wieder auftauchte , und mit ihr wilde Zigeunergesichter , glühend angestrahlt vom Lagerfeuer , nächtliche , über die weite Pußta hinfliegende Reiter , umtobt von mähneflatternden Roßherden , sterbende Helden und kühne Räubergestalten – und diese fremdartigen Gebilde , in denen ein heißes Blut pulsierte , rauschten durch die kleinen Eckfenster hinaus in das keusche , feierliche Schweigen der herabsinkenden heiligen Nacht . Das Gebirge reckte seine dunklen Glieder aufwärts , und der goldflimmernde Himmel spannte sich von einem Bergscheitel zu dem anderen , Kluft und Tiefen ausgleichend , wie der große Versöhnungsgedanke des Gekreuzigten sich breitet über jenes zerklüftete Schöpfungswerk , das wir die Menschheit nennen ... Und diese Menschheit ? Sie schärft seine milden Worte zu Schwertern , mit denen sie sich selbst zerfleischt . Der Baalsglaube macht jenen Stern des Heils , den einst die Hirten über der kleinen Erde aufgehen sahen , zum stummen Götzen und verfolgt den lebendigen Geist , der von ihm ausgegossen , mit blindem Vandaleneifer – umsonst , er leuchtet ! Und mit seinem mächtigen Wort : » Es werde Licht ! « hat Gott selbst gewollt , daß die Nacht nie mehr » die Herrschende « werde ! 5 Noch waren die letzten stürmischen Akkorde unter Juttas Händen nicht verhallt , als die Pfarrerin zur Tür hereinsah . Dieses leuchtende , lebensfrohe Gesicht zeigte nicht die mindeste Spur des Gekränktseins – das war ein Gemüt , das rasch mit sich fertig wurde ; » die können ja nicht wissen , wie einem Mutterherzen zumute ist – « hatte sie versöhnend gedacht , und damit war der Groll verflogen . Sie rief herein , daß die Bescherung nun vor sich gehen könne . Die kleine Gräfin erfaßte ihre Hand , Jutta schlug den Klavierdeckel zu , und Frau von Herbeck erhob sich langsam , mit einem so verbindlichen Lächeln aus der weichen Sofaecke , als sei nie ein arger Gedanke gegen jene Frau an der Tür in ihre Seele gekommen . Unten in seinem engen Studierstübchen saß der Pfarrer bereits am kleinen , altersschwachen Spinett . – Das war freilich kein Kopf , wie ihn so mancher Eiferer auf der Kanzel sehen will . Diese Züge waren nicht abgeblaßt in der düsteren Glut des Fanatismus ; keine Spur jener eisernen Unbeugsamkeit und Intoleranz des finsteren Glaubenseiferers lag auf der Stirne , und das Haupt beugte sich nicht gegen die Brust in dem Bestreben , der Welt ein lebendiges Beispiel christlicher Demut zu sein – er war ein echter Sohn des Thüringer Waldes , eine kraftvolle , markige Gestalt mit breiter Brust , hellen Gesichtszügen und einer so leuchtend offenen Stirne unter dem vollen , dunkeln Kraushaar , als könne kein Gedanke verborgen dahinter weggleiten ... Um ihn her standen seine Kinder , pausbäckige Köpfchen , wie sie drüben in der Kirche über und neben der alten Orgel als Seraphim und Cherubim schwebten . Alle die strahlenden Blauaugen hingen erwartungsvoll an dem Gesicht des Vaters . Er begrüßte die eintretenden Damen mit einer stummen Verbeugung , dann griff er voll in die Tasten , und feierlich , glockenhell setzten die Kinder ein : » Ehre sei Gott in der Höhe , der Herr ist geboren . « Beim Schlusse des Verses öffnete die Pfarrerin langsam die Tür der Nebenstube , und der Glanz des Weihnachtsbaumes floß heraus . Die Kinder stürzten nicht jubelnd hinüber – scheu traten sie über die Schwelle ; das war ja gar nicht die liebe , alte Wohnstube , deren Wände allabendlich in dem Halbdunkel der schwach leuchtenden Talgkerze verschwanden ! Der kleine Spiegel , die Glasscheiben über den wenigen Bildern strömten eine wahre Lichtflut