Ankleidezimmer ein dürftig eingerichtetes , aber freundliches Kabinett , das offenbar als Garderobe dienen sollte . Sie trug ihre Pflanzenpresse , ihre Bücher und Malutensilien herüber – hier wollte sie arbeiten . Das große Fenster gewährte ihr einen Ausblick auf malerische Partien des Gartens und darüber hinaus nach den hochaufgetürmten Waldbergen . Sie zog den Schlüssel ab und machte dem eben eingetretenen Kammermädchen begreiflich , daß die Garderobe in einem anderen Raume unterzubringen sei . Die Jungfer entschuldigte atemlos ihr spätes Erscheinen mit der Messe – noch hing der Weihrauchduft in ihren Kleidern . Der Herr Hofprediger sei zu streng , klagte sie , und wenn der kranke Mensch nur kriechen könne , in die Messe müsse er ... Er bleibe oft zwei bis drei Tage in Schönwerth , habe da seine eigenen Appartements und regiere dann immer noch viel strenger , als der Herr Hofmarschall selbst . In der Residenz sei das nicht anders ; der Herr Hofprediger gelte alles bei der Frau Herzogin ... Damit war die langatmige Entschuldigung beendet , von der die Schlußworte : » Gott sei Dank , er ist eben nach der Stadt zurück ! « auch für die Herrin tiefberuhigend klangen . Ein Bedienter kam und meldete , daß das Frühstück im Eßzimmer vorbereitet sei . Dieser Speisesaal schloß die Flucht der Gemächer , welche der Hofmarschall bewohnte ; aber die Fenster lagen nach Morgen und mündeten in den weiten Schloßhof . Mit schwerfälligeren Eichenmöbeln , einer größeren Anzahl von Hirsch- und Eberköpfen an den Wänden und mächtigeren Humpen auf dem Schenktische konnte auch im wuchtigen , wildmordenden und durstigen Mittelalter kein Rittersaal ausgestattet gewesen sein , als dieser große , holzgetäfelte Raum . Aus dem einen Eckkamine knisterten Funken in den breit über das Parkett hinfließenden Morgensonnenstrahl ; aber die Glut der lodernden Scheite drang nicht weit über den Rollstuhl des Hofmarschalls und das daneben placierte , weißgedeckte Tischchen hinaus – der Saal war zu groß . Mit den Gichtschmerzen in den Füßen des alten Herrn mußte es heute besser gehen – er hatte seinen Stuhl verlassen , stand aufrecht , allerdings auf einen Krückstock gestützt , in einem der Fenster und sah hinab in den Hof , als Liane eintrat . Sie sah seine ganze Erscheinung im Profil . Er war ein hoher , magerer Mann , der einst , wie alle Mainaus , schön gewesen sein mußte , nur mochten diese Gesichtslinien für einen Männerkopf immer ein wenig zu fein und gedrückt erschienen sein – die starke Vertiefung zwischen Stirn und Nasenwurzel , der geringe Raum zwischen Kinn und Nase , Eigentümlichkeiten , die vor Jahren das Gesicht jedenfalls als pikant charakterisiert hatten , waren jetzt der Sitz der ausgeprägtesten Malice . Aus der halboffenen Thür des Nebenzimmers klang die kräftig lärmende Stimme des kleinen Leo ; sie wirkte – sonderbar genug – angesichts der Erscheinung im Fenster förmlich ermutigend auf die eintretende junge Dame ... Seitwärts vom Hofmarschall , in respektvoller Entfernung , stand die Beschließerin . Sie hatte ein Buch und verschiedene Papiere – jedenfalls ein Wirtschaftsbuch samt Belegen – in der Hand , machte aber auch einen langen Hals und bemühte sich , über sie Schulter des alten Herrn in den Hof hinabzusehen ... Nicht ein Zug im Gesichte der Frau verriet , daß sie des nächtlichen Vorfalles gedenke , als die neue Herrin an ihr vorüberglitt und mit einer höflichen Verbeugung den Hofmarschall begrüßte . Er