und auch , als müsse er sich erst etwas ganz Erstaunliches zurechtlegen ; aber schnell entschlossen setzte er hinzu , nicht ohne daß ein charakteristisches flüchtiges Lächeln seine Lippen umflog : » Auch das , wenn du es wünschest , Felix ! – Gehen wir ! « – Lucile steckte die Reste ihres Schleiers in die Tasche , schüttelte die Locken in den Nacken und hing sich vertraulich an den dargebotenen Arm des Baron Schilling . Er führte sie , von Felix gefolgt , nach dem Korridor , oder besser gesagt nach der Galerie , linker Hand ; denn dieser Gang entsprach in seiner bedeutenden Ausdehnung dem entgegengesetzten , nach Süden hinlaufenden , in dem seitwärts eine breite , prächtig ausgeführte Wendeltreppe nach den oberen Stockwerken stieg . Zwischen den halbrundbogigen Fenstern , die sich , hoch und weit wie Türen , nach dem Garten zu auftaten , vertieften sich Nischen in der Wand , die Pater Ambrosius , der Benediktinermönch , in nichts weniger als asketischer Verzückung , mit nackten Marmorgestalten der griechischen Götterwelt ausgefüllt hatte . Dieser Ausschmückung gemäß war auch später unter dem zugemauerten , imposanten Steinbogen der einst in das Klosterhaus führenden Tür eine Laokoongruppe aufgestellt worden . Lucile schritt wie beflügelt an den weißen Götterbildern hin – ihr war , als gehe sie durch Foyer und Galerien eines Opernhauses , während Felix auf den ringenden Laokoon starrte . Hinter diesen Marmorleibern , an der entgegengesetzten Wandseite , reihten sich die Bretter des Wandschrankes übereinander – hier ein von Licht verschwenderisch übergossenes Kunstgebild , und jenseits , nur durch eine Schicht Backsteine getrennt , die abgegriffenen Haushaltungsbücher , der Blechkasten mit dem Milchgeld im Schrankdunkel ! ... Wenige Stunden voll erbitterten Wortstreites hatten dort drüben den Verstoßenen aus seiner Bahn in das Dunkel einer unsicheren Existenz hineingeschleudert , und sie , die Verwöhnte , in schwelgerischem Luxus Erzogene , sein vergöttertes Mädchen , das da so elfenhaft vor ihm hinschwebte , riß er mit sich in den Strudel , der ihn erfaßt ... Baron Schilling lenkte seine Schritte nach dem sogenannten Familiensalon am Ende der Galerie . Das war immer das Lieblingszimmer des alten Freiherrn gewesen . Es machte , trotz seiner saalartigen Weite , einen anheimelnden , warmgeschützten Eindruck durch die mächtigen , mit Schnitzwerk verzierten , freiliegenden Deckenbalken und die holzgeschnitzten Felder , die breit die Wand hinaufliefen , oben unter der Decke hin sich aber zu Spitzbogen vereinigten , so daß sie wie Fensterwölbungen die schmalen , graugetünchten Zwischenräume der eigentlichen Wand umschlossen . Diese Schnitzereien lagen zierlich durchbrochen , in künstlerisch verschlungenen Arabesken , wie Spitzen auf glattem Untergrund – sie waren von hohem Kunstwert und wurden ängstlich behütet . Der alte Freiherr hatte der Originalität des Zimmers wenig Rechnung getragen – er hatte einige Jagdstücke in glattem Goldrahmen auf die freien Mauerstreifen gehangen und es sich mit modern behaglichen Polstermöbeln bequem gemacht . Mit dem Einzug der neuen Herrin des Schillingshofes war auch das anders geworden . Die leeren Flächen zwischen dem Schnitzwerk füllte Wandmalerei auf lichtgrauem Grunde ; Stühle , hochlehnig und durchbrochen geschnitzt , und vierbeinige Schemel standen umher , und die Kissen , die auf den Sitzen lagen , deckte ein dunkelgrüner , mit Silberfäden durchzogener , gewirkter Seidenstoff . Dieser starre Brokat rauschte auch breit an den Fenstern nieder , und Spitzenvorhänge von