besann sich einen Augenblick ; dann klatschte er mit seiner Peitsche in die Luft . » Mach nur das Boot los , Iven ! « Drüben aber war es , als hebe , was dorten ging , den Hals und recke gegen das Festland hin den Kopf . Sie sahen es nicht mehr ; sie gingen schon den Deich hinab und bis zur Stelle , wo das Boot gelegen war . » Nun , steig nur ein ! « sagte der Knecht , nachdem er es losgebunden hatte . » Ich bleib , bis du zurück bist ! Zu Osten mußt du anlegen ; da hat man immer landen können ! « Und der Junge nickte schweigend und fuhr mit seiner Peitsche in die Mondnacht hinaus ; der Knecht wanderte unterm Deich zurück und bestieg ihn wieder an der Stelle , wo sie vorhin gestanden hatten . Bald sah er , wie drüben bei einer schroffen , dunkeln Stelle , an die ein breiter Priel hinanführte , das Boot sich beilegte und eine untersetzte Gestalt daraus ans Land sprang . – War ' s nicht , als klatschte der Junge mit seiner Peitsche ? Aber es konnte auch das Geräusch der steigenden Flut sein . Mehrere hundert Schritte nordwärts sah er , was sie für einen Schimmel angesehen hatten ; und jetzt ! – ja , die Gestalt des Jungen kam gerade darauf zugegangen . Nun hob es den Kopf , als ob es stutze ; und der Junge – es war deutlich jetzt zu hören – klatschte mit der Peitsche . Aber – was fiel ihm ein ? er kehrte um , er ging den Weg zurück , den er gekommen war . Das drüben schien unablässig fortzuweiden , kein Wiehern war von dort zu hören gewesen ; wie weiße Wasserstreifen schien es mitunter über die Erscheinung hinzuziehen . Der Knecht sah wie gebannt hinüber . Da hörte er das Anlegen des Bootes am diesseitigen Ufer , und bald sah er aus der Dämmerung den Jungen gegen sich am Deich heraufsteigen . » Nun , Carsten « , frug er , » was war es ? « Der Junge schüttelte den Kopf . » Nichts war es ! « sagte er . » Noch kurz vom Boot aus hatt ich es gesehen ; dann aber , als ich auf der Hallig war – weiß der Henker , wo sich das Tier verkrochen hatte , der Mond schien doch hell genug ; aber als ich an die Stelle kam , war nichts da als die bleichen Knochen von einem halben Dutzend Schafen , und etwas weiter lag auch das Pferdsgerippe mit seinem weißen , langen Schädel und ließ den Mond in seine leeren Augenhöhlen scheinen ! « » Hm ! « meinte der Knecht ; » hast auch recht zugesehen ? « » Ja , Iven , ich stand dabei ; ein gottvergessener Kiewiet , der hinter dem Gerippe sich zur Nachtruh hingeduckt hatte , flog schreiend auf , daß ich erschrak und ein paarmal mit der Peitsche hintennach klatschte . « » Und das war alles ? « » Ja , Iven ; ich weiß nicht mehr . « » Es ist auch genug « , sagte der Knecht , zog den Jungen am Arm zu sich heran und wies hinüber nach der Hallig . » Dort , siehst du etwas , Carsten ? « – » Wahrhaftig , da geht ' s ja wieder ! « » Wieder ? « sagte der Knecht ; » ich hab die ganze Zeit hinübergeschaut , aber es ist gar nicht fortgewesen ; du gingst ja gerade auf das Unwesen los ! « Der Junge starrte ihn an ; ein Entsetzen lag plötzlich auf seinem sonst so kecken Angesicht , das auch dem Knechte nicht entging . » Komm ! « sagte dieser , » wir wollen nach Haus : von hier aus geht ' s wie lebig , und drüben liegen nur die Knochen – das ist mehr , als du und ich begreifen können . Schweig aber still davon , man darf dergleichen nicht verreden ! « So wandten sie sich , und der Junge trabte neben ihm ; sie sprachen nicht , und die Marsch lag in lautlosem Schweigen an ihrer Seite . – – Nachdem aber der Mond zurückgegangen und die Nächte dunkel geworden waren , geschah ein anderes . Hauke Haien war zur Zeit des Pferdemarktes in die Stadt geritten , ohne jedoch mit diesem