrebt , und fragt nicht danach , was er auf seinem Wege verletzt oder zertritt . Er wird das gleiche auch von Ihnen gefordert haben , und Sie haben es nicht gekonnt . « » Nein , ich konnte es nicht , « sagte Siegbert mit einem tiefen Atemzuge . » Mein Fräulein , ich möchte wenigstens vor Ihnen nicht als Schwächling dastehen , vor Ihnen nicht ! Und doch werden Sie es vielleicht am wenigsten begreifen , wie Wohltaten und Dankbarkeit zu einer Kette werden können , die unlösbar , weil sie unsichtbar ist . Man muß das selbst durchgemacht haben , um zu fühlen , wie solche Fesseln jeden Mut lähmen , jede Kraft entnerven , wie sie unerbittlich am Boden festhalten , wenn auch die ganze Seele verzweifelnd empordrängt . Ich habe das siebzehn Jahre lang ertragen , – ich weiß , wie solche Ketten drücken ! « Er hatte in steigender Erregung gesprochen und stieß die letzten Worte mit so leidenschaftlicher Heftigkeit hervor , daß Alexandrine fast erschrak . Sie sah es jetzt , welch ein qualvolles Kämpfen und Ringen sich hinter jener träumerischen Ruhe barg , die sie , wie alle anderen getäuscht hatte . » Sie danken Ihrem Pflegevater viel ? « fragte sie zögernd . » Ich danke ihm alles , die ganze Existenz , die Erziehung , selbst das Studium , das mir die ersten Schritte auf der Künstlerbahn ermöglichte . Es ist nichts , was ich nicht aus seiner Hand empfangen hätte . Ich war in Armut und Niedrigkeit geboren und hatte im Elternhause nichts kennen gelernt , als das ewige Einerlei des Elends und Schlimmeres noch – die Verbitterung des Elends . Da starben die Eltern und ließen mich als zehnjährigen Knaben zurück , der nichts besaß als sein Zeichentalent , das die Lehrer über Gebühr lobten . Es erregte die Aufmerksamkeit meines Pflegevaters , und er nahm mich an Kindes Statt an . Aus den tiefsten Entbehrungen wurde ich plötzlich in das reichste und angesehenste Haus der Stadt versetzt , aber ich konnte des Wechsels nicht froh werden . Es wurde mir ja täglich vorgehalten , welch große , überschwengliche Wohltat mir zuteil geworden war , und wie dankbar ich mich dafür zeigen müsse , und das vergiftete mir die Dankbarkeit . « » Aber , Sie kamen doch zu Professor Bertold , « warf Alexandrine ein . » Sie brachten zwei Jahre bei ihm in der Residenz zu ? « » Ja , es war der einzige Sonnenblick in meinem Leben ! Möglich , daß ich damals am Wendepunkte dieses Lebens stand , daß ein rücksichtsloser Entschluß mich emporgeführt hätte . Professor Bertold wollte mich gewaltsam von jenen Verhältnissen losreißen ; er forderte den offenen Bruch mit dem Manne , dem ich alles verdankte , und hat es mir noch heute nicht verziehen , daß ich dessen Ruf folgte . Er wußte nicht , wie meine Rückkehr gefordert wurde , mit der Berufung auf meine Kindespflicht , auf meinen schuldigen Gehorsam , mit Klagen , Vorwürfen , Bitten ! Mein Pflegevater ahnte ja nicht , welch ein Fluch mir die Abhängigkeit geworden war , er bestand nur auf seinem Rechte . Wäre ich wirklich schwach und feig gewesen , ich hätte mich in den Schutz meines Lehrers geflüchtet , der bereit war , mit seiner ganzen Energie für mich einzutreten . Statt dessen riß ich mich von ihm los , trotzdem ich alles zurücklassen mußte , woran mein Herz hing , trotzdem ich das Leben kannte , das meiner wartete . Wenn das ein Irrtum war , – ich habe ihn schwer genug gebüßt in den letzten vier Jahren ! « Er schwieg , überwältigt