uraltem Niederländer Muster lagen darüber , und das dunkelglänzende Grün hob jede Rankenverschlingung , jede Blumenform hervor , als sei sie hingemalt . An der tiefen Wandseite aber , zu beiden Seiten der Tür , standen Kredenztische mit hohem Aufsatz – den mittelalterlichen » Tresuren « entsprechend – und sie zeugten am deutlichsten von dem Reichtum , den die junge Frau den Schillings zugebracht ; sie waren mit Silber- und Kristallgefäßen so beladen , daß sich selbst das Tafelgeschirr des reichen Benediktinerabtes , welches das Säulenhaus einst bei fürstlichen Gelagen gesehen , wohl hätte verstecken müssen . Von einem der Deckenbalken hing eine Ampel nieder , die ein mildes Licht verbreitete ; aber auf dem kleinen Tische , hinter dem die junge Frau saß , stand eine Kugellampe und beleuchtete voll den blonden Kopf , der sich über eine Handarbeit beugte . Lucile verzog spöttisch die Lippen , denn das Gesicht , das sich jetzt langsam den Eintretenden zuwendete , war das eindruckloseste , das sie je gesehen – graublond das Haar und grau der Teint , das Gesichtsoval langgestreckt , ohne jedwede liebliche Rundung , die sonst der Jugend eigen – und doch sollte diese Frau kaum zwanzig Jahre alt sein . » Liebe Klementine , ich bringe dir hier meinen Freund , Felix Lucian , und seine Braut , Fräulein Fournier , aus Berlin , « sagte Baron Schilling mit der ihm eigenen höflichen Kürze und Lässigkeit – » und möchte dich bitten , die junge Dame in deinen Schutz zu nehmen , während wir den Papa in seinem Zimmer aufsuchen . « Die Baronin erhob ihre schlanke , schmächtige Gestalt ein wenig und neigte begrüßend den Kopf . Ihre blondbewimperten Augen blieben einen Moment an den reizenden Zügen des jungen Mädchens hängen , und das kühle Lächeln auf ihren Lippen erlosch . Sie lieh sich auf den Stuhl zurücksinken und zeigte mit einer anmutigen Handbewegung einladend auf den Schemel , der neben ihr stand . Das geschah stillschweigend , man hörte das Knistern des seidenen Rückenpolsters unter dem flechtenbeschwerten Kopf , der sich hinlehnte . Baron Schilling bückte sich und hob eine Mappe vom Teppich auf – verschiedene Blätter , die ihr entfallen , raffte er zusammen – er war dabei sehr rot geworden . » Meine Skizzen haben keine Gnade vor deinen Augen gefunden , wie ich sehe , « sagte er und schob die Blätter in die Mappe . » Verzeih – das angestrengte Vertiefen in deine Ideen macht mich nervös , wenn ich allein bin , « – sie hatte eine angenehme Stimme , aber in diesem Augenblick klang hörbare Gereiztheit mit . » Ich kann mich überhaupt nur hineinfinden , wenn du erklärend neben mir sitzest . « » Oder wenn ich › erklärend ‹ wie jener unglückliche Stümper darunterschreibe : › Das soll ein Hahn sein ‹ und so weiter ! « lachte Baron Schilling scheinbar amüsiert auf . » Da siehst du nun , wie wirkungsvoll meine Entwürfe sind , Felix ! ... Und da wolltet ihr mir immer weismachen , ich habe Talent ! – Aber wir müssen gehen , wenn du den Papa noch vor dem Tee sprechen willst . « Sie gingen hinaus , wobei Felix einen ängstlich besorgten Blick auf sein Mädchen Zurückwarf . Sie saß offenbar plauderlustig , in unverkennbarem Triumph der Schönheit neben der seltsam schattenhaften Frauenerscheinung , die sich so frostig verhielt . Er sah noch , wie Lucile den Hut abnahm , während die Baronin mit ihren langen , elfenbeinweißen Fingern wieder nach der Handarbeit griff . » Sie erlauben , gnädige Frau , « sagte Lucile und warf ungeniert ihren Hut auf einen Ziemlich fernstehenden Schemel . Die Baronin sah mit einem großen , verwunderten Blick auf