unversöhnlichen Grams , der mein Herz verzehrt ! . . . Damit ich in deine Stapfen trete ... Ich bin der Ärmste und Elendeste der Sterblichen ... Siehe , ich gehöre dir zu und kann nicht von dir lassen , du geduldiger König der verhöhnten und gekreuzigten Menschheit ! . . . ‹ Nachdem der Kanzler noch eine Weile mit dem Bilde geflüstert , wendete er sich langsam und entdeckte mich auf meinem Schemel . Ich hielt mich unverwundert und beschloß tapfer zu lügen , wenn er mich früge , ob ich ihn belauscht hätte . Er aber näherte sich mit ruhigen Schritten , unmerklich lächelnd . – › Sohn Japhets ‹ , sprach er mich an , › du hast unter den Kindern Sems gelebt und weißt , daß sie es nicht glauben , der Ewige habe seinen einigen Sohn ans Kreuz schlagen lassen – wie belehrst du sie eines Besseren ? ‹ Ich erhob meine Augen fest auf den Kanzler und antwortete unverzagt : › Mein Salvator hat den Verräter Judas geküßt und seinen Peinigern vergeben ; solches aber vermag ein bloßer Mensch nicht , denn es geht gegen Natur und Geblüt . ‹ Herr Thomas wiegte leise das Haupt . › Das hast du recht gesagt ‹ , meinte er , › es ist schwer und unmöglich . ‹ – Waren aber die Worte des Kanzlers nicht allesamt christlich , so wurden es seine Werke je mehr und mehr . Es schien in jenen Tagen , als wolle Herr Thomas , müde seines Glanzes , der Herrlichkeit sich entkleiden und , selbst ein friedloser und herzkranker Mann , Übel heilen und Frieden bringen , soweit seine Macht reichte . Aber er tat es mit furchtsamer Klugheit , damit der König und die Normannen seiner nicht spotteten oder einen Argwohn gegen ihn faßten . Es wurde ihm nicht schwer dem Könige zu zeigen , daß es klug sei , nicht über Maß seine Sachsen zu belasten und sie nicht zur Verzweiflung zu treiben , und daß es vorteilhaft sei , als ein gütiges Wesen über ihnen zu stehen , großmütiger als seine Normannen , die ihre sächsischen Knechte und Mägde nach ihrem Gefallen mißhandelten . So durfte er mit königlichen Gesetzen das sächsische Volk erleichtern , nicht auffällig und herausfordernd , sondern umsichtig und verborgen , um die Normannen nicht zu reizen . Begreift , er packte die Last auf dem Rücken des Saumtieres um , ohne sie zu vermindern , und sorgte nur dafür , daß die Riemen nicht zu tief ins Fleisch schnitten . Aber auch den Normannen erwies er Dienste und verdoppelte gegen sie seine Freigebigkeit . Er überhäufte sie mit Gunst und fürstlichen Geschenken und schlichtete ihre persönlichen Zwiste mit weisen Schiedsprüchen . Hatten sich zwei Mächtige verfeindet , so trat er als Friedensstifter zwischen sie . › Wer bin ich ? ‹ sagte er dann wohl , › um mich in die Angelegenheiten der Großen zu mischen ? Ein Diener meines Herrn , der ihm die Stützen seines Thrones erhalten will . ‹ Und die zwei Feinde gingen versöhnt und in ihrem Stolze befriedigt von ihm . Hätte sich Herr Fauconbridge nur warnen lassen ! Dieser beneidete den Kanzler um seine Gunst bei beiden Königen , Herrn Heinrich und dem Kapetinger , und stellte ihm nach mit gezogenem Schwerte , aber auch mit heimlicher Verleumdung und der Schrift des Kanzlers nachgefälschten , an den König von Frank reich gerichteten Briefen , mit denen er unter der Hand Herrn Thomas des Hochverrats bezichtete , während er selbst mit dem Hofe von Frankreich gefährliche Ränke spann . Doch Herr Thomas durchschaute und überblickte ihn . Er lud ihn ohne Wissen und Beunruhigung des Königs zu sich – ich selber trug