von der Erregung . Alexandrine schüttelte leise den Kopf . » Ich begreife es , daß man Märtyrer seines Pflichtgefühls werden kann , aber Sie taten dennoch unrecht . Mit dem Märtyrertum , mit dem bloßen Dulden , erringt man nichts Großes im Leben , das fordert die volle Kraft und oft genug auch die volle Härte des Charakters . Sie hatten eine Künstlerlaufbahn einzusetzen , und für diese ist die Freiheit so notwendig , wie für uns andere die Luft zum Atmen . Sie mußten und müssen sich diese Lebenslust erkämpfen . um jeden Preis , wenn Sie ein echter Künstler sind ! « – » Wenn ich es bin ! « sagte Siegbert düster . » Das ist eben die Frage . « » Halten Sie sich nicht dafür ? « » Nein . « Es war nur ein einziges , kurzes Wort , aber das ganze Weh eines verfehlten und verlorenen Lebens lag in diesem Nein . Alexandrine erhob sich und trat an seine Seite . » Da tun Sie sich selbst das schwerste Unrecht , Herr Holm . Wenn Sie nicht an Ihr Talent glauben , so glauben andere daran , und diesen dürfen Sie vertrauen . « » Wer glaubt an mich ? « fragte Siegbert , sie erstaunt anblickend . » Ihr Lehrer , dessen Urteil Ihnen doch wohl am höchsten steht . « » Professor Bertold ? Unmöglich ! « » Weshalb unmöglich ? « » Weil er sich trotz all seiner Vorliebe für mich doch nie zu einer Unwahrheit herablassen wird . Ich habe bereits sein Urteil über meine letzten beiden Gemälde empfangen . Es war verdient , ich weiß es , aber es hat mich doch vernichtet . « Alexandrine blickte auf ihre Skizzenmappe nieder , und ihre Stimme gewann eine eigentümliche Unsicherheit , als sie antwortete : » Ich kenne jene Gemälde nicht , sie mögen verfehlt sein , es ist aber auch von ihnen nicht die Rede . Es handelt sich um gewisse – Studien und Zeichnungen , die Professor Bertolt für genial erklärt . « » Um Studien ? Aber er hat ja nicht einmal einen Blick in meine Skizzen getan , und es war auch nichts darunter , was ich – « Er hielt inne , denn wie ein Blitz kam ihm auf einmal die Erkenntnis des wahren Zusammenhanges . » Mein Gott , jenes Buch , das ich im Walde verlor – der Professor war dort , er leugnete es mir zwar ab – sollte er es dennoch gefunden haben ? « Alexandrine neigte nur bejahend das Haupt , sie konnte der glühenden Röte nicht wehren , die ihr Antlitz überflutete . » Und Ihnen hat er davon gesprochen , hat es Ihnen vielleicht sogar – ? « Er vollendete nicht , denn er sah es , daß hier nichts mehr zu verbergen und abzuleugnen war , daß Bertold ihn und sein Geheimnis verraten hatte . Es folgte eine sekundenlange Pause , die mit beklemmender Gewalt auf beiden lastete . Keines sprach , keines wagte zu sprechen , endlich beugte sich Alexandrine zu der Mappe nieder und zog das vermißte Buch hervor . » Hier sind Ihre Zeichnungen , Herr Holm . Sie wurden mir anvertraut , wollen Sie dieselben von mir zurücknehmen ? « Er nahm das Buch nicht , das sie ihm reichte , sein Auge hing in atemloser Spannung an ihren Zügen . » Aus Ihren Händen ! Und Sie zürnen mir nicht ? Zürnen diesen Blättern nicht ? Es ist nicht meine Schuld , daß Sie davon Kenntnis erhielten , ich hielt sie verborgen , selbst vor Bertolds Augen . « » Daraus eben macht er Ihnen einen Vorwurf . Er meint – « » Ich frage nichts danach , « fiel ihr Siegbert ungestüm ins Wort . » Ich frage nur nach Ihrem Urteil und sonst nach nichts auf der ganzen Welt ! Sprechen Sie ein Wort , und ich vernichte vor