aufgeschrieen : » Rühre mich nicht an ! « Veronika hatte durch das Schlüsselloch gespäht und was erblickt ? etwas ganz Unglaubliches : die stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen , ihm liebkosend , die Kniee umfangend und um die Gnade flehend , daß es den Mund öffne und einen Bissen berühre . Die Mägde verstummten , hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten sich , eine hinter der andern , während langsam die Richterin mit Palma aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt . Frau Stemma stützte das Mädchen , das , elend und zerstört , sich selbst nicht mehr gleichsah . Palma ging mit gebeugtem Rücken und unsichern Knieen . Groß , doch ohne Strahl und Wärme , traten die Augen aus dem vermagerten Antlitz . » Komm , Kindchen « , sagte Frau Stemma , » du mußt Luft schöpfen « , und sie öffnete ein Gatter , das auf eine zirpende und summende Wiese führte , die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghöhe bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in eine lichte Ferne verlief . Sie setzten sich auf eine Bank und Frau Stemma betrachtete ihr Kind . Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die Verwüstung des einzigen was sie liebte . Aber sie blieb aufrecht und gürtete sich mit ihrer letzten Kraft . » Wie « , sagte sie sich , » mir gelänge es nicht , dieses Gehirnchen zu betören , dieses Herzchen zu überwältigen ? « » Mein Kind « , begann sie , » hier sind wir allein . Laß uns noch einmal recht klar und klug miteinander reden – « » Wenn du willst , Mutter . « » – miteinander reden von dem Wahne jener Nacht . Ich wachte , du schliefest . Da lärmt es im Hofe . Ich gehe hinunter , es war nichts und ich lache über meinen leeren Schrecken . Ich wende mich . Du stehst vor mir nachtwandelnd , mit offenen stieren Augen . Ich ergreife dich und führe dich in das Haus zurück . Und du erwachst aus dem abscheulichen Traume , der dich jetzt peinigt und zugrunde richtet . « » Ja und nein , Mutter . Mich weckte ein Ruf , ich sehe dich hinauseilen und folge dir auf dem Fuße . Du standest im Hofe vor den Steinbildern und schaltest den Vater und erzähltest ihm – « sie hielt schaudernd inne . » Was erzählte ich ? « fragte die Richterin . » Du sagtest « – Palma redete ganz leise – » daß ich nicht sein Kind bin . Du sagtest , daß ich schon unter deinem Herzen lag . Du sagtest , daß du und ich ihn getötet haben . « » Liebe Törin « , lächelte Frau Stemma , » nimm all dein Denken zusammen und verliere keines meiner Worte . Ich hätte mit einem Steine geredet ? als eine Abergläubische ? oder eine Närrin ? Kennst du mich so ? Und du wärest nicht das Kind des Comes ? Mit wem war ich denn sonst vermählt ? Habe ich dir nicht erzählt , daß ich eine Gefangene war auf Malmort , bis mich der Comes freite ? Und ich hätte den Gatten getötet ? Ich , die Richterin und die Ärztin des Landes , hätte Gifte gemischt ? Kannst du das glauben ? Hältst du das für möglich ? « » Nein , Mutter , nein ! Und doch , du hast es gesagt ! « » Palma , Palma , mißhandle mich nicht ! Sonst müßte ich dich hassen ! « Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der Mutter , die das schluchzende Haupt an sich preßte . » Du bringst mich um mit deinem Weinen « , sagte sie . » Glaube mir doch , Närrchen ! « Palma hob das Angesicht und blickte um sich . » Weidet hier am Rande ein Zicklein , Mutter ? « » Ja , Palma . « » Läutet dort Maria in valle ? « Sie wies ein im Tale schimmerndes Kloster . » Ja , Palma . « » Ebenso wahr , als ich jetzt nicht träume und das Zicklein weidet und das Kirchlein läutet , ebensowenig habe ich geträumt , daß du vor Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast . Es war so , es ist so . Du sprachst immer die Wahrheit , Mutter . « » Ich sage dir , Palma , es ist ein Traum . Und ich will , daß es ein Traum sei ! « Palma erwiderte sanft : » Belüge mich nicht , Mutter ! Habe ich doch vorhin , da du mich an dich preßtest , den scharfen Kristall empfunden , welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast . « Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr Kind , glitt aber langsam auf die Bank zurück , und nachdem sie eine Weile in den Boden gestarrt , sagte sie : » Wäre es so und hätte ich so getan , so wäre es deinetwegen . « » Ich weiß « , sagte Palma traurig . » Habe ich es getan « , wiederholte Stemma , » so tat ich es dir zuliebe . Ich tötete , damit mein Kind rein blieb . « Palma zitterte . » Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt , Unselige ? « flüsterte Stemma ingrimmig . » Ich hütete es . Ich verschonte dich . Du hast es mir geraubt ! Nun ist es auch das deinige und du mußt es mir tragen helfen ! Lerne heucheln , Kind , es ist nicht so schwer , wie du glaubst ! Aber wo sind deine Gedanken ? Du bist abwesend ! Wohin träumst du ? « » Was ist aus Wulfrin geworden ? « fragte sie leise und eine schwache Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen . » Ich weiß nicht « , sagte