wandte sich um und erwiderte den Gruß ritterlich und gewandt , aber auch mit sichtlicher Hast – sein ganzes Interesse schien durch irgend einen Gegenstand im Hofe gefesselt zu sein . » Da – da sehen Sie ! « sagte er erregt zu der neben ihn tretenden jungen Dame und deutete durch das Fenster . » Diese infamen Rangen da unten haben in den neuen Anpflanzungen junge Stämme abgeschnitten – Gesindel das ! ... Es weiß recht gut , daß die Hetzpeitsche am Nagel hängt , seit ich zum Sitzen verurteilt bin ... Na , diesmal wenigstens wird Raoul ein Exempel statuieren – es geht i h m an den Kragen – die Anpflanzungen sind sein Werk ! « Baron Mainau mußte eben von einem frühen Morgenritte heimgekehrt sein – er trug Sporen , hatte die Reitgerte in der Hand und sah bestäubt aus . Vor ihm standen die » infamen Rangen « , ein paar Dorfkinder , ein Knabe und ein Mädchen . Ein Feldhüter , an dem alles verwittert schien , nur das blanke Messingschild nicht , hatte sie eingebracht und berichtete , den Knaben an der Schulter haltend , über die Missethat in den Anlagen . Aus allen Fenstern lauschten Köpfe , und der Blick eines Stallknechtes , der breitspurig und behaglich in einem der Remisenthore stand , hing gespannt an der Reitgerte , die » der gnädige Herr « während des Berichtes spielend durch die Luft pfeifen ließ . Das kleine Mädchen weinte bitterlich in die Schürze , und das jämmerlich gesenkte Jungengesicht war weiß wie eine Kalkwand . Der Feldhüter war zu Ende ; Baron Mainau schalt heftig – seine Stimme schallte herauf . Er schwang seine Reitgerte , jedenfalls in Verheißung einer kräftigen Züchtigung bei einem Rückfalle , ein paarmal drohend über den Köpfen der kleinen Delinquenten , dann zeigte er mit derselben nach dem offenen Hofthore – das Mädchen ließ seine Schürze fallen und gab Fersengeld ; der Junge folgte schleunigst , und in wenigen Augenblicken waren sie unter dem Gelächter der Schloßleute um die Ecke verschwunden . » Der Narr , der ! « murmelte der Hofmarschall wütend und hinkte vom Fenster weg zu seinem Rollstuhle – er war in der übelsten Laune . Frau Löhn schlug die Steppdecke um seine Füße , schürte das Kaminfeuer und fragte mit monotoner Stimme nach den weiteren Befehlen des » gnädigen Herrn « , indem sie auf das Wirtschaftsbuch zeigte . » Nichts , « sagte er mürrisch , » als was ich bereits befohlen habe – kein Madeira mehr drüben im indischen Hause ! ... Sie sind nicht bei Trost , Löhn , und müssen denken , das Geld falle mir aus dem Aermel . Warum nicht lieber gleich Wein- und Bouillonbäder ? – Sie wären dazu im stande . « » Mir kann ' s recht sein , gnädiger Herr – was geht ' s mich denn an ? « versetzte die Beschließerin gleichmütig . » Es kann mir doch sehr egal sein , ob ich Wein oder Wasser in den Löffel gieße , den ich ihr gebe ... Der neue Doktor hat einfach gesagt : › Sie muß Madeira bekommen ‹ – « » Der Einfaltspinsel mit seiner Weisheit soll sich zum Kuckuck scheren ! Er hat nichts da drüben zu suchen . « » An dem Tage , wo er Schloßdoktor geworden ist , hat ' s ihm der junge Herr Baron selbst befohlen , « referierte die Frau weiter , völlig unberührt von dem groben Ton ihres Herrn . » Er hat sie untersucht und hat mich schon zweimal gefragt – als ob ich es wissen könnte ! – ob der Lähmung nicht ein Erstickungsanfall vorausgegangen wäre . « Liane war inzwischen an den großen , runden Tisch inmitten des Saales getreten – er trug das Frühstück auf seiner Platte . Sie nahm die