den Brief – und legte ihm dann mit gelassenen Worten und in sichern Beweisstücken die Wahrheit vor . – Weil er ihn aber , ohne Rache an ihm zu suchen , ziehen ließ , statt ihn , wie er gekonnt hätte , mit einem Schlage zu vernichten , hielt ihn der Normann für einen vorsichtigen Feigling , der sich vor dem entscheidenden Streiche fürchte , und gebärdete sich fortan zwiefach sicher und frech , bis er mit einer Tat offener Felonie die Krone angriff und man ihm dann freilich sein Blutgerüst zimmern mußte . Dergestalt verlor Herr Fauconbridge , dessen Ahnen mit dem Eroberer gekommen waren , sein Erbe und sein Haupt durch die langmütige Barmherzigkeit des Kanzlers . Als dieser dem Könige später erzählte , er habe die verwegenen Pfade des rebellischen Barons von Anfang an gekannt und im Auge behalten , der König aber ihn fragte , warum er den Verräter nicht früher entlarvt habe , antwortete der Kanzler : › O Herr , wozu ? . . . Es regen sich unter dem Tun eines jeglichen unsichtbare Arme . Alles Ding kommt zur Reife und jeden ereilt zuletzt seine Stunde . ‹ VIII VIII Da begab es sich eines Tages , daß der König mit seinem Kanzler über Staatsgeschäften zusammensaß . Das war in einem Schlosse der Normandie . Der Herr ließ sich von mir den Becher füllen mit jenem leichten Schaumweine , den er liebte , und der Kanzler legte ihm den Inhalt der eben aus Engelland angelangten Botentasche vor . Einen Brief , an welchem das Siegel von Canterbury hing , behielt er bis zuletzt und sprach dann , denselben vor dem Könige entfaltend , in seiner ruhigen Art : › Der Primas von Canterbury ist zu Anfang verwichener Woche gestorben , erhabener Herr . ‹ – Herr Heinrich wunderte sich wenig darüber . Ohne etwas zu entgegnen , ließ er wohlgefällige Blicke auf dem Kanzler ruhen . › Er kränkelte schon lange ‹ , fuhr Herr Thomas fort , › doch glaubte ich ihn seinem Ziele noch nicht so nahe . Jetzt ist für dich , o König , und für die englische Staatsmacht die gelegene Zeit , die entscheidende Stunde gekommen , wo du das schädliche Geschwür deines Reichs , die geistliche Gerichtsbarkeit , schneiden und heilen kannst . Wenn mein Herr diese gefährliche Stelle mit kühner Wahl besetzt , so ist er der Erfüllung seiner königlichen Wünsche nahege rückt . ‹ Der König zwinkerte schalkhaft mit den Augen , sei es , daß er wie gewöhnlich an der Weisheit seines Kanzlers sich ergötzte , sei es , daß er dieselbe mit der seinigen diesmal noch zu überbieten und zu überraschen hoffte . Herr Thomas sah die schlaue Miene des Königs und beobachtete sie gelassen . › Auch einen besseren Heiligen Vater als den , welchen sie vor etlichen Monden in Rom auf den Thron gehoben haben , könnten wir uns nicht wünschen . Er hat eine Leidenschaft , durch welche wir ihm menschlich nahekommen können . Mit gelehrter Hast sammelt und betrachtet er Münzen , und , wunderbar , während er sich begnügt , die alten römischen Imperatoren in ein paar wohlerhaltenen Exemplaren zu besitzen , kann er deiner Goldstücke , o Herr , nie genug bekommen , zu Hunderten , zu Tausenden ersehnt er sie , weil sie dein erhabenes Antlitz tragen und er an ihm , als an demjenigen eines treuen Sohnes der Kirche , sein Gefallen findet . ‹ Herr Heinrich schüttelte sich vor Lachen , während der Kanzler diese Hohnrede mit ernstem und traurigem Munde , wie er immer zu scherzen pflegte , vortrug . › Wie aber wird mein Herr nun den Stuhl des Primas besetzen ? ‹ sprach er weiter . › Mit