bemerke ich dir abermals – Dom Agostin Agonista , Gendarmerie-Oberst in kaiserlich brasilianischen Diensten – alles in Ordnung , Patent wie Paß – « » Ereifere dich doch nicht , Lieber « , sagte der alte Philipp begütigend . » Ich ereifere mich nicht , ich ärgere mich nur ! « rief der Oberst . » Und zwar wie ein echter Deutscher über die Fliege an der Wand , bester Augustin « , meinte der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ ; und dann gingen sie zu etwas anderem über , das heißt , der Oberst fing an , sich sehr genau nach den Umständen und Lebensläufen der Herren , deren Bekanntschaft er am gestrigen Abend gemacht hatte , zu erkundigen . Dann erzählte er seinerseits genauer , auf welche Weise er mit dem Doktor Hanff auf dem Wege zusammengeraten sei , und dadurch kam er darauf , wie ihn doch nicht allein der Zufall in diese Gegend geführt habe , sondern wie er in der Tat mit der Absicht gekommen sei , sich nach dem alten botanischen Wald- und Jugendgenossen , nach dem treuen Freunde vom Blutstuhl umzuschauen . » Ich hatte keine Ahnung , wo du geblieben warst , und ob du überhaupt noch am Leben seist , Filippo ! « rief der Brasilianer . » Aber ich hatte mir vorgenommen , dich tot oder lebendig zu finden , und es ist mir gelungen . Eine Maronjagd war es durchaus nicht , Alter . Ich habe es wohl gelernt , Spuren von Wild und Mensch im Urwald wie zwischen den Ackerfeldern und in dem verworrensten Straßennetz über und unter der Erde zum Zwecke zu verfolgen . Dich oder deinen Namen oder vielmehr einen Schnaps oder Likör deines Namens spürte ich in den Zeitungen aus – dem › Kristeller ‹ ging ich nach , und da bin ich denn , und du wirst es mir gewiß nicht verdenken , wenn ich im Laufe des Morgens das Getränk an der Quelle zu erproben wünsche . Es war keineswegs notwendig , daß euer Doktor mich auf den › Kristeller ‹ aufmerksam machte . « Der alte Philipp hatte sich während dieser Auseinandersetzung fortwährend vergnüglichst die Hände gerieben , jetzt sprang er auf , klopfte den Freund auf die Schulter und rief : » Also mein › Kristeller ‹ hat dich auf meine Spur gebracht ! Oh , lieber August – in , ich glaube da wirklich , eine wohltätige Erfindung gemacht zu haben ; ich werde sogleich – « » Nachher « , sprach der Oberst Agonista . » Sieh , Wie herrlich die Sonne scheint , wie blau der Himmel ist ! Philipp , jetzt zeigst du mir vor allen Dingen dein Heimwesen im einzelnen : Herd und Hof – , ach , wie schade , daß du mir nicht auch Weib und Kinder und Enkel zeigen kannst ! – und Garten , die Offizin , das Laboratorium , die Materialkammer , Küche und Keller , Stall und Viehstand – alles interessiert mich ! « Da der Hausherr jetzt wieder neben seinem Gaste saß , so klopfte er ihn nun auf das Knie : » O Augustin , wie freundlich ist das von dir ! Welch eine Freude machst du mir da . Sollen wir gleich gehen ? « » Gewiß « , sprach der Oberst Dom Agostin Agonista , sprang auf , drückte den Tabak in der Pfeife fest und nahm den Arm des Freundes . Beide Herren traten ihre Gänge an , durch Haus und Hof , durch Garten und Ställe , und es war zugleich eine Merkwürdigkeit und ein Vergnügen , wie verständig und sachkundig der Kriegsmann über alles zu reden wußte , und – wie genau er sich jegliches Ding ansah . Der entzückte Hausherr sprach ihm mehrfach seine Verwunderung darob aus ; aber Dom Agostin lachte und meinte : » Treibe du dich einmal wie ich ein Menschenalter da drüben um unter dem Volk und den Völkerschaften , die Affen und sonstigen Bestien eingeschlossen . Das heißt natürlich als ein von Haus und Anlage aus überlegender und praktischer Mann , und dann sieh zu , ob du nicht gleichfalls die Ordnungen der alten Heimat dir im Gedächtnis wachrufen und täglich gern mit neuen Erfahrungen vermehren wirst . Wenn mich mein Schicksal zu einem Abenteurer gemacht hat , Philipp , so bin ich doch ein ganz solider geworden . Daß ich mich demnächst verheiraten werde , glaube ich euch bereits gestern abend mitgeteilt zu haben . « » Wenn es wirklich Ernst war , Augustin – « » Mein bitterer Ernst . Ihr schient es alle für einen Scherz zu nehmen ; ich habe das wohl gemerkt . Eigentlich hätte ich das übel aufnehmen sollen und begreife jetzt auch nicht , weshalb ich nicht sofort um weitere Aufklärung über euer Lächeln bat – dieser Doktor – Doktor Hanff schien mir sogar die Schultern in die Höhe zu ziehen . Nun , schieben wir das alles auf den trefflichen Punsch deiner Schwester – ich aber wiederhole es dir , ich bin bis über die Ohren verliebt