wider , und selbst auf den alten , mattglänzenden Ofenkacheln hüpfte ja ein Lichtlein ... Die kleine Gräfin aber stand da mit dem Ausdruck der Enttäuschung im Gesicht – das sollte ein Christbaum sein ? Diese arme kleine Fichte mit den wenigen fadendünnen Wachsstengeln auf den Zweigen ? Unscheinbar kleine , rote Äpfel , Nüsse , die das vornehme , kränkelnde Kind nicht einmal essen durfte , und einige zweifelhafte Figuren aus braunem Pfefferkuchen – das waren die ganzen Wunderdinge , die sich da droben schaukelten ! Und drunten auf dem groben , weißen Tischtuch lagen Schiefertafeln , Schreibhefte , Bleistifte – lauter Dinge , die sich ganz von selbst verstehen ; deshalb hätte doch das Christkindchen nicht vom Himmel herabzusteigen gebraucht ! ... Und doch , wie jubelten die Kinder jetzt , nachdem die Scheu überwunden war ! Das stumme Befremden der kleinen Gräfin bemerkten sie nicht – sie hätten es ja nicht einmal begriffen ; sie sahen auch nicht das impertinente Lächeln , das bereits beim Anstimmen des Chorals auf Frau von Herbecks Gesicht erschienen war und sich auch jetzt noch behauptete ; erkannten doch selbst die Eltern die Natur dieses Lächelns nicht – die Mutter lächelte ja auch , als ihre kleinen Mädchen schleunigst in die neuen , buntwollenen Unterröckchen krochen und ihr sogenannter » Dicker « schmunzelnd das » nagelneue « Höschen an seine strammen Beinchen hielt , das sie selbst in stiller Nacht und bei verschlossenen Türen aus dem allerersten schäbigen Kandidatenfrack des Herrn Pfarrers zurechtgeschneidert hatte . Und der Vater trug das jauchzende , lallende Fritzchen auf dem Arm – er hatte vollauf zu tun , alle die Merkwürdigkeiten pflichtschuldigst zu bewundern , die Hans Ruprecht in sein Haus gebracht – , ihm blieb keine Zeit , die Gesichter seiner Gäste zu prüfen . Er zog sich übrigens , nachdem der Weihnachtsbaum ausgelöscht war , in seine Studierstube zurück ; einer seiner Kollegen war plötzlich erkrankt , er hatte deshalb eine Predigt mehr für die Feiertage übernommen und mußte sich noch vorbereiten . Frau von Herbeck und Jutta hatten sich gleich zu Anfang der Bescherung auf das Sofa geflüchtet – dort waren wenigstens die Kleidersäume in Sicherheit vor den rücksichtslosen » Pandurenfüßchen « . Nun wurde der vor ihnen stehende Tisch gedeckt ; die alte Rosamunde brachte eine riesige Porzellankanne voll Tee aus der Küche , um die sie eine Schar blinkend sauberer Steinguttassen gruppierte , während die Pfarrerin einen Teller voll frischgebackenen Kuchens , eine Scheibe köstlicher Butter , Honig und ein derbes Schwarzbrot hinstellte . Die kleine Gräfin wandte sich sogleich weg von diesem Weihnachtsschmaus – frischer Kuchen und Schwarzbrot waren ihr streng verboten . Sie kreuzte die Hände wie ein Professor auf dem Rücken und sah dem Treiben der anderen Kinder ernsthaft zu . Der » Dicke « saß auf einem grellrot angestrichenen Gaul und rollte unter » Hü ! « und » Hott ! « durch die Stube . » Das ist ein sehr häßliches Pferd ! « sagte Gisela , als er an ihr vorbeisauste . Der begeisterte Reiter hielt erbost inne . » Es ist nichts häßlich , was einem das Christkindchen bringt « , entgegnete er tief empört – sein kleines Herz war ja voll unsäglicher Dankbarkeit gegen das Christkindchen . » Wirkliche Pferde sind gar nicht so rot und haben auch niemals solche steifen Schwänze « , kritisierte das kleine Mädchen unbeirrt weiter . » Ich will dir lieber meinen Elefanten schenken – der läuft von selber durchs Zimmer , wenn man ihn mit dem Schlüssel aufzieht ; eine Prinzessin sitzt drauf , die nickt mit dem