und verfolgte den Bogen , den das federgeschmückte Strohhütchen in der Luft beschrieb – es fiel Zur Erde . In diesem Augenblick rauschten die Brokatvorhänge des einen Fensters auseinander , ein Äffchen schlüpfte heraus und griff nach dem Hute . Lucile schrie auf – das Ding sah aus wie ein schwarzes Teufelchen . » Gleich wirst du hierherkommen , Minka ! « befahl die Baronin und drohte mit dem Finger . Minka hielt sich mit beiden Armen den Hut über den Kopf und lief so auf ihre Herrin zu . Das sah über alle Beschreibung lächerlich aus . Lucile vergaß ihren Schrecken und lachte wie ein Kobold , während die junge Frau keine Miene verzog und dem Tierchen seinen Raub wegnahm . » Ich bedaure , daß Sie sich erschreckt haben , « sagte sie und legte den Hut auf den Tisch , dicht vor dem jungen Mädchen nieder . » Mein Mann kann Minka nicht leiden – das weiß sie und verhält sich stets ruhig in ihrem Versteck , solange er im Zimmer ist . Ich hatte vergessen , daß sie in der Nähe war . « » Oh , solch ein kleiner Schrecken schadet mir nicht – ich bin ja nicht nervenschwach wie Mama , ich bin jung und gesund ! « entgegnete Lucile frisch und fröhlich , indem sie das Äffchen mit den zärtlichsten Gebärden an sich zu locken suchte . Ja , jung und gesund , bezaubernd schön und graziös war das Mädchen , an dem die grauen Augen der Frau Baronin mit einem langen , versteckten Seitenblick hinglitten . – » Da habe ich mich vorhin weit schlimmer geängstigt – auf dem Klostergute stieß mich ein vorbeispringendes Ungetüm beinahe über den Haufen – Felix behauptet , es sei eine Katze gewesen . « » Sie sind besuchsweise auf dem Klostergute ? « » Ich ? – Gott soll mich bewahren ! « rief Lucile , förmlich entsetzt mit aufgehobenen Händen protestierend . » Mich überläuft es eiskalt , wenn ich mir denke , ich sollte auch nur eine Nacht in dem Hause schlafen ! – Waren Sie je drüben ? « Die junge Frau schüttelte den Kopf . » Ich bin nicht gewöhnt , Nachbarschaften zu kultivieren . « » Nun , dann können Sie sich freilich keinen Begriff machen , wie es drinnen aussieht ... Es ist mir ein völliges Rätsel , wie es Felix aushalten mag in diesen Stuben voll urvorweltlicher Möbel , zwischen die wir nicht einmal unsere Dienstboten stecken würden ; und so grob und unbeholfen mag wohl auch das Bettzeug sein . Man ist ja das doch nicht gewöhnt – oh , was für ein süßes , närrisches Geschöpfchen ! « unterbrach sie sich und liebkoste das Äffchen , das ihr auf den Schoß geklettert war und in fast menschlicher Art und Weise die kleinen Arme um ihre Schultern legte . Sie löste mit flinken Fingern vom Handgelenk einen Reif , auf dessen elastisches Band steinbesetzte , goldene Schilder gereiht waren , und legte ihn Minka um den dünnen Hals , und auf den kleinen haarigen Schultern drapierte sie ihr Batisttaschentuch , das sie mit einer Brosche auf der Brust zusammensteckte . Sie lachte wie toll , als der Affe auf den Boden zurücksprang und mit fletschenden Zähnen an dem Taschentuche zerrte ; die Spitzenkante zerriß , und man hörte , wie das Tier mit seinen Nägeln das unwillkommene Halsband bearbeitete . Mit sichtlichem Verdruß in Zügen und Gebärden befreite die Baronin das Tierchen , das sich schließlich zu ihr flüchtete . » Ich fürchte , das Armband ist verdorben , « sagte sie eiskalt , indem sie die Sachen neben den Hut legte . » Bah , was schadet das ? ... Es ist vom Fürsten Konsky , den ich absolut nicht leiden kann , « entgegnete Lucile verächtlich und steckte Tuch und Armband nachlässig in die Tasche . Die junge Frau sah überrascht auf . » Den Fürsten