Ihren Augen diese Blätter , vernichte mit ihnen meinen letzten Künstlertraum , mein letztes Sehnen nach Leben und Glück . Sprechen Sie mein Urteil , Alexandrine : ob es auf Leben oder Tod lauten mag , – ich beuge mich Ihrem Spruch ! « Alexandrine hob den gesenkten Blick empor , es schimmerte feucht darin , aber durch diesen feuchten Schleier strahlte ein Glanz , der die Antwort gab , noch ehe ihre Lippen sie aussprachen . » Sie dürfen diese Skizzen nicht vernichten ! Ich will es nicht , aber ich will sie auch nicht in anderen Händen wissen , als in den meinen . Lassen Sie mir das Buch , ich werde es Ihnen zurückgeben , wenn – « » Wenn – « wiederholte Siegbert mit stockendem Atem , als könne jedes seiner Worte den Zauber zerstören , der ihn wie mit berauschender Gewalt umfing . » Wenn Siegbert Holm eingelöst hat , was er bis jetzt noch seinem Talent und seiner Zukunft schuldig geblieben ist , wenn er das geworden ist , was sein Lehrer und ich von ihm erwarten , ein wahrer , ein großer Künstler ! Dann lösen Sie auch diese Blätter wieder ein , ich – werde sie Ihnen nicht verweigern ! « Ein halb unterdrückter Ausruf des Jubels brach von den Lippen des jungen Mannes . Das Skizzenbuch fiel unbeachtet zu Boden , er selbst aber hatte die Hand der Geliebten ergriffen und drückte stürmisch seine Lippen darauf . Er wußte es ja jetzt , was ihm verheißen war und was er zu erringen hatte . Da löste sich etwas Dunkles von dem grauen Gestein dort drüben und schwebte über den Abgrund hinaus . Es war der Adler , der einige Sekunden lang fast regungslos über der Schlucht hing , die gewaltigen Schwingen weit ausgebreitet , dann begann er langsam zu kreisen , und endlich stieg er in mächtigem Fluge empor . Immer weiter zog er seine Kreise , immer höher hob er sich , über Felsen und Schnee hinaus der Sonne entgegen , als werde er von ihren Strahlen emporgezogen . Bald erschien er nur noch wie ein dunkler Punkt dort oben in unerreichbarer Höhe , und endlich verschwand er ganz im blauen , sonnigen Äther . » Der Adler ! « sagte Siegbert , dessen Augen unverwandt mit einem seltsamen Aufleuchten seinem Fluge gefolgt waren . » Er steigt empor ! « » Zum Lichte ! « ergänzte Alexandrine . » Und seine Schwingen tragen ihn über Felsen und Abgründe . « Siegbert wandte sich zu ihr , sein Blick tauchte tief in den der Geliebten , als suche er dort allein den Mut und die Kraft . » Sie sollen mich nicht umsonst gerufen haben , Alexandrine . Mein alter Lehrer hatte recht , als er die Mahnung auf Ihre Lippen legte , er wußte es wohl , da würde sie nicht ungehört verhallen . Ich habe gezagt und gezweifelt ein halbes Leben hindurch und der Zweifel an meiner eigenen Kraft hielt mich am Boden . Jetzt will ich es versuchen , ob die Schwingen mich tragen , und versagen sie , – nun , dann besser im Sturze erliegen , als langsam ersticken in einem Leben , wie ich es in den letzten Jahren führte . « » Sie werden nicht erliegen , « sagte Alexandrine stolz und siegesgewiß . » Wagen Sie den Flug ! Nur wer das Höchste wagt , kann das Höchste gewinnen ! Ich glaube an Ihren Sieg ! « Fünfzehntes Kapitel Kalt und starr wie vorher standen die Felsen , einförmig rauschte der Wassersturz nieder , und wie verloren lag die kleine , grüne Matte inmitten der riesigen Wände . Den beiden aber , die sich hier gefunden , hatte sich ein Eden aufgetan , hoch über der Welt , die so fern unter