Kopfe – « » So , eine Prinzessin sitzt drauf ? « unterbrach sie der » Dicke « überlegen . » Wo sitze ich denn nachher ? ... Da ist mir mein Gaul doch viel lieber – ich will deinen alten Elefanten gar nicht ! « Damit rollte er peitschenknallend weiter . Gisela sah ihm betreten nach . Sie war gewohnt , daß die Dienerschaft nach ihren Händen haschte und sie zu küssen versuchte , wenn sie Geschenke austeilte , und hier wurde sie so schnöde zurückgewiesen . Noch mehr aber empörte es sie , daß der Junge den » schauderhaften « Gaul so beharrlich schön fand . Sie warf einen Blick auf ihre Gouvernante , allein die war in ein Gespräch mit Jutta vertieft und führte eben mißtrauisch langsam die Teetasse an die Lippen , um sie sofort mit einem leisen Schauder wieder hinzustellen . Das seltsame Kind , das so wenig die Gabe besaß , sich anzuschließen , stand einsam inmitten des Weihnachtsjubels ; seine Abneigung gegen die Puppenwelt ließ es jene Ecke fliehen , wo zwei kleine Mädchen ein dickköpfiges Wickelkind fütterten , und vom » Dicken « war ja der einzige Annäherungsversuch so gründlich abgefertigt worden ... Aber dort an einem Seitentisch , auf dem heute ausnahmsweise auch ein Licht brannte , stand der Erstgeborene des Hauses , ein ungefähr neunjähriger Knabe , und neben ihm die Schwester , die ihm im Alter folgte . Beide lasen eifrig , alles um sich vergessend , in einem Buche . Auf den fleckenlosen sauberen Tisch hatte das kleine Mädchen sein schneeweißes Taschentuch gebreitet , und erst auf diesem lag das Buch wie ein Allerheiligstes ; die Kinder wagten kaum mit den äußersten Fingerspitzen die neuen Blätter umzuwenden – es waren die Grimmschen Märchen , die der Vater unter den Christbaum gelegt hatte . » Die Sterntaler « , las der Knabe mit halblauter Stimme . » Es war einmal ein kleines Mädchen – « Mit zwei Schritten stand Gisela neben ihm , der Anfang klang verlockend . Sie verstand schon fließend zu lesen , und eine so eigentümliche grübelnde Richtung auch die Geisteskräfte dieses noch so jungen Wesens bereits annahmen – die Märchenwelt mit ihren nicht zu ergründenden Wundern übte deswegen doch ihren ganzen bestrickenden Zauber auch auf diese Kinderseele . » Gib mir das Buch lieber in die Hand , ich will vorlesen « , sagte Gisela zu dem Knaben , nachdem sie , auf den Zehen stehend , vergebens versucht hatte , einen Einblick in das Buch zu gewinnen . » Das tu ' ich nicht gern « , antwortete er und fuhr sich verlegen mit der Hand in die blonden Kraushaare . » Der Papa will mir morgen erst den schönen Einband in einen Papierbogen schlagen . « » Ich werde ihn nicht verderben « , unterbrach ihn die Kleine ungeduldig . » Gib das Buch her ! « Sie streckte die Hand aus . In dieser sehr herrischen Gebärde lag die ganze Zuversicht des verwöhnten vornehmen Kindes , das einen direkten Widerspruch gar nicht kennt . Der Knabe maß die kleine Gestalt mit sehr erstaunten Blicken . » Oho , so geschwind geht das nicht ! « rief er abwehrend . Als Ältester der Kinderschar war er den Eltern bereits eine Stütze bei Erziehung seiner Geschwister . Er hatte die Aufgabe , leuchtendes Vorbild zu sein , und dieses Ehrenamt voll mancher Selbstverleugnung gab ihm sehr viel äußere Würde ... Er schlug das Taschentuch schützend um den Einband des Buches und nahm es auf . » Nun , meinetwegen , du sollst es haben « , sagte er ernsthaft , » aber du mußt auch hübsch artig sein und bitten – alle Kinder müssen bitten . « War die Kleine bereits gereizt durch die Szene mit dem » Dicken « , oder bekam das Bewußtsein ihrer hohen Lebensstellung in diesem