und trage das Bild meiner Geliebten in einem Medaillon unter der Weste auf dem Busen . Du sollst das Porträt sehen , und deine Schwester soll ' s nachher auch sehen , und dann will ich eure Meinung ruhig anhören . Es ist ein Prachtweib und nicht ohne Vermögen ; Senhora Julia Fuentalacunas – nicht wahr , ein recht wohlklingender Name ? Sie kam jung als Julchen Brandes von Stettin nach Rio und heiratete den Senhor Fuentalacunas vom Zollamte . Weißt du , lieber Freund , der Rock des Kaisers ist zwar eine recht kleidsame und honorable Tracht ; aber wenn man so die erste Jugend hinter sich hat , fängt man an , auf die Ehre zu pfeifen und das Behagen dem Herrendienste vorzuziehen . Ich werde eine Hazienda kaufen und hoffe , als ein begüterter Familienvater meine Tage in Ruhe im Kreise der Meinigen zu beschließen . Ihr – du und Fräulein Dorette – gehört natürlich zu der Familie , und wir werden ein vortreffliches Leben miteinander führen . « » Wie ? – – « fragte der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ , Herr Philipp Kristeller , und sah seinen Gast mit den größesten Augen an . » Wie ich es sage « , sprach der kaiserlich brasilianische Gendarmerie-Oberst , den erstaunten Blick seines alten Freundes nicht im mindesten beachtend , sondern , mitten im Hofraume stehend , rings umher an den umgebenden Gebäuden emporschauend . Es schien ihm wiederum in der Tat bitterer Ernst um das zu sein , was er sagte . » Ich hoffe , deine Schwester ohne Mühe zu überreden « , fügte er wie beiläufig an . Der Apotheker lachte , der Oberst aber lachte ganz und gar nicht mit , sondern umging die zwei Milchkühe im Stalle mit kritischem Blicke , klopfte sie auf die Weichen und bemerkte : » Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige Fleischextrakt-Institut an . Großartig ! – Sie treiben euch vor den Augen einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in eine Büchse konzentriert , die ihr in die Hosentasche steckt – wäre das Weltmeer nicht da , dem ihr euer Erstaunen zurufen könnt , ihr wüßtet nirgends damit hin , Philipp . Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig in München – annähernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir , nur noch ein bißchen metallischer ; – Kristeller , da können wir einander gleichfalls gebrauchen – ich liefere dir das Vieh , und du lieferst mir den Extrakt – Philipp , ich gebe dir mein Ehrenwort darauf , in drei Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz , die sie zu Tränen rühren soll . « » O Augustin , welch einen prächtigen Humor hast du aus deinem neuen Vaterlande mit herübergebracht ! « rief der Apotheker ; » aber – « » Humor ? « fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend hinzu : » Zahlen ! Zahlen ! Die eingehendsten , unumstößlichsten Berechnungen : Hier ! – da ! « Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem Freunde einige in der Tat sehr eingehend auf die Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her . Herr Philipp Kristeller rieb sich in immer größerer Erstarrung die Stirn : » Die Schwester – die Schwester sollte das hören « , murmelte er , und jetzt lächelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und meinte : » Ich werde natürlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit unseren Plänen bekannt machen und sie für dieselben zu gewinnen suchen . Ich bin überzeugt , sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du hinstellen und nur meinen Humor loben . « » O du großer Gott ! « seufzte Herr Philipp . Die Ziege , welche neben den zwei Kühen im Stall unter der besonderen Obhut Fräulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte , überging der Oberst ohne weitere Bemerkung ; dagegen sprach er im Hühnerhofe kopfschüttelnd : » Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwürdig lebhaft an meine selige Mutter . « Er hatte die Brieftasche in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit einige Notizen . Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer Inspektionsreise zu , und als sie ins Haus zurückkehrten , fanden sie den Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Gläschen vom berühmten Kristellerschen Magenlikör vor ihm auf dem Tische . Mit gewohnter Jovialität begrüßte der Doktor die eintretenden beiden Herren . Man schüttelte sich bieder die Hände im Kreise und erkundigte sich gegenseitig auf das herzlichste nach der Nachtruhe und dem sonstigen Befinden . » Was für einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich ? « fragte der Oberst , seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend . » Das wird Ihnen der Barbier , welcher da eben hinrennt , am besten sagen können « , lachte der Doktor Hanff , » der Pflug geht den Bauern über die Wochenstoppeln ; es ist Sonnabend – « » Und morgen besuche ich zum ersten Male seit einem Menschenalter den deutschen Gottesdienst wieder ! « rief der Oberst Dom Agostin Agonista entzückt . » Übermorgen reise ich ab . « » August ? – Augustin ? « rief erschrocken Herr Philipp Kristeller . » Herr Oberst ? « sprach erstaunt Fräulein Dorette Kristeller . Aber der Landphysikus , sein Glas energisch zurückschiebend , rief : » Unter allen Umständen unmöglich , Kolonel ; der Förster Ulebeule begegnete mir , er ist mit einer Einladung zum Mittagessen auf den Montag unterwegs ; für den Dienstag erbitte ich mir die Ehre ; am Mittwoch kommt die Reihe an den Pastor ; am Donnerstag – doch da wollen wir den übrigen Herren nicht vorgreifen ; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen Umständen so rasch fort , Oberst . Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den Händen hat , der hält ihn , solange es möglich , fest . Geben Sie mir noch einen › Kristeller ‹ , lieber Kristeller , und nehmen Sie auch einen , liebster Oberst ; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu haben , welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle produziert . « Dreizehntes Kapitel Der Förster , welcher in diesem Augenblick in die Tür trat , vernahm , was besprochen wurde , und redete sofort mit den übrigen heftig und dringend auf den alten , tapferen , südamerikanischen Krieger ein . Dieser aber wehrte sich stumm nur durch Gesten , zu gleicher Zeit das ihm kredenzte Spitzglas mit dem Kristellerschen Magenbitter gegen das Licht haltend und durchäugelnd . Jetzt setzte er den Becher an die Lippen – schlürfte – hielt ein – probierte noch einmal mit tieferer Andacht – goß den Rest mit einer gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter – reichte sofort das Glas zu neuer Füllung aus der dickbäuchigen grünen Flasche hin und rief : » Bei meiner Seele , das ist ja wirklich endlich – endlich einmal ein Getränk ! « » Nicht wahr ? « fragten der Förster und der Doktor ernsthaft , während der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ verschämt-glücklich der Schwester über die Schulter lächelte . » Bei den Göttern , das ist ein Getränk , Philipp ! Und du bist wahrhaftig davon der Erfinder ? Und du hast das Rezept dazu unter Schloß und Riegel ? – Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst dem Doktor da seine Pillen und rührst ihm seine Mixturen zusammen ? – Fräulein Kristeller , ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein Privatgespräch ! Meine Herren , dies ändert die Sachlage vielleicht ; lieber Forstmeister , im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben , Ihnen Nachricht zu geben , ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder nicht . « » Bravo ! « riefen der Landphysikus und der Förster ; der Apotheker sagte : » Du bleibst also ohne Bedingung , Lieber ; und es war auch durchaus nicht notwendig , uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen . Es war nicht freundschaftlich und brüderlich , Augustin . « » Ich bitte noch um einen › Kristeller ‹ « , erwiderte der Oberst . » Philipp , auf dein Wohl ! Ich versichere dich , ich habe dich lieb gehabt ; aber jetzt tritt der Respekt zur Liebe – meine Herren , Sie haben diese dreißig Jahre durch einen großen Mann in Ihrer Mitte gehabt , ohne es zu wissen . Philipp , dein Schnaps ist wunderbar , was aber meine Abreise betrifft , so ist unsereiner stets mit Gewehr über auf dem Marsche , und man muß eben ein Weib nehmen und ein bürgerlich Geschäft treiben , um das Stillsitzen zu erlernen . Bei den hohen Göttern , dieses hier ist vielleicht noch rentabler als Fray Bentos ! Kristeller , wir werden drüben den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde herunterholen . Fräulein Dorette , wir werden die Sonne und den Blitz auf Flaschen ziehen und unsere Preise danach stellen . Kristeller und Agonista – Sao Paradiso – Provinz Minas Geraes , Kaiserreich Brasilien ! Mit diesem Getränk unter dem Arm kommen wir durch bei allen Nationen rund um den Erdball . Wir kommen durch , Senhora , und wie gesagt , nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstündchen im Hinterstübchen , Senhora Dorothea . « Sie lachten alle , nur das Fräulein nicht . Was das Lachen des erfindungsreichen Hausherrn anbetraf , so machte das einen unbedingt ratlosen und hilflosen Eindruck . Ein Mensch aber , der ein Leben hinter sich hatte , wie der Oberst Agonista , durfte in der Tat die Erde mit anderen Augen sehen und mit anderen Händen greifen als die Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ , und konnte auch , ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden , von den anderen ganz naiv verlangen , daß man sich auf seinen Standpunkt stelle . Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen unerschütterlichen Entschluß darlegen , noch einmal , und zwar nach einem Menschenalter , das Glück und Schicksal seines Freundes Philipp Kristeller auf die andere Seite zu drehen , und zwar ohne auf irgendwelche Einwürfe und Gegenvorstellungen zu hören . Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden füllte , so begleitete der tapfere alte Soldat allein den Förster und den Doktor auf ihrem Wege ins Dorf zurück . Er ging zwischen ihnen , jeden unterm Arme haltend , und wer den dreien begegnete , stehen blieb und ihnen nachsah , der mußte es zugeben , daß jeder von den dreien in seiner Art » gut « war . Dazu hielt sich aber das Gespräch der Herren am alten Philipp und seinem › Kristeller ‹ ; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der brasilianische Gendarmerie-Oberst noch einige recht nützliche Notizen über die Apotheke › Zum wilden Mann ‹ und kam , heiter pfeifend und die reine , frische Herbstluft wohlig einschlürfend , zurück – gerade recht zum Mittagessen . Man speiste ; man hielt Siesta – der Oberst die seinige diesmal in seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstübchen . Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin , um noch einen › Kristeller ‹ zu nehmen . Dann wußte er den Weg in die Küche schon ganz genau und brauchte keinen Führer auf demselben . » Fräulein Dorette « , sagte er , » jetzt wäre der günstige Augenblick vorhanden . Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer geleitet , und wir beide , liebes Fräulein , haben hier unten das Reich allein . Kinder , Kinder , ich freue mich kindlich , so familienfreundlich mit euch zusammen zu sein ! Und wir bleiben eine Familie – nicht wahr , wir bleiben eine Familie ? – Es ist zu prächtig ! Da draußen der deutsche Herbsthimmel , hier innen die deutsche Ofenwärme und – das liebe Brasilien wie das Land der Verheißung in der Ferne ! Senhora , ich erlaube mir , Ihnen meinen Arm anzubieten . « Er führte richtig die alte , ängstlich über die Schulter zurückblickende Dame in ihre eigene Stube , des Hauses Ehrengemach , und verblieb mit ihr eine gute halbe Stunde drinnen , und zwar in dringlichsten Verhandlungen ; während der Bruder , um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu bleiben , in seiner Materialkammer sämtliche Kräutersäcke auf- und abtürmte und sämtliche Schubladen aufschob und zuschob . Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter Umständen sehr lang erscheinen ; das ist eine bekannte Wahrheit , muß hier jedoch dessenungeachtet wiederholt werden . Dem Apotheker › Zum wilden Mann ‹ erschien der kurze Zeitraum sehr lang , Fräulein Dorette hingegen ging er ungemein rasch vorüber . Schon öffnete der Oberst ihr höflichst die Tür ihrer Putzstube und – ließ sie heraus . Er blieb drin ! – Sie hielt sich am Türpfosten wie von einem Schwindel befallen ; – sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knicks machen wollen , allein es war ihr nicht möglich gewesen . Während sie aber draußen an der Wand lehnte und wie aus plötzlich erblindeten Augen um sich zu sehen strebte , war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster gegangen und hatte es geöffnet und sich dreingelegt . Da lag er , schwer auf den Ellenbogen , stieß einen schweren Seufzer aus und blickte die Landstraße entlang , zur Rechten und zur Linken hin . Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu : » Großer Gott , ganz wie ich es mir gedacht hatte ! o du lieber Gott , mein armer , armer Bruder ! « Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben an : » Heda , miin Jung ' , kennst du den Herrn Förster Ulebeule , und weißt du , wo er wohnt ? « » Na ? ! « fragte der Bengel an der Hauswand empor , entrüstet ob der Naivität der Frage . » Gut , mein Sohn . Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich . Lauf einmal zum Herrn Förster und bestell ' einen schönen Gruß von dem fremden Herrn in der Apotheke , und es würde dem Herrn Apotheker und dem fremden Herrn ein Vergnügen sein , am Montag bei dem Herrn Förster zu essen . « Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück , ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe . Drunten im Hinterstübchen , im Ehrensessel des brasilianischen Obersten , saß Fräulein Dorette Kristeller , stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Gesicht auf die Hände und ächzte : » Mein Bruder , mein armer Bruder ! « Vierzehntes Kapitel Am anderen Tage war Sonntag , ein deutscher Dorfsonntag . Die Glocke läutete zur Kirche , und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig und bereit . Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista in die Kirche , und zwar in Uniform . Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt . Er trug seine sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch , sondern wirklich prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine Erscheinung vollständig . Er sang auch mit . Der Pastor in der Sakristei vernahm ihn über die Orgel , den Kantor und die Gemeinde weg ; – ein so sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des Gotteshauses erschüttert . Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger , wiederum Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend , sozusagen die Parade der ganzen Gemeinde abzunehmen . Sie bildete Spalier auf seinem Wege , gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend , schritt der Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch . Das Dorf sprach heute nur von ihm ; Fräulein Dorothea kam aber sehr unwohl aus der Kirche nach Hause und fühlte sich gezwungen , sich zu Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben . Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Förster Ulebeule auf einen Wildschweinkopf . Fräulein Dorette setzte sich vor die Rechenbücher des Hauses . Die Herren in der Försterei waren sehr heiter bei Tische ; der Oberst erzählte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast außer sich durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen . Diesmal forderte er den Doktor auf , mit hinüberzugehen und ein Millionär und kaiserlicher geheimer Hofmedikus zu werden , und schon bei der vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen und durch Handschlag sein Wort besiegelt . » Mit Ihnen , lieber Pastor , wissen wir weniger da drüben anzufangen « , rief Dom Agostin , » aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach , wenn wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben . « Da hatte der geistliche Herr gelächelt , aber etwas kläglich gesagt : » Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt , Herr Oberst . Auch würden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau reden müssen , teurer Herr . « » Weshalb sollte ich das nicht , wenn sonst die Bedingungen vorhanden sind ? « fragte der Brasilianer . Sie waren ungemein vergnügt bei dem Förster Ulebeule , und erst bei weit vorgeschrittener Dämmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und Schulter an Schulter , angeregt und höchst lebhaft heim zur Apotheke . » Von dem › Kristeller ‹ erbitte ich mir ein Flakon auf den Nachttisch , lieber alter Junge « , sprach der Oberst . » Er entzückt mich immer von neuem , auch nach dem Diner . Pereat Fray Bentos – dies hier nenne ich in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon ! Der Teufel hole alles Rindvieh in den Pampas ; – da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen , wie wird er erst da drüben im Feuerlande ausfallen , Fi – lip – po ! « » De – li – kat ! « erwiderte Herr Philipp Kristeller , worauf die beiden Freunde einander dreimal recht herzhaft abküßten . Sie saßen übrigens an diesem Abend allein im Hinterstübchen , der Oberst und der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ . Fräulein Dorette ließ sich durch das Hausmädchen entschuldigen und heruntersagen : sie habe arges Kopfweh . Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen : das tue ihnen sehr leid , und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung ; – nachher saßen sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und redeten , eingehüllt in Tabaksdampf , von ihrer Jugendzeit . Als die Uhr zwölf schlug , stand der Oberst auf und sagte herzlich : » Du weißt doch nicht ganz , wie gut es mir hier zumute ist , Philipp . Wir wollen uns aber auch von nun an nicht wieder voneinander trennen , Alter ! Wir wollen von jetzt an ein Schicksal und ein Glück haben , nicht wahr ? Nicht wahr , nicht wahr , es bleibt dabei , Philipp ? « » Es bleibt dabei « , stammelte Herr Philipp Kristeller , und dann ging der Oberst zu Bett . Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits und brauchte kein Geleit mehr . Das › Flakon ‹ mit dem › Kristeller ‹ nahm er unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes . Aber vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt ; und in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht und suchte zu überlegen , ehe auch er zur Ruhe ging . Die Nacht war still , das Haus war still . Eben schlug es ein Uhr , als oben eine Tür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe herabkam . Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden . Aus diesem Schlummer wiederum auffahrend , horchte Herr Philipp : da war der gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens : » Wer ist da ? « rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend . » Ich bin es , Bruder « , sagte Fräulein Dorette Kristeller , im langen weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend . » Ich bin es , Philipp ; ich habe keine Ruhe mehr im Bette , keine Ruhe im ganzen Hause . Ich glaubte , hier noch einen warmen Ofen zu finden ; aber nun ist es mir lieb , daß auch du noch wach bist , lieber Bruder ; – o Bruder , Bruder Philipp , es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst ! « » Sein Ernst ? Wessen Ernst ? « » Sein bitterer Ernst ! Oh , ich habe es mir gleich so gedacht , als er dich zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine wilden Pläne lachtet . Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns ; aber elend macht er uns doch . Philipp , er braucht Geld ! er braucht sein Geld , und er ist gekommen , es zu holen ! « Der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ sah das trostlose alte Jüngferchen plötzlich mit den glänzendsten , verständnisinnigsten Augen an . » Er braucht sein Geld , und er ist gekommen , es zu holen ? Aber Dorette , das wäre ja wundervoll ! « » Wundervoll ? ! – « Herr Philipp Kristeller knöpfte mit zitternder Hand , der kühlen Nacht zum Trotze , vor innerster Aufregung die Weste auf : » Dorette , wenn du recht hättest ! – herrlich , herrlich wäre es ! Aber – wenn das so wäre , so würde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben ? ! « » Hat er das denn nicht ? und zwar auf jede nur mögliche Weise – fein und grob ! « Der Apotheker antwortete nichts hierauf . Er ging rasch in dem engen Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die Hände und murmelte vor sich hin : » Der Gute – der Wackere – mein Gott , welch eine glückselige Nacht ! – Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden ! O diese Weiber , diese klugen Weiber ! Dorette , wenn du recht hättest ! « » Ich habe recht ! « ächzte jetzt das alte Fräulein fast böse . » So setze dich doch und nimm Vernunft an . Was soll denn aus uns werden , Bruder ? Du bist diese dreißig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschäfte nachgegangen ; aber ich habe die Bücher geführt und weiß , wie wir stehen . Oh , es reicht noch ; aber es reicht auch nur gerade hin – und , Philipp , ich bin überzeugt , er holt nicht nur das Kapital , sondern er kann auch die Zinsen gebrauchen , die Zinsen seit dreißig Jahren ! « » Das vergebe ich ihm so leicht nicht , daß er nicht sofort seinen Wunsch mir klar und deutlich ausgesprochen hat « , murmelte Herr Philipp , der durchaus nicht imstande war , sich zu setzen , sondern der fort und fort auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar überhörte . » O August , August , also endlich ist auch für mich die Stunde da , dir auf deinem Wege zum Glücke behilflich sein zu können ! « Von der ganzen Fülle dieser Vorstellung überwältigt , stand er jetzt still , und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht getan hatte , das tat er jetzt : er gab der Schwester einen Kuß – einen langen , herzlichen Kuß , und dann – nahm er sein Licht und ging seinerseits in seine Kammer . Er hatte das Bedürfnis , allein zu sein und sich in der Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste Begrüßung mit dem Freunde , dem Obersten Dom Agostin Agonista , auszumalen . Fräulein Dorette stand im Scheine des Nachtlichtes mit schlaff niederhängenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Händen , blickte hinter ihm her und stöhnte : » Also da sind wir denn ! – o diese Mannsleute ! Was soll aus uns werden ? lieber Herrgott , was soll aus uns werden ? – Zu den Pottekudern , seinen neuen Landsleuten , gehe ich für mein Teil nicht mit ! Er wäre vielleicht imstande , uns in aller Güte und Zureden mit