jenem Bischof , oder mit diesem Abte ‹ – ich bin der Namen nicht mehr sicher , und möchte Euch um nichts in der Welt , auch nur in einer Kleinigkeit , das Unwahre sagen – › beide sind sie geeignet für die Zwecke meines Herrn , doch vielleicht der Abt noch besser , denn er ist der lasterhaftere . ‹ › So läßt er sich leichter handhaben ‹ , ging der König auf den Gedanken seines Kanzlers ein . › Der Bischof wäre nicht weniger gefügig ‹ , versetzte Herr Thomas , › der Vorzug des Abtes ist ein anderer und ich gebe nur der Weisheit meines Königs Worte , wenn ich der Gefahr deiner Politik folgendermaßen das Antlitz aufdecke . Du weißt , o Herr , wie und warum der Eroberer , dein erhabener und ruhmbedeckter Ahne , die englischen Bistümer nicht nur mit der Gerichtsbarkeit über die Kleriker , sondern , was den Staat entkräftet und zerstört , über die Händel zwischen Klerikern und Laien begabt hat . Das war damals nützlich , da die ersten Bischöfe des Eroberers Kreaturen waren ; jetzt ist es schädlich und unerträglich , denn aller Eigenwille deiner Normannen duckt unter den Bischofsstab , und jeder Empörer gegen deine Majestät läßt sich eine Krone scheren , um die Blitze deiner Gerechtigkeit ungestraft verhöhnen zu können . ‹ Mein Herr und König ballte seine auf der Lehne des Stuhles liegende Hand , denn er war ein Freund der Ordnung und der Gerechtigkeit . › Deiner Weisheit ist nicht verborgen ‹ , bemerkte Herr Thomas , › warum auch erschlichene Rechte der Kirche sich so schwer mindern oder aufheben lassen : weil die Kirche ein Doppelwesen ist , das aus Leib und Seele besteht . Der Leib ist ein Heer von Geschorenen und Ehelosen , ein paar tausend von Münstern und Klöstern , ein Bündel von Gebräuchen , Gelübden und auf Fabeln und Fälschungen beruhenden Ansprüchen . – Die Seele der Kirche aber ist Tugend , Bescheidenheit , Erbarmen , Keuschheit ‹ – der König machte unwillkürlich eine Gebärde und zuckte mit den Wimpern – › kurz , alles , was jener andere lehrte , den sie gekreuzigt haben . ‹ Ihr müßt wissen , Herr Burkhard , daß der Kanzler den Salvator nie bei einer seiner hochgelobten Würden nannte , sondern immer nur den › andern ‹ , und ich meine , daß es seinem heidnischen Blute widerstrebte , den heiligen Namen auszusprechen . › Das Volk aber , o Herr , kann Gefäß und Inhalt nicht trennen ; – hast du es mit einem Primas zu tun , der durch seine Tugend Gewalt über die englischen Seelen übt , du nimmst ihm nicht ein Titelchen seiner Vorrechte . Darum wähle du einen öffentlichen Sünder , einen unbestritten Lasterhaften wie unsern Abt ... ‹ « Also fuhr der Armbruster , der im besten Zuge war , in der Rede des Kanzlers fort , doch Herr Burkhard hatte sich gegen ihn vorgeneigt und zupfte ihn am Ärmel . » Armbruster « , tat er Einspruch , » ich halte dich für einen wahrhaften Mann ; aber es wird mir schwer zu glauben , daß ein jetziges Mitglied der triumphierenden Kirche sich bei Lebzeiten , auch vor seiner Bekehrung , über die hienieden streitende so schnöde geäußert und deinem König einen so ruchlosen Rat gegeben . Ich habe es dir gesagt , dem neuen Heiligen bin ich nicht grün ; aber was zuviel ist , ist zuviel . Das kommt aus deinem Eigenen ! « » Herr « , versetzte Hans der Engelländer mit einem bösen Lächeln unter seinem grauen Barte , » es mag sein , daß der Kanzler dazumal nicht diese körperlichen Worte ausgesprochen hat , dem Geiste nach aber hat er sich so ergangen , das dürft Ihr mir