Augenblicke wirklich die Oberhand in ihr – genug , aus den schönen , rehbraunen Augen funkelte ein maßloser Hochmut , und dem Knaben den Rücken wendend , sagte sie verächtlich : » Das brauche ich nicht ! « Die Wirkung dieser Worte war eine große . Der eben vorüberrollende Reiter hielt seinen Gaul an – wenn auch selbst mit einer bedeutenden Dosis Trotz begabt , ging ihm diese unerhörte Antwort denn doch über den Spaß – und die zwei kleinen Ziehmütterchen ließen ihr hilfloses Wickelkind in der Ecke liegen und kamen schleunigst herbei , um mit großen , weitgeöffneten Augen » das ungezogene Mädchen « anzustarren – alle aber wiederholten wie aus einem Munde : » Alle Kinder müssen bitten ! « Dieser einstimmige Ruf schreckte auch Frau von Herbeck plötzlich aus ihrem Zwiegespräch mit Jutta auf . Das , was die Kinder riefen , und die feindselige Haltung ihrer Schutzbefohlenen ließen sie sogleich begreifen , was vorgegangen war ; mit einer so erschrockenen Hast , als sähe sie das gräfliche Kind bereits über einem Abgrund schweben , erhob sie sich und rief hinüber : » Gisela , mein Kind , ich bitte dich , komme sofort zu mir ! « In diesem Augenblick trat die Pfarrerin , die Fritzchen zu Bett gebracht hatte , ins Zimmer . » Sie will nicht bitten , Mama ! « riefen ihr die Kinder entgegen und zeigten auf Gisela , die noch unbeweglich mitten im Zimmer stand . » Nein , ich will auch nicht ! « wiederholte sie , aber diesmal klang ihre Stimme bei weitem nicht mehr so hart und sicher den scharfen , klugen Augen der Pfarrerin gegenüber . » Die Großmama hat gesagt , das schicke sich nicht für mich – nur den Papa darf ich bitten , alle anderen nicht , auch Frau von Herbeck nicht ! « » Sollte die Großmama das wirklich gesagt haben ? « fragte die Pfarrerin ernst , liebevoll , indem sie das Köpfchen der kleinen Widerspenstigen zurückbog und ihr voll in das trotzige Antlitz sah . » Ich kann Ihnen versichern , meine beste Frau Pfarrerin , daß dies die unumstößliche Willensmeinung der hochseligen Frau Gräfin allerdings gewesen ist « , antwortete Frau von Herbeck an Stelle des Kindes mit unbeschreiblicher Impertinenz , » und ich sollte meinen , niemand habe wohl mehr Recht zu derartigen Erziehungsmaßregeln gehabt , als gerade sie in ihrer erlauchten Stellung ! ... Übrigens möchte ich Ihnen – lediglich im Interesse Ihrer Kleinen selbst – den wohlgemeinten Rat geben , ihnen ein wenig klar zu machen , daß sie in der kleinen Reichsgräfin Sturm denn doch etwas ganz anderes zu sehen haben , als in Hinz und Kunz , mit denen sie für gewöhnlich verkehren mögen . « Ohne eine Silbe auf diesen » wohlgemeinten Rat « zu erwidern , forderte die Pfarrerin ihren Ältesten auf , den Hergang zu erzählen . » Du mußtest zuvorkommender sein « , sagte sie verweisend , als er geendet hatte , » und der kleinen Gisela das Buch geben , sobald du auch nur merktest , daß sie es wünschte – denn sie ist unser Gast , das durftest du nicht vergessen , mein Sohn ! « Dann öffnete sie die Tür des Studierzimmers und hieß die Kinder eintreten , um dem Papa gute Nacht zu sagen . Der » Dicke « schob sofort mit einem wehmütigen Abschiedsblick , aber ohne Widerrede , seinen Gaul in die Ecke , die kleinen Mädchen hüllten ihr Wickelkind bis über die Nase in die warme Wiegendecke , und nach einem freundlichen » Gute Nacht ! « gegen die Damen schritten sie , nach Alter und Größe wie die Orgelpfeifen , über die Schwelle , um wenige Minuten darauf , unter Anführung der alten Rosamunde , nach der Schlafstube zu marschieren . Der kleinen Gräfin aber gab die Pfarrerin das Märchenbuch in die