dort zu tun zu haben . Gleichwohl , da er gegen Abend heimkam , brachte er ein zweites Pferd mit sich nach Hause ; aber es war rauhhaarig und mager , daß man jede Rippe zählen konnte , und die Augen lagen ihm matt und eingefallen in den Schädelhöhlen . Elke war vor die Haustür getreten , um ihren Eheliebsten zu empfangen . » Hilf Himmel ! « rief sie , » was soll uns der alte Schimmel ? « Denn da Hauke mit ihm vor das Haus geritten kam und unter der Esche hielt , hatte sie gesehen , daß die arme Kreatur auch lahme . Der junge Deichgraf aber sprang lachend von seinem braunen Wallach : » Laß nur , Elke ; es kostet auch nicht viel ! « Die kluge Frau erwiderte : » Du weißt doch , das Wohlfeilste ist auch meist das Teuerste . « – » Aber nicht immer , Elke ; das Tier ist höchstens vier Jahr alt ; sieh es dir nur genauer an ! Es ist verhungert und mißhandelt ; da soll ihm unser Hafer guttun ; ich werd es selbst versorgen , damit sie mir ' s nicht überfüttern . « Das Tier stand indessen mit gesenktem Kopf ; die Mähnen hingen lang am Hals herunter . Frau Elke , während ihr Mann nach den Knechten rief , ging betrachtend um dasselbe herum ; aber sie schüttelte den Kopf : » So eins ist noch nie in unserm Stall gewesen ! « Als jetzt der Dienstjunge um die Hausecke kam , blieb er plötzlich mit erschrocknen Augen stehen . » Nun , Carsten « , rief der Deichgraf , » was fährt dir in die Knochen ? Gefällt dir mein Schimmel nicht ? « » Ja – o ja , uns ' Weert , warum denn nicht ! « – » So bring die Tiere in den Stall ; gib ihnen kein Futter ; ich komme gleich selber hin ! « Der Junge faßte mit Vorsicht den Halfter des Schimmels und griff dann hastig , wie zum Schutze , nach dem Zügel des ihm ebenfalls vertrauten Wallachs . Hauke aber ging mit seinem Weibe in das Zimmer ; ein Warmbier hatte sie für ihn bereit , und Brot und Butter waren auch zur Stelle . Er war bald gesättigt ; dann stand er auf und ging mit seiner Frau im Zimmer auf und ab . » Laß dir erzählen , Elke « , sagte er , während der Abendschein auf den Kacheln an den Wänden spielte , » wie ich zu dem Tier gekommen bin : Ich war wohl eine Stunde beim Oberdeichgrafen gewesen ; er hatte gute Kunde für mich – es wird wohl dies und jenes anders werden als in meinen Rissen ; aber die Hauptsache , mein Profil , ist akzeptiert , und schon in den nächsten Tagen kann der Befehl zum neuen Deichbau dasein ! « Elke seufzte unwillkürlich . » Also doch ? « sagte sie sorgenvoll . » Ja , Frau « , entgegnete Hauke ; » hart wird ' s hergehen ; aber dazu , denk ich , hat der Herrgott uns zusammengebracht ! Unsere Wirtschaft ist jetzt so gut in Ordnung ; ein groß Teil kannst du schon auf deine Schultern nehmen ; denk nur um zehn Jahr weiter – dann stehen wir vor einem andern Besitz . « Sie hatte bei seinen ersten Worten die Hand ihres Mannes versichernd in die ihrigen gepreßt ; seine letzten Worte konnten sie nicht erfreuen . » Für wen soll der Besitz ? « sagte sie . » Du müßtest denn ein ander Weib nehmen ; ich bring dir keine Kinder . « Tränen schossen ihr in die Augen ; aber er zog sie fest in seine Arme . » Das überlassen wir dem Herrgott « , sagte er ; » jetzt aber und auch dann noch sind wir jung genug , um uns der Früchte unserer Arbeit selbst zu freuen . « Sie sah ihn lange , während er sie hielt , aus ihren dunkeln Augen an . » Verzeih , Hauke « , sprach sie ; » ich bin mitunter ein verzagt Weib ! « Er neigte sich zu ihrem Antlitz und küßte sie : » Du bist mein Weib und ich dein Mann , Elke ! Und anders wird es nun nicht mehr . « Da legte sie die Arme fest um seinen Nacken : » Du hast recht , Hauke , und was kommt , kommt für uns beide . « Dann