Konsky kenne ich , « sagte sie . » Er verkehrt viel im Hause Ihrer Eltern ? – « » Im Hause meiner Mama , wollen Sie sagen – der Papa lebt in Petersburg ... O ja , den Fürsten sehen wir tagtäglich bei uns . La grand mére hält große Stücke auf ihn , weil er so vornehm ist und unseren Empfangsabenden Glanz gibt . Aber der Mama geht es wie mir , sie macht sich nicht viel aus ihm – er ist so alt und so geckenhaft , wissen Sie . Mich füttert er wie ein Baby mit Konfitüren , und die Mama erstickt er stets am Morgen nach der Vorstellung förmlich mit Blumen – « » Wann ? ! « fragte die Baronin , als höre sie nicht recht . » Mein Gott – nach der Vorstellung ! Ach so – Sie wissen nicht ? – Ist Ihnen denn mein Name nicht aufgefallen ? « rief Lucile naiv belustigt . » Oder waren Sie nie in Berlin ? « » Da bin ich gewesen . « » Nun , dann ist es undenkbar , daß Sie Mama nicht kennen sollten ! Die berühmte erste Tänzerin , Manon Fournier – « » So ? ! « schnitt die junge Frau lakonisch die lebhafte Rede ab und rollte ihre Arbeit zusammen . » Ich besuche sehr selten das Theater , « fügte sie gedehnt und trocken hinzu – eine leichte Röte war in ihre Wangen getreten , und ihre Augen vermieden es , die Sprechende anzusehen . Sie stand auf und ging nach dem bereits hergerichteten Teetisch , der inmitten des Zimmers unter der Ampel stand und mit seinem eleganten Geschirr in dem niederfließenden Licht blitzte und flimmerte . » Himmel , wie lang ! « sagte Luciles weitgeöffneter erstaunter Blick , mit welchem sie die lautlos dahingleitende , schmale Gestalt verfolgte . Das bequeme , staubfarbene Hauskleid schlotterte über der flachen Büste und dem stark vorgeneigten Rücken und fiel als lange Schleppe weich auf den Teppich ... Aber trotz ihrer häßlich langen Arme , ihrer nachlässig müden Haltung , waltete die junge Frau doch mit vornehmer Grazie am Teetisch . Sie entzündete den Spiritus unter der silbernen Maschine , musterte mit kritischem Blick die drei Tassen , die aufgestellt waren , und maß voll peinlicher Sorgfalt die Teeportionen ab ... Kein Blick fiel mehr auf das junge Mädchen , das , mit der versöhnten Minka spielend , dennoch aufmerksam das Tun und Walten der jungen Frau beobachtete . » Zu Hause ist das mein Amt , « plauderte sie . » Alle Welt lobt meinen Tee ; nur Baron Schilling hat mir immer das Leben schwer gemacht – er ist der verwöhnteste Teetrinker , den ich kenne . « Jetzt fuhr der gesenkte blonde Kopf wie mit einem Ruck empor – es war , als spanne sich jeder Muskel dieser scheinbar gleichgültigen Frau in atemlosem Aufhorchen . » Mein Mann ist im Hause Ihrer Mutter aus und ein gegangen ? « » Oh , sehr viel ! – Wissen Sie das nicht ? – Felix sagte immer , er mache als Maler seine Studien in Mamas Salon . Wir sehen sehr häufig hübsche interessante Frauen bei uns ... Er hat ja auch die Mama gemalt – « » Er hat die Tänzerin Fournier gemalt , sagen Sie ? – « Dem jungen Mädchen ging plötzlich ein Licht auf . Die Frau dort sprach mit einer Stimme , als koche es in ihrer eingesunkenen Brust – und mit welcher schneidenden Mißachtung sie die » Tänzerin Fournier « betonte ! ... Dabei klirrte das Geschirr unter ihren lebendig gewordenen , überschlanken Händen , als solle es samt und sonders im nächsten Augenblicke auf den Boden rollen ... Wie , diese lange , häßliche Person unterstand sich auch noch , eifersüchtig zu sein ? – Wie die meisten gefeierten , schönen jungen Mädchen , war Lucile erbittert gegen die Unschönen , die sich anmaßten , gleichberechtigt zu sein . Ihre großen Augen schillerten plötzlich im entschiedensten