Hand , führte sie in die anstoßende , wohlgeheizte Kinderstube , deren Tür halb geöffnet blieb , und kehrte dann zu ihren Gästen zurück . » Ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig , gnädige Frau ! « sagt sie mit ihrer tiefen , kräftigen Stimme , während die klaren , blauen Augen tapfer den stechenden Blick der ihr gegenübersitzenden Dame aushielten . » Die kleinen , neugierigen Ohren sollten Ihre weiteren Erklärungen nicht hören , weil sie meinen Erziehungsmaßregeln zuwiderlaufen – nicht wahr , dies Recht hat die bürgerliche Mutter doch auch ? ... Also , ich soll meinen Kindern Respekt gegen die kleine Gräfin einflößen – wie soll ich das machen , da ich selbst – verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit – bis jetzt nichts dergleichen in mir verspüre ? « » Ei , ei , meine Liebe , so wenig Demut in einem geistlichen Hause ? « unterbrach sie die Gouvernante mit ihrem stereotypen Lächeln ; aus der höhnisch gefärbten Stimme aber klang die tiefste Erbitterung . Auch die Pfarrerin lächelte , allein mit jenem unvergleichlichen Humor , den die geistige Kraft und Klarheit über das ganze Wesen dieser Frau hauchten . » Daran fehlt ' s bei uns wirklich nicht « , sagte sie mit einer Art schalkhafter Einfalt ; » es kommt nur darauf an , wie Sie sich die Demut denken , gnädige Frau ... Ich weiß recht gut , daß die echte , rechte Pfarrersfrau zu allererst auf dem Boden von Gottes Wort stehen soll , und bemühe mich auch redlich um diese Ehrenstelle ; aber eben weil ich mich an die Bibel halte , so weiß ich auch , daß sie Gottesfurcht und Gottesverehrung von mir verlangt , aber beileibe nicht Furcht und Götzendienst vor den Menschen . « Frau von Herbeck hatte sich während dieser tapferen Rede nachlässig in die Sofaecke zurückgelehnt und klirrte mechanisch mit dem Teelöffelchen an die noch immer gefüllte Tasse . Diese scheinbar gleichmütige Haltung , verbunden mit einem kalt gleichgültigen Blick , der aus den halbzugekniffenen Augenlidern unveränderlich auf die Tischplatte fiel , sagte unverkennbar : » Ich bin hier in sehr unanständiger Gesellschaft – am besten wickle ich mich aus der fatalen Lage , indem ich auf gar nichts eingehe . « – Sie sah nicht einmal zu Jutta auf , die in peinlicher Verlegenheit neben ihr saß . Die Pfarrerin hatte einen Moment innegehalten ; ihr heller Verstand begriff sofort die Taktik der aristokratischen Gouvernante ; aber sie ließ sich nicht einschüchtern – was sie einmal ausgesprochen , mußte auch motiviert werden . » Das Kindchen da drüben « , fuhr sie fest und unbeirrt fort , indem sie mit dem Daumen über die Schulter nach der Kinderstube zeigte , » hab ' ich herzlich gern , und wenn ich ihm was Liebes erweisen könnte , so geschähe es zu jeder Stunde mit Freuden – aber Respekt , gnädige Frau , Respekt ! – dazu will ich mehr ! ... Ich kann ' s eben nicht fassen , daß erwachsene Leute um ein Kind herumscharwenzeln , seine Launen ertragen und sein kindisches , unreifes Tun und Wesen am liebsten für pure Weisheit ausgeben möchten , bloß weil es hochgeboren ist – da hat mein lieber Mann doch ganz recht , wenn er sagt , in solchen Fällen würde allemal die menschliche Würde mit Füßen getreten ... Und da soll ich nun meinen Kinderchen , die so frisch und fröhlich in die Welt gucken und noch keine Ahnung davon haben , was die Menschen sich alles antun , um das › Mein und Dein ‹ und das › Hoch und Niedrig ‹ – ja , ich soll den unschuldigen Dingern auf einmal einbleuen , das kleine , hilflose Geschöpf , das noch Wartung und Aufsicht braucht , wie sie , das noch so wenig weiß