die Richterin . » Jetzt verstehe ich , daß er mich verabscheut « , jammerte Palma . » O ich Elende ! Er stößt mich von sich , weil er Mord an mir wittert . Mir graut vor meinem Leibe ! Läge ich zerschmettert ! « » Ängstige dich nicht ! Wulfrin hat keinen Argwohn . Er ist gläubig und er traut . « » Er traut ! « schrie Palma empört . » Dann eile ich zu ihm und sage ihm alles wie es ist ! Ich laufe , bis ich ihn finde ! « Sie wollte aufspringen , die Mutter mußte sie nicht zurückhalten , erschöpft und entkräftet sank sie ihr in den Schoß . » Ich verrate dich , Mutter ! « » Das tust du nicht « , sagte Stemma ruhig . » Mein Kind wird nicht als Zeugin gegen mich stehen . « » Nein , Mutter . « Die Richterin streichelte Palma . Diese ließ es geschehen . Darauf sagte sie wieder : » Mutter , weißt du was ? Wir wollen die Wahrheit bekennen ! « Frau Stemma brütete mit finstern Blicken . Dann sprach sie : » Foltere mich nicht ! Auch wenn ich wollte , dürfte ich nicht . Dieser wegen ! « und sie deutete auf ihr Gebiet . » Würde laut und offenbar , daß hier während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat , irre würden tausend Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit ! Palma ! Du mußt schweigen ! « » So will ich schweigen ! « » Du bist meine tapfere Palma ! « und die Richterin schloß ihr den Mund mit einem Kusse . » Aber Kind , Kind , wie wird dir ? « Palmas Augen waren brechend und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der Mutter . Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die Burg zurück . Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot . Sie kniete sich nieder , brach und tunkte den Bissen und bot ihn der Entkräfteten . Diese wandte sich ab . Da bat und flehte die Richterin : » Nimm , Kind , deiner Mutter zuliebe ! « Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund , doch er versagte den Dienst . Stemma sah eine Sterbende . Da starb auch sie . Ihr Herz stand stille . Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz . Eine Weile kniete sie starr und steinern . Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin und ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle . » Palma « , sagte sie zärtlich und dieser warme Klang hob die Lider des Kindes , » Palma , was meinst du ? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort . Wir treten vor ihn Hand in Hand , wir bekennen und er richtet . « Da freuten sich die Augen Palmas und ihre Pulse schlugen . » Nimm den Bissen « , sagte die Richterin und speiste und tränkte ihr Kind . Sie führte die Neubelebte in den Hof zurück . In der Mitte desselben stand Rudio , noch keuchend vom Ritte . » Heil und Ruhm dir , Herrin ! « frohlockte er . » Ich melde den Kaiser ! Der Höchste sucht dich heim ! Er naht ! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz Rätien ! « » Dafür sei er gepriesen ! « antwortete die Richterin . » Komm , Kind , wir wollen uns schmücken ! « Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte , hieß er Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurückbleiben und betrat allein den Hof von Malmort . Stemma und Palma standen in weißen Gewändern . Die Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie . Palma hinter ihr tat desgleichen . Karl hob die Richterin von der Erde und sagte : » Du bist die Frau von Malmort . Ich habe deine Botschaft empfangen und bin da , Ordnung zu schaffen , wie du gefordert hast . Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet . Ich will diesem Gebirge einen Grafen setzen . Weißt du mir den Mann ? « » Ich weiß ihn « , antwortete die Richterin . » Es ist Wulfrin , Sohn Wulfs , dein Höfling , ein treuer und tapferer Mann , zwar noch leichtgläubig und unerfahren , doch die Jahre reifen . « » Ich führe ihn mit mir « , sprach der Kaiser , » aber als einen , der sich selbst anklagt und dein Gericht begehrt , sich so großen Frevels anklagt , daß ich nicht daran glauben mag . Frau , heute ist mir unter diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet . Vor deiner Burg hat mein Roß an einer Toten gescheut , die mitten im Wege lag . Ich ließ sie aufheben . Es ist deine Eigene . Sie harrt vor der Schwelle . « Er dämpfte die Stimme : » Frau , was verbirgt Malmort ? Wärest du eine andere , als die du scheinest , und stündest du über einem begrabenen Frevel , so wäre deine Waage falsch und dein Gericht eine Ungerechtigkeit . Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet . Gib dich in meine Hände . Mein ist die Gnade . Oder getraust du dich , Wulfrin zu richten ? « » Herr « , antwortete sie , » ich werde ihn und mich richten unter deinen Augen nach der Gerechtigkeit . « Karl betrachtete sie erstaunt . Sie leuchtete von Wahrheit . » So walte deines Amtes « , sagte er . Dann ging er auf das knieende Mädchen zu . » Palma novella ! « sagte er und hob sie zu sich empor . Sie blickte ihn an mit flehenden und vertrauenden Augen und sein Herz wurde gerührt . » Rudio « , gebot die Richterin , » bringe Faustinen her ! « Der Kastellan gehorchte und trug die Bürde herbei , die er an den Grabstein lehnte . » Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit ! Alles Volk trete ein und sehe und höre ! « Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum . Die Höflinge scharten sich um den Kaiser , Alkuin und Graciosus unter ihnen , während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm , ein dichter und schweigender Kreis , in dessen Mitte die Gestalt des Kaisers ragte , in langem blauen Mantel , mit strahlenden Augen . Neben ihm Stemma und ihr Kind . Vor den dreien stand Wulfrin und sprach , den Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet : » Jetzt richte mich ! « » Gedulde dich ! « sagte sie . » Erst rede ich von dieser « , und sie wies auf die entseelte Faustine , die mit gebrochenen Augen und hangenden Armen an der Gruft saß . » Räter « , sprach sie und es wurde die tiefste Stille , » ihr kennet jene dort ! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene , wofür ihr sie hieltet . Nun ist ihr Mund verschlossen , sonst riefe er : Ihr irret euch in mir ! Ich bin eine Sünderin . Ich , die das Kind eines andern im Schoße barg , habe den Mann gemordet . « – » Frau « , schrie Wulfrin ungeduldig , » was bedeutet die Magd ! Mich laß reden , meinen Frevel richte , damit ein Ende werde ! « » Nun denn ! Aber zuerst , Wulfrin – nicht wahr , wenn diese hier « – sie zeigte Palma – » nicht das Kind deines Vaters , nicht deine Schwester , sondern eine andere und Fremde wäre , dein Frevel zerfiele in sich selbst ? « » Frau , Frau ! « stammelte er . » Kaiser und Räter « , rief Stemma mit gewaltiger Stimme , » ich habe getan wie Faustine . Auch ich war das Weib eines Toten ! Auch ich habe den Gatten ermordet ! Die Herrin ist wie die Eigene . Hört ! Nicht ein Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam ! « Sie streckte den Arm scheidend zwischen Wulfrin und Palma . » Hört ! hört ! Kein Tropfen gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe ! Zweifelt ihr ? Ich stelle euch einen Zeugen . Palma novella , das Kind Stemmas und Peregrins des Klerikers , hat das Geheimnis meiner Tat belauscht . Sie glaubt daran und stirbt darauf , daß ich wahr rede . Gib Zeugnis , Palma ! « Aller Augen richteten sich auf das Mädchen , das mit gesenktem Haupte dastand . Palma bewegte die Lippen . » Lauter ! « befahl die Richterin . Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe : » Concepit in iniquitatibus me mater mea ... « Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Kniee und murmelte : » Miserere mei ! « Wulfrin streckte die Arme und rief gen Himmel : » Ich danke dir , daß ich nicht gefrevelt habe ! « Karl aber trat zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel . » Nun richte du , Kaiser ! « sprach Stemma . » Richte dich selbst ! « antwortete Karl . » Nicht ich « , sagte sie , wendete sich zu dem Volke und rief : » Gottesurteil ! Wollt ihr Gottesurteil ? « Es redete , es rief , es dröhnte : » Gottesurteil ! « Da sprach die Richterin feierlich : » Erstorbenes Gift , erstorbene Tat ! Lebendige Tat , lebendiges Gift ! « und hatte den Kristall aus dem Busen gehoben und geleert . Eine Weile stand sie , dann tat sie einen Schritt und einen zweiten wankenden gegen Wulfrin . » Sei stark ! « seufzte sie und brach zusammen . Rudio neigte sich über die Tote , hob sie auf seine Arme und trug sie zu Faustinen . Dort saß sie am Grabe , die Hörige aber neigte sich und legte das Antlitz in den Schoß der Herrin . Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen , das einen jammervollen Blick nach der Mutter warf , faltete die Hände und gebot : » Oremus pro magna peccatrice ! « Alles Volk betete . Dann sagte er mit milder Stimme : » Was wird aus diesem Kinde ? Ich ziehe nicht , bis ich es weiß . Wie rätst du , Alkuin ? « » Sie tue die Gelübde ! « riet der Abt . » Ehe sie gelebt hat ? « schrie Wulfrin angstvoll . » Dann weiß ich ein anderes . Graciosus « – der Abt hielt ihn an der Hand – » dieser hier , ein frommer Jüngling , hat ein Wohlgefallen an der Ärmsten – « » Herr Abt « , unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich , » das geht über Menschenkraft . Mir graut vor dem Kinde der Mörderin . Alle guten Geister loben Gott den Herrn ! « Wulfrin sprang in die Mitte . » Kaiser und ihr alle « , rief er , » mein ist Palma novella ! « Da redete Karl : » Sohn Wulfs , du freiest das Kind seiner Mörderin ? Überwindest du die Dämonen ? « » Ich ersticke sie in meinen Armen ! Hilf , Kaiser , daß ich sie überwältige ! « Karl hieß das Mädchen knieen und legte ihr die Hände auf das Haupt . » Waise ! Ich bin dir an Vaters Statt ! Begrabe , die deine Mutter war ! Dieser folge mir ins Feld ! Gott entscheide ! Kehrt er zurück und stößt er ins Horn , so freue dich , Palma novella , fülle den Becher und vollende den Spruch ! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und schleudert sie in das Gebälke von Malmort ! «