löste sie sich errötend von ihm . » Du wolltest von dem Schimmel mir erzählen « , sagte sie leise . » Das wollt ich , Elke . Ich sagte dir schon , mir war Kopf und Herz voll Freude über die gute Nachricht , die der Oberdeichgraf mir gegeben hatte ; so ritt ich eben wieder aus der Stadt hinaus , da , auf dem Damm , hinter dem Hafen , begegnet ' mir ein ruppiger Kerl ; ich wußt nicht , war ' s ein Vagabund , ein Kesselflicker oder was denn sonst . Der Kerl zog den Schimmel am Halfter hinter sich ; das Tier aber hob den Kopf und sah mich aus blöden Augen an ; mir war ' s , als ob es mich um etwas bitten wolle ; ich war ja auch in diesem Augenblicke reich genug . › He , Landsmann ! ‹ rief ich , › wo wollt Ihr mit der Kracke hin ? ‹ Der Kerl blieb stehen und der Schimmel auch . › Verkaufen ! ‹ sagte jener und nickte mir listig zu . › Nur nicht an mich ! ‹ rief ich lustig . › Ich denke doch ! ‹ sagte er ; › das ist ein wacker Pferd und unter hundert Talern nicht bezahlt . ‹ Ich lachte ihm ins Gesicht . › Nun ‹ , sagte er , › lacht nicht so hart ; Ihr sollt ' s mir ja nicht zahlen ! Aber ich kann ' s nicht brauchen , bei mir verkommt ' s ; es würd bei Euch bald ander Ansehen haben ! ‹ Da sprang ich von meinem Wallach und sah dem Schimmel ins Maul und sah wohl , es war noch ein junges Tier . › Was soll ' s denn kosten ? ‹ rief ich , da auch das Pferd mich wiederum wie bittend ansah . › Herr , nehmt ' s für dreißig Taler ! ‹ sagte der Kerl , › und den Halfter geb ich Euch darein ! ‹ Und da , Frau , hab ich dem Burschen in die dargebotne braune Hand , die fast wie eine Klaue aussah , eingeschlagen . So haben wir den Schimmel , und ich denk auch , wohlfeil genug ! Wunderlich nur war es , als ich mit den Pferden wegritt , hört ich bald hinter mir ein Lachen , und als ich den Kopf wandte , sah ich den Slowaken ; der stand noch sperrbeinig , die Arme auf dem Rücken , und lachte wie ein Teufel hinter mir drein . « » Pfui « , rief Elke ; » wenn der Schimmel nur nichts von seinem alten Herrn dir zubringt ! Mög er dir gedeihen , Hauke ! « » Er selber soll es wenigstens , soweit ich ' s leisten kann ! « Und der Deichgraf ging in den Stall , wie er vorhin dem Jungen es gesagt hatte . – – Aber nicht allein an jenem Abend fütterte er den Schimmel , er tat es fortan immer selbst und ließ kein Auge von dem Tiere ; er wollte zeigen , daß er einen Priesterhandel gemacht habe ; jedenfalls sollte nichts versehen werden . – Und schon nach wenig Wochen hob sich die Haltung des Tieres ; allmählich verschwanden die rauhen Haare ; ein blankes , blaugeapfeltes Fell kam zum Vorschein , und da er es eines Tages auf der Hofstatt umherführte , schritt es schlank auf seinen festen Beinen . Hauke dachte des abenteuerlichen Verkäufers . › Der Kerl war ein Narr oder ein Schuft , der es gestohlen hatte ! ‹ murmelte er bei sich selber . – Bald auch , wenn das Pferd im Stall nur seine Schritte hörte , warf es den Kopf herum und wieherte ihm entgegen ; nun sah er auch , es hatte , was die Araber verlangen , ein fleischlos Angesicht ; draus blitzten ein Paar feurige braune Augen . Dann führte er es aus dem Stall und legte ihm einen leichten Sattel auf ; aber kaum saß er droben , so fuhr dem Tier ein Wiehern wie ein Lustschrei aus der Kehle ; es flog mit ihm davon , die Werfte hinab auf den Weg und dann dem Deiche zu ; doch der Reiter saß fest , und als sie oben waren , ging es ruhiger , leicht , wie tanzend , und warf den Kopf dem Meere zu . Er klopfte und streichelte ihm den blanken Hals , aber es bedurfte dieser Liebkosung schon nicht mehr ; das Pferd schien völlig eins mit seinem Reiter , und nachdem er eine Strecke