Kaffeemaschine vor und stand mit dem Rücke den Sprechenden zugewandt – aber sie fuhr erschrocken herum und griff nach ihrem leichten Battistkleide , ein solcher Funkenregen knisterte plötzlich vom Kamine herüber – der Hofmarschall hatte seinen Krückstock mit wütender Vehemenz zwischen die brennenden Scheite gestoßen . » Machen Sie , daß Sie hinauskommen , Löhn ! « schalt er mit funkelnden Augen und zeigte nach der Thür . » Sie langweilen mich mit Ihrem Altweibergewäsch . « Die Beschließerin marschierte pflichtschuldigst nach der Thüre und legte die Hand derb auf das Schloß . Bei diesem Geräusch stieß er abermals heftig in die Flammen , aber er wandte das Gesicht nach der Hinausgehenden . » Löhn ! « rief er sie zurück . » Sie sind das unausstehlichste Frauenzimmer , das mir je vorgekommen ist – aber Sie haben wenigstens den einen Vorzug vor dem übrigen Schloßgesindel , daß Sie in den meisten Fällen Ihre Weisheit für sich behalten ... « Er räusperte sich . – » Geben Sie ihr meinetwegen den Madeira fort , aber nur theelöffelweise – hören Sie ? Theelöffelweise ! – mehr ist ihr unbedingt schädlich ... Die Besuche des Doktors aber verbiete ich hiermit ein für allemal . Er inkommodiert sie mit seinen Untersuchungen und kann ihr doch nicht helfen . « In diesem Augenblicke scholl aus dem Nebenzimmer ein zorniger Aufschrei , dem eine Flut von Scheltworten aus Leos Munde folgte – dazu hörte man den Knaben mit den Füßen stampfen . » Holla – was ist los da drüben ? « rief der Hofmarschall . » Wo steckt denn wieder einmal diese Person , die Berger – « » Ich bin hier , gnädiger Herr , « antwortete die Erzieherin und trat mit gekränkter , aber dennoch demütiger Miene auf die Schwelle . » Ich bin immer hier im Zimmer gewesen ... Leochen war erst ganz artig , sehr artig ; aber da fiel dem Gabriel eine Zeichnung aus dem Gebetbuche . Der Junge ist doch zu albern , zu dickköpfig , gnädiger Herr . Statt dem Kleinen das Blatt zu lassen , reißt er es ihm aus der Hand – « Der kleine Leo unterbrach sie , schob sie mit kräftigen Fäusten beiseite und stürmte herein – in jeder Hand hielt er einen Papierfetzen . » Zu zerreißen brauchte sie es doch nicht ! – war das nicht dumm , Großpapa ? « rief er ganz empört . » Ich wollte es gern haben , das Bild – das ist wahr – und Gabriel gab es mir nicht , durchaus nicht – da nimmt sie den wunderschönen Löwen und zerreißt ihn in zwei Stücke – sieh nur her ! « » Ich mache Ihnen mein Kompliment für die unvergleichliche Entscheidung , Fräulein Weisheit , « sagte der Hofmarschall mit beißendem Sarkasmus zu der Gouvernante , die im Bewußtsein ihres Rechts näher getreten war und nun verlegen ihre schielenden Augen wegwendete . Er nahm die Papierstücke und warf einen Blick darauf . » Gabriel ! « rief er mit hartbefehlender Stimme nach dem anstoßenden Zimmer . Der Knabe kam herüber und blieb , noch blässer als gewöhnlich , mit niedergeschlagenen Lidern an der Thür stehen . » Du hast wieder einmal geklext ? « fragte der Hofmarschall kurz – er zog seine kleinen Augen blinzelnd zusammen . Wie ein Giftpfeil fuhr der konzentrierte Blick durch die grauen Wimpern nach dem sichtbar bebenden Kinde hinüber . Gabriel schwieg . » Da stehst du nun wieder und thust , als könntest du nicht drei zählen , du Duckmäuser ! Und drüben hinter dem Drahtgitter treibst du Allotria – ich kenne dich , Bursche . Verdirbst das teure Papier mit deinen unberufenen Stift und singst weltliche Lieder , keck wie eine