Grün – das Sprühteufelchen der Bosheit glühte drin auf . Sie erhob sich , strich lächelnd ihr Kleid glatt und trat dem Teetisch um einige Schritt näher , eine Bewegung , die die Baronin sofort in ihre krankhaft gebeugte , und dabei doch so unnahbare Haltung zurücksinken machte . » Ist es denn gar so verwunderlich , daß Baron Schilling eine schöne Frau gemalt hat ? « fragte Lucile zurück , und hinter den grausam lächelnden Lippen blinkten die kleinen , spitzen Perlzähnchen . » Man sagt , es sei Rasse in Mamas Erscheinung – sie ist weder verschwommen blond , noch lang und dürr in ihren Formen . Sie hat das reichste schwarze Haar , das sich denken läßt , und die Linien ihrer Schultern und Arme sind berühmt unter den Künstlern ... Baron von Schilling hat sie nicht in einer ihrer Rollen , sondern als Desdemona gemalt – es ist geradezu sinnberückend , wie der weiße Atlas von der einen Schulter gleitet , wie der Arm sich von der Harfe hebt . « Sie hielt einen Moment inne – ihr fiel gerade ein , wie verächtlich hingeworfen die Skizzenmappe zu den Füßen der » gnädigen Frau « gelegen hatte . – » Baron Schilling malt sehr schön , « fügte sie hinzu , und ihre Augen strahlten triumphierend auf ; denn über die graubleichen Wangen dort jagte fortwährend die Röte inneren Aufruhrs hin . – » Professor W. sagt von ihm , er habe den Dilettanten längst hinter sich – er sei ein bedeutendes Talent und werde sich einen großen Namen machen . « Die Baronin hatte sich währenddessen auf einen hinter ihr stehenden Stuhl gleiten lassen . Die Rechte über die Augen gelegt , und mit der Linken den Ellbogen stützend , lehnte sie sich schweigend zurück ... Sie war ohne Zweifel eine eigensinnige , nervöse Natur ; vielleicht als einziges Kind vom Vater , und im Hinblick auf ihren dereinstigen Reichtum auch von den Klosterschwestern verwöhnt und verhätschelt ... Lucile , im Vollgefühl ihrer Schönheit und Jugendkraft , musterte feindselig den schmallippigen Mund , der nicht zu lächeln verstand , diese zusammengeschmiegte , grämliches Nachsinnen und Grübeln verratende Stellung , das fleischentblößte Gelenk des langen Armes , das so spitz und wachsbleich aus dem unaufhörlich zitternden Spitzenvolant des Ärmels ragte ... Was hatte diese völlig Reizlose in der Welt zu suchen ? Sie hätte getrost im Kloster bleiben und Nonne werden sollen ... Das eingetretene Schweigen war ein erdrückendes . Man hörte das Summen und Singen der Teemaschine und gedämpft den jetzt draußen niederrauschenden Gewitterregen ... Lucile nahm ihren Platz nicht wieder ein ; sie schob die Vorhänge des ihr zunächst liegenden Fensters auseinander , um in die Mauernische zu treten ; sie sah nicht , wie ihr die grauen Augen durch die vorgehaltenen Finger in kaum zu bemeisternder Erbitterung nachstarrten , wie der Fuß der schweigenden Frau ungeduldig den Teppich trat , – ein Gefühl von Groll und Arger gegen Felix quoll in ihr auf , weil er sie mit dieser Fremden , dieser bis an den Hals zugeknöpften , unausstehlichen Herrin vom Schillingshof so lange allein ließ . In dem Augenblick , als sie die Vorhänge auseinanderschug , fuhr ein blendender Blitz nieder . Sein rosenfarbenes Licht irrte sekundenlang über das Parterre draußen , es erfüllte in zitternder Bewegung auch das Zimmer und verschlang den weißen Schein der Lampen , dann folgte ein krachender Donnerschlag , und nun stürzten die Wassermassen nach , als wollten sie die mächtigen Spiegelscheiben des Hauses eindrücken und die Säulenhalle draußen wegschwemmen . Die Baronin war entsetzt emporgefahren – sie bebte sichtbar und griff , förmlich Sturm läutend , nach der Tischglocke . Ein Bedienter trat ein . » Ich lasse die Herren dringend bitten , sofort herüberzukommen – der Tee ist fertig , « sagte sie , trotz ihres Schreckens , doch im ruhigen Ton des Befehles . 