nordwärts den Deich hinausgeritten war , wandte er es leicht und gelangte wieder an die Hofstatt . Die Knechte standen unten an der Auffahrt und warteten der Rückkunft ihres Wirtes . » So , John « , rief dieser , indem er von seinem Pferde sprang , » nun reite du es in die Fenne zu den andern ; es trägt dich wie in einer Wiege ! « Der Schimmel schüttelte den Kopf und wieherte laut in die sonnige Marschlandschaft hinaus , während ihm der Knecht den Sattel abschnallte und der Junge damit zur Geschirrkammer lief ; dann legte er den Kopf auf seines Herrn Schulter und duldete behaglich dessen Liebkosung . Als aber der Knecht sich jetzt auf seinen Rücken schwingen wollte , sprang er mit einem jähen Satz zur Seite und stand dann wieder unbeweglich , die schönen Augen auf seinen Herrn gerichtet . » Hoho , Iven « , rief dieser , » hat er dir Leids getan ? « und suchte seinem Knecht vom Boden aufzuhelfen . Der rieb sich eifrig an der Hüfte . » Nein , Herr , es geht noch ; aber den Schimmel reit der Teufel ! « » Und ich ! « setzte Hauke lachend hinzu . » So bring ihn am Zügel in die Fenne ! « Und als der Knecht etwas beschämt gehorchte , ließ sich der Schimmel ruhig von ihm führen . – – Einige Abende später standen Knecht und Junge miteinander vor der Stalltür ; hinterm Deiche war das Abendrot erloschen , innerhalb desselben war schon der Koog von tiefer Dämmerung überwallt ; nur selten kam aus der Ferne das Gebrüll eines aufgestörten Rindes oder der Schrei einer Lerche , deren Leben unter dem Überfall eines Wiesels oder einer Wasserratte endete . Der Knecht lehnte gegen den Türpfosten und rauchte aus einer kurzen Pfeife , deren Rauch er schon nicht mehr sehen konnte ; gesprochen hatten er und der Junge noch nicht zusammen . Dem letzteren aber drückte etwas auf die Seele , er wußte nur nicht , wie er dem schweigsamen Knechte ankommen sollte . » Du , Iven ! « sagte er endlich , » weißt du , das Pferdsgeripp auf Jeverssand ! « » Was ist damit ? « frug der Knecht . » Ja , Iven , was ist damit ? Es ist gar nicht mehr da ; weder Tages noch bei Mondschein ; wohl zwanzigmal bin ich auf den Deich hinausgelaufen ! « » Die alten Knochen sind wohl zusammengepoltert ? « sagte Iven und rauchte ruhig weiter . » Aber ich war auch bei Mondschein draußen ; es geht auch drüben nichts auf Jeverssand ! « » Ja « , sagte der Knecht , » sind die Knochen auseinandergefallen , so wird ' s wohl nicht mehr aufstehen können ! « » Mach keinen Spaß , Iven ! Ich weiß jetzt ; ich kann dir sagen , wo es ist ! « Der Knecht drehte sich jäh zu ihm . » Nun , wo ist es denn ? « » Wo ? « wiederholte der Junge nachdrücklich . » Es steht in unserem Stall ; da steht ' s , seit es nicht mehr auf der Hallig ist . Es ist auch nicht umsonst , daß der Wirt es allzeit selber füttert ; ich weiß Bescheid , Iven ! « Der Knecht paffte eine Weile heftig in die Nacht hinaus . » Du bist nicht klug , Carsten « , sagte er dann ; » unser Schimmel ? Wenn je ein Pferd ein lebigs war , so ist es der ! Wie kann so ein Allerweltsjunge wie du in solch Altem-Weiber-Glauben sitzen ! « – – Aber der Junge war nicht zu bekehren : wenn der Teufel in dem Schimmel steckte , warum sollte er dann nicht lebendig sein ? Im Gegenteil , um desto schlimmer ! – Er fuhr jedesmal erschreckt zusammen , wenn er gegen Abend den Stall betrat , in dem auch sommers das Tier mitunter eingestellt wurde , und es dann den feurigen Kopf so jäh nach ihm herumwarf . » Hol ' s der Teufel ! « brummte er dann ; » wir bleiben auch nicht lange mehr zusammen ! « So tat er sich denn heimlich nach einem neuen Dienste um , kündigte und trat um Allerheiligen als Knecht bei Ole Peters