Heidelerche – « Erschüttert sah Liane nach dem Gescholtenen – das waren die Lieder , die das unglückliche Kind mit angstvollem Herzen sang , um seine aufgeregte Mutter zu beschwichtigen . Der Hofmarschall rieb das Papier zwischen den Fingern . » Und was ist das für ein prachtvolles Papier , das du besudelt hast ? « inquirierte er weiter . Die Beschließerin , die , das Thürschloß in der Hand , das Hinausgehen vergessen zu haben schien , kam rasch um einige Schritte näher ; sie hatte ein vollkommen ruhiges Gesicht – vielleicht war das starke Rot ihrer Wangen ein wenig tiefer , als gewöhnlich . » Das hat er von mir , gnädiger Herr , « sagte sie in ihrem kurzen , resoluten Ton . Der alte Herr fuhr herum . » Was soll das heißen , Löhn ? Wie kommen Sie dazu , gegen meinen ausdrücklichen Wunsch und Willen – « » I , gnädiger Herr , zu Weihnachten nimmt man ' s nicht so genau ; da kommt ' s nur drauf an , daß man für seine paar Pfennige auch einen Dank hat – und dem Jungen sein ganzes Herz hängt ja an dem Papier ... Dem Kutscher Martin seinen Kindern habe ich einen ganzen Tisch voll Kram beschert , und da hat kein Mensch etwas Unrechtes drin gefunden ... Ich kümmere mich das ganze Jahr nicht drum , ob der Gabriel malt oder schreibt – das ist ja nicht meine Sache , und ich versteh ' s auch nicht ; aber ich hab ' mir gedacht : › I nun , wenn er auch einmal eine Muttergottes hinmalt , das kann doch keine Sünde sein ‹ . « Der Hofmarschall maß sie mit einem lange , tiefmißtrauischen Blick . » Ich weiß nicht , spricht eine grenzenlose Dummheit aus Ihnen , oder – sind Sie gerieben schlau , « sagte er mit langsamer Betonung . Frau Löhn hielt den Blick unbefangen aus . » Du lieber Gott – ein Schlaukopf bin ich mein Lebtag nicht gewesen – wird ' s ja wohl die Dummheit sein , gnädiger Herr . « » Nun , dann bitte ich mir ' s aus , daß Sie künftig am Weihnachtsabend Ihre dummen Streiche unterlassen . Behalten Sie Ihre paar Pfennige in der Tasche für die Tage , wo Sie nicht mehr dienen und arbeiten können ! « schalt er und schlug heftig mit dem Stock auf das Parkett . » Der Junge soll nicht zeichnen , absolut nicht – es zerstreut ihn ... Ist das eine Muttergottes ? « zürnte er und hielt ihr das Bruchstück eines korrekt gezeichneten , im Sprung begriffenen Löwen hin . » Ich sag ' s ja , der Mosje treibt Allotria da drüben , und Sie sind borniert genug , ihn darin auch noch zu unterstützen ... Antworte ! « herrschte er dem Knaben zu . » Was wird dein Beruf sein ? « » Ich werde in ein Kloster gehen , « lautete der leise gegebene Bescheid . » Und weshalb ? « » Ich soll für meine Mutter beten , « sagte der Knabe – jetzt brachen Thränen unter den tiefgesenkten Lidern hervor . » Recht – du sollst für deine Mutter beten – dazu bist du geboren , dazu hat dich Gott auf die Welt geschickte ... Und wenn du dir die Kniee wund rutschest und Tag und Nacht Gottes Barmherzigkeit anrufst – du kannst nie genug thun . Das weißt du , das hat dir der Herr Hofprediger unzählige Male wiederholt – und doch hängst du deine Seele an weltliche Dinge und legst gar deine streng verbotenen Sudeleien in das Gebetbuch – schäme dich – du bist ein miserabler Junge ! ... Marsch , hinaus mit dir ! « Die geschmeidige Gestalt des Knaben verschwand hinter der Thür wie ein Schatten . » Löhn , Sie werden drüben das Weihnachtspapier zusammensuchen und mir bringen ! « sagte der Hofmarschall . » Zu Befehl , gnädiger Herr , « versetzte die Beschließerin und strich