und erfahren hat , das auch ganz gehörig unartig sein kann und Strafe verdient – das sollten sie mit so respektvollen Augen ansehen , womöglich gar wie – Vater und Mutter ? Das geht nicht – sie würden es gar nicht einmal verstehen , so wenig wie – ich selber . « Frau von Herbeck erhob sich . » Nun , meine liebe Frau Pfarrerin , das ist Ihre Sache ! « sagte sie schneidend . » Die Früchte dieser allerliebsten Erziehungsweise werden Sie einmal recht erkennen lernen , wenn – Ihre Söhne Karriere machen wollen ! « » Sein tägliches Brot wird ja wohl ein jeder finden « , entgegnete die Pfarrerin vollkommen ruhig . » Meine Kleinen werden in Gottesfurcht streng zu Fleiß und Tätigkeit angehalten – und dann mag ' s kommen , wie ' s will ! Lieber ist mir ' s doch , wenn sie schlecht und recht von ihrer Hände Arbeit leben , als daß ich dereinst denken müßte , sie hätten sich durch Kriecherei und Heuchelei fette Stellen erschlichen . « Draußen fuhr unter hellem Schellengeläute der Schlitten vor , der die kleine Gräfin und ihre Gouvernante nach Hause bringen sollte . Gisela trat in die Tür und reichte der Pfarrerin das Märchenbuch hin ... Wie eigenartig war doch der Charakter dieses Kindes ! Weder die zärtlich einschmeichelnde Frau von Herbeck noch irgend jemand der Umgebung konnte sich je eines Liebesbeweises von seiten der Kleinen rühmen ; scheu und finster wich sie jeder Berührung aus und wies selbst die Liebkosungen des Stiefvaters hartnäckig zurück – und jetzt stellte sie sich plötzlich auf die Zehen , streckte die mageren Arme empor und legte sie um den Nacken der Frau , deren Wesen ein so unbestechlich gerades war , die dem hochgeborenen Kinde nie eine Spur der gewohnten Huldigung und Vergötterung entgegenbrachte . Die Pfarrerin küßte überrascht den dargebotenen kleinen Mund . » Behüt ' dich Gott , mein liebes Kind , werde recht brav und wacker ! « sagte sie – ihre volltönende Stimme schmolz in Weichheit – sie wußte ja , daß die Kleine das Pfarrhaus nicht wieder betreten würde . Frau von Herbecks Gesicht wurde ganz blaß bei diesem unvorhergesehenen Auftritt , aber sie war gewohnt , die seltenen Momente einer selbständigen Gefühlsäußerung des Kindes gegen andere lediglich für kleine , ihr selbst geltende Bosheiten zu halten , und deshalb bemühte sie sich , » diese kindische Demonstration « durch ein kalt-gleichgültiges Lächeln zu entwaffnen . Die » widerwärtige Szene « wurde ja in diesem Augenblick ohnehin abgekürzt durch einen Lakaien , der , den Arm voll Schals und Mänteln , mit abgezogenem Hut in die Stube trat . » Tragen Sie die Sachen in Fräulein von Zweiflingens Zimmer ! « herrschte ihn Frau von Herbeck an ; dann nahm sie Giselas Hand , neigte den Kopf freundlich herablassend und sagte in ihrem verbindlichsten Ton zu der Hausfrau : » Meinen besten Dank für den reizenden Weihnachtsabend , meine liebe Frau Pfarrerin ! « Sie verließ das Zimmer und eilte in einer fast fieberhaften Ungeduld den anderen voraus über Treppe und Vorsaal , für einen Moment der Grazie , Würde und selbst der peinlichen Rücksicht verlustig , die sie sonst unter allen Umständen für ihre Toilette hatte – der starre , elegant bordierte Kleidersaum schleifte Rosamundes wahrhaft künstlerisch verteilte Sandbrocken kollernd weiter auf den noch nassen Dielen . Droben aber in Juttas Stübchen blieb sie einen Augenblick bildsäulenartig stehen , dann ließ sie sich wie zerbrochen auf einen Stuhl fallen . Sie war außer sich . » Nur noch einige Minuten muß ich hier bleiben , liebstes Fräulein Jutta ! « rief sie , tief Atem schöpfend . » Ich darf unmöglich