glauben , und nicht ein- sondern hundertmal – versteht mich , als Staatsmann . Er hat vor meinem Könige diese Frage häufig erörtert . Daß aber etwas von dem Meinigen beifloß , ist nicht unmöglich , denn leider beten wir alle dieselbe Litanei , sobald auf die Sitten der Pfaffheit die Rede fällt – natürlich mit gebührender Ausnahme Eures Stiftes und noch mehr Eurer eigenen ehrwürdigen Person . – Gesetzt aber auch , meine Geschichte wäre etwas ins Ungewisse geraten , von jetzt an wird sie echt und unumstößlich wie das Evangelium . Denn was nun geredet wurde , haftet in meinem grauen Kopfe wie die römische Schrift auf einem umgestürzten Meilenstein , dessen Bruchstücke noch die unauslöschlich eingegrabenen Lettern tragen . Bei der Gnade der Mutter Gottes , ich rede die Wahrheit und lüge nicht . Wo aber stand ich , ehrwürdiger Herr , als Ihr mich unterbrochen habt ? « » Bei deinem lasterhaften Abte « , versetzte der Alte noch etwas gereizt . » Zweifelt nicht daran , daß der Kanzler ihn empfohlen hat ! « fuhr Hans mit Feuer fort . » › Mein König ‹ , sagte Herr Thomas , › diesem tierischen Menschen wird es nicht gelingen , die Rechte seines Stuhles als göttliche zu verteidigen . Du wirst sie ihm entreißen – und dann : weg mit ihm ! ‹ Er stieß diese Worte verachtungsvoll von seinen feinen Lippen und fügte hinzu : › Der Unreine wird sich überdies selbst zerstören . Begnügt er sich doch nicht , o Herr , wie deine anderen Bischöfe , Buhlerinnen zu halten , sondern überfällt und verdirbt die unschuldige Jugend . ‹ Ich meine , daß der Kanzler nur jenen landkundigen Sünder im Sinne hatte ; aber unversehens mußte ich an Gnade denken und auch der König bewegte sich unruhig . Doch schnell überwand er die Scham und verwarf diesen Verdacht , wußte er doch , daß Herr Thomas es verschmäht hätte , sein Inneres durch eine Anspielung zu enthüllen . In der hellen Laune eines Freigebigen , der im Begriffe steht , ein großes Geschenk zu machen , und mit freudestrahlenden Augen fuhr der König fort : › Wohin denkst du , Thomas ? Diesen Stuhl , worin zwei Heilige und Gelehrte gesessen haben , von denen der eine , der selige Lanfranc , den die Wandlung leugnenden Ketzer Berengar besiegt , der andere , St. Anselm , einen triumphierenden Beweis für das Dasein Gottes geführt hat , diesen Stuhl sollte ich mit einem Schweine besetzen ? Das bleibe ferne von meinem königlichen Willen ! ‹ Und mein Herr und König freute sich seines Wissens . In der Miene des Kanzlers war die vorwurfsvolle Frage zu lesen , ob ihm Herr Heinrich durch eine plötzliche Laune lang erwogene Pläne durchkreuzen werde . Der König ergriff seinen Becher und leerte ihn fröhlich . › Ich will meinen Pfaffen einen Primas setzen , darob sie sich wundern werden , einen Mann von vornehmer und unbefleckter Sitte , einen spitzfindigen Philosophen und dazu einen mir ergebenen Mann und geborenen Gegner des päpstlichen Wesens . ‹ Herr Thomas aber erwiderte mit einem ungläubigen Lächeln : › Ich lasse meine Blicke , o Herr , durch deinen Klerus wandern , aber sie suchen deinen Erwählten vergebens . ‹ › Du errätst nicht ? ‹ drängte der König , › ich will dir zu Hilfe kommen ! ich sage dir , wahrlich keiner wird auf dem Stuhle des Primas sitzen als du ! ‹ Der Kanzler blieb ruhig , aber im allmählichen Erblassen wich jede Farbe aus seinem Antlitz . Er lehnte sich in seinen Sessel zurück . Dann wendete er , den Anblick des Königs vermeidend , seine dunkeln Augen seitwärts