ein . Hier fand er andächtige Zuhörer für seine Geschichte von dem Teufelspferd des Deichgrafen ; die dicke Frau Vollina und deren geistesstumpfer Vater , der frühere Deichgevollmächtigte Jeß Harders , hörten in behaglichem Gruseln zu und erzählten sie später allen , die gegen den Deichgrafen einen Groll im Herzen oder die an derart Dingen ihr Gefallen hatten . Inzwischen war schon Ende März durch die Oberdeichgrafschaft der Befehl zur neuen Eindeichung eingetroffen . Hauke berief zunächst die Deichgevollmächtigten zusammen , und im Kruge oben bei der Kirche waren eines Tages alle erschienen und hörten zu , wie er ihnen die Hauptpunkte aus den bisher erwachsenen Schriftstücken vorlas : aus seinem Antrage , aus dem Bericht des Oberdeichgrafen , zuletzt den schließlichen Bescheid , worin vor allem auch die Annahme des von ihm vorgeschlagenen Profiles enthalten war und der neue Deich nicht steil wie früher , sondern allmählich verlaufend nach der Seeseite abfallen sollte ; aber mit heiteren oder auch nur zufriedenen Gesichtern hörten sie nicht . » Ja , ja « , sagte ein alter Gevollmächtigter , » da haben wir nun die Bescherung , und Proteste werden nicht helfen , da der Oberdeichgraf unserm Deichgrafen den Daumen hält ! « » Hast wohl recht , Detlev Wiens « , setzte ein zweiter hinzu ; » die Frühlingsarbeit steht vor der Tür , und nun soll auch ein millionenlanger Deich gemacht werden – da muß ja alles liegenbleiben . « » Das könnt ihr dies Jahr noch zu Ende bringen « , sagte Hauke ; » so rasch wird der Stecken nicht vom Zaun gebrochen ! « Das wollten wenige zugehen . » Aber dein Profil ! « sprach ein dritter , was Neues auf die Bahn bringend ; » der Deich wird ja auch an der Außenseite nach dem Wasser so breit , wie Lawrenz sein Kind nicht lang war ! Wo soll das Material herkommen ? Wann soll die Arbeit fertig werden ? « » Wenn nicht in diesem , so im nächsten Jahre ; das wird am meisten von uns selber abhängen ! « sagte Hauke . Ein ärgerliches Lachen ging durch die Gesellschaft . » Aber wozu die unnütze Arbeit ; der Deich soll ja nicht höher werden als der alte « , rief eine neue Stimme ; » und ich mein , der steht schon über dreißig Jahre ! « » Da sagt Ihr recht « , sprach Hauke , » vor dreißig Jahren ist der alte Deich gebrochen ; dann rückwärts vor fünfunddreißig , und wiederum vor fünfundvierzig Jahren ; seitdem aber , obgleich er noch immer steil und unvernünftig dasteht , haben die höchsten Fluten uns verschont . Der neue Deich aber soll trotz solcher hundert und aber hundert Jahre stehen ; denn er wird nicht durchbrochen werden , weil der milde Abfall nach der Seeseite den Wellen keinen Angriffspunkt entgegenstellt , und so werdet ihr für euch und euere Kinder ein sicheres Land gewinnen , und das ist es , weshalb die Herrschaft und der Oberdeichgraf mir den Daumen halten ; das ist es auch , was ihr zu eurem eigenen Vorteil einsehen solltet ! « Als die Versammelten hierauf nicht sogleich zu antworten bereit waren , erhob sich ein alter weißhaariger Mann mühsam von seinem Stuhle ; es war Frau Elkes Pate , Jewe Manners , der auf Haukes Bitten noch immer in seinem Gevollmächtigtenamt verblieben war . » Deichgraf Hauke Haien « , sprach er , » du machst uns viel Unruhe und Kosten , und ich wollte , du hättest damit gewartet , bis mich der Herrgott hätt zur Ruhe gehen lassen ; aber – recht hast du , das kann nur die Unvernunft bestreiten . Wir haben Gott mit jedem Tag zu danken , daß er uns trotz unserer Trägheit das kostbare Stück Vorland gegen Sturm und Wasserdrang erhalten hat ; jetzt aber ist es wohl die elfte Stunde , in der wir selbst die Hand anlegen müssen , es auch