mit der Hand sorgsam glättend über die steife Schürze – diese Hand war ein wenig unsicher , sonst aber behielt die Frau ihre ernsthafte Miene und verließ nach einer unbeholfenen Verbeugung das Zimmer . » Der Großpapa ist aber auch zu schlimm heute , « murrte Leo leise nach der Gouvernante hin . Sie legte ihm erschrocken die Hand auf den Mund . Erbost schleuderte er sie weg , schlug nach ihr und rieb sich in sehr unartiger Weise mit dem Aermel die Lippen ab . » Sie sollen mir nicht in das Gesicht kommen mit Ihrer kalten Hand – ich kann ' s nicht leiden , « brummte er grob . Vergebens wartete Liane auf einen Verweis von seiten des Hofmarschalls – er sah abgewendet in das Kaminfeuer , als habe er den derben Schlag auf die Hand der Erzieherin nicht gehört . » Du bist ein sehr unartiges Kind und verdienst Strafen , Leo , « sagte die junge Frau endlich streng . » O bitte , das ist ja nicht so böse gemeint , « lispelte die Gouvernante , indem sie dem Knaben die Frühstücksserviette umband . » Wir vertragen uns im allgemeinen sehr gut – nicht wahr , Leo , mein Liebling ? « » Mit diesen Maximen werden Sie nicht weit kommen , Fräulein Berger , « versetzte die junge Frau . » Und für das Kind selbst ist eine solche Behandlungsweise – « » Bitte , ich handle nach höherer Instruktion , « unterbrach sie die Gouvernante schnippisch mit einem Seitenblicke nach dem Hofmarschall , » und werde mich stets zu beeifern wissen , nach dieser Richtung hin Beifall zu erringen . – Niemand kann zweien Herren dienen und – « » Wollen Sie mich nicht ausreden lassen , mein Fräulein ? « schnitt Liane gelassen , aber mit einer so vornehmen Gebärde den Redefluß ab , daß die Erzieherin schwieg und die Augen niederschlug . » Erlauben Sie dagegen mir , daß ich Sie unterbreche , meine Gnädigste , « rief der alte Herr herüber . Er hatte sich nachlässig in seinen Stuhl zurückgelehnt und stippte die ausgespreizten Finger spielend gegeneinander – ein abscheulich impertinentes Lächeln schwebte um seine Lippen . » Sie waren gestern eine imposante und doch mädchenhaft reizende Braut – ich kann Ihnen versichern , daß Sie mir weit besser gefielen , als heute in dieser angenommenen Mutterwürde ; die weise Miene steht Ihrem jungen Gesicht schlecht ... Sagen Sie , woher haben Sie die Neigung , sich in die Kindererziehung zu mischen ? Von der erlauchten Mama ganz gewiß nicht – die kenne ich . « Er sagte das alles lächelnd , scherzend , wobei er unablässig das Spiel mit den Händen fortsetzte und , den Kopf an die Lehne zurückgelegt , sein schöngehaltenes , schneeweißes Gebiß zeigte . » Ah – Sie haben vielleicht in der Pension den › Emile ‹ von Rousseau , seligen Angedenkens , gelesen – mit oder ohne Vorwissen der Frau Pröbstin , gleichviel ! ... Diese Ideen sind einmal sehr Mode gewesen , und man hat so lange mit ihnen kokettiert , bis die meisten ihre verdrehten Köpfe unter der Guillotine gänzlich verloren ... Meine Gnädigste , wir sind abermals auf einer schiefen Bahn – die Männer , die nach uns kommen , müssen eisern sein . Da heißt es , Drachenzähne zu säen , und nicht jene sogenannten › Samenkörner des Guten ‹ , wovon die heutigen Schulmeister alle Rocktaschen voll haben und mit denen sie sich so mausig machen , wenn sie › tagen ‹ . Also verderben Sie künftig Ihre zarten , sehr kindlichen Züge nicht durch unzeitige Strenge , schöne Frau , und lassen Sie nach wie vor mich sorgen ... Und nun bitte ich um eine Tasse Schokolade aus Ihren