in diesem aufgeregten Zustand nach Hause kommen und mich vor unseren Leuten sehen lassen – diese müßigen Augen und Mäuler belauern und bemängeln einen ohnehin auf Tritt und Schritt ... Fühlen Sie meine Wangen an , wie sie glühen ! « Sie preßte ihre weißen Hände abwechselnd an Stirne und Schläfe , als wolle sie das aufgestürmte Blut beschwichtigen . » Gott im Himmel , war das ein entsetzlicher Abend ! « rief sie aus – sie warf das Haupt schüttelnd zurück und starrte an die Zimmerdecke . » Nie , solange ich atme , bin ich gezwungen gewesen , in einer so – verzeihen Sie – erniedrigenden Umgebung auszuhalten ! ... Was alles habe ich geduldig anhören müssen ! ... Diese gemeine Person , mit welcher Ungeniertheit sie ihre Ansichten auskramte , Ansichten , die ihrem › lieben Mann ‹ Amt und Brot kosten können ! Sie mag sich nur vorsehen , die überkluge Frau ! ... Und diese unendliche Salbung , diese mit Gottesfurcht und Frömmigkeit gespickten Reden ! Schon um deswillen ist mir das sogenannte › Wort Gottes vom Lande ‹ stets ein Greuel gewesen , weil es sein – rund herausgesagt – › Handwerk ‹ ewig auf dem Präsentierteller herumträgt ! « Sie erhob sich und ging einigemal auf und ab . » Sagen Sie selbst , Kindchen « , hob sie nach einem momentanen Schweigen wieder an und legte , stehen bleibend , die Hände auf Juttas Arm , » war das nicht eine starke Zumutung für den gebildeten Geschmack , für musikalisch verwöhnte Ohren , daß wir aus Ihrem himmlischen Klavierspiel unerbittlich herausgerissen wurden , um drunten einen Choral von dünnen , quiekenden Kinderstimmen zu hören ? ... Warum soll ich ' s leugnen , ich mag überhaupt den Choral nicht – ich gehöre nun einmal nicht zu den überschwenglichen Seelen ; und so lächerlich und abgeschmackt mir auch einerseits die Komödie da drunten vorkam , ich mußte mich doch ärgern , eben weil ich gezwungen wurde , sie mitzumachen ... Und nun noch eins , liebstes Fräulein von Zweiflingen ; ich bin selbstverständlich zum letztenmal mit Gisela in diesem gottgesegneten Pfarrhause gewesen ! « Jutta wandte erbleichend das Gesicht weg , aber die kleine Gräfin , die während der leidenschaftlichen Ergießungen ihrer Gouvernante ruhig Mantel und Kapuze angelegt hatte , trat mit großer Lebhaftigkeit vor sie hin und sagte genau in dem trotzig entschiedenen Tone des Pfarrersohnes , der ihr trotz alledem jedenfalls imponiert hatte : » Oh , so geschwind geht das nicht – ich werde jedenfalls wiederkommen ! « » Das wollen wir sehen , mein Kind ! « entgegnete Frau von Herbeck plötzlich sehr beherrscht – sie hatte offenbar in ihrer Aufregung die Anwesenheit des Kindes für einen Moment völlig außer acht gelassen . » Papa soll einzig und allein entscheiden – du kannst ja noch nicht beurteilen , Engelchen , was für bittere Feinde du in diesem Hause hast . « Die Dame schlug ihre Arme um Juttas Schultern und zog die geschmeidige Gestalt fest an sich . » Und nun hören Sie mich ! « flüsterte sie . » Der unerträgliche Kinderlärm , das entsetzliche Gebräu – Tee genannt – und die groben Speisen , die uns aufgenötigt werden sollten , die Knasterwolken , die aus jeder Türritze der pfarrherrlichen Studierstube quollen und die Luft verpesteten – kurz , das ganze Heer von Widerwärtigkeiten , das wir heute in trauriger Gemeinschaft über uns ergehen lassen mußten , hat mir die Überzeugung aufgedrängt , daß Ihres Bleibens nicht länger in diesem Hause sein kann . So lange wenigstens , bis Sie Ihren alten , herrlichen Namen mit dem bürgerlichen vertauschen , sollen Sie noch die Vorrechte und die Annehmlichkeiten Ihres Standes