nach all unserm Wissen und Können selber uns zu wahren und auf Gottes Langmut weiter nicht zu trotzen . Ich , meine Freunde , bin ein Greis ; ich habe Deiche bauen und brechen sehen ; aber den Deich , den Hauke Haien nach ihm von Gott verliehener Einsicht projektiert und bei der Herrschaft für euch durchgesetzt hat , den wird niemand von euch Lebenden brechen sehen , und wolltet ihr ihm selbst nicht danken , euere Enkel werden ihm den Ehrenkranz doch einstens nicht versagen können ! « Jewe Manners setzte sich wieder , er nahm sein blaues Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich ein paar Tropfen von der Stirn . Der Greis war noch immer als ein Mann von Tüchtigkeit und unantastbarer Rechtschaffenheit bekannt , und da die Versammlung eben nicht geneigt war , ihm zuzustimmen , so schwieg sie weiter . Aber Hauke Haien nahm das Wort ; doch sahen alle , daß er bleich geworden . » Ich danke Euch , Jewe Manners « , sprach er , » daß Ihr noch hier seid und daß Ihr das Wort gesprochen habt ; ihr andern Herren Gevollmächtigten wollet den neuen Deichbau , der freilich mir zur Last fällt , zum mindesten ansehen als ein Ding , das nun nicht mehr zu ändern steht , und lasset uns demgemäß beschließen , was nun not ist ! « » Sprechet ! « sagte einer der Gevollmächtigten . Und Hauke breitete die Karte des neuen Deiches auf dem Tische aus . » Es hat vorhin einer gefragt « , begann er , » woher die viele Erde nehmen ? Ihr seht , soweit das Vorland in die Watten hinausgeht , ist außerhalb der Deichlinie ein Streifen Landes frei gelassen ; daher und von dem Vorlande , das nach Nord und Süd von dem neuen Kooge an dem Deiche hinläuft , können wir die Erde nehmen ; haben wir an den Wasserseiten nur eine tüchtige Lage Klei , nach innen oder in der Mitte kann auch Sand genommen werden ! – Nun aber ist zunächst ein Feldmesser zu berufen , der die Linie des neuen Deiches auf dem Vorland absteckt ! Der mir bei Ausarbeitung des Planes behülflich gewesen , wird wohl am besten dazu passen . Ferner werden wir zur Heranholung des Kleis oder sonstigen Materiales die Anfertigung einspänniger Sturzkarren mit Gabeldeichsel bei einigen Stellmachern verdingen müssen ; wir werden für die Durchdämmung des Prieles und nach den Binnenseiten , wo wir etwa mit Sand fürliebnehmen müssen , ich kann jetzt nicht sagen , wieviel hundert Fuder Stroh zur Bestickung des Deiches gebrauchen , vielleicht mehr , als in der Marsch hier wird entbehrlich sein ! – Lasset uns denn beraten , wie zunächst dies alles zu beschaffen und einzurichten ist ; auch die neue Schleuse hier an der Westseite gegen das Wasser zu ist später einem tüchtigen Zimmermann zur Herstellung zu übergeben . « Die Versammelten hatten sich um den Tisch gestellt , betrachteten mit halbem Aug die Karte und begannen allgemach zu sprechen ; doch war ' s , als geschähe es , damit nur überhaupt etwas gesprochen werde . Als es sich um Zuziehung des Feldmessers handelte , meinte einer der Jüngeren : » Ihr habt es ausgesonnen , Deichgraf ; Ihr müsset selbst am besten wissen , wer dazu taugen mag . « Aber Hauke entgegnete : » Da ihr Geschworene seid , so müsset ihr aus eigener , nicht aus meiner Meinung sprechen , Jakob Meyen ; und wenn ihr ' s dann besser sagt , so werd ich meinen Vorschlag fallenlassen ! « » Nun ja , es wird schon recht sein « , sagte Jakob Meyen . Aber einem der Älteren war es doch nicht völlig recht ; er hatte einen Bruderssohn : so einer im Feldmessen sollte hier in der Marsch noch nicht gewesen sein , der sollte noch über des Deichgrafen Vater , den seligen Tede Haien , gehen ! So wurde denn über die beiden Feldmesser verhandelt und