8. Bald darauf hörte man draußen Männerschritte langsam durch die Galerie kommen ... Minka , die sich bei dem Donnerrollen halb und halb in die Kleiderfalten ihrer Herrin verkrochen hatte , schlüpfte schleunigst und Grimassen schneidend in ihre dunkle Fensterecke ; auf dem Teetisch klirrte der silberne Kessel in den Händen der jungen Frau , und Lucile trat vom Fenster zurück und ließ die Gardinen wieder zusammenfallen , hinter denen das Unwetter draußen weitertobte – sie fürchtete sich nicht . So abergläubisch und furchtsam sie war in bezug auf unheimliches , nächtliches Spuken und Treiben zwischen Himmel und Erde , so wenig zitterte sie vor dem Walten der Naturkräfte . Je toller es in den Lüften zuging , desto » amüsanter « war es – sie fühlte sich als unbeteiligte Zuschauerin , denn an sie konnten doch unmöglich Tod und Vernichtung herantreten . Sie war vor der niederhängenden Gardine stehen geblieben , vorteilhafter konnte sich das feingliederige Elfenkind mit den herabrollenden Locken voll goldbraunen Glanzes nicht präsentieren , als auf diesem grün- und metallischschillernden , malerischen Faltenwurf , den das Spitzenmuster gleichsam weiß überschneite . Der alte Freiherr Krafft von Schilling trat in die durch den Bedienten weit zurückgeschlagene Tür . Er stützte sich , wie es schien , mit seiner ganzen Schwere auf Felix Lucians Arm , denn ein Schlaganfall hatte ihm das rechte Bein gelähmt ... Trotzdem war er eine gewaltige Erscheinung mit seiner breiten Brust und dein frisch geröteten Gesicht voll Humor und Lebenslust . » Sapperment ! Die kleine Ausreißerin dort wäre auch nach meinem Geschmack , Felix ! « rief er , überrascht auf der Schwelle stehen bleibend – er strich sich schmunzelnd den starken , graumelierten Lippenbart . » Ein ganz scharmantes Kind – eine berückende kleine Hexe ! « Die derbe Schmeichelei , ja , schon der Klang dieser ungeniert lauten , kräftigen Männerstimme brachten das erbitterte junge Mädchen sogleich wieder in das gewohnte Fahrwasser . Wie eine hingewirbelte Schneeflocke huschte sie über den Teppich und knickste schelmisch à la Goßmann vor dem alten Herrn . Sein Blick hing wie verzaubert an ihr : » Schau , solch ein seltenes Zugvögelchen hat der Schillingshof seit Menschengedenken nicht gesehen ! – Das erquickt einem alten , einsamen Patron wie mir Herz und Augen ! ... Na , es ist ins rechte Netz geflogen – wollen schon weiterhelfen – nur Mut ! « Er lenkte seine Schritte nach dem Teetisch . » Nun sage mir aber , Klementine , weshalb du uns ganz außer Atem da herüberjagst – brennt ' s ? oder hast du gar Angst vor dem Gewitter ? Das tut dir nichts – wir haben einen Blitzableiter auf dem Dache . « – Das alles sagte er scherzend , in seiner drastisch jovialen Art ; aber in Blick und Haltung lag auch eine entschiedene Auflehnung gegen das Kommando der Frau Schwiegertochter . Die Baronin goß Tee in eine Tasse und hob dabei flüchtig die Augen nach der altertümlichen Standuhr . » Es ist unsere Teestunde – nicht um eine Minute früher , « sagte sie mit ihrer füllen Miene . Er zog die dicken , graubereiften Brauen finster zusammen . » Ganz schön , mein Kind , « versetzte er mit hörbarem Ärger . » Als alter Soldat bin ich auch ein Freund der Pünktlichkeit ; aber ich hab ' mich nie nach dem Hausbrauch drillen lassen – auch von meiner guten Frau nicht – und der dort – « er deutete nach dem Uhrzeiger – » darf mich nicht tyrannisieren , am allerwenigsten aber , wenn ich mitten in einer Besprechung bin , wie vorhin – verstanden , junges Frauchen ? « Langsam ließ er seine schwere Gestalt in einen hochlehnigen Armstuhl am Teetisch sinken und winkte Lucile auf einen Schemel an seine Seite . Bei diesem Anblick griff die Baronin mit gesenkten Lidern nach der Tischglocke und befahl dem eintretenden Bedienten , noch zwei Kuverts aufzulegen – auffallender konnte es nicht an den Tag gelegt werden , daß die Hausfrau bis zu diesem Augenblick nicht auf Gäste gerechnet hatte . Baron Schilling saß neben ihr , seinem Vater schräg gegenüber . Vater und Sohn sahen sich sehr ähnlich ; sie waren wie alle Schillings nicht durch besondere Schönheit ausgezeichnet ... Oben im Mittelsaal über dem Portale des Säulenhauses hingen Bilder aus der Zeit , da das alte Geschlecht noch auf seiner Ritterburg gehaust hatte . Schon damals waren die zu volle , kirschrote Unterlippe , die kantige Stirn und die starke , charakteristisch deutsche Nase die Familiensignatur gewesen – es waren kraft- und lebensvolle Trotzköpfe auf wahren Reckengestalten , die dazu geboren schienen , in schwerer Rüstung zu kämpfen . Auch die zwei letzten gehörten in jeder Linie zu ihnen , nur war das ursprünglich starre , gelbe , dem reifenden Weizenfelde gleichende Haar beim alten Freiherrn zum dunklen , jetzt graugesprenkelten Blond geworden , während der Sohn mit seinem krausen , schwarzbraunen Kopf- und Barthaar nahezu für einen Südländer gelten konnte ... Das große , feurigblaue Auge aber , das oben auf den Bildern durch einen stolzen , sicheren Falkenblick imponierte , hatten beide gemein ; beim alten Herrn strahlte es schalkhaft , sinnlich glühend , voll Leichtlebigkeit in die Welt hinein – der Sohn hielt es meist gesenkt , als schaue es nach innen . Seine junge Frau reichte ihm eine Tasse Tee hin , und mit einem prüfenden Aufblick nach ihrem Gesicht hielt er die spendende , schlanke Hand einen Augenblick fest . » Dir spielt das Gewitter mit , Klementine – du leidest ? « fragte er freundlich teilnehmend . Sie zog ihre Hand zurück und stellte die Tasse auf den Tisch vor ihm nieder , während sie den Kopf mit dem Ausdruck des Widerwillens seitwärts bog . » Ich habe Schwindel , du bringst wieder einmal den unleidlichen Farben- und Ölgeruch aus deinem sogenannten Atelier mit , « sagte sie erregt . Der alte Freiherr wurde dunkelrot im Gesicht . » Hm – läßt sich vielleicht das geringschätzende › sogenannte ‹ in › lächerliche Dilettantenanmaßung ‹ übersetzen , Klementine ? « fragte er scharf , und sich mit beiden Händen auf die Armlehnen stützend , richtete er den Oberkörper gespannt und herausfordernd in die Höhe . » Du hast Klementine mißverstanden , Papa ; sie will damit nur das allerdings notdürftige Arbeitslokal bezeichnen , das mir vorläufig die Dachstube mit dem rasch improvisierten Oberlicht sein muß , « sagte sein Sohn mit Nachdruck , und sein weitaufgeschlagenes Auge fixierte stolz das Gesicht der jungen Frau . Sie hielt den Blick mit einem schattenhaft um den Mund irrenden , spöttischen Lächeln aus und schüttelte den Kopf , als sei sie entschieden nicht gewillt , den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch nur um ein Jota verdrehen zu lassen . Es war überraschend zu sehen , wie ein starrer Eigenwille jeden Muskel dieser scheinbar schlaffen , energielosen Nonnengestalt urplötzlich spannte und belebte . » Da hast du ' s , Arnold ! « lachte der Freiherr grimmig auf . » Nun kannst du dich