weißen Händen . « Liane stellte eine Tasse auf einen kleine Silberteller und präsentierte ihm dieselbe . Sie war äußerlich sehr ruhig und ließ sich weder durch die triumphierenden Schielaugen der Gouvernante , noch durch das fortgesetzte Spottlächeln des Hofmarschalls aus der Fassung bringen . Er blickte einen Moment zu ihr auf , ehe er die Tasse nahm – sie konnte zum erstenmale tief in diese kleinen geistvollen Augen sehen ; sie waren voll funkelnder Bosheit . Dieser Mann war ihr unversöhnlicher Feind , mit dem sie ringen mußte , solange er lebte – das sagte sie sich sofort . Sie war auch viel zu klug , um nicht einzusehen , daß sie hier bei sanfter Nachgiebigkeit ohne weiteres verloren sei und unter seine Füße käme , und daß sie ihren Platz nur behaupten könne , wenn sie imponiere , das heißt womöglich » mit gleicher Münze zahle « . Er ergriff ihre Linke und betrachtete sie . » Eine schöne Hand , eine echt aristokratische Hand ! « Leicht prüfend fuhr er über die Spitze des Zeigefingers . » Sie ist sehr rauh ; Sie haben genäht , – nicht gestickt – sondern genäht , meine Gnädigste , – wohl Ihre Ausstattung an Wäsche ? ... Hm , diese zahllosen Stiche und Narben müssen geglättet sein , ehe wir Sie – bei Hofe präsentieren können ; – der Prüfstein für eine tüchtige Kammerjungfer paßt nicht an den Finger der Baronin Mainau ... Mein Gott , wie ändern sich doch die Dinge ! Was würde wohl der rote Job von Trachenberg , der reichste und gewaltigste unter den Kreuzrittern , zu diesen kleinen Wunden sagen ! « Die junge Dame sah mit einem ernsten Lächeln auf ihn nieder . » Zu seiner Zeit schändeten fleißige Hände eine Dame von Stand noch nicht , « sagte sie , » und was unsere Verarmung betrifft , mit der Sie diese kleinen Wunden in Verbindung bringen , so wäre er vielleicht weise genug , sich zu sagen , daß der Wechsel mächtiger ist , als der Menschenwille , und daß die Jahrhunderte , die nach ihm gekommen sind , nicht spurlos an den verschiedenen Geschlechtern vorübergehen konnten ... Die Mainaus sind ja auch nicht immer Verächter der Arbeit gewesen . Ich habe unser Familienarchiv oft genug durchstöbert , und weiß aus den Aufzeichnungen eines meiner Ahnherren , daß ein Mainau lange Zeit sein Burgvogt und , wie er selbst lobend ausspricht , › ein wackerer , getreuer und vielfleißiger Mann ‹ gewesen ist . « Sie trat an den großen Tisch zurück und machte den Kaffee fertig – es war für einen Moment sehr still geworden im weiten Saale . Der Hofmarschall hatte bei den letzten Worten der jungen Frau seine Tasse so hastig zum Munde geführt , als sei er dem Verschmachten nahe gewesen ; nun hörte sie hinter sich das leise Aneinanderklirren des Porzellans in seinen Händen , und als er nach einer kurzen Pause rauh und gebieterisch nach etwas geröstetem Weißbrot verlangte , da reichte sie ihm den Teller so zuvorkommend hin , als sei nicht das mindeste vorgefallen . Er griff tastend nach einigen Schnitten und sah dabei angelegentlich in die Kaminwölbung . 