endlich beschlossen , ihnen gemeinschaftlich das Werk zu übertragen . Ähnlich ging es bei den Sturzkarren , bei der Strohlieferung und allem andern , und Hauke kam spät und fast erschöpft auf seinem Wallach , den er noch derzeit ritt , zu Hause an . Aber als er in dem alten Lehnstuhl saß , der noch von seinem gewichtigen , aber leichter lebenden Vorgänger stammte , war auch sein Weib ihm schon zur Seite . » Du siehst so müd aus , Hauke « , sprach sie und strich mit ihrer schmalen Hand das Haar ihm von der Stirn . » Ein wenig wohl ! « erwiderte er . – » Und geht es denn ? « » Es geht schon « , sagte er mit bitterem Lächeln ; » aber ich selber muß die Räder schieben und froh sein , wenn sie nicht zurückgehalten werden ! « – » Aber doch nicht von allen ? « » Nein , Elke ; dein Pate , Jewe Manners , ist ein guter Mann ; ich wollt , er wär um dreißig Jahre jünger . « Als nach einigen Wochen die Deichlinie abgesteckt und der größte Teil der Sturzkarren geliefert war , waren sämtliche Anteilbesitzer des einzudeichenden Kooges , ingleichen die Besitzer der hinter dem alten Deich belegenen Ländereien , durch den Deichgrafen im Kirchspielskrug versammelt worden ; es galt , ihnen einen Plan über die Verteilung der Arbeit und Kosten vorzulegen und ihre etwaigen Einwendungen zu vernehmen ; denn auch die letzteren hatten , sofern der neue Deich und die neuen Siele die Unterhaltungskosten der älteren Werke verminderten , ihren Teil zu schaffen und zu tragen . Dieser Plan war für Hauke ein schwer Stück Arbeit gewesen , und wenn ihm durch Vermittelung des Oberdeichgrafen neben einem Deichboten nicht auch noch ein Deichschreiber wäre zugeordnet worden , er würde es so bald nicht fertiggebracht haben , obwohl auch jetzt wieder an jedem neuen Tage in die Nacht hinein gearbeitet war . Wenn er dann todmüde sein Lager suchte , so hatte nicht wie vordem sein Weib in nur verstelltem Schlafe seiner gewartet ; auch sie hatte so vollgemessen ihre tägliche Arbeit , daß sie nachts wie am Grunde eines tiefen Brunnens in unstörbarem Schlafe lag . Als Hauke jetzt seinen Plan verlesen und die Papiere , die freilich schon drei Tage hier im Kruge zur Einsicht ausgelegen hatten , wieder auf den Tisch breitete , waren zwar ernste Männer zugegen , die mit Ehrerbietung diesen gewissenhaften Fleiß betrachteten und sich nach ruhiger Überlegung den billigen Ansätzen ihres Deichgrafen unterwarfen ; andere aber , deren Anteile an dem neuen Lande von ihnen selbst oder ihren Vätern oder sonstigen Vorbesitzern waren veräußert worden , beschwerten sich , daß sie zu den Kosten des neuen Kooges hinzugezogen seien , dessen Land sie nichts mehr angehe , uneingedenk , daß durch die neuen Arbeiten auch ihre alten Ländereien nach und nach entbürdet würden ; und wieder andere , die mit Anteilen in dem neuen Koog gesegnet waren , schrien , man möge ihnen doch dieselben abnehmen , sie sollten um ein Geringes feil sein ; denn wegen der unbilligen Leistungen , die ihnen dafür aufgebürdet würden , könnten sie nicht damit bestehen . Ole Peters aber , der mit grimmigem Gesicht am Türpfosten lehnte , rief dazwischen : » Besinnt euch erst und dann vertrauet unserm Deichgrafen ! Der versteht zu rechnen ; er hatte schon die meisten Anteile , da wußte er auch mir die meinen abzuhandeln , und als er sie hatte , beschloß er , diesen neuen Koog zu deichen ! « Es war nach diesen Worten einen Augenblick totenstill in der Versammlung . Der Deichgraf stand an dem Tisch , auf dem er zuvor seine Papiere gebreitet hatte ; er hob seinen Kopf und sah nach Ole Peters hinüber . » Du weißt wohl , Ole Peters « , sprach er , » daß du mich verleumdest ; du tust