abermals aufsetzen , und noch dazu gegen Frauenvorurteil – o je ! « – Er fuhr sich mit komischer Verzweiflung in das dicke , volle Grauhaar hinter dem Ohr . » Hab ' s übrigens nicht viel besser gemacht ... Schau , meine liebe Klementine , ich bin blind – deutsch herausgesagt – , ein Einfaltspinsel gewesen , weil ich Arnolds Begabung nicht verstanden habe . Na , gar so verwunderlich ist ' s im Grunde nicht , denn wir Schillings haben eigentlich immer zu den schönen Künsten gepaßt wie der Esel zum Lautenschlagen . Gerade aus dem Grunde habe ich aus Leibeskräften gegen die › Kleckserei ‹ protestiert , und da hat ' s der arme Kerl hinter meinem Rücken tun müssen ... Nun schreiben sie mir aus Berlin , mein Sohn werde eine große Karriere machen , und ich muß mich schämen vor den Leuten , schämen wie ein begossener Pudel ... Hätte ich nur die blasse Ahnung davon gehabt , was in meinem Jungen steckt , da – na , da war ' vieles anders gekommen . « Ein dunkler Seitenblick aus den grauen Augen traf ihn . » Ach so , du meinst , Papa , der Malerpinsel hätte die letzten Schillings reichlich ernähren können ? « – » Klementine ! « unterbrach sie der junge Mann rasch mit tiefverfinstertem Gesicht . » Ich bitte dich , brause doch nicht so auf . Arnold ! « klagte sie und fuhr mit der Hand leicht nach dem Ohr , als berühre sie der Klang dieser schönen , tönenden Männerstimme peinvoll . Sie war offenbar nervenleidend und augenblicklich in sehr gesteigerter Aufregung ; aber sie schwieg nicht . – » Sage doch selbst , ob du von dem Honorar leben könntest , das dir die Leute aus der – der Demimonde zu zahlen vermögen ? ... Zum Exempel , was hat dir die Desdemona im weißen Atlaskleide eingetragen ? « – Unter der nervös aufzuckenden Oberlippe glänzten perlweiße , aber lange Zähne . Jenes charakteristische Lächeln , das schon in der Flurhalle um den Mund des jungen Mannes gespielt hatte , erschien flüchtig wieder . Er sah ausdrucksvoll ironisch nach Lucile hin , der es sichtlich in allen Fibern prickelte , der » langen , grauen Person « für die » Demimonde « eine allerliebste Wahrheit ins Gesicht zu sagen . » Das Bild hat mir nach vielen gescheiterten Versuchen das Glücksgefühl eingetragen , die rührende Gestalt der unglücklichen Dogentochter doch annähernd so veranschaulicht zu haben , wie sie in meiner Phantasie lebt , « sagte er mit heiterer Ruhe . » Madame Fournier hat ein herrliches Profil , und ihre Aufopferung , ihre Geduld , sich während der Sitzungen zu langweilen – « » Zu langweilen ? ! « wiederholte die Baronin unter einem leisen , hysterischen Auflachen . » Es ist schlimm , Arnold , ja , es führt zu Täuschung und Betrug in der Ehe , wenn vor der Verheiratung eines vom anderen so wenig erfährt , wie zum Beispiel wir beide . « setzte sie gleich darauf hinzu – ihre schwache Stimme erstickte fast in Bitterkeit . Der Freiherr war eben im Begriff , ein Ei aufzuklopfen – wie auf einen Ruck hielt er inne ; mit seinem mächtigen Kopf , in dem die Augen unter den tiefgefalteten Brauen grimmig funkelten , sah er aus wie ein zornig knurrender Löwe . Er hatte offenbar eine sehr derbe Antwort auf den Lippen , aber er bezwang sich . » Zum Kuckuck auch , da höre ich ja etwas ganz Neues ! « sagte er anscheinend humoristisch . » Also Arnold weiß nicht genug von deiner Vergangenheit ? Wozu denn aber auch , kleine Frau ? Die Verheiratung ist ja doch kein Eintritt in ein Geschäft oder dergleichen , bei welchem man einen schriftlichen Lebenslauf abzugeben hat ! ... Du bist zwar bis zu deinem siebzehnten Jahre im Kloster erzogen worden ; aber wir