9. » Mama , « sagte Leo und reckte seine kleinen Arme schmeicheln zu ihr empor , » ich will artig sein und nie wieder nach der Berger schlagen , aber lasse mich auch neben dir sitzen ! « Sie nahm ihn an ihre Seite , unbekümmert um den Zornblick , der vom Kamin herüberfuhr , und machte ihm das Frühstück zurecht . Da trat Baron Mainau durch die gegenüberliegende Thür ein . Er blieb einen Augenblick mit sichtlicher Befriedigung an der Schwelle stehen . So war es recht , so hatte er sich die neue Herrin von Schönwerth gewünscht . Da saß sie , im züchtig am Halse schließenden Battistkleide , unscheinbar , auffallend blaß und farblos neben dem prächtigen Knabengesicht , und von dem hellen Wandgetäfel hob sich das Haar rot , entschieden rot ab ... Gestern hatte ihm die imposante , anspruchsvolle Erscheinung förmlich bange gemacht . Die reizvolle Gestalt mit dem selbstbewußt getragenen , goldflimmernden Köpfchen und den entschiedenen Worten auf den Lippen hatte ihn erschreckt ; sie war nichts weniger als der hochaufgeschossene , unbedeutende Rotkopf , jenes stille Mädchen mit dem furchtsamen Gemüt gewesen , wie er es für sich und die ganzen Verhältnisse in Schönwerth als einzig passend ausgesucht . Diese unliebsame Entdeckung hatte ihm bereits schwer zu schaffen gemacht und ihn bis zu diesem Augenblick mit geheimen Verdruß und Aerger darüber erfüllt , daß er doch wohl von der alten geriebenen Erlaucht in Rudisdorf überlistet und nun an eine hochmütige , anspruchsvolle Frau gebunden sei , die , auf ihre lange Ahnenreihe und äußere Vorzüge pochend , ihm seine sorglich reservierte Freiheit kümmern könne ... Nun sah er sie wieder in Amt und Würden als Hausfrau von so bescheidenem Aeußern , daß selbst die durchaus nicht hübsche Gouvernante ganz passabel neben ihr erschien ... Sie hatte seinen Knaben an ihrer Seite und der grillige Onkel schien gut verpflegt zu sein . Mit heiterem Morgengruß kam er rasch näher . Es war , als ströme die ganze Farbenglut und Frische des jungen Sommertages mit ihm herein , so übermütig , kraft- und lebenatmend schritt der schöne Mann durch den weiten Saal . Niemand empfand das wohl tiefer , als der kranke Mann im Rollstuhl ; er zog die feinen Brauen tief zusammen , und ein schmerzlicher Seufzer hob seine Brust – seine gallige Laune wurde dadurch sicher nicht gebessert . » Nun , Raoul , wie viel von deinen gerühmten Prunus triloba-Stämmchen stehen noch in den neuen Anlagen ? « fragte er spöttisch nach dem Neffen hinüber , der eben die Hand seiner jungen Frau leicht mit der Lippe berührte – ein Schatten flog über seine breite weiße Stirn , dann aber lachte er . » Die Schlauköpfe – › nur ein Häuschen ‹ haben sie bauen wollen , und dazu waren ihnen meine prächtigen Prunus gut genug , « sagte er mit leichtem Humor . » Sie sind glücklicherweise in dem Moment erwischt worden , als sie Miene machten , das stattlichste Exemplar , meinen Liebling , zu annektieren – der Schaden ist im ganzen unbedeutend – « » Er ist nicht unbedeutend , und wenn sie auch nur einen Zweig abgeknickt hätten , « unterbrach ihn der Hofmarschall heftig . » Es ist weit gekommen . Solange ich auf den Füßen stand , hätte keiner gewagt , auch nur ein Blatt anzurühren – diese freche Brut mußte gestraft werden , exemplarisch gestraft werden ... Ich hätte die Reitpeitsche in der Hand haben müssen . « » Ich habe keinen Genuß dabei , solch ein heulendes , kleines Ding zu schlagen , und der Junge war mir zu blaß , « sagte Baron Mainau langsam und nachlässig , wobei er in eines der Fenster trat – welch ein Kontrast zwischen dem angenommenen Phlegma des sonst so ungestümen Mannes und dem sprudelnden Grimm seines Onkels ! ... Tiefgereizt wandte der alte Herr den Kopf nach dem Neffen , der mit den Fingerspitzen leise auf den Scheiben trommelte . » Das sind so humane Anwandlungen , die von Gevatter Schneider und Schuster wütend applaudiert werden – mit ihnen wird man allerdings über