zu mir . Mit zwei Fingern seiner lässig herabhangenden Rechten hob er eine Falte seines Purpurgewandes langsam in die Höhe , so daß die zurückgebogenen Schnäbel seiner köstlichen Schuhe sichtbar wurden . › Bogner ‹ , scherzte er und streifte mit einem verächtlichen Blicke seine von Edelsteinen schimmernde Kleidung , › beschaue dir einmal den heiligen Mann ! ... Diesen Täufer Hans , der die weichen Kleider verschmäht , die man an den Höfen der Könige trägt – betrachte dir diesen guten Hirten , der das verirrte Lamm auf den Schultern heimholt und sein Leben läßt für die Herde . ‹ Der König stieß ein grelles Gelächter aus – mir aber ward übel dabei zumute . Inzwischen hatte sich der Kanzler mit kaltem Angesichte gegen den König gewendet . › Hoheit ‹ , sagte er , › diese Wahl ist nicht dein Ernst . Sie ist eine unmögliche in den Augen deiner Bischöfe , deiner Normannen und deiner Sachsen . – Soll der englische Klerus , als seinem Vater , einem geschmeidigen Höfling gehorchen , weil dieser einmal in seiner Jugend durch Zufall , oder um eines Vorteils willen die erste Weihe empfangen hat – soll ein Sachse die Seelen deiner Normannen , oder ein Abtrünniger – wie sie ihn nennen – die Seelen deiner Sachsen weiden ? Herr , dein Kanzler widerrät dir diese schlechte Wahl . ‹ › Sie ist die vortrefflichste ‹ , behauptete Herr Heinrich hartnäckig . – › Du auf dem Stuhl von Canterbury , und der Thron St. Petri kracht in seinen Fugen ; du unter der Mitra , und dem Heiligen Vater wackelt die seinige auf dem Kopfe ! Schach und Schachmatt ! ‹ › Ich weiß nicht , Herr ‹ , fuhr der Kanzler mit ernsthaftem Spotte fort , › ob du je von jenen plötzlichen Wandlungen gehört hast , die mit einem Menschen vorgehen können , der sein Kleid wechselt und geistliches Gewand anzieht . Es ist kein Geringes , den Hirtenstab zu ergreifen , den zwei jetzt in der Glorie Stehende in den Händen getragen haben : der selige Lanfranc , der die Frucht der Ähre und des Weinstockes als den Leib und das Blut Gottes erkannte , und der heilige Anselm , der den Unergründlichen ergründete . Wenn ich nun durch ein Wunder zu einem wahren Bischof würde ? Das käme dir unerwartet und ungelegen ! ‹ › Thomas , zügle deine Zunge ! ‹ drohte ihm der König mit dem Finger , › ich leide keinen Spott über heilige Dinge ! Wohl ist es schon lange , daß ich anfange dich zu durchblicken . Du hast arabische Philosophie eingesogen – du folgst einer Geheimlehre und bist kein demütiger Christ ; ich aber will als ein solcher leben und sterben ! ‹ › Du kannst nicht glauben , o König ‹ , antwortete Herr Thomas traurig und deutete auf seine Brust , › daß auf diesen abgestorbenen Baum noch ein Tau des Himmels fallen möge – und du hast wohl recht ! Aber auch ohne Frömmigkeit kann man der Welt müde werden . Unter den Flügeln deiner Macht habe ich dieses Reich lange Jahre regiert , mit welchen Mitteln ? Mit Gewalt , Bestechung , Wortbruch ... und mit schlimmern , die ich nicht aussprechen mag . So werden die Reiche der Welt verwaltet , aber ich bin es müde . Was ist mir dieses Engelland ? Ich bin kein Normanne , nicht einmal ein Sachse ! Fremdes Blut fließt in meinen Adern . – Und die Schätze , mit welchen du mich , Großmütiger , überhäufst – für wen sammle ich sie ? – Für den Rost und die Motten ! ‹ Hier sah ich gleich , daß Herr Thomas an den Tod von Gnade dachte , und auch der König war davon gerührt . Eine Träne rollte auf seiner Wange , denn Herr Heinrich hatte