genießen ... Ich nehme Sie mit , und zwar auf der Stelle . Denen drunten machen wir vorläufig weis , daß Sie mich nur für die Feiertage besuchen – sonst kommen Sie nicht los ... Sie wohnen weder beim Minister noch bei der kleinen Gräfin Sturm , sondern einzig bei mir , ich trete Ihnen zwei hübsche Zimmer meiner weitläufigen Räumlichkeiten ab , und sollten Sie oder Ihr Herr Bräutigam Bedenken tragen , alles Übrige ohne weiteres in Schloß Arnsberg anzunehmen , nun , so geben Sie doch Gisela Klavierunterricht – dann ist alles ausgeglichen ! ... Wollen Sie ? « Statt aller Antwort wand sich das junge Mädchen hastig aus Frau von Herbecks Armen , eilte in die anstoßende Kammer und kehrte nach wenigen Minuten , in einen engen , verwachsenen Mantel gehüllt , in die Stube zurück . » Hier haben Sie mich ! « sagte sie mit strahlenden Augen . Frau von Herbeck unterdrückte mit Mühe ein Lächeln über die wunderliche Figur , die die junge Dame in dem engen , pressenden , unmodernen Kleidungsstück spielte . Sie befühlte die dünne Wattierung . » Das Mäntelchen ist viel zu leicht . Bedenken Sie , daß wir in die eisige Nachtluft hinaus müssen ! « sagte sie , während sie den Mantel abstreifte und zu Boden fallen ließ . » Lena hat uns ja ein ganzes Kleidermagazin geschickt ! « fuhr sie fort und zog aus dem Wust von Schals und Mänteln , den der Bediente auf das Sofa gelegt hatte , einen mit Pelz besetzten , königsblauen Samtüberwurf und eine Kapuze aus weißem Kaschmir . Diese weichen , kostbaren Umhüllungen legte sie eigenhändig um Kopf und Schultern des jungen Mädchens . Nach wenigen Minuten stand das traute Eckstübchen verlassen , und die drei stiegen die Treppe hinab , an deren Fuß Rosamunde mit der flackernden Küchenlampe stand . Das alte Mädchen ließ vor Erstaunen fast die Lampe fallen , als Jutta ihr näher kam – es war aber auch in der Tat ein wahrhaft blendender Anblick . Freilich fehlte diesem stolz zurückgeworfenen Haupt mit dem weißflockigen Diadem über der Stirn , dieser gebieterisch herabschreitenden Gestalt im übergeworfenen Samtmantel augenblicklich all und jeder mädchenhafte Liebreiz – es schien , als sei er , mit dem alten Mäntelchen abgestreift , droben im Eckstübchen zurückgeblieben – , dafür war die junge Dame aber auch vollkommen das , was sie sein wollte . der stolze Abkömmling eines uralten , hochmütigen Geschlechts ! Sie war eben im Begriff , sich an Rosamunde zu wenden , als aus dem tiefen Dunkel des zweiten Hausflurs plötzlich Sieverts grauer Kopf auftauchte . Der Anblick dieses finster verbissenen Gesichts war wohl gerade in diesem Augenblick der am wenigsten wünschenswerte für die Flüchtende . In ihre Wangen trat die lebendige Röte einer sehr unliebsamen Überraschung , aber die Züge versteinerten sich auch förmlich in dem Ausdruck unsäglichen Hochmuts – vergebens , der alte Soldat ließ sich dadurch weder verscheuchen noch außer Fassung bringen ; er trat vielmehr näher , während seine Augen feindselig höhnisch über die elegante Umhüllung der jungen Dame glitten . » Der Hüttenmeister schickt mich – « hob Sievert an . » Mann , Sie kommen aus dem Hause , wo ein Tyhpuskranker liegt ? « schrie Frau von Herbeck entrüstet auf , indem sie sich schützend vor die kleine Gräfin stellte und ihr Batisttaschentuch an den Mund hielt . » Ach , machen Sie doch keine Geschichten ! « entgegnete Sievert fast knurrend und streckte mit einer sehr wenig respektvollen Bewegung seine knochige Hand nach der bebenden Gouvernante aus . » Es geht noch lange nicht an Ihr Leben ! ... Der Hüttenmeister leidet schon gar nicht , daß einer