ihnen lag , in dem stürzenden Wasser , klangen ihnen tausend Verheißungen von Leben und Glück , und die Öde ringsum schien überflutet von goldigem Lichte – sie wußten nicht , floß es vom sonnigen Himmel nieder , oder brach es hervor aus zwei glücklichen Menschenherzen . – Aber Siegbert und Alexandrine sollten nur zu bald daran erinnert werden , daß sie der Welt und dem Leben nicht entrückt waren . Gerade in diese Stunde drängte sich ein Bild herber , düsterer Wirklichkeit . Drüben auf der Höhe der Egidienwand waren schon seit einiger Zeit drei oder vier Gestalten erschienen , ohne von den beiden bemerkt zu werden , die nur mit sich allein beschäftigt waren . Erst jetzt begannen sie wieder , auf die Umgebung zu achten . » Da sind unsere Bergsteiger ! « sagte Alexandrine , indem sie lächelnd hinaufdeutete . » Ich glaubte nicht , daß sie so schnell den Gipfel erreichen würden . » Unmöglich ! « rief Siegbert . » Sie sind erst seit einer Stunde fort und können kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt haben . « Er legte die Hand über die Augen , um sie gegen die Sonnenstrahlen zu schützen , und blickte einige Sekunden lang scharf und spähend hinauf , plötzlich fuhr er auf : » Allmächtiger Gott , das ist Adrian mit seinen Gefährten ! Er läßt nicht ab von dem unsinnigen Wagnis , ich habe es ja gewußt ! « » Adrian Tuchner ? Sie täuschen sich , Sie können ihn doch nicht in dieser Entfernung erkennen . « » Nein , aber ich sehe , daß das dort oben keine Reisegesellschaft ist , die die Aussicht bewundert . Man scheint Vorbereitungen zu treffen . Sehen Sie nur , eben wird etwas in die Tiefe hinabgelassen . « Alexandrine nahm rasch das kleine Fernglas , das bisher unbenutzt neben ihr gelegen hatte , und blickte hindurch . » Ich fürchte , Sie haben recht , « sagte sie nach einer Pause . » Die Männer dort oben haben etwas vor , sie führen Stangen und Seile mit sich . Es scheint wirklich Tuchner zu sein , der Tollkühne ! Er wagt wahrhaftig sein Leben , um einer Summe Geldes willen ! « Siegbert nahm schweigend das Glas , das sie ihm reichte . Er wußte es , dem Manne da drüben war es nicht um eine bloße Prahlerei zu tun oder um Geldgewinn , wenn er die Fahrt auf Leben und Tod unternahm . Er kämpfte um die verlorene Stellung unter seinesgleichen , und er mochte wohl recht haben mit seiner Behauptung , daß das glücklich ausgeführte Wagnis sie ihm zurückerobern werde . Wer diesen Weg unversehrt zurücklegte , den schützte sichtbar eine höhere Macht , und nach dem Glauben des Volkes mußte diese Macht ihren Schutz dem versagen , der eine Blutschuld auf der Seele trug , fühlte doch selbst Siegbert im Angesichte der Gefahr etwas von diesem Glauben . Das Fernglas , zeigte klar und deutlich Adrians riesige Gestalt , er stand dicht am Abgrunde und schien das Ganze zu leiten , während seine drei Gefährten ihm zur Hand gingen . Man hatte bereits zur Probe ein Seil herabgelassen , jetzt stieg es langsam wieder empor , und die Männer , die augenscheinlich nur den Ausflug des Adlers abgewartet hatten , gingen ans Werk . » Ich möchte den sehen , der sich da hinunter wagt ! « hatte der alte Wendlin gesagt , der seit vierzig Jahren in den Bergen zu Haus war und jeden Schritt auf der Egidienwand kannte . Und jetzt wagte es doch ein Mensch , allein , nur vertrauend auf die eiserne Kraft seiner Muskeln und auf seinen schwindelfreien Blick . Die Männer da