ein weiches Herz . › Sunt lacrimae rerum ‹ , murmelte der Kanzler vor sich hin . › Von wem ist dieser Vers , Armbruster ? Du warst ja ein Kleriker ! ‹ wandte er sich von neuem gegen mich , als wollte er die Maske des Gleichmutes , die einen Augenblick gefallen war , wieder vornehmen . › Von dem römischen Poeten Virgilius ‹ , antwortete ich ohne Anstand , › und er bedeutet , daß man die menschlichen Dinge nicht zu stark pressen soll ; denn sie sind innerhalb voller Tränen . ‹ Also wollte ich meinem Herrn und Könige zu Hilfe kommen . › Nimm mir ab das alte Joch ‹ , bat der Kanzler , › statt mir ein neues aufzubürden , das mich zum Doppelsinnigen und Zweideutigen macht . ‹ Einen andern Kanzler suchen ? Unmöglich . Herr Thomas war unentbehrlich und das konnte nicht sein Ernst sein . So sagte sich Herr Heinrich , wie ich mir es denken muß , denn er brach plötzlich in die Worte aus : › Du bist ehrgeizig , ehrgeizig , ehrgeizig ! – Du machst dich kostbar , du Überkluger , weil du dich unersetzlich weißt . Sieh , Thomas , das gefällt mir nicht . Ein fröhlicher Geber , ein fröhlicher Nehmer ! ‹ › Dein Kanzler muß ich bleiben , denn ich glaube , unsere Sterne und unsere Geburtsstunden stehen zueinander in Beziehung ‹ , erwiderte Herr Thomas ; › aber zwinge mich nicht , dein Primas zu werden ! ‹ › Greif zu , greif zu ! ‹ schrie Herr Heinrich , durch diesen Beginn von Nachgiebigkeit angefeuert . › Halt ein , o König ! ‹ rief zu gleicher Zeit der Kanzler – mit einem Blicke , ehrwürdiger Herr , den ich nie vergesse , mit dem Blicke eines Sterbenden . Er fuhr mit der Hand an die Stirn , als brenne ihn dort eine Wunde , und seine Stimme sank zum Geflüster herab : › Wohin werde ich geführt ? In welche Zweifel ? In welchen Dienst und Gehorsam ? In welchen Tod ? ‹ Dann erhob er sie wieder fast drohend zur Frage : › Bist du meiner gewiß , o König ? ‹ › Gewisser als meiner selbst ‹ , versicherte Herr Heinrich , der kein feines Ohr besaß und deshalb die geflüsterten Worte überhört hatte . › Genug des Rätselns ! – Ich brauche dich , Thomas ! Und sage nicht : was geht mich Engelland an ? Meine Gunst hat dich längst über die Sachsen weggehoben und ich habe mehr für dich getan , als für irgendeinen Normann . ‹ Hier verzog ein Blitz des Hohns das Antlitz des Kanzlers ; aber Herr Heinrich achtete dessen nicht und schrie ungeduldig : › Keine Widerrede mehr ! Ich erhebe dich so hoch ich will und du , gehorche ! ‹ Da neigte Herr Thomas sein bleiches Haupt und sprach : › Was du verhängst , das geschehe ! ‹ IX IX So begab sich denn der Kanzler mit unbeschränkter königlicher Vollmacht im Gehorsame seines Herrn nach Engelland zurück , und dort formte und bildete er mit seinen geschickten Fingern die Bischöfe , die den Primas zu wählen hatten , wie geschmeidigen Ton , bis sie aus seiner Meisterhand als seine Geschöpfe hervorgingen und ihre Stimmen zu seinen Gunsten vereinigten . Alles verlief aufs beste . Herr Thomas wurde ernannt und der normännische Bischof von Wincester legte ihm mit bittersüßer Miene und großer Feierlichkeit seinen brüderlichen Segen aufs Haupt . Da gelangte eines Tages eine unglaubliche Mär in die Normandie . Meinem Herrn und Könige wurde berichtet , sein Kanzler habe alle Pracht des weltlichen Lebens mit einem Male und gänzlich von sich getan . Zu dem üblichen Gastmahle seiner Bischofsweihe habe er gegen alle Art und Sitte nicht seine Brüder , die Bischöfe , und übrige vornehme Pfaffheit nebst