Nacht populär – bei seinen Standesgenossen macht man sich einfach lächerlich , « warf der Hofmarschall hin . Baron Mainau ließ die Finger auf den Scheiben weiterspielen , aber das Blut stieg ihm in das Gesicht . » Mein lieber Raoul , als ich vorhin die allerliebste Szene im Hofe mit ansah , da kam mir mit lebhaftem Erschrecken der Verdacht , es sei doch wohl wahr , was man dir nachsagt . « » Und was sagt man mir nach ? « fragte Baron Mainau , indem er sich umwandte . » Eh – nicht heftig werden , mein Freund ! « begütigte der Onkel – der schöne Mann dort stand plötzlich so gebieterisch und Rechenschaft heischend im Rahmen der Fensternische . – » Deine Ehre schädigt es weniger , du verfällst – wie gesagt – einfach dem Fluch der Lächerlichkeit , wenn du einen notorischen Verbrecher aus Humanitätsrücksichten entwischen lässest – dem Strolch , dem Hesse , der seit Jahren den Schönwerther Forst unsicher gemacht hat , soll ein › Höherer ‹ fortgeholfen haben just in dem Moment , wo ihn endlich die Gendarmerie beim Kragen nehmen wollte – « Ein spöttisches heiteres Lächeln flog hell und ausdrucksvoll über Mainaus Gesicht hin . » Ei , ist wirklich auch diese kleine Sünde zu deinen Ohren gekommen , Onkel ? « fragte er . » Allen Respekt vor dem Kunstgewerbe der Spinne – wohin die unglückliche Fliege auch tritt , sie berührt einen heiklen Faden , der elektrische Schläge in das Zentrum zurückführt ... Dieser Mensch , dieser Hesse , war wirklich ein lästiges Individuum – er schoß mir meine Kapitalhirsche vor der Nase weg . Wenn es noch aus Passion geschehen wäre – ich hätte ein Auge zugedrückt – aber er that es aus Not – fi donc ! ... Ehemals war das freilich anders ; da hatten die Herren von Schönwerth das gute Recht , solch einen Eindringling ohne weiteres niederzuschießen und sich nach Belieben Handschuhleder aus seiner Haut gerben zu lassen . Himmel , muß das ein Machtgefühl gewesen sein , die Haut des lieben Nächsten über seine Finger ziehen zu dürfen ! « Bei diesen letzten Worten drehte sich der Hofmarschall um und sah scharf prüfend nach dem Sprechenden , dann wandte er ihm ungeduldig den Rücken und stieß mit dem Stock taktmäßig gegen die bronzene Kaminverzierung , daß sie unablässig klirrte . » Die meisten dieser unserer Standesvorrechte haben uns die fatalen modernen Ideen aus der Hand gewunden , « fuhr Baron Mainau fort , » und was sie uns dafür bieten , will ich nicht ... Der Spitzbube , der den Laden › der Gevatter Schneider und Schuster ‹ ausräumt , wird genau so gestraft , wie mein Sünder , mein Wilddieb – ei , das paßt mir nicht ! Er wird eingesteckt , und weil er nach der Haft erst recht nichts zu beißen und zu brechen hat , da birscht er mir schon am nächsten Abend wieder unverdrossen in meinem Revier . Da helfe ich mir , wie vordem , selber und schaffe den Burschen aus dem Wege – in Amerika schadet er mir nicht mehr . « » Narreteien ! « murmelte der alte Herr grimmig , während Baron Mainau unbefangen an den Kaffeetisch zurücktrat und Leos Lockenkopf streichelte . » Nach Tische fahren wir aus , mein Junge , wir müssen doch der Mama die Fasanerie und die anderen Herrlichkeiten von Schönwerth zeigen – bist du einverstanden , Juliane ? « fragte er . Sie bejahte bereitwillig , ohne die Augen von der Stickerei zu heben , an der sie arbeitete . Er brannte sich eine Zigarre an und griff nach seinem Hut . Liane erhob sich . » Darf ich für wenige Augenblicke um Gehör bitten ? « fragte sie ... Da