der Blüte des normännischen Adels geladen , sondern er habe Armut und Schwären , die Bettler und Krüppel von den Landstraßen und Zäunen holen lassen , um seine weiten Säle und seine bischöfliche Tafel würdig zu füllen . Der König hielt dieses staunenswerte Ereignis für erfunden , oder wenigstens von den Neidern und Feinden seines Lieblings ins Große getrieben . Er machte sich über seine normännischen Hofleute lustig , die solches neue und unerhörte Ding verdroß . › Herren ‹ , schäkerte er mit ihnen , › das müßt ihr meinem Kanzler schon lassen , über Miene und schickliche Tracht jeden Standes weiß er Bescheid . In allem zeigt er Geschmack ! Euch hat er in der Vollendung des Höflings vorgeleuchtet und euch alle an feinem ritterlichen Anstand übertroffen . Jetzt gibt er seinen neuen Standesgenossen , den Bischöfen , das hohe Beispiel der echten apostolischen Lebensart . Ein seltener , oh , ein einziger Mann ! ‹ Als neue Kunden die erste bestätigten , hinzufügend , der Primas habe sein kostbares Bischofsgewand gleich nach der feierlichen Handlung der Weihe wieder abgelegt und wandle mit magerem , verfastetem Angesicht in einer groben Kutte durch die Straßen von Canterbury , seine Gäste , die sächsischen Bettler , wo er gehe und stehe , hinter sich herziehend , da wurde Herr Heinrich unsicher und die scherzhaften Anwandlungen vergingen ihm ; doch bald hatte er erraten , daß der unvergleichlich Kluge die Maske eines heiligen Mannes nur vorgenommen , um gegen den Papst in den bevorstehenden Unterhandlungen über die geistliche Gerichtsbarkeit in Engelland eine Macht zu gewinnen . Immerhin beschloß er , selbst zu der Sache zu sehen , und beschleunigte seine Überfahrt nach Engelland . Unterwegs zwischen Dover und London wurde er zu wiederholten Malen von normännischen Herren erwartet und um Recht angerufen gegen den neuen Primas , seinen Kanzler , der sich weigere , ihnen ihre entlaufenen sächsischen Knechte zurückzugeben , welche – so klagten die Herren – jetzt haufenweise den Klöstern zueilen , um sich das Haupt scheren zu lassen , wozu Herr Heinrich mißmutig das seinige schüttelte . Am Morgen nach seiner Ankunft in Windsor versammelte sich in der großen Halle des Schlosses aller Adel , um die heimgekehrte Majestät zu begrüßen . Sie schlummerte noch . Ich aber bewachte die Tür , durch welche mein König in die Halle zu treten pflegte , und von wo sich die glänzende Versammlung leicht überschauen ließ . Unter all den Herren war von nichts anderem die Rede als von der unerklärlich plötzlichen Verwandlung des Herrn Thomas Sie waren gespannt auf seine Erscheinung ; denn sie wußten ; daß er kommen würde , die Majestät zu begrüßen , und unterhielten sich lebhaft mit gedämpften Stimmen , wie es sich in königlichen Gemächern geziemt . Nur Herr Rollo , der Greis , der sie alle um Haupteslänge überragte , tat sich keine Gewalt an und seine Rede grollte wie ein dumpf rollender Donner . Er stand auf der rechten Seite des Saales in einem Kreise bejahrter Herren , die hagerste , trockenste Gestalt unter ihnen , und lästerte nach seiner Art gegen die Gesamtheit der Geschorenen und den neuen Primas insbesondere . › Nie traute ich ihm Mannestreue zu ‹ , schalt der Waffenmeister , › dieser blassen Memme ! Der falsche und feige Sklave duckt seinen dünnen Leib in die Kutte , weil er ihn dort mehr in Sicherheit glaubt , als unter dem Schilde seines Königs . Hätt ich mit dem Heuchler angebunden , solange er ein Schwert trug ! Ihr werdet erleben , der Ränkeschmied stiftet uns schweres Unheil an ! ‹ Und die Herren stimmten ihm bei . Auf der anderen Seite höhnten und kicherten die Jüngern , denen Herr Wilhelm Tracy sein Mokierbüchlein wies . Dieser Herr war ein fertiger Zeichner , müßt Ihr wissen , der mit dem Stifte zu spotten verstand wie kein anderer . Mit einer kleinen Verzerrung verwandelte er ein Menschenantlitz in das eines Tieres oder in das Abbild eines toten Dinges , dem Gelächter aller Welt es preisgebend . Auch mich faßte einmal sein Griffel und schuf mich zu einem krummbeinigen Jagdhund , der dem König in seiner großen Schnauze eine Schnepfe zutrug . Obschon mir damals der Spaß nicht gefiel , war ich der erste ihn zu belachen , denn es war das klügste . Andere , von reizbarerem Blute und besserem Adel als ich , erzürnten sich wohl , wenn sie Herr Wilhelm in solcher Verwandlung auf die Täfelchen seines Buches kritzte , das er jederzeit an den Gurt gekettelt trug . Gut , daß seine Klinge ebenso spitz war als sein Griffel , sonst hätte ihm dessen Schärfe das Leben gekostet . Der Spötter wies jetzt der jungen Ritterschaft ein neues Blatt seiner Schildereien . Neugierig näherte ich mich Herrn Rinald dem Schönen , wie sie ihn nannten , der das Spottbüchlein eben in der Hand hielt . Fr wand sich vor Lachen und ließ dabei das Büchlein auf den Boden fallen . Ich hob es ihm auf und erblickte darin eine seltsame Pflanze . Aus einem mageren Halme , dessen herabhängende Blätter die Ärmel einer Kutte bildeten , wuchs am schwanken Stielchen eines dünnen Halses als Ähre ein mir wohlbekanntes Marterangesicht . Es war die Heuchelgestalt eines Eremiten und der Primas , wie er leibte und lebte . So schnell wird am Hofe ein Gefürchteter zu einem Verlachten . Das Büchlein machte noch die Runde , da vernahm man aus der Ferne einen wunderlichen Klang . Es war eine fromme , ein fältige Litanei , die sich dem Burghofe langsam näherte , von tausend und aber tausend inbrünstigen Stimmen halb kriegerisch halb klagsam gesungen . › Der Primas und seine Bettler ! ‹ ertönte es im Saal und die Herren eilten an die Fenster . Auch ich fand meine Spalte und sah , wie Herr Rollo von der zunächst ragenden Zinne die gepanzerte Rechte gebieterisch ausstreckte . › Die Zugbrücke auf ! Zu die Torflügel ! ‹ schrie er in den Burghof hinunter , wo normännische Waffenknechte das Tor hüteten . Aber der friedliche Heerhaufe : Mönche , Bettler , Kinder , jegliches Volk geringer Art , drückte und drang wie eine Herde unaufhaltsam herein . Die Kriegsknechte konnten Herrn Rollo nicht mehr gehorchen , sie waren unwillkürlich zurückgewichen , denn Herr Thomas hatte sie mit ausgebreiteten Armen gesegnet . Er schritt hinter einem hochgetragenen Kreuze an der Spitze seines armen Zuges . Er , den ich nie anders hatte zu Hofe kommen sehen , als im kostbarsten Aufzuge und mit dem edelsten Geleite trug ein grobes , härenes Gewand , und die Zehen seines nackten auf Sandalen wandelnden Fußes glänzten unter der dunkeln Wolle hervor wie ein Stück Elfenbein . Ehrerbietig und scheu empfing ihn die königliche Dienerschaft um ihn in die Burg zu geleiten . Noch einmal wandte er sich auf der Schwelle gegen die Seinigen und gebot ihnen , geduldig seiner Rückkehr zu harren . Sie gehorchten und lagerten sich demütig auf den Boden , die steinernen Bänke des Hofes und die Stufen der Marmortreppe frei lassend . Mein Blick fiel auf den Sachsen , der dem Primas